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Full text of "Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog unter ständiger Mitwirkung von Guido Adler, F ..."

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

***** UND ***** 

DEUTSCHER NEKROLOG 




VERLAG VON GEORG REIMER, BERUN 
«?J»»»^€^4- 1900. -f^^^^^fS^f 




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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 



UND 



DEUTSCHER NEKROLOG 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG 



VON 



F. V. BEZOLÜ, ALOIS BRANDL, AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH 

FRIEDJUNG, LUDWIG GEIGER, KARL GLOSSY, SIGMUND GÜNTHER. 

EUGEN GUGLIA, OTTOKAR LORENZ, JACOB MINOR, FRIEDRICH RATZEL, 

PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON E. SCHÖNBACH U. A. 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

ANTON BETTELHEIM. 



IV. BAND 

MIT DEM BILUNISS VON ROBERT WILHELM BUNSEN 

IN HELIOORAVÜHE. 




BERLIN. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 

1900. 




Vorrede. 



Wiederum hat der Herausgeber mit Dank und Genugthuung wohl- 
wollender Förderung durch seine Mitarbeiter zu gedenken. Deutsche, 
österreichische und schweizerische Staatsmänner Caprivi, Bamberger, 
Simson, Graf Hohenwart, Graf Rechberg und Bundespräsident 
Welti haben in Alexander Meyer, Heinrich Friedjung, Dr. Hans 
Weber und Anderen berufenste Biographen gefunden. Das Referat 
für deutsche Soldaten hat Oberst v. Fr o bei übernommen. Den Nekrolog 
ßunsens hat uns einer seiner Schüler, Professor Richard Meyer in 
Braunschweig, den Nachruf für Oskar Baumann Friedrich Ratzel 
geschenkt. Eine würdige Charakteristik von Anna v. Helmholt z 
stammt aus der Feder von Professor R. Wachsmuth (Rostock). Karl 
Du Prel's Lebenslauf und Lebensarbeit schildert sein Freund Alfred 
Freiherr v. Mensi. Und auch sonst ist diesem Bande die Gunst alter 
und neuer, der Fach- und Landes-Referenten in so reichem Maasse zu 
Theil geworden, dass er sich neben den vorangegangenen wohl sehen 
lassen darf. 

Die Todtenliste für das Berichtsjahr 1899 hat Herr Dr. CarlHuffnagl 
rechtzeitig druckfertig gestellt; sie ergänzt den Nekrolog vom i. Januar 
bis 31. December 1899 in allen Fällen, in denen ein ausführlicher Nachruf 
nicht oder noch nicht zu erreichen war. Herr Dr. Georg Wolff ist 
mit der Todtenliste für 1897 zur Stelle. Die Todtenliste für 1898 hat 
er dagegen zum grossen Leidwesen des Verlegers und des Herausgebers 
trotz allem Zuwarten nicht mehr vor dem Erscheinen dieses IV. Bandes 
der Druckerei zu Gebote stellen können. 

Damit senden wir diesen Jahrgang in die Welt und geben ihm als 
Geleitspruch die tiefsinnigen Worte der Gräfin in Marie v. Ebner- 
Eschenbachs Erzählung »Ihr Traum« mit auf den Weg: 



IV Vorrede. 

»Ich habe die Meinen nicht begraben. Nur ihren Staub. Die Seelen, die ihn be- 
lebten, wohnen weit. . . Aber sie kommen — aus lichten Bereichen kommen, kraft ihrer 
unsterblichen Liebe, meine Kinder zu mir. Ich fühle, — wie oft! ihre beglückende Nähe. 
— Und wenn ich durchs Haus gehe, durch den Garten, aufs Dorf, scheinbar allein, ich 
bin es nicht — meine Todten gehen mit.« 

Wien, 14. November 1900. 

Anton Bettelheim. 



Inhalt. 



Seite. 
Vorrede III 

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1899 i 

Ergänzungen und Nachträge zum »Deutschen Nekrolog von 

1898« 326 

I. Alphabetisches Namenverzeichniss zum Deutschen Nekrolog 

vom I. Januar bis 31. December 1899 342 

IL Alphabetisches Namenverzeichniss der Ergänzungen und 

Nachträge zum Deutschen Nekrolog von 1898 348 

Todtenliste 1897 i*— 116* 

Erklärung der Abkürzungen 117* — 122* 

Todtenliste 1899 . 123* — 190* 

Nachtrag zur Todtenliste 1899 191*— 192* 



DEUTSCHER NEKROLOG 



VOM I. JANUAR BIS 3i. DECEMBER 



i899. 



Homo liber de nulla re minus, quam 
de morte cogitat et ejus sapientia non 
mortis, sed vitae meditatio est. 

Spinoza. Ethices pan IV. Propos. 
LXVII. 



Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. 



Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1899. 



Caprivi, Georg Leo, Graf von, * 24. Februar 1831 zu Charlottenburg, 
f 6. Februar 1899 zu Skyren bei Crossen, General und deutscher Reichs- 
kanzler. 

Der älteste bekannte Ahnherr war Andreas Kopriva, in Krain ansässig. 
Kin Zusammenhang der Familie mit dem italienischen Adelsgeschlecht der 
Caprava, die wiederum mit den Montecucoli mehrfach verwandt waren, ist 
nicht nachweisbar, so weit verbreitet die Legende auch ist. 

Leo von C. hat jede Anspielung auf diese Verwandtschaft nur mit 
Lächeln behandelt. Die Söhne von Andreas Kopriva wurden 1653 in den 
rittermässigen Adelstand des heiligen Römischen Reichs und später in den ' 
ungarischen Freihermstand erhoben. Ein Enkel eines dieser Söhne war 
Julius Leopold von Kopriva, und wurde nach seiner Mutter, einem gebomen 
Fräulein von Unruh aus dem Hause Nieder-Ulrichsdorf in der evangelischen 
Religion erzogen. Schon sein Vater hatte sich in Schlesien ansässig gemacht 
und so wurde er durch den Ausgang der schlesischen Kriege preussischer 
Unterthan. Er nahm zuerst den Namen von Caprivi an und von ihm stammen 
eine Anzahl von preussischen Officieren und höherer Staatsbeamten, die unter 
diesem Namen bekannt geworden sind. 

Einer seiner Enkel war Julius Eduard v. C, geboren 10. September 1797, 
gestorben 25. Dezember 1865 als Obertribunalsrat, Mitglied des Herrenhauses 
und Preussischer Kronsyndikus. Er machte sich in den Jahren nach 1848 
dadurch bekannt, dass er als Vorsitzender von Schwurgerichten in politischen 
Processen eine sehr energische Haltung an den Tag legte und sich gefürchtet 
machte. Verheiratet war er mit einer bürgerlichen Dame, Emilie Charlotte, 
aus der Gelehrtenfamilie Köpke. 

Das älteste von seinen fünf Kindern war der spätere Reichskanzler. Der 
Erziehung dieser Kinder hat er grosse Sorgfalt gewidmet. So veranlasste er 
den mathematischen Lehrer Dr. Runge, seinem Sohne Leo Privatunterricht 
zu ertheilen, obwohl Runge lange widerstand, weil der Schüler der Nach- 
hülfe nicht bedürftig sei. Der Vater erwiderte darauf, sein Sohn solle ein 
wissenschaftlicher Officier werden und nicht mit den herkömmlichen 
Kenntnissen sich begnügen. Und er setzte seinen Willen durch. 

I* 



4 Graf Caprivi. 

Leo V. C. durchlief das Werdersche Gymnasium in Berlin, von dem er 
Ostern 1849 ^^^ Abiturient entlassen wurde. Er war jederzeit ein guter 
Schüler, der über Betragen, Fleiss und Leistungen gute Zeugnisse erhielt. 
Und zwar in allen Lehrgegenständen gleichmiissig. Er löste jede mathematische 
Auigabe selbständig und schlug sich selbständig durch schwierige Constructioncn 
des Tacitus durch. Er kannte jede Pflanze und jeden Käfer der Heimat und 
war sicher in historischen Jahreszahlen. Trotzdem hat er sich nie durch be- 
sonders hervorragende Leistungen ausgezeichnet und es lag ihm auch fern, 
sich um die Gunst der Lehrer zu bemühen. Das Horoskop, das ihm seine 
Lehrer wahrscheinlich und seine Mitschüler gewiss ausgestellt haben, lautete 
dahin, dass er ein tüchtiger Mann werden würde in jedem Berufe, den er 
wählte, aber dass er es nicht zu europäischem Ruhme bringen würde. 

Im Verkehr mit seinen Mitschülern war er heiter, freundlich und wahr- 
haft gegen Jedermann, vorsichtig in der Auswahl derer, denen er sich näher 
anschloss. Früh hat er eine grosse Sicherheit in der Lebensführung an den 
Tag gelegt, wie sie Jedem wünschenswerth, dem Officier aber vor Allen noth- 
wendig ist und für diesen Beruf hatte er sich früh entschieden. 

Das Jahr 1848 brachte eine lebhafte Bewegung auch in die Primanerklassen 
der Gymnasien. Man hatte nicht umsonst verbotene Schriften gelesen. Eine 
grosse Anzahl hatten ihre Stellung gewählt; sie waren Demokraten. Freilich 
traten ihnen andere gegenüber, die sich als »Reaktionäre« bekannten. C. wich 
diesen Erörterungen aus. Er konnte ziemlich spöttisch darein sehen, wenn 
sich die Köpfe erhitzten. Für die concreten politischen Fragen, welche den 
Tag bewegten, hatte er gar kein Interesse. Aber ihm waren die politischen 
Bewegungen jener Zeit ein Abfall von der Treue gegen den König und er 
hatte die feste Ueberzeugung, die Macht des Königthums würde in vollem 
Umfange wieder aufgerichtet werden. 

So wenig wie seine politischen hat er seine kirchlichen Ueberzeugungcn 
zur Schau getragen oder gar Anderen aufgedrängt. Er verschloss eine schlichte 
evangelische Frömmigkeit im tiefsten Herzen. An frömmelnden Gesprächen 
hat er so wenig Freude gehabt, wie an dogmatischem Gezänk. 

Nach beendigtem Abiturientenexamen trat er als »Avantageur«, nach 
dem Sprachgebrauch anderer Länder als Bewerber um eine Offizierstelle 
beim Kaiser-Franz- Garde- Grenadier-Regiment ein. Verfasser erinnert sich, 
von mehreren älteren Offizieren damals das Unheil gehört zu haben, C. sei 
ein »charmanter Officier«. Er hatte eine gründliche Bildung, eine stattliche 
Figur, eine schallende Kommandostimme, war von gutem Adel und von 
warmem Eifer für seinen Beruf erfüllt. Es giebt keinen Regimentskomman- 
deur, der sich über einen solchen Anwärter nicht freuen würde. 

Selbstverständlich war es, dass ein Mann von seinen Kenntnissen zum Besuch 
der Kriegsakademie zugelassen werden würde und er hat hier denselben Fleiss 
entwickelt, wie einst auf dem (jymnasium, wenn es ihm auch unbecjuem war, 
die Schulbank drücken zu müssen. Nun eröffnete sich ihm die Generalstabs- 
carriere, die ein schnelleres Avancement mit sich bringt. Er wurde 1861 in den 
(ieneralstab versetzt und dann immer nur auf kurze Zeit, wenn ihm eine Be- 
förderung bevorstand, zum Dienst in der Front befohlen. Den Krieg von 1866 
hatte er als Major im Stabe der Ersten Armee mitgemacht; der Krieg von 1870 
traf ihn als Oberstleutnant und Chef des Generalstabs des zehnten Armeecorps. 
Zwei Tage sind es, die ihm besonderen Ruhm eingebracht haben, der Tag von 
Vionville, 16. Augu.st und der Tag von Beaune-la-Rolandc, 28. November. 



Graf Caprivi. c 

Am 15. und dem Morgen des 16. August war man bei dem deutschen 
Oberkommando und bei dem Kommando der unter dem Befehl des Prinzen 
Friedrich Karl stehenden zweiten Armee der Ansicht, dass es vor Metz und 
an der Mosel nicht mehr zu ernsten Kämpfen kommen werde. Man kannte 
tue politischen Gründe nicht, die den Marschall Bazaine bestimmten, an Metz 
festzuhalten und setzte voraus, er habe das gethan, was man aus militärischen 
(»runden für ihn richtig hielt, nach Verdun abzumarschieren. Demgemäss 
w^urden die Marschbefehle ausgefertigt und das zehnte Corps hatte den Befehl 
nach Verdun abzumarschieren. 

C, dem bei dem kränklichen Gesundheitszustande des kommandierenden 
Generals von Voigts-Rhetz eine grosse Verantwortlichkeit für die Operationen 
zufiel, hatte die Ueberzeugung, dass die Ansicht des Oberkommandos eine 
irrige sei. Er war überzeugt, dass er Bazaine noch vor sich habe, und ein 
vielbesprochener Rekognoscierungsritt, den er unternahm, bestärkte ihn in 
seiner Anschauung. Er musste allerdings dem erhaltenen Befehle Folge leisten, 
traf aber doch seine Dispositionen so, dass er im Nothfalle sein ganzes Corps 
wieder bei Vionville vereinigen konnte. Dieser Fall trat ein. Das dritte 
Armeecorps unter General von Alvensleben war mit dem Gegner zusammen- 
getroffen und hatte gegen dessen überlegene Kräfte einen schweren Stand. 

Als man beim zehnten Armeekorps den Kanonendonner hörte, erhielten 
die nachrückenden Kolonnen den Befehl, auf Vionville zurückzukehren und 
dem dritten Armeekorps Hülfe zu bringen. Diese Hülfe war wirksam; die 
deutsche Armee konnte das Schlachtfeld behaupten. Der Glanz der Waffenthat 
gebührt dem Grafen iVlvensleben ; aber dass der Erfolg der Waffenthat nicht 
wieder verloren ging, ist C. zu danken. Es handelte sich an dem ganzen Tage 
um eine Aufgabe der Defensive, aber dass die Defensive so wie geschehen 
durchgeführt werden konnte, war entscheidend fiir den Ausgang des Krieges. 

Bei Beaune-la-Rolande lagen die Verhältnisse umgekehrt; hier hatte das 
zehnte Armeekorps den Kampf mit einem an Zahl überlegenen Gegner aus- 
zuhalten, bis eine Division des dritten Armeekorps ihm zu Hülfe kam. Hier 
nun war C. derjenige, der, als sein vorgesetzter General die Befehle zum 
Rückzuge geben wollte, zum Ausharren rieth. 

C. kehrte zurück mit dem Rufe eines Officiers, dessen bisherige Leistungen 
zu grossen Erwartungen für seine Zukunft berechtigten. Erst später, als seine 
staatsmännische Thätigkeit ihm Feinde erweckt hatte, fing man an, auch an 
seinen militärischen Leistungen zu mäkeln. Man berief sich darauf, dass an- 
geblich Moltke zu ihm in einem kühlen Verhältnisse gestanden hat und sogar 
ihn als ungeeignet bezeichnet haben soll, sein Nachfolger als Chef des General- 
stabs zu werden. 

Die Aufgaben, die ihm gestellt waren, hat C. befriedigend gelöst; dass 
ihm niemals eine Aufgabe ersten Ranges gestellt worden ist, ist für ihn kein 
Vorwurf. Ob sich, wenn ihm solche Aufgaben gestellt worden wären, 
Schranken seiner Begabung gezeigt haben würden, kann Niemand wissen. 
Sein Ehrgeiz war übrigens eben so wenig darauf gerichtet, Moltkes als 
Bismarcks Nachfolger zu werden. Wenn er sich seine Laufbahn nach seinen 
Wünschen hätte gestalten können, so wäre er vielleicht Roons Nachfolger 
geworden. Es war ihm aber nur beschieden, im Kriegministerium einige 
Jahre als Chef einer Abtheilung zuzubringen, die mit minder wichtigen Ge- 
schäften beauftragt war. Im Jahre 1877 wurde er Generalmajor, 1878 
Brigadekommandeur, 1882 Generalieutenant und Divisionskommandeur. 



5 Graf Caprivi. 

Inzwischen hatte er auch Bismarcks Aufmerksamkeit auf sich gezogen. 
Als nach den beiden Mordversuchen gegen Kaiser Wilhelm von der Möglich- 
keit gesprochen wurde, dass man Empörung zu bekämpfen haben werde und 
einen General suchen müsse, der in Blut waten könne, soll Bismarck C. als 
den geeigneten »Troupier« bezeichnet haben. Es ist zum Glück nicht dahin 
gekommen; C. würde sich schwerlich einem Befehle entzogen haben, allein 
ein solcher Befehl wäre ihm tief schmerzlich gewesen. 

Aber ein anderer Auftrag wurde ihm zu Theil. Als General von Stosch, 
der eigentliche Schöpfer der deutschen Marine, seinen Abschied erhielt, wurde 
C. sein Nachfolger als Chef der Admiralität. Dieses Amtes hat er vom März 
1883 ^is 26. Juni 1888 gewaltet. Er hat hier organisatorische GeschickHchkeit 
und Nüchternheit an den Tag gelegt. Er entwickelte das l'orpedowesen, 
traf Vorbereitungen zur schnelleren Mobilmachung der Flotte und vertrat den 
Marine-Etat mit Umsicht. Er drang in die technischen Einzelheiten des ihm 
fremden Fachs ein. 

Das Streben, die Flotte erheblich zu vergrössern, lag ihm fern. Er hielt 
dafür, dass die Aufrechterhaltung einer starken Kriegsflotte neben einem 
starken Heere unmöglich sei. Den Schutz der deutschen Küsten wollte er 
zum grossen Theile von permanenten Anlagen erwarten. Die Vervollkomm- 
nung der Torpedo-Divisionen lag ihm besonders am Herzen, auch soll er 
schon 1885 den Erwerb von Helgoland in das Auge gefasst haben, der ihm 
später gelang. Die spätere Entwicklung zeigt, dass die Absichten des Kaisers 
schon damals seinen Anschauungen entgegen gestanden haben müssen. Dass 
er seine Entlassung forderte, ist um so begreiflicher, als ohnehin der Augen- 
blick gekommen war, wo die Flotte einen Fachmann an ihrer Spitze haben 
musste. Kaiser Wilhelm II. stellte ihm, als er ihn entliess, folgendes Zeugniss 
aus: »Sie haben in den fünf Jahren Ihrer Kommandoführung die Fortentwicke- 
lung der Marine in hohem Grade gefördert. Sie haben ihre Organisation mit 
nicht genug anzuerkennender persönlicher Hingabe durch Instruction und Be- 
stimmungen vervollständigt, die ein andauernder Schutz für die Marine bleiben 
werden, wobei ich Ihrer hohen Verdienste um die Förderung des zu immer 
höherer Bedeutung gelangenden Torpedowesens noch besonders gedenke. Sie haben 
es verstanden, Ihr militärisches Wissen und Können dem Officierkorps der Marine 
in hohem Grade nutzbar zu machen und Sie haben wahrhaft wohlthätig auf 
den Kernpunkt aller militärischen Dinge — auf den Sinn des Officierkorps 
eingewirkt. Das sichert Ihrem Namen für alle Zeiten eine Ehrenstelle in der 
Marine.« 

Er wurde zum General der Infanterie und zum commandirenden General 
des zehnten Armeecorps ernannt, desselben Corps, dem er während des 
französischen Krieges als Generalstabschef angehört hatte. In dieser Stellung 
verblieb er, bis ihn am 20. März 1890 der Ruf traf, der Nachfolger des 
Fürsten Bismarck, der zweite Kanzler des deutschen Reiches und zugleich 
Ministerpräsident von Preussen zu werden. 

Das Ziel seines Ehrgeizes war es nie gewesen, diese Stellung einzunehmen. 
Wiederholt hatte er sich dahin geäussert, dass derjenige, der Nachfolger 
Bismarcks oder Moltkes werden würde, mit unabsehbaren Schwierigkeiten zu 
ringen haben würde. Aber auf der anderen Seite sagte er sich, dass jeder 
Andere mit den gleichen Schwierigkeiten zu ringen haben würde, wie er. Er 
hielt es für seine Pflicht, den Befehl seines Souverains, der ihm diese Stellung 
antrug, zu befolgen. Spöttische Vergleichungen zwischen seinem grossen 



Graf Caprivi. y 

Vorgänger und dem Nachfolger waren nicht zu umgehen. Aber welcher 
Nachfolger des Fürsten Bismarck hätte solchen Vergleichen entgehen können. 
Und ein Nachfolger musste doch gefunden werden; er hätte in dem Falle 
gefunden werden müssen, dass Bismarck durch den Tod aus seinem Amte 
abberufen worden wäre. Er musste auch jetzt gefunden werden, wo die 
Stelle in anderer Weise zur Erledigung gekommen war. 

Er vermied Alles, was zu solchen Vergleichungen hätte herausfordern 
können. »Unter mir wird die Politik langweilig werden,« war eines der 
ersten Worte, die er im Privatleben sprach. Er vermied es, bei den 
parlamentarischen Abenden, zu denen er einlud, politische Gespräche zu 
fuhren, die am folgenden Tage von den Zeitungen commentirt und vom Tele- 
graphen verbreitet wurden. Er vermied es, in seinen parlamentarischen Reden 
grosse Perspectiven zu zeichnen. So oft er im Parlament sprach, war er so 
knapp und sachlich als möglich. 

Fürst Bismarck hat ihm einen Vorwurf gemacht, der ihn eben so 
schmerzlich getroffen haben muss, als er ungerecht war. Er hat in Privat- 
gesprächen behauptet, C. habe ihn zu eiliger Räumung des Ministerhotels 
gedrängt, und dabei seien ihm werthvolle Besitzthümer verloren gegangen. 
Den Fürsten Bismarck muss hier sein Gedächtniss getäuscht haben. C. war 
im Privatleben der anspruchsloseste Mensch, den man sich denken kann. Er 
ist zeitlebens Junggeselle geblieben. Seine Privatbedürfnisse waren von 
spartanischer Einfachheit. Er nahm sein Gehalt nie selbst in die Hand, 
sondern sein Adjutant musste dafür sorgen, dass es ausreichte, aber auch dass 
es in sachlicher Weise verbraucht würde. Von dem grossen Ministerhotel 
hat er einen Theil nie in Gebrauch genommen, und er hätte sich, wie in den 
ersten Tagen seiner Kanzlerschaft, mit einem Zimmer im Gasthofe beholfen, 
bis Fürst Bismarck seinen Umzug bewerkstelligte. Es ist wohl begreiflich, 
dass Bismarck selbst, nachdem er entlassen worden war, eilte, das Haus und 
die Stadt zu verlassen. 

Am 15. April trat er zum ersten Male in seiner neuen Eigenschaft vor das 
Abgeordnetenhaus. Seine kurze Programmrede betonte zunächst, wie sehr er die 
Schwierigkeit empfinde, einen Mann wie den Fürsten Bismarck zu ersetzen. In- 
dessen hege er einen unverwüstlichen Glauben an die Zukunft des preussischen 
Staats und des deutschen Reichs und sei überzeugt, das Gebäude sei hin- 
reichend fest gefügt, um jetzt der stützenden Hand seines Urhebers entbehren zu 
können, zumal die Person des jungen Kaisers schon bedeutungsvoll in den Vorder- 
grund getreten. Er bestätigte eine Aeusserung des Kaisers, der Curs werde 
der alte bleiben und erwarb hierdurch den Beifall der Conservativen. Diese 
Aeusserung war insofern selbstverständlich, als in Preussen noch nie eine 
neue Regierung mit der Erklärung ihr Amt angetreten hat und auch wohl 
niemals antreten wird, sie wolle mit der Vergangenheit brechen. Aber diesem 
Satze folgte ein Anderer, der dem neuen Minister den Beifall der Linken 
erwarb; die Regierung werde das Gute nehmen, wo sie es finde. Das hiess 
mit anderen Worten, sie werde auch Vorschlägen der liberalen Parteien, sofern 
sie sie billige, ihre Zustimmung nicht versagen. 

Der Landtag ging bald darauf auseinander. Als er wieder zusammen- 
trat, legte C. ihm ein Bündel von neuen Gesetzen vor. Sie betrafen: 

1. eine Landgemeindeordnung; 

2. eine Finanzreform, die sich aus folgenden Bestand theilen zusammen- 



g Graf Caprivi. 

setzte : a) Einkommensteuer, b) Erbschaftssteuer, c) Ueberweisung von 
Beträgen an die CommunaJverbände, d) Gewerbesteuer; 

i. ein Gesetz über die öffentliche Volksschule. 

Das Programm war ein vortreffliches. In allen drei Beziehungen handelte 
es sich um Gegenstände, bei denen das Bedürfniss einer Reform seit langer 
Zeit anerkannt, aber unbefriedigt geblieben war. Es handelte sich in der 
That nicht um eine Aenderung des Curses, sondern lediglich um ein Fort- 
schreiten, nachdem in den letzten Regierungsjahren Bismarcks unverkennbar 
eine Stagnation eingetreten war. 

Der Erlass einer Landgemeindeordnung war der Abschluss einer 
Reform, die neunzig Jahre früher begonnen worden war. Unmittelbar nach 
der verhängnissvollen Schlacht von Jena hatte der Freiherr von Stein mit 
kühnem Griffe eine Städteordnung in das Leben gerufen, welche die Umgestaltung 
der übrigen communalen Körperschaften im Gefolge haben sollte. Aber der 
Freiherr von Stein musste bald vom Platze weichen und seine Nachfolger 
setzten sein Werk nicht fort. Die Art, wie im Jahre 1823 die Provinzial- 
stände neu organisirt wurden, war nicht ein Abschluss, sondern die Ver- 
läugnung der liberalen Reform. Der Versuch des Jahres 1 848, eine Gemeinde- 
ordnung zu schaffen, endete damit, dass dieses Gesetz aufgehoben wurde, 
bevor es durchgeführt war. Die neue Aera von 1859 crl^annte die Noth- 
wendigkeit, etwas zu thun, konnte aber nicht von der Stelle kommen. End- 
lich machte sich im Jahre 1872 Graf Friedrich Eulenburg an das Werk, eine 
Kreisordnung zu schaffen. Unter seinen Nachfolgern Graf Botho Eulenburg 
und dem streng conservativen von Puttkammer folgten Provinzialordnungen, 
Einführung der Verwaltungsgerichtsbarkeit, ein Gesetz über die allgemeine 
Staatsverwaltung. Alles dies beruhte auf streng conservativen Grundlagen, 
aber allmählich waren doch die anstössigsten Rechte der alten Ordnung 
beseitigt worden, nämlich die patrimoniale Gerichtsbarkeit, die patrimoniale 
Polizei und die Stellung der Rittergutsbesitzer als geborner Mitglieder der 
Kreistage. 

Aber eine Landgemeindeordnung fehlte noch immer. Dieselbe war 
dringend nothwendig, um zw^ei Postulate durchzuführen, die Schaffung einer 
gewählten Vertretung in jeder Landgemeinde und die Möglichkeit, die selb- 
ständigen Gutsbezirke, welche in den östlichen Provinzen einen grossen Raum 
einnahmen und die Entwicklung des communalen Lebens lahm legten, 
wenigstens dort aufzuheben, wo das Bedürfniss es dringend erforderte. 

Die Ausführung war in die Hände des Ministers des Innern Herrfurth 
gelegt, eines Mannes, der den Kreisen des grundbesitzenden Adels nicht an- 
gehörte, sondern aus dem altpreussischen Beamtenthum hervorgegangen war, 
der conservativ genug gesinnt war, um radikale Umgestaltungen der bestehen- 
den Verhältnisse nicht vorzunehmen, aber doch liberal genug war, um mit 
unhaltbar gewordenen Einrichtungen aufzuräumen. 

Diese Landgemeindeordnung erregte den hellen Zorn des Junkerthums 
gegen C. und Herrfurth. Anfänglich schien es entschlossen, den Entwurf 
geändert abzulehnen, aber da es sah, dass es sich einem unbeugsamen Willen 
der Krone gegenüber befand, so begnügte es sich damit, Abänderungen 
durchzusetzen. Das Gesetz kam in einer Form zu Stande, die viele Wünsche 
unbefriedigt Hess, aber doch den Trost rechtfertigte, dass man um einen guten 
Schritt vorwärts gekommen sei. 

Eine Revision der Gesetzgebung über die directen Steuern war 



Graf Caprivi. o 

seit langer Zeit ein Lieblingsgedanke des Fürsten Bismarck gewesen, nur war 
er mit demselben nicht vorwärts gekommen, einerseits, weil ihm stets andere 
Pläne mehr am Herzen lagen und andererseits, weil ihm die geschickten 
Hände fehlten, die ihn hätten unterstützen können. Es handelte sich darum, 
die schwächeren Schultern zu entlasten, die kräftigeren stärker heranzuziehen. 
Als Mittel sollte die Einführung der Selbstdeclaration dienen. Die Ausführung 
lag jetzt in den Händen des überaus gewandten Finanzministers von Miquel, 
der wenige Monate nach C. in sein Amt berufen war. Das Werk gelang, 
man darf sagen, zur Zufriedenheit aller Parteien; dass das Erbschaftssteuer- 
gesetz abgelehnt wurde, konnte kaum als eine Niederlage der Regierung 
gedeutet werden gegenüber der Fülle dessen, was sie durchgesetzt hatte. 

Schiffbruch erlitt dagegen C. mit der dritten der Vorlagen, die er zu 
einem Bündel vereinigt hatte, mit dem Volksschulgesetz. Die Preussische 
Verfassungsurkunde hatte vorgeschrieben, dass das gesammte Unterrichtswesen 
durch ein Gesetz geordnet werden soll. In vierzig Jahren war nur zweimal 
ein Anlauf genommen worden, diese Verheissung zu erfüllen, doch 
waren schon die ersten Schritte auf Hindernisse gestossen. Das preussische 
Unterrichtswesen ruhte auf sehr unsicheren gesetzlichen Grundlagen; jeder 
Nachfolger konnte die Anordnungen, die sein Vorgänger getroffen hatte, auf 
dem Verwaltungswege mit Leichtigkeit umstossen. Der Versuch, gesetzliche 
Grundlagen zu schaffen, w^ar an sich sehr verdienstlich, auch wenn er sich 
zunächst auf das Volksschulwesen beschränkte. 

Unterrichtsminister war Herr von Gossler, ein Mann von politisch und 
kirchlich sehr conservativen Grundanschauungen, dabei von ernstem, gewissen- 
haften Charakter, dem das Interesse des Staates mehr am Herzen lag, als 
das irgend einer Partei. Sein Entwurf stiess auf sehr entschiedenen Wider- 
spruch auf der Linken und bei dem Centrum, bei der ersteren, weil den 
Gemeinden und bei dem letzteren, weil der Kirche nicht genug Einfiuss ein- 
geräumt wurde. Herr von Gossler überzeugte sich bald, dass es ihm unmög- 
lich sein würde, mit seinen Anschauungen durchzudringen, und da er von 
denselben nicht lassen wollte, trat er vom Amte zurück. Sein Nachfolger 
wurde Graf Zedlitz-Trützschler, der bereit war, der Kirche, der katholischen 
wie der evangelischen, einen weit gehenden Einfiuss auf die Schule einzu- 
räumen. 

C. Hess sich für diesen Entwurf gewinnen. Er war bereit, dem Centrum 
so weit entgegenzukommen, als es das Interesse des Staates gestatte, weil 
er der Hülfe dieser Partei für andere Zwecke nicht entrathen zu können 
meinte. Er Hess sich fiir die Anschauung gewinnen, dass ein grosser Einfiuss 
der Kirche auf die Schule mit dem Wohle des Staates nicht unvereinbar sei. 
Er furchte nichts für die evangelische Kirche, weil sie mit denselben Rechten 
ausgestattet sei, wie die katholische. 

Er trat in der Plenarberathung mit Lebhaftigkeit für den Entwurf ein. 
Er versuchte die Gefahr einer beginnenden Priester Herrschaft damit zu wider- 
legen, dass es zwei Confessionen seien, die nach Herrschaft strebten und 
folgerecht einander bekämpften; er machte vor dem Centrum dadurch eine 
Verbeugung, dass er erklärte, national seien alle Parteien und er ging so 
weit, zu behaupten, dass sich der Gegensatz zwischen den Anhängern und 
den Gegnern des Gesetzentwurfes zurückführen lasse auf den Gegensatz zwischen 
Christenthum und Atheismus. 

Der Gesetzentwurf rief eine ungeheure Aufregung im I^ande hervor. Zu 



lO Graf Caprivi. 

den Gegnern gesellte sich auch die freiconservative Partei. Üie national- 
liberale Partei brauchte die schärfsten Waffen, und C. erwiderte bald mit 
Erbitterung, bald mit Spott. Der Kampf verpflanzte sich vom Abgeordneten- 
hause in den Reichstag, wo der Führer der nationalliberalen Partei, Herr 
von Bennigsen, der dem Landtage nicht angehörte, eine Erklärung abgab, die 
sich mit den Erklärungen der freisinnigen Partei nahe berührte. C. nahm 
Veranlassung, dies spöttisch als eine Rütliscene zu bezeichnen. 

Die Bewegung im Landtage konnte nicht hindern, dass der Entwurf von 
der Mehrheit des Abgeordnetenhauses mit Begeisterung aufgenommen wurde. 
Centrum und Conservative verfügten für sich über die Mehrheit. Der 
Minderheit gelang es, die Commissionsberathungen in die Länge zu ziehen, 
aber ihre Kraft begann zu ermatten. Da geschah das Unerwartete. Auf den 
Kaiser hatte die öffentliche Meinung einen so tiefen Eindruck gemacht, dass 
er die Zurückziehung des Entwurfs befahl. Graf Zedlitz konnte nicht umhin, 
seinen Abschied zu fordern, und C. that das Gleiche, weil er einem Kollegen 
die Treue halten wollte. Der Kaiser wollte sich von C. einstweilen nicht 
trennen, da dessen Wirken im Reichstage bis dahin zu seiner höchsten Zu- 
friedenheit gereicht hatte. Er entschied, dass C. Reichskanzler bleiben, aber 
als Ministerpräsident durch Graf Botho Eulenburg ersetzt werden sollte. 

Die Trennung dieser beiden Aemter ist eine durchaus unnatürliche und 
wird voraussichtlich nie wiederholt werden. Für diesmal konnte das Ex- 
periment zwei Jahre lang fortgesetzt werden, vom 21. März 1892 bis 26. October 
1894, aber C. fühlte den Boden, auf dem er stand, mehr und mehr unter 
den Füssen schwinden. Er hatte die Zügel der Politik nicht mehr aus- 
schliesslich in Händen. Ein Mann, der andere Ziele verfolgte, hatte eine 
eben so grosse Macht in Händen, als er. 

Das Eintreten für den Zedlitzschen Entwurf ist der Fehler, an dem C. 
zu Grunde gegangen ist, und dieser Fehler ist darauf zurückzuführen, dass er 
sich über die verhängnissvolle Bedeutung dieses Entwurfs nicht hinreichend 
unterrichtet hatte. 

Verstärkt wurde die Macht der ihm feindlichen Kräfte durch eine andere 
Massregel, die er getroffen hatte, und die ihm freilich in keiner Weise zum 
Vorwurf gemacht werden konnte. Seit dem Jahre 1868 war der Weifenfonds 
mit Beschlag belegt und die Einkünfte desselben standen der Regierung zu 
Zwecken zur Verfügung, über die sie keine Rechenschaft abzulegen hatte. 
C. rechtfertigte es, dass diese Anordnung so lange bestanden hatte, erklärte 
aber den Augenblick für gekommen, in dem sie aufzuheben sei, und wollte 
die Einkünfte des Fonds unter Controle des Landtags für andere Zwecke ver- 
wenden. Dadurch wurden alle die Personen brodlos, die bis dahin aus diesem 
Fonds, der im Volksmunde den Namen Reptilienfonds geführt hatte, ihren 
Unterhalt bezogen hatten, und diese Personen wurden zu den unversöhnlichen 
Feinden des Reichskanzlers und bekämpften ihn in der Presse. 

Als Reichskanzler führte C. zunächst diejenigen Absichten des Kaisers 
durch, die diesen zum Bruche mit dem Fürsten Bismarck geführt hatten. Das 
Socialistengesetz wurde stillschweigend fallen gelassen, das Arbeiter- 
schutzgesetz, dem Bismarck drei Jahre lang widerstrebt hatte, kam zum 
Abschluss. Es enthielt hauptsächlich Bestimmungen der Frauenarbeit, Kinder- 
arbeit, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit. C. that gelegentlich den Ausspruch, er 
überlege sich bei jedem Schritte, den er thue, die Wirkung, die er auf die 
Socialdemokratie haben könne. Er wollte ihr gegenüber das Ansehen des 



Graf Caprivi. 1 1 

Staates wahren, aber nichts thun, was die Arbeiter in ihren Gefühlen verletzen 
könne. Er wollte den Muth der Kaltblütigkeit haben. 

Der nächste Punkt, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die 
Handelsverträge. Mit dem Jahre 1893 würden fast alle Handelsverträge, 
die Deutschland mit anderen Staaten verbanden, abgelaufen sein, Fürst 
Bismarck hatte diesen Augenblick thatenlos herankommen lassen. Was ge- 
schehen wäre, wenn nicht eine Wendung erfolgt wäre, ist sehr schwer abzu- 
sehen. Wahrscheinlich würde alsbald ein Handelskrieg zwischen Deutschland 
und einer Reihe von anderen Staaten entbrannt sein. Auch in anderen 
Ländern zeigte sich keine Neigung, in Verhandlungen über Handelsverträge 
einzutreten. Die Folgen würden voraussichtlich überall dieselben gewesen 
sein. Dem Handelskriege zwischen Deutschland und anderen Ländern würde 
ein bellum omnium contra omnes gefolgt sein. Die Annahme ist nicht gewagt, 
dass dieser Zustand ein höchst unheilvoller geworden sein würde. 

Sobald sich in Deutschland die Neigung zeigte, den Weg der Handels- 
verträge von Neuem zu betreten, folgten auch andere Staaten dem gegebenen 
Beispiele. Die erste Reihe von Handelsverträgen, die C. gelangen, wurden 
mit Oesterreich-Ungarn, Italien, der Schweiz und Belgien versichert. Selbst- 
verständlich wurden von Deutschland Zugeständnisse gemacht, da ohne Zu- 
geständnisse ein Vertrag überhaupt nicht zu Stande gebracht »werden kann. 
Insbesondere fand Deutschland mehrfach seine Zölle auf landwirthschaftliche 
Erzeugnisse, aber es wurden auch Zugeständnisse errungen. Der grösste 
Theil der conservativen Partei machte diesen Handelsverträgen leidenschaft- 
liche Opposition, nur ein kleiner Theil splitterte sich zur Unterstützung der 
Verträge ab. Der Kaiser aber schätzte die Erfolge C.'s so hoch, dass er ihm 
den Grafentitel verlieh. 

Nun begann der Kanzler, eine zweite Reihe von Handelsverträgen in 
Angriff zu nehmen. Unter ihnen steht an Bedeutung derjenige hoch voran, 
der mit Russland zu Stande kam. Russland allein hatte sich von der Be- 
wegung ausgeschlossen, die seit dem durch Cobden vermittelten französisch- 
englischen Handels vertrage die Völker Europas ergriffen hatte, ihre Handels- 
verträge auf dem Vertragswege zu ordnen. Der skeptische Delbrück, ein so 
eifriger Vertreter der Vertragspolitik er auch war, hatte jeden Versuch abgelehnt, 
Verhandlungen mit Russland auch nur zu beginnen, weil er sich keinen Erfolg 
davon versprach. 

C. hatte den Muth, das unmöglich Scheinende zu versuchen. Allerdings 
waren die Schwierigkeiten gross. Die Verhandlungen wurden abgebrochen 
und durch einen Zollkrieg ersetzt. Aber dieser Zollkrieg hatte den Erfolg, 
dass Russland sich den Forderungen fiigte, die Deutschland für unerlässlich 
erachtete. In der Zwischenzeit brach eine Getreidetheuerung über Europa 
herein, welche zu dem stürmischen Verlangen führte, die Getreidezölle zeit- 
weilig ausser Kraft zu setzen. C. widerstand; er betrachtete die Getreide- 
zölle als ein unentbehrliches Kampfmittel. Mit dem Abschluss des Vertrages 
wurde alsdann eine massige Erniedrigung der Getreidezölle von Deutschland 
zugestanden. 

Diese Ermässigung machte vollends die conservativ-agrarische Partei zu 
Gegnern des Reichskanzlers; einstimmig stimmte sie gegen den russischen 
Handelsvertrag, der durch das Zusammenwirken des Centrums mit den liberalen 
Parteien zu Stande kam. C. vertheidigte seinen Standpunkt mit Eifer; er 
bekannte sich als einen Mann ohne Ar und Halm. Er erklärte, dass er nicht 



12 Graf Caprivi. 

ein bimetallistisches und ein antisemitisches Pferd vor den Staatswagen 
spannen könne. Der conservative Standpunkt C.'s, dessen Grundstein die 
l'reue gegen den König war, kam in entschiedenen Gegensatz zu einem 
solchen conservativen Standpunkt, der seine Hauptaufgabe in dem Schutze 
der Vermögensinteressen des Grundbesitzes erbHckte. 

Ausser mit Russland kamen noch mit anderen Staaten Handelsverträge 
zu Stande. So ein solcher mit Spanien, der freilich von den spanischen 
Cortes nicht bestätigt wurde, so dass es auch hier zu einem Zollkriege kam. 
Ferner mit Rumänien und Serbien. 

An den Abschluss dieser Verträge knüpfte sich für die deutsche Industrie 
eine Epoche wirthschaftlichen Aufschwunges, wie er bis dahin noch nicht 
erlebt worden war, während man mit Sicherheit annehmen kann, dass eine 
Zeit des Zollkrieges in demselben Masse einen wirthschaftlichen Niedergang 
zur Folge gehabt haben würde. 

Eine fernere Aufgabe für C. ergab sich auf dem Gebiete des Militär- 
wesens. Von Neuem hatte er, als das Septennat von 1887 sich seinem Ablauf 
näherte, eine Heeresverstärkung zu fordern. Die Forderung, welche er stellte, 
unterschied sich von gleichartigen Forderungen, welche Bismarck wiederholt 
geltend zu machen hatte, darin, dass sie mit einem Zugeständnisse an den 
liberalen Standpunkt verknüpft war. Die zweijährige Dienstzeit, welche 
Kaiser Wilhelm I. von jeher als mit einem starken Heerwesen für unvereinbar 
betrachtet hatte, um deswillen er es auf den schweren Konflikt von 1861 
hatte ankommen lassen, hatte sich jetzt endlich in der öffentlichen Meinung 
so weit durchgesetzt, dass sie in das Leben geführt wurde. Freilich wurde 
ihre gesetzliche Festlegung noch verweigert; es sollte ein thatsächlicher Ver- 
s-uch gemacht werden. Aber Jedermann konnte sich sagen, dass eine solche 
Einrichtung, wenn sie erst einige Jahre bestanden hätte, nie wieder rück- 
gängig gemacht werden könne. 

Ein anderer Umstand, durch welchen sich die Vorlage auch vom liberalen 
Standpunkte aus empfahl, war der, dass der Grundsatz der Einstellung aller 
Wehrpflichtigen folgerichtig durchgeführt wurde, während bis dahin ein Theil 
der für diensttauglich erkannten stets zurückgestellt werden musste. Trotz- 
dem stiessen die Vorschläge auf Bedenken nach mehreren Seiten. 

Die Conservativen nahmen die zweijährige Dienstzeit nur ungern an; 
die Freisinnigen und selbstverständlich die Socialdemok raten wollten die 
erheblichen Kosten nicht bewilligen. Das Centrum, noch verstimmt durch 
den Fall des Volksschulgesetzes, spaltete sich. Das Ergebniss war, dass die 
Regierungsvorlage mit 210 gegen 162 Stimmen abgelehnt wurde. Der Reichs- 
tag wurde aufgelöst und nach den Neuwahlen wurde die Vorlage nur mit 
der schwachen Mehrheit von 201 gegen 185 Stimmen angenommen. Und 
selbst diese knappe Mehrheit wurde nur dadurch erreicht, dass die Polen, 
entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten, sich dafür verpflichtet hatten. Sie 
waren hierfür, sowie für das Eintreten zu (iunsten des Baues neuer Kriegs- 
schiffe dadurch gewonnen worden, dass C. eine polenfreundliche Politik 
verfolgt und namentlich die Bestätigung des Herrn von Stablewski als Erz- 
bischofs von Posen durchgesetzt hatte. 

Die Colonialpolitik erkannte C. als ein nothwendiges Element für 
die Entwickelung Deutschlands an, allein er wollte sie mit Besonnenheit be- 
treiben. Man hat einige gelegentlich gefallene Aeusserungen gegen ihn aus- 
gebeutet. Er hat einem Feinde Deutschlands die Worte in den Mund gelegt: 



Graf Caprivi. !•* 

»Ach, wenn wir doch den Deutschen ganz Afrika geben könnten«, und dem 
gegenüber seine Ansicht in die Worte zusammengefasst: »Je weniger Afrika, 
desto besser.« Wo er sich aber in grösserem Zusammenhange aussprach, 
ist er gegen die grundsätzlichen Gegner jeder Colonialpolitik scharf zu Felde 
gezogen. Er prophezeite eine Zukunft, in der Deutschland genöthigt sein 
würde, seine Flotte, seine überseeischen Beziehungen zu vermehren, Kohlen- 
stationen anzulegen und dergleichen. Seine Rede vom 12, Mai 1890 hat 
durch die Entwickelung, die sich seitdem vollzogen hat, eine besondere Be- 
deutung erhalten. 

Aber er hat am i. Juli 1890 mit England einen Vertrag abgeschlossen, 
durch den er Witu abtrat und auf das Protektorat über Sansibar verzichtete, 
aber andererseits Helgoland fiir Deutschland erwarb und die deutsch-ost- 
afrikanische Küste von der Souverainetät des Sultans von Sansibar befreite. 
Diesen Vertrag hat man ihm zum schweren Vorwurf gemacht, als habe er 
einen werthvollen Besitz Deutschlands aufgegeben. 

Von der anderen Seite muss hervorgehoben werden, dass Helgoland für 
Deutschland ein höchst werthvoller Besitz ist, dass der Besitz von Witu den 
Engländern noch keinen sichtbaren Nutzen gebracht hat, dass ein Protektorat 
Deutschlands über Sansibar noch nicht bestanden hat, sondern angestrebt 
wurde und England dagegen einen Widerspruch erhob, dessen Beseitigung 
nicht abzusehen war und endlich, dass der souveraine Besitz der Küste gleichfalls 
von Werth war. Die Motive, welche zum Abschlüsse dieses Vertrages geführt 
haben, bergen sich noch in dem Dunkel der Acten und ein abschliessendes 
Urtheil über seinen Werth wird noch nicht möglich sein. 

Die Stellung C.'s nach der Auflösung des Reichstages war eine ungünstige. 
Er hatte nur eine dürftige und unsichere Mehrheit errungen, während Bismarck 
nach der Auflösung stets ein zu allem williges H«aus gefunden hatte. Die 
Stimmung der agrarisch - conservativen Partei gegen ihn war eine höchst er- 
bitterte. Seltsamer Weise schlössen sich die Nationalliberalen ihren Angriffen 
an. Es gab unter den Nationalliberalen Agrarier, die es an Entschlossenheit 
mit jedem Conservativen aufnahmen; in der Colonialschwärmerei übertrafen 
einige Nationalliberale jede andere Partei. Vor allen Dingen waren aber die 
Nationalliberalen darüber ergrimmt, dass C. aus Anlass der Reise des Fürsten 
Bismarck nach Wien zur Vermählung seines Sohnes jenes Schreiben erlassen 
hatte, welches den Fürsten von jeder Berührung mit amtlichen Kreisen fern- 
hielt und auf das er mit seiner Triumphreise durch Deutschland antwortete. 
Man nannte dieses Schreiben einen Uriasbrief, einen Boycott. Und freilich 
trug für dieses Schreiben C. die politische und persönliche Verantwortung. 
Die Freisinnige Partei und die Socialdemocratie verharrten in den Fragen, 
auf die es ankam, in unversöhnlicher Haltung. Er hatte sich keine Partei 
bilden können. 

. In der Presse sah er sich den heftigsten Angriffen ausgesetzt, die seine 
persönlichen Fähigkeiten in Zweifel zogen und er verschmähte es, darauf mit 
den Mitteln zu antworten, die bis dahin in Preussen üblich gewesen waren. 

Unter den Mitgliedern des Staatsministeriums war Niemand, auf dessen 
Unterstützung er hätte zählen dürfen, seitdem Herrfurth, der den Agrariern 
vcrhasst blieb, bald nach C.'s Rücktritt vom Ministerpräsidium gleichfalls 
gefallen war. Die persönlichen Berührungen mit dem Kaiser waren selten 
und C. hatte sich nie, wie Bismarck, Mühe gegeben, Personen, von denen 
ein ihm feindlicher Einfiuss ausgehen konnte, vom Hofe fernzuhalten. 



lA Graf Caprivi. Anna v. Helmholtz. 

Die genaueren Umstände, die zu einer Entlassung aus dem Dienste 
führten, sind nicht zuverlässig bekannt geworden. Es bestand eine Meinungs- 
verschiedenheit darüber, ob die anarchistischen Verbrechen in Frankreich 
Anlass zu einer Verschärfung der Strafgesetzgebung geben sollten. Graf Eulen- 
burg war dafür, C. dagegen. Auf einer Jagdpartie soll der Kaiser den Ent- 
schluss gefasst haben, beide Minister zu entlassen. Der gemeinsame Nach- 
folger Beider brachte dann eine sogenannte Umsturzvorlage ein, aber als 
dieselbe im Reichstage fiel, wurde der Sache keine Folge gegeben ; es ist 
schwer zu begreifen, dass man diese Angelegenheit für so wichtig gehalten 
hat, um ihretwillen zwei Minister zu entlassen, von denen doch nur Einer im 
Unrecht gewesen sein kann. 

C. hat den Rest seines Lebens in tiefster Zurückgezogenheit zugebracht. 
Auf einem kleinen Landhause Skyren bei Krossen verkehrte er mit seinen 
Geschwisterkindern und der ihm verwandtschaftlich nahestehenden Familie von 
Schierstädt. Einladungen, die er bei feierlichen Gelegenheiten zum Erscheinen 
bei Hofe erhielt (Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms L, fünfundzwanzig- 
jährige Jubelfeier des Deutschen Reiches) lehnte er dankbar ab. Er hat keinen 
Journalisten empfangen, auf keinen Angriff geantwortet. Bittere Gefühle mögen 
ihm nicht fern geblieben sein, aber er verharrte: "Ov Ou}xov xaxsScuv, irotTov 
dv&p(u^(uv dX.S6iv(uv. 

Auch über den Tod hinaus hat er Schweigen bewahrt; seine Familie 
hat auf mannigfache Anfragen nicht geantwortet. 

Sein Tod erfolgte nach vorangegangenem Verfall der Kräfte an einem 
Herzschlag. 

Eine makellose Reinheit des Charakters, Treue gegen das gegebene Wort, 
höchste Uneigennützigkeit zeichnen ihn aus. 

Dass er die Politik der Handelsverträge wieder aufgenommen und Europa 
dadurch vor schweren Verwirrungen gerettet hat, dass er die zweijährige 
Dienstzeit durchgeführt und Helgoland mit Deutschland vereinigt hat, bleiben 
dauernde Verdienste. Dass ihm Manches misslungen ist, ist nicht zu leugnen, 
aber die Frage bleibt offen, wie weit dies sein Verschulden, wie weit die 
Folge der Umstände war. Wenn die Zeit gekommen sein wird, ein unpartei- 
isches Urtheil zu fällen, wird ihm doch wohl die Geschichte ein gutes Zeugniss 
ertheilen. 

Literatur. Seidel General Georg Leo von Caprivi, Langensalza 1889. (Eine 
ziemlich dürftige Compilation.) Die Reden des Grafen von Caprivi: Herausgegeben 
von Rudolf Arndt. Berlin. Ernst Hofmann 1894. (Vor seiner Entlassung herausgegeben.) 
Max Schneidewin, Das politische System des Reichskanzlers Grafen von Caprivi. 
Danzig. Kafemann 1894. (Eine sehr liebevolle systematische Monographie, gleichfalls vor 
dem Ende abbrechend.) Ueber das von C. vorgelegte Militärgesetz kurz aber wichtig: 
General Lesczinsky in der Deutschen Revue Juli 1896. Ueber die Schlacht von 
Vionville und C's Antheil an ihr existirt eine ausgedehnte Specialliteratur. Hier soll nur 
genannt werden: Fritz Honig: Documentarisch-kritische Darstellung der Strategie für die 
Schlacht von Vionville-Marslatour. Berlin 1899. (Man kann sich daraus auch über die 
Gegenschriften unterrichten. Der Verfasser giebt fol. 72fgg. Aeusserungen, die er aus C's 
Munde gehört hat, ausführlich wieder.) 

Alexander Meyer. 

von Helmholtz, Anna, geb. von Mohl, Gattin des berühmten Natur- 
forschers Hermann von Helmholtz, * 19. September 1834 in Tübingen, 
f I. Dezember 1899 in Volosca bei Abbazzia. — Anna von Helmholtz war die 



Anna v. Helmholtz. 



15 



Tochter des bekannten Staatsrechtslehrers Robert von Mohl. Zu ihren Vor- 
fahren zählte sie mit besonderem Stolz den Gefangenen vom Hohen twiel 
Johann Jacob Moser, von dem sie ein vortreffliches Bildnis besass. — Der 
ganze Mohl'sche Stammbaum weist in's Wtirtemberger Land. In Stuttgart 
stand das Familienhaus. Dort ist auch Robert von Mohl geboren. Nach 
einem Anfang in der diplomatischen Laufbahn als Professor des Staatsrechtes 
nach Tübingen berufen, vermählte er sich im Jahre 1830 mit Pauline Becher, 
der sanften, gemütsweichen, grundmusikalischen Tochter des Medizinalrat 
Becher in Stuttgart. Aus dieser Ehe entsprangen vier Kinder; zwei Söhne, 
Erwin und Ottmar, und zwei Töchter, Ida, nachmalige Baronin von Schmidt- 
Zabi^row, und Anna, die spätere Frau von Helmholtz. 

Robert von Mohl's Thätigkeit in Würtemberg fand ein plötzliches 
Ende durch einen Conflikt mit dem Sfaatsminister Schlayer. Als er zwei 
Jahre später (1847) einem Ruf nach Baden an die Heidelberger Universität 
folgte, eröffnete sich ihm neben dem alten Lehrberuf auch eine weite poli- 
tische Thätigkeit. Als Genossen der Heidelberger liberalen erbkaiserlichen 
Partei führte ihn das Jahr 1848 nach Frankfurt. Mohl gehörte zu den Siebenern 
wie zum Vorparlement und zur Nationalversammlung, trat sogar im September 
1848 an Stelle Heckers als Justizminister in das Reichsministerium, legte jedoch 
sein Amt bereits nach wenigen Monaten wieder nieder und kehrte zum Ka- 
theder zurück. 

Hatte die früh entwickelte Tochter Anna schon in Frankfurt lebhafte 
Eindrücke von Thun und Treiben der dortigen diplomatischen Kreise 
empfangen, so trat sie nun in 'Heidelberg in eine geistig reichbewegte Atmo- 
sphäre. Zu den Parteigenossen des Vaters zählten eine Reihe geistvoller 
bedeutender Männer, wie sie kaum je zuvor in der Neckarstadt versammelt 
waren. Dort wirkten neben den beiden Schülern des alten Schlosser, den 
Küstorikern Georg Gervinus und Ludwig Häusser, der Germanist Karl Joseph 
Mittermaier, der Führer der gemässigten Liberalen, und der gefeierte Pan- 
dektenlehrer Karl Adolf von Vangerow. 

So versteht man, warum Frau von H. das badische Land als ihre 
eigentliche Heimath betrachtete und in ihrer Empfindung immer fest gehal- 
ten hat. Noch im Alter schrieb sie aus Heidelberg: »Es ist so schön in 
der alten lieben Heimath — so milde und selbstverständlich.« Im Kern 
ihres Wesens hat sie trotzdem das schwäbische Temperament nie verleugnet. 
Auch hatte sie von ihren würtemberger Vorfahren ganz wesentliche Charakter- 
eigenschaften übernommen. Dem Grossvater Mohl verdankte sie den pein- 
lichen Ordnungssinn, von der Grossniutter, der bedeutenden Schwester des 
Tübinger Kanzlers Autenrieth, hatte sie ebensowohl den hochstrebenden 
Familienehrgeiz wie den echt schwäbischen Sinn für Humor geerbt. 

Den eigentlich charakteristischen Stempel erhielt ihr Wesen durch 
die ganz neue Welt, in die sie jetzt eintrat. Eine Reise nach Paris führte 
sie zum rechten Zeitpunkt in das Haus ihres Oheims, des Orientalisten 
Julius Mohl, eines in weiten Kreisen ebenso wegen seiner wissenschaftlichen 
Bedeutung wie wegen seiner vornehmen Denkweise und seiner liebenswürdigen 
Persönlichkeit hochgeschätzten feinsinnigen Gelehrten. Im Jahre 1847 hatte 
er sich mit einer zehn Jahre älteren Freundin vermählt, Miss Mary Clarke, 
einer gebomen Schottin, die aber in Frankreich ganz heimisch geworden 
war. Sie war ein täglicher Gast der Madame Rdcamier, in deren , Salon' sich 
damals die Besten der Pariser litterarischen und gelehrten Kreise zu treffen 



l6 Anna v. Helmholt«. 

pflegten. Ihr hat sie auch, dauernd in herzlicher Sympathie verbunden, in 
einem reizvoll geschriebenen Buche ein Denkmal gesetzt. Durch ihr sprühendes 
Temperament und ihre geistvollen Einfälle war es ihr gelungen das besondere 
Wohlwollen Chateaubriands, der als Gott in diesem Kreise thronte, für sich 
zu gewinnen. 

^ In täglichem Verkehr mit bedeutenden Leuten geradezu ihren Lebens- 
beruf erblickend, machte sie nach ihrer Verheiratung den Salon Mohl zu 
einem geistigen Mittelpunkt von Paris. Leute wie Ampere, Mdrim^e, Thiers, 
Renan zählten zu den Freunden. Es war hier ein neutraler Boden, wo auch 
Gegner sich freundlich unterhielten und in gemeinsamen Interessen sich fanden. 

In diesen Kreis wurde nun die junge Nichte eingeführt und sie war 
eine gelehrige Schülerin. Noch in späten Jahren gehörten die Pariser Zeiten 
für Frau von Helmholtz zu den glficklichsten Erinnerungen, von denen sie 
jederzeit gern erzählte. Sie zeigte dann in ihrer Stube hübsche Copien nach 
RafFael, die die Tante Mohl gezeichnet hatte, die Photographie des Pariser 
Zimmers mit all seinen behaglichen Lehnstühlen (denn nach der Theorie der 
Tante musste man bequem sitzen, um gut zu plaudern); auch die schwarze 
Kaminuhr stammte von dort. 

Hatten bisher schon glückliche Umstände zusammengewirkt, um ihr eine 
ungewöhnlich reiche und vielseitige Bildung zuzuführen, so trat nach einer 
Reihe glücklich und heiter im Elternhause verlebter Jugendjahre das Ereig- 
niss ein, das ihrem ganzen Leben fortan Ziel und Bestimmung geben sollte. 

Im Jahre 1858 wurde nach Heidelberg Hermann Helmholtz berufen, 
der damals mit dem Aufbau seiner Lehre Von den Tonempfindungen als 
einer Grundlage der Musik beschäftigt war. Durch die grossartigen phy- 
siologisch-optischen Untersuchungen war sein Name dem Mohl'schen Hause 
bereits vertraut. Ja, Frau von H. erzählte wohl später von einem Gefühl 
der Vorahnung, dass sie bei der Leetüre eines Zeitungsaufsatzes über den 
Augenspiegel ergriffen. Durch die gemeinsame Liebe zur Musik wurden sie 
zusammengeführt. Sie vermählten sich im Jahre 1861. 

Nicht immer stehen hervorragende Gelehrte auch ausserhalb ihrer 
Wissenschaft auf derselben geistigen Höhe. Gerade in unserer Zeit des 
Spezialisirens scheint die Natur die in wissenschaftlicher Begabung ver- 
schwendete Kraft durch Verkümmerung weiterer Culturinteressen compensieren 
zu wollen. Um so herrlicher erscheinen Männer, die wie Helmholtz von 
ganz universeller Begabung sind, deren gewaltige Genialität ihre ganze Per- 
sönlichkeit durchdringt. Helmholtz war weder ein glänzender Redner noch 
ein leicht verständlicher Lehrer und doch vermochte niemand sich dem 
Eindruck seiner Cirösse zu entziehen. In Einfachheit und stiller geistiger 
Hoheit wandelte er seinen Weg wie die allsegenspendende Sonne, jeden mit 
Freude erfüllend und zu neuen Thaten erweckend. 

Wie ungeheuer musste diese olympische Ruhe und Klarheit gerade 
auf den leicht beweglichen Geist seiner jungen Frau wirken. Für sie be- 
deutete Helmholtz nicht nur den stillen grossen Hintergrund, der ihrem 
Leben das Relief gab, sondern den wirklichen Mittelpunkt des ganzen 
eigenen Daseins. »Auch wenn er schwieg«, so sagte sie später einmal nach 
seinem Tode in tiefer Bewegung, »war doch das ganze Zimmer von ihm erfüllt«. 

Im Kleinen nach Art leidenschaftlicher Menschen ihren Willen ungeduldig 
durchsetzend, beugte sie sich doch im Grossen vor seinem überlegenen 
Genius. 



Anna v. Helmholtz. 



17 



Seinem in fernen Höhen schwebenden Geist war wiederum die 
Frische und Unmittelbarkeit der ganz im realen Leben wurzelnden Gattin ! 

Bedürfniss und Erquickung, sodass sich beide gegenseitig auf das glücklichste 
ergänzten. Selten wird man eine gleich innige und alles umfassende Lebens- 
gemeinschaft finden, wie sie zwischen diesen beiden grossen Menschen be- 
standen hat. 

Der Ruhm des Mannes führte die bedeutendsten Männer und Frauen 
in ihr gastfreies Haus und Frau von H. stellte es sich zur Aufgabe, alle 
dauernd daran zu fesseln. Jetzt kam ihr die Schulung bei der Tante 
Mohl zu Statten. Die Technik war da, aber zugleich der Geist, das Instru- 
ment zu beherrschen. Man hat wohl nicht mit Unrecht gesagt, dass sie in 
ihrem Hause den untergegangenen Pariser Salon wieder habe auferstehen lassen. 

Als Helmholtz im Jahre 1871 nach Berlin übersiedelte, um die 
Leitung des physikalischen Universitätsinstitutes zu übernehmen, da konnten 
sich in der Grossstadt ihre gesellschaftlichen Gaben erst völlig entfalten. Die 
Aristokratie des Geistes und die Aristokratie der Geburt fanden sich in ihrem 
Salon zusammen und diese sonst nicht wiedergefundene Mischung gab ihm 
seinen eigenthümlich reizvollen Charakter, der sich auch nicht wesentlich 
änderte, als im Jahre 1887 Helmholtz Präsident der Physikalisch-Technischen 
Reichsanstalt wurde und die neue Präsidentenwohnung in Charlottenburg 
bezog. Gelehrte, Künstler, Offiziere, Diplomaten sah man bei den offenen 
Abenden versammelt und es giebt in den letzten Jahrzehnten wohl kaum 
einen berühmten Namen, zu dessen Träger Frau von Helmholtz nicht in 
persönliche Beziehung getreten wäre. 

Nur auf Geist und Bildung legte sie Werth, Stellung galt ihr nichts, 
wohl aber war ein gewisses Maass gesellschaftlicher Form ihr ein so starkes 
ästhetisches Bedürfniss, dass sie erzieherisch eingriff, wo ihr die Jugend der- 
selben gar zu sehr zu ermangeln schien. Ebenso wenig duldete sie geistige 
Bequemlichkeit oder schlaffes Sichgehenlassen. 

Eine Herrschematur verlor sie als Wirthin nie die Leitung des Ganzen 
aus der Hand. In hohem Maasse besass sie die Gabe, die verschiedensten 
Menschen zu einander in Beziehung zu bringen, und jeder Fremde fühlte 
sich bald heimisch wie in einem grossen Kreise von Bekannten, mit denen 
er durch ein gemeinsames Gespräch verknüpft wurde. Auch in kleinerem 
Kreise liebte sie es nicht, wenn die allgemeine Unterhaltung in Einzelgespräche 
auseinander fiel. Man durfte schweigen, aber nicht eine leise Privatconver- 
sation führen. Auch sollte ein Thema nur so lange behandelt werden, als 
wirklich neue Gedanken dazu beigetragen wurden. »Das grosse Pumpwerk 
der Unterhaltung« bedurfte immer neuen Stoffes, doch war sie nie darum 
verlegen. Sie hatte viel gesehen, viel gelesen, aber es war gerade ihre 
Kunst, nicht selber den Stoff zu bieten, sondern ihn aus den Anderen heraus- 
zulocken. Auch verstand sie, den Stillen und Unbedeutenden gesprächig 
und interessant zu machen, und wusste abzuschneiden, wenn der Brunnen 
anfing zu versiegen oder sich zu trüben. Die medisante Kritik des lieben 
Nebenmenschen war ihrem vornehmen Geiste verhasst. 

Auch Musik, die dem Hausherrn ein tief empfundenes Bedürfniss war, 
wurde viel gepflegt. Unvergesslich sind die Stunden, wo die Ränme erfüllt 
waren von dem süssen Wohlklang der Amati und Stradivari und der aus- 
erlesene Flügel ertönte, den Steinway dem Begründer der Lehre von den 
Tonempfindungen als Zeichen seiner Bewunderung dargebracht hatte. 

Blogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4 Bd. 2 



lg Anna y. Helinholtz. 

Frau von H. liebte es, ihre Umgebung in jeder Beziehung harmonisch 
zu gestalten, und die innere Einrichtung ihrer Wohnräume wirkte ästhetisch 
wohlthuend und stimmungsvoll. Ein sicherer Geschmack in der Wahl von 
Farbe und Stoflf, von Standort und Zusammenpassen vereinigte sich mit der 
Fähigkeit, allem, was sie umgab, den Stempel ihrer eigenartigen Persönlich- 
keit aufzudrücken und ihren Räumen jenen intimen Reiz zu verleihen, dem 
sich niemand zu entziehen vermochte. Schöne Büsten und Statuetten standen 
neben kunstvollen Möbeln ; bedeutende Bilder zierten die Wände ; die neuesten 
Erscheinungen der Litteratur bedeckten den Tisch; in den Vasen blühten 
frische Blumen. Charakteristisch war dabei ein peinlicher Ordnungssinn. 
Die Bilder waren mit grösster Sorgfalt aufgehängt und durften sich nicht um 
Haaresbreite verschieben. Die tägliche Tafel war mit peinlicher Symmetrie 
gedeckt und trug selbst während der Mahlzeit nie eine schief gestellte 
Schüssel, entbehrte aber auch nie eines kleinen Blumenschmuckes. 

Dieser ausgesprochene Schönheitssinn übertrug sich auch auf ihre litte- 
rarischen Leistungen. Frau von H. ist ja als Uebersetzerin besonders eng- 
lischer Werke vielfach thätig gewesen. In Zeiten schwerer Sorge um ihren 
ältesten Sohn entstand in ihr zuerst der Wunsch, durch eine äussere Aufgabe 
ihre Gedanken abzulenken, und mit der Zeit wurde ihr diese Art geistiger 
Arbeit geradezu ein Bedürfniss und ein Genuss. »Es ist ein Leben und ein 
,go' in dem Buche«, schrieb sie einmal mitten aus einer solchen Arbeit 
heraus, »die es sehr amüsant zu übersetzen machen — so dass es schwer 
ist, es liegen zu lassen«. Mit feinem Ohr für Sprachklang und sicherem 
Gefühl für Ausdrucks weise verstand sie, die Eigen thümlichkeiten der fremden 
Sprache zu erfassen und nicht eine wörtliche Uebersetzung, sondern eine 
geistige Wiedergabe zu bieten. »Es muss sich doch einigermaassen wie 
Deutsch lesen« meinte sie dann. 

Sie hat theils allein, theils mit anderen eine Reihe physikalischer populär- 
wissenschaftlicher Bücher übersetzt. Unter ihnen haben die Tyndall'schen 
Vorträge aus allen Gebieten der Physik Dank ihrer klaren Darstellungsweise 
auch in Deutschland ein grosses Publikum gefunden. Ebenso wird die 
Uebertragung von Oliver Lodge's Modern Views of Electricity viel gelesen. 

Die neueste Auflage der Vorträge und Reden ihres 1894 verschiedenen 
Gatten hat Frau von H. herausgegeben, mit einer Reihe kleinerer Aende- 
rungen, wie sie von dem Verstorbenen ihr angedeutet waren, und einigen 
Umstellungen. Das Kritische und Polemische hat sie als »dem Zeitlichen 
entsprungen und mit dem Zeitlichen vergangen« von den eigentlichen Vor- 
trägen losgelöst und in den Anhang verwiesen. Sonst sind nur kleinere 
Aufsätze von ihr vorhanden, der letzte noch ein Bericht über das ihrem 
Herzen besonders nahe stehende Victoria-Krankenhaus in Berlin. 

Auch in das öffentliche Leben praktisch einzugreifen, trieb sie ihr uner- 
müdlicher Thätigkeitsdrang. Mit regem Interesse verfolgte sie die Entwick- 
lung der Frauenfrage und widmete, namentlich in späteren Jahren, einen 
grossen Theil ihrer Zeit der öffentlichen Wohlthätigkeit und der Krankenpflege. 

Für praktische Krankenpflege hatte ihre thatkräftige Natur überhaupt ein 
besonderes und liebevolles Interesse. Sie war selbst eine vorzügliche Pflegerin 
und hat bei einem der Wissenschaft wie der Familie zu früh entrissenen Sohne 
lange Jahre Gelegenheit zu stündlicher Bethätigung gehabt. Wie sie in ihrem 
Haushalt alles musterhaft zu disponiren wusste, so entfaltete sie nicht minder 
ihr hervorragendes Direktionstalent, als es galt, das Victoria-Krankenhaus 



Anna v. Heimholte. 



19 



einzurichten, eine Stiftung der Kaiserin Friedrich, mit der sie zahbreiche 
Interessen und persönliche Sympathien zu einer dauernden Freundschaft 
verbanden. — 

Was ihr den eigenartigsten Reiz verlieh, war die merkwürdige Mischung 
von Gegensätzen in ihrer Natur. Sie war keine Persönlichkeit, deren Wesen 
sich in eine einfache Formel hätte fassen lassen, es fanden sich vielmehr in 
ihr die mannigfachsten Elemente wunderbar gemischt. Schon die Vereinigung 
der Weltdame und der Gelehrtenfrau in der Vollendung, wie sie sich hier 
zusammenschlössen, bildete eine kaum je erlebte Specialität. Dazu kam aber 
als eigentlicher Kern die temperamentvolle warmblütige und warmherzige Natur, 
die nicht bloss im Inneren stets obwaltete, sondern auch in der Gesellschaft 
oft ganz unvermittelt durchbrechen konnte. 

Dieses stete Durchschimmern des wirklich theilnehmenden Menschen ge- 
wann ihr manchen treuen Freund, der mit der alle Formen beherrschenden 
Weltdame nicht hatte vertraut werden können. Auch ihre Theilnahme wurde 
zur That und manchem Trauerndem brachte sie Trost, weil sie ihm neue 
Zwecke des Daseins zu geben wusste. 

Ein schönes und lebensvolles Bild ihrer Persönlichkeit entrollen uns ihre 
Briefe. 

Energischer Thätigkeitsdrang und weiche Hingabe an Stimmungen, tiefe 
Empfindung und spontane Einlälle, Ernst und Humor wechseln in rascher 
Folge. Personen und Zustände schildert sie mit sicheren Strichen. Mit 
warmem Naturgefühl entwirft sie merkwürdig persönlich empfundene Landschafts- 
bilder. Und alles in originellen graciösen Wendungen. Zuletzt tritt merklich 
eine Neigung zu Aussprüchen der Lebensweisheit hervor, in denen sie ver- 
sucht, ihre eigene Persönlichkeit mit dem Weltganzen in Einklang zu bringen. 
»Ja, Lenbach's Zeichnung (des verstorbenen Gatten) ist wohl schön; sie wirkt 
auf mich wie ein Hauch der Nähe, der Unendlichkeit und des Bleibenden 
von allem Guten und Grossen. Das stirbt so wenig als die Liebe — und 
das alte Egypten hat mir noch eine andere Lehre: vom Unwesentlichen des 
persönlichen, eigenen Geschickes gepredigt. — Das Leben ist ja so klein und 
kurz und geht dahin wie ein Nichts im Ganzen — man muss es eben nehmen 
wie es ist und es nutzen!« 

Dieser Ausspruch giebt zugleich am treuesten die Stimmung der letzten 
Lebensjahre wieder. 

Am 8. September 1894 hatte Hermann von Helmholtz die Augen für immer 
geschlossen. Seither war die Frau eine andere. Unfähig, sich unter den 
schweren Schicksalsschlag zu beugen, war sie völlig gebrochen und verlor 
allen Lebensmut. »Was ein Leben zu zweien war, kann nie mehr ein Leben 
allein werden« schrieb sie an einen Freund. Das Ringen, sich allmählich 
wieder mit der Welt abzufinden, schien ihr »ein schwerer Weg bergauf, ohne 
die Hoffnung, einen erfreulichen befreienden Gipfel zu erreichen. Nur ,müde 
sein* war die Frucht.« Die thatkräfrige energische Frau kämpfte immer wieder 
und immer wieder erlag sie. 

Eine letzte Freude war ihr noch die Enthüllung des Helmholtz-Denkmals 
vor der Berliner Universität. »Wenn nun auch diese Sache fertig ist und zur 
Ruhe kommt, so kann ich in Frieden vom Schauplatz dieser Erde scheiden«. 

Auch körperlich fing sie an zu kränkeln. Sie litt an Athemnoth und 
Herzschwäche, eine beginnende Schwerhörigkeit schien ihr die Zukunft zu be- 
schatten. 

2* 



20 Anna V. Helmholtz. Busch. 

Dazu kam die Sorge um einen zweiten leidenden Sohn, dem sie erst 
in der letzten Zeit ein glückliches Heim und einen befriedigenden Wirkungs- 
kreis in ihrem geliebten badischen Heimatslande hat schaffen können. Das 
war ihrem Herzen ein Sonnenstrahl. — Nur das Zusammenleben mit der 
einzigen Tochter, Frau Ellen von Siemens, die ihr seit des Vaters Tode in 
aufopfernder Liebe ihre Tage widmete, und mit deren reich begabten Kindern 
warf noch einige Lichtblicke in ihr innerlich immer mehr vereinsamendes 
Leben. 

Mitte November 1899 eilte sie nach Volosca an das Sterbebett ihres 
Schwagers, des Landeshauptmann von Schmidt - Zabidrow — »eine lange 
schwere Reise in einer tief ernsten Zeit, die alle mühsam zurückgedrängten 
Erinnerungen an das Selbsterlebte wieder wachrief«. Noch völlig gesund 
schrieb sie aus Volosca an ihre Freunde, und fast gleichzeitig mit den Briefen 
kam die erschütternde Nachricht ihres plötzlichen Hinscheidens. Eine Ver- 
stopfung in den Blutgefässen der Lunge hatte in drei Tagen ihrem that- 
kräftigen, immer hülfreichen Leben ein Ende gemacht. 

Sie wurde auf dem Sophienkirchhof in Charlottenburg beigesetzt an der 
Seite ihres Gemahls, dessen Ruhestätte weihevoll zu schmücken ihr so sehr 
am Herzen gelegen hatte. 

Ein schönes Bild, von Lenbach gemalt, erhält ihre Züge aus den späteren 
Jahren der Nachwelt. 

Prof. Dr. R. Wachsmuth. 



Busch, Julius Hemnann Moritz, Schriftsteller, * Dresden 1 3 . Februar 1 8 2 1 , 
f Leipzig 16. November 1899 war der Sohn eines sächsischen Zeugofficiers;'er be- 
suchte die Dresdener Kreuzschule und von 1841 ab die Universität Leipzig, um 
hier, gegen seinen Wunsch, aufVerlangen seines Vaters, eines fanatischen Anhängers 
der Theosophie Jacob Böhme's, Gottesgelehrtheit zu studiren. Er wurde Mitglied 
der Burschenschaft Markomannia, war ein gewandter und vielbeschäftigter 
Schläger, trieb Politik und war selbstverständlich Republikaner, der in Danton und 
Robespierre Heroen sah, die als Vorbilder dienen konnten. Robert Blum 
starb für ihn als Märtyrer der nationalen Idee und wie dessen Tod ihn 
ergriffen, wusste der alte Herr noch in seinen letzten Lebensjahren mit gemüth- 
licher Selbstironisirung zu schildern, wenn er erzählte, wie nach dem Ein- 
treffen der Nachricht er die Worte: »Rache« und »Blut« laut brüllend die 
belebteste Strasse Leipzigs am hellen Tage entlang gelaufen sei. Bei der 
hereinbrechenden Reaktion begriff der schwarzrothgoldene Republikaner sehr 
bald, dass seine Ideale sich in Deutschland vorläufig nicht verwirklichen 
Hessen und da er sich von ihnen nicht zu trennen vermochte, so reifte in 
ihm nach und nach der Entschluss, sie jenseits des grossen Wassers zu suchen. 

Im Juni 185 1 reiste er nach der neuen Welt ab und hoffte, sich dort 
mit einem schon vor längerer Zeit ausgewanderten Vetter in die Bew^irth- 
schaftung einer Farm theilen zu können; doch kam er in Betreff seiner Un- 
tauglichkeit zum Farmer sehr bald in's klare und war deshalb froh, als ihm 
eine Pfarrstelle an der Pauluskirche in Cincinnati angeboten wurde. Bei dem 
Versuche zur Erlangung derselben stiess er jedoch auf so eigen thümli che 
Schwierigkeiten, dass seine Begeisterung für das Land der Freiheit eine ziem- 
liche Abkühlung erfuhr. Die Gemeinde war eine deutsche, die sich ihren 
Pfarrer selbst wählte ; der bisherige Seelsorger hatte sich missbeliebig gemacht 



Busch. 2 1 

und seine Entlassung war beschlossen worden. Damit war natürlich der 
geistliche Herr durchaus nicht einverstanden nnd so entspann sich denn bei B's. 
Probepredigt in der Kirche ein Scandal, der damit endete, dass B. von der Be- 
werbung freiwillig zurücktrat. Für ihn war die Moral der Sache die Ueber- 
zeugungy dass die unbeschränkte Selbstregierung, die reine Demokratie weder 
der Kirche noch dem Staate gesund ist und das unliebsame Vorkommniss 
wurde ihm so der Anfang zur Aufklärung und zur Bekehrung zu einer reali- 
stischeren Auffassung politischer Dinge. Auch die Erfahrungen, die er unter 
den deutschen Flüchtlingen von 1849 machte, der w^üste Ton der politischen 
Presse und die Roheit der Bevölkerung im privaten und öffentlichen Leben 
gefielen ihm wenig und gar bald hatte er den Glauben an das eine seiner 
politischen Ideale — die Republik — gründlich verloren und damit lebte 
in ihm der an das andere — das Vaterland — wieder auf; vielleicht konnte 
dieses endlich doch, und zwar besser nicht unter republikanischer Form, 
einig und gross werden. In diesem Glauben kehrte er Anfang 1852 nach 
Deutschland zurück. 

Da er sich aus inneren Gründen nicht zur Aufnahme des Theologischen 
Berufes entschliessen konnte, so begann er in Leipzig seine Laufbahn als 
Journalist. Seine in Amerika gemachten Erfahrungen verwerthete er in Ar- 
tikeln für das Morgenblatt, die Augsburger Allgemeine Zeitung und die Grenz- 
boten und Hess seine gesammelten Aufsätze unter dem Titel »Wanderungen 
zwischen Hudson und Mississippi« bei Cotta erscheinen. 

Durch die nähere Bekanntschaft mit den Redakteuren der Grenzboten 
— Gustav Freytag und Julian Schmidt — kam er in die Kreise der Gothaer, 
in denen man damals dem Verzweiflungskampf der Deutschen in Schleswig- 
Holstein mit besonderem Interesse und Trauer zusah; man war sich darüber 
klar, dass hier ein tiefdunkler Flecken auf der deutschen Ehre zu tilgen sei 
und dass nur in Schleswig -Holstein die Möglichkeit einer deutschen Flotte 
liege, durch welche allein Deutschland eine Weltmacht werden könne. Um 
diese Gedanken und Gesinnungen in immer weitere Kreise zu tragen, um die 
nationale Presse für sie zu erwärmen, glaubte man in jenen Kreisen es am 
förderlichsten, wenn man eine mit scharfem Auge und gewandter Feder aus- 
gestattete Persönlichkeit nach jenen Landen schickte, die dieselben dem 
grossen deutschen Vaterlande in entsprechenden Bildern vorführen könne. 
Auf Gustav Frey tag' s Vorschlag wurde B. hierzu ausersehen und er trat 
seine Recognoscirungsfahrt 1853 an. Seine Erlebnisse und Beobachtungen hat er 
in den »Schleswig-Holsteinschen Briefen« niedergelegt. Diese Briefe sind das 
Ergebniss ernstgemeinter sechs Monate hindurch angestellter Erkundigung, die, 
um auf den Grund zu kommen, keine Mühsal und keine Gefahr scheute. 

Nach seiner Rückkehr aus Schleswig -Holstein trat B. neben Frey tag in 
die Redaktion der Grenzboten ein, erhielt aber bald darauf vom Oester- 
reichischen Lloyd, der damals Personendampferlinien nach der Levante ein- 
richtete, den Auftrag, Aegypten, Palästina, Syrien und Griechenland zu bereisen, 
um, durch von ihm in der Art seiner amerikanischen Wanderbildem zu 
liefernde Beschreibungen dieser Länder, die Reiselust nach jenen damals noch 
weltfernen Gegenden anzuregen. In den Jahren 1856 bis 1859 unternahm 
er drei Reisen dorthin und schrieb dann seine »Bilder aus dem Orient«, 
»Bilder aus Griechenland« und »Eine Wallfahrt nach Jerusalem«, ein Buch, 
welches von Gustav Freytag als eines der am besten geschriebenen der 
damaligen Zeit bezeichnet wurde. 



2 2 Busch. 

Nach Beendigung der letzen Reise widmete er sich, nach Leipzig zurück- 
gekehrt, ganz den Redaktionsgeschäften der Grenzboten; dieselben waren 
ihm nicht nur eine Ehre und Freude, sondern wurden ihm auch zu einer 
Schule. Er lernte, sich gewählter und vorsichtiger ausdrücken, und gewöhnte 
sich mehr und mehr an rein verständiges Urtheilen in politischen Angelegen, 
heiten. Mit jedem Jahre der Wehen, die der grossen Geburtszeit von 1863 
bis 1866 vorausgingen, erkannte er klarer, dass die nationale Frage derjenigen 
nach den Freiheiten vorgehen müsse und dass nur von Preussen das Heil 
kommen könne. 

Durch seine Thätigkeit an den Grenzboten trat er mit der geistigen 
Elite des damaligen Deutschland in nahe, zum Theil sogar freundschaftliche 
Beziehungen, so mit Otto Jahn, Friedrich Hebbel, D. F. Strauss, Fritz 
Reuter, Heinrich v. Treitschke u. A. m. 

Obgleich mitten im politischen Leben stehend, hat sich B. doch einer 
Partei nie angeschlossen. Zum Eintritt in den seinen Anschauungen ja nahe- 
stehenden Nationalverein vermochte er sich nicht zu entschliessen, da ihm 
dessen Wege unpraktisch erschienen und er sich mit dem in demselben sich 
regenden Streberthum nicht befreunden konnte. Dagegen erwartete er von 
den grossen Volks Vereinigungen, die als Schützen- Sänger- und Turnerfeste 
in den sechziger Jahren zahlreich stattfanden und für die deutsche Idee 
warben, viel für die Zukunft des Vaterlandes. Indess bewahrte er bei aller 
Berauschtheit, welche diese und andere patriotische Leistungen hervorriefen, 
einen Rest von Nüchternheit, sodass er ein Referat über das Leipziger Turn- 
fest von 1863 schliessen konnte: »Aber nun Sela, ihr Herren Turner und 
Amen, ihr Herren Redner. Wir haben unsere Grossthaten hinreichend 
gefeiert und wohl ein wenig auch solche, die noch nicht gethan sind. Nicht 
Siege feiern sei fortan die Parole, sondern Siege gewinnen.« 

Er ahnte damals nicht, wie nahe die Zeit, Siege zu gewinnen, herbei- 
gekommen war. Mit dem im November 1863 erfolgten Tode König Friedrichs 
von Dänemark schlug die Entscheidungsstunde in der Frage der Elbherzog- 
thümer. B., von seinem ersten Aufenthalt her, mit den Verhältnissen der- 
selben innig vertraut, glaubte, während der Krisis im Mittelpunkt derselben 
nützlich sein zu können; er erbat und erhielt Urlaub, um für die Grenzboten 
als Berichterstatter vom Kriegsschauplatze zu dienen. Vor seiner Abreise 
wurde er nach Gotha berufen und dort vom Herzog Friedrich von Augusten- 
burg gebeten, auch für dessen Sache in der Presse thätig zu sein. B. ging 
hierauf ein und trat vertragsmässig in die Dienste des Herzogs. Meinungs- 
verschiedenheiten mit diesem und mit Samwers über im Interesse der grossen 
nationalen Entwicklung vom Haus Augustenburg zu bringende Opfer ver- 
anlassten B., nach Ablauf des ersten halben Jahres auf die ihm dringend an- 
gebotene Verlängerung des Dienstverhältnisses zum Herzog nicht einzugehen. 

Als B. im Februar 1865 ^^^ ^^^^ nach Leipzig zurückkehrte, übernahm 
er die Mitarbeiterschaft an der Redaction der Grenzboten von neuem, aber 
mit wesentlich anderen Anschauungen über die politische Lage als vor seiner 
Kriegsfahrt. Er war zu der Ueberzeugung gekommen, dass für die nationale 
Sache nur von der Politik des preussischen Ministerpräsidenten Gutes zu er- 
warten sei. Schon im Oktober 1864 hatte er geschrieben: »Gleichviel, wie 
Bismarck uns sonst gelallt, er verfolgt augenscheinlich die Verwirklichung 
des nationalen Gedankens und nur Verblendete können ihm ein ungewöhn- 
liches Maass von Klugheit und Energie absprechen. Die deutsche Revolution 



Busch. 



23 



wird von der Berliner Wilheimstrasse ausgehen, nicht, wie Phantasten wähnen, 
von den Berliner Fortschrittsmännern. Daher ist der uns vorgezeichnete 
Weg, wenn wir wirklich national sein wollen, die Bismarck'sche Politik mit 
allen Kräften zu unterstützen.« Diese Auffassung B.'s wurde jedoch von seinen 
Mitarbeitern an den Grenzboten, besonders Freytag, durchaus nicht getheilt 
und als im Frühjahr 1866 bedingungslos für oder wider Bismarck Partei er- 
griffen werden musste, ging ein unheilbarer Riss durch die Freundschaft der 
beiden Männer und B. schied für immer von der gemeinsamen Arbeit. 

Die Kriegswochen 1866 verlebte er in Leipzig, erhielt aber gleich nach 
dem Friedensschluss vom Berliner auswärtigen Amte den Auftrag, dem 
preussischen Civilkommissar für die neuerworbene Provinz Hannover als Bei- 
stand für Pressangelegenheiten zu dienen. Er blieb in dieser Stellung bis 
zum Frühjahr 1869, in welchem er wieder nach Leipzig übersiedelte. Hier 
schrieb er »das Uebergangsjahr in Hannover«. Femer eine »Geschichte der 
Mormonen« und den ersten Theil seiner »Tagebuchblätter«. Ganz unerwartet 
erhielt er im Februar 1870 die Aufforderung, beim Kanzler des norddeutschen 
Bundes als Adlatus für Pressangelegenheiten zu dienen. Er folgte diesem 
Rufe und stand am 24. Februar 1870 zum ersten Male vor Bismarck. 

Der geschäftliche Verkehr mit dem Kanzler vollzog sich in der Weise, 
dass B. die mit dem Bismarck'schen Bleistifte angezeichneten Zeitungsartikel 
zugesandt wurden, der sie dann durchlas und sich hierauf vom Kanzler die 
Erläuterungen und Aufträge für die zu ertheilenden Antworten und Ent- 
gegnungen holte. Nur wenige Monate war B. in seinem neuen Wirkungskreise, 
als der deutsch-französische Krieg ausbrach, dem er an Bismarck's Seite im 
grossen Hauptquartier beiwohnte. Nach Beendigung des Feldzuges blieb er 
bis zum Juni 1873 im auswärtigen Amte. Persönliche Reibereien mit einzelnen 
Kollegen veranlassten ihn, den Kanzler um den Abschied zu bitten, dabei 
betonend, dass er demselben ja auch ausserhalb des Amtes von Nutzen sein 
könne. Der Fürst entliess ihn freundHcb, gewährte ihm eine reichliche Pension 
und versprach B., ihn bei der von diesem in Aussicht genommenen Bismarck- 
biographie mit wichtigem Material zu unterstützen. 

B. ging nach Hannover, redigirte dort den »Hannoverschen Courier« und 
bereitete mit der ihm zugesagten Beihilfe des Fürsten die Herausgabe seines 
Werkes »Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich« 
vor; dasselbe erschien 1878 und machte seinen Verfasser mit einem Schlage 
zu einem weltbekannten Manne. Das damals vielfach angefeindete Buch 
ist längst von den bedeutendsten Historikern als höchst werthvolle Quelle 
anerkannt, da es eine Sammlung von vielsagenden prägnanten Details ist und 
das Bild des grossen Kanzlers so lebenswahr zeichnet, wie keine andere der 
unzähligen Biographieen. 

Nach Bismarck'schen Instructionen erschienen von B., der wieder nach 
Berlin gezogen war, Ausgangs der 70er Jahre eine Reihe von Artikeln in den 
Grenzboten, von denen hier nur die berühmten »Friktionsartikel« genannt 
seien. Der Erfolg seines Werkes von 1878 ermuthigte B., eine zweite Schrift 
über den Kanzler zu veröffentlichen, die 1884 unter dem Titel »Unser Reichs- 
kanzler« erschien. 

Bei zahlreichen Besuchen in Berlin, Varzin und Friedrichsruh, deren 
letzter im Mai 1893 erfolgte, bezeugte ihm der Kanzler seine fortdauernde 
Gewogenheit. Auch in den Schicksalstagen des März 1890 war B. um den 
Kanzler, der ihn mit Ordnung eines Theiles seiner Correspondenz beauftragte 



24 Busch. Baumann. 

und zugleich auflforderte, ihm bei Abfassung seiner Memoiren zur Seite zu 
stehen. Dieser höchste Wunsch B.'s wurde nicht erfüllt, da er im Mai 1890 
zweimal kurz hintereinander von Schlaganfällen getroffen wurde, die zwar 
seine geistigen Kräfte nicht minderten, ihn aber körperlich unfähig für an- 
haltende Arbeit machten. 

Nach dem Ableben des Fürsten Bismarck veröffentlichte B., der sich 
nach Leipzig zurückgezogen hatte, das Abschiedsgesuch desselben vom 
18. März 1890, ferner eine Broschüre »Bismarck und sein Werk« und schliess- 
lich das grosse, zuerst in England erschienene Memoirenwerk »Bismarck, some 
secret pages of his history« (deutsch bei Grunow unter dem Titel «Tage- 
buchblätter«). Das letztere enthält eine ungeahnte Fülle höchst interessanten 
Materials über den Fürsten und seine Zeit in Gesprächen, Briefen und Doku- 
menten und wird für alle Zeit eine der werthvollsten Quellen für das Studium 
Bismarck's bleiben. 

B. war ein Todfeind der Phrase; die Wahrheit ohne Umschweife, 
und ohne Rücksicht auf etwaige Folgen zu sagen, war ihm heiliges Gebot. 
Von dem Treiben des Tages und der Parteien hielt er sich fern. So blieb 
er, trotz der ungeheuren Menge von Persönlichkeiten, die in seinem reich- 
bewegten Leben an ihn herantraten, ein einsamer Mensch. Nur mit wenigen 
Vertrauten — in Berlin mit Lothar Bucher und Viktor Hehn — pflog er 
intimen Meinungsaustausch über politische und literarische Vorkommnisse, die 
er bis zu seinen letzten I^ebenstagen mit ungeschwächtem Interesse verfolgte. 

Von Körper war er eher kleiner als mittlerer Statur (daher das »Büsch- 
lein« Bismarck's); das Gesicht war bis zum höchsten Alter von vollem Haupt- 
und Barthaar umgeben. Ein Paar lebensprühende, glänzende Augen blickten 
mit jugendlichem Feuer bis zum Ende in die Welt hinaus und sahen geruhig 
dem Urtheil entgegen, das dem vielangefeindeten Manne einst sprechen wird 

»eine Frau von wunderbarem Glanz — 
die Nachwelt, diese oberste Instanz.« 

Leipzig. Ernst Goetz. 



Baumann, Oskar, hervorragender Afrikareisender, * 25. Juni 1864, f 12. Oc- 
tober 1899 zu Wien. B. empfing seine Schulbildung in Wien und Krems, 
zuerst auf dem Gymnasium, dann auf der Oberrealschule, worauf er an der 
Universität und der technischen Hochschule, ohne einen bestimmten Studiengang 
einzuhalten, geographische, naturwissenschaftliche und Sprachstudien trieb. Am 
militärgeographischen Institut nahm er Unterricht in Ortsbestimmung und topogra- 
phischen Aufnahmen. Er hat dafür dessen Vorstand v. Stemeck stets warme 
Dankbarkeit bewahrt. Stemeck war es, der in B. die Anlage zum geogra- 
phischen Forscher erkannte und entwickelte; auf seine Veranlassung ging B. 
schon als Neunzehnjähriger nach Montenegro und Albanien. Er kehrte mit 
werthvoUen Aufnahmen zurück, nachdem er Beweise von grosser Kaltblütigkeit in 
dem von Gefahren, besonders für einen österreichischen Topographen, umgebenen 
montenegrinisch-albanischen Genzgebiet abgelegt hatte. Tiefer nach Albanien 
einzudringen, wie er beabsichtigte, gelang ihm auch auf einer zweiten Reise 
nach Montenegro nicht. Ueber beide Reisen hat er erst 1889 in den Mit- 
theilungen der Wiener geographischen Gesellschaft berichtet. 1883/84 stand 
er als Freiwilliger bei den Kaiserjägem in Brixen und Wien. Er benutzte 
jede freie Stunde zu Ausflügen in die Alpen, wo er schon als kaum dem 



Baomann. 



25 



Knabenalter Entwachsener durch kühne Besteigungen sich einen Namen ge- 
macht hatte. Die Geschichte der Erschliessung der Ostalpen verzeichnet 
eine Besteigung des Schrötterhoms in der Ostalpengruppe auf neuem Wege 1882. 
Nach der Erstlingsarbeit über die letzte Neuguineareise in den Mittheilungen 
der K. k. Geograph. Gesellschaft (1882) erschienen in dieser Zeit mehrere 
alpinistische Beiträge von B. 1885 berief ihn die K. K. geographische Gesellschaft 
zu Wien zum Begleiter des Dr. Oskar Lenz auf der österreichischen Kongo- 
Expedition. Er sollte hauptsächlich die topographischen Aufnahmen besorgen. 
Leider erkrankte er an den Stanley-Fällen lebensgefährlich, so dass er schleu- 
nigst zur Küste zurückkehren musste. Was er von Bruchstücken geographischer 
und ethnographischer Aufnahmen und Beobachtungen mitbrachte, legt Beweis 
für seine Tüchtigkeit ab. Seine Karte des unteren Kongo in mehreren 
Blättern ist noch heute schätzbar. Während Dr. Oskar Lenz seinen Weg 
quer durch Afrika verfolgte, musste B. auf Fernando Pöo Station machen. 
Als Frucht dieses Aufenthaltes erschien 1888 seine Schrift »Fernando Pöo und die 
Bube«, die er in demselben Jahr bei der philosophischen Facultät der Universität 
Leipzig als Promotionsschrift einreichte. Er war 1887 nach Leipzig gekommen, 
um Lücken seiner geographischen Bildung auszufltllen, hauptsächlich aber um sich 
den Doctortitel zu erwerben. Ich erinnere mich mit Freuden an so manche an- 
regende Plauderstunde mit B. im geographischen Seminar unserer Universität. 
Dabei zeigte sich zwar manchmal eine grosse Einseitigkeit und Ungleichheit seiner 
Vorbildung, aber zugleich ein so massiver gesunder Menschenverstand, ein so 
sicherer Instinct für das Richtige und Wichtige und eine so unbedingte Hingabe an 
imsere Wissenschaft, dass es mir niemals in den Sinn kam, B. als Schüler zu 
betrachten. Er erschien mir als ein zu Grossem berufener Gleichstrebender. 
Seine mündliche Doctorprüfung aus Geographie, Geologie und Physik machte 
auf meine Collegen Zirkel und Wiedemann und mich durchaus nicht den Ein- 
druck einer Musterleistung, aber wir freuten uns, einem Manne, der seine 
Begabung und seine wissenschaftliche Hingebung bewiesen hatte und Grösseres 
versprach, die gewünschte Anerkennung zollen zu können. Wenn er später 
nach Leipzig zurückkehrte, erinnerten wir uns oft mit Heiterkeit an bedenkliche 
»Strandungen« während jener drei Stunden im »Rothen CoUeg«, und wie das 
stellenweis nicht sehr schwer und nicht nach akademischen Regeln beladene 
Schifflein seines Wissens wieder frei gekommen war und endlich noch ganz 
gut in den Hafen einlief. Meine Collegen und ich haben auf diese »irre- 
guläre« Promotion später mit Genugthuung zurückgeblickt. In Leipzig reifte 
auch der Plan zu der zweiten Afrikareise B's, die für immer seine segens- 
und schicksalsreiche Verbindung mit Ostafrika knüpfen sollte. Er begleitete 
1888 Dr. Hans Meyer auf einer Expedition, die auf den Kilimandscharo 
gerichtet war, aber an dem damals eben ausbrechenden Araberaufstand scheiterte. 
Schon in Usambara wurden die beiden Reisenden von den Leuten Buschiris 
gefangen genommen und es musste als eine glückliche Wendung angesehen 
werden, dass sie wenigstens gegen Lösegeld wieder freigegeben wurden. In 
dem Buche »In Deutsch-Ostafrika während des Aufstandes« (1890) hat B. seine, 
trotz dieses Unfalles reichen Beobachtungen über Usambara, begleitet von der 
ersten guten Karte und zahlreichen Originalzeichnungen, veröffentlicht. Nach 
einem kurzen Ausflug an die Grenze Albaniens, 1889, ging B. 1890 im Dienste 
der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft neuerdings nach Ostafrika und 
vollendete die Aufnahmen von Usambara. 1891 erschien sein Buch »Usambara 
und seine Nachbargebiete. Allgemeine Darstellung des nordöstlichen Deutsch- 



2 6 Baumann. 

Ostafrika und seiner Bewohner«. 1891 wurde B. zum Führer der Expedition 
berufen, die das deutsche Antisklaverei-Comitd, die Deutsche Ostafrikanische 
Gesellschaft und die Eisenbahn-Gesellschaft für Ostafrika gemeinsam ausrüstete, 
um den Norden des Schutzgebietes geographisch und wirthschaftlich zu erfor- 
schen und die Grundlage für den Bau einer Eisenbahn von der Küste zu 
den grossen Seen zu gewinnen. Die Expedition ging am 15. Januar von 
Tanga durch das Land der Wadigo und über Aruscha in die östliche Massai- 
steppe bis zum Manyara- und Eyassi-See und von da zum Viktoriasee, dessen 
südöstliche Buchten bis zum Emin Pascha-Golf untersucht wurden; durch 
Ussunja wurde dann Ruanda erreicht, wo B. im Ruvuvu eine der obersten 
Quellen des Kagera-Niles bestimmte, die er als die eigentliche Nilquelle be- 
trachtete. Das »Mondgebirge« wurde überschritten, und in Usige das Nord- 
ende des Tanganyika erreicht, von hier durch Uha nach Tabora gezogen, 
von wo ein südlicherer Weg durch die Wemberesteppe und Irangi nach dem 
Manyara und von da durch die südliche Massaisteppe über Mgera nach Pan- 
gani eingeschlagen wurde. Nach Länge der Wege, Verschiedenartigkeit der 
durchzogenen Landschaften, nach geographischen und ethnographischen Ent- 
deckungen ist dieses die grösste Forschungsexpedition, die in Deutsch-Ost- 
afrika seit der Besitzergreifung unternommen wurde. Was B. in der kurzen 
Zeit von wenig als mehr als einem Jahr mit dieser Expedition geleistet hat, 
ist erstaunlich und wird- besonders auch auf dem ethnographischen Gebiet 
dauernd anerkannt bleiben. 1894 gab B. den Bericht über diese Reise in 
einem Prachtwerk mit Karte i zu 1.500.000 unter dem Titel heraus »Durch 
Massai-Land zur Nilquelle«. Ob die Nilquellenfrage durch ihn vollständig 
gelöst wurde oder ob nicht Ramsay später in dem Akenjara einen noch grösseren 
und wasserreichen Zufluss des Kagera entdeckt hat, ändert nichts an B.'s Ver- 
dienst um die Erforschung des Gebietes zwischen Viktoriasee und Tanganyika. 
Wir stellen höher seine Aufnahmen in der Massaisteppe, am Viktoriasee 
und in Ruanda und Urundi, seine Entdeckung des Wembere-Grabens, 
seine reichen ethnographischen Sammlungen und Schilderungen. Allerdings 
hat B. gerade auf jenes Ergebniss Werth gelegt. Nach kurzem Aufenthalt in der 
Heimath und in Deutschland kehrte B. 1894 nach Bagamoyo zurück und begann 
im Auftrag des Leipziger Vereins für Erdkunde die Erforschung, Aufnahme 
und geographische Beschreibung der drei Inseln Mafia, Sansibar und Pemba. 
Es war die letzte grössere Arbeit, die im dritten Band der Wissenschaftlichen 
Veröffentlichungen des V. f. Erdkunde zu Leipzig 1899 erschienen ist; die 
letzte der drei Monographien, Pemba, konnte B. nur noch mit Mühe ab- 
schliessen. Eine schwere Krankheit hatte ihn 1896 ergriffen, die mit der 
Zeit auch die Klarheit seines Geistes trübte. Darin liegt die Erklärung für 
einige Zeitungsartikel, die sehr viel Staub aufwirbelten, als eine österreichische 
Wochenschrift sie mit der Unterschrift B.'s 1898 veröffentlichte; sie waren 
ein Krankheitsprodruct. 1896 war B. als österreichisch-ungarischer Consul 
nach Sansibar übergesiedelt. Anfang 1899 kehrte er, unheilbar krank, nach 
Europa zurück und starb in Wien. 

B. war eine Heldennatur aus demselben Stoffe, wie die Barth, Speke, 
Rohlfs. Die »Geographischen Mittheilungen« nannen ihn nach seinem Tode 
den jüngsten, aber auch wohl letzten aus der Schule der alten Afrikaner, 
welcher, unbeeinflusst durch politische Zielpunkte, von einem umfassenderen 
Gesichtspunkte aus an die Lösung ihrer Aufgabe herantraten und in erster 
Linie die Förderung der Wissenschaft auf jedem Gebiete im Auge hatten. 



Baumann. Strauss. 



27 



Man muss hinzufügen, dass ein kräftiger und gestählter Körper, Muth, Willens- 
kraft, Geringschätzung der Genüsse der Kultur B. in hohem Grade befähigten, 
Grosses auf dem Gebiete der Afrikaforschung zu leisten. Er ging in der 
Geographie und Ethnographie von Afrika auf, Anderes zog ihn wenig an. 
Er fühlte sich nirgends wohler, wie er selbst zu sagen pflegte, als »im 
Busch«. In dieser Einseitigkeit lag seine Grösse, lag besonders auch sein 
Werth für die Erschliessung von Ostafrika. Wenn er nach Europa zurück- 
kehrte, fiel den Zuhörern seiner Berichte in Wien, Leipzig und Berlin sein 
naturwüchsiges Auftreten, die fast gesuchte Einfachheit und Schmucklosigkeit 
seiner Rede, und seine sichtliche Abneigung gegen Reklame und Sichvor- 
drängen vor Allem auf. Man musste seine Bücher lesen, um sein Können 
ganz zu würdigen. Man musste ihm freundschaftlich näher getreten sein, 
um die Wärme seines Herzens und die Feinheit seines Gefühles würdigen 
zu können. 

Ausser den grösseren Werken, die wir genannt haben, hat B. eine Reihe 
von Aufsätzen und Karten in den geographischen Mittheilungen, den Mit- 
theilungen der K. K. geographischen Gesellschaft, der Monatsschrift für den 
Orient, der D. Kolonialzeitung u. a. veröffentlicht. B. schrieb einfach, 
sachlich, eindringlich, mit Liebe und Verständniss für die Natur und die 
primitiven Völker. 

Ausführlichster Nekrolog von M. Haberlandt im 2. Bd. der Geogr. Abhandlungen 
der K. K. Geogr. Ges. in Wien I9cx>, mit Bildniss und Verzeichniss der Schriften und 
wichtigen Aufsätze. Nekrologe von D. Hans Meyer in der kolonialen Zeitschrift 1899, 
No. I ; von Professor Oskar Lenz in der »Zeit« No. 264, von M. Haberlandt in der Neuen 
Freien Presse vom 13. October 1899, von Dr. H. in der Rundschau für Geographie XXII, 
No. 5. 

Friedrich Ratzel. 



Strauss, Johann, Componist, * am 25. October 1825 in Wien, Lerchen- 
felderstrasse No. 115, f ^^ 3- Juni 1899 ^^ Wien, Igel- (jetzt Joh. Strauss-) 
Gasse No. 4. In Wien geboren, in Wien gestorben, aus einer Altwiener Familie 
stammend, in einem Ehrengrabe der Stadt Wien bestattet, so schliesst sich 
der Lebenskreis des Künstlers, der als echter Repräsentant des alten, vomehm- 
gemtithlichen, liebenswürdigen Wienerthums Alles, was in Oesterreich singt 
und klingt, in eigenthümlicher Weise zum Ausdruck brachte. Seine Weisen 
erklangen nicht nur in seiner engeren Heimath, sondern drangen weit hinaus 
über Europa in alle Welttheile. Als unüberwindlicher Eroberer vermochte 
er im Siegeszuge der Wiener Musik Herz und Sinn seiner Mitmenschen zu 
gewinnen. Seine reizvollen Melodien beseelen die Freudigen, richten die 
Beladenen auf, wirken befreiend auf die Kummervollen. Der Hörer fühlt 
sich angeregt, erheitert und giebt sich rückhaltlos dem Zauber seiner Kunst 
hin. Unauslöschlich sind die melodischen Gedanken dem Gedächtnisse 
eingeprägt. Die Weisen von Strauss befestigen das Heimathsgefühl des 
Wieners, des Oesterreichers. Man kann sagen, dass in seinen Tönen Wien 
lebe. Sie sind das musikalische Spiegelbild der Wiener Volksseele und 
sprechen zugleich das Lieben, Sehnen, Schmachten, die Lebensfreude, die 
leichtgetröstete Wehmuth von Menschen aus, wie sie überall und allenthalben 
zur bewussten Empfindung gelangen. Zum Glück kann diese Musik das Un- 
schöne und ethisch Verwerfliche nicht zum Ausdruck bringen. Die vorüber- 
gehende Gemüthlichkeit wird hier zur dauernd verklärten künstlerischen 



2 g Strauss. 

Aeusserung. Die sympathische Mittheilung intimer seelischer Vorgänge, der 
Austausch der Geselligkeit gelangt in diesen Erzeugnissen zur Entfaltung. 
St. war sich dessen bewusst, dass seine Muse dem Fortschritt huldige, 
auch gegenüber den beiden liebenswürdigen tüchtigen Meistern, die seine 
Vorbilder waren, auf deren Grund er weiter schuf: Johann Strauss Vater und 
Josef Lanner. Der Sohn meinte, als er sein Lebenswerk überblickte: »Der 
Fortschritt war nur möglich durch die Erweiterung der Form und das ist 
mein Verdienst.« Ja, weil sich zur erweiterten Form auch der vertieftere 
Inhalt einstellte, weil dasjenige, was er zu sagen hatte, auch mit dem »Wie« 
der Aussprache sich deckte. Sein Vater und Lanner, das Dioskurenpaar der 
Wiener Tanzmusik aus den vormärzlichen Tagen, hatten gerade die entgegen- 
gesetzte Aufgabe sich gestellt: aus der überreichen Zahl von Sätzen, die zu 
einem Cyclus zusammengestellt wurden — manchmal bis zu 12 Nummern 
innerhalb einer Folge — schieden sie das ihnen überflüssig erscheinende aus 
und begnügten sich mit 5 Theilen, denen sie principiell eine Introduction 
voranstellten und eine Coda folgen Hessen. So schloss sich das Ganze zum 
einheitlichen Tonbilde. Johann, der Jüngere, brachte dann die Einleitung 
in einen näheren organischen Zusammenhang mit dem Folgenden, indem er 
das Hauptthema wie unter einem Schleier einzufuhren suchte. Seine Intro- 
ductionen geleiten den Hörer in das romantische Land, woselbst nicht Elfen 
und Luftgeister himmlische Reihen aufführen, sondern lieberfüllte Menschen- 
paare von den zauberischen Klängen in wiegende Bewegung gebracht, von 
Glück und Frieden erfüllt, von holder Zukunft träumend, dem irdischen 
Tagesleben entrückt sind. Die Zahl der im Cyclus vereinigten Reihen blieb 
bei den Söhnen Strauss wie bei dem Vater, nur greift der Hauptvertreter der 
jüngeren Generation weiter aus, die Linien werden weiter gezogen, die 
Melodien von einem längerem Athem in höher schwellender Brust geführt. 
Er taucht seine Pinsel tiefer ein in die Farben topfe, er verwendet saftigere 
Harmonien, reichere Modulation, macht ausgiebigeren Gebrauch von harmo- 
nischer Freiheit, er verselbständigt mehr die einzelnen Stimmen des harmo- 
nischen Gewebes, seine Rhythmik wird pikanter trotz aller peinlichen 
Genauigkeit bei der Gruppirung der Tacte und Abwägung der Verhältnisse. 
St. weiss eben innerlich zu beleben, nicht äusserlich will er reizen; seine 
Betonungen werden durch Verschiebung und Verkettung abwechslungsreicher, 
gerade so wie er bei massvoller Verwendung der modernen orchestralen 
Mittel durch coloristische Gegensätze und Gegenstellungen der Instrumente 
Wirkungen erzielt, wie sie in analoger Weise Mozart mit seinem Orchester 
erreichte. St. ist von allen modernen Meistern derjenige, der hierin wie 
in manch anderer Beziehung sich Mozart zu nähern suchte. Trotz aller Ver- 
vollkommnung der Farbentechnik unserer Zeit sind eben gewisse Eigen- 
wirkungen der classischen Wiener Orchestermusik nicht zu überbieten 
— man kann crasser, greller wirken, aber nicht mit intimerem Reize, nicht 
in vornehmerer Weise. 

Die Tanzmusik von Johann Strauss steht auf festem historischen 
Boden. Die schlanken Gewächse mit den schönfärbigen Blüthen konnten 
nur auf einem Erdreiche erstehen, der wohl präparirt war. Weit zurück 
greift die Geschichte der Wiener Tanzmusik. Sie hatte ihre Nährwurzeln in 
den musikalischen Culturböden verschiedener Völker. Im 16. Jahrhundert 
gehen England und Italien voran, im 17. Jahrhundert fiihrt Frankreich den 
musikalischen Reihen im Zuge Terpsichorens, und schon zeigen sich in der 



Strauss. 20 

Wiener Tanzmusik selbständige Regungen, die von da an eifrig gepflegt 
und gehegt wird. Eine sich eng aneinanderschliessende Reihe von Compo- 
nisten der Tanzmusik reicht von dieser Zeit bis auf unsere Tage. Auch die 
Classiker der Wiener Schule finden es nicht unter ihrer Würde, im Dienste 
der öffentlichen und privaten Lustbarkeiten Tänze und Märsche zu schreiben. 
Schubert drückt der Wiener Tanzmusik in seinen »Deutschen« den Stempel 
der Eigenart auf, indem er sie zugleich veredelt und von da an beginnt sie 
bei aller innigeren Einstimmung auf den Wiener Lokal ton ihren Siegeslauf 
durch die ganze Welt. Auf breiter Grundlage ausgebildet, erhebt sie sich 
immer höher und die Spitze der Pyramide trägt den Namen: Johann Strauss. 
Um ihn gruppiren sich Lanner und Strauss Vater mit den beiden Söhnen, 
dem hochbegabten, frühverstorbenen Josef und dem jüngsten des Brüdertrios, 
Eduard — nebst einer grossen Zahl anderer nicht zu unterschätzender Componisten. 
Man achte nicht gering die Leistungen dieser Tonsetzer. Auch der 
ernste Forscher kann wie der tiefst angelegte und höchst strebende Künstler 
ihnen die Anerkennung nicht versagen. Das Genie von Johann Strauss ver- 
langt gebieterisch Anerkennung und Würdigung, auch bei voller Erkenntniss 
der beschränkten Eigenart seiner Kunst. 

Im Grunde genommen blieb St. Tanzcomponist bis an sein Lebens- 
ende, so weit er auch in späterer Zeit ausgriff und durch Freunde und 
Berather ermuntert, vom Ehrgeize angestachelt seine Muse in andere Gebiete 
zu führen bestrebt war. Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte er im 
Alter von ungefähr 40 Jahren, zur Zeit, als er die Walzer »Künstlerlieben«, 
»Wein, Weib und Gesang«, »Geschichten aus dem Wiener Wald« und »An 
der blauen Donau« schrieb — echte und rechte Instrumentalcompositionen, 
von denen einer und der anderen nur im Widerstreben gegen ihre Umatur 
Texte, sagen wir richtiger: Worte oder Silben untergelegt wurden. 

Mit 18 Jahren trat Johann junior, nachdem seine Neigung zur Musik 
gewaltsam vom Vater zurückgedrängt worden war, von der Mutter vorerst 
geheim, dann offen gefördert war, nachdem er regelrechten Unterricht in 
der Theorie genossen hatte, nachdem er sich die Technik des Violinspiels 
angeeignet hatte, da trat er vor das Publicum an einem Orte, der so recht 
geeignet war, das specifische Talent des Jünglings zur Anerkennung zu 
bringen. Beim Dommayer in Hitzing bei Wien, einem Tanz- und Vergnügungs- 
lokale, brachte er seinen ersten Walzer am 15. October 1844 in einer »soireö 
dansante« zur Aufführung. Die Menge stand so dichtgedrängt, dass die 
^ Gunstwerber« nur als reines Musikstück um die Gunst der Hörer werben 
konnten. Sie erweckten Enthusiasmus. Die Gunst steigerte sich in Wien und aller- 
orten mit der wachsenden Zahl seiner Compositionen, sei es, dass der Ort der Dar- 
bringung die »Sträusslsäle«, oder der »Sperl« oder der Musikvereinssaal in 
Wien, oder die Redoutensäle waren, woselbst er seit 1863 als Hofballmusik- 
director vorspielte, sei es, dass er in Moskau und Petersburg, wo er mit 
seinen Weisen von 1854 — 1870 in jedem Jahre einige Monate die Zuhörer 
entzückte oder sonst in Paris, London, New -York und wie alle die Orte im 
Norden und Süden, am Continent und jenseits des grossen Wassers heissen 
mögen, an der Spitze seines Orchesters stand. Und auch an der Stelle, deren 
künstlerische Bedingungen specifisch verschieden geartet sind, im Theater, 
wirkte St. durch die Ursprünglichkeit seiner Erfindung als Componist von 
Tänzen, von orchestrischen Weisen, durch die Action und Dynamik seiner 
Rhythmen, durch den Liebreiz der Melodien. Auch hier blieb sich St. 



^O Strauss. 

treu, auch da, wo er an der Gattung der Vokalmusik ein Fehl beging, wie in 
seinen 15 Operetten und in seiner Oper. Seine Weisen erquicken auch da, 
wo sie eine Verbindung eingehen, die ihrer Urnatur nicht entspricht. Sie 
bleiben, was sie sind, wie sie entstanden sind: Instrumentalgebilde. 

Man kann sagen, dass St. nicht in die Oper einzog, sondern dass 
diese bei ihm ihren Einzug hielt. Seine Declamation ist nichts weniger als 
sorgfältig; nicht aus dem Worte ist die Musik geschaffen, sondern selbst- 
herrlich tritt sie hervor. Die Motive sind fast durchaus ohne Rücksicht auf 
die Sprache, auf den Ausdruck des Textes entstanden und weitergesponnen. 
St. hat trotz seiner Bemühungen für die Ausarbeitung der Libretti nicht das 
nöthige Verständniss und die kluge Bedachtsamkeit für dramaturgische Be- 
handlung. Er war nicht gleichgültig gegenüber dem Inhalt und Stoff seiner 
Texte, aber seine künstlerische Anlage stand ausschliesslich im Dienste der Ton- 
kunst. Behufs Hebung der dramatischen Behandlung der Musik und passender 
Einrichtung des Textes bediente er sich zeitweise eines oder des andern Beirathes. 
Das Genre der Operette fand in St. einen musikalischen Veredler, aber 
keinen dramatischen Pfleger. St. hat sich instinctiv mehr dem älteren öster- 
reichischen Singspiel genähert, als seine Miteiferer auf dem Gebiete der Wiener 
Operette : Suppeö, Millöcker, Gende ; diese schlössen sich mehr oder weniger der 
witzig espritvollen französischen Richtung an, die in Offenbach ihren begabtesten 
Vertreter gefunden hatte. Oflfenbach war geistig regsamer als St., stand 
im intimeren Verkehr mit den Librettisten und hatte volles Verständniss für 
politische Travestieen und sociale Satyrdramatik. Zwar äusserte St. ge- 
legentlich, der Componist sollte mit dem Büchelmacher in einem Bette 
schlafen, aber er vermochte nicht einmal aus einer Schüssel mit ihm zu 
speisen. Seine Nahrung blieb die Volksmusik, bereitet am Wiener Herde. 
Man täusche sich nicht, oder lasse sich nicht täuschen durch einzelne Brocken, 
die aus der Garküche der modernen Musikdramatiker in seine Theatermusik 
eingeschmuggelt sind. Da findet man einzelne Anlehen, die er nicht verzinste. 
Einige Stücke, die ausserhalb des Gebietes der Tänze oder tanzartigen Musik 
stehen, tragen zur Verschönerung des Ganzen bei, ohne die dramatische Literatur 
zu bereichern. Seine Operetten blieben musikalisch die Aufnahmestätte seiner 
Tänze und Tanzgesänge. Alle die Tanzstücke, die als »opus« geschieden, bei 
oder nach der Erstaufführung seiner Operetten erschienen, sind eine dauernde 
Bereicherung seiner Domäne, der zur Selbständigkeit erhobenen Tanzmusik. 
Die »Rosen aus dem Süden« aus dem » Spitzen tuch der Königin« seien als 
Beispiel für die vielen anderen genannt. Straussens ehrliches Bestreben war 
es, die Stufenleiter der dramatischen Musik zu ersteigen. Er wollte daraus 
nicht ein Geschäft machen, wie so manch anderer Operettencomponist aus 
Speculation auf Tantiemen componiert. St. führte schon in den 50er Jahren 
in seinen Concerten W^agner'sche Opemfragmente auf, wollte seine Begeisterung 
auf Andere übertragen. In den Promenadeconcerten propagierte er Wagner'sche 
Musik. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Haltung seiner Operetten- 
und Opernmusik zu betrachten. Ihm war es bitterer Ernst mit seiner drama- 
tischen Musik. »Der kleinste Erfolg einer Oper von mir steht in meinen Augen 
höher als alles Andere.« So rang er denn nach Bühnenerfolgen und musste, 
als er nach dem höchsten Ziel strebte, die Bitterkeit des Misserfolges mit 
seinem »Ritter Päsmän« in der Hofoper erleben. Nicht als ob die viele 
gute Musik, die diese Partitur, wie jede seiner anderen dramatischen Werke, 
enthält, nicht die gerechte Anerkennung und Würdigung hätte finden können. 



Strauss. -9 1 

Der Abfall des Werkes liegt tiefer begründet: in der nothwendiger Weise 
sich aufdrängenden Zusammen- und Gegenüberstellung der entzückenden 
musikalischen Eigenart von St. mit den unabweisbaren Anforderungen 
moderner musikalischer Dramatik. Wenngleich er mit diesem Werke sich 
nicht in den von ihm ersehnten Opernhimmel hinaufschwingen konnte, so 
zog er doch auch diese Stätte in den Bannkreis seines Genies. St.'s 
gelungenste Operette »Die Fledermaus« hielt ihren Einzug in den besten Opern- 
häusern von Deutschland und Oesterreich und fand goldig klingende An- 
erkennung, die sich in den Kassenrapporten ausspricht. Die herzbewegenden 
Weisen der »Fledermaus« sind mit einem annehmbaren Scenenvorgang ver- 
knüpft. Ein Literarhistoriker gab ihr sogar den Ehrentitel eines »musikalischen 
Lustspieles« ; ich möchte diese Bezeichnung dahin aufTassen, dass das Spiel 
der Musik höchste Lust erweckt. Es ist unzweifelhaft das beste mit Straussischer 
Musik vereinte Scenenspiel, die vierte in der Reihe seiner Operetten, die 187 1 mit 
den »Lustigen Weibern von Wien« eröffnet wurde. Vor der 1874 componierten 
»Fledermaus« entstanden noch »Indigo« (1871) und »Carneval in Rom« (1873); 
nach der »Fledermaus« folgte eine bunte Reihe von Spielen, von denen «Cagliostro 
in Wien« (1875) im Anschluss an die »Fledermaus« specifisch wienerischen 
Charakter hat, während sich der Componist in anderen nach dem Vorgange 
des »Carneval in Rom« (1873) sich auf italienischen Boden zu stellen suchte, 
so in »Nacht in Venedig« (1883) und wohl auch im »Lustigen Krieg« (1881), 
dann einzelne, welche in gleich äusserlicher Weise französische Allüren an- 
annehmen, wie »Prinz Methusalem« (1877), »Ninette« (1893), dann wieder 
einige, die sich dem Genre der komischen Oper zu nähern suchen, wie »Der 
Zigeunerbaron« (1885, wohl mit Recht die beliebteste Operette neben der 
»Fledermaus«), »Jabuka« (1894) und theilweise »Der Waldmeister« (1895) 
und endlich etliche, in denen der Operettensinn zur Tollkirschen blüthe ge- 
diehen ist, wie »Blindekuh« (1878), »Simplicius« (1887) und »Die Göttin 
der Unvernunft« (mit dem Pseudotitel »Göttin der Vernunft« 1897). Mit 
dem Ballett »Aschenbrödel«, das sich im Nachlass fand, kehrt St. in 
sein Eigengebiet ein, diesmal seine Melodieen nicht auf die Bühne der Welt, 
sondern auf die Welt der Bühne bringend, den Bewegungen von Bühnen- 
figuren anpassend, die in einer Märchenhandlung stumm agieren und durch 
Vermittlung des Orchesters sich deutlich mittheilen dürften. Nach diesen 
Weisen wird wohl in der Folge nicht nur das »Corps de ballet«, sondern 
auch alle Welt tanzen. Wie immer die Titel der Tänze lauten mögen, die 
dann erscheinen, sie werden sicherlich die Menschen körperlich und seelisch 
in Bewegung bringen. Auch musikalisch werden sie — so lässt sich mit 
höchster Wahrscheinlichkeit behaupten — befriedigen und Neues bringen. 
Denn St. gehört noch zu den naiven Musikerseelen, die vom Componisten 
verlangen: »es müsse ihm was einfallen«. In der That bringt jede seiner 
bis zu Opus 477 gestiegenen Einzelcompositionen neue Gedanken, wenngleich, 
wie natürlich, nicht immer gleich wer thige. 

Seinen ersten (nicht veröffentlichten) Walzer nannte er: »Den ersten 
Gedanken«. So könnte man seine Werke nach Gedanken I, II u. s. w. ordnen, 
wirkliche Themen, neue Motive, frische Ideen in stets sich jung erhaltender 
Erfindungskraft. Eine grosse Reihe von Zetteln, die kleine Skizzen enthält, 
ist aus dem Nachlass nunmehr in Mappen geordnet. Würden die einzelnen 
Blätter versteigert, dann könnte gar Mancher aus der langen Reihe unserer 
Operetten- und Tanzcomponisten in der Auctionshalle erscheinen, »brauchte 



9 2 Strauss. 

sich nicht mehr zu sorgen« und müsste nichts mehr borgen. Allein damit 
wäre es doch nicht ganz gethan. St. benutzte diese rasch hingeworfenen 
Ideen als Rohstoff der Verarbeitung und Durcharbeitung, für welche er Mühe 
und Fleiss verwendete. Nach Beendigung eines Werkes unterzog er dasselbe 
je nach Einsicht und Bedarf einer oder auch mehrfachen Umarbeitungen. 
Scheinbar leicht hingeworfen, sind die Straussischen Gebilde doch niet- und 
nagelfest gebaut, nicht im Sinne weit ausgedehnter Thematik oder motivischer 
Verkettung, die hier nicht am Platze wäre, sondern in einer, kunstvollster 
Mosaikarbeit entfernt analogen Art, bei welcher die Theile in einer dem Auge 
unsichtbaren, hier dem geistigen Gehör fast entschwindenden Weise zu einem 
geschlossenen Ganzen vereinigt und verbunden sind. So hat diese Musik ihre 
eigene Technik, ihre eigene Ausdrucksweise, in welcher der Geist der Zeit 
in eigenthümlicher Weise repräsentirt wird. Hier gilt das Wort »Weise« in 
zweifacher Bedeutung: als Melodie und als Ausdrucksart der Epoche. Wenn 
schon Robert Schumann den älteren Strauss als einen Meister ansah, der »in 
seiner Weise einen höchsten Ausdruck seiner Zeit bedeute«, so gilt dies 
künstlerisch potenzirt von des Sohnes Weise. Der Sohn vereinigt den Liebreiz 
der Tänze seines Vaters und den rein melodischen Schwung der Walzer 
Lanners in seinen Schöpfungen zu höherem Gelingen. Diese, die älteren, 
sind der Typus des Wienerthums geblieben; der jüngere St. ist der 
musikalische Repräsentant des Oesterreicherthums geworden. In einzelnen 
Werken specifisch wienerisch, wie in »Wiener Blut«, »Geschichten aus dem 
Wiener Wald«, »Krönungslieder«, »Bei uns z' Haus«, »Morgenblätter«, »Wein, 
Weib und Gesang«, »Freut Euch des Lebens«, »Künstlerleben« und in den 
Lieblingswalzern der Wiener: »Der blauen Donau«, «Myrthenblüthen« (1881 
zur Vermählung des Kronprinzen Rudolf), den »Frühlingsstimmen«, »Kaiser- 
walzer«, »Fledermauswalzer«, hat er Polka und Polka Mazur, welche beide 
slavischen Ursprungs sind, ganz und völlig in den Bereich österreichischer 
Tonkunst hereingezogen, wie schon bei seiner ersten Polka Mazur op. 144 
die Bezeichnung als »La Viennoise« das Richtige trifft. In seinen magyari- 
schen Stücken hat er den Ungarn den künstlerischen Bruderkuss gegeben. 
So bilden seine Compositionen ein einigendes Band um die Völker Oester- 
reichs, entsprechend der Herkunft der in seine Kunst aufgenommenen Elemente 
der Volksmusik der verschiedenen Nationen. Und St. griff noch weiter. 
In der Quadrille zeigt er sich als Beherrscher von Tongebilden romanischen 
Ursprunges. In verschiedenen, in Russland componirten Stücken verwendet 
er mit schönem Gelingen russische Nationalweisen, die eine begeisterte Auf- 
nahme an der Newa fanden. Alles zog er in seiner Weise heran, ohne die 
Wiener, die österreicihsche Eigenart irgendwie aufzugeben. Davor bewahrte 
ihn nicht nur die Macht der Form, sondern vielmehr die Urkraft seiner 
Wiener Musikseele. Auch dort, wo St. sich der neudeutschen Richtung 
nähert, wie in den Einleitungen seiner »Phaenomene« (opus 193), »Nacht- 
falter« (op. 157), »Irrlichter« (op. 218), im »Perpetuum mobile« (opus 257) 
oder in der Coda der »Nordseebilder« (op. 390) bleibt ihm der Wiener völlig 
im Genick sitzen. Und selbst unter den Masken des »Persischen« (op. 283), 
»Egyptischen« (op.335), »Russischen« (op.426) und »Spanischen« Marsches (op. 
433) lugt das Auge des Wieners hervor; sie alle sind Marschkinder des Vaters 
Radetzky (von Johann Strauss senior). Sie reden eine Sprache, die allen 
Menschen verständlich ist, eine Gemeinsprache, ohne gemein zu werden. Mit 
gerechter Befriedigung erklärte St., wie sehr es ihn freue, dass man ihm 



Strauss. VVelti. 



33 



»in der Oper keine Trivialitäten zum Vorwurf gemacht habe«. Ueberall und 
allenthalben bewahrt St. bei aller Intimität und Gemüthlichkeit der Mit- 
theilung eine gewisse Vornehmheit, nie wird seine Musik aufdringlich, wie die 
seiner französischen Kunstgenossen; schon durch die Ideenassociation mit dem 
Cancan wird die moderne Pariser Localtanzmusik trivial, und wenngleich sie 
rhythmisch belebend wirkt, bleibt sie ob des Mangels an musikalischem Gehalt 
leer und dürftig. Die Weisen von St. erzählen uiis von seelischen Vor- 
gängen und erfüllen somit die Mission echter Kunst. Sie pendeln nicht gleich- 
massig im Tactschlage, sondern sind, wie die alten Meister sagen, mit 
»Discretion« zu spielen. Nicht der Fuss des Tänzers meistert sie, sondern 
der bald lebhafte, bald stockende Pulsschlag des Spielers und Hörers bestimmt 
ihren Vortrag. Derselbe wird sich lange in lebendiger Tradition erhalten. 
Unvergessen wird sein Wirken bleiben in der Seele aller musikliebenden 
Nationen als ein dauernder Thatzeuge heiterer Kunst. 

Das genauere biographische Material über Johann Strauss findet sich in: L. Scheyrer 
»J. Str. musikalische Wanderung durchs Leben« (Wien 185 1), dann in den Monographien 
von Kleinecke, Ludwig Eisenberg (Leipzig, Breitkopf & Haertel 1894) und Rudolph 
Freiherr Prochazka (Berlin, Harmonie 1900). 

Guido Adler. 

Welti, Emil, ♦ 23. April 1825 zu Zurzach, f 24. Februar 1899 in 
Bern 1867 — 1891 Mitglied des schweizerischen Bundesraths; 1869, 1872, 
1876, 1880, 1884, 1^91 Schweiz. Bundespräsident. — W. war gebürtig aus 
dem am linken Rheinufer gelegenen aargauischen Flecken Zurzach, im 
15. u. 16. Jahrhundert der bedeutendste Marktplatz der alten Eidgenossenschaft. 
Nach Absolvirung des aargauischen Gymnasiums (1844) besuchte W. die Uni- 
versitäten Jena und Berlin zum Studium der Rechtswissenschaft. In Berlin zog 
er durch sein tüchtiges Wissen die Aufmerksamkeit Puchtas auf sich, der ihn 
zum akademischen Beruf zu bestimmen suchte; sehr imponirte ihm auch Schelling 
namentlich in der Vorlesung über Philosophie der Mythologie. Im Frühjahr 
1847 ^^ d^^ Heimat zurückgekehrt, bestand er mit Auszeichnung das Staats- 
examen, das ihn zur Ausübung der Advocatur befähigte. Da brach im 
November der Sonderbundskrieg aus. W. machte denselben als freiwilliger 
Gemeiner bei der Infanterie mit. Zurückgekehrt widmete er sich der Advocatur 
bis 1852, in welchem Jahre er zum Präsidenten des Bezirksgerichts Zurzach 
gewählt wurde, worauf im April 1856 die Wahl in den aargauischen Regierungs- 
rath erfolgte (oberste vollziehende Behörde des Cantons). Damit trat W. auch 
in das parlamentarische Leben ein, sowohl im aargauischen grossen Rathe, 
als im schweizerischen Ständerath, in den er von jenem im Frühling 1857 ab- 
geordnet ward. (In den Ständerath wählt jeder Canton zwei Vertreter; er 
bildet mit dem vom Volke gewählten Nationalrath die eidg. Bundesver- 
sammlung, d. h. das Schweiz. Parlament.) Im Regierungsrath übernahm W. 
zuerst die Justizdirektion und förderte die Gesetzgebung wesentlich auf dem Ge- 
biete des Straf- und Privatrechts, wie auf demjenigen der Administration. So 
wurde damals das Schwurgericht eingeführt und ebenso verdankt der Canton 
der Initiative W.*s den Bau einer rationellen, den Grundsätzen der Neuzeit ent- 
sprechenden Strafanstalt. Mit dem Jahre 1863 übernahm W. die Erziehungs- 
direction und wurde der Schöpfer zweier Gesetze, die das aargauische Schul- 
wesen auf eine wesentlich höhere Stufe brachten : desjenigen über die Erhöhung 
der Lehrerbesoldungen, sowie eines neuen allgemeinen Schulgesetzes. 

Bio^. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog:. 4. Bd. 9 



34 



Welti. 



Daneben stieg das Ansehen W.'s gewaltig durch seine gedankenreichen, 
formvollendeten Reden, die eine überlegene Intelligenz mit einer reichen 
klassischen Bildung an den Tag legten. Anlass hierzu boten namentlich die 
Verhandlungen des aarg. grossen Raths über die vollständige bürgerliche 
Gleichstellung der Israeliten, sowie über eine Verfassungsrevision, bei welcher 
sich W. energisch aussprach zu Gunsten der Volksvertretung auf Grundlage 
der Seelenzahl und nicht der stimmfähigen Bürger, für Aufhebung des Aus- 
schlusses der Beamten aus dem grossen Rathe, sowie gegen die Einführung 
des Veto. (Facultatives Referendum.) 

Gleichzeitig erwarb sich W. das gleiche Ansehen auf eidgenössischem 
Boden. Im Ständerath, zu dessen einflussreichsten Mitgliedern er bald gehörte, 
bestieg er 1860 und 1866 den Präsidentenstuhl. Zweimal wurde er vom Bundes- 
rath als eidgenössischer Commissär nach Genf abgeordnet, 1860 bei Anlass 
des Savoyer Handels und 1865 infolge von Unruhen anlässlich einer Staats- 
rathswahl. 

Mit Anfang 1867 wurde W. Mitglied des Schweiz. Bundesrathes, wo er, von 
jeher eifriger Soldat, der bis zum Rang eines eidg. Obersten aufgestiegen war, an 
die Spitze des eidg. Militärdepartements trat. Hier führte er die Hinterladerbewaff- 
nung durch und erwarb sich ein hohes Verdienst um die Schweiz. Armee durch 
den Erlass einer neuen Militärorganisation. Erst durch diese wurde ein eigent- 
liches Bundesheer geschaffen im Gegensatz zu der bisherigen, aus cantonalen 
Contingenten bestehenden Armee. Strenge Durchführung der allgemeinen 
Wehrpflicht, verbesserter centralisirter Unterricht, Eintheilung der Armee in 
Territorialdivisionen, jährliche Divisionszusammenzüge, Vorsorge für bessere 
Auswahl der Officiere und Unterofficiere, Neuorganisation des Generalstabs und 
der einzelnen Truppenkörper u. a. m. bildeten die Haupterrungenschaften, 
die sich bisher fast ausnahmlos bewährt haben. Um die Lücken der Aus- 
bildung der Mannschaft gegenüber stehenden Heeren einigermassen auszufüllen, 
wurde in den Schulen vom 14. Altersjahre an der militärische Vorunterricht ein- 
geführt in Verbindung mit dem Turnen und anderen Lehrfächern mit nach- 
heriger Fortsetzung bis zum 20. Altersjahr. 

Ein eben so grosses Verdienst erwarb sich W. um den Bau der Gott- 
hardbahn. Ueber die Nothwendigeit der Erstellung einer direkten Eisenbahn- 
verbindung zwischen Deutschland und Italien durch die Schweiz herrschte in 
den betheiligten Staaten und Kreisen kein Zweifel mehr, nachdem die Brenner- 
und Montcenis - Bahn in Angriff genommen worden; wohl aber über die 
Richtung dieser Alpenbahn, wobei sich schliesslich Lukmanier und Gott- 
hard gegenüberstanden, beide lebhaft angestrebt durch Vereinigungen der 
interessirten Cantone und Bahngesellschaften. Da nach der damaligen 
Gesetzgebung die Eidgenossenschaft als solche eine Bahn weder bauen noch 
betreiben durfte, konnte sie aus eigener Initiative keine Entscheidung herbei- 
führen, sondern diese musste von Deutschland und Italien herkommen. Sie 
erfolgte im Frühjahr 1869 durch die Erklärungen Italiens, des norddeutschen 
Bundes und Badens, wonach diese Staaten nur eine Gotthardbahn Subventioniren 
würden. Da ohne solche Subventionen keine Gesellschaft den Bau einer Alpen- 
bahn übernehmen konnte, wardurch jene Erklärungen die Gotthardbahn gesichert. 
Und da die ausländischen Staaten nur mit der Eidgenossenschaft in Verhandlung 
zu treten, und nur diese die Subventionen zu Händen einer zu gründenden Gesell- 
schaft zu verabfolgen willens waren, war nun der Abschluss von Staatsverträgen 
nöthig und hierzu war unter Ratification der Bundesversammlung nur der 



Welti. 35 

Bundesrath competent. Er konnte nun activ auftreten. W. hatte schon vor 
seinem Eintritt in den Bundesrath der Erstehung einer Gotthardbahn seine 
volle Aufmerksamkeit geschenkt, überzeugt, dass dieselbe von allen Projecten 
infolge ihrer centralen, speciell auch das Tessin direct mit der inneren Schweiz 
verbindenden Lage die grösste Summe schweizerischer politischer und mercantiler 
Interessen auf sich vereinige und für die Eidgenossenschaft ein Postulat aller- 
grösster Wichtigkeit geworden sei. Nach seinem Eintritt in den Bundesrath 
trat er nun mit aller Energie für die Realisirung des Gotthardprojekts ein 
und wenn dieselbe gelang, so kommt das Verdienst neben dem an der Spitze 
der Gotthardvereinigung stehenden Alfred Escher in erster Linie W. zu. Das 
gleiche Verdienst erwarb er sich nachher um die Reconstruction des Unter- 
nehmens, nachdem sich die ursprünglich in Aussicht genommenen Baukosten 
als unzureichend erwiesen und neue Staatsverträge betreffend Erhöhung der 
staatlichen Subventionen geschlossen werden mussten. 

Nebst dem jeweilen mit dem Bundespräsidium verbundenen politischen 
Departement (Dep. des Auswärtigen) hatte W. seit Erlass der Militärorgani- 
sation mit Ausnahme eines einzigen Jahres das Post- und Telegraphen-, 
nachher das Post- und Eisenbahndepartement verwaltet. War schon die 
Gotthardfrage ein lebendiger Beweis für die unzureichende Stellung des 
Bundes in Eisenbahnsachen und war in Folge dessen 1872 das die Compe- 
tenzen des Bundes vermehrende Gesetz über den Bau und den Betrieb der Eisen- 
bahnen erlassen worden, so kam W. in Folge seiner Erfahrungen nach und nach 
zur festen Ueberzeugung, dass die einzig richtige Lösung der Rückkauf der 
Bahnen durch den Bund sei; dies namentlich auch aus dem Grunde, weil 
die übrigen Staaten in Folge des unentgeltlichen Heimfalls der Bahnen oder 
der successiven Amortisation des Capitals aus dem Bahnertrag in die Mög- 
lichkeit versetzt werden, billigere Tarife aufzustellen als da, wo keine Amorti- 
sation stattfindet, wie bei den Schweiz. Bahnen. Und diesem Ziele, dessen 
Erreichung noch eine Menge von Privatinteressen und Schwierigkeiten ent- 
gegenstanden, strebte jetzt W. mit aller Energie zu. Da nach den Concessi- 
onen die Rückkaufssumme gleich war dem 2 5 fachen Werth des durchschnitt- 
lichen Reinertrages der der Rückkaufserklärung vorausgehenden lo Jahre, in 
keinem Falle aber weniger als das ursprüngliche Anlagecapital betragen 
durfte, so musste vorerst dafür gesorgt werden, dass die nach beiden Rich- 
tungen viel zu hoch angesetzten Gesellschaftsrechnungen auf richtige Bilanz- 
grundsätze gestellt und hiernach berichtigt wurden. Diesen Zweck verfolgte 
unter grossem Widerstand der Bahnen das Rechnungsgesetz von 1883. Trotz- 
dem zog aber W. einen vertragsmässigen Rückkauf vor. Ein erster Versuch 
hierzu gegenüber der Nordostbahn scheiterte. Ein den Rückkauf vorberei- 
tender Schritt wurde nachher gegenüber der Jura-Simplonbahn gethan, indem 
der Bund 30000 Prioritätsactien kaufte und später deren Zahl noch vermehrte.' 
Im gleichen Sinn schloss der Bundesrath einen Vertrag ab über Ankauf von 
50000 Centralbahnactien und einen solchen mit der Centralbahn über An- 
kauf des ganzen Unternehmens, sodass die Bundesversammlung die Wahl 
hatte zwischen den beiden Verträgen. Sie ratificirte den zweiten; allein in 
der Volksabstimmung vom 6. December 1891 wurde der Ankauf mit grossem 
Mehr verworfen. Tags darauf reichte W. der Bundesversammlung auf Ende 
des Jahres sein Entlassungsgesuch ein und beharrte auf demselben, ungeachtet 
aller Schritte, auch seitens der Bundesversammlung selbst, ihn zur Rück- 
nahme des Gesuches zu bewegen. 

3* 



36 Welti. 

Trotz oder gerade wegen des Volksverdicts kam nun die Rückkaufs- 
frage erst recht in Fluss und W. erlebte noch die Satisfaction, dass in der 
Volksabstimmung vom 20. Februar 1898 der von ihm angeregte und vor- 
bereitete Rückkauf der Hauptbahnen auf Grund der Concessionsbestimmungen 
mit grossem Mehr beschlossen wurde. 

Der verfügbare Raum erlaubt nicht, näher auf das staatsmännische 
Wirken W.'s einzugehen; wir fügen nur noch bei, dass auch die 1874er 
Revision der Bundesverfassung wesentlich sein Werk war. Speciell trat 
er auch dort, wie von jeher, für volle Glaubens- und Cultusfreiheit ein und 
gegen staatliche Einmischung in innere kirchliche Angelegenheiten, dagegen 
für unbedingten Schutz der bürgerlichen Rechte gegenüber der Kirche und 
Unabhängigkeit dieser Rechte von allen kirchlichen Satzungen. In Folge 
dessen konnte er dem Culturkampf keinen Geschmack abgewinnen und hielt 
denselben für die schweizerischen Verhältnisse für gefährlich und schädlich, 
weil nur zu unfruchtbaren und lähmenden Zerwürfnissen führend. 

Denselben freien Blick bewies W. auch in allen anderen Dingen. (»Einen 
Mann von grossen Ideen und weitem Blick« nannte ihn einmal Stephan.) 
Unbedingt freisinnig und fortschrittlich gesinnt, war und blieb er der geborene 
Staatsmann, sich über den Parteien haltend und nur das Ganze ins Auge 
fassend. Sein unbeugsamer Rechtssinn kannte keine Parteirücksichten. Was 
ihn auf dieser Höhe hielt, war namendich der Umstand, dass W. stets mit 
der Wissenschaft in Berührung blieb. Eine Anzahl von ihm bearbeiteter 
aargauischer Offnungen wurden in Grimm's Weisthümer aufgenommen und ver- 
schafften dem Verfasser seitens der Universität Zürich den Titel eines Doctor 
juris honoris causa. Den alten Sprachen blieb er stets zugethan und er las 
die lateinischen und einen grossen Theil der griechischen Schrittsteller mühe- 
los. Als Mitglied der Schulcommission für das städtische Gymnasium in 
Bern wohnte W. regelmässig zum Beginn seiner Tagesarbeit einer Unterrichts- 
stunde dieser Anstalt bei über alte Sprachen, Mathematik oder Geschichte 
und mehr als einmal kam es vor, dass in Abwesenheit des Lehrers der Herr 
Bundesrath den Catheder bestieg und den Unterricht ertheilte. Diesen 
Studien konnte er nach seinem Rücktritt vom Amte noch mehr Zeit widmen 
und das erleichterte ihm wesentlich sein otium cum dignitate. Den öffent- 
lichen Angelegenheiten schenkte er noch immer sein volles Interesse, schlug 
aber alle ihm dargebotenen öffentlichen Stellungen, wie die Gesandschafts- 
posten in Wien und Rom, sowie die Direction des Centralamtes für inter- 
nationalen Eisenbahntransport aus. Seit 1898 fing aber seine Gesundheit an 
zu schwanken und am 24. Februar 1899 schloss er die Augen. 

Einfach und schlicht, wie er stets gewesen, war auch auf seinen Wunsch 
die Beerdigung. Kein Gepränge, keine Reden, nur ein Lied, am Grabe ge- 
'sungen von den Gymnasialschülern. Aber das ganze Land trauerte um den 
Hinscheid seines führenden Staatsmanns, der, ohne je Popularität zu suchen, 
der populärste Mann geworden war. Hilty's »politisches Jahrbuch« für 1899 
widmete dem Verstorbenen folgende Zeilen: »Der bei weitem grösste Verlust, 
den die Eidgenossenschaft in diesem Jahre erlitt, war der Hinscheid ihres 
bedeutendsten Staatsmannes aus der Zeit nach 1848, Emil Welti von Zurzach. 
Er war ein gebietender Mann, das ist das schöne Wort, dessen hässlichere 
Nuance das Wort »autoritär« ausdrückt. Es braucht aber eben gerade in 
den demokratischen Republiken stets auch solche Leute, die eine natürliche 
Autorität besitzen und das Amt zieren, in den Augen des Volkes erhöhen, 



Welti Guyer-Zcller. 3y 

nicht umgekehrt dies vom Amte fiir sich erwarten müssen. Diese natürliche 
Autorität wird durch keine Stimmzettel verliehen, sie ist eine Legitimation 
von oben her, ein Stück »Gottesgnadenthum« auch in der Republik und die 
einzige wirkliche Berufung zu einem Amte, die niemals fehlgeht.« 

Lausanne, im April 1900. Dr. Hans Weber. 

Guyer-Zeller, Adolf Heinrich, Industrieller und Financier, griechischer 
Generalconsul für die deutsche Schweiz, * i. Mai 1839 in Neuthal bei Bauma 
(Ct. Zürich), f 3. April 1899 in Zürich. — Sein Vater, Johann Rudolf Guyer, 
hatte im Neuthal, einem Seitenthälchen des Tössthales, 1825 eine mechanische 
Baumwollspinnerei gegründet, eine der ersten in der Schweiz. Hier verlebte 
er die erste Jugendzeit und besuchte die Schule des nahen Dorfes Bauma. 
Dann kam er auf die Cantonsschule in Zürich und hörte später am Poly- 
technicum und an der Universität Zürich, nachher auch noch an der Akademie 
Genf verschiedene Vorlesungen. Zu seiner technischen und commerciellen 
Ausbildung ging er 1859 nach Frankreich, von hier nach England und Nord- 
amerika. 1861 wieder in die Heimath zurückgekehrt, machte er 1862 noch 
eine Reise nach Palästina und Aegypten, um sich vom Sommer 1863 an in dem 
väterlichen Geschäfte zu bethätigen, dessen Theilhaber er 1865 wurde. Von 
seinen Mitbürgern wurden ihm die verschiedenen Ehrenämter im Kreise und 
Cantone übertragen, und so war er unter anderem 18 Jahre lang Mitglied 
des Zürcher Cantonsrathes, aus dem er jedoch 1888 seinen Austritt erklärte, 
als ihm auf dem Expropriationsweg zum Zwecke des Baues einer Kirche ein 
wunderbar gelegenes Besitzthum in Zürich-Enge entzogen wurde, obschon 
der Kirchgemeinde andere, ja sogar geschenkte Bauplätze zur Verfügung 
standen, und er hiergegen beim Cantonsrathe keinen Schutz fand. 

Seit seiner Verheirathung im Jahre 1869 nahm er seinen ständigen 
Wohnsitz in Zürich. Seine vielen Reisen hatten ihm, namentlich in volks- 
wirthschaftlicher Beziehung, den Blick erweitert. So erkannte er schon in 
den sechziger Jahren die Bedeutung einer Eisenbahn durch den Arlberg, und 
seit 1870 begeisterte er sich für den Bau der Gotthardbahn. Es war ihm 
klar, dass nach dem Kriege 1870 die beiden wiedererstandenen Staaten 
Deutschland und Italien bei der Reconstruction des Gotthardtbahnunter- 
nehmens Frankreich gegenüber durch Nachsubventionen, an denen sich auch 
die Schweiz betheiligen würde, den Beweis leisten müssten, dass sie fähig 
und stark genug seien, ein gemeinsam begonnenes grosses Werk glücklich zu 
Ende zu führen. G.-Z. war einer von denen, die im Zürcher Oberlande 
über diese Frage öffentliche Vorträge hielten; grossen Erfolg erzielte er 
namentlich auch mit einer Rede im Zürcher Cantonsrathe. In der damals 
herrschenden Entmuthigung bewahrte er Ruhe, und es bewährte sich sein 
Scharfblick. Zum Andenken hieran stellte er der Gotthardtbahn bei ihrer 
Eröffnung einen Fonds von Frs. 50000 zur Verfügung, dessen Erträgnisse für 
hervorragende Leistungen im Betriebsdienste Verwendung finden sollten. 

Ueberhaupt beschäftigte er sich neben seinen anderen Unternehmungen 
(Spinnerei, Weberei, indisches Waarenexportgeschäft) sehr intensiv mit Eisen- 
bahnen. Die financiellen Schwierigkeiten, die sich dem Bau der Gotthardt- 
bahn entgegenstellten, die Krisis, die durch den Bau und nachherigen Zu- 
sammenbruch der Nationalbahn hervorgerufen wurde, hatten eine solche Ent- 
muthigung in der Schweiz hervorgebracht, dass die Schweizer Eisenbahn- 
valoren ganz bedeutend entwerthet wurden, speciell die der Nordostbahn. 



ß8 Guyer-Zeller. 

In dieser Zeit kaufte dagegen G.-Z. grosse Posten dieser Eisenbahnwerthe, 
da er in die Zukunft dieser Bahnen ein unverwüstliches Vertrauen hatte. 

Mit diesem Actienbesitz hatte er sich einen bedeutenden Einfiuss auf 
die Entwicklung der schweizerischen Hauptbahnen gesichert. Als er jedoch 
1889 in der Stelle eines Präsidenten der Revisionskommission der Nordost- 
bahn nicht mehr bestätigt wurde, versicherte er sich des Beistandes einiger 
Grossactionäre und setzte seinen Willen wiederholt in den Generalversamm- 
lungen der Actionäre gegenüber den Anträgen der Verwaltung durch; er sah 
sich sodann veranlasst, im Juni 1894 die Direction und die Verwaltung der 
Nordostbahn insgesammt abzuberufen, weil er die gedeihliche Fortentwicklung 
dieser Bahngesellschaft, für gelährdet erachtete. Eine solche in der Sch^veiz 
bis anhier ungewohnte Machtäusserung eines Einzelnen rief lebhafte Proteste 
her\'or; die eidgenössischen Räthe befassten sich mit der Angelegenheit, und 
die gestürzte Verwaltung brachte es dazu, dass ein besonderes Bundesgesetz 
betr. das Stimmrecht der Actionäre von Eisenbahngesellschaften (vom 
28. Juni 1895) erlassen wurde. Aber der auf Grund dieses Gesetzes erhoffte 
Sturz G.-Z.*s blieb aus, und die Nordostbahn gedieh unter der neuen Leitung 
besser als früher. Die gegen die Eisenbahngesellschaften in weiten Volks- 
kreisen erzeugte feindliche Stimmung wurde des fernem benutzt zum Erlass 
eines Rechnungsgesetzes (am 27. März 1896), wodurch man einerseits den für 
den Fall der Verstaatlichung der Bahnen zu bezahlenden Kaufpreis herabzu- 
drücken bestrebt war und andererseits die in den Concessionen vorgesehenen 
Schiedsgerichte eliminirte. Mit Unrecht hat man G.-Z. für den im März 1897 
bei der Nordostbahn infolge der Lohnbewegung erfolgten Strike verant- 
wortlich machen wollen; aber die hierdurch geschaffene Stimmung erleichterte 
das Zustandekommen des Eisenbahnverstaatlichungsgesetzes vom 15. Oct. 1897 
und dessen Annahme in der Volksabstimmung. Uebrigens begrüsste G.-Z. 
selber das Gesetz über die Verstaatlichung der Bahnen, da dadurch eine von 
ihm längst in Wort und Schrift energisch vertretene Idee verwirklicht wurde; 
freilich befürwortete er den sog. freihändigen Rückkauf und nicht den auf 
dem Wege endloser Prozesse zu erreichenden concessionsgemässen. Die 
Stimmung weiter Schichten der Bevölkerung wurde gegenüber der Nordost- 
bahn wieder eine freundliche, als man die vielen Verkehrserleichterungen 
sah, die rasch nach einander von der von G.-Z. geleiteten Verwaltung ein- 
geführt wurden: zehntägige Giltigkeit der Retourbillets, Einführung der 
Generalabonnements, Erstellung eines neuen Güterbahnhofes in Zürich, Um- 
bau der Bahnhöfe Zürich, Winterthur, Schaff hausen u. a. m. 

Auf dem Gebiete des schweizerischen Eisenbahnwesens bethätigte sich 
G.-Z. ausser bei der Nordostbahn namentlich noch nach drei anderen Rich- 
tungen hin: Nebenbahnen, Engadin — Orientbahn, Jungfraubahn. Er hielt die 
Zeit für gekommen, in der man auch jenen Landgegenden, die noch keine 
Eisenbahnen besitzen, den Segen dieser Verkehrserleichterung zu Theil 
werden lassen muss. Als Vorbild schwebte ihm dabei Deutschland vor. Vor 
der Verstaatlichung der Hauptbahnen sollten indessen die Privatgesellschaften 
in Verbindung mit den Cantonen und den betreffenden Landgegenden für 
den Ausbau der Schienenwege thätig sein und zwar könnten die grossen 
Privatbahngesellschaften für Nebenbahnen ihres Rayons erhebliche Opfer 
bringen, wenn sie dafür von der Bundesregierung etwa in der Weise ent- 
lastet würden, dass die ihnen obliegenden jährlichen Amortisationen (für die 
sog. amortisirbaren Verwendungen) um den Betrag verringert würden, den die 



Guyer-Zeller. 3 n 

Verzinsung der auf die Nebenbahnen seitens der Gesellschaften verwendeten 
Subventionen erfordert. Diese G.-Z. Idee der »Amortisationsklausel« wurde 
indessen von den Behörden vollständig ignorirt, obgleich deren Urheber sie 
in einer auf den 9. Febr. 1896 nach Zürich einberufenen etwa von 200 Inter- 
essenten besuchten öflfentlichen Versammlung mit Erfolg vertrat. Dieser Ver- 
sammlung legte er eine Liste der damals bestehenden Projecte normal- 
spuriger Nebenbahnen vor, die nicht weniger als 48 Linien mit zusammen 
etwa 950 km. und einem Kostenvoranschlag von über 100 Mill. Frcs. umfasste. 
Diese Versammlung setzte eine Commission nieder, die den Auftrag erhielt 
und auch durchführte, bei den Bundesbehörden auf den Erlass eines Gesetzes zu 
dringen, welches den Bau von Nebenbahnen fördern sollte. Seine Nebenbahnen- 
ideen hat G.-Z. an einem Beispiel selbst verwirklicht, indem er die Nordostbahn 
veranlasste, die Linie Uerikon — Bauma (directe Verbindung zwischen Zürichsee 
und dem Zürcheroberland), um deren Zustandekommen er sich seit Jahrzehnten 
bemühte, mit einem Dritttheil der Gesammtkosten zu Subventioniren. Wenn sich 
die Eidgenossenschaft auch heute noch sehr ablehnend gegen die financielle Unter- 
stützung der Nebenbahnen verhält, so ist dies dagegen nicht der Fall seitens 
einiger Cantone, die die Bedeutung derselben zu würdigen verstehen. 

Durch die Engadin — Orientbahn (Chur— Tiefenkasten — Albula — Engadin — 
Ofenberg — Münster — Meran) sollte das noch fehlende Stück zu einer directen 
über Zürich führenden Eisenbahnverbindung Calais — Constantinopel erstellt 
werden. Die Arbeiten, die G.-Z. für dieses Project ausarbeiten Hess, behalten 
ihren bleibenden Werth, auch wenn die Bundesbehörden sich begnügten mit der 
Subventionirung eines Schmalspurbahnnetzes im Canton Graubünden, wodurch 
allerdings die Ausführung eines Ostalpendurchstiches in der Schweiz auf Gene- 
rationen hinaus verunmöglicht ist, zum grössten Schaden für Graubünden. 

G.-Z.*s Lieblingsproject war seit 1893 die Jungfraubahn, deren Trace er selbst 
festgestellt hat. Mit seltener Hingebung und Opferwilligkeit widmete er sich dieser 
Unternehmung, bei deren Ausführung Vorurtheile aller Art zu bekämpfen waren. 
Er baute daher die ersten Theilstücke der Bahn, Kl. Scheidegg— Eigergletscher— 
Rotstockschlucht nebst dem Wasserwerk Lauterbrunnen ganz aus eigenen 
Mitteln, und er hatte die Freude, am 19. Sept. 1898, im Beisein von etwa 
450 von ihm geladenen Gästen, die erste Section dem Betrieb zu übergeben. 

Sein Weitblick in Eisenbahnfragen beweist auch die seiner Broschüre 
»Der Türkenherrschaft Ende« beigegebene zweite Karte. 

G.-Z., körperlich eine Hünengestalt, ragte auch geistig über die Meisten 
weit hinaus. Er besass eine ungewöhnliche Arbeitskraft und eine seltene 
Combinationsgabe; er war eine eigenartige Natur; mit seinem geradezu 
genialen Geschäftssinn paarte sich ein starker Hang zur Romantik, mit Zügen 
scheinbarer Härte eine grosse Tiefe und Weichheit des Gemüthes, mit 
Aeusserungen unbeugsamen Willens unleugbare Grossmuth und weitgehende 
Freigebigkeit und Wohlthätigkeit. Persönlich strenggläubig (protestantisch), 
der Tradition in seiner Familie folgend, war er sehr duldsam gegen andere 
Anschauungen, Stolz war ihm völlig fremd; im Umgang mit dem Niedrigsten 
war er ebenso freundlich und leutselig, wie er im Verkehr mit Hochgestellten 
gewandt war. Eine Herzlähmung raffte ihn am 3. April 1899 mitten aus 
seiner rastlosen Thätigkeit und aus seinen Projecten und Plänen plötzlich 
hinweg. Seine Leiche wurde, seinem Wunsche gemäss, neben denjenigen 
seiner Eltern auf dem Friedhofe seines Heimathdorfes Bauma beigesetzt. 

V. Salis. 



40 Riggenbach. 

Riggenbach, Nikiaus, * 21. Mai 18 17 zu Gebweiler, f 25. Juli 1899 in 
Aarau, Sohn des Fabrikanten Nikiaus Riggenbach-Landerer, dessen Familie 
ursprünglich von Rtinenburg Ct. Baselland stammt, verlebte er in seinem 
Heimatsort im Kreise zahlreicher Geschwister eine freundliche und anfänglich 
sorgenlose Jugendzeit. Bald aber brachte geschäftliche Krisis und der frühe 
Hinschied des Vaters schweres Verhängniss über die Familie. Der älteste Sohn 
Nikiaus kam mit der Mutter nach Basel und wurde zum Kaufmann bestimmt; 
er sollte dereinst seiner Mutter, welche eine Specereihandlung gegründet hatte, 
helfend zur Seite stehen. Allein es zog den jungen Handelslehrling immer 
weiter von der Schreibstube zu den Maschinen, bis er seinen Lieblingswunsch, 
sich der Technik widmen zu dürfen, erfüllt sah. Unter grossen äusseren 
Schwierigkeiten machte er in Basel die Lehre durch und arbeitete nachher 
in Lyon und Paris. Neben seinem Berufe war er eifrig bemüht, durch Privat- 
studien seine allgemeine und fachliche Bildung zu erweitern. In Paris sah R. 
den ersten Eisenbahnzug und das machte auf ihn solchen Eindruck, dass er 
den festen Entschluss fasste, sich dem Eisenbahnfache und speciell dem Baue 
von Lokomotiven zu widmen. — Im Jahre 1840 kam er nach Karlsruhe in 
die Kesslersche Maschinenfabrik und blieb daselbst mit kurzer Unterbrechung 
zehn Jahre lang in verschiedenen Stellungen. Für die erste in Deutschland 
fabricirte Lokomotive fertigte er eigenhändig die meisten Peräcisionsarbeiten 
an, auch führte er die erste für die Schweiz bestimmte Lokomotive auf deren 
Probefahrt von Zürich nach Baden. — Anfangs der fünfziger Jahre wurde R. 
vom Directorium der neugegründeten Centralbahngesellschaft zum Chef der in 
Ölten errichteten Maschinenwerkstätte gewählt. Gerne folgte er dem Rufe, 
da es ihn nach seiner Verehelichung mit Emma Socin von Basel und nach den 
Stürmen des Jahres 1848 nach der Schweiz zog. Nach Studienreisen in 
England und Oesterreich siedelte er 1856 nach Ölten und füllte hier während 
zwei Jahrzehnten in hervorragender Weise seine neue Stellung aus. — Sein Ehrgeiz 
war darauf gerichtet, die Wohlthaten der Eisenbahnen nicht nur dem flachen 
Lande, sondern auch der Gebirgswelt zu sichern. Sein erfinderischer Geist 
und seine zähe Ausdauer wussten alle Schwierigkeiten zu überwinden, so dass 
schon im Frühjahr 187 1 die nach seinen Ideen erbaute Vitznau — Rigibahn 
als erste europäische Bergbahn dem Betriebe übergeben werden konnte. Das 
technische Gelingen dieses für damalige Verhältnisse grossartigen Werkes trug 
R.'s Namen in alle Welt hinaus. — In der Folge schied der mit einem Schlage 
berühmt gewordene Ingenieur aus dem Dienste der Schweizer. Centralbahn 
aus, um sich ganz der weitern Vervollkommnung, sowie der praktischen 
Verwerthung seiner Erfindung zu widmen. Er errichtete, zusammen mit capital- 
kräftigen Freunden, die Gesellschaft der internationalen Bergbahnen mit Sitz 
und Werkstätten in Aarau. Doch die Gründung fiel in eine Periode wirth- 
schaftlichen Niedergangs, wie sie seit den siebziger Jahren nicht erlebt worden 
ist, und das junge Unternehmen fiel der Ungunst der Zeit zum Opfer. — 
R. eröffnete nun in Ölten ein Privatbureau und schon nach wenigen Jahren 
liefen zu seiner Genugthuung die Bestellungen aus dem Auslande in grosser 
Zahl ein. Zum Studium der Projecte durchstreifte er alle Welttheile, nur 
Australien ausgenommen. Ueber 25 Bergbahnen wurden nach seinem System 
gebaut und viele Ehrungen wurden dem bescheidenen »alten Mechaniker«, 
wie er sich selbst nannte, zu Theil. In drei Gemeinden (Aarau, Ölten, Trimbach) 
wurde er Ehrenbürger und zahlreiche Gesellschaften ernannten ihn zum Ehren- 
mitgliede. — In anziehender Weise hat er, gedrängt von seinen Freunden, 



Riggenbach. Eiben. ^i 

seinen Lebensgang in der »Erinnerungen eines alten Mechanikers« nieder- 
gelegt. — Das Städtchen Ölten, wo er so lange gewirkt hat, und wo er wegen 
seiner umfassenden Thätigkeit und Gemeinnützigkeit hochgeehrt und allgemein 
geliebt wurde, war ihm zur zweiten Heimat geworden. »Nur hier kann ich 
gedeihen, nur hier geht es mir gut, hier will ich leben, sterben und begraben 
sein«, pflegte er oft zu sagen. — Die letzten Jahre seines so verdienstvollen 
und erfolgreichen Lebens wurden schmerzlich getrübt durch den Tod seines 
einzigen Sohnes. Er selbst starb, nachdem er kurz vorher seine treue Lebens- 
gefährtin verloren hatte. 

Zum Andenken an Herrn Nikiaus Riggenbach, Ingenieur. Ölten 1899. Erinnerungen 
eines alten Mechanikers. Basel 1887. 

August Tuchschmid. 



Eiben, Dr. Hermann Otto Karl, Journalist und Politiker, * 30. Januar 1823 
zu Stuttgart, f 28. April 1899 daselbst. — Er war der Sohn Karl Elbens 
und der Wilhelmine, Tochter des Suttgarter Hofpredigers, Studienrathsdirectors 
und Oberconsistorialraths Süskind. Karl £. stand als leitender Redacteur an 
der Spitze des Schwäbischen Merkurs, und sein Vater, Christian Gottfried 
Eiben, hatte einst in Verbindung mit der Druckerei der hohen Karlsschule 
jene von ihm begründete Zeitung zu Ansehen gebracht. — Otto E. dankte 
seine Schulbildung dem Stuttgarter Gymnasium, an dem damals Gustav Schwab, 
Georg von Reinbeck und andere Männer von Rang und Ruf wirkten. Eine 
Zeit lang war er mit einigen Mitschülern zum abendlichen Unterrichte im 
Schlosse zugezogen, der dort dem Kronprinzen Karl von Württemberg ertheilt 
wurde. Die Liebe des heranreifenden Jünglings bildete der Turnplatz: er 
spielte in der freiwilligen Stuttgarter Turngesellschaft eine Rolle und genoss 
die unschuldigen Freuden ausgedehnter Tumfahrten. Nachdem er das Gym- 
nasium durchlaufen hatte, erlernte er 1840 im rühmlich bekannten Verlags- 
geschäfte von Karl Bädeker zu Koblenz den Buchhandel. Dann studirte er 
von 1841 bis 1844 in Tübingen Rechtswissenschaft und daneben allgemein 
bildende Fächer. Er suchte seine Freunde auf dem Turnplatz, in der von 
Silcher geleiteten Liedertafel, im Oratorienverein. Einen besonders innigen 
Bund, der das ganze Leben dauern sollte, schloss er mit dem bekannten 
nachmaligen Stuttgarter Musik- und Conservatoriums-Director Immanuel Faisst 
und mit dem 1900 als hohem württembergischen Würdenträger verstorbenen 
Theodor Köstlin. Das Sommer 1843 i^ Tübingen gefeierte Liederfest war 
hauptsächlich E.'s Werk. 

Nach erstandenem ersten Examen verbrachte er die nächsten Jahre als 
Justizreferendar in Esslingen und Stuttgart, doctorirte 1845 mit einer rechts- 
historischen Abhandlung über die »absolutio ab instantia«, eine längst be- 
seitigte Einrichtung, die damals die öffentliche Meinung lebhaft beschäftigte, 
und unterzog sich Frühjahr 1846 mit Erfolg der höheren Justizprüfung. Im 
Juni desselben Jahres trat er zur Vollendung seiner Ausbildung eine grosse 
Reise an, die ihn zunächst nach Leipzig, Dresden, Berlin und über Rügen 
nach Dänemark und Schleswig-Holstein führte. Hier stürzte er sich mitten 
in die politische Bewegung, knüpfte zu den Vorkämpfern der deutsch- 
nationalen Richtung Beziehungen an, sandte Berichte an den Merkur und 
übertrug dadurch die eigene Begeisterung für den gefährdeten Bruderstamm 
im deutschen Norden auf viele seiner schwäbischen Landsleute. Dann ging 



A2 Eiben. 

es nach Belgien und Frankreich, in Paris wurde ein fast fünfmonatlicher 
Aufenthalt genonmien, hierauf England, Schottland, Spanien und Portugal 
besucht, von Gibraltar aus ein Abstecher nach Nordafrika gemacht, schliess- 
lich noch ganz Italien bereist. — Der mit vielfältigen neuen Eindrücken und 
reichen Erfahrungen Heimgekehrte trat im October 1847 i" ^^^ Redaction 
des Schwäbischen Merkurs ein; dass er sich zugleich unter die Stuttgarter 
Advocaten aufnehmen Hess, war mehr Sache der Form, lieber ein halbes 
Jahrhundert hat E. jener angesehenen Zeitung gedient, der er in den grössten 
Epochen der deutschen Geschichte den Stempel seines Geistes aufgedrückt 
hat. 1854 nach dem Tode seines Vaters rückte er in die führende Stelle 
vor und zeichnete bis 1887 als verantwortlicher Redacteur. Die Oberleitung 
behielt er bis kurz vor seinem Tode bei, obgleich ihn in den letzten Lebens- 
jahren körperliches Leiden von den Redactionsräumen völlig fem hielt. Er 
hat seinen Stolz darein gesetzt, seine Zeitung gleichermaassen in Unab- 
hängigkeit von der Regierung und von den Parteien zu halten. Früher 
hatte die württembergische Regierung aus Mangel an einem eigenen Organe 
nicht selten den Merkur zur Vertretung ihrer Anschauungen gedrängt; dies 
hörte auf, seitdem 1850 ein »Staats-Anzeiger für Württemberg« ins Leben 
gerufen wurde. E. widersetzte sich dem ursprünglich bestehenden Plane, 
den Staatsanzeiger als Beiblatt dem Merkur anzugliedern. Ebenso wenig ist 
das Blatt jemals officielles Parteiorgan geworden, so nahe es der Deutschen 
Partei stand, und so sehr es nationalliberale Gedanken und Gesinnungen 
vertrat. E. hat die schwere Kunst verstanden, seinem Journale stets eine 
objective, vornehme Haltung zu wahren und es rein zu halten von persön- 
lichen Angriffen oder Verdächtigungen, vom Klatsche jeder Art. Allerdings 
hat das rühmliche Streben nach besonnener Mässigung naturgemäss eine 
entschiedene und kühne Sprache manchmal auch da, wo sie am Platze ge- 
wesen wäre, zurückgedrängt. Mit aller wünschenswerthen Bestimmtheit ist 
dagegen E. stets in den grossen Fragen der nationalen Politik aufgetreten. 
Hierin liegt sein und seines Blattes eigenthümliches Verdienst während der 
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Fürsorge beschränkte sich nicht 
auf den politischen Theil seiner Zeitung. Er pflegte darin namentlich das ge- 
sammte Gebiet der württembergischen Kultur, legte auf gute populär- wissen- 
schaftliche Aufsätze historischen, literarischen, biographischen Inhalts grossen 
Werth, vergönnte der Länder- und Völkerkunde weiten Spielraum. Aus 
seiner eigenen Feder ist ausser politischen Artikeln mancherlei geflossen: er 
widmete zahlreichen verstorbenen Landsleuten Nachrufe, berichtete gerne 
über seine Reisen u. s. w. Bis kurz an sein Ende blieb er Mitarbeiter des 
Blattes. Gegen das landläufige Feuilleton mit täglicher homöopathischen 
Romandosis sträubte er sich zeitlebens; erst neuerdings hat sich der Merkur 
durch die zunehmende Concurrenz genöthigt gesehen, dem Geschmacke des 
Publicums diese Conzession zu machen. Schliesslich ist E. aus Anlass des 
hundertjährigen Bestehens seines Blattes auch dessen Geschichtschreiber ge- 
worden, indem er eine »Geschichte des Schwäbischen Merkurs 1785 — 1885« 
(Stuttgart 1885) herausgab. 

Ein halbes Jahr nach seiner dauernden Niederlassung in Stuttgart be- 
gründete E. einen eigenen Hausstand. Schon als Student hatte er Sophie 
Kapff, die Tochter des damaligen Oberamtsrichters in Rottenburg, kennen 
gelernt; Herbst 1845 hatte er sich mit ihr verlobt. Am 2. März 1848 fand 
die Hochzeit in Münsingen statt, wohin der Vater der Braut inzwischen ver- 



Eiben. 



43 



setzt worden war. Die Ehe war mit 6 Kindern, 3 Söhnen und 3 Töchtern, 
gesegnet; von den letzteren musste E. eine nach ihrer Verheirathung ins 
Grab sinken sehen. Ein grosser Kreis von Enkeln und Urenkeln sammelte 
sich allmählich um das Familienoberhaupt. 1898 durfte E. mit der Gattin, 
die ihn überlebt hat, das Fest der Goldenen Hochzeit begehen, womit er 
die Feier seines fünfzigjährigen Berufs] ubiiäums verband. Seine Häuslichkeit 
war durch Gastfreundschaft und Geselligkeit und in Verbindung damit durch 
die Pflege edler Musik belebt. 

Kehren wir nun zu den Anlangen der öffentlichen Thätigkeit E.'s zu- 
rück! Das Jahr 1848 eröffnete ihm alsbald ein reiches Feld der Wirksamkeit. 
Er stand auf entschieden liberalem Standpunkt, und als er zwischen dem 
Vaterländischen Vereine und dem Volksvereine zu wählen hatte, ging er mit 
der Mehrzahl der jüngeren Generation zu letzterem. 1849 wirkte er nach 
Kräften für die Reichsverfassung. In den Jahren der Reaction hielt er mit 
seiner Zeitung das liberale Banner hoch; in den volkswirthschaftlichen Fragen 
folgte er hauptsächlich seinem grossen Landsmanne Friedrich List. Herbst 1859 
war er bei Gründung des Nationalvereins in Frankfurt anwesend. Seit Ende 
1863 trat er kraftvoll für das bedrängte Schleswig-Holstein ein, nicht nur 
im Schwäbischen Merkur, sondern auch in Vorträgen, Flugschriften, Aufrufen, 
Volksversammlungen. Sommer 1864 begab er sich selbst nach Schleswig- 
Holstein und erlebte dort den Schluss des Befreiungs Werkes. Im Jahre 1866 
war er für Neutralität, nach der Schlacht bei Königgrätz für sofortigen 
Friedensschluss. Im August 1866 wirkte er an der Gründung der Deutschen 
Partei Württembergs mit, die sich engsten Anschluss an den Norddeutschen 
Bund zum Ziele setzte. Er kämpfte für diese Idee gegen die Volkspartei, 
mit der eine Zeit lang noch die württembergische Regierung Hand in Hand 
ging. Dieser Coalition unterlag E., wie seine übrigen Gesinnungsgenossen, 
bei den Zollparlamentswahlen 1868; er hatte im 14. Wahlkreis (Böblingen, 
Calw u. s. w.) candidirt. Dagegen wurde er im selben Jahre vom Oberamt 
Böblingen ohne Wahlkampf in den württembergischen Landtag gewählt, dem 
er bis 1882 angehörte. Zunächst standen hier die allgemein deutschen An- 
gelegenheiten im Vordergrund. E. warf natürlich auch in der Kammer seinen 
ganzen Einfluss zu Gunsten der preussischen Hegemonie in die Waagschale 
und bekämpfte die wieder auftauchenden Südbundphantasien. Dann kam die 
Zeit, da die Saat herrlich aufging. Am 28. Juli 1870 wurde E. vom Kron- 
prinzen Friedrich Wilhelm von Preussen im Stuttgarter Schloss empfangen. Im 
August liess er Bismarck eine Denkschrift über »Das Ziel des Krieges von 1870 
und Württemberg« überreichen, worin er die Noth wendigkeit darlegte, die 
deutsche Frage sofort zum Ziele zu führen. Im Merkur, in Zeitungsartikeln, in Flug- 
schriften, in der Kammer verfocht er denselben Standpunkt. Bei der grossen 
Volksversammlung vom 3. September in der Stuttgarter Liederhalle zu Gunsten 
der Errichtung des neuen Reiches hatte er die Berichterstattung. Mit den 
nationalen Führern in den übrigen deutschen Landestheilen unterhielt er 
fortgesetzte Verbindung. Dass E. auch nach gekröntem Werke sich die 
Pflege ' des nationalen Geistes angelegen sein liess, bedarf kaum der Er- 
wähnung; insbesondere befürwortete er stets mit Nachdruck die Gewährung 
aller nöthigen Mittel zur Sicherung des Reiches und seiner Grossmachtstellung. 

Es war eine wohlverdiente Anerkennung seiner Leistungen, dass er vom 
4. württembergischen Wahlkreis (Böblingen -Leonberg -Maulbronn -Vaihingen) 
in den ersten deutschen Reichstag entsandt wurde. Er schloss sich natürlich 



44 



Eiben. 



der nationalliberalen Partei an. Er sprach zu verschiedenen Gegenständen, 
namentlich zu Fragen des Verkehrswesens. Am Zustandekommen des Reichs- 
eisenbahnamtes hatte er betiächtlichen Antheil. Im Januar 1874 wurde ihm 
das Mandat erneuert. Für das Pressgesetz war er in Commission und Plenum 
thätig. Dann griff er den Bismarck 'sehen Gedanken der Reichseisenbahnen 
auf, tür den er den württembergischen Landtag vergeblich zu gewinnen 
suchte, und bereitete mit einigen nationalliberalen Freunden ein Reichseisen- 
bahngesetz vor. 1876 Hess er auch eine Schrift über »Die Reichsbahn und 
die Mittelstaaten« erscheinen. Seine Haltung in dieser Frage machte ihn 
nicht blos allen Partikularisten, sondern auch der württembergischen Re- 
gierung unbequem. Bei den Reichstagswahlen im Janur 1877 wurde der 
»Unitarier« von den verschiedensten Seiten bekämpft und blieb so in der 
Minderheit. 

In der württembergischen Kammer war E. Jahre lang Berichterstatter 
der volkswirthschaftlichefi Commission fast für alle Vorlagen des öffentlichen 
Verkehrs. Sein Lieblingsthema, dem er eingehendes Studium zuwandte, war 
der Eisenbahnbau. Den langen, heissen Kampf um die Böblinger Bahn mit 
Anschluss an Schwarzwald und Schweiz führte er siegreich durch. Schon 1865 
hatte er darüber eine Denkschrift, »Die Schwarzwaldbahnen über Leon- 
berg oder Böblingen?« veröffentlicht. Im Juni 1874 drang er endgiltig durch. 
Die Stadt Böblingen ernannte ihn zum schuldigen Danke zu ihrem Ehren- 
bürger. Desgleichen erwarb er sich 1876 um die Herstellung der Bahnlinie 
Kisslegg -Wangen Verdienste und wurde Ehrenbürger der Stadt Wangen. 
In den folgenden Jahren wandte er namentlich auf die Secundärbahnen seine 
Aufmerksamkeit; 1880 gab er eine Broschüre »Württemberg und die Neben- 
bahnen« heraus. 1882 verzichtete er wegen Abnahme des Gehörs auf die 
Wiederwahl in den Landtag. 

In den fünfziger Jahren sass E. im Stuttgarter Bürgerausschuss, gehörte 
femer eine Zeit lang dem Ausschuss des dortigen Gewerbevereins an. Auch 
sonst war er an mancherlei Vereinen und Gesellschaften, Unternehmungen 
und Gründungen betheiligt; es würde zu weit führen, dieser einzeln zu ge- 
denken. Nur seine Beziehungen zum deutschen Männergesang müssen ein- 
gehender behandelt werden. E. war von jeher ein warmer Freund der 
Musik, insbesondere des deutschen Lieds; Franz Schubert war sein erklärter 
Liebling. Mit Nachdruck betonte er dabei die politisch-nationale Bedeutung 
des Gesanges und der Gesangsvereine, in denen er Horte des freien deutschen 
Bürgerthums erblickte. Das deutsche Lied sollte nach seiner idealen Auf- 
fassung ein einigendes Band um alle deutschen Stämme schlingen. Schon 
1855 verfasste er eine Schrift, »Der volksthümliche deutsche Männergesang, 
seine Geschichte, seine gesellschaftliche und nationale Bedeutung«, die 1887 
eine Neuauflage erlebte. — In den Stuttgarter Liederkranz liess sich E. 1848 
als Sänger aufnehmen. Ein Vierteljahrhundert lang wirkte er im Ausschuss. 
Lebhaft betheiligte er sich am Schillerkultus des Liederkranzes, an den 
jährlich wiederkehrenden Schillerfesten, besonders am grossen vom No- 
vember 1859, wo er Schriftführer des Festausschusses war. Wiederholt trat 
er damals wie bei sonstigen Gelegenheiten als Festredner auf. 1859 liess 
er auch die Schrift »Das Schillerfest in Schillers Heimath Stuttgart, Lud- 
wigsburg und Marbach, den 9., 10. und 11. November 1859« erscheinen. 
Um die Erbauung der Stuttgarter Liederhalle erwarb er sich grosse Verdienste. 
1874 beim fünfzigjährigen Jubiläum des Liederkranzes wurde er zum Ehren- 



Eiben. Morf. 



45 



mitgliede ernannt. Aus Anlass von dessen siebenzigjährigem Bestehen widmete 
er ihm 1894 die Festschrift »Erinnerungen aus der Geschichte des Stutt- 
garter Liederkranzes«. — Bei Begründung eines Schwäbischen Sängerbundes 
im Jahre 1849 stand E. in vorderster Linie. Er wurde Schriftführer im 
fünfgliederigen Ausschuss, 1866 Präsident, 1892 Ehrenpräsident, nachdem er 
aus Gesundheitsrücksichten vom Amte des Bundespräsidenten zurückgetreten 
war. Kaum jemals fehlte er bei einem Feste. Häuüg reiste er als Vertreter 
seines Bundes zu auswärtigen Sängertagen. Insbesondere pflegte er die Be- 
ziehungen zu den Schweizer und österreichischen Gesangsvereinen. Eifrig 
bemühte sich E. um die Gründung eines allgemeinen deutschen Sänger- 
bundes, die unter seinem Vorsitz im September 1862 zu Coburg stattfand. 
Der Schwäbische Sängerbund, der zuerst die wechselnde Geschäftsführung 
innehatte, bereitete das erste grosse Sängerfest vor, das 1865 in Dresden 
gefeiert wurde, und E. hatte auch hieran hervorragenden Antheil. Fünfmal 
wurde ihm später der Vorsitz auf deutschen Sängertagen übertragen. Als 
1896 Stuttgart Feststadt war, musste der Leidende sich völlig zurückhalten. 
Der deutsche Sängerbund ernannte den in Sängerkreisen allgemein bekannten 
und beliebten Greis zu seinem ersten Ehrenmitgliede. 

Am Schlüsse des Winters 1898/99 ging E.'s Leiden in die letzte schwere 
Krankheit über. Bei seinem Tode brachten zahllose Kundgebungen aus den 
verschiedensten Kreisen die Anerkennung, die sein erfolgreiches öffentliches 
Wirken, die Sympathien, die seine lautere und charaktervolle Persönlichkeit 
gefunden hatte, zn deutlicher Anschauung. Am ersten Tage des Wonne- 
monds wurde er unter den gebührenden Ehren zur letzten Ruhe bestattet. 

Ausftthrlicher Nekrolog in der Schwäbischen Kronik vom 15., 17., 19. und 
22. Juli 1899 No. 325, 327, 331, 337 (auch Sonderdruck unter dem Titel »Zur Er- 
innerung an Dr. Otto Eiben«, Stuttgart, Druck von W. Kohlhammer, 1899); vergl. ferner 
Schwab. Kronik vom 28. April 1899 No. 194, vom i. Mai 1899 No. 198 (Leichenfeier), 
Staats- Anzeiger für Wtirttemberg vom 28. April 1899 No. 97, (Stuttgarter; Neues Tag- 
blatt vom selben Tag No. 98, Frankfurter Journal vom 29. April 1899 No. 200, Köl- 
nische Zeitung vom selben Tag No. 330, Mttnchener Neueste Nachrichten vom 2. Mai 1899, 
No. 203, Hamburger Nachrichten vom 29. April No. 100 Abendausgabe und vom 
30. April No. loi Morgenausgabe, Nationalliberale Correspondenz vom 28. April 1899, 
Tägliche Illinois Staats- Zeitung vom 2. Mai 1899 No. 104, Zeitung des Vereins Deutscher 
Eisenbahn- Ve rwaltungen vom 3. Mai und 23. August 1899 ^o. 34 und 64, Deutsche 
Kunst- und Musik-Zeitung 1899 No. 9 und 10. — Der Briefwechsel Lasker's aus den 
Jahren 1870/71 in der Deutschen Revue 1892 enthält auch Schreiben von und an Eiben. 

Rudolf Krauss. 



Morfy- Heinrich Dr., * 6. September 18 18, f 28. Februar 1899; verdienter 
Schulmann und Armenerzieher, Verfasser des grundlegenden Quellenwerks 
«Zur Biographie Pestalozzis« und einer grossen Anzahl sehr werthvoUer päda- 
gogischer Monographien. — M. entstammte einer wohlhabenden und kinder- 
reichen Bauemfamilie und verlebte Kindheit und Knabenjahre in Breite, 
einem zürcherischen Dörfchen an der Heerstrasse, die sich vom Bodensee 
zum Genfersee hinzieht. Am eigenen Leibe erfuhr er den Jammer der 
alten Dorfschulen, und noch im spätesten Alter erinnerte er sich mit 
Schrecken an die tödtliche Langweile, die er während seines Volksschul- 
unterrichtes ausgestanden hatte. Ein stillfrommer, etwas schüchterner Knabe, 
bezog er 1835 ^^ Scherr'sche Lehrerseminar in Küsnacht, um es schon 1837 
wieder zu verlassen und in den activen Schuldienst zu treten. Nach einer 



46 Morf. 

sehr erspriesslichen Lehrthätigkeit an den Secun darschulen von Schwerzen- 
bach, Dümten und Richterswil, die 1841 durch einen Studienaufenthalt in 
Lausanne unterbrochen wurde, berief ihn die thurgauische Regierung im Jahre 
1850 als Hauptlehrer für Deutsch und Pädagogik ans Seminar Kreuzungen. Hier, 
an der Seite Vater Wehrlis, wirkte er bis 1852 und erwarb sich ein beson- 
deres Verdienst dadurch, dass er an die Stelle des Unterrichtes in allge- 
meiner und specieller Pädagogik, der von den Seminaristen nur ausnahms- 
weise verdaut und in praktisches Können umgesetzt wurde, denjenigen in 
Geschichte der Pädagogik setzte. Die bemische Regierung suchte ihn — 
nachdem Grunholzer das Opfer eines Gewaltactes geworden — 1852 als 
Seminardirector in Mtinchenbuchsee zu gewinnen, und M. sagte zu. Er kam in 
schwierige Verhältnisse. An der Spitze des Erziehungswesens ein brutaler 
Reactionär von sehr engem Horizont; die Lehrerschaft in hellem Aufruhr 
wegen Grunholzers Absetzung und von Misstrauen erfüllt gegen den Nach- 
folger, die politischen Parteien im heftigsten Kampfe. 1854 erlangten die 
Liberalen die Mehrheit in der Regierung und M.'s Stellung wurde dadurch 
schwer erschüttert. Trotzdem sich der fromme und stille Mann fast ängst- 
lich von aller Politik fem hielt und nur seinem pädagogischen Berufe lebte, 
trotzdem er eine fast übermenschliche Arbeitslast trug und die denkbar 
glänzendsten Lehrerfolge aufweisen konnte, galt er in den Augen der libe- 
ralen Partei als eine Stütze des conservativen Regimentes. Um seine Person 
drehte sich von 1854 — 1860 der politische Kampf, der zuweilen mit einer 
heute fast unbegreiflichen Heftigkeit geführt wurde; seine Gegner, welche seine 
Absetzung als Sühne für den Sturz Grunholzers forderten, erreichten ihren 
Zweck am 15. August 1860, wo M. durch die bemische Regierung bei An- 
lass der Erneuerungswahl nicht wieder gewählt wurde. Der Schlag kam M., 
der sein Gewissen rein von allem politischen Treiben wusste, unerwartet; aber 
er vermochte ihn nicht zu beugen. Die pädagogischen Pilger, die zu jener 
Zeit noch nach Münchenbuchsee kamen, um den berühmten Schulmann wirken 
zu sehen, trafen M. so heiter und aufrecht wie nur je. Er nahm, besonders 
auf Zusprechen seiner edlen Gattin hin, den Posten eines Waisenvaters an, 
welchen ihm die Stadt Winterthur anbot. Am 2. Juni 1861 trat er dieses 
Amt, welches das letzte seines Lebens werden sollte, an. Ihn leiteten die 
Grundsätze seines Führers Wehrli, des ersten grossen Armenvaters, der 
das, was Pestalozzi gewollt und geahnt, verwirklicht hat. Er trat in eine 
Anstalt mit mittelalterlichen Erziehungsprincipien ; er gestaltete sie um im 
Geiste Pestalozzis. An Stelle klösterlicher Abgeschlossenheit setzte er mög- 
lichst freie Bewegung; an Stelle des Stockes die allgewaltige Liebe. Und wenn 
auch diese »Erziehung in Freiheit« anlänglich ängstliche Gemüther beun- 
ruhigte — die Erfolge bewiesen deren richtige psychologische Grundlage. 
Ihn unterstützte in der Erfüllung seiner Aufgabe in vorzüglichster Weise seine 
edle Gattin, und als diese durch die Schwindsucht dahingestreckt worden, 
die Haushälterin Frl. Carolina Baltensperger, welche M. später als Gattin 
angetraut, mehr als 30 Jahre die schweren Pflichten einer Waisenmutter 
in geradezu einziger Weise erfüllt hat. Am 9. September 1893 zog sich M. aus 
Altersrücksichten in die Stille des Privatlebens zurück. Das letzte Mal trat 
der silberweisse Greis öffentlich hervor, als er am 12. Januar 1896 bei An- 
lass des 150. Geburtstages Pestalozzis im Stadthaussaale zu Winterthur mit 
fast jugendlichem Feuer und heiliger Begeisterung die Festrede hielt über 
den, welcher der Messias der Volksbildung geworden. 



Morf. Beyer. 4y 

M.'s Pestalozzistudien reichen bis in die vierziger Jahre zurück. Das 
Bild des grossen Socialpädagogen und Schulmannes war während der Restaura- 
tionszeit unter thurmhohem Schutte begraben worden. Selbst die Feier, welche 
am 12. Januar 1846 zum Andenken an Pestalozzis hundertsten Geburtstag im 
gesammten deutschen Sprachgebiet begangen wurde, vermochte Pestalozzis 
Bild nicht von dem entstellenden, legendären Staube zu reinigen. M. aber, 
der damals als Secundarlehrer in Dümten die Festrede halten musste, schöpfte 
aus diesem Anlass den Impuls zu seinen späteren, epochemachenden Pestalozzi- 
forschungen. In Kreuzlingen und Münchenbuchsee eignete er sich eine intime 
Kenntniss aller Schriften Pestalozzis an und in Winterthur fand er Müsse, 
Pestalozzis Lebensgeschichte auszugraben. Er stellte dieselbe auf recht zuver- 
lässige Basis, indem er, wie kaum ein Zweiter vor ihm, die schweizerische Volks- 
w^irthschaft des 18. Jahrhunderts bis ins kleinste Detail studierte und darstellte. 
Auf iiiesen Hintergrund nun malt er das Bild Pestalozzis, nicht nur des Metho- 
dikers, sondern hauptsächlich des Socialreformers, desjenigen Pestalozzi, der 
nicht durch philosophische Speculation, sondern durch den Anblick des grenzen- 
losen, ihn umgebenden Elendes zum Erzieher wurde. Länger als ein Viertel- 
jahrhundert sammelte M. Material zu seinem Werke. Er besass einen merk- 
würdig feinen Spürsinn beim Aufsuchen verlorner Schriftstücke und war von 
den glücklichsten Vermuthungen geleitet. Das durch ihn zusammengetragene 
Material, welches jetzt im Pestalozzianum liegt, würde genügen, um noch 
manche weitere Bände zu füllen. Er sichtete dasselbe mit der grössten Ge- 
wissenhaftigkeit. Die vier Bände seines Werkes, das er bescheiden »Zur Bio- 
graphie Pestalozzis« betitelte, erschien I 1868, II und III 1885, IV 1889. Sie 
sind das einzige, abschliessende Quellenwerk über Pestalozzi und brachten 
ganz neue Anschauungen über den grossen Zürcher, dessen Bild dadurch aus 
einer nebelgrauen Dämmerung plötzhch in das helle Licht historischer Wahrheit 
gerückt wurde. Die Universität Zürich ernannte deshalb M. i8qo zu ihren 
Ehrendoctor. — 

Wer M. in den letzten Jahrzehnten näher trat, fühlte sich unwiderstehlich 
zu ihm hingezogen. Man hatte den Eindruck eines innerlich vollkommen 
ausgeglichenen und inhaltschweren Menschenlebens. Sein Wissen, dessen Werth 
durch ein nie versagendes Gedächtniss erhöht wurde, war staunenswerth. Seinen 
positiven Kinderglauben bewahrte er bis an die Schwelle des Greisenalters, 
wo er sich allmählich von allem Kirchenglauben befreite, um einem reinen, 
naturphilosophischen Deismus zu huldigen. Das Alter hat M. in politischer 
und religiöser Hinsicht frei gemacht; er lebte nur noch das grosse Christen- 
thum Pestalozzis, dessen religiöse Verehrung für die unbegrenzte Entwicklungs- 
fähigkeit des Menschengeistes auch ihn vollständig durchdrungen hatte. Ge- 
rade dieser Glaube erklärt den freien Geist des Morf'schen Waisenhauses, wo 
der Stock oft Jahre lang nicht zur Anwendung kam. M. sah im Waisenkinde 
nur die der Entfaltung harrende Menschenknospe, neben deren unschätzbaren 
Seelengehalt irdische Glücksgüter nicht in die Wagschale fielen. Für seine 
Waislein war ihm keine Arbeit, kein Gang zu viel, und dabei wusste die 
Linke nie, was die Rechte that. 

E. Walter. 

Beyer, Professor Dr. August, (von), Architekt, * 30. April 1834 in der 
württembergischen Oberamtsstadt Künzelsau, f 18. April 1899 zu Ulm. — In nie- 
drigem Stande geboren, in der strengen Schule der Armuth und Arbeit erzogen, 



48 Beyer. 

schwang er sich vom Steinhauer zum Baumeister und Künstler empor, der 
einen der schönsten deutschen Dome zur Vollendung führte, dessen Wort 
weithin Geltung hatte, dessen Rath gesucht war. Von der einfachsten 
praktischen Vorbildung im Baufache ausgehend, stieg er allmählich zur höch- 
sten künstlerischen Stufe aufwärts. Von 185 1 bis 1854 besuchte er die 
Stuttgarter Baugewerkeschule, einer der bevorzugten Schüler ihres Vorstandes 
Joseph Egle, der ihn nach vollendeten Studien in seiner Werkstätte beschäftigte 
und 1858 als Lehrer im architektonischen Entwerfen an jene Anstalt berief. 
In den sechziger Jahren und auch noch später unternahm B. Studienreisen 
durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Italien und erwarb sich in 
der Baukunst dieser Länder hervorragende Kenntnisse. Die zahlreichen Bau- 
aufträge, die er in Stuttgart erhielt, veranlassten ihn dazu, sein Lehramt bald 
niederzulegen. Das Hotel Marquardt, das Olgastift, die Reichsbank, die 
Gebäude des Pragfriedhofes, der 1879 errichtete Aussich tsthurm auf dem 
Hasenberg in nächster Nähe der Stadt sind seine Werke. Femer fiel ihm 
die schöne Aufgabe zu, das ehemalige Kloster Bebenhausen wiederherzu- 
stellen und die Räume des darin befindlichen K. Jagdschlosses einzurichten. 
Später leitete er noch mehrfach die Restaurationen alter adeliger Herrschafts- 
sitze. In Bebenhausen fand B. in der Tochter des dortigen Forstrathes 
Tscherning die Gattin, die ihn im Laufe der Jahre mit fünf Töchtern beschenkte. 

1881 erhielt B. auf Egles Anregung die Stelle eines Münsterbaumeisters 
in Ulm. Es war ihm vergönnt, den gewaltigen Westthurm des Domes, den 
höchsten und einen der schönsten Kirchthürme in Deutschland, und damit 
zugleich das ganze grossartige Bauwerk zu vollenden. Obgleich von Egle 
und anderen Sachverständigen berathen, fühlte er doch die ganze Last der 
Verantwortlichkeit auf sich ruhen. Er machte sich seine Aufgabe nicht leicht; 
denn er war ein Mann von seltener Gewissenhaftigkeit, der alle seine Pflichten 
ernst und schwer nahm. Ueberdies galt es, mancherlei Hemmnisse von aussen 
her zu übef winden. Zunächst hatte er sich in die verwickeltsten Probleme 
der Ingenieurwissenschaft einzuarbeiten, weil die unzulänglichen Fundamente 
so gestärkt werden mussten, dass sie den Aufbau tragen konnten. Das 
eigentliche Bauwerk wurde dann in fünf Jahren, von 1885 bis 1890, ausgeführt. 
Ihn leitete dabei die Ehrfurcht vor dem Alten; pietätvoll ergänzte er das 
Werk im überkommenen Stile. So ragt der Ulmer Münster jetzt als ein ein- 
heitliches Kunstdenkmal in die Lüfte. Innerhalb dieses Programmes hatte 
B. noch reichlich Gelegenheit, sein Können zu zeigen. Seiner Umsicht und 
Fürsorge war es zudem gelungen, während des Baues grössere Unglücksfälle 
zu vermeiden. Auch durfte er sich rühmen, die Kostenvoranschläge nicht 
überschritten zu haben. Ende Juni 1890 feierte Ulm das schöne Fest der 
Vollendung seines herrlichen Domes. Dem Baumeister wurden dabei reiche 
Ehrungen zu Theil. Württembergische, preussische, bayerische Orden schmückten 
seine Brust; das Ehrenkreuz des württembergischen Kronordens brachte dem 
einstigen Steinmetzen den Personaladel. Die philosophische Facultät in 
Tübingen verlieh ihm den Grad des Ehrendoctors. 

Neben seinem Hauptamte leitete B., als einer der ersten Gothiker 
Deutschlands anerkannt, die Restauration des Münsters und den Ausbau des 
Münsterthurmes in Bern, führte die Wiederherstellung der Heilbronner Kilians- 
kirche aus und ertheilte Rathschläge fiir eine Reihe weiterer gothischer Dome, 
namentlich für den in Freiburg i. Br. — Unter der Last der Geschäfte und 
Sorgen seines Berufes brachen allmählich seine Körperkräfte zusammen. 



Beyer. Davcrio. Speidel. 40 

Mancherlei Verdriesslichkeiten setzten ihm hart zu. So wollte er noch zuletzt 
durch eine neue Mtinsterbauhütte dem Ulmer Münsterplatz einen passenden 
Abschluss geben: aber die Stadtväter verwarfen seinen Plan, weil die Mehr- 
zahl der Ulmer einen freien Platz rund um ihren Dom haben wollten. Zwar 
gab ihm die Stadt einen neuen Beweis ihres Vertrauens, indem sie ihn noch 
kurz vor seinem Tode zu ihrem Ehrenbürger machte. Und als er um seine 
Pensionierung einkam, bewilligte sie ihm dafür einen längeren Urlaub zur 
Wiederherstellung seiner Gesundheit. Es war vergebens. Nach zehnwöchiger 
schwerer Krankheit führte schliesslich ein Schlaganfall das Ende herbei. 

Schwäbische Kronik vom 18. April 1899 No. 177, Staats -Anzeiger für Württemberg 
▼om selben Tag No. 88, Ulmer Scbnellpost vom 20. April 1899 No. 91, Ulmer Tagblatt 
vom 19. April 1899 und Sonntagsbeilage No. 17 vom 23. April 1899 (mit Bild), Beilage 
zur Allgemeinen Zeitung 1899 No. 90, Schwabenland 1899 No. 9, Vom Fels zum Meer 
18. Jahrgang, 19. Heft, Der Sammler S. 48 (mit Bild), Centralblatt der Bauvcrwaltung 
1899 No. 35 S. 211 (mit Bild). 

Rudolf Krauss. 



DaveriOy Michael, Gustav, * 20. Juli 1839, f 5. Juni 1899 in Zürich. — 
(minder der Firma G. Daverio, Ingenieur und Mühlenkonstrukteur in Zürich, 
eine in Fachkreisen sehr bekannte und vielgenannte Persönlichkeit. Sein 
Vater, von einer alten Mailänder Familie abstammend, war Mitarbeiter der 
»Neuen Züricher Zeitung« und Sprachprofessor fiir's Italienische am Züricher 
Gymnasium. Von den freiheitlichen Bestrebungen des Landes eingenommen 
und begeistert, machte er sich die Schweiz zu seiner zweiten Heimath. Er 
starb 1849. Die Mutter heirathete in zweiter Ehe den JournaHsten und 
, Historiker Peter Feddersen in Basel. — D. besuchte die Kunst- und Ge- 
werbeschule Basels und das Polytechnikum Zürich. Er ging hernach zu 
weiterer Ausbildung seiner theoretischen Kenntnisse an die Akademie in 
Karlsruhe, kam nach beendigten Studien als Ingenieur zu Dolfuss in Basel, 
Etablissement für Brückenbau, von da in die Werkstätten der Vereinigten 
Schweizerbahnen in Rorschach. Später finden wir ihn während mehrerer 
Jahre bei Gebrüder Sulzer in Winterthur. 1868 gründete er in Rorschach 
die Firma Daverio, Siewert & Giesker, die vier Jahre später nach Oerlikon 
übersiedelte und da raschen Aufschwung nahm. Nach einer neuen Periode 
von vier Jahren trennte er sich von seinen Associ^s und schuf ein selbständiges 
Geschäft in eigenem Namen. Anfänglich mit grossen Schwierigkeiten kämpfend, 
gelang es ihm doch in verhältnissmässig kurzer Zeit sein Geschäft zur Blüthe 
zu bringen. Mit eisernem Willen und rastloser Thätigkeit arbeitete er sich 
vorwärts, auf dem Gebiete der Müllerei bahnbrechend, und ward bald eine 
ihrer ersten Notorie täten. 



Speidel, Wilhelm, Professor, Musiklehrer und Componist, ♦ 3. Sep- 
tember 1826 zu Ulm, f 13. October 1899 zu Stuttgart. — Er erhielt seine 
Schulbildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und wurde gleichzeitig 
von seinem Vater, dem geachteten Ulmer Musiklehrer und Sänger Conrad 
Speidel, in der Tonkunst unterrichtet. Schon mit acht Jahren trat er zum 
resten Male öffentlich in einem Concert in Ulm als Clavierspieler auf. 1843 
kam er zu weiteren musikalischen Studien nach München, wo in der Com- 
position Ignaz Lachner, im Ciavier Wanner und Wilhelm Kühe seine Lehrer 

Biogr. Jahrbuch n. Dentscher Nekrolog. 4. Bd. a 



CO Speidel. 

waren. S. erwarb sich rasch einen Ruf als Pianist, namentlich durch seine 
geistvolle Auffassung Beethovenscher Sonaten. In den Ferien Hess er sich 
mehrfach in Concerten seiner Vaterstadt hören. In München, wo er zu- 
sammen mit seinem jüngeren Bruder Ludwig, dem gefeierten Wiener Feuille- 
tonisten, lebte, verkehrte er in den angesehensten Kunstkreisen, wodurch seine 
allgemeine Ausbildung nicht wenig gefördert wurde. Nachdem er 1846/7 
eine Zeit lang zu Thann im Elsass als Hauslehrer bei der Familie Kestner 
verweilt und die Urenkelinnen von Goethes Lotte in der Musik unterrichtet 
hatte, Hess er sich als Ciavierlehrer in München nieder und fand bald reich- 
liche Beschäftigung. 1853 bestand er im Leipziger Gewandhaus die Feuer- 
probe als Ciaviervirtuose; seine Concertreisen führten ihn fortan nach den 
meisten grösseren Städten Deutschlands. 1855 trat S. als Musikdirector an 
die Spitze der Ulmer Liedertafel, siedelte jedoch schon 1857 nach Stuttgart 
über, wo er einen bleibenden Wirkungskreis fand. Er begründete im Vereine 
mit einigen Fachgenossen die Stuttgarter Musikschule, die später sich in das 
K. Conservatorium umwandelte, und übernahm dort den Unterricht im Clavier- 
spiel. 1874 schied er in Folge eines Zerwürfnisses mit seinem Collegen Sieg- 
mund Lebert aus, um ein eigenes Musikinstitut zu gründen. So erfolgreich 
dieses Unternehmen war, trat er doch 1885 nach Leberts Tod auf seinen alten 
Posten am Conservatorium zurück. Eine Anzahl Künstler und Künstlerinnen 
von Ruf sind aus S.'s Schule hervorgegangen, und er trug nicht wenig dazu 
bei, dem Stuttgarter Conservatorium weithin Ansehen und Geltung zu ver- 
schaffen. Auch sonst hatte ihm das Stuttgarter Musikleben viel zu danken. 
Insbesondere erwarb er sich um den dortigen Liederkranz, den er von 1857 
bis 1885 dirigirte, hohe Verdienste. Er brachte dem Chor seine allgemein 
anerkannte und viel bewunderte Ausdrucksiähigkeit und Freiheit im Vortrag 
bei. Ferner regte er die ungemein beliebten Populären Concerte des Lieder- 
kranzes an. Auch im Schwäbischen Sängerbund spielte er eine Rolle; wieder- 
holt lag auf schwäbischen Liederfesten die musikalische Leitung in seinen 
Händen. Der Stuttgarter Liederkranz, der Schwäbische Sängerbund und 
manche andere Vereine und Liedertafeln ernannten im Laufe der Jahre den 
trefflichen Dirigenten zu ihrem Ehrenmitgliede. 

Als Componist entfaltete S. eine vielseitige und umfangreiche Thätigkeit. 
Seine Stärke lag in der Lyrik, in der naiven wie in der sentimentalen, in der 
volksthümlichen wie in der kunstqiässigen. Sehr gut traf er den einfachen, 
schlichten Volkston. Seine Chor- und Sololieder wurden darum auch viel 
gesungen. Seine Männerchöre, unter denen populäre Vaterlandsgesänge 
hervorzuheben sind, pflegte er zuerst im Stuttgarter Liederkranze zu erproben. 
Von da zogen sie in die Welt hinaus, wo nur Deutsche hausen und singen, 
selbst über den Ocean hinüber. Auch einige grössere Stücke befinden sich 
darunter, so der Geisterchor aus Faust mit Orchester, das Tenorsolo mit 
Männerchor und Orchester »Wikinger Ausfahrt«, »Volkers Schwanenlied«. 
Neben der Vokalmusik widmete er sich als Componist auch der Instrumen- 
talmusik. In seinen Orchesterstücken, Ouvertüren, Streichquartetten, Cello-, 
Violin- und Ciaviersonaten herrscht überall ernsthaftes Streben nach Classi- 
cität. Seine Compositionen w^urden in den Abonnementsconcerten der Stutt- 
garter Hofcapelle, an den dortigen Kammermusikabenden, woran er in jüngeren 
Jahren auch als ausübender Künstler theilnahm, aufgeführt. Ferner hat S. 
durch Bearbeitungen classischer und nachclassischer Meister seinen Namen 
bekannt gemacht. 



Speidel. Munziger. c i 

Mit Lina Schmidt, der Tochter eines Verlagsbuchhändlers, verheirathet, 
lebte S. in glücklichen Familienverhältnissen und äusserem Wohlbehagen. In 
seinem Hause bereitete er edler Geselligkeit, wie er sie einst in München 
kennen und schätzen gelernt hatte, eine Stätte. Erlesene Künstler gaben 
sich hier ein Stelldichein, die Musik wurde dabei natürlich in erster Linie 
gepflegt. Mit Freuden war S. noch Zeuge, wie eines seiner Kinder, die Tochter 
Maria, als Sängerin die Kunstlauf bahn ergriff. — Seinem Ende ging eine 
schwere Periode schmerzlichen Leidens voraus. Am i6. October begrub man 
ihn* auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof unter lebhafter Betheiligung 
weiter Kreise der Hauptstadt. 

Schwäbische Kronik vom 14. October 1899 No. 480, vom 17. October 1899 No. 484 
(Leichenfeier), (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom 14. October 1899 No. 241, Staats-Anzeiger 
für Württemberg vom 17. October 1899 No. 242, Frankfurter Zeitung 1899 No. 285 Abend- 
blatt, Schwabenland 1899 No. 20 (mit Bild), Neue Musik-Zeitung 1889 No. 18 (mit Bildj, 1899 
No. 21. 

Rudolf Krauss. 



Munziger, Eduard, Tonkünstler, * 24. Juni 183 1 in Ölten, (Schweiz) f 29. März 
1899 in Neuenburg, entstammte einer höchst musikalischen Familie. Sein 
Vater, Dr. Victor Munziger, Arzt in Ölten, der eine so schöne Tenorstimme 
besass, dass man den Studenten durchaus für die Oper gewinnen wollte, hat 
sich um die Entwickelung des musikalischen Lebens im Kanton Solothurn 
die grössten Verdienste erworben, indem er auf den Bahnen Joh. Georg 
Nägeli's wandelnd, den fruchtbaren Samen für das Erblühen des Volksgesanges 
in seiner Heimath ausstreute, den Solothurnischen Kantonalgesang-Verein ins 
Leben rief und selbst über 30 Jahre lang den Gesangverein und die Theatergesell- 
schaft seiner Vaterstadt in trefflichster Weise leitete. Da Eduard schon als 
Knabe ausgesprochenes musikalisches Talent zeigte, bestimmten die Eltern, 
seinem höchsten Wunsch entsprechend, die Tonkunst zu seinem Lebensberuf 
und nachdem er die Prima in der Bezirksschule Oltens erfolgreich durch- 
gemacht, kam der Fünfzehnjährige 1846 ans Leipziger Conservatorium, wo 
er es unter Moscheies* Leitung im Pianofortespiel bald zu bedeutender Fertigkeit 
brachte. Eine seiner frühesten Compositionen war ein Dufour-Lied, zu dem 
Jul. Schantz den Text verfasst hatte und das nach Niederwerfung des Sonder- 
bundes 1 848 bei einer Festlichkeit der Leipziger Thomasschüler gesungen und 
begeistert aufgenommen wurde. Nach 3 jährigem Studium kehrte M. in die 
Heimath zurück und wirkte zunächst als Organist, Klavier- und Gesanglehrer 
in Yverdon und Morges. Ende 1854 folgte er einem Ruf als Director des 
Caecilien-Vereins nach Aarau, wo er gleich im ersten von ihm geleiteten 
Abonnements-Concert das Weber'sche Concertstück mit hinreissendem Feuer 
spielte. 1855 —1857 ertönten im Aarauer Casinosaal unter M. 's Commando- 
stab eine Reihe Symphonien von Haydn, Mozart und Beethoven, wie es ihm 
denn Gewissenssache war; dem Publikum nur gute Musik vorzufuhren. Auch 
studirte er mit dem ihm unterstellten Chor verschiedene Oratorien ein und unter 
ihm errang 1856 der Männerchor des Caecilien-Vereins beim Eidgenössischen 
Sängerfest zu St.-Gallen den 6. Preis. Ein Zerwürfniss mit dem Vorstand veran- 
lasste 1858 seinen Rücktritt von der Vereinsleitung, ohne dass er sich 
übrigens dem öffentiichen Musikleben der Aargauischen Hauptstadt entzogen 
hätte. Von Aarau, wo er auch seine Gattin gefunden, siedelte M. 1863 nach 
Zürich über, um hier nach Wilh. Baumgartner's Rücktritt die Direction des 

4* 



c 2 Munziger. Lang. 

Stadtsäiiger-Vercins (späteren »Männerchores«) zu tibernehmen und zeitweilig 
auch den gemischten Chor zu leiten. Ende 1864 wurde sein Chorwerk 
»Helgi und Cara«, zu dem ihm Professor Dr. L. Tobler den auf einer alt- 
nordischen Sage fussenden Text geschrieben, durch die »Harmonie« und den 
»Stadtsänger- Verein Zürich«, unter Mitwirkung des Tonhalle-Orchesters drei 
Mal im Stadttheater mit grossem Beifall aufgeführt und noch reicheren Lorbeer 
trug dem Autor die gleichfalls von Tobler gedichtete Cantate »Der Schwur 
im Rütli« ein, welche in Folge einer Concurrenzausschreibung des Eidge- 
nössischen Sänger- Vereins 1863 mit dem ersten Preis gekrönt wurde und beim 
Eidgenössischen Sängerfest zu Bern am 18. Juli 1864 als Hauptprogramm- 
nummer der Gesammtaufführung einen durchschlagenden Erfolg errang. 1866 
begab sich M. mit seiner Familie nach Neapel und Palermo, wo er den 
musikalischen Verhältnissen des Landes lebhafte Theilnahme schenkte. 1868 
berief ihn der «Frohsinn» Neuenburg zu seinem Director und bald trat er 
hier auch an die Spitze der Socidtd chorale. Beim Eidgenössischen Sänger- 
fest zu Naumburg von 1870 lag das leitende Scepter in seiner Hand. Der 
stramme Dirigent fand nicht weniger Anerkennung als der Tondichter mit 
seiner schönen Composition »Die Schweizerischen Schlachtfelder«. Als 1875 
der »Orpheon« reorganisirt wurde, übernahm M. diesen Männerchor, um ihn 
während eines Menschenalters von Sieg zu Sieg zu führen und mit ihm 
namentlich auch bei internationalen Sängerfesten wie 1879 ^^ Annecy und 
1881 zu Macon erste Preise zu erringen. Endlich stand der Musiker längere 
Zeit dem »Coeur national« vor und erteilte an den öffentlichen Schulen 
Neuenbürgs Gesangunterricht. Die Lichtblicke in dem arbeitsamen, von 
Fortunas Gunst nur spärlich erhellten Leben des Künstlers, bildeten in 
seinen letzten Jahren verschiedene Aufführungen grösserer Tonwerke, die 
sein schöpferisches Vermögen auf der Höhe zeigten, aber trotzdem, gleich 
den meisten seiner von Schumann 'schem Geist durchwehten Claviercompo- 
sitionen unedirt geblieben sind. So trat Anfangs 1896 in Neuenburg unter 
des Componisten Leitung ein grosser Chor zusammen, der am 31. Mai und 
I. Juni genannten Jahres seine Cantate »Sempach« im Temple du Bas aufs 
Würdigste wiedergab. Und vielleicht noch stärkeren Eindruck auf die Hörer 
machte das Chorwerk »Jeanne d'Arc«, das 1897 gleichfalls unter des Ton- 
dichters eigener Direktion aus der Taufe gehoben wurde und sich als eine 
ebenso phantasievolle wie formschöne, namentlich in den Chören packende 
Schöpfung erwies. Schon früher hatte man in Naumburg eine kleinere Chor- 
composition »Chemin creux« (»Die hohle Gasse«) kennen gelernt, die ver- 
möge ihres patriotischen Schwunges sehr gefiel. Dagegen blieb das Oratorium 
»Ruth und Boas«, das Kenner für M.'s beste Partitur erklären, bis jetzt un- 
aufgeführt. Eine Anzahl reizender Quartette, » Schilf lieder« betitelt, sowie 
zwei Claviercompositionen, »Idylle« und »Po^me d'amour«, erschienen bei 
Schott in Mainz und Fromont in Paris. Hoffentlich wirken die allgemeine 
Liebe und Verehrung für den Musiker, die sich bei seinem Leichenbegängniss 
kundgaben, auch in der Weise nach, dass man seine hinterlassenen Werke 
durch Drucklegung und würdige Vorführung lebendig macht und so die Er- 
innerung festhält an einen der talentvollsten schweizerischen Componisten. 

A. Niggli. 

Lang, Franz Vinzenz, Dr. phiL, schweizerischer Naturforscher, ♦ 19. Juli 
182 1 in Ölten, f 21. Januar 1899 in Solothum. — Der Sohn ehrsamer 



Lang. 53 

Bürgersleute, besuchte L. die Schulen seiner Vaterstadt Ölten, an deren 
höheren Klassen sein um zwanzig Jahre älterer Bruder, der als tüchtiger Schul- 
mann geschätzte Kaplan Konrad Lang, mit grossem Erfolge als Lehrer 
wirkte, und vollendete seine Gymnasialstudien an der höhern Lehranstalt 
(Cantonsschule) in Solothum. Da er sich entschlossen hatte, Apotheker zu 
werden, machte er seine Lehrzeit 1840 — 1843 i" einer Apotheke in Solothum 
und begab sich, nachdem er sein Gehilfenexamen bestanden, 1844 an die 
Universität Bern, um sich dem Studium der Naturwissenschaften zu widmen. 
Zu seinen Lehrern zählte er neben Perty (Zoologie), Valentin (Physiologie) 
u. a. auch Bernhard Studer, durch den er besonders auf das Studium der 
Geologie gelenkt wurde, dem er in der Folge mit Vorliebe seine Thätigkeit 
gewidmet hat. Von der Absicht, Medicin zu studieren, wurde er im Herbst 
1846 durch seine Wahl zum Professor der Naturgeschichte an der höhern 
Lehranstalt in Solothum abgewendet und trat als Nachfolger des Botanikers 
Alexander Moritzi seine Lehrstelle an, die er während vollen 52 Jahren 
bekleiden sollte. L. war ein vorzüglicher Lehrer, der die verschiedenen 
Disciplinen der Naturwissenschaft gründlich beherrschte und durch fleissiges 
Studium ihren Fortschritten stets mit Eifer folgte. Voll Begeisterung fiir sein 
Fach, verstand er auch seine Schüler für dasselbe einzunehmen, und viele 
derselben haben sich, seiner Anregung folgend, dem Studium der Natur- 
wissenschaften oder der Medicin zugewendet, ihrem einstigen Lehrer stets 
ein treues und dankbares Andenken bewahrend. In Anerkennung seiner 
Verdienste um die Cantonsschule übertrug ihm die Regierung im Jahre 1872 
die Leitung derselben, die er bis zum Jahre 1883 führte. In dieser Stellung 
arbeitete Rector L. ein neues Cantonsschulgesetz aus, das im Jahre 1874 
vom Volke angenommen wurde und für die Entwicklung der Anstalt von 
grosser Bedeutung gewesen ist; seinen Bemühungen war es auch vornehmlich 
zu verdanken, dass dieselbe ihre beschränkten und ungeeigneten Räume 
verlassen und 1882 in ein neues Gebäude übersiedeln konnte. Auch auf 
dem Gebiete des Volksschulwesens entwickelte L. eine rege Thätigkeit, die 
sich nicht nur auf den Heimatcanton beschränkte; als Mitglied des Central- 
ausschusses des schweizerischen Lehrer verein es wirkte er mit zur Entwicklung 
des gesamten schweizerischen Schulwesens. 

Stets bestrebt, die Ergebnisse der Wissenschaft in weiteren Kreisen 
zu verbreiten und das Interesse für das Studium zu wecken, war L. eines 
der eifrigsten Mitglieder der naturforschenden Gesellschaft von Solothum, die 
er bald nach Antritt seines Lehramtes im Dezember 1846 mit einigen gleich- 
gesinnten Collegen neu begründete und an deren Leitung er bis 1862 als 
Secretair, von da an als Präsident betheiligt war; im Jahre 1897 ernannte ihn 
die Gesellschaft in Anerkennung seiner grossen Verdienste um ihre gedeihliche 
Entwicklung zu ihrem Ehrenpräsidenten. Auch an den Verhandlungen der 
schweizerischen naturforschenden Gesellschaft, in die er 1847 eingetreten war, 
nahm er stets regen Antheil und leitete zwei Mal, 1869 und 1888, die in 
Solothum stattfindenden Jahresversammlungen derselben. So trat er in Ver- 
bindung mit den bedeutendsten schweizerischen Naturforschern, wie Escher 
von der Linth, Peter Merian, Carl Vogt, Desor, A. Heim u. s. w., und wurde 
1872 auch Mitglied der schweizerischen geologischen Kommission, deren 
Präsidium er von 1888 an führte und die ihn 1895 bei seinem Rücktritt zu 
ihrem Ehrenpräsidenten ernannte. 

Wenn seine Lehrthätigkeit L. nicht gestattete, grössere Wissenschaft- 



54 Lang. 

liehe Arbeiten zu unternehmen, fand er doch Zeit zu verschiedenen kleineren 
Monographien, die als werthvolle Beiträge zur Geologie des Solothurnischen 
Jura bezeichnet werden können, so die »Geologische Skizze der Umgebung 
von Solothurn« (1883), »Die Einsiedelei und die Steinbrüche bei Solothum« 
(1885). Gemeinsam mit Professor Rütimeyer in Basel publicirte er im 23. 
Band der »Denkschriften der schweizer, naturforsch. Gesellschaft« (1867) 
eine Abhandlung Über »Die fossilen Schildkröten von Solothum«, deren 
geologischer Theil seiner Feder entstammt. In "»Amanz Gressly, Lebensbild 
eines Naturforschers« (1873) stiftete er einem hervorragenden Geologen, dessen 
Anregung er selbst viel verdankte, ein wohlverdientes Denkmal. Ausserdem ver- 
fasste er, zum Theil im Verein mit anderen Naturforschem, eine Reihe von geolo- 
gischen Gutachten für Tunnelbauten und Wasserversorgungen. In Aner- 
kennung dieser Arbeiten wie seiner wissenschaftlichen Thätigkeit überhaupt 
verlieh ihm die Universität Bern am 17. December 1878 das Diplom eines 
Doctor philosophiae honoris causa und ernannten ihn mehrere naturforschende 
Vereine der Schweiz zu ihrem correspondirenden und Ehrenmitgliede. 

Am öffentlichen Leben der Stadt und des Cantons Solothum nahm L. 
stets einen regen Antheil und war Mitglied der Gemeindebehörden wie des 
Cantonsrathes. Als begeisterter Freund der Musik förderte er das Gesangs- 
wesen im Canton wie in der Eidgenossenschaft und war während zwei Jahren 
Präsident des Centralcomitds des schweizerischen Sängervereines, der 1868 
in Solothurn das eidgenössische Sängerfest feierte. So fanden alle wissen- 
schaftlichen und künstlerischen Bestrebungen in L. stets einen regen Förderer, 
und wie in der naturforschenden, so trug er auch in anderen Gesellschaften 
durch öffentliche Vorträge gerne dazu bei, die Resultate der wissenschaft- 
lichen Forschung Anderen mitzutheilen. 

Gemeinsam mit seinem CoUegen, Professor Dr. Victor Kaiser (s. Biogr. 
Jahrbuch, 2. Band, S. 181) feierte L. am 30. Juli 1896 das fünfzigjährige 
Jubiläum seiner Lehrthätigkeit an der Cantonsschule von Solothurn, das 
seinen zahreichen Schülern und Freunden wie den Behörden Gelegenheit gab, 
seine mannichfachen Verdienste um die Schule und das öffentliche Leben 
in schönster Weise zu ehren. Noch konnte er, trotzdem sich die Beschwerden 
des Alters mehr und mehr fühlbar machten, sich nicht entschliessen, von 
seinem Lehramte zurückzutreten, das er stets auf ehrenvolle Weise ausfüllte, 
und erst nach zwei Jahren, im August 1898, reichte er seine Demission ein, 
ohne deshalb auf seine wissenschaftliche Thätigkeit zu verzichten. Mit 
rührender Sorgfalt beschäftigte er sich, so lange seine Kräfte es ihm 
erlaubten, mit den Vorarbeiten für die Unterbringung der werth vollen natur- 
historischen Sammlung, die von Professor F. J. Hugi angelegt und zu deren 
Conservator er nach seinem Tode ernannt worden war, in das neue Museum 
der Stadt Solothurn, dessen Errichtung er seit Jahren eifrig befürwortet hatte, 
ohne seine Vollendung zu erleben. Er starb am 21. Januar 1899 in seinem 
freundlichen Landhause bei Solothurn, in dem er die letzten zwanzig Jahre 
seines Lebens zugebracht hatte, tief betrauert nicht nur von seiner Gattin 
und seinen zwei Töchtern, sondern auch von seinen ehemaligen Schülern 
und zahlreichen Freunden, die in Professor L. einen Mann ehrten, der mit 
liebenswürdigen persönlichen Eigenschaften einen stets regen Sinn für das 
öffentliche Wohl und eine aufopfernde Hingabe an seinen Beruf verband. 
Mochte sein Arbeitsfeld auch klein sein, er hat es in so fleissiger und nutz- 
bringender Weise bebaut, dass ihm ein bleibendes Andenken gesichert ist. 



Lang. Weizsäcker. c c 

Festrede, gehalten von Rector Dr. Kaufmann an der ftinfzigj ährigen Jubelfeier der 
Herren Professoren Dr. Victor Kaiser und Dr. Franz Lang, im Jahresbericht der Cantons- 
schule von Solothurn fUr das Schuljahr 1895/96; Festnummer zum »Oltner Tagblatt« 
vom 30. Juli 1896, mit der von P. Dietschi verfassten Biographie der beiden Jubilare; 
Oltner Tagblatt 1899, No. 19; Solothurncr Tagblatt 1899, No. 19 und 20; XII. Bericht 
über die Thätigkeit der naturforschenden Gesellschaft in Solothurn in den Jahren 1897/99; 
Schweiz. Wochenschrift für Chemie und Pharmacie 1899, No. 8; Actes de la societe hel- 
vetique des sciences naturelles, 82 me session du 31 juillet au 2 aoüt 1899 a Neuchätel. 

M. Gisi. 

Weizsäcker, Carl Heinrich (von), Theologe, * 11. December 1822 zu 
Oehringen in Württemberg, f 13. August 1899 zu Tübingen. — Der Vater, 
Diaconus, später Stiftsprediger in Oehringen, starb frühe, die Mutter leitete 
die Erziehung Carls und seines jüngeren Bruders Julius, der nachmals als 
Historiker zu Ruhm gelangt ist. Obgleich durch eine zarte Gesundheit in 
seinen Studien mannigfach gehemmt, hielt W. doch, vermöge seiner ausge- 
zeichneten Geistesgaben mit den Altersgenossen gleichen Schritt. Er wurde 
zum Theologen bestinmit und empfing die in Württemberg für diesen Beruf 
übliche Ausbildung. Dem vorgeschriebenen Studiengange im Tübinger Stift 
fügte er einen kürzeren Besuch der Berliner Universität hinzu. Nachdem er 
eine Zeit lang Pfarrvicar, dann in Tübingen Stiftsrepetent und Privatdocent 
gewesen war und sich dort 1847 die philosophische Doctorwürde erworben hatte, 
übernahm er Sommer 1848 die im Hohenlohe - Langenburgschen Patronate 
stehende Landpfarrei Billingsbach (württ. Oberamt Gerabronn). Schon 185 1 
wurde er auf die Stelle eines Hofcaplans nach Stuttgart berufen, wozu ihn seine 
Weltklugheit in besonderem Masse geeignet machte. 1856 wurde er zugleich 
als Hilfsarbeiter in das Cultusministerium gezogen, 1859 zum ausserordent- 
lichen Mitglied des evangelischen Consistoriums mit dem Titel einess Ober- 
consistorialraths ernannt. Daneben arbeitete er emsig an seiner wissenschaft- 
lichen Fortbildung. 1856 half er die Jahrbücher für deutsche Theologie be- 
gründen und gehörte bis 1878 zu den Herausgebern dieser Zeitschrift, die unter 
den theologischen bald den ersten Rang einnahm. Er selbst veröffentlichte 
darin Untersuchungen, namentlich über das vierte Evangelium. So bekam 
sein Name in Fachkreisen einen guten Klang, und es war mehrfach von 
seiner Berufung an auswärtige Universitäten die Rede. Nach Ferdinand 
Baurs Tod erhielt W. den Tübinger Lehrstuhl für Kirchengeschichte über- 
tragen und eröffnete im Sommersemester 1861 seine Vorlesungen. Es gehörte 
viel Mut dazu, der Nachfolger eines solchen Mannes zu werden. Aber es 
zeigte sich bald, dass W. als ein Ebenbürtiger in die Fusstapfen des ge- 
feierten Hauptes der »Tübinger Schule« trat und dazu bestimmt war, dieser 
selbst neuen Glanz zu verleihen. Das über zwei Menschenalter dauernde Wirken 
Baurs und W.'s darf man als eine einheitliche Periode auffassen, in der die 
Tübinger Facultät auf die Ciestaltung der protestantischen Theologie in 
Deutschland tiefen und nachhaltigen Einfiuss ausgeübt hat. W. arbeitete sich 
mit rastlosem Fleiss in seinen Lehrberuf und Lehrauftrag ein. Ursprünglich 
mehr Vermittlungstheologe, wandte er sich sachte mehr und mehr der historisch- 
kritischen Richtung Baurs zu. Die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung 
wurde auch seine Losung, und er hat sich zu dieser stets Öffentlich mit einer 
über jeden Zweifel erhabenen Deutlichkeit bekannt. Auch als Schriftsteller 
wandelte er in den Spuren seines Vorgängers, ohne auf Selbständigkeit und 
Eigenart zu verzichten. Von kleineren Schriften, Aufsätzen und Recensionen 



c6 Weizsäcker. 

abgesehen, veröffentlichte er mit längeren Pausen drei grössere, langsam und 
sorgfältig herangereifte Werke. Das erste, »Untersuchungen über die evangelische 
Geschichte, ihre Quellen und den Gang ihrer Entwicklung« (Gotha. Verlag 
von Rudolf Besser. 1864), womit er bedeutungsvoll in die von Baur, Strauss 
und Renan angeregte Forschung eingriff, erwarb sich nur langsam in weiteren 
Kreisen Geltung. Seinen Ruhm begründete er eigentlich erst so recht mit 
seiner Uebersetzung der Neuen Testamentes (Tübingen, 1875. Verlag der 
H. Laupp'schen Buchhandlung), die als erster Versuch gelten darf, gleich- 
zeitig den Urtext mit- möglichst grosser Treue wiederzugeben und sich genau 
an die Forderungen der herrschenden deutschen Literatursprache zu halten. 
Der Erfolg des Unternehmens äusserte sich in zahlreichen Auflagen; die 
neunte bereitete W. noch selbst in der letzten Leidenszeit vor. In seinem 
dritten grossen Werke, »Das apostolische Zeitalter der christlichen Kirche« 
(Freiburg i. B., Verlag von J. C. B. Mohr, 1886), das 1892 eine Neuauflage 
erlebte imd auch ins Englische übertragen wurde, stellte er die Entstehung 
und Entwicklung der christlichen Kirche bis zu den Ausgängen der Apostel- 
zeit im Zusammenhang dar, indem er gewissermassen der ganzen historisch- 
kritischen Forschung über das Urchristentum einen bedeutsamen Abschluss 
gab. Hier, wie in allen seinen literarischen Darbietungen, waltete nicht nur 
der echte, wissenschaftliche Forschergeist und echt religiöses Empfinden, 
sondern auch künstlerischer Tact und starkes Gefiihl für die Schönheit der 
deutschen Sprache. — Mehr noch vielleicht hat W. als akademischer Lehrer 
geleistet. 76 Semester lang hielt er seine Vorlesungen mit Lust und Liebe, 
und Tausende von dankbaren Schülern sassen zu seinen Füssen. Ein Menschen- 
alter hindurch bestimmte er die kirchengeschichtlichen Anschauungen fast 
der gesammten württembergischen Geistlichkeit. Aber auch aus dem übrigen 
Deutschland kamen viele Theologen nach Tübingen, um den gefeierten und 
populären Docenten zu hören. — Von 1875 bis 1889 versah W. zugleich 
das Amt eines Tübinger Frühpredigers, wobei er mehr tief und gedankenreich 
als feurig und schwungvoll predigte. — In mancherlei Verwaltungsaufgaben 
konnte er seine praktische Gewandtheit erproben. Von 1877 bis 1889 ge- 
hörte er zu den Inspectoren des Stiftes, 1874 wählte ihn die theologische 
Facultät zum Ersatzmann, 1875 ^"^ ^^79 ^^^ wirklichen Abgeordneten fiir 
die Landessynode. 1867/8 und 1877/8 führte er das Rectorat der Tübinger 
Universität; das zweite Mal fiel ihm zugleich mit dieser Würde die Leitung 
des Jubiläums des vierhundertjährigen Bestehens der Hochschule im Sommer 
1877 zu, die er mit dem ihm eigenen Repräsentationstalente durchführte. 

Als 1889 nach Gustav Rümelins Tod das Kanzleramt der Universität 
neu zu besetzen war, richteten sich sofort die Blicke der massgebenden 
Kreise auf W. Er übernahm nun die Vertretung der staatlichen Autorität 
bei der Landeshochschule, ohne seine Vorlesungen aufzugeben. Die Geltung, 
die er überall besass, kam auch der Universität zu gut, für deren Interessen 
er stets mit Wärme eintrat. Seine geistvollen Kanzlerreden beim alljährlichen 
Festacte zu Tübingen, deren Stoffe er aus der theologischen Disciplin oder 
aus der Geschichte der alma mater entnahm, waren weithin berühmt. Mit 
der Kanzler würde erhielt W. zugleich einen Sitz in der württembergischen 
Abgeordnetenkammer. Er war übrigens durchaus kein politischer Neuling. 
Schon frühzeitig hatte er die kleindeutsche Idee verfochten. Er gehörte zu den 
Gründern und Führern der Deutschen Partei in Württemberg und wirkte in 
Wort und Schrift, namentlich als Mitarbeiter des Schwäbischen Merkurs, für 



Weizsäcker. Socin. 



57 



die nationalen Forderungen. Zu den Zeiten des Culturkampfes erklärte er 
sich nachdrücklich für die Rechte des Staates gegen kirchliche Anmassungen. 
Auch in der Kammer schloss er sich der Deutschen Partei an. Gern ergriff 
er zu Gegenständen von höherer Tragweite das Wort und war dabei stets 
seines Kindruckes auf die Zuhörer sicher. Er huldigte einem entschiedenen 
politischen Optimismus. Von den Grundsätzen des Liberalismus und der 
Toleranz wich er nie einen Finger breit ab. Redete er doch der Zulassung 
der Feuerbestattung in Württemberg das Wort, stimmte er doch bei den 
Verhandlungen über die Verfassungsrevision als einziger unter den Privilegirten 
für deren Ausscheiden aus der zweiten Kammer. 

Hohe Ehren häuften sich im letzten Jahrzehnt seines Lebens auf W.'s 
Haupt. 1894 erhielt erhielt er Titel und Rang eines Staatsraths, 1897 eines 
Geheimeraths. Damals feierte er das fünfzigjährige Jubelfest der philosophischen 
Doctorwürde. Die juristische und staatswissenschaftliche Facultät verliehen 
ihm den Ehrengrad, und da er schon 1862 bei der theologischen Facultät 
promovirt hatte, war er nunmehr vierfacher Doctor. Er besass hohe Orden, 
wurde von verschiedenen gelehrten Gesellschaften zum Ehrenmitgliede ernannt. 
W. war seit 1848 mit Sophie, Tochter des Oberhelfers Dahm in Esslingen, 
verheirathet; den Verlust der Gattin im Jahre 1884 konnte er niemals ganz 
verwinden. Der Ehe sind ein Sohn, der jetzt an der Spitze des württem- 
bergischem Cultusministeriums steht, und zwei verheirathete Töchter ent- 
sprossen. — W. bewahrte sich grosse geistige und körperliche Frische, bis 
ihn Juni 1899 die letzte Krankheit des Alters befiel, der seine Kräfte langen 
Widerstand entgegensetzten. Er entschlummerte schliesslich sanft. In Tübingen 
wurde er in einer seiner Bedeutung entsprechenden Weise zur Erde bestattet. 

Schwäbische Kronik vom 14. August 1899 No. 374, vom 16. August 1899 No. 378 
(Leichenfeier), vom 3. Februar 1900 No. 56 (Nekrolog von Alfred Hegler), Staats-Anzeiger 
für Württemberg vom 14. August 1899 No. 187, (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom selben 
Tag No. 188, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1899 No. 185, Frankfurter Zeitung 1899 
No. 224 Abendblatt, Kirchlicher Anzeiger für Württemberg 1899 S. 294, Evangcl. 
Kirchenblatt für Württemberg 1899 No. 33 S. 264 f. 

Rudolf Krauss. 



Socin, August, * 21. Februar 1837 in Vevey, f 29. Januar iSqg in 
Basel. Seine Vorfahren entstammten einem adeligen italienischen Geschlechte 
und waren seit dem 16. Jahrhundert in Basel eingebürgert. Da der Vater 
(Pfarrer der deutschen protestantischen Gemeinde) schon zwei Tage nach der 
Geburt des Sohnes starb, übernahm dessen Erziehung die Mutter, eine kluge, 
energische und gebildete Veveysanerin. In seinem elften Lebensjahre kam er 
nach Basel zum Besuche der dortigen Schulen. Schon mit siebzehn Jahren 
hatte er die Gymnasialstudien beendet und bezog als Mediciner die Universität 
seiner Vaterstadt. Gerade an seinem zwanzigsten Geburtstage erlangte er in 
Würzburg den Doctortitel und wandte sich, wie die meisten seiner Commili- 
tonen, nach Prag und Wien, wo die berühmtesten Kliniker die fremden 
Studenten anzogen. Im Frühjahr 1859 legte er sein Staatsexamen in Basel 
ab und ging noch für ein Semester nach Paris, wo er sich speciell der Chir- 
urgie unter Pirogoff widmete. Im Herbst wurde er Assistent von Professor 
Mieg, dem Chefarzt der chirurgischen Abtheilung des Bürgerspitales in Basel. 
18 61 demissionirte letzterer und S. wurde auf dessen Empfehlung sein Nach- 
folger und habilitirte sich als Privatdocent an der Universität, Ein Jahr später 



j8 Socin. 

verlieh ihm der Regierungsrath des Kantons Basel den Titel eines Professor 
extraordinarius und 1864 wurde er Ordinarius für Chirurgie, Augenheilkunde 
und Geburtshilfe. Nach den merkwürdigen Einrichtungen der damaligen Zeit 
las er die ihm übertragenen Fächer theoretisch, durfte aber nur ausnahmsweise 
seine Hörer in das Spital zur Visite mitnehmen, um ihnen interessante Fälle zu 
demonstriren. Dem diplomatischen Auftreten des jungen Professors gelang es, 
die längst eingeleiteten Verhandlungen zwischen den städtischen Spitalbehörden 
und der Regierung zu einem günstigen Abschlüsse zu bringen, und im Winter 
1865 hatte er die Freude, das erste Semester einer regulären chirurgischen 
Klinik mit neun Studenten zu eröffnen. 

Da S. keiner angesehenen Aerztefamilie entstammte, aus keiner chirur- 
gischen Schule hervorging, keiner Protektion sich erfreute, so verdankte er die 
raschen Erfolge seinen Geisteskräften und Charaktereigenschaften, kurz: seiner 
Individualität. Sie war eine gute Mischung von germanischer Gründlichkeit 
und romanischer Lebhaftigkeit, selbst Leichtlebigkeit. Seinem Scharfsinn war 
es nicht entgangen, dass er sich den deutschen Chirurgen anschliessen müsse, 
welche um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Führerrolle übernommen hatten 
und denen es gelungen war, durch pathologisch -anatomische, besonders 
mikroskopische Untersuchungen und experimentell-physiologische Studien die 
Chirurgie zu einer der internen Medicin ebenbürtigen Wissenschaft zu erheben. 
Fast zu gleicher Zeit, wie S. sein Lehramt antrat, waren zwei der bedeutendsten 
Assistenten von v. Langenbeck in Berlin, dem geistigen Haupte der Schule, 
nämlich Billroth und Lücke, Kliniker in Zürich und Bern geworden. Ein 
frischer Hauch ging durch die medicinische Welt der deutschen Schweiz, als 
diese drei Männer in den regsten belehrenden Verkehr traten, bei häufigen 
Zusammenkünften ihre Erfahrungen austauschten und ihre jugendliche Begeiste- 
rung für die Wissenschaft auf die Schüler übertrugen. In den Ferien besuchte 
S. die deutschen Spitäler, um an dem grossem Krankenmateriale sein Wissen 
zu ergänzen, das Neueste zu sehen. 

Als im Sommer 1866 der Krieg zwischen Oesterreich und Italien ausbrach, 
eilte er nach Ober-Italien, um seine Dienste dem österreichischen Commando 
anzubieten. In den Feldlazarethen machte er die Wahrnehmung, dass die 
Militärärzte ihrer Aufgabe in der Wundbehandlung nicht gewachsen waren, da 
sie besonders die Verwendung des Gipsverbandes für Knochen- nnd Gelenk- 
schüsse der Extremitäten noch nicht kannten. An den ihm überlassenen 
Patienten wusste er die Vorzüge desselben den Collegen zu demonstriren und 
bei seinem energischen, initiativen Wesen schwang er sich zum Lehrer der 
Militärchirurgen auf und ordnete eigentliche Curse an, um ihnen die Technik 
der erhärtenden Verbände beizubringen. Viele Glieder wurden so erhalten 
und der Ruf des jungen Professors verbreitete sich rasch im Ausland und er 
galt als der erste Chirurg deutsch-schweizerischer Nationalität. 

In Basel nahm die Zahl der chirurgischen Patienten im Spital allmählich 
zu und 1867 gab S., um sich ausschliesslich seinem Fach widmen zu können, 
die Augenkranken an die neu geschaffene ophthalmologische Klinik ab und ein 
Jahr später entstand eine eigene Frauenklinik. Auch in der Folge interessirte 
er sich lebhaft um den Ausbau des Spitales und die Entwicklung der medi- 
cinischen Facultät. Seiner Zähigkeit und Geduld, seinem Eifer und wachsenden 
persönlichen Ansehen gelang es, den wohlthätigen, opferfreudigen Sinn der 
reichen Basler Herren so zu lenken, dass die verfügbaren Mittel zum Frommen 
der armen Kranken und zum Ruhme der alten Universität Verwendung fanden. 



Socin. 



59 



Aus dem unzweckmässigen Krankenhause wurde eine moderne Musteranstalt, 
die Facultät vervollständigte sich durch die Besetzung aller Disciplinen mit 
bewährten Gelehrten. Leider war es ihm nicht vergönnt, sein Lieblingswerk 
noch einzuweihen, da der Tod ihn vor der Vollendung eines grossartig 
angelegten, seit Jahren studirten, mit allen modernen Bequemlichkeiten 
ausgerüsteten Operationshauses erreichte. 

Im Sommer 1870 unterbrach der Deutsch-Französische Krieg von Neuem 
seine friedliche Thätigkeit, als der badische Frauenverein, an dessen Spitze 
die Grossherzogin stand, ihn zum Chefarzt eines bedeutenden, über reiche 
Mittel verfügenden Reservelazarethes nach Karlsruhe berief. Mit den Pro- 
fessoren Hoffmann und Klebs, dem berühmten pathologischen Anatomen 
aus Bern, seinen Basler Schülern und Freiburger Studenten installirte er sich 
in den weiten Räumen einer eben erstellten Locomotiv werk statte, in 
welcher 400 Betten aufgeschlagen waren. Vom 11. August an füllten sich 
die Säle rasch mit Deutschen, Franzosen und besonders vielen Turcos 
welche der Mehrzahl nach bei Wörth, aber auch bei Weissenburg, Gravelotte, 
vor Strassburg, bei St. Remy und Beifort verwundet worden war. Im Ganzen 
wurden 643 Patienten bis zum 23. März 187 1 verpflegt, wovon 93 oder 
14,4 7o starben, eine für die damalige Zeit, wo die Antisepsis nur sehr 
unvollkommen gehandhabt wurde, massige Mortalität. Da S. bei seiner 
uneigennützigen, noblen Sinnesart sowohl hier, als auch seiner Zeit in 
Oesterreich jede Honorirung seiner Leistungen bestimmt ausschlug, so wurden 
ihm hohe Orden und Ehrungen zu Theil. Der Bekanntschaft mit dem 
grossherzoglichen Hause verdankte er auch seine Ernennung durch die Kai- 
serin Augusta zu einem der Schiedsrichter für das beste Werk über Samariter- 
wesen, für welches die hohe Frau einen Preis ausgesetzt hatte. 

Einen Markstein im Leben von S. bildete die Annahme der von IJster 
erdachten und von Volkmann im Jahre 1874 nach Deutschland gebrachten und 
verbesserten antiseptischen Wundbehandlung. S. gab sich grosse Mühe, die 
Methode den einzelnen Körperregionen technisch anzupassen u. sie unter den 
Aerzten bekannt zu machen. Er war von den guten Erfolgen bei schwierigen 
Operationen so entzückt, dass er als sein grösstes Glück pries, die Entdeckung 
des Lister Verbandes erlebt zu haben. 

Seine eigentliche Lebensaufgabe fand er in seinem Lehramte und er war 
stolz auf die Würde und den Titel eines Universitätsprofessors. Er war ein 
fleissiger Kliniker und setzte nur bei ausserordentlichen Anlässen seine Vor- 
lesungen aus. In früheren Jahren präparirte er sich gründlich auf seine Vor- 
träge und legte sich eine wertvolle Bibliothek an, um alles Neue kennen zu 
lernen. Nach seinem Tode fiel sie testamentarisch der Universität zu. Sein 
Vortrag war klar, scharf, lebhaft und elegant. Auch im gewöhnlichen Um- 
gang sprach er stets gut deutsch, aber mit einem unverkennbaren französischen 
Accente. Da die Zahl der Mediciner in Basel eine beschränkte war, suchte 
er jeden Studenten persönlich kennen zu lernen, um ihn nach seiner indivi- 
duellen Anlage auszubilden. Er gründete ein chirurgisches Kränzchen, wo 
an bestimmten Abenden die Praktikanten sich versammelten, über wichtige 
Fälle referirten oder auserlesene Capitel aus den Lehrbüchern behandelten. 
Aus dem reichen Schatze seiner Kenntnisse vervollständigte der Lehrer das 
Vorgebrachte und wusste den Schülern m plastischer Weise prägnante Krank- 
heitsbilder zu zeichnen. Eine seiner Schwächen, die oft belacht wurde, bestand 
darin, dass er niemals einen Candidaten, wenn er auch noch so schwach und 



6o Socin. 

kenntnisslos war, im Staatsexamen durchfallen lassen konnte. Selten wird 
man einen I,ehrer finden, dem auch im spätem praktischen Leben die 
Schüler so treu und freundschaftlich zugethan blieben, weil sie wussten, dass 
in den Zeiten der Not sie seiner werkthätigen Hilfe versichert sein könnten. 

Als Operateur war er gewandt und das Messer führte er mit französischer 
Eleganz. Bei seiner angebornen Nervosität wurde er bei unvorhergesehenen 
Ereignissen, wue starken Blutungen, beängstigenden Zufällen bei der Narkose, 
aufgeregt und verlor seine Kaltblütigkeit. Wenn er auch die neueren Opera- 
tionen kannte, war er niemals übermüthig oder waghalsig und überlegte sich 
genau, ob der zu erwartende Gewinn zu der möglichen Lebensgefahr in einem 
richtigen Verhältnisse stehe. Die von ihm angelegten Verbände zeichneten 
sich durch schmucke Ausführung aus. 

S. war ein Arzt im eigentlichen Sinne des Wortes. Sein selbstbewusstes 
Auftreten erweckte bei den Kranken Vertrauen und Glauben. Im Spital machte 
er abweichend von der Gewohnheit vieler Universitätsprofessoren täglich eine 
eingehende Visite und beschäftigte sich mit jedem Patienten. Bei mangelndem 
Gehorsam brauste er rasch auf und konnte tüchtig schelten. Die 
Herzen der Beleidigten eroberte er sich aber bald wieder, da sie seine 
Güte und sein Mitgefühl fortwährend würdigen konnten. Oefters spendete 
seine eigene Küche und sein Keller an schwer Operirte Zugaben, welche das 
Spitalreglement nicht vorgesehen hatte. Bis in die letzten Jahre seines 
Lebens war er in einigen Basler Familien treuer Hausarzt geblieben und 
behandelte auch die internen Krankheiten. 

In literarischer Beziehung war er nicht fruchtbar. Zur Abfassung 
grösserer Werke mag es ihm an Ruhe und Geduld gefehlt haben; vor Allem 
aber ging ihm die schöpferische Natur ab. Er verbesserte und vervoll- 
kommnete die von anderen Chirurgen ersonnenen operativen Verfahren, ohne 
aber neue Pfade zu weisen. An seinen Namen knüpft sich eine Methode 
zur Entfernung von gewissen Kröpfen. Nebst gelegentlichen kleineren Ab- 
handlungen und von ihm inspirirten Dissertationen seiner Schüler sind es 
drei Werke, welche auf bleibenden Werth Anspruch machen. Nach dem 
Deutsch-Französischen Kriege erschienen »Kriegschirurgische Erfahrungen«, 
gesammelt in Karlsruhe 1870 und 1871« (Leipzig, Verlag von F. C. W. Vogel 
1872), in welchen er über Schussverletzungen und besonders über die 
sie complicirenden Wundinfectionskrankheiten und über Prothesen wertvolle 
Studien veröffentlichte. In diesem Werke tritt die Individualität des Ver- 
fassers am besten hervor. Die Schwierigkeit der Beobachtung und die 
Unmöglichkeit der Führung von ganz genauen Krankengeschichten während 
der aufgeregten Kriegszeiten schlössen eine streng wissenschaftliche Verarbei- 
tung des Stoffes aus, erlaubten dafür aber ein freieres und wärmeres Hervor- 
treten der subjectiven Ansicht. Ein zweites Werk sind »Die Krankheiten der 
Prostata« , erschienen im Handbuch der allgemeinen und speciellen Chirurgie 
von Pitha und Billroth im Jahre 1875. Die Bearbeitung des schwierigen 
Stoffes ist eine mustergiltige und erschöpfende. Das Manuscript zu einer 
zweiten Auflage ist leider unvollendet im Nachlasse gefunden worden. 
Jährlich erschien seit 1871 unter Mitarbeitung des jeweiligen Assistenzarztes 
der Klinik ein »Jahresbericht über die chirurgische Abtheilung des Spitales zu 
Basel«. S. ist meines Wissens der einzige Chirurg, der in so objectiver, 
schonungsloser Weise sein ganzes Wirken und Handeln im Spital dem öffent- 
lichen Urtheil unterbreitete. Es brauchte grosse Selbstüberwindung und 



Socin. Rümelin. 6l 

Selbsterziehung zu einem solchen Vorgehen, da auch dem grössten Meister 
Fälle unterlaufen, welche er am liebsten verheimlichen und vergessen lassen 
möchte. In der Casuistik finden wir stets Zusammenstellungen von Eingriffen, 
welche ihn besonders interessirten, wie der Operationen bei Unterleibsbrüchen 
und bei Kröpfen. 

Er hatte drei Mal die Ehre eines Rufes an fremde Universitäten. 
Aus Anhänglichkeit an seine Vaterstadt und im Gefiihle, dass er für den 
Ausbau des Spitals und der Hochschule noch noth wendig sei, lehnte er nach 
Bern, nach Freiburg i/B. und wohl mit schwerstem Herzen nach Würzburg 
ab, wohin ihn besonders sein Freund und früherer Lehrer Koelliker ziehen 
wollte. 

Er besuchte gern die ärztlichen Zusammenkünfte und nannte sich 
scherzend den alten Congressonkel. Mit v. Langenbeck und Billroth hatte 
er die deutsche chirurgische Gesellschaft in Berlin gründen helfen, in den 
lezten Jahren fehlte er an keiner Vereinigung der französischen Chirurgen 
in Paris. An den schweizerischen Versammlungen in Ölten oder einer der 
Universitätsstädte sah man ihn meistens; er beschäftigte sich schlagfertig an 
den Discussionen und belebte durch seine Originalität und seinen aus- 
gelassenen Humor und den sprudelnden, oft derben Witz die der Geselligkeit 
gewidmeten Stunden. Merkwürdiger Weise war er kein guter Redner, wenn 
er sich einmal im Toaste versuchte. 

In seiner Vaterstadt konnte er sich dem politischen Leben nicht ent- 
ziehen, er war Grossrath und gehörte der conservativen Partei an. Seine 
Erholung in den Ferien fand er auf der Jagd, besonders in den Herbst- 
monaten im Hochgebirge, von wo er gewichtige Geweihe von Edelhirschen 
und zierliche Hörner von Gemsen heimgebracht hat, welche sein Haus 
schmückten. Er war unverheiratet geblieben. 

Anfangs Januar 1899 erkrankte S. an Typhus und am 29. Januar schloss 
er seine Augen für immer, nachdem er noch wenige Tage vor dem Tode 
ohne Zagen und Furcht und bei vollem Bewusstsein die letzten Anordnungen 
getroffen hatte. Ein Leichenbegängniss , wie Basel noch keines gesehen, 
bewies, in welch hohem, seltenem Grade der Professor der Chirurgie sich 
nicht nur die Verehrung der Berufsgenossen, sondern auch die Liebe und 
Anhänglichkeit seiner Mitbürger zu erwarben gewusst hatte. 

A. Kottmann. 



Rümelin, Emil (von), Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, * 2 1. Juni 1846 
zu Ulm, f 24. März 1899 zu Baden-Baden. Er entstammte einer angesehenen 
w'ürttembergischen Familie; der berühmte Tübinger Universitätskanzler Gustav 
Rümelin war sein Onkel. Der Vater, der den Sohn kurze Zeit überlebt hat, 
diente bei dessen Geburt als rechtskundiger Assessor der Finanzkammer in 
Ulm und lebte zuletzt als Regierungsdirector a. D. in Stuttgart. — R. widmete 
sich dem Studium der Finanzwissenschaft in Tübingen, zeitweise auch in 
Heidelberg. Mai 1872 wurde er Assistent beim Hauptsteueramt in Esslingen, 
Jahrs darauf Grenzcontroleur in Friedrichshafen, dann Kanzleihilsfsarbeiter, 
später Revisor beim Steuercollegium in Stuttgart. In dieser Steltung ver- 
mählte er sich 1877 mit Natalie Oesterlen, der Tochter eines Stuttgarter 
Rechtsanwalts, die als Schriftstellerin, namentlich Uebersetzerin von Romanen 
thätig ist. Der Ehe ist ein einziger Sohn entsprossen. 1880 kam R. als 



62 Rttmelin. 

Finanzassessor und Stationscontroleur nach Münster i. W. Nach 6 Jahren in 
die Heimath zurückgekehrt, wurde er zunächst Oberzollinspektor in Heilbronn, 
September 1889 Obersteuerrath im Steuercollegium zu Stuttgart. In dieser 
Periode trat er auch literarisch hervor, so 1891 in einem Schriftchen über 
»Die Selbstverwaltung in ihrer Bedeutung für die sociale Frage« (Stuttgart, 
bei W. Kohlhammer). 

Als im Jahre 1892 die schwere Erkrankung des Stuttgarter Oberbürger- 
meisters Hack die Neuwahl eines Stadtvorstandes nothwendig machte, wurde 
der parteilose R. von den Democraten, denen sich alsbald die Social- 
demokraten anschlössen, auf den Schild erhoben. Zwischen ihm und dem 
von den rechtsstehenden Parteien aufgestellten Bewerber entbrannte ein 
heftiger Wahlkampf. Da letzterer trotz seiner hervorragenden Befähigung 
auch vielen Wählern, die sonst mit der Deutschen Partei Hand in Hand 
gingen, nicht genehm war, siegte R. am 18. November 1892 mit ansehnlicher 
Mehrheit. Am 28. December 1892 erfolgte die K. Bestätigung, am 9. Januar 1893 
die feierliche Amtseinsetzung zum Stadtschultheissen. Am 27. September 1893 
erhielt er bei Gelegenheit der Einweihung der König Karls-Brücke bei Cannstatt 
den Titel eines Oberbürgermeisters, welcher Auszeichnung im Laufe der Zeit 
die üblichen Ordensverleihungen nachfolgten. 

Obgleich R. den Parteien, welchen er seine Wahl in erster Linie ver- 
dankte, gewisse Rücksichten nicht versagen konnte, waltete er doch im Ganzen 
ohne Befangenheit oder Parteilichkeit seines Amtes. Er war eine durchaus 
versöhnliche und massvolle Natur mit gefälligen Umgangsformen und ver- 
bindlichem, gewinnendem Benehmen. Er zeigte seinen Gegnern im Wahl- 
kampfe grosses Entgegenkommen, und so platzten die Gegensätze auf dem 
Rathhause seltener und weniger heftig aufeinander, als man hätte glauben 
sollen. 

R. wurde von gewaltigem Thatendrang, von gewaltiger Schaffenslust vor- 
wärts getrieben, ohne dabei zähe Ausdauer in ernster, entsagungsreicher 
Arbeit zu besitzen. Er hatte ein frisches, lebhaftes Temperament, das ihn 
zu kühner Initiative auf den verschiedensten Gebieten führte. Es fehlte ihm 
nicht an Ideen, und er streute Anregungen nach allen Seiten hin aus. Er 
nahm das Gute vorurtheilsfrei, woher es kam, und Hess sich leicht auch für 
fremde Gedanken und Pläne gewinnen und begeistern. Kühle und nüchterne 
Al)wägung der thatsächlichen Verhältnisse, vorsichtige Berechnung etwaiger 
Widerstände war weniger seine Sache. Die Ausführung seiner Ideen überliess 
er gerne Anderen. Aber das Entscheidende blieb schliesslich doch, dass er ein 
heller Kopf war, dem alles Eigensinnige und Engherzige fem lag, der offene, 
freie Blicke in die Welt thun konnte, der die Bedürfnisse des modernen 
Lebens erfasste. Jedenfalls hat Stuttgart unter seinem Regimente keinen 
Schaden genommen und ist, ohne Zeit zu versäumen, rüstig vorwärts ge- 
schritten in der Entwicklung zur Grossstadt. 

Ueberblicken wir R.'s Leistungen im Einzelnen, so ist dabei zu bedenken, 
dass während seiner Amtsführung einerseits Vieles vollendet worden ist, was 
schon früher vorbereitet war, anderseits Vieles vorbereitet worden ist, was erst in 
künftigen Jahren völlig in Erscheinung treten oder sich erproben wird, wes- 
halb sich seine Wirksamkeit in ihren bleibenden Folgen noch nicht ganz über- 
schauen und endgiltig beurtheilen lässt. Der Apparat der städtischen Verwaltung 
wurde unter R.'s Leitung bedeutend vermehrt, ein zweiter besoldeter Gemeinde- 
rath angestellt. Ein städtisches Arbeitsamt und statistisches Amt wurden 



Rümelin. 63 

errichtet. Eine Anzahl gemeinnütziger Bauten entstanden, die Rathhausbau- 
frage, die Stuttgart Jahre lang in Gefahr gebracht hatte, ein Abdera unter den 
deutschen Grossstädten zu werden, rückte ein gutes Stück vorwärts, und im 
engsten Zusammenhange damit wurde das Project einer Sanirung der 
Altstadt in Angriff genommen. Hand in Hand damit ging das Streben nach 
Ausgestaltung der Stadterweiterung nach Anlegung neuer Bauquartiere auf der 
Peripherie, wobei R. stets nach Kräften bemüht gewesen ist, die Schönheit 
des Städtebildes zu erhalten. Das Verkehrswesen wurde gehoben, die Trans- 
portmittel vermehrt und verbessert, der elektrische Betrieb bei den Strassen- 
bahnen eingeführt. An der Gründung des württembergischen Städtetages 1897 
hatte R. bedeutenden Antheil, und er wurde «u dessen Vorsitzendem erwählt. 
Auch pflegte er regen Verkehr mit den grossen Gemeinwesen im übrigen 
Deutschland. 

Ganz besonderen Nachdruck legte R. auf die repräsentative Seite seines 
Amtes. Er hatte hierfür ein ausgesprochenes Talent. Es lag in seiner Art, 
überall seine Person einzusetzen, und die Freuden öffentlicher Geselligkeit 
hatten viel Verlockendes für ihn. Niemals entzog er sich, wenn in Stuttgart 
Feste gefeiert wurden, und dies war sehr häufig der Fall, solange er an der 
Spitze der Gemeinde stand. Namentlich im Jahre 1896: R. war damals 
erster Vicepräsident der wohlgelungenen elektrotechnischen und kunstgewerb- 
lichen Ausstellung und erster Präsident des Festausschusses fiir das V. Deutsche 
Sängerbundesfest. Er trug nicht wenig dazu bei, den Ruf Stuttgarts als einer 
gastfreundlichen Stadt und eines angenehmen Aufenthaltes für Fremde zu 
kräftigen. Auch bei patriotischen Festen und Kundgebungen stand R. nicht 
zurück; so stellte er sich als Vertreter Stuttgarts aus Anlass von Bismarcks 
80. Geburtstag mit dem Obmann des Bürgerausschusses am 19. April 1895 
in Friedrichsruh ein. 

Alle diese Pflichten der Repräsentation waren indessen mit Anstrengungen 
verbunden, die R.'s Kräfte vor der Zeit aufzehrten. Ende August 1898 er- 
krankte er schwer, ohne dass die Aerzte den Ch«irakter seines Leidens deut- 
lich erkannten. Er musste sich beurlauben lassen. Anfang Dezember nahm 
er im Höhenluftkurort Degerloch über Stuttgart Aufenthalt, Mitte Februar 1899 
begab er sich nach Baden-Baden. Anfangs schien dort Besserung einzutreten, 
aber bald brach die Krankheit mit verstärkter Macht hervor, und schliesslich 
machte ein Schlagfluss mit Blutaustritt in das Gehirn seinem Leben ein Ende. 
R. war ein eifriger Anhänger der Feuerbestattung gewesen, und so wurden 
seine irdischen Ueberreste am 26. März im Heidelberger Crematorium 
verbrannt. Am 28. März wurde die Urne auf dem Stuttgarter Pragfriedhofe 
beigesetzt mit allem Pompe, wie er bei Männern öffendichen Wirkens üblich 
ist. Rede folgte auf Rede, nur die Stuttgarter Geistlichkeit wirkte nicht mit, 
durfte nicht mitwirken, da sich das württembergische Consistorium gegen die 
facultative Feuerbestattung völlig ablehnend verhält. 

Zeitungsnekrologe, namentlich in der Schwäbischen Kronik vom 24. März 1899 
No. 140, Staats-Anzeiger für Württemberg vom selben Tag No. 69, (Stuttgarter) Neuen 
Tagblatt vom selben Tag No. 70 (mit Bild); Schwabenland 1899 No. 7 (mit Bild), Vom 
Fels zum Meer, 18. Jahrgang, 17. Heft, Der Sammler S. 32. (mit Bild), Phoenix 1899 No. 5 
(mit Bild). — Ueber die Leichenfeier vergl. die Schwäbische Kronik vom 27. März 1S99 
Nl>. 143, der Schwäbische Merkur vom 28. März 1899 No. 146 und Phönix a. a. O. — 
Ein Portraitrelief R.'s von der Hand des Bildhauers Kiemlen wurde in sein Grabdenkmal 
am ersten Jahrestage seines Todes eingesetzt. 

Rudolf Krauss. 



64 BrUggcr. Pfixcr. 

Brügger, Christian G. — Naturforscher ♦ 1833 in Churwalden, 
f 18. October 1899 in Chur; studirte in München und Innsbruck Medicin und 
Botanik. 1859 wurde er (Konservator am botanischen Museum des Poly- 
technikums in Zürich, 1870 Professor der Naturgeschichte an der Cantons- 
Schule in Chur. — B. war ein ausgezeichneter Kenner der Flora seines 
Heimatheantons Graubünden und der Ostalpen. 1860 schrieb er »zur Flora 
Tirols«, ein leider unvollständig gebliebenes kritisches Standorts verzeichniss 
aus Bünden und Tirol; 1880 — 1886 erschienen seine inhaltreichen »Mit- 
theilungen über neue kritische Formen der Bündner- und Nachbarflora« in 
den Jahresberichten der bündnerischen naturhistorischen Gesellschaft; zahl- 
reiche kleinere floristische, teratologische, kryptogamische und pflanzen- 
geographische Publica tionen stammen von den Jahren 1855 — 1890. Seine 
geplante »Bündner-Flora« ist leider nie erschienen. 

Auf zoologischem Gebiet behandelte er die Wirbel thiere der Fauna 
Churs, und Flatterthiere Graubündens. 

Viel hat er femer über Meteorologie, Balneologie, Naturchronik 
und Kulturgeschichte Graubündens geschrieben. Er hatte auf eigene 
Faust eine Reihe meteorologische Stationen eingerichtet (90) und deren Re- 
sultate theilweise publicirt; sehr inhaltreich sind seine »Beiträge zur Natur- 
chronik der Schweiz 1876 — 1888«, in der Beilage zum Programm der Bündner 
Cantonsschule, femer seine auf umfangreichen Quellenstudien beruhende »Ge- 
schichte des Bergbaus in den X Gerichten« von 1588 — 1618. Das voll- 
ständige Verzeichniss seiner gesammten Schriften weist 38 Nummern auf. 

(Siehe Nachruf auf Chr. BrUgger v. C. Schröter im »Freien Rhätier« November 1899 
und in der »Neuen Zürcher Zeitung«). 

C. S. 



Pfizer, Gustav, Jurist, * 13. September 1840 zu Stuttgart, f 24. De- 
cember 1899 zu Ulm. — Er war der zweite Sohn des bekannten Dichters 
Gustav Pfizer, 1840 noch Schriftstellers und Redacteurs am Morgenblatte, 
später Professors am Stuttgarter Gymnasium, und der Marie, geb. Jäger. 
Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt absolvirt hatte, widmete er 
sich in Tübingen und Heidelberg von 1858 bis 1862 dem Studium der 
Rechtswissenschaft, erstand im December 1862 und Frühjahr 1864 die beiden 
Dienstprüfungen mit glänzendem Erfolge; in der Zwischenzeit war er Refe- 
rendar beim Stadtgericht Stuttgart und Gerichtshof Tübingen. Von einer 
längeren Bildungsreise nach Norddeutschland zurückgekehrt, fand er seit 
Herbst 1864 unständige Verwendung als Assistent, bezw. Actuariatsverweser 
in Münsingen, Stuttgart und Rottweil, wurde 1867 Gerichtsactuar in Freuden- 
stadt, 1871 Kreisrichter in Ulm, 1879 Landgerich tsrath daselbst. Eine her- 
vorragende Carriere im Staatsdienste schien dem scharfsinnigen und geistes- 
klaren Richter bevorzustehen, als ihn ein verhängnissvolles Ereignis aus der 
vorgezeichneten Bahn warf. Im December 1882 verurtheilte das Ulmer 
Schwurgericht den Bauern Willibald Ilg wegen Brandstiftung. P., der als 
beisitzender Richter der Verhandlung angewohnt hatte, war von der Unschuld 
des Verurtheilten und von gewissen Ungehörigkeiten in der Führung des 
Processes fest überzeugt und wandte sich deshalb in einer Denkschrift an 
das württembergische Justizministerium. Dieses selbstständige, allerdings den 
landläufigen Begriffen von Beamtendisciplin und Beamtensolidarität wider- 



Pfizer. 65 

sprechende Vorgehen trug ihm einen Verweis durch das Oberlandesgericht 
wegen Dienstvergehens ein. Das Gefühl erlittenen Unrechtes, verletzter 
Ehre lastete schwer auf dem in diesem Punkte ungemein empfindlichen 
Manne, und es bohrte sich um so tiefer ein, als ihn Verhältnisse dazu be- 
stimmten, Jahre lang schweigend zu dulden. Ueberdies sah er sich bei 
Besetzung höherer Richterstellen, auf die ihm seine Fähigkeiten Anwartschaft 
verliehen, wiederholt übergangen, woraus er den Schluss ziehen musste, dass 
seine vorgesetzte Dienstbehörde gesonnen sei, es nicht bei jener Massregelung 
bewenden zu lassen. P. suchte inzwischen in dem Berufe des juristischen 
Schriftstellers Befriedigimg und erwarb sich auf dijesem Gebiete rasch einen 
geachteten Namen. In allen seinen Schriften verfocht er den dem gesunden 
Menschenverstände adäquaten Geist des Rechtes gegen Buchstabendienst und 
Schablonenthum mit Energie und Kühnheit, tiberall reformatorischen Ge- 
danken zugeneigt, eine starke kritische Ader verratend. 1894 trat er endlich 
mit der Aufsehen erregenden Broschüre »Willibald Hg. Ein Nachtstück aus 
der modernen deutschen Strafrechtspflege« (Leipzig, Verlag von Otto Wigand) 
hervor, worin er das vor elf Jahren Vorgefallene schilderte. Er schlug eine 
Schärfe der Tonart an, die sich aus seinem Gemüthszustande hinlänglich er- 
klärte, aber die Sache, die er vertrat, schädigen musste. Seine Angriffe 
richteten sich nicht nur gegen die am Processe Hg Betheiligten, sondern 
auch gegen die Mitglieder des Oberlandesgerichtes und vor Allem gegen 
die Person des Ministers. Eine Disciplinaruntersuchung wurde über P. ver- 
hängt, deren Ausgang keinen Augenblick zweifelhaft sein konnte. Entweder 
musste P. fallen oder alle die, welche er angegriffen hatte. Der Disciplinar- 
gerichtshof verurtheilte ihn zur strengsten Strafe, zur Dienstentlassung. Er 
antwortete mit einer neuen, noch heftigeren Flugschrift: »Der Achtung un- 
würdig! Ein Fall württemb. Disciplinarverfahrens« (Stuttgart, Verlag von 
Robert Lutz, 1894). Fortan betrachtete er es als seinen einzigen Lebens- 
zweck, den Nachweis zu erbringen, dass ihm Unrecht geschehen sei, und 
seine Rehabilitation durchzusetzen. Er wollte vor Allem seine Gegner dazu 
veranlassen, dass sie gegen ihn wegen Beleidigung Strafantrag stellten, und auf 
diese Weise seine Sache vor ein ausserwürttembergisches Gericht bringen. Denn 
er setzte die Solidarität sämmtlicher württembergischen Richter untereinander 
und somit ihre Befangenheit voraus. Dies gelang ihm nicht. Eine Eingabe 
an den Landtag blieb erfolglos. Er fuhr fort, den ihm entzogenen Titel 
Landgerich tsrath zu fuhren, und erzwang deshalb durch Selbstdenunciation 
einen Process, den er in allen Instanzen verlor. Damit war natürlich für ihn 
nichts erreicht. Inzwischen war er Rechtsanwalt in Ulm geworden. Einer 
neuen, »Die Rechtskraft des Verbrechens und der Niedergang der deutschen 
Strafrechtspflege« (Zürich 1897, Verlag von E. Speidel) betitelten Streit- 
schrift wegen wurde P. im November 1898 vom Ehrengerichte der württem- 
bergischen Anwaltskammer zu einem Verweis und einer hohen Geldstrafe 
verurtheilt. Das Ehrengericht der Rechtsanwälte in Leipzig, an das er 
appellirte, bestätigte dieses Urtheil. Er verzichtete nun auf die Advocaten- 
thätigkeit. Nichtsdestoweniger fuhr er fort, auf Mittel zu sinnen, an Plänen 
zu schmieden, die ihm seine Ehre vor den Augen der Welt wiederherstellen 
sollten. Ein rascher Tod bewahrte ihn vor neuen Enttäuschungen. Auf 
dem Heimwege von der Weihnachtsbescherung im Hause eines Bruders in 
der Christnacht wurde er von einem Herzschlage getroffen, der das sofortige 
Ende herbeiführte. Ihn betrauerte eine Wittwe, Clara, Tochter des ehemaligen 

Biogr. Jahrbach u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. t 



66 Pfizer. 

Stuttgarter Hoftheatermalers Braakman, mit der er in kinderloser Ehe ge- 
lebt hatte. 

Ein Leben so reich an Tragik, wie sie nur immer die Phantasie des 
Dichters erfinden mag, hat sich da abgewickelt. Ein Mann, dazu geschaffen, 
in seinem Berufe Bedeutendes zu leisten, wird durch ein Verhängnis, dessen erster 
Anlass von aussen kommt, dessen tieferer Grund zugleich in seinem Innern 
liegt, dazu gezwungen, seine Kräfte in unfruchtbaren, hoffnungslosen Kämpfen 
aufzureiben. Selbstlos tritt er für einen Unglücklichen ein, und von dem 
einzelnen Falle oder, wohl richtiger, von zahlreichen einzelnen Fällen aus, die 
ihm in seiner richterlichen Praxis aufgestossen sind, drängt .sich ihm die Noth- 
wendigkeit einer Reformation unserer Rechtspflege auf. Er muss seiner 
Ueberzeugung wegen leiden, er selbst zum mindesten hält sich für den 
Märtyrer einer guten Sache. Seine Person, seine persönlichen Rechtsan- 
sprüche treten immer mehr in den Vordergrund, das Persönliche verschmilzt 
sich innig mit dem Principiellen. Die grosse Menge freilich erkennt nur 
noch das persönlich Sensationelle, sie übersieht, dass der kühne Kämpe für 
sich selbst zugleich Wunden im modernen Rechtsleben blossgelegt hat, dass 
insbesondere seine Befehdung des Instituts der Staatsanwaltschaft, wie es sich 
bei uns ausgebildet hat, einen sittlichen Kern hat. Und die Masse des 
Publikums hat für die Tragik eines solchen Charakters kein Verständniss : 
sie erblickt in ihm einen blossen Querulanten, einen Processwüthigen, Skandal- 
süchtigen, einen am Verfolgungswahne Leidenden. Ganz gewiss sind die Mittel, 
die P. gewählt hat, nicht immer glücklich gewesen, gewiss hat er auch in 
seinen persönlichen Invectiven über das Ziel hinausgeschossen: aber dennoch 
haben in ihm sittliche Kräfte gewaltet, die hohe Achtung gebieten: Uner- 
schrockenheit. Unbeugsamkeit, Beharrlichkeit, Zähigkeit. Haben doch selbst 
seine Gegner die Unantastbarkeit seines Charakters stets anerkannt. Er war 
von seinem Rechte so felsenfest überzeugt, dass er nur durch dieses allein 
siegen wollte. Er verschmähte es, Bundesgenossen zu werben, seine Sache 
mit der Oppositioneller und Missvergnügter irgend welcher Art zu vermischen. 
Ja, er scheute sich nicht, den Kreis seiner Feinde stetig zu erweitern. Von 
Haus aus stand er den Parteien nahe, welche die Autorität des Staates ver- 
treten. Als er dann selbst mit dieser Autorität in Confiict gerieth, thaten 
die rechts stehenden Parteien und deren Presse nichts zu seiner Vertheidigung. 
An die Demokratie wollte er sich nicht herandrängen; sie war ihm ohnehin 
seiner entschieden nationalen Gesinnungen wegen abhold. Denn der Sohn 
Gustav Pfizers, der Neffe Paul Pfizers, des süddeutschen Heroldes des neuen 
Deutschen Reiches, musste als deutscher Patriot empfinden, ein Bewunderer 
des grossen Kanzlers sein. Als Denkmal dieser Sinnesart kann eine am 
I. April 1893 von P. auf Bismarck gehaltene, durch Sonderdruck verbreitete 
Rede gelten. So stand er allein, zwar von den Sympathien vieler selbst- 
ständig Denkenden begleitet, aber von keiner öffentlichen Macht im Lande 
öffentlich unterstützt. Dennoch konnte er vollem Verständniss wohl nur in 
seiner schwäbischen Heimath begegnen, wo solche — im besten Verstände 
des Wortes — eigensinnige Charaktere besonders häufig auftreten, Conflicte 
zwischen einzelnen männlich festen Persönlichkeiten und der Uebermacht 
des Staates besonders häufig ausbrechen. 

P. hat ausser den schon erwähnten Broschüren noch folgende juristische 
Schriften veröffentlicht : 



Pfizer. Weckesser. 6y 

Recht und Willkür im deutschen Strafprozess. Hamburg 1888 (in Holtzendorflfs 
Deutschen Zeit- und Streit-Fragen. Neue Folge. Heft 41/42). 

Was erwartet Deutschland von dem bürgerlichen Gesetzbuch? Hamburg 1889 
(ebenda Heft 55). 

Ehe, Staat und Kirche. Hamburg 1890 (ebenda Heft 72). 

Die Berufung in Strafsachen. Hamburg 1891 (ebenda Heft 90). 

Anti - SeufTert oder der Geist des Rechts und der Buchstabe des Gesetzes. Von 
G. Pfizer. Leipzig, Verlag von Otto Wigand. 1892. 

Wort und That. Ein Nothruf für deutsches Recht. Ebenda 1892. 

Das Recht des Bürgerlichen Gesetzbuches. Gemeinfasslich dargestellt Ravensburg, 
Verlag von Otto Maier 1898. 

Das württembergische Ausfuhrungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch nebst der 
wUrttembergischen Gesindeordnung mit kurzen Erläuterungen. Ebenda 1900. 

Ausserdem war er Mitarbeiter an juristischen Zeitschriften und an Zeitungen, ins- 
besondere der Beilage zur Allgemeinen Zeitung. 

Gustav Pfizer von C. S t o o s s. Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht. XIII. Jahrg. 
1900. S. 31 — 37. Auch als Separatabdruck erschienen mit Bibliographie. Kürzere Nachrufe 
und Notizen in Schwäbischer Kronik vom 27. December 1899 No. 603, Staats- Anzeiger für 
Württemberg vom selben Tag No. 301, (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom selben Tag No. 302, 
Ulmer Schnellpost vom 29. Dezember 1899 No. 304, insbesondere Allgemeine Zeitung vom 
27. December 1899 No. 358 (sehr warm). — Leichenrede. — Familiennachrichten. 

Rudolf Krauss. 



Weckesser, August, Historien- und Genremaler. ♦28. November 182 1 
in Winterthur (Schweiz), f 11. Januar 1899 in Rom. — Als Sohn eines 
Bleichers und Müllers, der zu Anfang dieses Jahrhunderts aus dem badischen 
Amtsstädtchen Wertheim nach der Schweiz übergesiedelt war, und der Base 
von Jonas Furrer, dem ersten schweizerischen Bundespräsidenten, verlebte W. 
mit fünf Geschwistern eine frische fröhliche Kindheit auf der »Untermühle« 
in der Nähe des Dorfes Oberwinterthur. Doch nach des Vaters vorzeitigem 
Tode (1834) wurde der Knabe bereits mit seinem fünfzehnten Jahr aus der 
Schule genommen, um als Lehrjunge in die Mühle einzutreten; ja, folgen- 
schwere Machinationen des vom Vater schon mit dem Betrieb der Mühle 
betrauten Müllerknechtes beförderten den Achtzehnjährigen zum Meister. 
— Vom ersten Zeichnungsunterricht an hatte W. grosse Geschicklichkeit in 
diesem Fach gezeigt, und nach all der strengen Arbeit und Plackerei die 
Woche durch wurde an Sonntagen leidenschaftlich von Morgens früh bis 
Abends spät gezeichnet. Der Kaufmann und Kunstdilettant Salomon Brunner 
war es, der zuerst dem strebenden Jungen Anweisung gab im Malen mit 
Oelfarben und im landschaftlichen Fach, und der erste wirkliche Schritt zur 
künsderischen Ausbildung ward ihm ermöglicht durch das edle Entgegen- 
kommen des Historien- und Portraitmalers David Eduard Steiner, der ihn 
einlud, bei ihm nach Gipsabgüssen zu zeichnen (1840). Ja, es glückte, 
einige Gelder für den jungen Künstler flüssig zu machen, dass er im Früh- 
jahr 1841 die Akademie in München beziehen konnte. Bleichegeschäft und 
Mühle hatten jetzt die zwei Brüder unter sich. In München wandte sich 
W. zunächst mit Empfehlung an Prof. Samuel Amsler, den ausgezeichneten 
Schweizer Kupferstecher, kam an die Akademie zu Clemens v. Zimmermann 
und wurde da mit seinen Landsleuten Hans Bendel aus Schaffhausen und 
Gottlob Emil Rittmeyer aus St. -Gallen »in jene etwas theatralisch compo- 
nirende Richtung gelenkt, die in Wilhelm v. Kaulbach ihren eine Zeit lang 
erfolgreichsten Vertreter hatte« (J. V. Widmann). Nach eigener Aussage 
setzte er seine Studien an der Akademie, im Antikensaal und in der Mal- 

5* 



68 VVeckesser. 

klasse etwas über zwei Jahre fort und suchte dann ohne Lehrer und in sehr 
beschränkten Verhältnissen, so gut es eben ging, bis 1848 weiterzukommen; 
er hielt sich sein bescheidenes Atelier, aus dem von Zeit zu Zeit Ar- 
beiten eigener Composition nach der Vaterstadt wanderten, bis schliesslich 
das Ausbleiben aller und jeder Unterstützung von zuhause, wo man den^'eil 
die Mühle hatte verkaufen müssen, sowie auch die allgemein über Europa 
hereingebrochenen politischen Wirren ein längeres Verweilen in München un- 
möglich machten. W. besuchte seinen lieben Franz Xaver Striebel in 
Mindelheim und traf nach siebenjähriger Abwesenheit wieder in der Heimath 
ein. Da nun erstanden ihm zwei hochherzige Gönner in Georg Studer zum 
»Lindengarten« und in Friedr. Ludw. Imhoof-Hotze. Dem letztern ward W. 
wie als Vermächtniss hinterlassen von dem durch seine algerischen Studien 
bekannten Joh. Kasp. Weidenmann, in dessen Atelier der junge Künstler 
seinen Farbensinn stärken sollte, und mit dem Mäcenatenhause Imhoof blieb 
denn auch W. bis zu seinem Lebensende innigst verbunden. — In die Zeit 
von 1849/50 fällt W.'s erste künstlerische Grossthat: »Ausbreitung des Christen- 
thums im alten Helvetien«, eines der Lünettenbilder im Museum zu Winter- 
thur; und nun folgen wir dem Maler an die Akademie zu Antwerpen und 
nach Paris (185 1 — 53). In Antwerpen ertheilte den Unterricht in Expression 
und Composition Gustave Wappers, der berühmte Kunsterneuerer, zumal auf 
dem Gebiet der belgischen Historienmalerei ; mit Vorliebe habe dieser bei W. 
und seiner Gruppe verweilt. Seit Antwerpen stand W. in freundschaftlichem 
Verhältniss zu Iwan Reimers (Feuerbachs Freund) und zu Polydore Beaufaux; 
seine Studiengenossen waren u. A. der Solothurner Frank Buchser und namentiich 
Ernst Stückelberg, mit dem W. einen intimen Freundschaftsbund schloss fürs 
ganze Leben, mit dem er wieder in Paris, München, Rom zusammentraf. — 
In Paris wurde eifrigst copirt, nach Tizian, Veronese, Horace Vemet u. s. f., 
und von da brachte W. u. A. eine Malskizze mit nach Hause: »Zwingiis Tod«. 
Hr. Studer betraute W. mit der Ausführung in einem grossem Gemälde und 
bestellte ihm als Pendant dazu eine Copie nach Lessings »Huss« in halber 
Grösse; das führte den Maler auch nach P>ankfurt a. M., wo er freundliche 
Aufnahme fand bei dem Luzerner Componisten Schnyder von Wartensee (1855). 
Das Zwinglibild ist W.'s populärste Schöpfung, ein Nachtstück in der Art 
der holländischen: Godfried v. Schalckens »Verspottung Christi« ist (wohl 
als Vorbüd) von W. copirt worden. — Ein weiteres Historiengemälde lieferte 
W. für Imhoof im »Tod des Richters Stanga«. Wie der »Zwingli« (1854), 
so ward auch der »Stanga« in München vollendet (1856/7); dem Priester, 
der flir seine Ueberzeugung stirbt, tritt gegenüber der schlichte Kriegsheld, 
der siegend fällt fürs Vaterland. Während des zweiten Aufenthaltes an der 
Isar entstanden auch »Die Milch naschenden Gnome«, ein Genrebildchen 
mit viel phantastischem Humor. — 1858 wurde ihm sein Herzenswunsch, 
nach Italien zu gehen, durch Imhoof erftillt. Sein Aufenthalt in Rom war 
zunächst nur auf ein Jahr berechnet; aber Italien ist W.'s zweite, sozusagen 
seine Künstlerheimath geworden: hier bis an sein Lebensende im Junggesellen- 
thum verharrend, ist er als ein Römer gestorben. In Venedig wurde copirt, 
wiederum nach Tizian, Veronese etc., hier auch entstanden ein Selbstportrait 
und feine Architekturstücke. Dann wurde die Reise über Florenz nach 
Rom fortgesetzt, und Sttickelberg führte den Freund ins Sabinergebirge 
ein. ^>Die Sabiner bis hoch hinauf in die Cervara fanden in ihm den 
Schilderer ihrer herben Wirklichkeit, Sor Agosto wurde ihr langjähriger 



Weckesser. 69 

Freund und fühlte sich in ihrer Einfachheit, die noch über die des schweize- 
rischen Alpenvolkes geht, zuhause« (Stück elberg). 1863 machte W. in Be- 
gleitung seines lieben Zürcher einen Ausflug nach Neapel und Sicilien, im 
Jahr darauf Studienfahrten nach Sorrent, in die Gebiete der alten Etrusker 
und Hemiker, 1868 einen langem Aufenthalt im toskanischen Städtchen 
San Gimignano; 1869 malte er mit Rudolf Koller zusammen in Porto d'Anzio 
und setzte dann allein die Studienreise längs der Küste fort bis Terracina 
und Mola di Gaeta. Die Jahre 1873 und 1875 zeitigten Aufenthalte auf 
Capri, das Jahr 1887 einen Streifzug mit dem Augenarzt Prof. Heinr. Schiess 
durch die Sabiner- und Volskerberge u. s. w. Nur selten noch kam er über 
die Alpen nach der Heimath: 1866, 1870, 1881, 1886, 1891 und 1896; 
1867 ward ihm der Besuch der Pariser Weltausstellung ermöglicht. — Zu- 
nächst sind es drei Genrebilder, die in den Jahren 1858 bis 1862 vollendet 
wurden: »Familienidyll aus den Sabinerbergen«, »Angehende Virtuosen« und 
^ Brand im Sabinergebirg« . Auf dem Gebiet des höhern Genres sind wohl 
die «Abgebrannten», W.'s bedeutendste Schöpfung, wie er später mit dem 
»Wart« auf dem Boden der geschieh tHchen Malerei entschieden sein Bestes 
gegeben hat. — Von W.'s weitern Genrebildern verdienen besonders Er- 
wähnung: »Die Schnitterinnen« (1868), »Den Saltarello tanzende Kinder« 
(1873), »Brotspende« (1884), »Mutterglück» (1886), »Kleine Früchtehändlerin« 
(1889), »Ave Maria« (1897). — Von Zeit zu Zeit bot sich auch Gelegenheit, 
Stoffe aus der Schweizer Geschichte zu behandeln ; war es doch W.'s Jugendtraum 
gewesen, dereinst ganz nur dieses Feld seiner Kunst bebauen zu dürfen. So 
kamen zur Ausführung: das Redingbild (1872), weiter zwei Bilder, die sich 
auf den Auszug des reformirten Geschlechtes der Muralti aus Locamo be- 
ziehen (1874 und 1881), und dann vor Allem W.'s figurenreichste Compo- 
sition: »Gertrud v. Wart für ihren Gatten um Gnade flehend« (1878), ein 
monumentales Werk. Endlich wurde ihm 1896 der Auftrag zu einem neuen 
grossen Historienbild, ein »Gottesgericht zu Glarus« darstellend; und wie er 
seiner Zeit (1870) für das Redingbild eingehendste Studien gemacht in 
Schwyz, so rückte er jetzt zu Studien an Ort und Stelle in Glarus ein, und 
da hatte der bereits etwas Vereinsamte und Vergessene die Freude, in die 
schweizerische Kunstcommission gewählt zu werden zur Bestimmung der für 
den Bund zu erwerbenden Kunstwerke auf der Landesausstellung zu Genf. 
— W. hat auch Illustrationen geliefert zu Shakespeare: ein Kolossalgemälde 
»Herzogin v. Gloster« und ein kleines Bild »Othello und Desdemona« (1866). 
Von drei Entwürfen zu Gottfried Kellers »Hadlaub« kam als Gegenstück zu »Pan 
und Bakchantinnen« (1891) der »Reigentanz« (1893) zur Ausführung; der Maler 
machte Studien hiezu im Sihlthal und am Zürichhom. Endlich hat W. durch 
Proben gezeigt, dass auch er berufen gewesen wäre, Jeremias Gotthelf ver- 
ständnissinnig zu illustriren. — Dann wieder zeugen eine Reihe von Portraits 
von W.'s scharfer Beobachtung und feinster Detailbehandlung. Und schliess- 
lich: »eine Merkwürdigkeit bleibt, dass der eifrige Studienmaler zuweilen sich 
in phantastisches Gebiet verlor, abseits von der Realität seiner Sabinererleb- 
nisse. So hat er z. B. in seiner »Wasserhose« (1883) auf gelungene Art ein 
Naturereigniss verbildlicht, dessen man den nicht phantasievoll angelegten W. 
nicht für fähig hielt« (Stückelberg). — Jene Blüthezeit römisch-deutschen 
Kunstlebens, da Ludwig I. von Bayern die deutschen Künstler wie Koch, 
Cornelius, Overbeck u. A. in Villa Malta um sich zu versammeln pflegte, 
hat W. nicht mehr miterlebt, immerhin aber noch ihren Nachhall, und gern 



70 



Weckesscr. Probst. 



erzählte er allerlei Anekdötchen, die sich auf jene Glanzperiode bezogen. 
Und dem »Antico Caif6 Greco« , das dazumal in Schwung gekommen als 
beliebter Rendezvous -Ort deutscher Künstler, ist W. als letzter der alten 
Garde zeitlebens treu geblieben ; hier und im »Genio« bildete er lange den 
Mittelpunkt, da traf sich namentlich, was von Schweizern sich für Kunst und 
Künstler interessirte. Gleich von den ersten Jahren an hielt W. häufig auch 
Einkehr im gastlichen Haus der hochangesehenen Schweizer Ktinstlerfamilie 
der Corrodi, das ein halbes Jahrhundert lang während der Wintermonate 
jeden Donnerstag Abend offen stand für die in Rom lebenden oder vorüber- 
gehend weilenden Landsleute; in W.'s Atelier malte eine Zeit lang des Hauses 
jüngerer Sohn, der talentvolle Arnold Corrodi. Gute Preunde W.'s waren 
Rudolf Bühlmann und Jakob Zürcher; W. und Zürcher galten geradezu als 
die Unzertrennlichen; »treue Künstlerseelen in Freundschaft vereint« waren 
W. und der Bildhauer Ferdinand Schlöth, und seit 1869 standen sich auch 
W. und Koller ungemein nahe; schliesslich war meist in W.'s Gesellschaft 
der Aarburger Franz Aenii, der des Meisters letztes Gemälde, das »Gottes- 
gericht«, vollendete. — Sie, die mit dem Maler in seinen karg bemessenen 
Stunden der Müsse Roms Umgebung durchstreifen durften — und ihrer sind 
nicht wenige — , wissen nicht genug zu rühmen, wie originell sich jeweilen 
solche Ausflüge gestalteten; in der weiten »Campagna di Roma« giebts so- 
zusagen kein Loch, das W. nicht kannte. W. war eine ungemein rüstige 
Natur, weil ein Spartaner in seiner Lebensweise, ein bewährter Fussgänger, 
Schwimmer und Turner. Ein vorzüglicher Mensch von grosser Geftihlstiefe, 
allem falschen Schein abhold, besass er den Fehler, zu stolz-bescheiden zu 
sein, und ward gleichsam »ein Märtyrer seines Kunstsinns«. Als Künstler 
ist er »ein nüchterner Idealist und ein sinniger Realist« ; »Reflexion fiiesst 
aus seinem Pinsel auf die Leinwand« (Stückelberg). W. war ein Meister in 
der Composition, virtuos im Zeichnen, weniger in der Farbengebung ; zumal 
war er der kaum zu übertreffende Studienmaler; zahlreiche seiner Studien 
haben selbstständigen Werth, und, blieben die fertigen Gemälde etwa zurück 
hinter dem Angestrebten, so vermochten gewisse Studien, die er für jede 
einzelne Figur nach lebendem Modell ausarbeitete, jedenfalls auch ihn selbst 
voll zu befriedigen. Dank diesem peinlichen Modellstudium hauptsächlich 
bedeuten W.'s Bilder einen Fortschritt gegenüber solchen des Altmeisters 
schweizerischer Historienmalerei, Ludwig Vogel, auch wenn seine Kunst 
selbst wieder in andern Beziehungen einer jungem Generation etwas fremd 
geworden ist. 

Vgl. das >Neujahrsbl. d. Kunstges. in ZUrich f. 1900«, wo weitere Lit Vgl. >Die 
Schweiz« II 1898, 535ff. und III 1899, 583 flf.; »N. Zürch. Ztg.« v. 15. 1., 18. und 21. III. 1899; 
>Sonntags-Beil. d. Allg. Schw. Ztg.«, IV. 1899, No. 4 (22. I. 99): »Der Bund« vom 
23. I. 1900. Abweichende Facta sind nach der obigen Skizze zu berichtigen. 

Otto Waser. 

Probst, Rudolf, ultramontaner Politiker, ♦ 9. März 181 7 zu Ludwigsburg, 
j 15, April 1899 ^^ Stuttgart. — Er stammte aus einer angesehenen katho- 
lischen Familie Schwabens; sein Vater, zur Zeit der Geburt des Sohnes 
Gerichtsactuar, verstarb 1856 als Obertribunalrath. Nachdem P. seine Schul- 
bildung in den oberschwäbischen Städten Biberach und Ehingen empfangen, 
in Tübingen und Heidelberg Rechtsgelehrsamkeit studirt, in den beiden 
Staatsexamina die höchsten Noten erhalten und sich durch weite Reisen 



Probst. 



71 



weiter gebildet hatte, trat er als Justizassessor am Esslinger Gerichtshof in 
den württembergischen Staatsdienst ein, wo ihm eine glänzende Laulbahn zu 
winken schien. Aber schon 185 1 nahm er seiner politischen Anschauungen 
wegen die Entlassung und Hess sich als Advocat in Stuttgart nieder. Als 
solcher war er viel gesucht und begehrt und an zahlreichen Press- und 
sonstigen politischen Processen betheiligt. 1855 bis 1857 wirkte er als Ob- 
mann im hauptstädtischen Bürgerausschuss. 1865 wurde er rechtskundiger 
Director der Stuttgarter Lebensversicherungs- und Ersparnissbank, von welcher 
Stellung er im Januar 1887 aus Gesundheitsrücksichten zurücktrat. Seine 
bedeutendste Thätigkeit hat P. als Politiker und Parlamentarier entfaltet. Im 
Gegensatze zu seinem Vater, der dem damals mit der wtirttembergischen Re- 
gierung eng verbündeten Clerikalismus huldigte, hielt der Sohn sich anfangs 
zur demokratischen Opposition, spielte 1848 im P^sslinger Volksverein eine 
Rolle, trat mit dem bedeutungsvollen Schriftchen »Zur Wiedergeburt der Straf- 
rechtspflege, Gedanken und Vorschläge« (Esslingen 1849) ^^^ Publicist hervor. 
Vom Oberamt Biberach, dessen Abgeordneter früher sein Vater gewesen war, 
wurde er von 1849 ^^ '^95 ohne Unterbrechung zunächst in die drei 
verfassungberathenden Versammlungen, dann in die zweite Kammer entsandt. 
Hier erwarb er sich im Kampfe gegen die Reaction bald hohes Ansehen. 
Als die liberale Gesamtpartei Württembergs in den sechziger Jahren bei Auf- 
rollung der deutschen Einheitsfrage in die Brüche ging, gehörte P. zu den 
entschiedensten Vertretern des grossdeutschen Gedankens, ohne sich jedoch 
der 1866 neu begründeten Volkspartei anzuschliessen. 1868 wurde er im 
2. württembergischen Wahlkreise (Saulgau-Riedlingen) zum Zollparlamente 
gewählt. In Berlin übernahm er die Führung der süddeutschen Fraction. 
Hier erwarb er sich, vor den Folgen engeren politischen Zusammenschlusses 
warnend, das unfreiwillige Verdienst, das berühmte Wort Bismarcks hervor- 
zulocken, dass der Appell an die Furcht kein Echo in deutschen Herzen finde. 
Dem ersten Reichstage gehörte er als Deputierter des 17. württembergischen 
Wahlkreises (Ravensburg etc.) an. Immer mehr vollzog sich jetzt bei ihm der 
Umschwung zum entschiedenen Clerikalismus, während er in den sechziger Jahren 
die Ansprüche der katholichen Kirche nur im bescheidensten Umfange ver- 
fochten hatte. Er trat der Centrumsfraction bei, galt nicht wenig bei seinen 
Parteigenossen und betheiligte sich lebhaft an den Verhandlungen des Reichs- 
tages. Der Aufenthalt in Berlin sagte ihm jedoch ganz und gar nicht zu, 
und so verzichtete er Januar 1874 auf die Wiederwahl. Dagegen fuhr er 
fort, im württembergischen Landtage zu wirken. Er zählte zur Fraction der 
Linken, seitdem sich diese gebildet hatte. Neben juristischen Fragen beschäf- 
tigten ihn namentlich finanzwirthschaftliche. Er sass in den wichtigsten Com- 
missionen, war 1862/65 und 1866 Mitglied des weitern Ausschusses, 1868/70 
Vicepräsident. Sein Einfluss erstreckte sich sogar auf die erste Kammer, wo 
er beim oberschwäbischen Adel sehr geschätzt war. Niemals verleugnete er in 
seiner gesammten Thätigkeit den klar denkenden, logisch geschulten Kopf. 
Er redete gut, sich stets in feinen Formen bewegend. Sein Auftreten war 
ruhig, sachlich, verbindlich, selbst wo er polemisirte. Er erfreute sich auch 
der Achtung der gegnerischen Parteien. Einen persönlichen Feind hat der 
liebenswürdige Mann wohl überhaupt nicht gehabt. — Zu seinen letzten 
politischen Thaten gehörte nach Sprengung der Kammerfraction der Linken 
die Mitbegründung des württembergischen Centrums, zu dessen P^hrenvorstand 
er erwählt wurde. Bei den Landtagswahlen im Februar 1895 candidierte der 



72 



Probst. Stotz. 



Greis nicht mehr. Am öffentlichen Leben der Hauptstadt betheiligte sich P. 
in mannigfacher Weise. Sein Hauptinteresse galt natürlich der dortigen 
katholischen Gemeinde, die ihn gleich einem Patriarchen verehrte und stets 
auf seinen Rath hörte. Doch entzog er sich auch nicht patriotischen An- 
forderungen. So war er noch in seiner letzten Lebenszeit im Ausschusse für 
Errichtung eines Denkmals Kaiser Wilhelms I. thätig. Den Zweiund achtzig- 
jährigen raffte eine längere Krankheit des Alters hinweg. Ihn betrauerten ein 
Sohn, eine verheirathete Tochter und 6 Enkel. Die Gattin, Wilhelmine, Tochter 
des Oberstabsarztes Sontheimer in Stuttgart, war ihm im Tode vorangegangen. 

Schwäbische Kronik vom 15. April 1899 ^o* *72t 18. April 1899 No. 176 (Leichen- 
feier) und No. 177, Deutsches Volksblatt vom 15. und 18. April 1899 No. 85 und 87, 
Staats-Anzeiger für Württemberg vom 15. April 1899 No. 86, (Stuttgarter) Neues Tagblatt 
vom 18. April 1899 No. 89. — Rudolf Probst, ein katholischer Mann (Stuttgart 1899). 

Rudolf Krauss. 

Stotz, Paul, Erzgiesser, * 6. Mai 1850 zu Wasseralfingen (im württem- 
bergischen Oberamt Aalen), f 3. September 1899 auf dem Veitenhof bei 
Kufstein. — Sein Vater, früher Hütteninspector, gründete 1860 in Stuttgart 
die erste Giesserei schmiedbarer Eisengusswaren innerhalb des deutschen 
Zollvereins. Der Sohn widmete sich demselben Kunstzweige und besuchte 
von 1866 bis 1869 das Stuttgarter Polytechnicum und die damals noch 
diesem angegliederte Kunstgewerbeschule. 1870 wollte er als Freiwilliger 
in den Krieg ziehen, erkrankte aber schon im Elsass am Typhus. Nachdem 
er in verschiedenen auswärtigen Stellungen seine praktische Ausbildung ver- 
vollständigt hatte, rief er 1876 im Anschluss an das väterliche Geschäft in 
Stuttgart eine kunstgewerbliche Werkstätte zur Ausführung seiner eigenen 
Entwürfe ins Theben. Aus unbedeutenden Anfangen nahm die Anstalt, be- 
sonders seit der württembergischen Kunstgew^erbeausstellung des Jahres 1881, 
einen grossartigen Aufschwung. S. begann mit Anfertigung kleinerer Metali- 
geräthe, kunstgewerblicher Gebrauchs- und Luxusgegenstände verschiedenster 
Art, nahm bald künstlerische Bau Verzierungen hinzu, verwendete dann die 
Bronze zum Grabschmuck. Den entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung 
seines Institutes übte die Einführung des elektrischen Lichtes aus. Nunmehr 
warf er sich hauptsächlich auf Beleuchtungskörper. Seine grössten Erfolge 
errang er auf dem Gebiete der Schiffsbeleuchtung. Er stattete die Dampfer 
der grössten Rhedereien, auch die Yacht Hohenzollern in dieser Hinsicht aus. 
Ferner sind seine Leuchtgeräthe in der Kaiser Wilhelm -Gedächtnisskirche zu 
Berlin als hervorragende Leistung namhaft zu machen. Endlich gliederte 
er seiner Werkstätte noch eine Abtheilung für Monumentalgiesserei an. Er 
übernahm den Guss zahlreicher Denkmale in Stuttgart und auswärts. Er war 
auch an der Ausstattung des neuen deutschen Reich tagsgebäudes betheiligt. 
S., der in seiner Person den unternehmungslustigen Fabrikanten mit dem fein- 
gebildeten und formsicheren Künstler vereinte, hat den von ihm gepflegten 
Zweig des deutschen Kunstgewerbes zu hoher Blüthe gebracht und hat 
darum weit über die Grenzen seiner engeren Heimath hinaus Ansehen be- 
sessen. Noch viel Gutes und Schönes wäre von ihm zu erwarten gewesen, 
wenn ihn nicht ein jäher Tod im besten Mannesalter weggerafft hätte. 
Scheinbar gesund begab er sich in die Sommerfrische, wo ein Herzschlag 
das Ende plötzlich herbeiführte. Er hinterliess eine Wittwe, Julie geb. 
Rümelin, und 6 Kinder. 



Stotx, Egle. 73 

Schwäbische Kronik vom 4. September 1899 No. 410 und 411, Staats -Anzeiger tür 
Württemberg vom selben Tag No. 205, Frankfurter Zeitung vom 7. September 1899 No. 
248 Abendblatt. 

Rudolf Krauss. 



Egle, Joseph (von), Architekt, ♦ 23. November 1818 zu Dellmensingen 
(im württembergischen Oberamt Laupheim), f 5. März 1899 ^u Stuttgart. — 
Aus niederm Stande hervorgegangen und in bescheidenen Lebensverhältnissen 
gross geworden, erhielt er seine wissenschaftliche Ausbildung im Baufache 
auf der Stuttgarter Gewerbeschule, dem Wiener Polytechnicum und der 
Berliner Akademie der Künste, war dann als Zeichner bei Bauten in Wien 
thätig, besuchte 1842 als Correspondent der Allgemeinen Bauzeitung Nord- 
deutschland und England und widmete sich in Paris, München und Italien 
eingehenden Kunststudien. Nach einer solchen gründlichen theoretischen 
Vorbereitung kehrte der nicht blos künstlerisch reich begabte, sondern auch 
mit scharfem praktischen Verstand ausgerüstete E. Herbst 1848 in die Heimath 
zuiück, wo alsbald eine schöne Aufgabe seiner harrte. Er wurde zum Vor- 
stand der noch in den bescheidensten Anfangen befindlichen Stuttgarter Bau- 
gewerkeschule berufen, die er in 46jährigem segensreichen Wirken zu einer 
trefflich organisirten, in ganz Deutschland als musterhaft anerkannten Unter- 
richtsanstalt herangebildet hat. Ein sieben Jahre lang innegehabtes Lehramt am 
Stuttgarter Polytechnicum legte er nieder, als er 1857 zum ersten Architekten 
des Hofes ernannt wurde, zuerst als Oberbaurath, dann als Hofbaudirector. 
Daneben hatte er eine ausgedehnte Baupraxis. Er begann mit bürgerlichen 
Wohnhäusern, Villen, Schulgebäuden. Ebenso sehr wie die Schönheit der 
Bauten lag ihm ihre Dauerhaftigkeit am Herzen. Er ging von der bis dahin 
in Stuttgart üblichen Fachwerkconstruction zum unverblendeten Massivbau über 
und drang bald mit seinen Principien völlig durch. Er hat im Vereine mit Leins 
der schwäbischen Residenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haupt- 
sächlich das architektonische Gepräge aufgedrückt. Eine Anzahl der herr- 
lichsten öffentlichen Gebäude in Stuttgart sind E.'s Werk, so das Polytechnicum 
und die Baugewerkeschule, das eine im edelsten Stile der italienischen, die 
andere in dem der französischen Renaissance gehalten. 1872 bis 1879 s^^^^i^ 
er im Stile der Frühgothik, die Formen der Marburger Elisabeth kirchc über- 
nehmend und selbständig weiterbildend, die ebenso erhabene als schöne 
Stuttgarter Marienkirche, und mit der Tübinger katholischen Kirche (Con- 
victskirche) leistete er in bescheidenerem Rahmen nicht minder Treffliches. 
Ferner war er bei Erneuerung zahlreicher alten Kirchenbauten betheiligt, 
leitete insbesondere die Restaurationen der Esslinger Frauenkirche, der 
Cimünder Heiligkreuzkirche, der (Jotteshäuser in Weilderstadt, Urach, Rotten- 
burg am Neckar. Beim Ausbau des Ulmer Münsters fungirte er als oberster 
fachmännischer Berather. Seine vielseitige Gewandtheit bewährte er auch in 
der baulichen Veränderung und Ausschmückung des Stuttgarter Residenz- 
schlosses. Seine gewaltige Arbeitskraft ermöglichte es ihm trotz Lehramt 
und Bauthätigkeit, sich litterarisch zu bethätigen. Als Supplement zu dem 
Werke »Ulms Kunstgeschichte im Mittelalter« erschien von ihm -^Der Münster 
in Ulm« (Stuttgart, Ebner & Seubert 1872). Daran schlössen sich weitere 
kunsthistorische Schilderungen, insbesondere eine solche über »Die Frauen- 
kirche in Esslingen. Ein Meisterwerk der Gothik des fünfzehnten Jahrhunderts. 
Herausgegeben von dem Wiederhersteller dieser Kirche« (Stuttgart 1898. 



74 Egle. Beckh. Griesinger. 

Verlag von Konrad Wittwer). Auch stellte er eine Theorie für das Schattiren 
mathematisch bestimmter Körperflächen auf. Die Thätigkeit E.'s, die in der 
württembergischen Bau- und Kunstgeschichte unverlöschliche Spuren zurück- 
gelassen hat, fand in hohen Orden, in dem Ehrenbürgerrechte der Städte 
Stuttgart und Ulm äussere Anerkennung. Auch über die Grenzen der engeren 
Heimath hinaus war sein Name weithin bekannt. Er versah bei manchem 
architektonischen Wettbewerbe ein Preisrichteramt, gehörte verschiedenen 
Akademien als Mitglied an, wirkte bei der Gründung des Verbandes deutscher 
Architekten- und Ingenieurvereine in hervorragender Weise mit. — Die letzten 
Jahre seit 1894 verbrachte E. im Ruhestande. Es war ihm noch vergönnt, 
die schöne Feier des 80. Geburtstages zu begehen. Er war zweimal ver- 
heirathet; eine einzige Tochter zweiter Ehe überlebte ihn. 

Schwäbische Kronik vom 6. März 1899 No. 107 und 8. März 1899 No. iii (Leichen- 
feier), Staatsanzeiger für Württemberg vom 6. März 1899 No. 53, Beilage zur Allgemeinen 
Zeitung 1899 ^o. 57, Frankfurter Zeitung 1899 No. 66 Abendblatt, Scbwabenland 1899 
No. 6, Centralblatt der Bauverwaltung 1899 No. 21, S. 121 f. (mit Bild), Leichenrede. 

Rudolf Krauss. 

Beckh, August (von), Eisenbahn technik er, ♦13. Januar 1809 zu Friedrichs- 
hafen in Württemberg, -j- 6. Mai 1899 ^^ Stuttgart. — Er war der Sohn eines 
Finanzbeamten. Nachdem er sich auf der Stuttgarter Gewerbeschule, dem 
späteren Polytechnicum, für seinen Beruf vorbereitet hatte, war er Stadtbau- 
inspector in Esslingen, später Strassenbauinspector in Reutlingen, wurde beim 
württembergischen Eisenbahnbau in dessen ersten Stadien verwendet, erhielt 
1844 die Stelle eines Eisenbahnbauinspectors in Stuttgart, dann die eines 
Sectionsingenieurs, zunächst in Bietigheim, wo er den Enzviadukt erbaute, 
hierauf in Ravensburg. 1853 wurde ihm der Titel eines Bauraths verliehen. 
In demselben Jahre wurde er als Oberingenieur in die Schweiz berufen, wo 
ihm die wichtige Aufgabe zufiel, die Nordostbahn Zürich-Romanshorn zu bauen. 
Das 1860 vollendete und wohlgelungene Werk brachte ihm einen noch 
bedeutenderen Auftrag ein. Er wurde zu den Vorarbeiten an der Gotthard- 
bahn herangezogen und arbeitete das sogenannte Expertenproject im Massstab 
I : 10 000, begleitet durch ein technisches Gutachten, mit aus, wonach der 
Bau der Bahn beschlossen und in der Hauptsache ausgeführt wurde. Am 
Bau selbst betheiligte sich B., der inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt 
war, nicht. Später entwarf er noch den Bauplan der Bahnlinie Brugg-Basel, 
und als in seiner Heimat der Böblinger Bahnbau in Fluss kam, übernahm er 
die Ausführung einer Strecke als Vorstand des Eisenbahnbauamtes in Böblingen, 
wo er von 1876 bis 1880 seinen Wohnsitz hatte. Den Rest seiner Tage 
verbrachte er in Stuttgart als ein rüstiger Greis. Als er starb, hatte unsere 
raschlebige Zeit den um den württembergischen und schweizerischen Bahnbau 
verdienten Mann schon vergessen, dessen Wirken um ein paar Jahrzeimte 
zurücklag. 

Schwäbische Kronik vom 8. Mai 1899 No. 211, Staats-Anzeiger für Württemberg 
vom selben TagNo. 106, 

Rudolf Krauss. 

Griesinger, Dr. (Freiherr) Albert Julius (von), Cabinetschef des Königs 
von Württemberg, ♦ 28. September 1836 zu Stuttgart, f i. April 1899 
daselbst. — Seine Eltern waren der Oberpolizeicommissär, nachmalige Eisen- 



Gricsinger. Schott. yc 

bahnhauptcassier Adolf Griesinger und dessen Gattin Christiane, geborene 
Stiefel. Er besuchte das Gymnasium seiner \^terstadt, studirte in Tübingen 
und München Rechtswissenschaft, erstand seine Staatsexamina mit gutem 
Erfolge, promovirte zum Doctor der Rechte und vollendete seine gründ- 
liche Ausbildung durch ausgedehnte Reisen in den verschiedensten Ländern 
Europas. Heimgekehrt, leistete er als Hilfsrichter der Justizabtheilung des 
Gemeinderaths zu Stuttgart und dem K.Stadtgerichte daselbst Dienste. 1864 
wurde er in das Secretariat des K. Geheimen Cabinets berufen und erhielt 
dort im folgenden Jahre seine definitive Anstellung als Geheimer Legations- 
secretär. 1869 rückte er zum Legationsrath, 187 1 zum Geheimen Legations- 
rath vor. Seit 1883 stand er als Staatsrath, später als Geheimerath an der 
Spitze des Cabinets und genoss gleichermasscn das Vertrauen König Carls 
wie dessen Nachfolgers, König Wilhelms IL Neben vielen anderen hohen Aus- 
zeichnungen wurde ihm 1893 die der Erhebung in den erblichen Freiherni- 
stand des Königreichs durch den zuletzt genannten Monarchen zu Theil. G. füllte 
in vortrefflicher Weise seine schwierige Stellung aus, zu der ihn vielfaches 
reiches Wissen, Menschenkenntniss, Gewandtheit im Verkehre mit Personen 
aller Stände, weltmännische Sicherheit im Auftreten, feines Tactgefühl be- 
fähigten. So hoch ihn das Glück emportrug, hielt er sich doch stets von 
Ueberhebung und Hochmuth fern. Ueberdies zeichnete ihn lebhaftes Inter- 
esse an den Künsten und Wissenschaften aus, mit deren Vertretern er auch 
mannigfache persönliche Beziehungen unterhielt. Namentlich machte er sich 
um die Gründung des Schwäbischen Schillervereins verdient, dessen Vorsitz er 
mit Thatkraft und Einsicht führte. — G. erlag einem langwierigen, 'tückischen 
Leiden, gegen das alle Kunst der Aerzte, alle versuchten Curen machtlos 
blieben. Er hinterliess eine Wittwe, Pauline, geb. Autenrieth, mit der er in 
siebenunddreissigjähriger Ehe verbunden war, und zwei Kinder, einen im 
diplomatischen Dienste des Reichs stehenden Sohn und eine an einen Officier 
verheirathete Tochter. 

Zeitungsnekrologe, insbesondere in Schwäbische Kronik vom 4. April 1899 No. 152 
und 5. April 1899 No. 154 (Leichenfeier), (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom 4 April 1899 
No. 77 (mit Bild), Schwabenland 1899 No. 8 (mit Bild). 

Rudolf Krauss. 

Schott, Dr. Theodor Friedrich, historischer und kirchenhistorischer Schrift- 
steller, * 16. December 1835 zu Esslingen, f 18. März 1899 zu Stuttgart. — 
Sein Vater, Pupillenrath, und seine Mutter, eine geborene Kapif, zählten beide 
zu wtirttembergischen Beamtenfamilien von altem Ansehen. Auf dem Esslinger 
Pädagogium vorgebildet, besuchte er das niedere Seminar Blaubeuren und 
studierte seit 1853 im höheren Tübinger, dem sogenannten Stifte, evangelische 
Theologie. Er schloss sich der in religiöser wie politischer Beziehung conser- 
vativ gesinnten Verbindung Staufia an. Nach Ablegung des Examens amtete 
er zwei Jahre als Vicar in Bopfingen (württembergisches Oberamt Neresheim) 
und Köngen (Oberamt Esslingen) und wurde 1859 Lehrer an der ehemals 
berühmten Erziehungsanstalt Hofwyl bei Bern. Erst hier erwachte in ihm der 
wissenschaftliche Sinn. 1861 nahm er dreimonatlichen Aufenthalt in Paris, 
wo er zu seinen bedeutenden Kenntnissen in der französischen Reformations- 
geschichte den Grund legte. Nach seiner Rückkehr in die Heimath versah er 
nochmals vorül)ergehend ein Pfarrvicariat zu Neuhausen a. d. P>ms (Oberamt 
Urach), wurde dann als Rcligionslehrer am Stuttgarter Gymnasium verwendet 



7 6 Schott. 

und erhielt Frühjahr 1867 die Pfarrei in der Stuttgarter Vorstadt Berg definitiv 
übertragen. Mit Hingabe lag- er seinem geistlichen Berufe ob und widmete 
seine PHirsorge insbesondere auch den Volksschulen. I^ange Jahre hatte er 
daneben die Grossfürstin Wera von Russland, die Adoptivtochter des Königs 
Carl und der Königin Olga von Württemberg, zu unterrichten, die zeitlebens 
sich ihrem Lehrer dankbar erwies und ihn mit manchen Zeichen ihrer Gunst 
bedachte. In das Berger Pfarrhaus führte S. als Gattin Klotilde Eiben, die 
Tochter eines Stuttgarter Medicinalraths, heim, die ihn nur um wenige Tage 
überlebt hat. Ein einziger Sohn ist der Ehe entsprossen. 

1873 wurde S. Bibliothekar an der K. öffentlichen Bibliothek in Stuttgart, 
in welcher schon 1865 von ihm vergeblich gesuchten Stellung er den Rest 
seines Lebens verbrachte. Neben der Führung des Buchhändlerbuches fielen 
ihm hier zwei grosse Aufgaben zu : die Revision der umfangreichen Bibel- 
sammlung und die Anfertigung eines Sachkatalogs der Kirchengeschichte in 
13 Bänden. Nachdem die Bibliothek 1883 in ihren prächtigen Neubau über- 
gesiedelt war, erhielt er die Berathung des Publikums im Katalogsaale über- 
tragen. Jetzt war er ganz in seinem Elemente. Dieser Theil seines Amtes 
war ihm nicht sowohl Pflicht als Bedürfniss. Mit nie ermattendem Eifer, mit 
ausserordentlichem Entgegenkommen und Zuvorkommen leistete er Tausenden 
wissenschaftliche Hilfe, wozu ihn seine vielseitigen Kenntnisse in hervorragendem 
Masse befähigten. 

Neben seiner Berufsthätigkeit fand der fleissige Mann noch Zeit zu umfang- 
ieicher literarischer Wirksamkeit. Seine Specialität war die französische 
Reformationsgeschichte, als deren bester deutscher Kenner er galt. Daneben 
liefen sonstige kirchenhistorische Arbeiten, solche aus dem Bereiche der württem- 
bergischen Si)ecialgeschichte, der deutschen (ieschichte, der Geographie. Allen 
seinen Schriften, so verschieden sie an Bedeutung sein mögen, eignet Gemein- 
verständlichkeit und Flüssigkeit der Darstellung. Doch war der künstlerische 
Sinn bei ihm nicht ebenso stark wie der wissenschaftliche entwickelt. 

S. hat folgende selbständige Schriften erscheinen lassen: 

Savonarola. Ein Lebensbild aus Italien. Stuttgart 1871. Druck und Verlag von 
I. F. Steinkopf (Deutsche Jugend- und Volksbibliotbek No. 33). 2. Auflage. 1898. 

Briefwechsel zwischen Christoph, Herzog von Württemberg, und Petrus Paulus 
Vcrgerius. Gedruckt von H. Laupp in Tübingen, 1875 (Bibliothek des Litterarischen 
Vereins in Stuttgart CXXIV). In Gemeinschaft mit Eduard v. Kausler. 

Das Jahrhundert der Entdeckungen in Biographien für die gebildete Jugend. Stuttgart 
und Leipzig. Verlag von Otto Risch. 1875 (2. Auflage 1891). 

Columbus und seine Weltanschauung. Berlin SW. 1878. Verlag von Carl Habcl 
(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge No. 308). 

Blücher. Ein Charakterbild. Heidelberg. Carl Winter's Universitätsbuchhandlung. 
1880 (Sammlung von Vorträgen. Herausgegeben von W. Frommel und Friedr. Pfaff. IV. 5). 

Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orleans. Eine deutsche Prinzessin am französischen 
Hofe. Ebenda 1881 (in derselben Sammlung V. 5). 

D. Martin Luther und die deutsche Bibel. Festschrift zum Lutherjubiläum am 10. No- 
vember 1883 im Auftrag der Privileg, Württ. Bibelanstalt. Stuttgart. Verlag der Württ. 
Bibclanstalt. 1883 (wiederholt aufgelegt). 

Deutsche Fürsten im Zeitalter der Reformation. Vortrag. Stuttgart. Verlag von 
Carl Krabbe 1884. 

Die Aufhebung des Ediktes von Nantes im October 1685. Halle 1885. Verein für 
Reformationsgeschichte (Schriften dieses Vereins No. 10). 

Württemberg und die Franzosen im Jahre 1688. Stuttgart, 1888. Verlag von D.Gundcrt 
(Württembergische Neujahrsblätter, 5. Blatt). 

pie Kirche der Wüste 171 5 bis 1787. Das Wiederaufleben des französischen 



Schott. Falkenstein. 



77 



Protestantismus im achtzehnten Jahrhundert. Halle 1893. Verein für Reformationsgeschichte 
(Schriften dieses Vereins No. 43/44). 

Ausserdem arbeitete Schott an einer Anzahl wissenschaftlicher Unternehmungen mit, 
so schon seit seiner Stuttgarter Lehrerzeit an der Herzogschen Realencyklopädie für 
protestantische Theologie und Kirche, deren erste Auflage er mit 9, die zweite mit 
23 Artikeln ausstattete, an der Allgemeinen Deutschen Biographie u. s. w. Seine 
Forschungen zur wUrttembergischen Geschichte und Culturgeschichte legte er in den 
Württembergischen Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde, in den Württembergischen 
Vierteljahrsheften für Landesgeschichte und im Schwäbischen Merkur nieder, für welches 
Blatt er unter Anderem bibliographische Uebersichten über die Literatur jedes Jahres 
lieferte. Aus den Jahrbüchern ist die 1876 erschienene umfangreiche Untersuchung über 
die württembergische periodische Presse, aus den Vierteljahrsheften der im Jahrgang 1895 
mitgetheilte Aufsatz »Württemberg und Gustav Adolf 1631 und 1632« hervorzuheben. 
Die von der K. öfTentlichen Bibliothek zu Stuttgart der Universität Tübingen bei ihrer 
4. Säkularfeier 1877 dargebrachte Festschrift enthält aus Schotts Feder eine Arbeit über 
>Herzog Ludwig von Württemberg und die französischen Protestanten in den Jahren 1568 
bis 1570«. Auch Familienblättern, insbesondere dem Daheim, leistete er mancherlei Bei- 
träge. Seit 1876 gab er das Allgemeine Kirchenblatt für das evangelische Deutsch- 
land heraus. 

S. erwies sich in seinen Schriften als Vorkämpfer des Protestantismus, 
und auch sonst bethätigte er in mannigfacher öffentlichen Wirksamkeit seinen 
kirchlichen Sinn. Er war lange Zeit Mitglied des Pfarrgemeinderathes der 
Stuttgarter Hospitalkirche, gehörte 1888 als Abgeordneter von Sulz der vierten 
Landessynode an. Für den Gustav Adolf -Verein trat er mit dem regsten 
Eifer ein; er sass im Ausschusse des württembergischen Zweigvereins. Ebenso 
war er Ausschussmitglied des Vereins für Reformationsgeschichte, an dessen 
Begründung im Jahre 1 883 er theilgenommen hatte. Auch bei der städtischen 
Armenpflege wirkte S. mit und erwarb sich namentlich um den Verein für 
Knabenhorte Verdienste. Im Kriegsjahre 1870 gründete er in Berg einen 
Sani täts verein. Ohne in das politische Leben activ einzugreifen, machte er 
doch aus seinen conservativen und patriotischen Gesinnungen kein Hehl; an 
nationalen Festtagen konnte man ihn wiederholt als Redner hören. 

An Ehrungen und Auszeichnungen hat es S.'s Laufbahn nicht gefehlt. 
Er besass Medaillen verschiedener Art, württembergische und preussische 
Orden. 1894 ernannte ihn, der schon 1876 den philosophischen Doctorgrad 
erworben hatte, beim Haller Universitätsjubiläum die dortige Theologen- 
facultät zum Ehrendoctor. Im selben Jahre wurde er Ehrenmitglied des 
allgemeinen deutschen Hugenottenvereins. Auch gehörte er der württem- 
bergischen Commission für Landesgeschichte als ordentliches Mitglied an. 

Im Frühjahr 1897 wurde S. von einem scheinbar leichten Influenza- 
anfall heimgesucht. In der Folge zeigte sich eine Zersetzung des Blutes, die 
ein qualvolles Leiden herbeiführte. Mit Pausen, die sogar zeitweise "Wieder- 
aufnahme des Amtes gestatteten, ging es langsam, aber unaufhaltsam dem 
Verderben zu. 

Schwäbische Kronik vom 20. März 1899 No. 131 (Nekrolog von August Wintterlin) 
und 22. März 1899 No. 135 (Leichenfeier), Staats-Anzeiger für Württemberg vom 20. und 
21. März 1899 No. 65 und 66, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1899 No. 69, Schwaben- 
land 1899 No. 7, Daheim 1899 No. 30 Beilage (mit Bild). 

Rudolf Krauss. 

Falkenstein, Freiherr, Kuno Wilhelm Erdmann von, General, * 12. De- 
cember 1840 zu Esslingen, f 6. Mai 1899 zu Strassburg. — Seine Eltern 
waren der Oberleutnant von Falkenstein im 4. württembergischen Reiter- 



y8 Falkenstein. 

regiment und Emma, geb. Bardili. Der früh verwaiste Knabe erhielt seine 
militärische Ausbildung in der Ludwigsburger Kriegsschule, wo bereits seine 
ausgezeichneten Geistesgaben hervorleuchteten. 1859 wurde er Leutnant im 
württembergischen Artillerieregiment, ging dann zum Pioniercorps über, wo er 
als Oberleutnant die Stelle eines Adjutanten versah. 1864 kam er zur 
tactischen Abtheilung des Generalquartiermeisterstabes. Den Krieg des 
Jahres 1866 machte er als Generalstabsofficier im Hauptquartier des Prinzen 
Alexander von Hessen, Oberbefehlshabers des 8. deutschen Bundesarmeecorps, 
mit. 1867 wurde er zum Hauptmann befördert, Frühjahr 1868 unter den 
ersten württembergischen Officieren nach Preussen zum grossen Generalstabe 
commandiert, seit Herbst 1868 im württembergischen Kriegsministerium ver- 
wendet. Im Feldzug 1870/71 befand er sich beim Stabe der württembergischen 
Felddivision und wohnte den Schlachten bei Wörth und Sedan, der Belagerung 
von Paris, dem Gefechte bei Villiers an. Nach dem Kriege war er zunächst 
Compagniechef im hohenzollernschen Füsilierregiment No. 40 zu Köln, wurde 
December 187 1 dem württembergisehen Generalstab aggregiert und Herbst 1872 
Compagniechef im 3. württ. Infanterieregiment No. 121 zu Ludwigsburg. 
1873 zum Major im 2. württ. Infanterieregiment (Kaiser Wilhelm) No. 120 zu 
Weingarten, dann zum Flügeladjutanten des Königs Carl ernannt, übernahm 
er Herbst 1874 das Commando des neugebildeten Füsilierbataillons, des 
7. württ. Infanterieregiments No. 125. In Tübingen, der Garnison des Bataillons, 
legte F. den Grund zu den freundlichen Beziehungen zwischen den dortigen 
akademischen und militärischen Kreisen. 1879 ^^^^ ^^ ^^ Oberstleutnant 
zuerst beim grossen Generalstabe, dann beim Generalstabe des 3. Armeecorps 
Verwendung, dessen Chef er 1881 wurde. In dieser Stellung nahm er 1883 
an den grossen französischen Armeemanövern theil. 1884 zum Obersten be- 
fördert, erhielt er Herbst 1885 das Commando des Brandenburgischen Leibgrenadier- 
regiments No. 8 in Frankfurt a. d. O., führte 1888 vorübergehend die 9. In- 
fanteriebrigade, kehrte August desselben Jahres nach Württemberg zurück, um 
als Generalmajor an die Spitze der 52. (2. württ.) Infanteriebrigade in Lud- 
wigsburg zu treten. Ende 1890 Generalleutnant geworden, übernahm er das 
Commando der 3. Division in Stettin, wurde Sommer 1892 dienstthuender 
Generaladjutant des Königs Wilhelm II. von Württemberg, und April 1896 
commandierender General des 15. Armeecorps in Strassburg und General der 
Infanterie, der erste Württemberger, der seit 1870 einem preussischen Armee- 
corps vorgesetzt wurde. Auf den General, dem man eine der schwierigsten 
und wichtigsten Commandostellen im Frieden und ein Stück der Grenzhut 
gegen Westen anvertraut hatte, setzte man auch für den Kriegsfall grosse 
Hofihungen. Er war theoretisch und praktisch gleich vorzüglich ausgebildet, 
in der Kriegswissenschaft und Truppenführung gleichermassen zuhause. Er 
besass grosse, Personen und Verhältnisse rasch durchdringende Verstandes- 
schärfe, dabei Thatkraft und Willensstärke, Selbsstbewustsein und Selbständig- 
keitsgefühl. Mit solchen bedeutenden Eigenschaften des Geistes und des 
Charakters verband er die für den Officier unerlässlichen äusseren Vorzüge. 
Er genoss allgemeine Hochachtung und seiner Humanität und Unparteilichkeit 
wegen auch beim gemeinen Manne Beliebtheit. So wurde sein vorzeitiges 
Ende allseitig beklagt und betrauert. Vor dem Strassburger Kaiserbesuch im 
Mai 1899 ^" einer Nierensteinkolik leidend, raffte er sich zum Empfange des 
obersten Kriegsherrn auf, machte mit äusserster Selbstbeherrschung Parade 
und sonstige Festlichkeiten mit, sah den Kaiser und dessen Gefolge zum 



Falkenstein« Hohl. yg 

Frühstück bei sich. Nachdem er den hohen Gast auf dem Bahnhofe verab- 
schiedet hatte, brachen seine Kräfte zusammen: in der Frühe des 7. Mai lief 
die Kunde durch Strassburg, dass der General in der Nacht an einem Herz- 
schlage verschieden sei. Die Leiche wurde feierlich vom Generalcommando 
zum Bahnhof und von da nach Stuttgart überführt, wo die Bestattung am 
9. Mai auf dem Pragfriedhofe mit militärischem Pompe stattfand. F. war mit 
Mathilde, geb. Gräfin von Lippe-Falkenflucht, vermählt; die Gattin und zwei 
Kinder, ein Sohn und eine Tochter, überlebten ihn. 

Schwäbischer Merkur vom 6. Mai 1899 No. 208 und 9. Mai 1899 No. 212, Schwäbische 
Kronik vom 8. Mai 1899 No. 210, vom 9. Mai 1899 No. 212 u. 213 (Leichenfeier), Staats- 
Anzeiger für Württemberg vom 6. Mai 1899 No. 104, (Stuttgarter) Neues Tagblatt 
vom 6. und 8. Mai 1899 No. 104 und 105, Strassburger Post vom 6. und 7. Mai 1899 
No. 384 and 389. 

Rudolf Krauss. 



Hohl, Karl (von), württembergischer Politiker, * 1 1. August 1825 zu Ohmen- 
heim (im württembergischen Oberamt Neresheim), f 27. Mai 1899 zu Stuttgart. 
— Der Sohn eines katholischen Landschullehrers, widmete er sich dem Studium 
der Rechtswissenschaft und trat 1852 in den wüttembergischen Justizdienst 
ein. Nach verschiedenen Anfangsstellungen wurde er 1858 Oberjustizassessor 
in Ulm, 1862 Oberamtsrichter in Geislingen, 1866 Oberjustizrath in Ulm, 1869 
Kreisgerich tsrath in Stuttgart, 1879 Landgerich tsdirector daselbst. Die 
juristische Laulbahn hätte ihn wohl noch höher emporgefuhrt, wenn er nicht 
inzwischen in die politische eingetreten wäre. Bei einer Ersatzwahl zum 
württembergischen Landtage am 8. Januar 1872 siegte der von den katholischen 
Wählern des Oberamtes Geislingen aufgestellte H. gegen den Candidaten der 
Deutschen Partei, die bisher den Wahlkreis besessen hatte, mit knapper Mehrheit. 
Der neue Abgeordnete nahm jedoch in der Kammer sofort eine mass volle 
Haltung ein, erklärte sich gegen die Idee eines württembergischen Centrums 
und betheiligte sich an der Begründung der Landespartei, die alle weder der 
Deutschen Partei noch der Linken angehörigen Abgeordneten vereinigte. Er 
gewann beträchtlichen politischen Einfluss und erwarb sich namentlich im 
Plenum und in Commissionen um die Justizgesetzgebung Verdienste. 1877 
bis 1882 gehörte er dem engeren ständischen Ausschüsse an, 1880 wurde er 
zum Vicepräsidenten, 1882, nachdem Holder in das Ministerium des Inneren 
eingezogen war, zum Präsidenten der Kammer gewählt. Er waltete 13 Jahre 
lang seines Amtes mit Geschick und Unparteilichkeit, wi^ ihm auch sein 
Nachfolger auf dem Präsidentenstuhle und politischer Gegner Payer am offenen 
Grabe bezeugt hat. Bis 1895 in Geislingen ohne Gegencandidatur gewählt, 
musste Februar 1895 der einstige Auserkorene der Katholiken jetzt mit Hilfe 
der Deutschen Partei sein Mandat gegen einen Bewerber aus Centrumskreisen 
in der Stichwahl vertheidigen. Er errang den Sieg, unterlag aber bei der 
Präsidentenwahl gegen die clerical-demokratische Coalition. Schon längere 
Zeit leidend, zog er sich mehr und mehr von der Oeffentlichkeit zurück. Im 
Justizdienste seit 1884 beurlaubt, Hess er sich am i. März 1895 ganz in den 
Ruhestand versetzen und erhielt bei dieser Gelegenheit den Titel und Rang 
eines Staatsraths; durch hohe Orden war er schon früher ausgezeichnet worden. 
Am 25. Mai 1899 erlitt er einen Schlaganfall, der nach zwei Tagen ein sanftes 
Ende herbeiführte. — Eine stattliche äussere Erscheinung, war H. in der 
Residenz fast von Jedermann gekannt. Die Gattin war ihm im Tode voran- 



8o Hohl. Nast. 

gegangen, zwei mit Officieren vermählte Töchter überlebten ihn. — Als 
juristischer Schriftsteller ist H. mit der Bearbeitung des im Lande weit ver- 
breiteten Handbuchs des württembergischen Erbrechtes von A. H. Stein in 4., 
5. und 6. Autlage hervorgetreten. 

Zeitungsnekrologef namentlich in der Schwäbischen Kronik vom 39. Mai 1899 No. 242. 

Rudolf Krauss. 

Nast, Johann Wilhelm, amerikanisches Methodistenhaupt, * 15. Juni 1807 
zu Stuttgart, f 16. Mai 1899 zu Cincinnati. — Seine Eltern waren der K. 
württembergische Kammerrath und Oberrevisor Johann Wilhelm Nast und 
Elisabetha Magdalena Ludo\ika Böhm. Der begabte Knabe wurde zum Theo- 
logen bestimmt und trat mit 14 Jahren in das evangelische Seminar Blau- 
beuren ein, wo er an Strauss, Vischer, G. Pfizer und anderen ausserge wohn- 
liche Mitschüler und zum Theil Freunde fand. In Tübingen gehörte er zum 
Mörikeschen Freundeskreise; in der Correspodenz Mörikes wird viel, aber 
niemals mit sonderlicher Hochachtung von N. geredet. Er galt als ziemlich 
leichtfertiger Geselle. Die Theologie vernachlässigte er ganz, obgleich er an 
Ferdinand Baur einen trefflichen Lehrer hatte; Kunst und Literatur, vor 
Allem die Philosophie zogen ihn an. Er schied aus dem Tübingen Stifte aus 
und widmete sich ganz seinen Liebhabereien, wobei er jedoch verbummelte. 
1828 wanderte er in die Neue Welt aus. Hier vollzog sich mit ihm rasch 
eine merkwürdige Umwandlung. Er kam nach New- York, wurde Hauslehrer 
in einer methodistischen Familie, hierauf Bibliothekar und Lehrer an einer 
Militärakademie, später Professor für alten Sprache in Gettysburg (in Pennsyl- 
vanien). Im Verkehre mit den Methodisten stärkte sich sein religiöses Ge- 
fühl mehr und mehr, und er trat 1835 ^" diese Kirche ein. Bald schwang 
er sich zum einflussreichen Haupte des deutschen Methodismus in Nord- 
amerika auf und nahm eine bischöfliche Stellung ein, ohne diesen ihm an- 
gebotenen Titel führen zu wollen. Er organisirte zahlreiche neue Gemein- 
den, zuerst in Cincinnati, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte, 
predigte selbst allerorten und gründete Predigerschulen, zählte lange Jahre 
unter die hervorragendsten Mitglieder der methodistischen Generalconferenz. 
Besonders umfassend war die literarische Thätigkeit, die er entfaltete. Bis 
1892 leitete er das von ihm begründete einflussreiche Wochenblatt »Der 
christliche Apologete« ; er verfasste ferner biblische Commentare und sons- 
tige theologische Schriften, gab 1839 ^^" ^^^ Albert Knapps Evangelischem 
Liederschatze fussendes deutsches Gesangbuch heraus. Bei seinen wieder- 
holten Besuchen in der deutschen Heimath Hess er es sich angelegen sein, 
für den deutschen Methodismus zu wirken. 1898 verlor N. seine Lebens- 
getährtin nach zweiundsechzigj ähriger Ehe. Ihm selbst stand noch eine län- 
gere Leidenszeit bevor, die er in Geduld ertrug, von Kindern und Enkeln 
gestützt und verpflegt. Sein grossartiges Leichenbegängniss legte von dem 
Ansehen und der Liebe, die er sich erworben hatte, Zeugniss ab. 

Der christliche Apologete vom 25. Mai 1899, Schwäbische Kronik vom 22. Juni 1899 
No. 284, zerstreute Notizen. 

Rudolf Krauss. 



Dillmann, Christian Heinrich (von), Schulmann, * 30. December 1829 
zu Illingen (im württembergischen Oberamt Maulbronn), f 18. December 1899 



Dillmann. gl 

ZU Stuttgart. — Der Sohn eines evangelischen Volksschullehrers, verbrachte 
er die zehn ersten Lebensjahre im Illinger Eltemhause, erhielt seine weitere 
Schulbildung von 1839 bis 1843 im Institute Kornthal und wurde dann in 
Tübingen auf das sog. Landexamen vorbereitet, das ihm die Pforte zum 
theologischen Studium aufschloss. Nachdem er je vier Jahre das niedere 
Seminar in Maulbronn und das höhere in Tübingen, das sog. Stift, besucht 
und 1851 seine erste Dienstprüfung abgelegt hatte, amtete er bis 1854 in 
der Schwarz waldstadt Neuenbürg, bis 1853 in Esslingen als Pfarrvicar. An 
beiden Orten fand er zugleich Gelegenheit zur Lehrthätigkeit, und namentlich 
sein Wirken an der Esslinger Oberrealschule brachte in ihm die Erkenntniss 
zur Reife, dass ihn seine geistigen Anlagen weit mehr auf den Beruf des 
Schulmannes als auf den des Geistlichen hinwiesen. So beschloss er, seine 
Lebensbahn zu ändern. Schon von Esslingen aus bildete er sich in der 
damals in Stuttgart bestehenden Ecole frangaise weiter. 1858 siedelte er 
ganz nach der Hauptstadt über, um auf dem dortigen Polytechnikum Mathe- 
mathik und Naturwissenschaften zu studiren. Dank einer eisernen Willens- 
kraft und einem ausserge wohn liehen Gedächtniss erstand er schon im folgenden 
Jahre die Oberreallehrerprüfung, und wurde alsbald als Hilfslehrer am 
Stuttgarter Obergymnasium angestellt, wo er den mathematischen Unterricht 
an den vom Griechischen dispensirten Klassen zu ertheilen hatte. Aus der 
Praxis des Schullebens heraus erwuchs ihm der Gedanke zu seinem künftigen 
Lebenswerke, an dessen principieller und philosophischer Begründung er zu- 
gleich arbeitete. Zunächst legte er in der überzeugten und überzeugenden 
Schrift »Die Volksbildung nach den Forderungen des Realismus« (1862. 
Stuttgart und Oehringen. Verlag von Aug. Schaber) seine Ideen nieder. Er 
forderte für die neue Zeit eine neue Schule, zwischen der einseitigen historisch- 
philologischen Bildung des Gymnasiums und der ebenso einseitig technisch- 
praktischen der Realschule eine Vermittlung anstrebend. Diese Ausführungen 
erregten in den betheiligten Kreisen Aufsehen, und der junge Schulmann 
unternahm 1863 im Auftrage der Regierung eine Reise nach Norddeutschland, 
um die dortigen Realschulen erster Ordnung kennen zu lernen. Er war von 
dem Ergebnis wenig befriedigt und fasste seine Bedenken in dem Satze zu- 
sammen: »Lieber gar kein Latein als so wenig!« 1864 erhielt D. den Titel 
Professor, 1865 wurde ihm die Hauptlehrstelle für Mathematik am Stuttgarter 
Gymnasium definitiv übertragen. Im selben Jahre wurde er als Hilfsarbeiter 
in den Studienrath berufen, und dieses Nebenamt, das acht Jahre später ein 
endgiltiges wurde, war ein nicht zu unterschätzendes Mittel zur Verwirklichung 
seiner Lebensaufgabe. Das Jahr 1867 darf als das Geburtsjahr des Stuttgarter 
Realgymnasiums betrachtet werden. Im Herbst wurden die nichtgriechischen 
Klassen vom Gymnasium abgezweigt und siedelten in ein eigenes interimistisches 
Gebäude über. Inspector dieser realistischen Abtheilung wurde natürlich D., 
und wenn er vorderhand auch noch nominell dem Gymnasialrectorat unter- 
stellt war, so war ihm doch in der Organisation der neuen Anstalt keinerlei 
Beschränkung auferlegt. Das Lateinische wurde fast ebenso energisch wie 
im humanistischen Schwesterinstitute, intensiver als selbst in den preussischen 
Gymnasien betrieben, für den ausgefallenen griechischen Unterricht wurden 
Mathemathik, Naturwissenschaften, neuere Sprachen mit einer desto grösseren 
Stundenzahl bedacht. Man gewann bald Zutrauen zu der neuen Anstalt, 
deren Schülerzahl rasch wuchs. 187 1 beschlossen die Kammern die definitive Er- 
richtung eines selbständigen Realgymnasiums, zu dessen Rector D. 1872 ernannt 

Bio^. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. 6 



32 Dillroann. 

wurde. Im ersten Programme der Anstalt legte er über »Die Idee der Real- 
gymnasien und ihre Verwirklichung in dem Stuttgarter Realgymnasium« (Stutt- 
gart 1872) öffentliche Rechenschaft ab. Im Mai 1881 fand der Einzug in die 
ebenso schönen als zweckmässigen Räume des neuen Realgymnasiums statt, das 
aus den Mitteln der französischen Kriegsentschädigung erbaut worden war. Aber 
auch jetzt, nachdem so Grosses erreicht war, gab es kein Ruhen noch Rasten. 
Es handelte sich für D. darum, sein Werk zu erhalten und zu erweitern, 
wobei er sich jedoch pietätvoll jeder Angriffe auf das humanistische Gymnasium 
enthielt. Die Aufhebung der reichsländischen Realgymnasien im Jahre 1883 
drückte ihm die Feder in die Hand zu der umfangreichen und gründlichen 
Schrift »Das Realgymnasium« (Stuttgart. Verlag von Carl Krabbe. 1884». 
1889 Hess er sein bedeutendstes, »Die Mathematik die Fackelträgerin einer 
neuen Zeitc betiteltes Buch (Stuttgart, Verlag von W. Kohlhammer), folgen, 
worin er seine pädagogischen Grundsätze, die sich ihm zugleich zu einer 
eigenthümlichen Lebens- und Weltanschauung erweiterten und vertieften, in 
philosophische Beleuchtung rückte und theoretisch begründete. Auch seine 
Schulreden, die man wohl noch gesammelt erhalten wird, dienten demselben 
Zwecke. Alle Ziele, die sich D. steckte, hat er freilich nicht erreicht. Um- 
sonst erstrebte er, den Abiturienten seines Gymnasiums den Zutritt zum 
medicinischen und zum juristischen Studium zu verschaffen. Die Kammer- 
verhandlungen des Jahres 1895 über letzteren Punkt, wobei die Mehrheit des 
Landtages im Gegensatz zur Regierung auf die Wünsche des Realgymnasiums 
einzugehen geneigt war, riefen D.'s letzte Streitschrift hervor: »Das Real- 
gymnasium und die Württembergische Kammer der Abgeordneten« (Stuttgart. 
Verlag von Fr. Doerr. 1896). 

Die Vermuthung, die man vielfach ausgesprochen hat, dass das Stuttgarter 
Realgymnasium, D.'s persönlichste Schöpfung, ihn selbst nicht lange überleben 
könne, wird sich schwerlich bewahrheiten. Dazu hat er die Anstalt auf eine 
zu gediegene wissenschaftliche Basis gestellt. Aber allerdings war er ihre 
Seele in ganz anderer Weise, als dies gewöhnlich bei Directoren von Ciym- 
nasien der Fall ist. D. war eine bedeutende, originelle Persönlichkeit von 
reichen Geistesgaben, umfassenden Kenntnissen, selbständigem Charakter. In 
ihm steckte eine gewaltige, unbeugsame, eigenmächtige Herrschernatur von 
höchster Energie des Wollens. Dabei waren in ihm die weicheren Seiten 
des menschlichen Gemüthslebens nicht weniger ausgebildet. Er war im 
Grunde genommen Idealist und dabei doch ungemein praktisch veranlagt. 
Keinem Gebiete dos menschlichen Lebens stand er ferne. Die verschieden- 
artigsten Aeusserungen desselben schlössen sich in seinem Geiste zu einer 
Einheit zusammen, und er erkannte in den Naturgesetzen ihren gemeinsamen 
Urquell. Er war von dem Gedanken der Immanenz Gottes in der Natur 
durchdrungen und in seiner Art fromm, wenn auch nicht eben im kirchlichen 
Sinne. Jedes Hervordrängen der eigenen Person, jede kleinliche Eitelkeit 
hasste er. Er gab sich offen und ehrlich, natürlich und schlicht, in den 
äusseren Formen oder vielmehr Formlosigkeit kehrte er gerne den echten 
Schwaben hervor, nicht selten wurde er derb, ohne jedoch zu verletzen. Er 
imponirte durch ruhige Gelassenheit und Würde seines Auftretens, deren 
Eindruck durch die hohe, Ehrfurcht gebietende Gestalt, die eherne Gesichtsmaske 
mit den blitzenden Augen, dem schneeweissen Haupt- und Barthaar verstärkt 
wurde. Ein solcher Mann war von vorn herein dazu geschaffen, bei den 
Schülern Geltung zu erwerben. Dazu kamen hervorragende pädagogische 



Dillmann. 



83 



Fähigkeiten. Als Schul vorstand führte er ein patriarchalisches Regiment, 
dessen Grundzug "Wohlwollen und Milde waren. Er zeigte grosses Verständniss 
für die Jugend und ihre Bedürfnisse. Seine Anforderungen an ihre Leistungs- 
tähigkeit waren freilich nicht gering. Strenge, regelmässige Arbeit sah er 
als das wichtigste Erziehungsmittel an. Im Unterricht, den er selbst ertheilte, 
wich er stark von der Schablone ab: er war stets anregend, lebendig, geist- 
voll, witzig. Er besass in hohem Grade die Gabe der Anschaulichkeit und 
Deutlichkeit, verstand den sprödesten Stoff zu durchgeistigen, riss durch 
seine originelle Methode auch Trägere und Schwächere mit. Die Begeisterung, 
die der Herr'<, wie man ihn hiess, bei seinen Schülern weckte, pflegte für 
das ganze Leben vorzuhalten, und sie erzeugte unter ihnen das entschiedene 
Gefühl der Gemeinsamkeit. Dieser Corpsgeist kam besonders im Jahre 1892 
zum Ausdruck, als das Fest des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Real- 
gymnasiums grossartig gefeiert und dabei dem Rector eine von allen Schülern 
gesammelte »Dillmannstiftung« von 10 000 Mark zur freien Verfügung über- 
wiesen wurde. 

Neben seinem Hauptamte und seiner Thätigkeit im Oberstudienrathe 
wirkte D. als Visitator der unter seinen Auspicien im Lande begründeten 
Reallyceen und Realgymnasien, als Inspector der Handelsschule, als Lehrer 
für Physik am Stuttgarter Katharinenstift (von 1862 bis 1894) und am Lehre- 
rinnenseminar (1874 bis 1898). Seine literarischen Arbeiten beschränkten 
sich nicht auf die schon citirten Kampfschriften zu Gunsten seines Lebens- 
werkes, er verfasste auch eine Anzahl populär-wissenschaftlicher Aufsätze aus 
dem Bereiche der Naturgeschichte, die alle durch klare Darstellung und 
phantasievoile Sprache anziehen. So erschienen optische, astronomische und 
Sonnen-Briefe reihenweise im Schwäbischen Merkur. Ein Theil davon ist 
unter dem Titel »Astronomisch^ Briefe. Die Planeten« (Tübingen 1892 
Verlag der H. Laupp'schen Buchhandlung) in Buchform gebracht worden. 
Kleinere Broschüren, wie die über den Hagel (Stuttgart, Verlag von Carl 
Grüninger. 1872), und Artikel in Zeitungen und sonstigen periodischen Druck- 
werken über mannigfache Gegenstände gesellen sich hinzu. 

Seit März 1899 litt D. infolge von Ueberanstrengung und nicht genügend 
beachteter Influenza an einer Aflfection des Herzens, die ihn von seiner 
Schule fernhielt. Das Ende trat dann plötzlich ein. Die für seinen 70. Ge- 
burtstag geplanten Ehrungen durfte er selbst nicht mehr hinnehmen. Sie 
wurden ihm an seinem Begräbnisstage, dem 21. December 1898, in reichem 
Masse zu Theil. — D. war seit 2. October 1865 mit Luise Fehleisen ver- 
mählt. Der Ehe entstammten zwei an Schüler von ihm verheirathete 
Töchter. 

Schwäbische Kronik vom 19. December 1899 No. 592, vom 22. December 1899 
^o. 599 (Leichenfeier), vom 30. December 1899 No. 608 (Nekrolog von Professor Dr. 
H. Georgii), Staats>Anzeiger für Württemberg vom 19. December 1899 No. 296, WUrttem- 
bergische Volkszeitung vom 22. Dezember 1899 No. 299 (Nachruf von Professor Dr. 
H. Planck), (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom 19. December 1899 No. 297 (ebenda No. 299 
D.'s nachgelassener Aufsatz »Ist das Heidenthum in Europa ausgestorben^«), SUwestdeutscbe 
Schulblätter 1900 No. i, S. 26 — 29 (von H. Planck). — Die zwei Nachrufe von Georgii 
und Planck sind mit den Reden am Grabe zu dem Schriftchen vereinigt: »Zur Erinnerung 
an Oberstudienrath Dillmann« (Stuttgart. Kgl. Hof buchdruckerei Carl Liebich. 1900 — 
mit Bild). Eine von Professor Adolf Donndorf modellirte Portraitbüste hält die Züge des 
Entschlafenen aus seinem letzten Lebensjahre fest. 

Rudolf Krauss. 
6* 



84 Leu. 

Leu, Max, Bildhauer, * 26. Februar 1862 in Solothurn; f 4. Februar 
1899 in Basel. L.'s Heimatgemeinde ist Rohrbachgraben im bemischen 
Bezirk Aarwangen, doch ist er nicht dort, sondern in Solothurn in einfachen 
bürgerlichen Verhältnissen geboren worden. Nachdem er die Solothumischen 
Schulen durchlaufen, kam er nach Basel in die Lehre zu einem Steinhauer- 
meister und Grabsteinmacher. Die Hoffnungen und Ziele, die der kunst- 
begeisterte Jüngling in seinem Sinne hegte, waren aber schon damals auf 
Höheres gerichtet als auf die Erstellung von Grabkreuzen und Inschriften- 
tafeln. Er besuchte daher in seinen freien Abendstunden eifrig die Curse 
der Basler Zeichnungs- und Modellirschule und wandte sich, sobald er seine 
Iwchrzeit beendet hatte, nach Frankreich, wo die moderne Bildhauerkunst 
durch so manchen glänzenden Vertreter zu höchster Blüthe gebracht w^ar. 
Da L., der ganz nur auf sich selber angewiesen war, einstweilen die Mittel 
zum Besuch einer Kunstakademie fehlten, sah er sich genöthigt, als Bildhauer- 
geselle sein Brot zu verdienen und konnte nur seine freien Nebenstunden 
auf seine künstlerische Weiterbildung verwenden. 

So arbeitete er eine Zeit lang in Lyon; doch bald zog es ihn nach Paris 
und hier führte ihn ein günstiger Zufall zu dem Bildhauer Morice, unter dessen 
Leitung er eine ihm zusagende und ihn auch künstlerisch fördernde Be- 
schäftigung an dem neu erstehenden Hotel de Ville fand. Die Abende 
waren wieder emsigem Studium auf der vortrefflichen ficole des arts d^coratifs 
gewidmet, und schon im Jahr 1884 gelang es L., die Aufnahmeprüfung der 
£cole des Beaux Arts zu bestehen und in das Atelier des Bildhauers Cavelier 
aufgenommen zu werden. "Während er sich nun durch allerlei Arbeiten 
meist decorativer Art seinen Lebensunterhalt erwarb, wobei es allerdings oft 
knapp genug herging und er die Miseren der Pariser Boheme oft genug am 
eigenen Leibe erfahren konnte, arbeitete er mit Fleiss und Energie an der 
Weiterbildung seines Talentes, und eine stattliche Zahl von Preismedaillen, 
die er sich um diese Zeit an der Ecole des Beaux Arts errungen hat, legt 
Zeugniss ab von dem ernsten Streben und der grossen Begabung des jungen 
Künstlers. 

Da zeigte sich die erste Gelegenheit, seine Kraft in einem öffentlichea 
Wettbewerb zu messen. Die Stadt Locle schrieb unter den schweizerischen 
Bildhauern eine Concurrenz aus zur Erlangung von Entwürfen für ein Denkmal 
von Jean Daniel Richard, dem Begründer der Neuenburger Uhrenindustrie. 
L. errang den ersten Preis. Das war ein Sieg, der den zum Höchsten 
Strebenden mit froher Zuversicht für die Zukunft erfüllte. Aber das Verhängnisse 
das L. später so oft in den Weg trat, trübte ihm schon die Freude an 
diesem ersten Erfolg. Das Denkmal wurde nämlich nach seinem Entwürfe 
ausgeführt, aber nicht durch L., sondern durch einen andern, älteren Bild- 
hauer. Man traute dem jungen Künstler noch nicht die Kraft zu, sein W^erk 
im Grossen auszugestalten. Das war eine bittere Kränkung, aber L. Hess 
sich nicht entmuthigen und schritt zu neuen Thaten. Seit 1885 beschickte 
er nun alljährlich den Pariser Salon mit einem seiner Werke, die sowohl von 
der Kritik, wie von seinen Fachgenossen mit Anerkennung aufgenommen 
wurden. — Die zweite grosse Aufgabe, an der L. sich versuchte, war das 
Modell zu einem Denkmal Wilhelm Teils, für das von der Schweizerischen 
Eidgenossenschaft ein Wettbewerb eröffnet worden war. Leu erhielt einen 
dritten Preis. Bald darauf wurde ihm in der Concurrenz für das Bubenberg- 
denkmal in Bern der erste Preis und damit auch die Ausführung dieses 



Leu. 



85 



Denkmals zuerkannt. Zwar wurde ihm auch dieser Erfolg verbittert durch 
Neid und hässliche Intriguen. Doch er blieb schliesslich Sieger und heute 
ist dieses Denkmal eine Hauptzierde der alten Bundesstadt an der Aare. 
Nun durfte der junge Künstler die Zukunft als gewonnen betrachten, 
denn es fehlte jetzt bald nicht an Aufträgen aller Art. So entstanden eine 
ganze Anzahl vortrefflicher Portraitbüsten, die sich alle durch ihre charakteristische 
Auffassung und die gediegene technische Behandlung auszeichnen. Als im 
Jahr 1897 die Stadt Basel eine Concurrenz ausschrieb für ein Denkmal ihres 
berühmten Bürgermeisters Wettstein, erhielt L. wieder den ersten Preis. 
Leider wurde durch missliche Umstände die Ausführung des Monumentes 
vereitelt. Um dieselbe Zeit wurde ihm, ebenfalls in Basel, die Aufgabe 
gestellt, das Modell eines Denkmals für den allemannischen Dichter Johann 
Peter Hebel zu schaffen. Er brachte einen reizenden Entwurf, dessen Aus- 
fuhrung ihm alsobald übertragen wurde. Dieses Denkmal ist, sowohl was die 
Auffassung und Charakteristik der Portraitbüste des liebenswürdigen Poeten, 
als was das Arrangement des ganzen Monumentes betrifft, ein Meisterwerk 
zu nennen. Leider sollte das sein letztes Werk sein, dessen Einweihung er 
nicht mehr miterleben durfte. Schon im Herbst 1897 hatten sich die ersten 
Symptome eines Leidens gezeigt, über dessen grausamen Charakter L. sich 
nicht lange täuschen konnte. Und bald darauf war es für ihn zur 
absoluten Gewissheit geworden, dass sein Leben nur noch nach Monaten 
zu berechnen sei. Wie ein Held ergab sich L. in sein düsteres Schicksal; 
ohne Jammern fügte er sich mit stoischem Gleichmuth in das Unabwendbare. 
Zu Ende des Jahres 1898 trat er, schwerkrank, eine Reise nach dem Süden 
an, von der er noch einige Erholung und einen Aufschub der Katastrophe 
zu erlangen hoffte. Er kam nur bis Nervi, wo ihm die zunehmenden 
Schmerzen das Weiterreisen unmöglich machten. Bald darauf kehrte er auf 
den Wunsch seiner Freunde nach Basel zurück, wo er in einem Privatkranken- 
haus treue Pflege fand, bis ihn der Tod von seinen Leiden erlöste. Er wurde 
am 7. Februar 1899 auf dem idyllischen Friedhof zu St. Nikolaus in Solothurn 
beerdigt. 

Die Schweiz verlor an L. einen ihrer vortrefflichsten Künstler, die 
schweizerische Bildhauerei ihren vornehmsten Vertreter. Leu war kein Kind 
des Glücks. Was er konnte und was er war, das hatte er einzig und allein 
seinem Talent und seiner unbeugsamen Energie zu verdanken. Dabei war 
er ein grundehrlicher Mensch und ein ebenso ehrlicher Künstler, ja man 
kann sagen, er setzte einen gewissen Trotz darein, sein Ziel nur auf geradem 
Wege zu erreichen, wenn Andere oft mit Complimenten und Besuchen bei 
einflussreichen Persönlichkeiten ihm ins Gehege zu kommen suchten: »Ehrlich 
sein ist in der Kunst eine Hauptsache!« war ein oft von ihm gethaner Aus- 
spruch. Und diese Ehrlichkeit spricht denn auch aus allen seinen Werken. 
Es liegt etwas echt Schweizerisches, kraftvoll Derbes in Allem, was L. 
geschaffen hat. Er war der richtige Mann, eine schweizerische Heldenfigur 
plastisch darzustellen. Alle Pose und Ziererei war ihm fremd. Energie und 
herzliche, biedere Offenheit waren die Grundzüge seines Charakters. 

Seine Portraitbüsten, deren er eine stattliche Zahl geschaffen, zeugen alle 
von einer scharfen Charakterisirungsgabe. Wir erwähnen die Büsten von 
Bischof Fiala; dem schweizer Landamman Vigier; Bundesrath Frey; dem 
Basler Professor Dr. Fritz Burkhardt; Maler Dr. Schider; Maler Balmer 
u. A. — Von seinen grösseren Werken ist das schon genannte, in Bern 



86 Leu. Graf Hohenwart. 

stehende Bronzestandbild des Ritters Adrian v. Bubenberg das bedeutendste. 
Die letzte Aufgabe, mit der sich L. beschäftigte, war ein Denkmal für die 
edle Stauffacherin, die Gattin Werner Stauffachers, das auf die Initiative 
schweizerischer Frauen hin für Schwyz geplant war. L. legte seinem Ent- 
wurf die Worte zu Grunde, mit denen in Schillers »Teil« die wackere 
Schwyzerin ihren zagenden Ehegemahl zum muthigen Handeln anspornt: 
»Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!« Leider war es dem Künstler 
versagt, dieses Werk noch auszuführen. — 

Nun ruht L. auf demselben Friedhof, wo das von ihm mit einer 
prächtigen Büste gezierte Grab seines Freundes, des Malers Frank Buchser, 
sich befindet. 

Basel. Emil Beurmann. 



Hohenwart, Graf Karl Sigmund, * Wien 12. Februar 1824, f ebenda 
26. April 1899, Präsident des Obersten Rechnungshofes, Obmann der Rechten 
des Herrenhauses. Absolvirte im Theresianum seine juridischen Studien 
und widmete sich dann dem politischen Staatsdienst. Schon in jungen Jahren 
wurde er an Stelle des zurückgetretenen Grafen Anton Auersperg ins Frank- 
furter Parlament gewählt. Doch übte er das Mandat nicht aus. 1856 wurde 
er Comitats-Vorstand in Fiume, 1860 Kreisvorsteher in Trient, 1862 Landes- 
haui)tmann in Krain, Leiter der Statthalterei-Delegation in Trient, 1866 
Landespräsident in Kärnten und 1868 Statthalter von Ober-Oesterreich. Am 
7. Februar 187 1 erfolgte die Bildung des Cabinets Hohenwart, das dem 
entschiedensten Widerstand der Verfassungspartei und ihrer angesehensten 
Führer v. Schmerling und v. Kaiserfeld begegnete und nach der am 
7. October erfolgten Publication der ^ P\m dam ental- Artikel« am 25. October 
desselben Jahres entlassen und vom Ministerium Lasser-Auersperg abgelöst 
wurde. Bei den Reichrathswahlen von 1873 wurde Hohenwart von den 
krainischen Landgemeinden Krainburg in das Abgeordnetenhaus gewählt, wo 
er an die Spitze des Clubs des rechten Centrums trat und allmählich der PHihrer 
der conservativen Partei wurde, dessen 70. Cieburtstag am 12. Februar 1893 die- 
selbe mit hohen Ehren feierte. Bei den letzten Reichrathswahlen verzichtete H. 
auf ein Mandat. Im März 1897 wurde er in das Herrenhaus berufen. Dem 
Leichenbegängnisse in der Stei)hanskirche wohnte Kaiser Franz Joseph bei. — 

Den Menschen macht sein Wille gross und klein — dieses Dichterwort sollte 
von Allen beherzigt werden, welche vor die Aufgabe gestellt sind, ein Menschen- 
leben in seinem Streben und Wirken zu überblicken. Gar oft aber werden 
nur die Erfolge, und allenfalls auch der äussere Verlauf der Begebenheiten, 
welche zu Erfolg oder Misslingen geführt haben, gewürdigt! 

Wir müssen uns dies gegenwärtig halten, wenn wir dem Andenken des 
verstorbenen Staatsmannes gerecht werden sollen, dessen Namen dieser kurze 
Aufsatz trägt. Graf Hohenwart war nie etwas Anderes, wollte nie etwas Anderes 
sein, als ein für das Wohl und die Grösse seines Vaterlandes eifrig thätiger 
Oesterreicher. In diesem Streben, in diesem Zweckbewusstsein blieb er sich 
consecjuent, mochte er in der Wahl der Mittel sich noch so sehr ändern. 
Wenn er lange Jahre hindurch verschiedenen Regierungen mit gleichem Eifer 
und gleichem Pflichtgefühl als Administrativ-Beamter diente, so ist das für 
keinen noch so oberflächlichen Kenner der Traditionen unserer Bureaukratie 
etwas Verwunderliches. Allein auf die Haltung, welche Hohenwart als Minister- 



Graf Hohenwart. gy 

Präsident und in der langen Zeit seiner Führerschaft im Abgeordnetenhause 
eingenommen hat, lässt sich, man mag über einzelne Phasen derselben 
denken, wie man will, doch immer nur auf das ernste und umsichtige Streben 
zurückführen, das Reich, die Monarchie aus den grossen Schwierigkeiten unserer 
inneren Politik zu befreien. — Wir wollen uns nicht in eine kalendarische Schil- 
derung des Lebenslaufes des Verewigten einlassen. Zu einer solchen fehlen 
uns, die wir ihn erst in der zw^eiten Hälfte seines bewegten Lebens kennen 
gelernt haben, die Unterlagen persönlicher Anschauung, ja selbst überlieferte 
Daten. Die, welche solche besitzen, mögen die Lücken ausfüllen; wir aber 
erinnern an längst Bekanntes, indem wir der rühmlichen administrativen 
Thätigkeit Hohenwarts in mehreren Ländern — zuletzt war er Statthalter in 
Linz — Erwähnung thun. — Im Winter des Jahres 1871 ward Graf Hohenwart 
zum Ministerpräsidenten ernannt, im October desselben Jahres demissionirte 
er. Auch die Ereignisse dieser kurzen, aber vielbewegten Zeit sollen nicht 
pragmatisch aufgezählt werden, sie sind, in grossen Umrissen, jedem Kenner 
der damaligen Zeit bekannt, übrigens oft geschildert und besprochen worden. 
Das aber können wir uns nicht versagen, die damalige Zeit gewissermassen 
im Reflex-Lichte unserer Tage zu betrachten. — Der nachmalige historische 
Lauf der Begebenheiten lässt die weit ausholenden Pläne des Grafen Hohenwart 
vielleicht auch für seine Gegner insofern verständlich erscheinen, als der 
Verstorbene die furchtbare (xefahr des deutsch-böhmischen Streites ebenso 
lebhaft vor Augen hatte, wie die Nothwendigkeit, die Abstinenz -Politik 
aufhören zu machen. Es handelt sich uns nicht darum, die Fundamental- 
Artikel zu vertheidigen, wohl aber möchten wir die Gedankenrichtung an- 
deuten, in welcher Hohenwart sich bewegt haben mochte, als er jene Politik 
machte oder mitmachte. — Nur die Publicistik hat sich des Stoffes bemächtigt, 
eine öffentliche, sozusagen contradictorische Verhandlung mit Rede und 
Gegenrede, Schriftsatz und Gegenschrift hat zwischen den wirklich com- 
petenten Factoren niemals stattgefunden, und so ist es sehr schwer, mit voller 
Sicherheit über Werth imd Berechtigung der Hohenwartschen Politik sich aus- 
zusprechen, wie über die damals thätigen Strömungen und Gegenströmungen 
zu urtheilen. Es ist dies umso schwerer aus zwei Gründen: erstens enthalten 
die Fundamen tal-Artikel, gerade in ihren bcstrittensten Theilen, Axiome, 
akademisch aufgestellte Behauptungen, die unserer Meinung nach auf die 
Absichten des Verfassers zufolge einen wirklich praktischen Erfolg gar nicht 
haben wollten und haben sollten. Zweitens wurde die Politik, es sei dies ohne 
alle Nebenabsicht des Tadels gesagt, damals im Wesentlichen hinter den 
Coulissen gemacht. Im Wege vertraulicher Besprechung wurde mit den 
Führern der bömischen Bewegung verhandelt, die Endergebnisse w^urden im 
Ministerrathe festgesetzt, und sowie das ganze Regierungsproject auf diese 
Weise herangereift war, so wurde es auch schliesslich auf dieselbe Art zum 
Falle gebracht — endgiltig in jener denkwürdigen gemischten, d. h. von 
gemeinsamen, eis- und transleithanischen Ministern besuchten Conferenz, welche 
mit dem Namen des »grossen Kronrathes« bezeichnet wurde. Und als die 
Gegner des Grafen Hohenwart gesiegt hatten, damit das Misslingen seiner 
Politik und sein Sturz besiegelt war, da hiess es fiir ihn in des W^ortes 
vollster und strengster Bedeutung: »Der Rest ist Schweigen«. Es ist 
eine alte, nicht nur berechtigte, sondern für uns selbstverständliche Gewohnheit, 
dass, wenn auch die Resultate der Ministerraths-Sitzungen ihrer Natur nach 
sehr oft an die Oeffendichkeit gelangen, das von den einzelnen Mitgliedern 



gS Graf Hohenwart. 

im Conseil Gesagte nicht mit der grossen Glocke ausgeläutet wird. Die 
wenigen bisher gemachten Ausnahmen sprechen gewiss nicht gegen, sondern 
für diese Regel, und dass Graf Hohenwart, der peinlich gewissenhafte, seiner 
persönlichen Veranlagung nach verschwiegene, zurückhaltende Staatsmann — 
nicht umsonst hat man ihn den schweigsamen Oranier genannt — eine 
Ausnahme machen und das Schweigen brechen würde, war wohl nicht zu 
erwarten; und so wie er hielten es die Mitglieder seines Cabinets. Wir 
glauben mit dem Gesagten die von uns behauptete Schwierigkeit eines voll- 
giltigen Urtheils über die Ereignisse des Jahres 1871, soweit sie den Grafen 
Hohenwart betreffen, dargethan zu haben^ — Er hat niemals, weder während 
der Dauer seiner Regierung, noch später, Gelegenheit gehabt, seine Regierungs- 
Politik öffentlich zu vertheidigen ! — Nur ein ganz specieller Hinweis auf 
seine Verschwiegenheit sei dem Schreiber dieser Zeilen, der in späteren Jahren 
vom Grafen Hohenwart manchen werthen Vertrauensbeweis erhalten hat, 
gestattet: über Tagespolitik haben wir oft mit einander geredet: manche 
wichtige streng vertraulich zu behandelnde Frage kam dabei zur Sprache; 
über seine Thätigkeit als Minister, über die damaligen Ereignisse sprach der 
Verstorbene niemals mit uns, wenn wir von etwaigen kurzen und neben- 
sächlichen Bemerkungen, die vielleicht gefallen sein mögen, absehen. 

Nach seiner Demission spielte Graf Hohenwart im Abgeordneten-Hause 
durch viele Jahre, bis kurz vor seinem Tode, eine grosse Rolle. Auch hier 
wollen wir nicht pragmatisch schildern und das aus der Tagespresse Bekannte 
wiederholen, sondern uns auf eine kurze Charakteristik dieser vielleicht 
wichtigsten Thätigkeit eines langen und bewegten Lebens beschränken. Jeder 
Kenner unserer politischen Geschichte dürfte uns darin beistimmen, wenn wir 
sagen, dass Hohenwarts Bedeutung, an den Schwierigkeiten seiner Aufgabe 
gemessen, plastisch hervortritt. Selten war ein parlamentarischer Führer in 
der Lage, durch so lange Zeit so verschiedene Elemente in einem Partei- Ver- 
bände zu einigen und zu führen. Gänzliche Verschiedenheit der einzelnen Partei- 
Gruppen in nationaler Beziehung, grosse Divergenzen in wirthschaftlichen und 
socialen Fragen, schwerwiegende Momente des Misstrauens und der Rivalität 
zwischen den einzelnen Landsmannschaften und sonstigen Gruppen der 
Rechten hinderten ihn nicht, zunächst in der seinen Namen führenden Gruppe 
die Führerschaft zu behaupten und seinen mächtigen Einfluss auf das ganze 
Partei-Gebilde der Rechten, deren Einigung grossentheils sein Werk war, aus- 
zuüben, in den ersten Jahren als Führer der Opposition, dann als einer der 
bedeutendsten Führer der Majorität, die unser Parlament je gehabt hat. — 
In gewissem Sinne war Hohenwart allerdings schon Führer der Majorität, als 
er noch in der Opposition war. Seinen Grundanschauungen und Lebens- 
gewohnheiten widerstrebte es, Opposition ä outrance zu machen, Oppo- 
sition auch in solchen Fragen, in denen eine ihm feindlich gegenüberstehende 
Regierung, seiner Meinung nach, recht hatte. Wo die Regierung, sie mochte 
welchen Namen und welches Parteigewand immer tragen, w^ichtige, allgemeine, 
dauernde Interessen des Staates, der Monarchie vertrat, da war Graf Hohen- 
wart gern bereit, ihr beizuspringen und sie gegen ihre eigenen Freunde 
zu vertreten: nicht der Regierung, aber der Sache zu Liebe und so ent- 
standen jene merkwürdigen ad hoc- Verbindungen, welche z. B. die Occupa- 
tions-Politik so wirksam unterstützten, und denen der Verewigte das Gewicht 
seines persönlichen Ansehens, die Stärke seines beharrlichen Willens, die Macht 
seines Wortes lieh. Und diese Macht w^ar in der That gross! Ueber Hohen- 



Graf Hohen wart. go 

warts Werth als Redner wird kaum eine Meinungsverschiedenheit herrschen. 
Wir, die wir ihm oft gelauscht haben und die wir ihn mit einer Zahl 
bedeutender von uns gehörten Redner des In- und Auslandes vergleichen 
können, müssen sagen, das er kaum von Einem derselben, was den Gesamt- 
werth der Leistung betrifft, tibertroffen, von Wenigen, sehr Wenigen erreicht 
worden ist, — Graf Hohenwart gehörte, wir haben es vorhin angedeutet, 
nicht zu den besonders offenherzigen, aber er gehörte gewiss zu den 
wahrhaftigsten Naturen. Er hat vielleicht niemals in seinem Leben 
wissentlich eine Unwahrheit gesagt — und der starke Accent innerer subjectiver 
Wahrheit klang stets aus seinen Reden heraus, welches dabei immer sich in 
>veiteren Gesichtskreisen bewegten, ohne sich ins Ungemessene zu verlieren. 
Die Auffassung war scharf, die Wiedergabe des Gedankens plastisch und 
lebendig, die Sprache vornehm, der Vortrag von tadelloser Eleganz, wenn 
auch, wie bei den meisten Rednern, in den letzten Jahren die Vemehmlichkeit 
unter der riesigen Raumausdehnung und den sonst akustisch ungünstigen 
Bedingungen des neuen Parlamentshauses litt. Da Hohenwart überdies nicht 
allzu oft sprach, und meistens bei wichtigen Anlässen, gehörte er zu den 
wenigen Rednern, welche der Aufmerksamkeit ihres Hörerkreises unbedingt 
sicher sind. Die Generalprobe seiner Rednerkunst hatte er schon als Minister 
abgelegt; seine Vorbereitung hatte er nur im kleinen Kreise, als Re- 
gierungsvertreter in verhältnissmässig unbedeutenden Landtagen, absolvieren 
können; er kam mit einmal ins Abgeordnetenhaus, genöthigt, sehr hervor- 
ragenden Rednern entgegenzutreten, und erwies sich sofort als vollkommen eben- 
bürtig, wobei nicht geleugnet werden soll, dass er im langen Laufe der Jahre 
sich noch vervollkommnet hat. — 

Mit dem durch das Anwachsen der jungczechischen Bewegung bewirkten 
Wechsel der Parteiverhältnisse im Abgeordnetenhause bereitete sich eine 
Wendung auch in Hohenwarts politischer Haltung — nicht in seiner Gesinnung 
— vor, die sich unmittelbar nach der Einbringung der Wahlreformvorlage des 
Grafen Taaffe mit grosser Raschheit vollzog. Es ist wohl jeden Leser dieser 
Zeilen bekannt, dass zum Theil durch den Inhalt der Vorlage, zum Theil 
durch das Geheimniss, welches ihre Vorbereitung umhüllte, die Ueberraschung, 
welche die Einbringung dem ganzen Hause bereitet hatte, die Majorität er- 
schreckt, verstimmt und gereizt war. — Das unmittelbare Resultat war : eine 
sehr lebhafte und doch monotone Debatte, in welcher die Angriffe auf die 
Regierung sich ins Unendliche wiederholten, und schadenfrohe Commentare 
einiger Redner der Opposition die einzige Abwechslung bildeten. Ob es noth- 
wendig, ob es nützlich war, aus diesem Anlass die Regierung zu stürzen; ob 
wirklich gegenüber der Regierungsvorlage nichts Anderes am Platze war, als 
entrüstete Negation; ob insbesondere bei der ganzen Action die alte, bis auf 
die Jungezechen intact gebliebene Rechte des Hauses die von ihr gespielte 
Rolle unbedingt übernehmen musste; ob diese Partei dabei gewonnen oder 
verloren hat, das Alles, und noch manch Anderes sind Fragen, die wir nicht 
zu beantworten haben. — Allzu nahe ist der Schreiber dieses Aufsatzes 
den damaligen Ereignissen gestanden, um nicht selbst an seiner vollen Un- 
parteilichkeit zu zweifeln : wie könnte er die Anerkennung derselben von Anderen 
begehren? — Es genügen also folgende kurze, mehr das Thatsächliche be- 
rührende Bemerkungen: Graf Taaflfe hätte, wie wir bestimmt wissen, manche 
politische Freunde, vor allem den Grafen Hohenwart sehr gern von seinem Wahl- 
reformproject unterrichtet, allein er hielt es weder für ganz correct, noch für 



90 



Graf Hohen wart. 



ungefährlich, eine Partei oder einen Führer zu informiren und die anderen 
Parteien des Hauses, auf deren Unterstützung er angewiesen war, von solchen 
Mittheilungen auszuschliessen. Unmöglich aber erschien es dem damaligen 
Ministerpräsidenten, einen weiten Kreis von Mitwissern zu schaffen und dem- 
selben entweder jegliche wirksame Einsprache abzuschneiden oder die Vorlage 
schon bei der Einbringung in ihren grundlegenden Theilen wie in den Einzel- 
heiten den dissentirendsten Einflüssen preiszugeben. Zur Beurtheilung 
der Richtigkeit dieser Anschauungen mag die weitere Geschichte unserer 
Wahlreform, die Geschichte der Entwicklung der Sprachenfrage u. s. w. 
Material bieten. Graf Hohenwart konnte mit Recht auf seine langjährige, 
wirksame Unterstützung der Regierung des Grafen Taaffe sich berufen, und 
auf besondere Rücksicht Anspruch machen, (xraf Taaffe mit ebensoviel Recht 
darauf hinweisen, dass er die Schaffung der Majorität ermöglicht, und dass, 
sowie Hohenwarts Stellung nach rechts durch seine Regierungsfreundlichkeit 
erschwert worden war, umgekehrt Taaffe durch seine Anhänglichkeit an 
Hohenwart sich nach links hin grosse Schwierigkeiten bereitet, da er jeden 
Versuch, ihn von Hohenwart zu trennen, mit der grössten Entschiedenheit ab- 
gelehnt hatte. Gewiss ist, dass auch in diesem Augenblicke seines Lebens 
Graf Hohenwart, indem er am Sturze des Cabineis Taaffe hervorragenden 
Antheil nahm, und die Coalition schaffen half, dies im Interesse des Staats 
thun zu sollen glaubte. Wir können auch bekräftigen, dass aus der so 
rasch losbrechenden politischen Gegnerschaft keine persönliche Feindschaft 
zwischen den beiden Staatsmännern entstanden ist, vielmehr freundschaft- 
liche Beziehungen auch si)äter ge[)flogen wurden, weil Jeder beim Andern 
die redliche, auf das Ganze gerichtete Absicht im voraus schon kannte. 

Bei der in der nächsten Zeit folgenden Berathung der Wahlreform 
war Hohenwart, wenn wir nicht irren, trotz seines Ansehens und seiner 
Begabung an intensiver Mitwirkung dadurch sehr behindert, dass er 
eigentlich einer bedeutenden Erweiterung des Wahlrechts nicht sehr günstig 
gesinnt war, eine solche aber damals ziemlich allgemein als unvermeidlich 
galt. — 

Im Herrenhause, dem Graf Hohenwart am Schlüsse seines Lebens eingereiht 
wurde, fand er, wegen der Kürze der Zeit und seiner bald darauf folgenden 
Erkrankung, keine Gelegenheit mehr zu grösserer Thätigkeit. Es spricht aber 
für die allseitige Anerkennung seines Werthes und seiner Bedeutung, dass, als 
der langjährige bewährte Führer der Rechten, Graf Franz Falkenhayn, dahin- 
geschieden war, die öffentliche Meinung mit seltener Einstimmigkeit Hohen- 
wart auf den Schild hob. — Sein bald darauf erfolgender Tod hat eine grosse 
Lücke gerissen, denn mit ihm verschwand von Oesterreichs politischer Bühne, 
eine unsrer grössten politischen Figuren, ein Ehrenmann von makelloser Gesinnung, 
ein Oesterreicher, der vom wärmsten Patriotismus begeistert war; ein alter 
Beamter und Parlamentarier, dem regste Pflichterfüllung als Lebensbedürfniss 
galt, ein Staatsmann, dessen Blick niemals das grosse Ganze aus dem Auge 
verlor. — 

Quellen: lieber die Familie Hohenwart: Wurz])acli, Biographisches Lexikon des Kaiser- 
thums Oesterreich Band 9. Ueber den Sturz des Ministeriums Hohenwart vgl. Beusts 
Denkwürdigkeiten: Aus drei Vierteljahrhunderten II. 456 ff. 497 ff. Cotta, 1887. — Nekrolog 
im »Vaterland« Wien 26. und 27. April. Neue Freie Presse vom 26. und 27. April 1S99 
und MUnchencr Allg. Ztg. April 1899. Zeitungsstimmen und Beileids -Kundgebungen im 
»Vaterland« 28. April 1899 ff. 

Ein österreichischer Parlamentarier. 



Siegel. gi 

Siegel, Heinrich, Universitätsprofessor für deutsches Recht, * am 13. April 
1830 im Neckarstädtchen Ladenburg, f 4. Juni 189g in Wien. Er stammt aus 
alter angesehener Familie Bruchsals im Grossherzogthum Baden; er war der 
zweite Sohn des damals in Ladenburg angestellten Kreisphysikus Dr. Joseph S., 
Enkel des zuerst kurpfälzischen, später badischen Hofrichters Dr. Bernhard S. 
Seine erste Erziehung erhielt er namentlich durch seine Mutter Magdalene 
geb. Heiligenthal, besuchte das Bruchsaler Gymnasium und das Heidelberger 
Lyceum und wurde 3. September 1849 zur Universität zugelassen, an der er 
bereits Vorlesungen von Schlosser, Gervinus und Reichlin gehört hatte. Ur- 
sprünglich zu militärischer Laufbahn neigend, folgte er dem Rathe der für 
die zarte Gesundheit des Jünglings besorgten Mutter und studirte in Heidel- 
berg und Bonn die Rechte unter Vangerow, Mohl, Zöpfl, Mittermaier und 
F. Walter. Er bearbeitete lateinisch eine Heidelberger Preisaufgabe über das 
Erbrecht nach den beiden grossen Rechtsbüchern des Mittelalters und erhielt 
dafür (wie ein zweiter Bewerber) am 22. November 185 1 als Preis die vom 
Grossherzog Carl Friedrich für Heidelberg gestiftete goldene Medaille. Auf 
diesen Erfolg hin entschied er sich für die akademische Laufbahn und erwarb 
mit der Ueberarbeitung »Das deutsche Erbrecht nach den Rechtsquellen des 
Mittelalters in seinem inneren Zusammenhange dargestellt«, Heidelberg 1853, 
in Giessen den Doctorgrad, durch die weitere Schrift »Die germanische Ver- 
wand tschaftsberechnung mit besonderer Beziehung auf die Erbfolge«, Giessen 
1853, die Zulassung als Privatdorent. Beide Arbeiten vertraten durchaus neue 
Grundgedanken: dort wurde das deutsche Erbrecht in seinem Unterschiede 
gegenüber römischem Rechte als Wartrecht des Erben bereits bei Lebzeiten 
des Erblassers construirt, hier des Weiteren die dort ausgesprochene An- 
schauung über die germanische Gradberechnung im Anschluss an das Bild 
des menschlichen Körpers verfochten. An dieser Ansicht hat S. auch zeit- 
lebens festgehalten. Er las in (Giessen über deutsches Recht und Rechts- 
geschichte, deutsches Privatrecht, die deutsche Wechselordnung, wie auch 
über älteres deutsches Recht und arbeitete das leider nicht fortgeführte Werk 
^^Geschichte des deutschen Gerichtsverfahrens«, Giessen 1857, aus. Lebhaft 
gefördert wurde er durch den als ausserordentlicher Professor in Heidelberg 
wirkenden Robert Carl Sachsse und seinen Collegen und Freund Georg Sand- 
haas. Ein Ruf nach Königsberg wurde zurückgezogen, als man erfuhr, dass 
S. katholisch sei. Dafür folgte er einem weiteren ehrenvollen Rufe nach Wien 
;i857) an die dort neu geschaffene Lehrkanzel für deutsches Recht. Oester- 
reich sollte ihm eine zweite liebe Heimath werden. Nach Ablehnung einer 
Berufung nach Tübingen wurde er am 19. April 1862 zum ordentlichen Pro- 
fessor befördert. Während seiner 40jährigen gedeihlichen Wirksamkeit an der 
Wiener Universität las er neben Collegen wie Phillips, Unger, Joh. Ad. Tomaschek 
und endlich Otto von Zallinger die deutschrechtlichen Hauptcollegia, Geschichte 
des deutschen Strafrechts, über gerichtliches Verfahren und Erbrecht, wie über 
die Rechtsquellen namentlich im germanischen Seminar. In formvollendeter, 
freier, bilderreicher Sprache schilderte er die Entwicklung der staatlichen 
Einrichtungen auf deutschem Boden während fast zwei Jahrtausenden und 
brachte namentlich das deutsche Recht in seiner reinen Gestaltung als nahezu 
von fremdem Recht unbeeinflusstes, aus dem Volksrechtsbewusstsein hervor- 
gegangenes zur Darstellung, das trotz der Reception der fremden Rechte doch 
nie ganz erloschen sei und seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
wieder Selbständigkeit und ein eigenes System gewonnen habe. So hat er 



92 Siegel. 

als einer der Ersten in Oesterreich für das deutsche Recht Schule gemacht, 
indem die heute dort wirkenden Germanisten, wie auch einige auswärtige, 
S. als ihren Lehrer und Meister verehren, lieber diese seine Wirksamkeit 
sprach er in seiner Rectoratsrede vom Jahre 1878. In Anerkennung seiner 
vorzüglichen Leistungen in Wissenschaft wie Lehramt erhielt er am 1 1 . November 
1879 Titel und Charakter eines Hofrathes verliehen, 1890 das Ritterkreuz des 
Leopoldordens; am 2. April 1891 wurde er auf Lebenszeit in das Herrenhaus 
des österreichischen Reichsrathes berufen, in dem er (einmal nur) am 16. Januar 
1897 gelegentlich der geplanten Verstaatlichung der CoUegiengelder gegen den 
Entwurf als Redner auftrat, indem er das Collegiengeld als den von den 
Schülern dem Lehrer entrichteten Urheberlohn für die individuelle geistige 
Arbeit des Lehrers auffasste, dessen Beseitigung schlimme Folgen für Forschung 
und Lehre haben könne. Nach Ueberschreitung des 60. Lebensjahres Öfters 
leidend, erbat er 1898 Versetzung in Ruhestand, was ihm unter Verleihung 
des Comthurkreuzes des Franz Josef-Ordens mit Stern unter dem 20. Juli 1898 
gewährt wurde. Die Facultätsmitglieder ehrten den ausscheidenden CoUegen 
durch Widmung einer Adresse. Zugleich übernahm S. das Vicepräsidium der 
Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, in die er 1862 als correspondiren- 
des, 1863 als wirkliches Mitglied eingetreten war und deren Generalsecretär 
er seit 1875 gewesen. Er regte in der Akademie 1864 die Herausgabe der 
österreichischen Weisthümer je durch einen Juristen und einen Philologen an, 
ebenso die Uebertragung einer kritischen Ausgabe des Schwabenspiegels an 
Rockinger und der Sachsenspiegelglosse an Steffenhagen. Von seinen in den 
Sitzungsberichten veröffentlichten Arbeiten sind zu nennen: die vielfach auf- 
klärenden Untersuchungen über Alter, Herkunft und Gestaltungen des öster- 
reichischen Landrechts (1860 und 1867, Bd. XXXV i09ff., LV 5ff.), seine 
Monographie über die Stellung der Dienstmannen in Oesterreich von 1883 
(Bd. CII Heft I, S. 235), über die Lombarda-Commentare des Ariprand und 
Alibertus von 1862 Bd. XL i64fF.), über den ordo judiciarius von Eilbert von 
Bremen von 1867 (Bd. LV 531 ff.); dann »Die Erholung und Wandelung im 
gerichtlichen Verfahren« von 1863 (Bd. XLII 201 ff.), »Die Gefahr vor Gericht 
und im Rechtsgang« von 1866 (Bd. LI i2off.), »Das pfiichtmässige Rügen 
auf den Jahrdingen und sein Verfahren« von 1892 (Bd. CXXV, Abth. DC), 
»Das Güterrecht der Ehegatten im Stiftsamte Salzburg« von 1882 (Bd.XCDC75ff.). 
Dazu treten »Zwei Handschriften des Wiener Stadtarchivs« in den sogenannten 
Sylvesterspenden von 1858, die vortrefflichen Gedenkreden über Homeyer 
(1875), Gabriel Seidl (1876), Palacky (1877), Aschbach (1882), Leo- 
pold von Ranke (1886), von Arndts (1878) und K. Tomaschek (1879), 
den Reformator des österreichischen Unterrichtswesens Grafen Leo Thun 
(1888), auch die Festschrift zur Centenarfeier für K. F. Eichhorn (Wiener 
Juristische Blätter vom 20. November 1881), Besprechung des Werkes von 
Homeyer »Der Dreissigste« (Krit. Vschrift Bd. VII) und die ganz kurz vor 
seinem Tode abgeschlossene und gedruckte Arbeit »Die deutschen Rechts- 
bücher und die Kaiser Karls-Sage« — als Abschnitt eines geplanten grösseren 
Werkes über die Sage von Kaiser Karls Recht und Gericht. Als seine Haupt- 
werke sind schliesslich zu nennen: einmal das zu nachhaltiger literarischer 
Erörterung Anlass gebende meisterliche Schriftchen »Das Versprechen als Ver- 
pflichtungsgrund im heutigen Recht. Eine germanistische Studie«, Berlin 1873. 
Der Hauptgedanke der Schrift von der verpflichtenden Kraft des einseitigen 
Versprechens hat auch bei Abfassung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches 



Siegel. Q3 

Beachtung gefunden. Weitere Ausführungen des Versprechensbegriffes bieten 
die Schriften: »Das erzwungene Versprechen und seine Behandlung im deutschen 
Rechtsleben«, Wien 1893, und »Der Handschlag und Eid nebst den ver- 
wandten Sicherheiten für ein Versprechen im deutschen Rechtsleben«, Wien 
1894. Andererseits gehört hierher seine »Deutsche Rechtsgeschichte«, Berlin 
1886, 2. Aufl. 1889, 3. Aufl. 1895, als ein mit Beifall begrüsstes, dem Rechts- 
unterrichte gewidmetes Werk. Endlich ist seiner Mitarbeit an der Ausgabe 
der Salzburger Taidinge von K. Tomaschek (1870) und der Ausgabe des 
fränkischen ehelichen Güterrechtes von G. Sandhaas, Giessen 1866, zu gedenken. 

Eine sehr glückliche Ehe verband ihn mit Rosa Edle von Loehner, 
Tochter des Dichters und Politikers Dr. med. von Loehner, die ihn voll 
verstand, in allen Lebenslagen ihm eine treue, sich aufopfernde Gefährtin war 
und ihm ein liebes Heim schuf. Von vier Kindern, zwei Söhnen und zwei 
Töchtern, verloren die Eltern 1887 zu ihrem tiefsten, nie ganz verwundenen 
Schmerze den hochbegabten einen Sohn Edgar im Alter von 17 Jahren. Ein 
weiterer schwerer Schlag war es, dass Heinrichs zweiter Bruder, Carl S., 
badischer Geheimer Ober-Regierungsrath, bei einer grossen Ueberschwemmung 
in Freiburg im Breisgau am 9. März 1896, bei Rettungsarbeiten mit der Brücke, 
auf der er stand, von den reissenden Fluthen weggerissen, ein Opfer seines 
Berufes wurde. Der älteste Bruder, ein weit über die Grenzen seines Heimath- 
landes bekannter Badearzt, zog sich nach langjähriger angestrengter Thätigkeit 
als Geheimrath ins Privatleben zurück. Der Vater war nach zehnjähriger ver- 
dienstlicher Wirksamkeit als badischer Generalstabsarzt 1864 in den Ruhestand 
getreten und am 23. März 1870 gestorben, fast 80 Jahre alt. — S. war von 
stattlichem Wuchs, eine vornehme Erscheinung. Treffliche Eigenschaften des 
Charakters und des Herzens, zeichneten ihn aus: strengster Rechtssinn, 
lebendigstes Ehrgefühl, seltene Pflichttreue, begeisterte Hingabe an seinen Be- 
ruf, echt deutsche Gesinnung, die er, dem politischen Alltagsleben femstehend, 
nur auf wissenschaftlichem Gebiete bethätigte. Er war ein wohlwollender 
Examinator und unterstützte Jünger der Wissenschaft mit allen Kräften. 1860 
y,2LT er Mitglied des Gelehrtenausschusses des Germanischen Nationalmuseums 
in Nürnberg geworden, 1873 correspondirendes und 1886 auswärtiges Mitglied 
der historischen Klasse der Königl. bayerischen Akademie der Wissenschaften, 
1877 Ehrenmitglied der Royal Historical Society in London, 1879 Mitglied 
der Königl. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in Prag, 1890 Ehren- 
mitglied der historisch -statistischen Section der k. k. mährisch -schlesischen 
Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde. 
Er hinterliess eine ältere Tochter Anna, die jetzt die Stütze der Mutter ist, 
die jüngere Tochter Marie verheirathet an den Rittmeister und Privatgelehrten 
Dr. Gaess in Freiburg im Br., und den zweiten Sohn Carl, jetzt Mittel- 
schulprofessor. — Eine Büste von Heinrich Siegel wird nächstens in den 
Universitätsarkaden Aufstellung finden; eine andere in Ladenburg. 

Vgl. Prof. Dr. Alfred von Wretschko, Heinrich Siegel. Ein Bild seines Lebens 
und Wirkens (mit Lichtdruck), Berlin 1900 (zuerst in den Beilagen zur Allg. Ztg. No. 106, 
107 und 108 vom 9., 10. und xi. Mai 1900); — Gedenkrede von Prof. Dr. Heinrich 
Schuster aus Prag in der Wiener Jurist. Gesellschaft vom 29. November 1900 (Allgero, 
österr. Gerichts-Zeitung L. Jahrgang No. 49 und 50, auch separat, Wien 1900); — Prof. 
Dr. Luschin von Ebengreuth in der Savigny-Ztschr., Germ. Ab th. XX p. VII ffc; — Prof. 
Dr. Frommhold in der Deutschen Juristen-Zeitung 1899 S* ^91» — Bericht des abtretenden 
Rectors der Wiener Universität über das Studienjahr 1898/99 S. lyff.; — Wurzbach, 
Biogr. Lex. Bd. 34 S. 247 ff.; — Erinnerung an Heinrich Siegel (1830 — 1899). Zur ersten 



g4 Siegel. Lommel. 

Wiederkehr seines Todestages am 4. Juni 1900. Druck und Verlag von M. Salzer in Wien 
(von der W^ittwe gütigst übersandt); — Almanach der k. k. Akademie in Wien 1900. — 
GrUnhuts Ztschr. I 364—370 (Joseph Unger), II 3i4ff. (Pfaff). 

A. Teichmann. 



V. Lommel, Eugen, Professor der Physik an der Universität zu München, 
* 19. März 1837 zu Edenkoben, f 19. Juni 1899 zu München. Das Adels- 
prädicat war Consequenz des die persönliche Nobilitirung nach sich ziehenden 
Civilverdienstordens. Die Lateinschule seiner Vaterstadt und das humanistische 
Gymnasium von Si>cyer förderten L. soweit, dass er schon mit 17V, Jahren 
die Münchener Universität beziehen konnte. Zeitlebens ist er ein begeisterter 
Anhänger des Classicismus gewesen, obwohl er auch früh schon den lebhaften 
Sinn für naturwissenschaftliche Studien hegte; so zeichnete er mit eigener 
Hand den zoologischen Atlas von Oken nach, den anzuschafl'en ihm die Mittel 
fehlten, und hospititirte an der Gewerbeschule in den physicalisch-chemischen 
Lehrstunden. Immerhin wirkte auch sein Lehrer in der Mathematik, der 
durch seine optischen Untersuchungen mit Recht berühmt gewordene Professor 
Schwerd, höchst günstig auf den jungen Mann ein, dessen spätere Arbeiten 
zu einem grossen Thcile auf demselben Felde lagen. Unter v. Seidel und 
V. Lamont, denen gerade jetzt, nach G. S. Ohms Tode, auch der Physiker 
Ph. V. Jolly zur Seite trat, bildete sich L. zum tüchtigen Mathematiker aus, 
und mathematischer Natur sind auch die meisten seiner in Grunerts -Archiv 
der Mathematik und Physik <v veröffentlichten Erstlingsversuche. Indessen war 
er zeitlebens niemals ein engherziger Specialist, und so blieb auch während 
der Studentenzeit sein Interesse allen wissenswerthen Dingen zugewandt; 
namentlich legte er damals auch den Grund zu der tüchtigen Kunstausbildung, 
die ihn nachmals auszeichnete. Nach vierjährigem Studium wurde die Staats- 
prüfung mit Note I bestanden, und nachdem der junge Mann einige Zeit als 
Hauslehrer gewirkt hatte, erhielt er eine Lehrerstelle an der Cantonsschule zu 
Schwyz, wo er fünf Jahre verblieb, um sodann in gleicher Eigenschaft nach 
Zürich überzusiedeln. Das rege Geistesleben dieser Stadt, wo damals gerade 
viele aus Deutschland berufene Lehrkräfte — Wislicenus, Prym, Fick, der 
berühmte Ingenieur Culmann, L's. sjiecieller Landsmann — thätig waren, 
wirkte auf ihn mächtig anregend, und so habilitirte er sich denn an beiden 
Züricher Hochschulen. Bald schon entführte ihn denselben aber ein aus 
Württemberg an ihn ergangener Ruf; L. wurde Professor der Mathematik und 
Physik an der land- und forstwirthschaftlichen Akademie zu Hohenheim bei 
Stuttgart und verfasste hier seine trefflichen »Studien über die Besselschen 
Funktionen« (Leipzig 1868), die ihm den weiteren Weg hauptsächlich gebahnt 
haben. Schon 1869 als Professor der Physik nach P>langen berufen, musste 
er nunmehr seinen Arbeiten, die bisher durchaus ein streng theoretisches (Ge- 
präge getragen hatten, eine wenigstens theilweise andere Richtung ertheilen 
und sich in die experimentelle Richtung einarbeiten, deren Vertretung in 
Vortrag und Praktikum ihm ja jetzt vorzugsweise oblag. Dieser Universität 
ist er, unter Ablehnung einer Rückberufung nach Zürich, siebzehn Jahre treu 
geblieben, und erst 1886 folgte er seinem früheren Lehrer v. Jolly als Pro- 
fessor in München. Der dortigen Akademie gehörte er bereits seit 1876 an. 
In dem neuen Bestimmungsorte erwartete ihn eine grosse und schwierige Auf- 
gabe, nämlich der Bau eines neuen physicalischen Instituts. Dasselbe wurde 



Loramel. nc 

im Jahre 1 894 eingeweiht, und seitdem konnte sich der höhere Unterricht in 
diesem Fache ungleich freier entfalten, als dies unter den vielfach beengenden 
Verhältnissen früher möglich gewesen war. Allein an der Lebenskraft dessen, 
der die Einrichtung zu leiten und daneben einer gleich ausgedehnten wissen- 
schaftlichen und Lehr-Aufgabe zu genügen hatte, zehrte die gewaltige An- 
strengung, und man erkannte an dem raschen Altern des früher so kräftigen 
Mannes, dass seine Widerstandsfähigkeit sich zu erschöpfen begann. Seit 1872 
mit einer Enkelin des berühmten Philosophen Hegel, Tochter des in hohem 
Alter noch lebenden Historikers, vermählt, hatte sich L. auch bis zuletzt eines 
glücklichen häuslichen Lebens zu erfreuen. Für das Studienjahr 1898/99 war 
er zum Rector der Universität gewählt worden; da traf ihn im Januar 1899 
ein schw^erer Schlag in seiner Familie, und nun wurde es offenbar, dass er 
sich zu viel aufgebürdet hatte. Die Kräfte begannen zu versagen, und obwohl 
er nach der Rückkehr von einem längeren Aufenthalte im Süden sogar die 
Re Ctoratsgeschäfte wieder aufnahm, so vermochte er dieselben doch nicht fort- 
zuführen. Ein sanfter Tod beschloss ein allzu frühzeitig geknicktes Leben. 
Von Hause aus erwähn termassen Mathematiker, ist L. dieser Wissenschaft 
auch in der Folge nicht untreu geworden und stets gerne auf sie zurück- 
gekommen, wie zahlreiche in den »Mathem. Annalen« veröffentlichte Aufsätze 
über die Besselschen Funktionen und verwandte Transcendenten bekunden. 
In erster Linie aber gehörte seine grosse Schaffenskraft der Lehre vom Lichte, 
und wenn man die gewaltige Fülle der von ihm den »Annalen der Physik und 
Chemie«, dem »Repertorium der Experimentalphysik <c, den »Sitzungsberichten<v 
der bayerischen Akademie und denjenigen der Physicalisch-Medicinischen 
Societät in Erlangen überlassenen Abhandlungen durchmustert, so wird man 
finden, dass es kaum ein wichtiges optisches Problem giebt, an dem er sich 
nicht mit Glück und Erfolg versucht hätte. Insbesondere stellte er eine neue 
llieorie der Fluorescenzerscheinungen auf, berechnete mit früher nicht erreich- 
barer Einfachheit und Genauigkeit die Beugungsbilder, gab erstmalig zu- 
treffende Erklärungen von verschiedenen Phänomenen der meteorologischen 
Optik, wie Morgen- und Abendröthe, Gloriole um den Kopfschatten, Dämme- 
rungsfarben, machte die ultrarothen Strahlen des Spectrums, die sich sonst 
nur durch erhöhte Wärme verrathen, mittels der Phosphorescenz sichtbar u. s. w. 
Die Spectralanalyse und das Studium des Spectrums überhaupt beschäftigten 
ihn wiederholt eingehend, und namentlich wusste er, von seinem Schüler 
Fomra wirksam unterstützt, hierbei die Photographie in bisher nicht gekanntem 
Ausmaasse zur Geltung zu bringen. Seine neue Formulirung des photo- 
metrischen Grundgesetzes hat bei Seeligers Lichtmessungen am Ringe des 
Planeten Saturn glänzend die Probe bestanden. Auch dürfen wir sein ^>Ery- 
throskop« und >'Melanoskop« nicht vergessen, Linsencombinationen, durch 
welche gewisse Strahlengattungen vollständig ausgeschaltet werden. Die übrigen 
Zweige der Physik mussten gegenüber der Lieblingsdisciplin L.'s allerdings 
einigermassen zurückstehen, wurden aber darum doch nicht etwa vernach- 
lässigt. Die Elektricitätslehre bereicherte er durch seine originelle Auffassung 
der Lichtenbergschen Figuren, sowie durch eine Umgestaltung der Influenz- 
Maschine, die Aerostatik durch einen Apparat zur Bestimmung des specifischen 
Gewichtes der Gase, die Potentialtheorie durch die sichtbare Darstellung der 
Linien gleichen Potentiales in durchströmten Platten, womit sich eine Erklärung 
des sogenannten Hallschen Phänomenes verbindet. Diesen Dingen ist eine 
ganze Reihe von Aufsätzen zugewandt. Auch die experimentelle Behandlung 



g6 Lommel. Strauss u. Torney. 

der leuchtenden »Wasserhämmer« erweckt vielseitiges Interesse. Die Ausgabe 
der Schriften Fraunhofers und Ohms, welche unter der Aegide der bayerischen 
Akademie erfolgt, wurde von L. geleitet. Ausserordenllich gut wusste der- 
selbe auch den Ton in gemeinverständlichen Darstellungen zu treffen, wofür 
mannigfache Belege vorliegen (Wind und Wetter, München 1873 und 1880; 
Das Wesen des Lichts, Bestandtheil der »Intemation. Bibliothek, Leipzig 1894; 
Lexikon der Physik und Meteorologie, Leipzig 1882; Spectrum und Spectral- 
analyse in Krebs' »Physik des täglichen Lebens«, Stuttgart 1884). Das in 
seiner gedrängten, mit Vollständigkeit und Klarheit gepaarten Kürze muster- 
giltige »Lehrbuch der Experimentalphysik« hat in den paar Jahren von 1893 
bis 1900 nicht weniger denn sechs Auflagen erlebt. 

Boltzmann, E. v. Lommel, Jahresbericht der Deutsch. Math ematikervereinigung, VIII, 
X.Heft, S. 4^.; beigefügt ist ein sehr treues, aber aus der letzten Lebenszeit stammendes 
und bereits stark gefurchte Züge zum Ausdruck bringendes Portrait. — Nekrolog von 
Graetz, Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Juni 1899. — Nekrolog von y, Münchener 
Neueste Nachrichten, Juni 1899. 

S. Günther. 



Strauss und Torney, Victor Friedrich von, Wirklicher Geheimer Rath, 
Dr. theol., * am 18. September 1809 in Bückeburg, f am i. April 1899 in 
Dresden. St. besuchte bis zum Jahre 1824 das Gymnasium seiner Vaterstadt, 
darauf ein Jahr das Gymnasium in Lemgo und wurde dann Scholar des 
Pädagogiums in Halle, welches damals unter der Leitung des Kanzlers August 
Hermann Niemeyer stand. Anregungen, welche der Jüngling durch Goethe 
und Tieck empfing, Hessen früh seine dichterische Begabung zu Tage treten. 
Mit 19 Jahren veröfFen dichte er 1828 ein Trauerspiel, »Katharina«, und Poesie 
und Philosophie beschäftigten ihn während der ersten Zeit seiner akademischen 
Studien in Erlangen und Bonn mehr als sein Berufsstudium, die Rechtswissen- 
schaft. Nach Abschluss seiner Studien in Göttingen trat er 1832 in schaum- 
burg-lippische Dienste und vermählte sich bald darauf mit Albertine aus dem 
hannoverschen Geschlechte von Torney, dessen Namen er dem seinigen an- 
fügte, als jenes 1864 im Mannesstamme erlosch. Aus der ersten Zeit von 
St.'s Wirksamkeit in Bückeburg stammen die meisten seiner Jugendgedichte^ 
welche er 1841 der Oeffentlichkeit tibergab. Im Jahre 1838 legte er durch 
die Herausgabe der Anfangsgründe der allgemeinen Theorie der Musik nach 
Grundsätzen der Wesenlehre aus dem Nachlasse von Carl Chr. Fr. Krause 
Zeugniss von einer besonderen musikalischen Begabung ab. — Von dem 
grössten Einfluss auf St.'s Geistesleben wurde das Buch seines Namensvetters, 
des Tübinger Professors David Strauss, »Das Leben Jesu«, sowie die Neander- 
sche Widerlegung desselben. St. begann, um sich Gewissheit zu verschaffen, 
wer recht habe, ein förmliches Studium der Theologie. Er studirte die Bibel 
im Urtexte und das Resultat seiner Forschungen war der historische Christus, 
nicht der mythische des David Strauss. Die unmittelbare Folge seiner theo- 
logischen Studien sind seine zahlreichen theologischen Schriften, in denen seine 
positiv-christliche Ueberzeugung, an der er fortan festgehalten, überall zu Tage 
tritt. Von seinen Liedern aus der Gemeine ftir das christliche Kirchenjahr, 
die 1843 erschienen — das Beste, was St. auf dem Gebiete der religiösen 
Lyrik geleistet — haben mehrere in preussischen und sächsischen Gesang- 
büchern Aufnahme gefunden. 



Strauss u. Torney. o^ 

Im Jahre 1840 war St. Archivrath geworden. Sechs Jahre später nahm 
er als schaumburg- lippischer Abgeordneter thätigen Antheil an der Berliner 
Kirchen -Conferenz, bei welcher Gelegenheit er auf Veranlassung Friedrich 
Wilhelms IV. eine Denkschrift über die Gesangbuchssache in den preussischen 
Landen verfasste. 1848 erfolgte die Ernennung zum Cabinetsrathe, 1850 
treffen wir ihn als Gesandten in Frankfurt a. M. bei der Bundesversammlung, 
Weihnachten desselben Jahres in Dresden bei der Ministerial-Conferenz, bald 
darauf wurde er von dem Kaiser von Oesterreich in den erblichen Adelstand 
erhoben. Im Jahre 1865 wurde er Wirklicher Geheimer Rath. Bis 1866 ver- 
trat er Schaumburg -Lippe in der Frankfurter Bundesversammlung. Die Ab- 
stimmung vom 14. Juni 1866, bei welcher er das Votum seiner Curie für die 
Mobilmachung gegen Preussen abgab, hatte seinen Rücktritt ins Privatleben 
zur Folge. Vorwürfe, die bald gegen St. erhoben wurden, veranlassten ihn 
zur Herausgabe der Schrift: Mein Antheil an der Abstimmung der Bundes- 
versammlung vom 14. Juni 1866. Im Jahre 1869 verlegte er seinen Wohn- 
sitz nach Erlangen, 1872 sodann nach Dresden. 

In der Revolutionszeit 1848 war St. eine Stütze und ein Führer der Con- 
servativen in Schaumburg- Lippe. Von seinen Schriften bezeugt namentlich 
das 1849 erschienene »Fastnachtsspiel von der Demokratie und Reaction« 
seine conservative Gesinnung. Seine politischen Grundsätze lernen wir aus 
den »Briefen über Staatskunst« (1853) kennen. Die Zeit, als St. in seiner 
Heimath lebte, ist in literarischer Hinsicht die fruchtbarste gewesen. In Bücke- 
burg sind auch die ersten Novellen entstanden, die sämmtlich im »Daheim«, 
später dann auch in Buchform, erschienen sind. In Erlangen wandte sich St. 
ganz der gelehrten Forschung zu. Hier schrieb er Uebersetzung und Commentar 
des chinesischen Werkes Taö-te-king (Der Weg zur Tugend) von Lao-Ts^, einem 
Zeitgenossen des Confucius. In Dresden folgten dann wieder einige Novellen, 
»Das weisse Kind«, »Das Glück« und »Renata«, in den i88oer Jahren 
»Lebensführung« und »Die Schule des Lebens«. Ein Werk gründlicher 
Forschung, zugleich aber auch eine grosse dichterische Schöpfung ist St.'s 
metrische Uebersetzung des kanonischen Liederbuches der Chinesen »Schi-king«, 
welches schon Rückert nach einer lateinischen Bearbeitung übersetzt hat. 
Im Jahre 1885 veröffentlichte St. eine Arbeit über den altchinesischen 
Monotheismus, 1889 folgte der erste Theil eines Werkes über den alt- 
ägyptischen Götterglauben, welcher die Götter und Göttersagen behandelt. 
Der zweite Theil, die Entstehung und Geschichte des altägyptischen Götter- 
glaubens, erschien im Jahre 1891. St.'s letzte Arbeit sind die 1895 heraus- 
gegebenen »Beiträge zur Erkenntnisslehre mit Beziehung auf die Offenbarung«. 
Bis in sein hohes Alter haben ihn vorzugsweise theologische Studien be- 
schäftigt. Für seine Verdienste auf theologischem Gebiete ist er 1882 von 
der Universität Leipzig zum Ehrendoctor der Theologie ernannt worden. 
Von St.'s vielseitiger Begabung, der Staatsmann, Dichter und Theolog in einer 
Person war, geben seine zahlreichen Schriften, über welche ein Verzeichniss 
folgt, den besten Beweis. 

Katharina. Ein Trauerspiel. Halle 1828. Anfangsgründe der allgemeinen Theorie der 
Musik nach Grundsätzen der Wesenlehre. Herausgegeben von Victor Strauss aus Carl 
Chr. Fr. Krauses handschriftlichem Nachlass. Dresden und Leipzig 1838. Theobald. 
3 Bde. Bielefeld 1839. Gedichte. Bielefeld 184 1. Richard. Zwölf Gesänge. Bielefeld 1 841. 
Sophoclis Antigone. LJebersetzt. Bielefeld 1842. Lieder aus der Gemeine für das christliche 
Kirchenjahr. Hamburg 1843. Leben des Paulus Gerhardt (Sonntagsbibliothek. I. 2). Biele- 
feld 1844. Das Kirchenjahr im Hause. Heidelberg 1845. Schrift oder Geist? Eine positive 

Bio^r Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. y 



q8 Strauss u. Torney. Gleim. 

Entgegnung auf des Pfarrers Wislicenus »Verantwortung gegen seine Ankläger«. Bielefeld 
1845. Lebensfragen in sieben Erzählungen. 3 Bde. Heidelberg 1846. (Neue Ausgabe Er- 
zählungen Bd. 2 und 3. Heidelberg 1855.) Ueber die Gesangbuchssache in den preussischen 
Landen. Bielefeld 1846. Das kirchliche Bekenntniss und die lehramtliche Verpflichtung. 
Halle 1847. Ein Fastnachtsspiel von der Demokratie und Reaction. Frankfurt a. M. 1849. 
Bilder und Töne aus der Zeit. Bielefeld 1850. Gottes Wort in den Zeitereignissen. Biele- 
feld 1850. Ein Nachgesang Dantes aus dem Paradiese. Dresden 185 1. Gudrun. Frank- 
furt a. M. 1851. Polyxena. Frankfurt a. M. 1851. Briefe über Staatskunst. Berlin 1853. 
Robert der Teufel. Heidelberg 1854. Neue (Titel-)Ausgabe 1870. Erzählungen. Gesammeltes 
und Neues. 3 Bde. Heidelberg 1854. 55. Ein Obolus zur Philosophie der Geschichte. Han- 
nover 1855. Weltliches und Geistliches. 2 Bde. Heidelberg 1856. Judas Ischarioth. Abdruck 
aus: Weltliches und Geistliches. Heidelberg 1856. Neue (Titel-)Ausgabe 1870. Polykarpus. 
Heidelberg 1860. Zweite Ausgabe 1875. Altenberg. Ein Roman (Anonym). Leipzig 1865. 
Meditationen über das erste Gebot. Leipzig 1866. Mein Antheil an der Abstimmung der 
Bundesversammlung. BUckeburg 1866. Die Bauern. Des Lebens Nachtseite. Heidelberg 1 868. 
Die Communisten. Mammon. Heidelberg 1868. Die Verloienen. Heidelberg 1868. Aus der 
Vergangenheit. Der Schulmeister und der Herr Lehrer. Heidelberg 1869. Der Zweikampf. 
Eros und Agape. Heidelberg 1869. Lao-tse, Tao-te-king. Aus dem Chinesischen ins Deutsche 
übersetzt, eingeleitet und commentirt. Leipzig 1870. Das Pfarramt. Die Ehepaare. Heidel- 
berg 1870. Der Prediger in der Wüste. Erlangen 187 1. Novellen. 3 Bde. Leipzig 1871. 
Reinwart Löwenkind. Gotha 1873. Essays zur allgemeinen Religionswissenschaft. Heidel- 
berg 1879. ^c' hannoversche Gesangbuchsentwurf und der Herr Schulinspector Backhaus. 
Hannover 1880. Schi-king, Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg 1880. Der 
Gesangbuchsentwurf für die Landeskirche des Königreichs Sachsen, besprochen. Leipzig 
1881. Lebensführungen. 2 Bde. Heidelberg 1881. Das unbewusst Weissagende im vor- 
christlichen Heidenthum (Zeitfragen des christlichen Volkslebens No. 49). Heilbronn 1882. 
Der altchinesische Monotheismus (Sammlung von Vorträgen, herausgegeben von W. Frommel 
undFr.Pfaff Bd. 13, Heft 9). Heidelberg 1885. Die Schule des Lebens. Heidelberg 1885. 
Der altägyptische Götterglaube. 2 Theile. Heidelberg 1889. 1891. Offenes Sendschreiben 
an Herrn Oberstlieutenant v. Egidy. Eine Beleuchtung seiner Schrift »Ernste Gedanken«. 
Dresden 1891. (Zweite Auflage in demselben Jahre.) Die Freiheit des Menschen. Leipzig 
1892. Die Wunder im Neuen Testament (aus: Neue kirchliche Zeitschrift). Leipzig 1893. 
Beiträge zur Erkenntnisslehre mit Beziehung auf die Offenbarung. Leipzig 1895. 

Persönliche Mittheilungen. Vehse, Geschichte des Hauses Lippe zu Detmold und 
Bückeburg (Geschichte der kleinen deutschen Höfe 5) S. 158 — 160. (Beruht nicht immer 
auf zuverlässigen Quellen und ist tendenziös.) Victor von Strauss und Tomey. Von 
Robert König: Daheim, Jahrgang 28 (1892), S. 587 — 590. Victor von Strauss und Torney. 
Von Otto Zaretzky: Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung vom 6. April 1899. Rede am 
Sarge des Wirkl. Geheimen Rathes Dr. theol. Victor von Strauss und Torney von 
P. Ernst Kühn. (Dresden 1899.) 

Otto Zaretzky. 



Gleim, Eduard, Landschaftsmaler, * 31. März 181 2 zu Rotenburg a. d. 
Fulda; erhielt den ersten Unterricht in seiner Heimath, dann aber auf dem 
Gymnasium zu Hersfeld. Hier zählte er auch zu den Schülern des nach- 
mals durch seine Deutsche Literatur-Geschichte so berühmten Prof. August 
Friedrich Christian Vilmar, welcher als Consistorialrath zu Marburg am 
30. Juli 1868 starb; G. blieb mit demselben immerdar in freundlicher Be- 
ziehung. Im Jahre 1830 bezog G. zum Studium der Rechte die Universität 
Marburg und bald darauf Heidelberg, wo er durch ein von Ernst Fries (geb. 
22. Juni 1801 zu Heidelberg, welcher damals zu Karlsruhe seine Schwingen 
so mächtig entfaltete) gemaltes Bild solche Anregung verspürte, dass G. unter 
Aufgabe der von ihm erwählten Jurisprudenz, nach Karlsruhe übersiedelte, um 
sich unter dieses Meisters Leitung ganz der Landschaftsmalerei zu widmen. 
Nach dem schon am 11. Oktober 1833 erfolgten Ableben Fries' ging G. 
nach München, wo er mit M. von Schwind, Feodor Dietz, Albert Zimmer- 



Gleim. Hiendlmayr. ^ ng 

mann, Friedrich Voltz verkehrte und sich selbständig weiterbildete, wozu 
Studienreisen ins altbayerische Gebirge und nach der Schweiz, auch ein 
längerer Aufenthalt zu Düsseldorf veranstaltet wurden. Um seine Verehe- 
lichung (mit einer Freundin von Schwinds Frau) zu ermöglichen, übernahm 
G. unter vortheilhaften Bedingungen eine Privatstelle als Renten- Verwalter zu 
Mannheim (1847), worüber M. v. Schwind in einem am 8. August 1847 an 
seinen Freund Bernhard Schädel gerichteten Briefe (in »Nord und Süd« 
Juli 1880, XrV. Band, 40. Heft S. 27) einen ihm eigenen Ausdruck gebraucht, 
um G.'s Abfall von der Kunst zu beklagen. Im Jahre 1848 verheirathete 
sich G. mit der Tochter des Finanzrathes Matthes in Karlsruhe und lebte 
bis 1860 zu Weinheim, ging aber, um sich abermals der Kunst zu widmen, 
nach München, wo derselbe auch nach dem Tode seiner Gattin (1865) als 
ausübender Maler sich bethätigte. Seit 1840 brachte er sehr einfach com- 
ponirte, warm empfundene und gut gemalte Landschaften aus Oberbayern 
und Tirol in den Münchener Kunstverein; 1844 eine Partie vom Gardasee, 
einen Chiemsee-Abend, 1846 das Schloss Berlepsch in Hessen; 1865 Ambach 
bei Starnberg, Partien bei Altenburg und Brannenburg, den Finstersee in 
Tirol, 1866 einen Gewitterabend, eine mit Zigeunern staffirte Höhle aus dem 
Odenwald, eine Erinnerung an Hohenschwangau und die Ruine Waldeck bei 
Schliersee; i868 einen Abend am Lago Maggiore, 1869 Morgenlandschaft 
aus Hessen, 1871 ein Hessisches Wiesenthal, 1872 eine duftige Morgen- 
stimmung, 1873 und 1887 Erinnerungen von Chiemsee und Brannenburg; 
1880 die Isargegend bei Ebenhausen, ein Motiv aus Oberbayern, 1883 eine 
Waldlandschaft mit Badenden. Sein letztes, immer noch erwähnenswerthes 
Bild brachte G. noch 1894 zur Ausstellung. Er liebte die Verbindung von 
Berg und Wald, mit klaren Seespiegelungen und fröhlichen Wasserfällen, im 
Summa die Landschaft in idyllischer Stimmung. Reproductionen in Holz- 
schnitt oder Photographie sind mir nicht bekannt geworden. 

Vgl. Fr. V. Bö tt icher, Malerwerke 1895, I, 390. Müller-Singer 1896, II, 61. 
Kunstvereins-Bericht f. 1899, S. 71. 

Hyac. Holland. 



Hiendlmayr, Sebastian, Humanist und Kunstmäcen, * 3. Januar 181 9 in 
Mitterast (bei Straubing), f 27. Januar 1899 zu München. Seine Eltern, Klein- 
gütlerleute, bestimmten den schwächlichen Knaben zum Studium in Freising; 
frühe verwaist und mittellos, kam H. bei einem Gürtler in die Lehre, trat 
nach dreijähriger Wanderschaft bei dem wohlbekannten Meister Rockenstein 
zu Salzburg in Condition und später zu München, wo er sich sehr vortheil- 
haft verheirathete, das Kaufmannsgeschäft seines Schwiegervaters übernahm 
und durch Thätigkeit, Fleiss und Umsicht, insbesondere in der Caffee-Branche, 
bald in grossen Flor brachte. In zweiter Ehe mit der Kaufmannswittwe 
Guilini verheirathet, hatte H. mit finanziellen Operationen grosses Glück und 
erwarb ein höchst ansehnliches Vermögen, welches er zu wohlthätigen Zwecken 
und Kunstbestrebungen edelsinnig verwendete. Zwanzig Jahre lang bethätigte 
er sich mit eifrigster Mühewaltung im Armenpflegschaftsrath der Stadt und 
versah von 1865 bis zu seinem Ableben die Stelle eines Cassier und Schrift- 
führers im Waisen- Verein; er war auch persönlich stets ein freigebiger Freund 
und Gönner der Armen. Mit leidenschaftlicher Vorliebe erfasste H. den Plan, 
der, durch Georg von Dollmann 1864 bis 1895 grösstentheils durch freiwillige 



I oo Hiendlmayr. Gull. 

Beiträge, im Spitzbogenstil erbauten Stadtpfarrkirche in Giesing zur inneren 
Ausschmückung zu verhelfen. Nachdem König Ludwig II. die Fenster des 
Hauptchores mit Glasgemälden zu zieren beschlossen hatte, tibernahm H. die 
Herstellung eines Fensters im Seitenschiff; ferner wusste H. den Grosshändler 
Joh. Carnot (f 1890) zu bestimmen, dass er die Anfertigung des Hochaltares 
und zwar mit Sculpturen des Bildhauers Jos. Beyrer votirte, welchem der 
eifrige H. dann auch sämmtliche Bildhauerarbeiten übertrug. Diese bestanden 
aus 14 originell erfundenen Kreuzwegstationen, den zwölf Standbildern der 
Apostel, aus zwei figurenreichen, die Anbetung der Könige und die Einsetzung 
des Abendmahles darstellenden plastischen Gruppenbildern, dazu kam noch 
die Herstellung der meisterhaften Kanzel (mit Figuren von dem talentvollen 
Sohne Beyrers) und einiger weiteren Sculpturen: so dass die einheidiche 
plastische Ausstattung dieses Bauwerkes sowohl dem grossmüthigen Stifter wie 
auch dem Künstler zu steten Ehren gereicht. Dazu fügte H. nicht allein 
zwei hohe gleichfalls stilgerechte Fahnenkästen und zwei grosse Glasgemälde 
in die Giebelfenster, sondern gründete, nachdem er für alle diese Arbeiten 
über 100 000 Mark verwendet hatte, auch noch ein mit 70000 Mark dotirtes 
Prediger-Benefizium. Dazu documentirte er seine wohlthätigen Bestrebungen 
durch zahlreiche testamentarische Legate; so erhielt das Waisenhaus der Stadt 
München ein Capital von 200000 Mark. In jüngeren Jahren paradirte H. als 
stattlicher Grenadierhauptmann der Bürgerwehr, welcher alle Ehre daran setzte, 
seine Compagnie in musterhafter Disciplin zu halten. Auch excellirte H. als 
kühner Alpist, Mineralog und Botaniker, der eine wohlgeordnete Sammlung 
von 40000 Species aufspeicherte. König Ludwig verlieh dem unermüdlichen 
Armen vater den Michael-Orden II. Classe und Papst Leo XIII. ehrte ihn durch 
das Ritterkreuz des Gregorius- Ordens. Mit Recht rühmt der Nachruf im 
50. »Jahresbericht des Waisen Vereins« für 1898 S. 15 ff.: »Was immer H. that, 
verrichtete er mit einer so liebenswürdigen Bescheidenheit und so frei von 
jeder Selbstgefälligkeit, dass ihm das seltene Lob gebührt: er war ein Mann, 
der die geringsten Ansprüche erhob und die höchsten erfüllte.« 

Hyac. Holland. 



Gull, Josef, siebenbürgisch-sächsischer Politiker, * 5. December 1810 in 
Schässburg, f 23. Juni 1899. Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt 
besucht hatte, studirte er in Vasarhely Jura und erwarb 1844 das Recht der 
Advocatur, trat aber zuerst in den Verwaltungsdienst seiner Vaterstadt. Eis 
war die Zeit eines neuerwachten politischen Lebens, in der insbesonders auch 
die Grundlagen des Bestandes des sächsischen Volkes eingehende Erörterung 
inmitten der Nation fanden und allgemein erkannt wurde, dass Wirthschaft 
und Schule, Verwaltung und nationales Leben auf neue Grundlagen gestellt 
werden müssten. Presse und Vereine nahmen sich der neuen Gedanken an, 
in deren Dienst sofort auch G. sich stellte. Als die Revolution 1848 aus- 
brach, da hofften die Jüngeren unter dem sächsischen Volk, es werde durch 
Anschluss an die Magyaren auch für die Sachsen eine neue Zeit der Blüthe, 
der liberalen Entwickelung kommen. So kam es auf dem Klausenburger 
Landtag von 1848 zur Union Siebenbürgens mit Ungarn, unter Zustimmung 
der Sachsen, die allerdings gewisse Grundbedingungen für den nationalen Fort- 
bestand ihres Volkes als Voraussetzung ansahen. Als der Pester Reichstag 
und die ungarische Regierung diese nicht anerkannten, als vor Allem unter 



Gull. lOi 

Xossuths unheilvollem Einfluss die Bewegung in ungesetzliche Bahnen ein- 
lenkte, sahen die Sachsen sich gezwungen, das Schwert zur Vertheidigung 
ihrer bedrohten Culturgüter zu ergreifen und sich auf die Seite des Kaisers 
zu stellen. G. trat in die Schässburger Bürgerwehr ein und wurde Adjutant 
des Commandanten, mit dem er die Schlacht bei Elisabethstadt mitmachte. 
Nach wieder hergestellter Ordnung und Ruhe trat G., unter dem Absolutismus, 
der sich nun im Lande breit machte, aus dem Communaldienst aus und wurde 
Advocat, zugleich ein Vertheidiger der Stadtrechte, die von den damaligen 
Machthabem mit Füssen getreten wurden. Zugleich nahm er an der stillen 
Erziehungsarbeit Theil, die besonders erfolgreich von Schässburg aus auf- 
genommen wurde, um das Volk für die nationalen Aufgaben zu kräftigen. 
Ebenso half er bei der Einführung der neuen Kirchenverfassung, die für die 
Zukunft des evang.-sächsischen Volks von so ausserordentlichem, Werth sein 
sollte, die bestehenden Gegensätze überwinden. 

Als das Jahr 1860 den Absolutismus endlich brach, da trat G. wieder in den 
Verwaltungsdienst, erst als Stadthann, dann 1866— 188 1 als Bürgermeister in 
Schässburg nicht nur für die Stadt wirkend, sondern immer auch im Dienst seines 
Volkes. Insbesonders half er an dem damals hoffnungsfreudig aufgenommenen 
Neubau Gross-Oesterreichs kräftig mit. Als Mitglied der sächsischen Nations- 
Universität suchte er die historischen Rechte seines Volkes mit den Forde- 
rungen der neuen Zeit in Einklang zu bringen, als Mitglied des Hermann- 
stadter Landtages 1863/64 und des Wiener Reichsraths 1863/65 den kleinen 
Kahn Siebenbürgens an das grössere Schiff Oesterreichs zu ketten. Als nach 
Schmerlings Sturz der Gedanke des Dualismus auftauchte, war G. ein ent- 
schiedener Gegner, weil er von Ungarn für die nationale Entwickelung des säch- 
sischen Volkes Gefahr fürchtete. Darum war er 1865/66 auf dem Klausenburger 
Landtag, der über die Union Siebenbürgens mit Ungarn beschliessen sollte, 
der Wortführer jener Sachsen, die eine Union nur auf Grund von staatsrecht- 
lich festgestellten Bedingungen eingehen wollten. 

Als die Union ohne diese, doch mit auf andere Weise den Sachsen zu- 
gesicherten Bedingungen durchgeführt wurde, wurde G. in den ungarischen 
Reichstag nach Pest gewählt und ist dort, mit kurzen Unterbrechungen in 
Folge schwerer Erkrankung, bis 1896 einer der tapfersten Vorkämpfer seines 
Volkes gewesen. Als Ziel galt ihm immer, die nationalen Rechte desselben auch 
unter den veränderten Verhältnissen zu sichern. Bei den bedeutendsten Ver- 
handlungen trat er ins Vordertreffen, so bei der Pensionirung des Comes 
K. Schmidt (1868), bei der Zertrümmerung des Sachsenlandes (1876), bei der 
Verhandlung des Mittelschulgesetzes (1883). Es war ihm schmerzlich, dass 
alle Befürchtungen über die Gefährdung der nationalen Entwickelung der 
Sachsen durch die Thatsachen übertroffen wurden. 

Neben der politischen Arbeit forderte man ihn auch stets, wo es galt, für 
allgemeine Interessen einzutreten. Er war seit Schaffung der neuen Kirchen- 
verfassung Mitglied des evang. Landes-Consistoriums und der Landeskirchen- 
Versammlung, Mitglied der Oberverwaltung des siebenbürgisch-sächsischen 
Landwirthschaftsvereins, selbst auch ein praktischer Landwirth, der besonders 
um die Obstcultur auf seinem grossen Grundstück sich Verdienste erworben, 
dann der Hermannstädter Boden-Creditanstalt u. s. w. 

Im Jahre 1896 zwang ihn das Alter, aus dem politischen Leben auszu- 
scheiden. Nach schwerem Leiden machte ein Herzschlag am 23. Juni 1899 
seinem Leben ein Ende. Charakterfest und weichen Herzens, eine Eiche in 



102 Gull. Ziebarth. 

Stürmischer Zeit, an der Andere Halt suchten und fanden, gemüth- und 
humorvoll, reich an Wissen, so wird sein Volk ihm, als einem Vorkämpfer 
seines Rechts und seiner Ehre, ein treues Andenken bewahren. 

Vgl. Kalender des Siebenbürger Volksfreundes für 1900. Hermannstadt, J. Drotleff. 
K. Hoch: Joseph Gull, Schässburg 1899. 

Fr. Teutsch. 

Ziebarth, Karl, Universitätsprofessor für Prozess- und Strafrecht, * 9. Juni 
1833 zu Heiligenstadt im Eichsfelde als Sohn des Domainenraths Z., f i7.0ctober 
1899 zu Göttingen. Er besuchte das Gymnasium zu Heiligenstadt und die 
Universitäten Göttingen, Bonn und Berlin. Nach dem Referendar-Examen 
war er in Naumburg a. S., Halle und Suhl (Thüringen), dann als Assessor in 
der Staatsanwaltschaft in Berlin, Erfurt und Spremberg (Lausitz) thätig. 1865 
wurde er Hilfsarbeiter der Staatsanwaltschaft am Oberappellationsgericht Frank- 
furt a. O., wo er in engere Beziehungen zu dem von ihm hochgeschätzten 
Präsidenten Eduard Simson trat. Durch die werthvolle Arbeit »Realexecution 
und Obligation«, Halle 1866, erwarb er sich den Doctorhut der juristischen 
Facultät Halle und schrieb als Kritik der preussischen Entwürfe über Grund- 
eigenthum und Hypothekenrecht »Die Reform des Grundbuchrechts«, Halle 
1870. Er war 1869 als Rath an das Obergericht in Göttingen versetzt 
worden, wo er sich habilitirte, nachdem der Versuch einer Schweizer Univer- 
sität, ihn zu gewinnen, fehlgeschlagen. Er konnte bald darauf die strafrecht- 
lichen Vorlesungen des erkrankten Prof. Zachariä übernehmen, erhielt ziemlich 
gleichzeitig einen Ruf nach Rostock und in das preussische Justizministerium 
unter Leonhardt; er zog es aber vor, als ordentlicher Professor der Rechte 
an der Georgia Augusta zu verbleiben (15. Februar 1872), wie er auch Be- 
rufungen nach Giessen und Strassburg ablehnte. Seine akademische Wirksam- 
keit war erfolgreich. Sein Vortrag, namentlich seine Fälle, boten viel Selbst- 
erlebtes, von Semester zu Semester neu Geschaffenes. In rastloser Arbeit 
vervollkommnete er die von ihm eingeführten Grundrisse in seinen Vorlesungen 
und verstand es, mit der Jugend zu empfinden und sich ihr anzupassen. Bei 
der Universitätsfeier des Jahres 1887 wurde er zum Geheimen Justizrath er- 
nannt. Auf ministeriellen Wunsch hielt er an der Forstakademie Minden 
Vorlesungen, woraus sein »Forstrecht« in vierTheilen, Berlin 1887 — 89, hervor- 
ging, eine anschauliche und packende Darstellung dieser selten behandelten 
Materie. Er war ein ausgezeichneter Philologe von grossem Wissen und ganz 
seltener Gedächtnisskraft, ein Virtuose in der Freundschaft. Leider befiel ihn 
1879 ^^^ geistiges Leiden, das ihn zur Aussetzung seiner Thätigkeit zwang. 
1897 traf ihn ein Schlag und im Sommer 1898 erkrankte er noch schwerer, 
sodass er endlich — zu tiefstem Schmerze seiner Umgebung und Freunde — 
einer geistigen Umnachtung anheimfiel. Aus glücklicher Ehe mit der Tochter 
des Geheimen Sanitätsraths Hertzberg in Halle überleben ihn drei Söhne; 
zwei jüngere sind Juristen, der dritte Dr. Erich Z., jetzt Oberlehrer am 
Wilhelms-Gymnasium in Hamburg, als archäologischer Schriftsteller vortheil- 
haft bekannt. 

Nach gef. Mittheilungen der Wittwe — Göttinger Anzeiger No. 52x9 vom 20. Oct. 
1899; Göttinger Zeitung No. 1x548 vom 19. Octobcr 1899 — Zarnckes liter. Centralblatt 
1866 Sp. 364; 1870 Sp. 1135; X899 Sp. 1488 — Grünhuts Zeitschrift XII 642 (Texner) — 
Ztsch. f. d. ges. StRW. XI 259. 

A. Teichmann. 



Dambach. Groth, Klaus. 103 

Dambach, Otto Wilhelm Rudolf, Jurist, * 16. December 1831 zu Quer- 
furt in der preussischen Provinz Sachsen als Sohn des in Berlin verstorbenen 
Criminalgerichtsdirectors und Directors der Hausvogtei Dambach, der s. Z. die 
Demagogen-Untersuchungen, auch gegen Fritz Reuter, geführt hat, f 18. Mai 
1899 zu Berlin. Er studirte die Rechte in Berlin und war 1857 — 62 als 
Assessor bei der Staatsanwaltschaft am damaligen Stadtgericht thätig. 1862 
wurde er in das Generalpostamt als Justitiarius berufen, wo er allmählich zum 
Wirkl. Geh. Postrath aufrückte. Er hatte »Beiträge zur Lehre von der Criminal- 
Verjährung«, Berlin 1860, veröffentlicht und verfasste später den Entwurf des 
Reichspostgesetzes vom 28. October 1871. Er wurde lebenslängliches Mitglied 
des preussischen Herrenhauses und Kronsyndikus sowie Vorsitzender der Kgl. 
preussischen Sachverständigenvereine zur Begutachtung von Fragen über Nach- 
druck und Nachbildung. Die Reichsgesetze über Urheberrecht sind wesent- 
lich von ihm entworfen und im Reichstag vertreten worden. Mit Heyde- 
mann gab er »Die preussische Nachdrucksgesetzgebung, erläutert durch die 
Praxis des Kgl. preussischen literarischen Sachvers tändigen- Vereins«, Berlin 1863, 
femer »Gutachten des preussischen literarischen Sachverständigen- Vereins aus 
den Jahren 1864 — 73«, Leipzig 1874, und »Fünfzig Gutachten über Nach- 
druck und Nachbildung«, Leipzig 1891, heraus. Ferner schrieb er »Die 
Strafbarkeit des Vorsatzes und der Fahrlässigkeit beim Vergehen des Nach- 
drucks im preussischen Rechte«, Berlin 1864, »Die Gesetzgebung des Nord- 
deutschen Bundes betreffend das Urheberrecht an Schriftwerken, Abbildungen, 
musikalischen Compositionen und dramatischen Werken«, Bd. 1871: »Das 
Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reiches«, ebd. 1872, 5. Aufl. 1892; 
»Das Telegraphen-Strafrecht« (Gerichtssaal Bd. XXIII 241 — 298, auch separat 
Berlin 1872, franz. Beme 1872); »Das Musterschutz-Gesetz vom ii. Januar 
1876«, Berlin 1876; »Das Patentgesetz« ebd. 1877; »Der deutsch-französische 
Literarvertrag«, ebd. 1883. In Holtzendorffs Handbuch des deutschen 
Strafrechts behandelte er (Bd. 3 — 4, Berlin 1874 — 77) Nachdruck und Nach- 
bildung, in Holtzendorffs Handbuch des Völkerrechts Bd. 3 die internatio- 
nalen Verträge über Urheberrecht u. s. w. (Hamburg 1887). Seit 1873 war 
er auch ausserordentlicher Professor der Berliner Universität. Die Pflege des 
deutschen Urheberrechts und insbesondere die praktische Handhabung der 
deutschen Urheberrechtsgesetze war eine der Hauptaufgaben seines arbeits- 
reichen Lebens. Ebenso hat er als Vorsitzender aller preussischen Sachver- 
ständigen-Vereine es verstanden, diese zu Hütern einer constanten praktischen 
Auslegung jener Gesetze zu machen und ihren Gutachten auch über das Gebiet 
des Deutschen Reiches hinaus uneingeschränkte Anerkennung zu verschaffen. 

Vgl. den Nekrolog des Geh. Regierungsrathes Dr. Daude in Berlin (Deutsche 
Juristen-Zeitung 1899 S. 230) — Illustr. Leipz. Ztg. 1899 I 733 mit Bild — Association 
litteraire et artistique internationale, son histoire — ses travaux — Paris 1889 P* '5^ — 
Archiv f. bürgerliches Recht XI 197. 

A. Teichmann. 



Groth, Klaus Johann, der grosse niederdeutsche Dichter, * 24. April 
18 19 zu Heide im Herzogthum Holstein, Amt (jetzt Kreis) Norderdithmarschen, 
als ältester Sohn des Müllers Hartwig Groth und der Anna Christine Linde- 
mann aus Tellingstedt, f i. Juni 1899 als Universitätsprofessor in Kiel. Die 
FamUie G. stammt aus dem nordwestlich von Heide gelegenen Dorfe Hägen, 



I04 Groth, Klaus. 

war also wahrscheinlich altdithmarsischen Ursprungs. Der Knabe Klaus 
Groth besuchte die Volksschule seines Heimathsortes, des damaligen Fleckens, 
der jetzigen Stadt Heide, musste aber früh auch in dem landwirthschaftlichen 
Betriebe seines Vaters helfen und lernte so von Jugend auf die Natur seines 
Vaterländchens, des in Geest und Marsch zerfallenden Landes Dithmarschen, 
und das Volk, dem er angehörte, kennen. Häufige Besuche in dem Geburts- 
ort seiner Mutter, dem zwei Meilen östlich von Heide gelegenen Kirchdorfe 
Tellingstedt, das er dann selber als sein »Jungsparadies« bezeichnete, er- 
weiterten diese Kenntniss noch. Obwohl Klaus Groths ungewöhnliche Be- 
gabung sich zeitig verrieth, dachte doch Niemand daran, ihm zum Studium 
zu verhelfen, und so trat er nach seiner Confirmation bei dem Heider Kirch- 
spiel vogt als Schreiber ein, genau so wie Friedrich Hebbel früher bei 
dem Wesselburner — es war in Dithmarschen der einzige Weg für die Söhne 
des Volkes, sich emporzuarbeiten. Was der junge Mann, schon jetzt an 
eine dichterische Zukunft denkend, aber das regelrechte Studium für etwas 
Unerreichbares haltend, sich vor Allem gewünscht, Zeit und Bücher, das fand 
er in den nächsten Jahren, auch einen anregenden Bekanntenkreis — die da- 
malige Dithmarsche Schreibergeneration war nicht ohne geistige Interessen, 
vor Allem für das Sprachstudium, das ihrem Berufe am nächsten lag, ein- 
genommen — , unermüdlich arbeitete er an seiner Ausbildung, las die deutschen 
Klassiker und Shakespeare, fing von fremden Sprachen das Dänische, das Eng- 
lische und Französische an und trieb auch eifrig Musik, der seine Liebe dann 
sein Leben lang gehörte. Höchst bezeichnend für seine Energie ist es, dass 
er den Drang zu poetischer Production, der sich früh geregt und zu wenigstens 
von seinen Freunden gelobten Gedichten gefuhrt hatte, unterdrückte, »um erst 
etwas Ordentliches zu lernen«. Ein ganzes Jahrzehnt lang hat er dann keinen 
Vers geschrieben. Nachdem er vier Jahre lang Schreiber gewesen, sah er 
aber doch ein, dass er aus der Enge seines Heimathsortes hinaus und eine 
Bildungsanstalt beziehen müsse, und so ging er, da die Mittel seines Vaters 
nicht weiter reichten, man auch wohl annahm, dass es ftlr das akademische 
Studium schon zu spät sei, auf das Schul lehrer-Seminar in Tondem. Die An- 
stalt als solche konnte ihm freilich bei der schon erreichten autodidaktischen 
Bildung wenig mehr bieten, aber G. fand doch jetzt Gelegenheit, seine Studien 
planvoller zu betreiben: zu den genannten Sprachen kamen jetzt noch Latein 
und Griechisch, Altdeutsch, Altnordisch und Schwedisch, auch Italienisch, 
und vor Allem Mathematik und Naturwissenschaften zogen die ganze Hingabe 
des Bildungseifrigen an sich. Nach Vollendung des dreijährigen Cursus be- 
stand er sein Examen ohne Mühe, erreichte aber nur den zweiten, nicht den 
ersten »Charakter«, was wohl auf eine Eifersüchtelei der Lehrer zurückzuführen 
ist. Nichtsdestoweniger erhielt er sofort einen Ruf an die Mädchenschule 
seines Heimathsortes und war nun von 1839 bis 1847 Lehrer, wie allgemein 
berichtet wird, ein ganz vortrefflicher, der seine Schülerinnen sogar weiter 
förderte, als es seiner vorgesetzten Behörde wünschenswerth erschien. Seine 
Privatstudien gab er trotz seiner pädagogischen Thätigkeit nicht auf, vertiefte 
sie vielmehr nach allen Richtungen, so dass nun Sprachgeschichte und Sprach- 
philosophie, Physiologie der Organismen und dergleichen schwierige Disciplinen 
im Mittelpunkt seiner geistigen Thätigkeit standen und er zugleich einer der 
besten Kenner der schleswig-holsteinischen Flora wurde. Da er sich auch 
dem öffentlichen Leben nicht entzog, u. A. einen landwirthschaftlichen Verein 
und eine Liedertafel gründete, so war sein ganzes Leben freilich ein An- 



Groth, Klaus. 10 c 

stürmen gegen seine Gesundheit. Besser wurde es damit nicht, als ihm dann 
auch allmählich seine Lebensaufgabe aufging: der von Ludolf Wienbarg ver- 
kündete Untergang der plattdeutschen Sprache war es, der sein ganzes Wesen 
in Aufruhr brachte und es ihm, dem treuen Sohne seiner Heimath, der den 
Werth des Niederdeutschen auch durch seine Sprachstudien erkannte, nahe- 
legte, seine ganze Kraft an die Rettung der heimischen Sprache zu setzen. 
Klar erkannte er, dass das nicht durch gelehrte Werke und Abhandlungen, 
sondern nur durch Dichtungen möglich sein werde, und nun galt es für ihn, 
den W^eg zu finden; denn eine ernst zu nehmende plattdeutsche Poesie gab es zu 
seiner Zeit nicht. Hebel und Robert Bums, die er in dieser Zeit kennen lernte, 
konnten ihm den Weg zeigen, aber das Beste musste er doch selber thun, sich das 
Instrument einer niederdeutschen poetischen Sprache und Technik selber er- 
bauen. Das war eine ungeheure Aufgabe, und man begreift sehr wohl, dass 
dem Dichter das eigene Unternehmen oft als ein verzweifeltes vorkam und 
seine Freunde bange für ihn wurden. Was lange zu erwarten gewesen, der 
körperliche Zusammenbruch trat denn auch im Jahre 1847 ein, G. musste 
seine Stelle aufgeben und zog sich mit einem Wartegeld zu seinem Studien- 
freunde Leonhard Seile, Organisten und Lehrer zu Landkirchen auf der Insel 
Fehmarn, zurück. Hier blieb er fünf Jahre, und hier entstand, während in 
Schleswig der Kampf gegen die Dänen tobte, die lyrische Sammlung 
» Quick bom« . 

Seine Studien hat G. trotz seiner schlechten Gesundheits Verhältnisse auch 
auf Fehmarn fortgesetzt, aber dann, im Jahre 1849, ist der Gelehrte plötzHch 
zum Dichter geworden. Die so lange unterdrückte poetische Kraft Hess sich 
nun nicht mehr zurückhalten, sie brach mit aller Gewalt hervor und erzeugte, 
da der Dichter inzwischen reif geworden war, jetzt auch nur reife, nach Form 
und Inhalt vollendete Gedichte, oft mehrere an einem Tage. Völlig erfüllt 
von der Aufgabe, heimisches Volksthum und Volksleben in der heimischen 
Sprache darzustellen, erhielt der Dichter das eigentlich treibende poetische 
Motiv nun noch durch die Sehnsucht nach der Heimath, die ihn erfüllte, 
durch die Erinnerungen an seine glückliche Kindheit, die sich ihm, dem 
scheinbar zum frühen Tode bestimmten, natürlich um so mächtiger aufdrängen 
mussten; da er aber von Haus aus eine gesunde Natur war, so blieb auch 
seine Dichtung durchaus gesund. Nach und nach rundete sich die Sammlung, 
Anfang 1852 konnte an die Herausgabe gedacht werden, die der Hamburger 
Verleger Mauke übernahm. Es wurde noch das Gutachten Klaus Harms, des 
berühmten Kieler Theologen, eines Dithmarscher Landsmanns G.'s, und das 
von Gervinus eingeholt. »Sie brauchen weder Klaus Harms noch mich, Ihre 
Gedichte werden sein wie eine Oase in der Wüste«, schrieb dieser dem 
Dichter. Zu Anfang November 1852 erschien dann das Buch, »Quickborn 
(d. h. frischer Quell, Jungbrunnen). Volksleben in plattdeutschen Gedichten 
Dithmarscher Mundart« lautete der Titel; der Erfolg war gewaltig. Schon 
im Januar 1853 zeigte sich eine neue Auflage nöthig. Bald darauf verliess 
der Dichter die Insel und begab sich, nachdem er auf der Reise zu Lütjen- 
burg noch einige Monate krank gelegen, nach Kiel, wo er im August 1853 
anlangte. Hier trat er dann namentlich zu seinem Landsmann Karl Müllen- 
hoff, dem berühmten Germanisten, der den »Quickborn« als eine poetische 
That ersten Ranges begrüsst hatte, in nähere Beziehungen. 

In der That, der »Quickbom« ist so etwas. Wohl war in Deutchland 
Hebel G. vorangegangen, wohl war die Dialekt-Dichtung seitdem namentlich 



lo5 Groth, Klaus. 

im Süden (Stelzhammer, Kobell) nicht mehr erloschen, auch hatte deutsches 
Stammesthum seit dem Auftreten Jeremias Gotthelfs, seit Immermanns »Münch- 
hausen« (Oberhof) und der Schöpfung der Dorfgeschichte durch Berthold 
Auerbach vielfach eine sowohl treue wie poetische Darstellung gefunden. 
Aber eine Darstellung heimischen Volkslebens in vollendeten lyrischen Ge- 
dichten, eine allseitige noch dazu, gab es bisher noch nicht; G. war der erste 
grosse deutsche Lyriker, der sich des Dialekts bediente, als solcher übertraf 
er selbst Hebel, der doch wesentlich Idylliker ist. Fasst man dann nur nord- 
deutsches Leben und norddeutsche Dichtung ins Auge, so wird G.'s Stellung 
noch um so bedeutsamer: er hat Niederdeutschland, im Besonderen Nieder- 
sachsen erst für die Poesie erobert, trotz Immermanns »Oberhof« und der 
Gedichte der Droste-HülshofF, die ja unzweifelhaft echt niederdeutsch sind, 
aber doch noch des Mediums der Subjectivität des Dichters bedürfen, das 
Volk, seine Gefühlswelt noch nicht unmittelbar zum Sprechen bringen. Das 
thut zuerst G., thut es noch sogar mit jenen Menschen an Nord- und Ostsee, 
die bis dahin so ziemlich für die nüchternsten, unpoetischesten aller Deutschen 
galten, thut es in so wunderbarer Weise, dass man ihm auch nicht einen 
einzigen Nachlass künstlerischer Forderungen, wie den meisten anderen Dialekt- 
Dichtem, zu gewähren braucht. G. ist Meister im ganzen Gebiete der lyrischen 
Poesie und auch noch in ihren Grenzgebieten; ihm gelingt das persönliche, 
subjective Gedicht, das aber immer im Rahmen des Volksthums bleibt, eben 
so gut wie das im Volksliedton, er schafft Kinderlieder, die ohnegleichen, 
nur mit Ludwig Richters besten Illustrationen zusammenzustellen sind, er 
stellt das Thierleben wunderbar dar, er ist ein grosser Balladendichter, dem 
die schlichte Geschichts- eben so gut liegt wie die unheimliche Gespenster- 
Ballade, er zeichnet zahlreiche Volksskizzen, ernst und humoristisch, er ist 
ein ausgezeichneter Idyllendichter, er vermag auch grössere poetische Er- 
zählungen lyrisch -epischen Charakters zu schaffen. Alle die genannten 
Gattungen sind im »Quickborn« vertreten, wohlverstanden, alle mit Meister- 
stücken, wie ohne Weiteres klar wird, wenn man nur die berühmtesten Titel 
und Anfänge nennt: »Min Jehann«, und »As ik weggung«, »He sä mi so veel« 
und »Lat mi gan, min Moder slöppt«, »Still min Hanne« und »Dar wahn 
en Mann«, »Lütt Matten de Has« und »Aanten int Water«, »Ol Büsum« 
und »Hans Iwer«, »De Krautfru« und »De Orgeldreier«, »Dat Gexsitter«, 
»Rumpelkamer« und »De Fieler Fischtog«. Als Ganzes übertrifft der 
»Quickborn« ohne Zweifel ungezählte deutsche Gedichtsbände, wir haben nicht 
viel Sammlungen von dieser Reichhaltigkeit und Vollendung im Einzelnen. 
Grössere lyrische Individualitäten und Künstler als G. giebt es allerdings 
wohl noch, aber neben einen Uhland z. B. darf er sich sicher auch als 
solcher stellen. 

Kiel ist dann G's. neue Heimath geworden. Zunächst hat er in den 
Jahren 1855 bis 1857 mit Unterstützung seiner holsteinisch-dänischen Re- 
gierung noch eine grössere Reise gemacht, über Hamburg und Pyrmont nach 
Bonn, wo er längere Zeit Aufenthalt nahm, Otto Jahn zum Freunde gew^ann 
und mit E. M. Arndt, Dahlmann u. s. w. verkehrte, auch im Anfang des Jahres 
1856 die Würde eines Ehrendoctors der Philosophie erhielt. Von Bonn aus 
bereiste er Süddeutschland und einen Theil der Schweiz und ging dann nach 
Leipzig und nach Dresden, wo er u. A. Frey tag und Auerbach kennen lernte. 
Nach Kiel zurückgekehrt, im Sommer 1857, fasste er den Entschluss, sich 
an der dortigen Universität für deutsche Sprache und Literatur zu habilitiren, 



Groth, Klaus. X07 

über welchem Entschluss seine Freundschaft mit Müllenhoff in die Brüche 
ging, und verheirathete sich darauf, im Jahre 1858, mit Doris Finke aus 
Bremen. Mit seinem grossen Landsmann Friedrich Hebbel trat er in dieser 
Zeit in Briefwechsel — gesehen haben sich die Beiden nur einmal, in ihrer 
Jugendzeit. G's. Ehe war sehr glücklich und mit Kindern gesegnet, doch 
machte sich 1864 bei seiner Frau ein Lungenübel bemerkbar, dem sie drei- 
zehn Jahre später, 1877, erlag. 1866, unter der österreichischen, Gablenzschen 
Verwaltung Holsteins, wurde G. zum Professor ernannt, freilich nur mit sehr 
geringem Gehalt (das dann die preussische Regierung später verdoppelte), in 
eben demselben Jahre bezog die Familie ein eigenes Haus am Schwanenwege 
in Kiel (jetzt Klaus Grothplatz No. i), in dem der Dichter sein ganzes weiteres 
Leben, zulelzt, als seine Kinder gross geworden waren, ziemlich vereinsamt, 
verbrachte. Nur die grosse Freude an der Musik hat er immer behalten und 
ist mit Johannes Brahms, der ja auch Dithmarscher Ursprungs ist, wenn auch 
in Hamburg geboren, sowie mit Hermine Spiess befreundet gewesen. Er- 
wähnenswerth sind wohl noch seine Reisen: 1861 war er in den Nieder- 
landen, 1863 in England und Frankreich, dann noch wiederholt in England 
und Holland, wo er in Oxford, London, Leyden und Amsterdam Vorträge 
hielt, 1873 1^ Wien und Pest, 1886 und wieder 1895/96 sah er Italien, das 
letzte Mal vor Allem auf Capri, bei seinem Freunde, dem Maler Allers, ver- 
weilend. An Ehrungen hat es ihm sein Leben lang nicht gefehlt, namentlich 
der Kronprinz Friedrich Wilhelm hat ihn ausgezeichnet, auch hat er 1894 
vom Kaiser die grosse Medaille für Kunst und Wissenschaft und (mit Theodor 
Fontane zusammen) den Schillerpreis empfangen. Ausser in Deutschland war 
sein Ruhm namentlich auch in den Niederlanden, wo er die »dietsche« Be- 
wegung kräftig unterstützte, und bei den Plattdeutschen in den Vereinigten 
Staaten gross. Zuletzt galt er überhaupt als Mittelpunkt der gesammten 
niederdeutschen Dichtung, und demgemäss wurden zur Feier seines achtzigsten 
Geburtstages fast überall auf niederdeutschem Boden Festlichkeiten veranstaltet. 
Er verlebte diesen Geburtstag noch in voller Rüstigkeit, starb aber doch bald 
darauf an einer Lungenentzündung. 

Der »Quickborn« ist, wie natürlich, sein Hauptwerk geblieben und hat 
bis jetzt, die von Otto Speckter trefflich illustrirte Ausgabe mitgerechnet, 
25 Auflagen erlebt. Gegen die erste Auflage gehalten, ist er jetzt stark ver- 
mehrt, doch hat der Dichter die Klugheit besessen, nur die vollendeten Ge- 
dichte seiner späteren Zeit hineinzugeben. 1854 erschienen die »Hundert 
Blätter, Paralipomena zum Quickborn«, hochdeutsche Gedichte, die vor Allem 
für die Erkenntniss des ganz persönlichen Gefühls- und Gedankenlebens des 
Dichters wichtig sind und doch eine Anzahl von Stücken enthalten, die auf 
der Höhe des besten Lyrischen im »Quickbom« stehen. Als hochdeutscher 
Dichter hatte G. eine Vorliebe für das Sonett, was sich, da er doch eben 
nicht reiner Volkspoet war, sondern auf der Höhe der poetischen Cultur 
seiner Zeit stand, wohl erklären lässt. Schon ehe er nach Bonn ging, hatte 
er seine erste plattdeutsche Erzählung »Detelf«, die erste neuplattdeutsche 
Erzählung, ja wohl Prosa überhaupt, geschrieben; sie wurde 1855 veröffent- 
licht und zwar mit einer anderen kleineren als I. Band der »Vertelln«. Ein 
n. Band folgte 1859. 1858 gab G. seine »Briefe über Hochdeutsch und 
Plattdeutsch« heraus, die, da sie das Plattdeutsche als selbstständige Schrift- 
sprache neben dem Hochdeutschen verlangten, auf starken Widerspruch 
stiessen; in einer späteren Schrift über »Mundarten und mundartliche Dichtung« 



Io8 Groth, Klaus. Knoll. 

(1873) hat er seine Anschauungen modificirt. Die gleichfalls 1858 erschienenen 
Kinderreime »Voer de Goem« sind in den »Quickborn« aufgenommen worden. 
1862 wurde das Idyll »Rotgetermeister Lamp un sin Dochder« veröffentlicht, 
1866 erschienen die patriotischen Gedichte »Fiv nie Leder«, 1870 der zweite 
Theil des »Quickbom«, der u. A. die grössere epische Dichtung »De Heister- 
krog« brachte. Inzwischen war Fritz Reuter der Liebling des deutschen 
Volkes geworden, G's. spätere Dichtungen fanden zunächst nicht mehr die 
verdiente Beachtung, obwohl er im »Rotgeter« und im »Heisterkrog« unbe- 
dingt das Beste seiner späteren Tage gegeben und der plattdeutschen Litera- 
tur zwei mit den vorzüglichsten ähnlichen Werken der hochdeutschen wohl 
zu vergleichende Werke geschenkt hatte. Der »Rotgeter« ist im Stile von 
»Hermann und Dorothea«, aber dabei selbstständig; er stellt das Leben in 
Heide und auf der Geest dar, während der »Heisterkrog«, ungefähr der 
Stimmungswelt der Stormschen Novellen angehörig, das Marschleben schildert. 
1875 erschienen dann noch die Erzählungen »Ut min Jungsparadies«, 1881 
die drei letzten Erzählungen. Im Ganzen hat G. neun Erzählungen geschrieben, 
von denen »Detelf« (später »Wat en holsteinischer Jung drömt, dacht und 
belevt hett voer, in und na de Krieg 1848«), »Trina» und »Um de Heid« 
die umfangreichsten sind, alle aber das heimische Leben aus der eigenen Er- 
innerung mit ausserordentlich feiner Detailkunst darstellen. Mit Reuters 
Romanen sind sie nicht vergleichbar, eben so wenig mit Storms Novellen; 
es sind echte Erzählungen, aus denen das Antlitz des Erzählers fortwährend 
hervorblickt. Aus mündlichen Erzählungen des Dichters gab Eugen Wolff 
dann 1891 G's. »Lebenserinnerungen« heraus, die der Dichter darauf selber 
noch in den letzten Jahren seines Lebens durch biographische Aufsätze in 
der »Gegenwart« und der »Deutschen Revue« ergänzte. G's. »Gesammelte 
Werke« erschienen 1893 zuerst, in vier Bänden, von denen die beiden ersten 
die plattdeutschen Dichtungen, der dritte und ein Theil des vierten die Er- 
zählungen, der letzte Theil des vierten die hochdeutschen Gedichte, diese 
stark vermehrt, brachte. In einer neuen Auflage konnte der Dichter auch 
noch die Vollendung eines epischen Fragmentes, »Sandburs Dochder«, geben. 

Die wichtigsten Werke und Schriften zur Klaus Groth-Literatur sind eine Skizze 
Karl MUllenhoffs von 1856, in den »Lebenserinnerungen« wieder abgedruckt, ein Vor- 
trag von Karl Eggers, »Klaus Groth und die plattdeutsche Dichtung« (1885), die 
vlämische Biographie von Dr. J. C Hansen in Antwerpen (1889), dann das wohl das ge- 
sammte Material zusammenbringende umfangreiche Werk »Klaus Groth, sein Leben und 
seine Werke, ein deutsches Volksbuch« von H. Siercks (Kiel 1899), zu dem die Schrift 
von Adolf Bartels, »Klaus Groth« (Leipzig 1899) eine Art aesthetisch-kri tischer Er- 
gänzung bildet. Eine Briefwechsel und Lebensbeschreibung verbindende Biographie in 
der Art von Bächtolds »Keller« ist geplant. 

BUsten und Bilder giebt es von Klaus Groth eine grosse Anzahl. Als die besten 
gelten: zwei BUsten von Harro Magnussen, eine (1883) im Antwerpener Büchersaal, die 
zweite (1893) i™ Klaus Groth-Hause, weiter eine Büste und ein Medaillon des frühver- 
storbenen Bildhauers Tiedje, auch beide im Besitz des Dichters; von Gemälden: das Bild 
von Christian Ludwig Bokelmann, 1892 von der Berliner Nationalgalerie angekauft, ein 
lebensgrosses Bild von Hans Olde und zwei von Nicolaus Bachmann, zur Zeit in Berlin. 
Auch an guten Photographien ist kein Mangel. 

Ad. Bartels. 



Knoll, Conrad, Ritter von, Bildhauer und Professor, ♦ 9. September 
1829 zu Bergzabern (in der bayerischen Rheinpfalz), f 14. Juni 1899 ^" 
München. Früh verwaist, kam K. durch seinen Vormund in die Werkstätte 



Knoll. 



109 



Wtirschmitts, wo es oft sehr toll und ausgelassen herging, der Knabe nur 
zu Steinmetzarbeiten bei Grabsteinen verwendet wurde, aber doch von den 
Welken der klassischen Künstler und Dichter hörte und aus Wtirschmitts 
Rednergabe mannigfaltigen Nutzen zog. In Karlsruhe (1845 — 47) weitere 
Bildung suchend, gerieth K. bei einem Theaterbrande in Lebensgefahr und 
in eine schwere Krankheit, so dass man schon seinen Tod in die Heimath 
meldete. Ueber Stuttgart kam K. Ende 1847 an die Polytechnische Schule 
nach München zu Halbig und alsbald an die Akademie (1848 — 52); hier er- 
reichte ihn der erste lohnende und rühmliche Auftrag, im grossen Sängersaal 
der Thüringer Wartburg die Träger des Dach- und Sparrenwerkes mit phan- 
tastischen, der deutschen Mythologie entnommenen Gestalten zu schmücken, 
wobei K. nicht allein eine virtuose Behandlung der Holzsculptur bewährte, 
sondern auch eine überaus glückliche Kraft, die deutsche Sage und Mythe 
in plastischer Form zum Ausdruck zu bringen. Im Zusammenhange damit 
entstand sein »Tannhäuser-Schild«, auf welchem er in cyklischer Weise die 
Märe dieses ritterlichen Sängers in flachen Reliefdarstellungen erzählte; leider 
wurden diese, besonders in den Linien schön fliessenden, figurenreichen Com- 
positionen nie im Erzguss ausgeführt und vervielfältigt. Den feurigen Dank 
der Jugend errang K. mit dem Pokale für die Studentenschaft zur dritten 
Saecular-Feier der Universität Jena. Ausser verschiedenen Marmorbüsten, 
darunter auch die schöne, früh verstorbene Schwester des Dichters Jos. Victor 
von Scheffel, fertigte K. im Auftrage König MaximiHans 11. den mit der Statue 
des Wolfram von Eschenbach bekrönten Brunnen für die Heimath des grossen 
Parzival-Dichters. Darauf folgte die Statue einer »Germania« für einen Kunst- 
freund in Kiel und jene der »Sappho«, welche, gegen die historische Kritik, 
in dem ihrem Sturze von dem leukadischen Felsen vorausgehenden Augen- 
blicke aufgefasst ist; das ganz im klassisch-romantischen Sinne in sorgfältigstem 
Detail ausgeführte Bildwerk erwarb König Ludwig IL Daran reihten sich 
die Modelle zu den Colossalstatuen Herzog Heinrichs des Löwen und Kaiser 
Ludwigs des Bayern für die Fagade des alten Münchener Rathhauses (1862) 
und zu dem ausserordentlich glücklich erfundenen und ebenso aufgebauten 
»Fischbrunnen« (am Marienplatz) vor dem durch Hauberrisser erbauten Rath- 
haus, wobei K. die Entstehung des altherkömmlichen Münchener »Metzger- 
sprunges« in geistreicher Weise gestaltete. Für den im Neubau befindlichen 
Flügel plante K. ein entsprechendes Seitenstück, wahrscheinlich mit dem 
»Schäfflertanz« oder mit einer Erinnerung an Gustav Adolf — welcher 
während seines Aufenthaltes 1632 in einem nun abgebrochenen Hause wohnte — , 
ohne je zu einem Entwürfe zu kommen, welchen er in seiner Phantasie 
schon völlig durchgearbeitet dachte. Ebenso originell wie der vorgenannte 
Brunnen war K.'s Project zum »Uhland-Denkmal« für Tübingen (1868), 
welches den Lieblingspoeten des deutschen Volkes in charakteristischer Weise 
als Lyriker, Romanzen- und Balladen-Dichter, als Dramatiker und Patrioten 
verherrlichte — , eine Schöpfung, welche den Beifall des Comitc^s erhielt, 
aber aus unbegreiflichen Erwägungen abgelehnt wurde — , ein lehrreiches 
Beispiel, dass bei Concurrenzarbeiten nicht immer das Beste durchgedrückt 
wird. Vollen Beifall erwarb das Denkmal zu Braunau für den daselbst am 
26. August 1806 auf Napoleons Befehl erschossenen patriotischen Buchhändler 
Joh. Phil. Palm von Nürnberg, die Brunnen-Statue »Luther als Currendschüler« 
(für Eisenach) und das Denkmal König Ludwigs I. in Kissingen. K. lieferte 
auch zahlreiche Büsten, z. B. von Häusser (Heidelberg), den Philosophen 



HO Knoll. Issel. 

und Rieser -Dorfgeschichten -Dichter Melchior Meyr (Nördlingen), Beethoven, 
Gluck, Frhr. von Limpöck, Consistorialrath P. H. von Ranke u. s. w. K. 
fertigte auch das aus 678 Centner Marmor bestehende Union-Denkmal 
der Pfälzer Protestanten für die Stiftskirche zu Kaiserslautem und viele Grab- 
und Ehrendenkmale, z. B. auf Prof. von Jolly, Oberbaudirector F. A. v. Pauli, 
die Colossalbüste Kaiser Wilhelms I. für Gevelsberg in Westfalen und ein 
ähnliches Werk fiir die Walhalla, welches am 22. März 1898, am loi. Geburts- 
feste des grossen, siegreichen Kaisers in feierlichster Weise inaugurirt wurde. 
K. war seit 1866 langjähriger Vorstand der Münchener Kunstgenossenschaft; 
als Abgeordneter derselben sprach er die Grabrede für den Altmeister Peter 
Cornelius 1867 zu Berlin und den Nachruf bei der Todten-Feier für Anselm 
Feuerbach (1880). Die erste Internationale Kunstausstellung zu München 1860 
war sein Werk, ebenso die Rückgabe des Kunstausstellungsgebäudes für die 
Münchener Genossenschaft, nachdem dasselbe längere Zeit für das »Anti- 
quarium« gedient hatte. Als Vorstand des Münchener Kunstgewerbe- 
Vereins trug er zu dessen Förderung bei und präsidirte durch mehrere Jahre 
dem »Alterthums-Verein«. Er hat auch das Verdienst als intellectueller Ur- 
heber der zum Besten der deutschen Invaliden-Stiftung veranstalteten Ver- 
loosung von Kunstwerken, welche dem edlen Zwecke eine über 100 000 M. 
sich beziffernde Summe zuführte. Seit 1868 wirkte der durch viele Aner- 
kennungen, Ehrendiplome und Decorationen, insbesondere durch den bayerischen 
Prinz-Regenten und Kaiser Wilhelm II. ausgezeichnete Meister als Professor 
der Plastik am Polytechnikum zu München. In seinem Nachlasse fanden sich 
eine überraschende Fülle von ausgeführten Modellen oder nur Project ge- 
bliebenen Entwürfen und Skizzen, welche zur Ehre des Künstlers in die 
besten Hände gelangten. Eine in kleinem Format sorgfältig durchgebildete 
Marmorbüste Kaiser Wilhelms I. (eine Copie des vorgenannten Walhalla-Bild- 
nisses) ging in den Besitz des Deutschen Kaisers Wilhelm II. über. Prinz- 
Regent Luitpold erwarb die auf das Feinste ciselirte Bronze-Statuette seines 
königlichen Vaters, Ludwig I. Das Gipsmodell des zu Kissingen befindlichen 
Denkmals für Ludwig I. fand in der Hof- und Staatsbibliothek, welche eine 
eigene Rubrik für die Geschenke des hohen Maecen angelegt hatte, seine 
bleibende Stelle. Eine Büste des Professor von Jolly erstand die Münchener 
Universität und eine Bronzebüste Hahnemanns die homöopathische Central- 
Apotheke in Leipzig. Eine grosse Anzahl kleinerer Werke wurde nach Japan 
verkauft, verschiedene Münchener Sammlungen erhielten erfreulichen Zuwachs, 
z. B. das Historische Archiv im Neuen Künstlerhause und die Collection der 
Stadt München (sog. Maillinger- Sammlung) je einen Gipsabguss der Büsten 
des Malers Spitzweg und des Reichskanzlers Bismarck; der Kaim-Saal die 
Büsten von Beethoven, Mozart und Gluck, der Confirmanden-Saal der Lucas- 
Kirche das Modell zum Friedensengel (Kaiserslau tem\ Eine in Silber ge- 
gossene Gruppe der mit ihren Kindern von der Wartburg verstossenen Land- 
gräfin Elisabeth nebst dem Tannhäuser-Schilde gelangte nach Weimar u. s. w. 

Vgl. No. 52 Ueber Land und Meer 1866. Wurzbach Lexikon 1S70, XXI, 241, 
Regnet, MUnchener KUnstlerbilder, 1871, I, 332 fl*. Pecht, Geschichte der MUnchener 
Kunst, 1888 S. 199. Müller-Singer 1896, II, 361. Abendblatt 164 »Allgem. Ztg.«, 
15. Juni 1899. Kunstvereins-Bericht für 1899 S. 72 ff. 

Hyac. Holland. 

Issel, Karl Friedrich Wilhelm, Pfarrer, ♦ 9. August 1861 in Eppingen, 
f 4. October 1899 in Betberg (Baden). I. war der Sohn eines wackeren Gerichts- 



Issel. 



III 



notars aus der alten badnischen Beamtenschule, der schlicht und tüchtig, fleissig 
und ernst in treuer Berufserfüllung bald einen bestimmenden Einfluss auf das 
empfängliche Gemüth und die ganze Lebensrichtung des frühreifen Knaben 
ausübte, um so mehr, da derselbe, als er noch die höhere Bürgerschule in 
Ueberlingen besuchte, durch schweren Gelenkrheumatismus und ein dadurch 
verursachtes dauerndes Herzleiden gezwungen wurde, allen regelrechten Schul- 
unterricht aufzugeben und, mit grosser Schonung seiner Gesundheit, nur auf 
private Weiterbildung angewiesen war. Dennoch gelang es ihm, das Gymnasial- 
Abiturientenexamen in Karlsruhe mit dem Prädicat »Sehr gut« zu bestehen. 
Sein Universitätsstudium begann er in Strassburg, und zwar zunächst nicht bei 
der theologischen Facultät, sondern in den nationalökonomischen Fächern, 
in denen er bald auch in eigenartigen Gedanken und Problemen, ähnlich 
den späterhin von Friedrich Naumann vor grösserem Kreise vertretenen. 
Tüchtiges leistete. Aber die Persönlichkeit und wissenschaftliche Weise des 
Professors Holtzmann führte ihn der Theologie zu und zwar einer Theologie, 
die bei aller kritischen Energie und Freiheit auch das religiöse Lebenselement 
einer warm- und weitherzigen Frömmigkeit mit wirksamer kirchlicher Be- 
thätigung zu seinem Rechte kommen lässt. Weiter führte ihn sein Studium 
nach Heidelberg, Zürich und Berlin; auf der schweizer Universität war es 
besonders Biedermann, dem er für die Klärung seiner dogmatischen Ueber- 
zeugung das Meiste verdankte. Nach Ablauf der akademischen Lehrjahre ist 
I. sodann an verschiedenen Stellen als Pfarrhelfer thätig gewesen, hat auf 
längeren Reisen vielseitige Eindrücke gesammelt, ja, er war sogar — für 
einen »Liberalen« ganz ungewöhnlich — in Karlsruhe im Dienst der Inneren 
Mission beschäftigt, für die er in der Folge auch seine liberalen Gesinnungs- 
genossen zu interessiren wusste, sodass während seines dortigen Wirkens, 
statt der bisherigen schroffen Gegensätze zwischen der kirchlich »confession eilen« 
und »freisinnigen« Richtung, eine Friedensära sich anzubahnen schien. Nach 
provisorischer Verwaltung der Pfarrei Ittersbach übernahm er sodann die 
Stelle eines Gefängnissgeistlichen in Freiburg i. Br. und führte 1890 eine Nichte 
des Generals von Goeben als Gattin heim. 1893 folgte endlich seine An- 
stellung in dem zwar fernab vom Weltverkehr aber um so reizender gelegenen 
Dörfchen Betberg am Schwarzwald. Hier hat er 6 Jahre lang in unermüdlicher 
opferfreudiger Arbeit gestanden, die ihn weit über die Grenzen seines engeren 
Vaterlandes bekannt gemacht und mit den besten Männern unserer kirchlich 
liberalen Theologie in gemeinsamer literarischer und Vereinsthätigkeit zu- 
sammengeführt hat. Es galt ihm vor Allem, gerade von seinem theologisch 
liberalen Standpunkt aus, neue Wege zur praktisch religiösen Einwirkung auf 
die Laien weit in den Gemeinden zu gewinnen. Und das ist ihm im Bunde 
mit tüchtigen thätigen Freunden in hervorragendem Masse gelungen: zunächst 
durch die Neugestaltung des Heidelberger Sonntagsblattes »Die Kirche«, die 
in kurzer Zeit, nachdem I. die Redaction übernommen, 23000 Abonnenten über 
das ganze evangelische Deutschland hin sich gewann. Zu dem Sonntagsblatt 
trat alsbald die Begründung eines eigenen für die literarische Klein- und 
Weiterarbeit thätigen Verlags: der »evangelische Verlag« in Heidelberg wurde 
von ihm zunächst unter grossen persönlichen Opfern, doch mit baldigem guten 
Erfolg ins Leben gerufen. Um endlich auch den Sonntagslosen, vom Gottes- 
dienst Ferngehaltenen und doch nach gesunder religiöser Speise Verlangenden 
wenigstens eine gedruckte Predigt für ein Billiges zugänglich zu machen, 
begründete er eine Serie von Pfennigpredigten als »Sonntagsgruss für Gesunde 



112 Issel. König. 

und Kranke«, die seither ebenfalls erfreulichen Fortgang genommen hat. 
Durch diese drei literarischen Unternehmungen — in Parallele zu gleichartigen 
Bestrebungen der kirchlichen Orthodoxie — hat I. den Beweis gebracht, 
dass auch frei gerichtete Theologen nicht nur zu gelehrten kritischen Ab- 
handlungen, sondern auch zu einer im besten Sinne positiv bauenden religiös- 
populären Wirksamkeit im Stande sind. »Durch diese That gehört er der 
badischen Kirchengeschichte an«, so heisst's darum in einem Nachruf von 
Freundeshand. Und nur ein reines, vollkommen uneigennütziges Streben hat 
ihn zu solcher Arbeit bewogen, die ihm keine äusseren Ehren, Einfluss oder 
glänzende Stellung bringen sollte, aber Opfer an Kraft und Zeit und Geld 
genug gekostet hat. Obwohl ihm ein Pfarramt in Berlin angeboten wurde, 
ist er in seinem kleinen Betberg geblieben. Aber auch dort liefen viele 
Fäden, insbesondere für jedes Unternehmen seiner badischen Freunde in 
seiner Hand zusammen. Die Begründung der »kirchlich liberalen Vereinigung 
in Baden« war wesentlich sein Werk. Er war der Mann des Vertrauens für 
Viele, gerade weil er die eigene Person allezeit in den Hintergrund zu stellen 
wusste. Eine grosse Kenntniss der Verhältnisse und Persönlichkeiten, nicht 
nur in seiner engeren Heimath, kam ihm dabei zu Statten, und mit der Unter- 
nehmungslust und dem Thatendrang der Jugend verband sich bei ihm früh 
die Vorsicht und Bedächtigkeit des Alters. So war er hochgeschätzt vor 
allen in den Kreisen des »Protestantenvereins«, des »Allgemeinen evangelisch- 
protestantischen Missionsvereins«, des »Evangelischen Bundes«, der »evangelisch- 
socialen Conferenz«, denen er mit seiner enormen Arbeitskraft, mit der Feder 
wie auf Reisen und an Berathungstagen freudig gedient hat. Er ist dabei auch im 
Geringsten treu gewesen als Seelsorger in allen Nöthen und Leiden der ihm 
anvertrauten Gemeinde. So bedeutet sein früher Tod für Viele einen schmerz- 
lichen unersetzlichen Verlust. 

Deutsches Protestantenblatt No. 46. 

Kohlschmidt. 



König, Hugo, K. Professor, Genremaler, * 12. Mai 1856 zu Dresden, 
f 27. Juli 1899 ebendas., bekam den ersten Unterricht bei Erwin Oehme, 
seit 1879 in München bei Otto Seitz, Ludwig von Löfftz und Wilhelm von 
Lindenschmit; bei einer akademischen Concurrenz erhielt K. den Preis für 
eine Scene aus dem »Kaufmann von Venedig«. Das Bild »Desdemona ver- 
theidigt ihre Flucht mit Othello vor dem Dogen« (als Holzschnitt in der 
Gartenlaube 1887) war eine ziemlich pompöse Costümleistung ä la Becker. 
Dann malte er noch viele Genrestücke und atmosphärische Landschaften mit 
verschiedenen Staffagen. Das Bild »Beim Thürmer von St. Peter« wurde für 
die Neue Pinakothek angekauft, ein anderes, »Auf dem Heimwege«, erwarb 
Prinzregent Luitpold, welcher den Maler zum Professor an der Akademie 
ernannte, wo K. elf Semester als Lehrer wirkte. Dann gab er wegen 
Herzleiden seine Stelle auf, suchte im Bade Nauheim Heilung und zog zuletzt 
nach Dresden. In München hatte er sich der »Secession« angeschlossen, 
dann wurde er 1898 Mitglied der durch Ludwig Dill 1898 gegründeten neuen 
Künstler-Vereinigung »Die Dachauer«. Von seinen Compositionen erschienen 
viele als Holzschnitt in illustrirten Zeitungen, z. B. »Ein Gruss aus der Schweden- 
zeit« (Schorers Familienblatt V, 325), die Mädchenköpfe »Schwarzblattl« 
(No. 40 Gartenlaube 1887) und »Zitherspielerin« (Schorer 1887. No. 37 



König. Lang. Neustätter. 1x3 

S. 581), »Schwierige Passage^ (Münchener Kunstausstellung 1888 Abbildung 
im 19. Heft. »Kunst flir Alle« i. Juli 1888), »Schwere Last« (No. 51 Schorer 
1890) und »In der Herbstsonne« ebendas. S. 729), »Glückliche Stunden« 
(Illust. Frauen Ztg. i. April 1892), »Maikätzchen (No. 32 Daheim 1892), »Rast 
der Feldarbeiter« (Kunst für Alle 15. November 1893), »In S. Marco«, 
»Unterm Apfelbaum« (Daheim 1892 S. 485), ein »Interieur« und »Das 
Schweigen« (Secession 1893), »Neujahr in der Stadt« (photographirt bei 
Hanfstängl, Holzschnitt in »Illustr. Frauen-Ztg.« i. Januar 1894), »Am Dorf- 
weiler« (Velhagen und Klasing »Monatshefte« December 1895), ein »Kanal 
aus Delft«, eine »Abendlandschaft« und ein »Kinderbildniss« in der Aus- 
stellung 1897. (Allgem. Ztg. 17. Juli 1897). Der Künstler erhielt Ehrenaus- 
zeichnungen und Diplome 1892 in Dresden und Berlin, bei der Internatio- 
nalen Ausstellung in Wien 1893 die silberne Staatsmedaille, 1889 die II. Med. 
in Melbome. 

Vgl. Müller-Singer, Lexikon 1896. II. 371. No. 352 »Neueste Nachrichten« 2. Au- 
gust 1899 und No. 211 Augsburger Abendztg. 2. August 1899. MUnchener Kunstvereins- 
bericht für .1899 S. 74. 

Hyac. Holland. 

Lang, Hermann, Genre- und Historien-Maler, ♦ 3. April 1856 in Krum- 
bach, f 3. Juli 1899 zu München. Sohn des k. Notars Eduard Lang in 
Kempten; besuchte die Industrieschule zu Augsburg und 1876 bis 1882 die 
Akademie in München, wo er bei Prof. Straehuber drei Medaillen und durch 
Lösung einer Preisaufgabe (Ausschmückung eines anatomischen Lehrsaales) 
ein Reisestipendium nach Italien erwarb. Er schuf eine Anzahl von an- 
sprechenden Genrestücken, z. B. »Muttersorgen« (1882), »Eingeschlummert« 
(1889), »Interessante Leetüre«, die »Schwere Wahl«, wo der Storch eines 
von den im Teiche auf Blumen schwimmenden Kinderchen aussucht (No. 14 
Gartenlaube 1889), die reizende, durch die Berge schwebende und Blumen 
ausstreuende »Alpenflora« (1890. Zur guten Stunde, 2. Heft); auch ein 
Portrait des Dichters Hermann Allmers (1890) und ein Fresco »Zunft der 
Schmiede« (auf dem Rathhausplatze zu Kempten). Ausserdem widmete er 
sich der religiösen Kunst, malte zwei Altarbilder nach Wertach, ein Altar- 
blatt mit dem auferstandenen Christus für die Kirche zu Nübel in Schleswig, 
einen Bildercyklus in die Hatlerdorfer-Kirche bei Dornbirn, ein »Es ist voll- 
bracht« (1888) und verschiedene Heiligen-Figuren, wie St. Afra, Elisabeth, 
Antonius, Madonna. Mit Begeisterung hing er an seiner Kunst, welche jedoch 
durch ein langsam aber sicher fortschreitendes Gehimleiden gelähmt wurde. 

Vgl. Fr. von Bötticher, Malerwerke 1895 I, 804. Müller-Singer Lexikon, 1896. 
II, 438. Kunstvereinsbericht f. 1899. S. 75. 

Hyac. Holland. 

Neustätter, Louis, Genremaler, ♦ 5. September 1829 zu München, 
f 24. Mai 1899 zu Tutzing (am Starnbergersee), erst zum Kaufmann bestimmt, 
wurde durch den Kupferstecher Peter Lutz der Zeichnungskunst zugeführt, 
besuchte 1847 die Akademie, widmete sich seit 1850 als Schüler des damals 
epochemachenden Joseph Bernhardt dem Portraitfach. Nach einem kurzen 
Besuch bei L^on Cogniet in Paris ging N. nach Rom und Neapel (1853) 
und Hess sich dann im folgenden Jahre zu Wien nieder. Hier entstanden 
viele Bildnisse, z. B. des Fabrikanten Ritter von Spörlin, des Hofopernsängers 

Biogr. Jahrbach u. Deutscher Xekrulog. 4 Rd. 3 



114 



Neustätter. FrUhwald. 



Walter, des Dichters Leopold Feldmann, aber auch viele hübsche weibliche 
Studienköpfe und Genrestücke, eine »Dame am Kamin«, die »Tröstende 
Freundin«, »Betende Italienerin«, eine »Siesta« u. dgl. Im Jahre 1862 fun- 
girte N. als Mitglied der Kunstausstellungscommission in London und ent- 
ledigte sich seiner Aufgabe in ausgezeichneter Weise. In Wien entstand auch 
noch das Brustbild einer jungen, mit wohlgeformten Zügen und viel sagenden 
Augen, aus der malerischen Kapuze eines weissen Burnus herausschauenden 
Dame, welche als »Schwärmerin« bei seiner Uebersiedlung nach München 
(1864) im Kunstverein Aufsehen erregte. Rasch folgten daselbst die »Waisen«, 
eine »Wittwe« (1865), viele häuslichen Scenen mit spielenden Kindern (1869), 
das »Begräbniss eines Vogels« (187 1) und der mit dem Portrait des Kaiser 
Wilhelm I. auf dem Lande hausirende »Bilderhändler« — ein beneidens- 
werther Griff ins echte Volksleben! Die letzten zwanzig Jahre verlebte N. 
zu Tutzing; hier erhielt N. wegen seinen Bemühungen um Hebung und Ver- 
schönerung des Ortes, für Stiftungen zur Feuerwehr und allerlei anderen 
Wohlthaten von der dankbaren Gemeinde das Ehrenbürgerrecht. N. wurde 
am 26. Mai auf dem israelitischen Friedhof zu München unter zahlreichem 
Trauergefolge beerdigt. 

Vgl. Münchener Propyläen. 1869. S. 487 ff. Wurzbach, Lexikon. 1869. XX, 307. 
MUller-Singer 1896. II, 300. Fr. v. Bottich er, Malerwerke. 1898. II, 147. Morgenblatt 
145 »AUgem. Ztg.« 27. Mai 1899. 

Hyac. Holland. 

Frühwald, Carl, Oberlandesgerichtsrath, ♦1852 zu Wien, f 23. April 
1899 daselbst. Er entstammte einer Wiener Juristenfamilie. Sein 1883 ver- 
storbener Vater, Wilhelm F., der zuletzt als Hofrath beim k. k. obersten 
Gerichtshofe wirkte, war durch seine Tüchtigkeit als Richter und literarische 
Arbeiten bekannt (vgl. Wurzbach, Biogr. Lexikon). Der Fleiss, die Ver- 
standesschärfe, die Gesetzeskunde, die rasche Arbeitskraft und Arbeitsfreude 
des Vaters ging auf den Sohn über, der nach Zurücklegung der unteren 
Stufen richterlicher Thätigkeit 1888 Staatsanwal tssubstitut, 1893 Landesgerichts- 
rath wurde, als Leiter des Bezirksgerichtes Fünfhaus fungirte und zuletzt mit 
Titel und Charakter eines Oberlandesgerichtsrathes als Vorsitzender-Stellvertreter 
eines Senates des Wiener Civilgerichts mit Erfolg thätig war. Er war Mit- 
glied der judiciellen Staatsprüfungs-Commission, in richterlichen Kreisen wegen 
seiner angenehmen Umgangsformen geachtet, in Anwaltskreisen wegen seines 
liebenswürdigen Entgegenkommens sehr geschätzt. Er verfasste ein »Orts- 
lexikon für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder«, Wien 
1877; eine »Sammlung von Formularien für das Verfahren in Streitsachen«, 
3. Auflage 1887; ein solches für das Verfahren ausser Streitsachen, 2. Auflage 
1885; »Die Real- und Mobiliar-Meistbots-Vertheilung«, 2. Auflage 1886; ein 
»Handlexikon zum österreichischen Reichsgesetzblatt«, 1888 und 1894; ein 
»Handbuch für die civilgerichtliche Thätigkeit bei den Bezirksgerichten«, 1897 ; 
die Bearbeitung des Grundbuchgesetzes in der Man z' sehen Ausgabe, 6. Auf- 
lage 1898, und der Staatsgrundgesetze dieses Verlags, 6. Auflage 1894; be- 
arbeitete auch mit Dr. Mo y zisch die Amortisation von Urkunden und Todes- 
erklärungen in Oesterreich. Er erlag in der Blüthe männlicher Schaffenskraft 
einem plötzlich hereingebrochenen tückischen Leiden. 

Vgl. die Nekrologe in der Allg. österr. Gerichts -Zeitung 1899 No. 21 S. 170 und 
»Jurist. Blätter« 1899 No. 18 S. 215/6. 

A. Teichmann. 



Miller. 



"5 



V. Miller, Wilhelm, Professor der Chemie an der technischen Hochschule 
zu München, * in München 9. December 1848, f i. März 1899. M.^ ein 
Sohn des genialen Künstlers F. v. Miller, aus dessen Erzgiesserei so viele be- 
wundernswerthe Werke hervorgegangen sind, erhielt seine Bildung theils an 
der Studienanstalt zu Metten (Niederbayern), theils auf dem Maximilians- 
gymnasium seiner Vaterstadt und widmete sich zuerst, väterlichem Wunsche 
folgend, dem Studium der Jurisprudenz, ging aber später, namentlich unter 
dem Einflüsse J. v. Liebigs, zur Chemie Über, in welcher er 1874, mit einer 
Dissertation über die chemischen Verbindungen im flüssigen Storax, die Doctor- 
würde erwarb. Gleich nachher wurde er Assistent an der technischen Hoch- 
schule, 1875 Docent und 1883, nach Erlenmeyers Resignation, ordentlicher 
Professor. Zuvor hatte er mit längerem Urlaub Berlin aufgesucht und in 
A. V. Hofmanns Laboratorium die neuesten Methoden der organischen Chemie 
kennen gelernt, was zur Folge hatte, dass er nunmehr neben der Vorlesung 
über allgemeine Chemie auch eine solche über organische Farbstoffe zu halten 
vermochte. Lange Jahre ein gesunder und kräftiger Mann, in allen körper- 
lichen Uebungen Meister und durch eine glückliche materielle Lage mancher 
Sorgen des Lebens enthoben, führte M. in seinem höchst gastfreien Hause zu 
München und in seiner schönen Villa zu Partenkirchen ein zufriedenes, neben 
der Wissenschaft auch der Kunst, für die er Neigung und Anlage ererbt hatte, 
geweihtes Leben. Seine Ehe war eine überaus glückliche; eine Wittwe und 
vier noch in zartem Alter stehende Kinder beweinen den Dahingegangenen, 
den zuletzt schweres Siechthum umfangen hatte. Aber bis an das Ende 
suchte er seinen Berufspflichten nachzukommen, und aus dem Hörsaale begab 
er sich in die chirurgische Klinik zu der entscheidenden Operation, von der 
er sich nicht mehr erholen sollte. M.'s wissenschaftliche Arbeiten sind da- 
durch gekennzeichnet, dass er sich zu ihrer Ausführung gerne mit gleich ge- 
sinnten Freunden verband ; mit Doebner, Kinkelin, Spady, Ploechl, Hofer und 
insbesondere mit zahlreichen Praktikanten seines Laboratoriums, die auf solche 
Weise in das exacte Experimentiren eingeführt wurden, hat er so zusammen- 
gewirkt. Aus einer zusammen mit dem Botaniker Harz angestellten Unter- 
suchung ging das »Antinonnin« hervor, ein zunächst gegen den bekannten 
Waldschädling, den als »Nonne« bekannten Schmetterling, gerichtetes Zer- 
störungsmittel, das sich aber auch sonst als Antisepticum bewährt hat. Die 
sehr zahlreichen analytischen und synthetischen Abhandlungen, welche zum 
überwiegenden Theile in den »Berichten« der Deutschen Chemischen Gesell- 
schaft zur Veröffentlichung gelangten, eignen sich ihres strengwissenschaftlichen 
Inhaltes halber wenig zu gemeinverständlicher Inhaltsbesprechung. Dagegen 
ist das weit verbreitete und mehrfach aufgelegte »Lehrbuch der analytischen 
Chemie«, welches M. und Kiliani (jetzt in Freiburg, damals M.'s College) ge- 
meinsam herausgaben, mit verdienten Ehren zu nennen, und das grosse Publi- 
kum musste der Umstand lebhaft interessiren, dass es M. und Harz, die sich 
Beide wiederum unterstützten, gelang, das Fabrikationsgeheimniss der antiken 
cyprischen Goldfaden, welches ihnen der Alterthumsforscher Böckh zu errathen 
aufgegeben hatte, wirklich herauszubringen, so dass dem von ihnen genommenen 
Patente gemäss jetzt die Nachbildung keinen Schwierigkeiten mehr unterliegt. 
Das letzte Lustrum seines Lebens gehörte M. auch der höchsten berathenden 
Schulbehörde Bayerns, dem »Obersten Schulrathe«, an und hatte in dieser 
Eigenschaft vielfache Gelegenheit, seine reichen Kenntnisse im Interesse der 
Mittelschulen, insbesondere der sogenannten technischen Lehranstalten des 

8* 



j 1 6 Miller. Rosenberger. 

Königreiches — Realgymnasien, Realschulen und Industrieschulen — zu 

verwerthen. 

Nekrolog von Prof. Lipp im Jahresberichte der k. technischen Hochschule la 
München für das Studienjahr 1898 — 1899. — Persönliche Erinnerungen. 

S. Günther. 

Rosenberger, Ferdinand, Professor der Physik an der Musterschule 
(Realgymnasium) zu Frankfurt a. M., * 29. August 1845 in Lobeda bei Jena, 
t II. September 1899 in Oberstdorf i. A. (Bayern). R. schlug die Laufbahn eines 
Elementarlehrers ein und hatte bereits eine Anstellung als Lehrer und Cantor 
erhalten, als seine natürliche Neigung ihn veranlasste, im Fluge alle die ihn 
von seinem Ziele trennenden Prüfungen nachzuholen und sich an der Universität 
Jena dem Studium der mathematischen Wissenschaften zu widmen. Nachdem 
er dort im Jahre 1870 promovirt und an verschiedenen Privatanstalten 
unterrichtet hatte, machte er 1876 zu Kiel auch das preussische Staatsexamen 
und wurde bald nachher ordentlicher Lehrer an der bezeichneten Anstalt, 
an der er auch zum Oberlehrer und Professor aufrückte und treffliche Lehr- 
erfolge erzielte. Aus früheren Jahren hat man von ihm ein den zielbewussten 
Didaktiker bekundendes kleines Lehrbuch der »Buchstabenrechnung« (Jena 
1876); später wandte er sich ausschliesslich der Geschichtsforschung auf dem 
Gebiete der Physik zu, und was er hier geschaffen, sichert ihm bei allen 
Fachgenossen ein dankbares Gedenken. Theilweise tragen diese Arbeiten 
einen mehr abstracten, philosophischen Charakter (Ueber die Genesis wissen- 
schaftlicher Entdeckungen und Erfindungen, Braunschweig 1885; ^^^ Geschichte 
der exakten Wissenschaften und der Nutzen ihres Studiums, Abhandl. z. Gesch. 
d. Math., 9. Heft); theilweise beschäftigen sie sich mit der Geschichte der 
Elektricitätslehre und gewähren ein gutes Bild von deren rapider Ausbildung 
im Verlaufe von etwa 150 Jahren (Ueber die erste Entwicklung der Elektri- 
sirmaschinen, Verhandl. d. 68. Naturforscherversammlung; die erste Ent- 
wicklung der Elektrisirmaschinen, Abhandl. z. Gesch. d. Math., 8. Heft; die 
ersten Beobachtungen über elektrische Entladungen, ebenda; die moderne 
Entwicklung der elektrischen Principien, Leipzig 1898). In dieser letzteren 
Schrift wird der deutsche Leser ganz vorzüglich geschickt in die bei uns noch 
viel zu wenig bekannten Gedankenkreise der englischen Physiker, vorab 
Faradays und Maxwells, eingeführt. Nicht minder gut ist es dem flir solche 
Aufgaben besonders veranlagten Verfasser gelungen, das Lebensbild des 
grössten mathematischen Naturforschers der Vergangenheit zu zeichnen (Isaak 
Newton und seine physikalischen Principien; ein Hauptstück aus der Ent- 
wicklungsgeschichte der modernen Physik, Leipzig 1895); die spröde Persönlich- 
keit und die spröde Art ihrer wissenschaftiichen Darstellung haben schon 
Manchen abgehalten, in die Leistungen des genialen Briten tiefer einzudringen, 
aber in R. erhält, wer dies beabsichtigt, einen trefflichen Führer. Ein sehr 
grosses Verdienst endlich hat sich der verstorbene Gelehrte erworben durch 
sein zusammenfassendes Werk (Geschichte der Physik in Grundzügen, drei 
Theile, Braunschweig 1882 — 1890), worin die Geschicke der Naturlehre von 
den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart in folgerichtiger Schilderung und in 
lückenlosem Zusammenhange vorgeführt werden. Mochte die Kritik gegen die 
Charakteristik des Aiterthums und Mittelalters einzuwenden haben, der Autor 
fiihle sich etwas zu sehr als moderner Beurtheiler und stelle an jene frühen 
Zeiten Anforderungen, die damals der Natur der Sache nach nicht zu erfüllen 



Rosenberger. Bcrckholtz. u^ 

waren, so tritt mit dem weiteren Fortschreiten des Geschichtswerkes dieser 
Nachtheil mehr und mehr in den Hintergrund, und speciell für das XVIII. 
und XDC. Jahrhundert giebt es in der ganzen Literatur keinen besseren Rath- 
geber. Mit einer ungewöhlich gründlichen Kenntniss des Geschaffenen verband 
R. die Gabe, systematisch und ordnend das ungeheure Gebiet durchschalten 
und die geistigen Fäden, welche die Entdeckungen und Erfindungen unter 
einander verknüpfen, dem Auge auch des Femerstehenden biossiegen zu können. 

Gttnther, Ferdinand Rosenberger (1845 — 1S99), Bibliotheca Mathematica (von 
Eneström), 3. Folge, i. Band, S. 217 ff. (nach privaten Mittheilungen). Hier auch ein 
Bildniss des Verewigten. 

S, Günther. 

Berckholtz, Alexandra von, Portrait- und Stillleben-Malerin, ♦ 26. August 
1821 zu Riga, f 16. März 1899 in München, bereiste frühzeitig Italien und 
Frankreich und erhielt dadurch die erste Anregung zur Kunst, welche unter 
der Leitung der besten Lehrer, wie Lauchert, Winterhalter und Canon zu 
Karlsruhe, dann bei R. Fleury in Paris gründliche Förderung fand. Seit 
1865 in München, übte Pilotys Schule (insbesondere A. von Liezen- Mayer), 
ausserdem aber das Vorbild der Blumenmalerien Therese Hegg in Nizza und 
des Stillleben-Meisters Adam Kunz weiteren Einfluss. Mit mehr als dilet- 
tantischem Vergnügen, mit einem wahren Künstlereifer malte Frl. von B. 
viele sorgfältig ausgeführte Bildnisse, meist von Damen aus der höheren 
Gesellschaft, z. B. die leider schon 1857 verstorbene schöne Schwester des 
Dichter Jos. Victor von Scheffel; Frau Alexandra von Bodmann; Sophie 
Freifrau von Moltke, diese feinsinnige Kunstpflegerin, Musikkennerin und 
begeisterte Freundin von Richard Wagners Tondichtungen, eine Schwester 
unserer Malerin; Frau Gräfin von Moy; Bertha von Schilcher; Baronin von 
Treuberg; die reizende Miss Florence Osborn; Freifrau von Tiesenhausen, 
die Gattin des bekannten Marine-Malers und viele andere Zierden der da- 
maligen Salons. Nebenbei entstand eine stattliche Reihenfolge von Still- 
leben-Bildem und Blumenstücken, worin sie durch zartes Arrangement und 
feinempfundene Farbenstimmung mit ihren alten und neuen Vorbildern wett- 
eiferte. Im unermüdlichen Eifer lind Drang, sich weiterzubilden, ermüdete 
sie niemals, aus den neuesten Erscheinungen des Kunstlebens Nutzen zu 
ziehen und sich zu fördern. Nur wenige Beschauer mögen unsere Aus- 
stellungen und Bildergalerien mit solcher Freude und solchen Kenneraugen 
durchgekostet haben wie Frl. von B., welche in neidloser Anerkennung jede 
ehrliche Kraft schätzte und achtete und jeder neu auftauchenden Erscheinung 
ihr Interesse zuwendete. Sie bestimmte nicht nur die Erzeugnisse ihrer 
Kunst immer zu wohlthätigen Zwecken, sondern setzte auch einen grossen 
Theil ihrer nicht unbeträchtlichen Mittel daran, verdienten Künstlern unter 
die Arme zu greifen, verzagte Naturen zu neuer Thätigkeit anzureizen und 
dem wirklichen Können neue Wege zu ebnen und anzubahnen. Dieses 
sinnige Maecenatenthum auszuüben, gehörte zu den stillen Freuden dieser 
wahrhaften edlen Seele und zwar mit der echt evangelischen Praktik, dass 
die Linke nicht wusste, was die Rechte that. Sie cultivirte gleichmässig 
alle Künste, erquickte sich an den Schöpfungen der neuesten Componisten, 
wie an den Erzeugnissen der jüngsten Dichter, Dramatiker und Tragöden. 
In der Ausübung ihrer humanitären Bestrebungen fand sie Trost und Hülfe 
zur Ertragung der eigenen, durch gichtische Veranlagung stetig anwachsenden 



1 1 8 Berckholtz. May. Bally. 

Leiden, welche nie ihre Geduld beugten, wohl aber ihren artistischen Leistungen 

hemmend entgegentraten. In unverbrüchlicher Treue blieb sie allen ihren 

Freunden zugethan, eine wahre Trösterin und theilnehmende Beratherin in 

Freud und Leid, in guten Stunden und in schweren Tagen. Dieselbe echte 

deutsche Treue kettete sie auch an das kaiserliche Haus und dessen Palatine; 

mit der gleichen Ehrfurcht hing sie am grossherzoglichen Hof von Baden, 

welches sie als ihre zweite Heimat liebte und schätzte. Ihr Portrait 

malte Richard Lauchert 1856; Alexander von Wahl modellirte ihre Büste 

1870. — 

Vgl. Dioskuren 1866. S. 353. Lützow's Zeitschrift X, 538. Julius Meyer, Künstler- 
lexikon. 1885. III. 586. Müller-Singer 1895. I. in. Fr. v. Bötticher Malerwerke 1895. 
84. Nekrolog im Abendblatt 76 »Allgem. Ztg.« 17. März 1899. Kunstvereins-Bericht f. 
1899. S. 69. — 

Hyac. Holland. 

May, Andreas, Dr., Rath am Obersten Gerichtshof. Dramatischer Dichter. 
♦ 12. November 1817 zu Bamberg, f 7. Januar 1899 in München, besuchte 
das Gymnasium und I^yceum seiner Vaterstadt, dann die Universitäten Würz- 
burg und München, promovirte 1842 als Doctor beider Rechte, machte 
mit erster Note den Staatsconcurs zu Bayreuth, wurde 1843 Accessist beim 
k. Appellationsgericht von Oberfranken, und 1848 in gleicher Eigenschaft 
nach München versetzt, wo er bei der ersten öffentlichen Sitzung des 
k. Kreis- und Stadtgerichts am 18. Januar 1849 ^^ Protokollist fungirte 
und 1851 zum Assessor, 1853 Rath am Stadtgerichte und 1865 zum 
Appellationsgerichtsrath vorrückte. Im Jahre 1875 wurde er Rath am 
Obersten Gerichtshof, trat aber 1878 in Folge eines leichten Schlaganfalls in 
den Ruhestand. M. war nicht nur ein hervorragender Jurist, sondern er^^arb 
auch durch seine literarisch - dramatischen Arbeiten einen ausgezeichneten 
Ruf. Die Aufnahme seiner Dramen war immer eine enthusiastische, ging 
aber nur selten über die baierische Hauptstadt hinaus. Auf M.'s Grab legte 
der Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung einen prachtvollen Lorber- 
kranz. In seinem Bestreben, reale Stoffe zu gestalten, war M. ein gemässigter, 
seiner Kraft voUbewusster Vorläufer der neueren Bühne und ihrer For- 
derungen. 

Vgl. H. Kurz, Gesch. der deutsch. Literatur 1874. IV, 494. Franz BrUmmcr, 
Lexikon deutsch. Dichter und Prosaisten« 4. Aufl. III, 36. 

Hyac. Holland. 



Bally, Carl Franz, * in Schoenenwerd (Canton Solothurn) am 
24. October 1821, f in Basel am 5. August 1899. Seinen Eltern Peter 
Bally und Maria geb. Herzog als das elfte von 14 Kindern geboren, besuchte 
Franz B. die Bezirksschule in Rheinfelden und die Cantonsschule in Aarau. 
Nach einem kurzen Aufenthalte in Nyon am Genfersee trat er 1838 in das 
bescheidene Geschäft seines Vaters, der eine kleine Band Weberei besass, 
ein. Nachdem er 1847 gemeinsam mit einem Bruder und einem Vetter den 
speciellen Zweig des väterlichen Geschäftes, die Fabrikation von Hosenträgern, 
übernommen hatte, führte er dasselbe vom Jahre 1854 an auf eigene 
Rechnung als alleiniger Inhaber fort. Schon damals begann er in seinem 
Geschäfte die Herstellung elastischer Gewebe, sowie die Schuhfabrik ation in 



Bally. Struckmann. 1 1 n 

grösserem Massstabe einzuführen; dank seiner Energie verstand er es, lang- 
sam aber sicher vorwärts schreitend, seinem Geschäftshause mit der Zeit in 
der Schweiz die erste Stellung zu verschaffen und demselben auch im Aus- 
lande einen geachteten Namen zu sichern. Als B. aus Gesundheitsrücksichten 
1893 sein Geschäft seinen beiden Söhnen (aus seiner Ehe mit Cäcilie Rychner 
von Aarau) abtrat, zählte dasselbe rund 2000 Arbeiter (Fabriken in Schönen- 
werd, Gösgen, Aarau, Schöftland, Gränichen und Klingnau und Verkaufs- 
filialen in London, Montevideo und Buenos Aires.) Seine nie rastende That- 
kraft hat das ehemals kleine und stille Dörfchen Schönenwerd zu einer 
schönen und wohlhabenden Ortschaft umgestaltet, zu deren Aufblühen er 
nach den verschiedensten Richtungen hin seine ganze Arbeitskraft einsetzte. 
Ihm verdankt die Gemeinde die Errichtung der Bezirksschule und einer 
Kleinkinderschule, die Erstellung einer grossen Brücke über die Aare, den 
Bau von Arbeiterwohnungen und Kosthäusern u. s. w.; öde Strecken Landes 
längs des Flusses verwandelte er in prächtige Parkanlagen. Durch seine 
Initiative wurde Schönenwerd eine eigene katholische Pfarrgemeinde zu Theil 
(1859), der er ebenfalls sein lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Dieselbe 
schloss sich im October 1876 der christkatholischen Kirche der Schweiz an, 
welcher Franz B. von Anfang an mit ganzer Seele als streitbarer Kämpe, 
der seiner Ueberzeugung mannhaften Ausdruck zu verleihen wusste, angehört 
hat und in deren obersten Behörde er als Synodalrath von 1878 — 1893 
thätig gewesen ist. Wie auf dem kirchlichen, so stand B. auch auf dem 
politischen Gebiete getreulich zur freisinnigen Fahne; er vertrat von 
1861 — 1885 den Bezirk Ölten im solothurnischen Cantonsrathe und von 
1875 — 1878 den Canton Solothum im schweizer. Nationalrathe, in welchem 
es sich erfolgreich für den Erlass eines Patent- und Erfindungsschutz-Gesetzes 
bemühte. »Papa« Bally, wie ihn seine Gemeindegenossen bezeichnender 
Weise nannten, wurde Ende 1893 von einem schweren Nervenleiden befallen, 
von dem er erst nach sechs Jahren erlöst wurde. 

Vgl. Worte der Erinnerung an Hrn. Carl Franz Bally - Rychner von Schoenenwerd 
(1821 — 1899). 8. Aarau, 1899. 

Hans Herzog. 

Struckmann, Johannes, Oberlandesgerichtspräsident, * 23. März 1829 zu 
Osnabrück in einer Juristenfamilie, f 12. Mai 1899 zu Köln. Er studirte auf 
den Universitäten Heidelberg, Berlin und Göttingen, trat März 1851 in den 
hannoverschen Staatsdienst, war 1862 — 66 Obergerichtsassessor in Hannover, 
Secretär der Commission zur Ausarbeitung einer Civilprozessordnung, gehörte 
1867 — 70 dem preussischen Abgeordnetenhause, 1874 — 78 als hervorragendes 
Mitglied der nationalliberalen Fraction dem Reichstage an, war eifrig thätig 
in der sog. Reichs- Justiz-Commission. Er war 1870 zum Rath am Appellations- 
Gericht zu Cöln berufen worden; 1872 zum Obertribunalrath befördert, war 
er auch ein Jahr lang Mitglied des Ober Verwaltungsgerichts. Am i. October 
1879 trat er an die Spitze des Landgerichts zu Hildesheim, wurde 1878/79 
von der Universität Leipzig durch Verleihung der Doctorwürde geehrt, 1886 
zum Oberlandesgerichtspräsidenten in Kiel und im September 1887 zu Köln 
ernannt. Hier hat er sich als leuchtendes Vorbild treuer Pflichterfüllung die 
Hochachtung und Liebe seiner Berufsgenossen wie der Bevölkerung in hohem 
Grade er^'orben. Er rief die Juristenfeste des Rheinlandes und bei der 
juristischen Vereinigung in Köln die Einrichtung einheitlicher und systematischer 



120 Struckmann. Schröder. Hayduck. 

Vorträge über das BGB. ins Leben. Voll Begeisterung für Vaterland, Kunst 
und Wissenschaft war er in schlichtem, anspruchslosem Auftreten der liebens- 
würdigste Gesellschafter. Zum 70. Geburtstage widmeten ihm die Collegen 
des Gerichtshofes eine Adresse; ebenso ernannte ihn am 8. April 1899 die 
Juristische Gesellschaft zu Berlin zu ihrem Ehrenmitgliede. Literarisch machte 
er sich ausser durch ältere kleine Arbeiten zum Hannoverschen Provinzial- 
recht durch Herausgabe eines Commentars zur Civilprozessordnung (mit 
R. Koch) bekannt, der wegen seines hohen Werthes grossen Anklang fand 
und nach seinem Tode von R. Rasch und P. Koll nach der Fassung des 
Gesetzes vom 20. Mai 1898 bearbeitet in siebenter Auflage erschien. Ebenso 
hatte er mit R, Koch die preussischen Ausfuhrungsgesetze zu den Reichs- 
justizgesetzen 1881 herausgegeben. 

Nach dem Nekrolog des VVirkl. Gebcimraths Dr. R. Koch, Reichsbankpräsidenten 
in Berlin (Deutsche Juristen-Zeitung 1899 S. 229/30). 

A. Teichmann. 

Schröder, Frederik A., deutsch-amerikanischer Industrieller und Politiker, 
* 9. März 1833 2^ Trier, f i. December 1899 zu Brooklyn. Seh. kam 1849 
mit seinem Vater, einem Geometer, nach den Vereinigten Staaten und wurde 
Cigarrenmacher. Der 19 jährige Jüngling gründete 1852 zu Brooklyn eine 
Cigarrenfabrik, die sein kühner Unternehmergeist zu grosser Blüte brachte. 
Eine grosse Rolle spielte er sowohl im engeren Kreise der Oeffentlichkeit, in- 
dem er auf die grossartige Entwickelung seiner zweiten Heimatsstadt sehr tief 
greifenden, nachhaltigen Einfluss ausübte und auch 1876/77 an der Spitze 
ihrer Communalverwaltung stand, als auch in der staatlichen Politik des 
Adoptivvaterlandes. Er hielt sich allen Schachzügen der Beute- und Strebe- 
leute fern, und so bedauerte auch die demokratische Gegenpartei den Heim- 
gang dieses untadeligen Charakters und Vertreters ehrlicher Staatsverwaltung. 
1880 zog er sich ganz von activer Theilnahme am politischen Leben zurück 
und schlug wiederholt die ihm seitens der Republikaner, denen er wie ja die 
meisten Deutschen Nordamerikas zugehörte, angetragenen hohen Staatsämter 
aus. Seh. war die letzten Jahrzehnte seines Lebens nicht blos einer der 
hervorragendsten, sondern auch weitestbekannten Deutsch-Amerikaner. 

Lebensabriss (mit Portrait) i. d. »Gartenlaube«, 2. Beilage zu No. 7 v. 1900; Nach- 
rufe in den meisten Deutschen Zeitungen der Vereinigten Staaten, auch in den englischen 
New-Yorks. 

Ludwig Fränkel. 

Hayduck, Maximilian, Chemiker, * 22. August 1842, f 5. October 1899 
in Berlin, wohnte längere Zeit im nahen Pankow. Er gehörte seit 1883 der 
Universität zu Berlin, wo er einige Jahre vor dem Tode Titularprofessor 
wurde, und schon etwas länger der dortigen Landwirthschaftlichen Hochschule 
als Privatdocent für Chemie an. An beiden Lehranstalten las er vorzugs- 
weise über Gärungschemie. Auf diesem Gebiete ist ihm durch langjährige 
Forschung und Versuche manche für die Brauerei, Brennerei, Stärkefabrikation 
und ähnliche Zweige der Praxis wichtige Beobachtung gelungen. Seine 
wissenschaftlichen Arbeiten pflegte Dr. H. in verschiedenen chemischen 
Journalen und in der »Zeitschrift für Spiritusindustrie« zu veröflfentlichen. 

Notizen in T'ageszeitungen nach dem Tode. Akademische NachschlagebUcher. Tod 
registrirt »Literar. Centralbl.« 1899, Sp. 1450. 

L. Fränkel. 



Gelder. Waser. 121 

Gelder, Lucia van, Genremalerin, * 18. November 1864 zu Wiesbaden, 
t 18. April 1899 zu München, erhielt die erste Anregung zur Malerei als 
Tochter des Kunsthändlers Em. van G. zu Wiesbaden, wo sie unter den 
Schöpfungen trefflicher Meister aufwuchs. Als der Vater seine Thätigkeit 
nach München verlegte, übernahm Professor Liezenmayer ihre Ausbildung im 
Zeichnen; Max Thedy führte sie ein in das Gebiet der Farbe. Nebenbei 
förderte sie sich durch das Studium der alten Meister in der Pinakothek. 
Mit achtzehn Jahren trat sie als selbständige Künstlerin auf, sowohl im Por- 
traitfache, wie mit kleinen, sehr anziehenden Genrestücken, z. B. einem alten, 
mit Näharbeit beschäftigten Mütterchen (1883) ^^^ ^^^ lieblichen Kinder- 
scenen wie ^Die Schaukel« (als Holzschnitt in lieber Land und Meer 1886. 
57. Band Seite 121), »In der Kirche« (Illustr. Ztg. Lpz. 1887), »Der kleine 
Doctor« (Gartenlaube 1887. No. 19), wo ein Knabe mit ernster Kennermiene 
dem Lieblingskätzchen seines Schwesterleins den Puls fühlt, ein Stoff, welchen 
die Malerin in wesentlich verschiedenen Varianten wiederholte (in No. 17 
Ueber Land und Meer 1896 und im Illustr. Familienkalender für 1897), die 
durch Photographie, Holzschnitt und Farbendruck weit verbreitet wurden. 
Dazu kamen »Der eingeseifte Othello«, »Der Dorfbader«, »Contrebande«, die 
'Wundersame Erzählung«, die »Geigenspielerin« (1898), »Am Krankenbett« und 
dergleichen gelungene Darstellungen mit anmuthigen Kinderspielen, launigen 
Dorfbegebnissen, Alles herzerfreuend und gesund. Die Künstlerin wird als 
eine Gestalt von ätherischer Schlankheit geschildert, wie aus einem der idealen 
Bilder Rossettis oder Burne Jones herniedergestiegen; immer selbst ein holdes 
Bild, ob sie sicher und graziös an ihrer Staffelei arbeitete oder in Mussestunden 
die geliebte Violine mit wohlbeherrschtem Bogen handhabte, — so waltete sie 
wie ein glücklicher Sonnenstrahl unter ihren Angehörigen. Die übermächtige 
Empfindung dieser schönen Seele zehrte leider frühzeitig die allzu zarte Hülle auf. 

Vgl. Das geistige Deutschland S. 221. und die Nekrologe im Abendblatt 108 »All- 
gemeine Ztg.« vom 19. April 1S99 und Alfred Niedermanns kurze und schöne Charakteristik 
im Kunstvcreins-Bcricht für 1899 S. 70. 

Hyac. Holland. 



Wascr, Joseph Ritter von, Oberlandesgerichtspräsident in Graz, * 12. März 
181 1 zu Pettau in Steiermark, f 12. Mai 1899 zu Graz. Er promovirte in 
Wien zum Doctor beider Rechte, wurde 1836 Supplent des Strafrechtslehrers 
Jenull in Wien, 1838 Professor des Strafrechts und der Rechtsphilosophie in 
Innsbruck, 1848 Landrath daselbst, 1850 Staatsanwalt in Graz, dessen Ehren- 
bürger er wurde, da er durch gelungene Durchführung eines Testaments- 
fälschungsprozesses der Gemeinde 300000 fl. errang. Die Einführung der 
Strafprozessordnung von 1850 eröffnete ihm ein reiches Arbeitsfeld. Zu Be- 
ginn der parlamentarischen Aera wurde er für Pettau in den steierischen 
Landtag und von diesem in den Reichsrath gewählt. Seine hervorragenden 
juristischen Kenntnisse veranlassten seine Berufung in alle Ausschüsse, die sich 
mit den wichtigsten codificatorischen Arbeiten auf dem Gebiete des Ver- 
fassungsrechtes und der Justizgesetzgebung zu befassen hatten, wobei er für 
die Strafgesetzgebung den Standpunkt der modernen fortschrittlichen Wissen- 
schaft, namentlich als Verfechter der Freiheit der Presse und des Geschworenen- 
gerichts vertrat. Nach der Aera Belcredi kam er als Landgerichtspräsident 
nach Klagenfurt, unter dem Bürgerministerium als Sectionschef in das Justiz- 



12 2 Waser. Ruperti. 

ministerium. Er war betheiligt an den Arbeiten ftir eine Griindbuchordnung, 
die unter Hohenwart zustande kam, und für eine Civilprozessordnung. Seit 
1875 war er Oberlandesgerichtspräsident in Graz und sehr thätig bei der 
Durchführung der von seinem Freunde Glaser geschaffenen Strafprozessordnung 
von 1873. Unter Taaffe begann sein Kampf gegen die rückschrittliche und 
slavisirende Richtung im Justizwesen, die in der Berufung von Prazak zum 
Leiter des Justizministeriums ihren Ausdruck fand. Nach Feier seines vierzig- 
jährigen Dienstjubiläums (1876) erfolgte seine Berufung ins Herrenhaus am 
19. December 1877. Am 8. November 1892 erhielt er die erbetene Pen- 
sionirung. Belebend und fördernd wirkte er auf die wissenschafdiche Ver- 
tiefung und das Ansehen des Richterstandes ein. Ein Meister des Ausdrucks 
in Wort und Schrift, hielt er auf kurzen, klaren Vortrag, auf gewandten Stil 
in der schriftlichen Darstellung. Jahrzehnte hindurch führte er in der Allg. 
Oesterr. Gerichts -Zeitung eine ständige Rubrik, in der er Fragen des Straf- 
rechts und des Strafprozesses vom Standpunkte der Wissenschaft und der 
Praxis ganz vortrefflich erörterte. Auch sonst hatte er in juristischen Zeit- 
schriften werthvolle Beiträge geliefert, so im »Gerichtssaal« 1851, II. 77 ff., 
3 73 ff., auch 1839 das Strafgesetz über Verbrechen sammt den dazu gehörigen 
Verordnungen herausgegeben. Mit grossem Freimuthe trat er offen der anti- 
semitischen Bewegung entgegen, in Erlassen an die ihm unterstehenden Be- 
amten wie in öffentlichen Reden. So hielt er noch am 15. Mai 1891 im Stift 
Rein eine Rede gegen die Corrumpirung der Jugend durch Verbreitung rück- 
schrittlicher Ideen der Intoleranz und gegen das politische Streberthum im 
Priesterstande. Noch in hohem Greisenalter betheiligte er sich an den Er- 
eignissen des Tages. Dabei war er von wahrhaft puritanischer Einfachheit in 
seinen Sitten. Als Comthur des Franz Joseph-Ordens mit Stern (1870) war 
er in den Ritterstand erhoben worden. Er hinterliess eine Tochter, die 
Obersten wittwe Frau Anna von Sedlmayer- Seefeld, zwei Enkelinnen, Frau 
Marie von Ehrfeld und Margarethe Luggin, sowie einen Enkel, den Juristen 
Georg von Sedlmayer. 

Vgl. Neue Freie Presse No. 12470 vom 12. Mai 1899 — Allg. Oesterr. Gerichts-Zeitung 
1892 No. 46, 1899 ^^* 21 — ^* Ullmann, Lebrb. d. österr. Strafprozessrechts (2) 1882 
S* 35> 38 u. öfter; derselbe in Holtzendorffs Handb. d. deutschen Strafprozessrechts 
1899« ^ 79 "°^ i"^ Lehrb. d. dtsch. Straf prozessrechts 1893 ^* 7^ — Glaser, Handb. d. 
Strafprozesses 1883, I, 332 — Wurzbach, Biogr. Lexikon Bd. 53 (1886) S. 127 fr. — Vor- 
rede in J. Mitterbachcr, Die Strafprozessordnung vom 23. Mai 1873, Wien 1882 — 
W. E. Wahlberg, Gesam. kleinere Schriften und Bruchstücke, Bd. II Wien 1877 S. 171, 174. 

A. Teichmann. 



Ruperti, Hans Heinrich Philipp Justus, D. theol., Generalsuper- 
intendent von Holstein, * 21. Dezember 1833 in Kirch - Osten bei Stade, 
f 16. Mai 1899 in Neumünster. — R. ist einer alten niedersächsischen 
Pastorenfamilie entsprossen, die der engeren Heimat eine Reihe tüchtiger 
Geistlichen gegeben hat: der Grossvater des letzt verstorbenen Holsteinischen 
(leneralsuperintendenten, bekleidete dasselbe oberste Kirchenamt in Stade, und 
der Vater, Georg Ernst, Verfasser eines verdienstlichen Buches über »die 
Kirchen- und Schulgesetzgebung für das Herzogthum Bremen und Verden«, 
wurde schon einige Jahre nach der (ieburt unseres R. aus dem Pfarrdorf 
Kirch - Osten bei Stade in die Superin tendentur Lesum bei Bremen berufen. 
Dort hat Justus seine Jugend verlebt, bis das Gymnasium in Verden ihn dem 



Rupert!. 123 

Elternhause entzog. Der gründlichen Gjonnasialvorbildung folgten die 
Universitätsstudien in Erlangen und auf der Landeshochschule Göttingen. 
Doch noch bevor er dem amtlichen Schlussexamen sich unterzog, wurde er als 
Prediger an dem von einem Kreise christiicher Kaufleute in Bremerhaven ein- 
gerichteten Auswandererhospiz angestellt; als solcher hat er auch in der damals 
kirchlich nur kärglich versorgten Bremerhavener Gemeinde mit Erfolg gearbeitet. 
Im Winter 1857 folgte dann die Prüfung pro ministerio in Stade. Aber Bremer- 
haven hielt ihn auch fernerhin. Insbesondere als die dortige Gemeinde sich 
zu den Principien der preussischen »Union« bekannt und als unirte sich 
constituirt hatte, fand sich ein Kreis bekenntnisseifriger Lutheraner zusammen, 
deren geistlicher Mittelpunkt der junge R. war, und die nach langen schweren 
^Existenzkämpfen i. J. 1862 die staatliche Anerkennung als evangelisch -luthe- 
rische Gemeinde erreichten. Als Pfarrer der »Kreuzkirche« wurde er von 
ihnen zum Pastor gewählt, am 7. Januar 1862 in Stade ordinirt, und hat 
neun Jahre lang sich hier als Seelsorger treu bewährt 1871 wurde er vom 
Consistorium in Stade als Pastor primarius nach Geestendorf berufen, ver- 
tauschte aber schon zwei Jahre später diesen Posten mit der Stelle eines 
Pfarrers der St. Matthäi-Gemeinde in New- York, wohin ihm seine alten Be- 
ziehungen aus den Jahren seiner Auswandererseelsorge den Ruf bewirkt 
hatten. Die Universität Leipzig hat ihn bald danach zu ihrem theologischen 
Ehrendoctor ernannt. Doch bereits nach drei Jahren musste er wegen 
Ueberanstrengung das Amt in der Hauptstadt der neuen Welt aufgeben. 
Nach der Rückkehr in die alte Heimat (1876) erholte er sich indess bald 
wieder und konnte im selben Jahre einen Ruf des Grossherzogs von Olden- 
burg als Kirchenrath und Superintendent nach Eutin annehmen. 15 Jahre ist 
er dort mit frischer Kraft thätig gewesen, bis 1891 die Wahl zum General- 
superintendenten der holsteinischen Provinzialkirchenpflege auf ihn fiel und 
er nach Kiel übersiedeln musste. Hier hat er insbesondere durch Errichtung 
neuer Gemeinden, Theilung übergrosser Parochien und Erbauung dadurch 
nothwendig gewordener neuer Kirchen in Segen gewirkt. Doch zeigten sich 
bereits im Jahre 1897 die Folgen erneuter Ueberanspannung seiner Kräfte in 
einer schweren Erschütterung seiner Gesundheit. Dennoch versah er sein 
Amt weiter, bis ihn auf einer Generalvisitation in Neumünster, am 14. Mai, als 
er eben noch über Matth. 28, 20 anscheinend in alter Frische gepredigt hatte, 
nach der Rückkehr ins Pfarrhaus ein Schlaganfall traf, an dessen Folgen er 
in der Nacht des 1 6. Mai sanft entschlafen ist, nachdem er noch mit zitternder 
Hand den Namen Jesus, das Bekenntniss seines Glaubens und Lebens ge- 
schrieben hatte. — R. ist auch reichlich literarisch thätig gewesen: unter 
dem Titel »Licht und Schatten aus der Geschichte des Alten Testaments« 
hat er vielgelesene Bibelstunden über das Leben Samuels herausgegeben. 
Ebenso hat eine Predigtsammlung mit dem Motto: O Sonnenschein! viele 
Freunde gefunden. Eine Broschüre aus dem Lutherjahre sucht »Luther nach 
seiner religiösen Bedeutung« ins Licht zu stellen. Seine Erfahrungen als 
Pastor in New - York sind in interessanten »Amerikanischen Erinnerungen« 
niedergelegt. Aus dem praktisch kirchlichen Leben erwachsen und ihm zu 
dienen bestimmt sind seine »Christenlehre nach dem kleinen Katechismus 
Luthers« und sein liturgisches Schriftchen: »Abschied vom alten Gesang- 
buch«. Noch in seinen freieren Eutiner Tagen hatte er ein grösseres 
biblisch - theologisches Werk begonnen: »Pauli Leben und Briefe«, das aber 
nur bis zum Stoff des I. Corintherbriefes auszuführen ihm vergönnt war. — 



124 Ruperti. Polko. 

Um seine Nachfolge in der Generalsuperintendentur der vom Dänenthura 
hart bedrängten Provinz haben sich leider wenig erquickliche nationale Kämpfe 
entwickelt. 

Kohlschmidt. 

Polko, Elise, Schriftstellerin, * 13. Januar 1823 zu Wackerbartsruhe bei 
Dresden, f 15. Mai 1899 zu München, erhielt als die Tochter des bekannten 
Pädagogen Dr. Carl Vogel eine vortreffliche Erziehung. Mit ihrem Vater, 
der damals als Mitdirector des Langschen Instituts in Dresden wirkte, über- 
siedelte sie nach dessen Ernennung zum Vorstand der Allgemeinen Bürger- 
schule nach Leipzig; durch ihre eminente Anlage für Musik wurde sie mit 
Felix Mendelssohn-Bartholdy bekannt. Bald reifte der Entschluss, ihre schöne, 
sympathische Stimme auszubilden. Nach einem längeren Aufenthalt zu Berlin, 
wo sie im Hause der Fanny Hensel mit vielen musikalischen Grössen und 
bedeutenden Namen verkehrte, betrat sie zu Frankfurt am Main als Pamina 
(Zauberflöte), Zerline (Don Juan) und Cherubin (Figarro) die Bühne, wendete 
sich dann mit guten Empfehlungen nach Paris zu dem berühmten Gesang- 
meister Manuel Garcia, dessen reizvollen Unterrichsstunden sie später unter 
»Rue Chabannis No. 6« in ihren »Musikalischen Märchen« so anmuthend 
schilderte. Zurückgekehrt, heiratete sie 1 849 den Eisenbahn-Ingenieur Polko 
und erlebte, anfangs in Minden, später in Wetzlar und dann zu Deutz-Cöln 
ein schönes Glück, bis sie erst ihren einzigen Sohn und bald auch 1887 
ihren Gatten verlor. P. nahm zu Wiesbaden, Frankfurt a. M. und zuletzt in 
München ihren Wohnsitz, wo sie infolge eines 1888 zu Schliersee erlittenen 
Unfalls, nach schwerem Leiden bei ihrer Schwester Frau Julie Dohmke aus 
dem Leben schied. Frühzeitig hatte sie zur Feder gegriffen und durch ihre 
Erzählungen und Charakterschilderungen, insbesondere aus der musikalischen 
Welt, ein dankbares Publikum gewonnen. Eine Auswahl gruppirte sie in den 
»Musikalischen Märchen«, deren erster Band 1852 erschien und bis 1889 
dreiundzwanzig Auflagen benöthigte, während der zweite spätere Band der 
dreizehnten Auflage sich erfreute. Mit grosser Erzählerkunst berichtet sie aus 
Vergangenheit und Gegenwart, aus den Zeiten der Troubadours, aus dem 
Leben berühmter früherer Dichter, insbesondere aber über berühmte Com- 
ponisten des vorigen Jahrhunderts und der neueren Zeit. Im wohlfliessenden 
Feuilletonstil verarbeitete P. ihre Studien und Kenntnisse, insbesondere über 
das Rococozeitalter, welches sie mit farbiger Anschaulichkeit vorzuführen ver- 
stand. Da erscheinen Sebastian Bach in seinen Beziehungen zum Churfürsten 
von Sachsen, Gluck und Maria Antoinette, Franz Benda, der Stifter des 
schönsingenden Violaspieles, Reichardt und C. F. Zelter, der junge Amadeo 
Mozart, die Genesis des Mendelssohnschen »Sommernachtstraumes« und 
Pergoleses »Stabat mater«, Joh. (xottlob Schneider, Beethoven, Franz 
Schubert, Franklin als Erfinder des Harmonika, C. M. von Weber, Paganini, 
J. R. Zumsteeg, Gretry und Friederike von Sesenheim (1767), die Catalani, 
Marian- Malibran-Garcia, Georg Händel, Fanny Hensel, dann ihr vorgenannter 
Singmeister Manuel Garcia, Boieldieu, Lorzing, Cimarosa und als ein »Ver- 
gessener« Ludwig Berger (Mendelssohns Lehrer), Simon Dach mit seiner 
»Anke van Tharaw« und viele Andere. Der zweite Band (mit der Dedication 
an Wilhelmine Schröder -Devrient, der ehedem so gefeierten Darstellerin des 
»Fidelio«), befasst sich mit Lessing und Margaretha Schwan, Emanuel 
d'Astorga, Carl Fr. Abel (1725 — 1787) der letzte Gambenspieler, Jean 



Polko. Kobelt. 



"5 



Baptiste Lully (f 1687), das im Alter von 17 Jahren verstorbene dichterische 
Sonntagskind Elisabeth Kulmann, der Musikmeister Fr. W. Herschel, Carl 
Ditters mit vielen anderen, mehr oder weniger bekannten, immer aber 
anziehend gezeichneten Grössen. Sie hat Loorbeerkränze und Cy pressenzweige 
mit pietätvoller Hand vor Portraitbüsten und Charakterköpfen niedergelegt, 
Manches ist auch leicht hingehauchten Aquarellen zu vergleichen, bisweilen 
aber hat P. ihre Gestalten und Figuren gar zu novellistisch oder romantisch 
aufgeputzt. Sehr verdienstlich sind ihre »Erinnerungen an Mendelssohn- 
Bartholdy« (1868), doch gelang es ihr nicht, den ebenso aus seinen 
Compositionen wie aus seinen »Reise- und Freundes - Briefen« fascinirend 
klingenden Stil zu erreichen, wohl aber ein packendes Bild seiner Thätigkeit 
zu gestalten. Von echter Liebe zeigen ihre »Erinnerungen an Dr. Carl 
Vogel« (1863) den hochverdienten, seinem Forschungseifer zum Opfer ge- 
fallenen Bruder, den berühmten Afrika - Reisenden. Besondere Erwähnung 
verdient ihr Buch »Vom Gesänge« (1876), das recht geeignet ist, deutscher 
Kunst im deutschen Hause eine bleibende Stätte zu bereiten. 

Dagegen blieb sie mit den meist sehr willkürlich erfundenen »Dar- 
stellungen aus der Künstlerwelt« (1858), welche als »Künstlermärchen und 
Malernovellen« 1879 wieder erschienen, weit hinter den längst vergessenen 
Schilderungen der Johanna Schopenhauer über »Johann van Eyck und seine 
Nachfolger« (1822) zurück. Ermüdend wirkt auch die unüberwindliche Me- 
thode, Alles im Plaudertone zu dialogisiren. Weit besser gelangen ihr die 
biographischen Portraitbilder der »Fürstin Pauline zur Lippe« (1870) und der 
schönen »Königin Luise« (i88i). Das »Alte Herren« betitelte Buch (1866) 
behandelt die Vorläufer und Zeitgenossen des Sebastian Bach, während 
»Unsere Musikklassiker« (1880) mehr der neuen Zeit gerecht werden. P. 
schrieb auch viele Romane (Faustina Hasse 1860; Die Betteloper 1864 ; Paganini 
und der Geigenbauer 1876; Umsonst 1882), verfasste gute Novellen, welche 
seit 1890 in 14 Bänden vorliegen und sammelte unter dem Titel »Dichter- 
grüsse«, »Hausgarten«, »Brautstrauss« u. dgl. allerlei lyrische Anthologien. 

Ihr anziehendes Portrait (gemalt von Jos. Schex, gestochen von Sichling) ist dem 
ersten Bande der »Musikalischen Märchen« beigegeben. Andere Bildnisse finden sich in 
No. 28 >Ueber Land und Meer« 24. Bd. 1870 (nach einer Zeichnung von Fritz Kriehuber) 
und nach einer späteren Photographie in No. 2335 und 2917 der »Illustr. Ztg.« Leipzig 
31. März 1888 und 25. Mai 1899. Ihr ziemlich umfangreiches Rücklassmobiliar wurde am 
27. und 28. Mai 1899 zu Mtlnchen versteigert. 

Vgl. T. A. von Grimm: »Ein Besuch bei Elise Polko« in No. 28 Ueber Land und 
Meer, 24. B. 1870. Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen 1898. Kürschner 1899. 
S. 1057 (giebt 1832 als Geburtsjahr, worUber die Dichterin zeitlebens jede Auskunft ver- 
wehrte). Nekrolog in No. 2917 >lllustr. Ztg.« Leizig 25. Mai 1899. ^i^^c schöne bio- 
graphische Studie (mit Portrait) von C. Gerhard in Frida Schanz' »Junge Mädchen« (1899) 
V. Jahrgang S. i87ff. BrUmmers »Lexikon« giebt (in der 4. Aufl. III, 237) das Geburts- 
jahr 1823. 

Hyac. Holland. 

Kobelt, Karl Ulrich Gottfried Julius, Pastor, ♦ 5. November 1847 in 
Pinne (Prov. Posen), f 6. April 1899 in Neinstedt a. Harz. 

Der verdienstvolle Leiter der weitverzweigten Anstalten für Innere Mission 
in Neinstedt-Thale am Harz ist seiner 24jährigen vielgesegneten Thätigkeit 
durch einen schmerzlichen Tod in Folge eines durch Ueberanstrengung ver- 
ursachten Gehirnleidens entrissen worden. K. war geboren als erster Sohn 
des Küsters und Lehrers Gustav K. in dem Flecken Pinne im posenschen 



126 Kobelt. 

Kreise Samter und hat im Eltemhause früh ernste und tiefreligiöse Eindrücke 
empfangen. Als sein Vater starb, hat er als Aeltester unter fünf Geschwistern, 
bei völliger Mittellosigkeit der Mutter zunächst am schwersten an dem traurigen 
Geschick zu tragen gehabt. Doch nahmen sich der wackere Ortspfarrer 
Böttcher und die ernstchristlich gesinnte Frau von Rappard getreuhch ihres 
Pathenkindes an und sein Vormund, Freiherr von Massenbach, brachte ihn 
in eine Freistelle des Waisenhauses am königlichen Pädagogium zu Züllichau. 
Nach Ablauf seiner Gymnasialzeit ging er, iS'/» Jahre alt, zum theologischen 
Studium zunächst nach Berlin (1866), wo ihm durch Frau von Rappards Ver- 
mittelung nicht nur der Verkehr in Hengstenbergs Hause ermöglicht ward, 
sondern er auch des Oefteren als Vorleser der verwittweten Königin Elisabeth 
berufen wurde. Während und nach der Zeit des preussisch-österreichischen 
Krieges hat er sich in den Berliner Lazaretten eifrig bei der Pflege ver- 
wundeter und typhuskranker Soldaten bethätigt. Im Mai 1867 kehrte er 
heim, um darauf in Halle sein theologisches Studium zu Ende zu führen. 
Hier ist er Tholuck insbesondere nahegetreten, auch im Hause des berühmten 
Studentenvaters hatte er freien Zutritt und freundliche Aufnahme gefunden. 
In Halle hörte er im Jahre 1868 auch zum ersten Male Wichern reden, ohne 
doch von ihm schon einen bleibenderen Eindruck zu empfangen. 1869 be- 
rief ihn, noch bevor er seine Studien durch eine Prüfung abgeschlossen hatte, 
das Presbyterium der niederländisch-reformirten Gemeinde zu Elberfeld auf 
Anregung ihres temperament- und charaktervollen Pastors Kohlbrügge als 
Frühprediger, Organisten und Leiter des Kirchengesangs; jedoch der aus- 
gesprochen reformirte Typus dieser Gemeinde und ihres Pfarrers, der sogar 
mit allem Eifer seine Stellung ausserhalb der Union behauptete, konnte für K. 
als ebenso streng eifrigen Lutheraner auf die Dauer nicht sympathisch sein. 
So löste sich das Verhältniss bereits nach einem Jahre wieder und der junge 
Candidat legte nun 1870 und 1872 die beiden theologischen Staatsprüfungen 
ab. Im April 1872 wurde er sodann von seiner Heimathsprovinz als Rector 
an die gehobene Knaben- und Mädchenschule in Birnbaum, der Vaterstadt 
Kögels, berufen und übernahm zugleich freiwillig die Pastoration der Nach- 
bargemeinde Radusch, nachdem ihm von dem damaligen posenschen General- 
superintendenten Dr. Kranz die Ordination ertheilt worden war. Wegen eines 
furcht- und rücksichtslosen Vorgehens gegen einen oflfenkundigen Sünder wurde 
er dort einmal Nachts am Leben bedroht; doch ging die Kugel des Attentäters 
fehl. Im November 1874 siedelte er mit seiner jungen Pfarrfrau nach Kosten 
als Pfarrverweser über; doch als er eben begann, sich mit seiner neuen Ge- 
meinde einzuleben, wandte sich sein Studienfreund M. von Nathusius, der 
Sohn des warmherzigen Begründers der Knabenrettungs- und Brüderbildungs- 
anstalt Lindenhof bei Neinstedt, Philipp v. N. und seiner als Schriftstellerin 
berühmt gewordenen Gattin Marie geb. Scheele, mit der immer dringlicher 
werdenden Bitte an ihn, die geistliche Leitung der sehr erst im Aufblühen 
begriffenen Anstalt zu übernehmen. Nach langem Schwanken hat K., auch 
auf Zureden seines alten Freundes und Pathen P. Böttcher, sich dazu bereit- 
gefunden; trat dann aber mit der ihm eigenen Energie in voller Kraft an die 
mühevolle und verantwortungsreiche Arbeit. Bei seinem Eintritt zählte das 
Brüderhaus 58 Brüder, von denen 44 in auswärtigem Dienst standen. Nach 
zehn Jahren, 1885, waren ihrer schon 120 und im Jahre 1898 zeigte es einen 
Bestand von 194 Brüdern nebst 95 Brüderfrauen, deren Arbeit fast über ganz 
Deutschland hin sich erstreckt (die Provinz Sachsen ist natürlich am reichsten 



Kobelt. 



127 



bedacht: 40 Stationen mit 107 Brüdern; doch auch Brandenburg mit Berlin hat 
in Stadtmission und Herbergen 15, Posen 8, Schlesien 3, Rheinland U.Westfalen 5, 
Schleswig-Holstein, Ost-, Westpreussen, Hessen, Bayern, Sachsen-Altenburg je i , 
Braunschweig 4, Anhalt 5, S.-Coburg 3, S.-Weimar 2, Schwarzburg-Rudol- 
stadt 3): ein Zeugniss, wie gerade die unter K's. Leitung gebildeten Hülfs- 
arbeiter der Inneren Mission sich vielfach wohlbewährt haben. Sein Princip 
war, sie vor Allem zur Demuth und christlichen Praxis zu erziehen ; so waren 
ihm auch durchweg Aspiranten aus dem einfachen Handwerkerstande weit 
willkommener als solche aus den sog. »gebildeten Kreisen«. Und seinen 
»Brüdern« immer neue Wirkungskreise, insbesondere den Zutritt in die niederen 
Kirchen- und Küsterdienste zugleich als Diakonen des Pfarramts, sowie in die 
geordnete Krankenpflege zu erschliessen, ist bis ans Ende sein eifrigstes Be- 
streben gewesen. So ist ihm im Kreise der Brüderhausvorsteher nach Director 
Wichem*s Abgang die unbestrittene Leitung und der Vorsitz ihrer Conferenzen 
zugefallen. Von hier aus ist ihm auch unter den Freunden der Inneren Mission 
eine reiche Wirksamkeit beschieden gewesen. Bei der Jubiläumsfeier der 
Inneren Mission in Halle war sein Festvortrag: Die Kirche und ihre Innere 
Mission, kurz vor seinem Tode, sein letztes Wort, sein Testament vor dem 
evangelischen Deutschland in diesen seinem Herzen am nächsten gehenden 
Fragen. — Doch in Neinstedt selbst ist, neben seinem Lieblingskind, dem 
Brüderhaus, sowohl die Rettungs- und Erziehungsanstalt fiir verwahrloste und 
sittlich gefährdete Knaben, wie das Asyl für schwach- und blödsinnige, epi- 
leptische und sonstwie geisteskranke Personen jeden Alters und Geschlechts 
(das Elisabethstift mit seinen Zweiganstalten : Gottessorge, Gnadenthal und Kreuz- 
hülfe I und II) mit einem Pfieglingsbestand von ca. 500 Personen, seiner Ob- 
hut anvertraut gewesen. Ja, als durch das Gesetz vom Jahre 1897 die Für- 
sorge für Schwach- und Drsinnige den Provinzial verbänden auferlegt wurde, 
fragte die Verwaltung der Provinz Sachsen bei ihm an, ob er geneigt sei, die 
Neinstedter Anstalten für diesen Zweck weiter auszugestalten. Er hat es ab- 
gelehnt, weil er für die einheitliche Leitung und den bisherigen Charakter 
seiner Arbeitsstätte fürchtete, für die er überhaupt wohl all zu sehr abgewehrt 
hat, »der ärztlichen Kunst und den wissenschaftlichen Errungenschaften der 
neueren Zeit einen genügenden Eintritt zu gestatten«. Dass es ihm möglich 
wurde, die ganze Anstalt zu einer Gemeinde, auch mit parochialer Selbständig- 
keit und mit eigener Anstaltskirche, zu organisiren (1886), ist sein Stolz und 
seine Freude gewesen. So liegt er nun auch nahe am hohen Chor, der Apsis 
seines mit aller Liebe erbauten und gehüteten Kirchleins begraben, nach 
einem rührenden »letzten Willen«, den er selbst im Bezug auf sein Begräbniss 
bereits im Jahre 1887 aufgezeichnet hat. 

Neben seiner fruchtbaren Anstaltsarbeit hatte auch die Sache der Heiden- 
mission, des lutherischen Vereins, die Gnadauer Oster- und die Berliner 
August-Conferenz in ihm einen warmen Freund und lebhaften Förderer, der 
indess nicht selten bei seiner ausgeprägten Persönlichkeit auch die ihm nächst- 
stehenden Gesinnungsgenossen verletzen und zurückstossen konnte. Daneben 
wird seine literarische Thätigkeit, der die »Blätter vom Lindenhofe« sowie die 
Schäfersche »Monatsschrift für Innere Mission« manchen Beitrag verdanken, 
sein Andenken fortleben lassen. 

Vgl. Karig in »Fliegende Blätter a. d. rauhen Hause« 1899 S. 327 — 336; 348—258. 
M. V. Nathusius in »Blätter vom Lindenhofe« XVI. S. 24 — 33. 

Kohlschmidt. 



128 Ockert. Kühn. 

Ockert, Carl, Thiermaler, ♦ i. Mai 1825 zu Dresden, f 18. Juli 1899 
in München. Sohn eines Kgl. Wildmeisters, besuchte die Akademie seiner 
Vaterstadt, hospitirte an verschiedenen Kunststädten und verblieb schliesslich 
seit 1854 in München. Durch die sorgsamsten Naturstudien bildete er sich 
zum treuen Darsteller der jagdbaren Thiere Deutschlands und der Alpen, 
wobei jedesmal die landschaftliche Umgebung in charakterischer Stimmung 
mitwirkte. Sein Repertoire umfasste Bären und Wildschweine, Hirsche, Rehe 
und Hasen, Füchse, Enten, Schnepfen und Hühner, Murmel thiere (No. 20 
Allgem. Familien-Ztg. 1875) und Wildkatzen. Ein grosses »Jagdalbum« mit 
trefflichen Reproductionen von O.'s Bilder erschien in 36 Blättern bei Hanf- 
stängl (München 1867). 

Maillinger, Bilder-Sammlung III. 1261 ff. Fr. v. Bottich er, Malerwerke. 1898. S. 170. 

Hyac. Holland. 



Kühn, August Friedrich Karl, Dr. phil., Lic. theoL, Kirchenrath, Ober- 
Consistorialrath und Pastor emeritus, * 10. März 18 13 in Billeben (Schwarz- 
burg-Sondershausen), f 3. August 1899 in Sondershausen. — Obwohl Sohn 
eines wackeren Thüringer Pfarrers, scheint K. doch zunächst noch ohne 
eigentlich inneren Beruf dem Studium der Theologie in Halle sich zugewandt 
zu haben. Nach Verlauf seiner akademischen Jahre nahm der Dreiundzwanzig- 
järige (1836), wie damals üblich, eine Hauslehrerstelle an und zwar in Stenne- 
witz in der Mark Brandenburg. Hier kam er, angeblich »unbefriedigt von dem 
Hallenser Rationalismus«, zu dem Entschluss, der Theologie Valet zu geben 
und Philosophie zu studiren. So wurde er in Berlin ein begeisterter Schüler 
Trendelenburgs und promovirte 1843 ^^^ einer Dissertation über Piatos 
Dialektik zum Dr. phil., um sich ein Jahr darauf bei der philosophischen 
Facultät in Halle zu habilitiren. Er hat dort Vorlesungen über Psychologie, 
Logik und Religionsphilosophie gehalten. Tholucks Einfluss aber, in Ver- 
bindung mit Einwirkungen, die er in einem Berliner Kreise junger cliristlich 
gerichteter Männer, insbesondere von seinem nachmaligen Schwager, dem 
Maler Pfannschmidt, empfing, führte ihn zu Theologie und Kirche und ins 
geistliche Amt zurück, so dass er sich 1848 der zweiten theologischen Prüfung 
unterzog, und nachdem er dieselbe mit dem Prädicat »Ausgezeichnet gute 
^ bestanden, das Pfarramt in Bellstedt und Thüringenhausen übernahm. 39 Jahre 
lang, bis 1887, ist er dortselbst verblieben, allerdings unter vielfach erweiterter 
Thätigkeit und mancherlei Ehrungen seitens seines Landesfürsten: 1859 wurde 
er mit dem ihm engbefreundeten Friedrich Zahn, dem nachmaligen ersten 
Geistlichen der Schwarzburg-Sondershausener Landeskirche, in das neu errichtete 
Consistorium berufen und trat, als dasselbe schon 1865 aufgehoben wurde, 
in den dafür begründeten Kirchenrath ein. Für seine Thätigkeit in demselben, 
insbesondere als Examinator bei den Candidatenprüfungen für die neutestament- 
liehe Disciplin und späterhin für die Dogmatik, ist bezeichnend das Elogium 
der »Allgem. ev.-luth. Kirchenzeitung« (No. 33 pag. 799): »Er hat seine 
rationalistische Heimathkirche wieder in eine lutherische Landeskirche ver- 
wandelt.« 

In der That hat sich K. als äusserst energischer Vorkämpfer eines ex- 
tremen Lutherthums bewiesen, so dass selbst die separirten freikirchlichen 
liUtheraner Preussens in ihm ihren warmen Freund und Förderer fanden. 
Eine seiner ersten praktisch -kirchlichen Schriften ist die 1875 veröffentlichte 



Kühn. Hennings. Dambergef. 129 

Broschüre »DieEisenacherConferenz zur Vereinigung der getrennten Lutheraner«; 
und ebenso haben seine letzten Bemühungen eine Versöhnung der unter Führung 
der Immanuelsynode einerseits und des BreslauerOberkirchencoUegiums anderen- 
theils recht sehr feindlichen Brüder des separirten Altlutherthums anzubahnen ge- 
sucht: wenn auch umsonst, soweit es der definitive Bruch von 1899 für Jahr- 
zehnte voraussehen lässt. — Für seine Landeskirche hat K. eine neue evan- 
gelisch-lutherische Agende, sowie ein neues Gesangbuch mitbearbeitet. Sein 
Landesfürst hat ihm durch stufenweise Ernennung vom Consistorialassessor 
zum Consistorial- und Ober-Consistorialrath, sowie durch Verleihung des 
Fürstlich Schwarzburgischen Ehrenkreuzes II. Klasse seine Anerkennung be- 
zeugt. Irgendwie kirchlich -politische Ehren in weiterem Kreise hat er nie 
erstrebt, sein Landpastorat in Bellstedt genügte ihm, und alles Strebertbum 
war seiner bei aller schroffen Einseitigkeit durchaus anständigen Seele höchst 
verhasst. Aber dennoch und gerade darum ist er Vielen bis in die Tage 
seines hohen Alters ein unvergesslicher, väterlicher Berather und Förderer 
geworden. 

Allg. ev.-luth. Kirchenzeitung No. 33. 

Kohlschmidt. 



Hennings, Johann, Friedrich, Genre- und Landschaftsmaler, * 16. October 
1838 zu Bremen, f 29. Juni 1899 in München, Schüler von Oswald Achenbach, 
bereiste Italien, Hess sich zu München nieder. Seine Landschaftbilder tragen 
bei aller Naturwahrheit doch idealen Charakter, leiden aber durch einen 
etwas decorativen Charakter. Insbesondere liebte er Abendstimmungen und 
Mondnächte in sehr harmonischer Färbung; als Staflfage erscheinen häufig 
Herren und Damen, Reiter und Jäger in Rococo-Costümen. Durch ein 
Wechsel reiches Repertoire hielt er sich immer frisch, anziehend und gefällig. 
Am häufigsten costümirte er seine Staffagen im malerischen Stil des vorigen 
Saeculums, wozu natürlich auch immer seine Architektur und landschaftliche 
Umgebung passte; doch holte er seine Stoffe auch aus der neuesten Zeit. — 
Ein ganz gleichnamiger Maler J. Ferd. Hennings starb, 66 Jahre alt, am 
22. Juni 1895 zu München. 

H.'s aus fast 300 Oelstudien, Handzeichnungen, Aquarellen und Bleistiftskizzen 
bestehender Nachlass wurde mit vielen alterthUmlichen Möbeln, CostUmen, Waflen, Teppichen 
und Raritäten am 22. November 1899 durch G. Mössel versteigert. 

Vgl. Fr. V. Bötticher, Malerwerke 1895. I, 498. Müller-Singer 1896. II, 159. 

Hyac. Holland. 

Bamberger, Ludwig, * Mainz 22. Juli 1823, f Berlin 14. März 1899, 
deutscher liberaler Parlamentarier und Schriftsteller. 

Sein Vater betrieb in Mainz einen Tuchhandel und begründete später 
ein Bankgeschäft, das noch heute besteht. Unvergleichlich grösser als der 
geistige Einfluss des Vaters war der der Mutter, einer geborenen Bischoffs- 
heim, die als eine geistvolle Frau geschildert wird. 

Beide Eltern waren Juden und B. selbst ist zeitlebens Jude geblieben; 
die Zumuthung, zu einer anderen Religion überzutreten, würde er als eine 
höchst ungehörige abgewiesen haben. Aber seine jüdische Abstammung hat 
auf seine geistige Entwicklung nicht den geringsten Einfluss ausgeübt. Es 
giebt zwei Arten, in denen bei freidenkenden Juden die Abstammung zum 

BiogT. Jahrbacb u. Deutscber Nekrolog. 4. Bd. n 



130 Bambergcr. 

Ausdruck zu kommen pflegt. Entweder bleibt an ihrer Art zu denken und 
zu . schliessen, etwas Talmudistisches kleben; sie lieben, von gegebenen Vor- 
aussetzungen aus durch eine Reihe von Syllogismen vorwärts zu kommen, 
ohne diese Schlüsse durch die Anschauung zu berichtigen. B.'s späterem 
Parteifreunde Lasker war dies in hohem Grade eigen; B. selbst war 
davon frei, obwohl er sich in seiner Jugend mit dem Talmud und dessen 
Sprache vertraut gemacht hatte. Lasker konnte sich mit Niemandem ver- 
ständigen, der sich nicht bereit erklärte, seiner Gedankenreihe vom Anfang 
an zu folgen; B. hatte eine grosse Geschicklichkeit darin, einen einzelnen Satz 
festzustellen, mit dem der Gegner sich mit ihm in Uebereinstimmung befand 
und wusste daraus Folgerungen zu ziehen, die zu einem modus vivendi 
führten. Die andere Form, von welcher zu sprechen ist, ist die, dass Jemand 
auf seine jüdische Abstammung pocht und sich seines viertausendjährigen 
Adels rühmt. Auch über eine solche Anschauung hätte B. lediglich gelächelt. 
Er hat sich als einen Deutschen gefühlt, und die Frage, ob Jude oder Christ, 
hat für ihn keine andere Bedeutung gehabt als die, ob Katte oder Franke. 
Uebrigens war die Zeit seiner Knabenjahre noch gänzlich frei von Rassenhass 
und B. hat mit gutem Humor erzählt, wie seine katholischen Mitschüler ihn 
oft gebeten haben, ihnen beim Ausdenken von Sünden behülflich zu sein, 
wenn sie zum ersten Male zur Beichte gingen. 

Als er sieben Jahre alt war, erlebte er die Julirevolution. Seiner kind- 
lichen Anschauung fiel auf, einen wie grossen Eindruck das Ereigniss auf die 
bis dahin so stillen Kreise machte, in denen er aufgewachsen war, wne man 
anfing von der Möglichkeit eines Krieges, von weiteren Umwälzungen zu 
sprechen. Der Keim zu Interessen für die politischen Angelegenheiten war 
in ihm gelegt. Es kam der polnische Aufstand, das Hambacher Fest, die 
Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV., die dieses Interesse förderten. Zum 
Ueberfluss bekam er Mignets Geschichte der französischen Revolution als 
Schulprämie geschenkt, und that so den ersten Blick in die Weltgeschichte, 
die der übliche Gymnasialunterricht ihm fern gehalten hatte. 

Als er 1842 die Universität bezog, gehörte er der radicalen Jugend an, 
die für Herwegh und Börne schwärmte, und von der Ueberzeugung erfüllt 
war, dass es ihr beschieden sein würde, grosse Dinge zu erleben. 

Er studirte in Giessen, Heidelberg und Göttingen. Von den Jugend- 
freundschaften die er schloss, sind folgende zu erwähnen. Der Lehrer, der 
ihn am meisten anzog, war Heinrich Bernhard Oppenheim, der die akademische 
I^aufbahn bald aufgab, und sich als geistvollen Publicisten bekannt machte. 
Unter seinen Commilitonen schloss Friedrich Kapp die innigste Freundschaft 
mit ihm und ist eine ihm congeniale Natur geblieben. Ein Oldenburger 
Namens Bulling blieb mit ihm brieflich verbunden und war, als er spät nach 
Berlin übersiedelte, täglicher Gast in seinem Hause. Auch Jacob Moleschott, 
einem anderen Fache angehörig, hat lebhaft auf ihn gewirkt und Interesse 
für naturwissenschaftliche Fragen in ihm wachgehalten. 

Im Jahre 1845 bestand er das Examen pro facultate, und nachdem er 
zwei und ein halbes Jahr als Assistent thätig gewesen ^ war, das Staatsexamen. 
Die Aussicht auf eine Advocatur war fern, da in Hessen ein numerus clausus 
bestand, die Aussicht auf ein richterliches Amt wegen seines Judenthums aus- 
geschlossen. Die Qual einer Berufswahl ersparte ihm die Märzrevolution, die 
ihn zum Journalisten und zum Volksredner machte. Am 6. März entliess der 
Grossherzog von Hessen sein altes Ministerium auf das immer stürmischer 



ßamberg«ir. i^f 

auftretende Verlangen des Volkes und bewilligte alle freiheitlichen Forderungen. 
Am 8. März feierte die Stadt Mainz diese Revolution in einem glänzenden 
üflfentHchen Fest; am 9. März besuchte B. den Verleger der Mainzer Zeitung, 
eines Blattes, das bis dahin täglich in einem zusammengefalteten Quartblatt 
erschienen war, und trug sich ihm als Redacteur an. Das Anerbieten wurde 
angenommen, obwohl B. dem Verleger als ein in Zurückgezogenheit lebender 
Mann völlig unbekannt geblieben war. Am 10. März erschien der erste Leit- 
artikel in dem erheblich vergrösserten Blatt und lieferte den Beweis, dass B. 
ein geborener Publicist sei. Nach 37 Jahren konnte er eine Auswahl der 
Artikel, die er als ein vierundzwanzigjähriger Mann geschrieben, dem Publikum 
von Neuem vorlegen. Ausser den Leitartikeln schrieb er Berichte aus dem 
Frankfurter Parlament und besorgte einen grossen Theil der Redactionsarbeiten. 
Das Programm der Zeitung war ein sehr einfaches: Ein einiges Deutschland und 
zu diesem Behuf die Beseitigung der deutschen Fürsten, welche das Hindemiss 
der deutschen Einheit bilden. Ohne Zweifel Hochverrath gegen das Gross- 
herzogthum Hessen-Darmstadt. Noch deutlicher trat B. mit seinen Ansichten 
hervor, als er am 16. April in einer Volksversammlung das Wort ergriff und 
eine Resolution für die Annahme der republikanischen Regierungsreform durch- 
setzte. Er rief freilich dadurch Gegenwirkungen hervor, die ihn nöthigten, 
schon am 5. Mai sich von der Redaction der Zeitung zurückzuziehen. 

Er siedelte nunmehr gänzlich nach Frankfurt über, um als Berichterstatter 
über das Parlament thätig zu sein und kam hierdurch in vielfache Berührungen 
mit allen hervorragenden Männern der linken Seite. Im October nahm er 
an dem demokratischen Congress in Berlin Theil und hatte hier mehrfach 
scharfe Auseinandersetzungen mit Vertretern der communistischen und an- 
archistischen Richtung. 

Schon gegenwärtig war es ihm klar geworden, dass die Revolution des 
Jahres 1848 misslungen sei. Er wollte indessen von der Fahne, die er er- 
griffen, nicht lassen. Die Phrasenhaftigkeit mancher Wortführer der Demo- 
kratie, die Uneinigkeit in den Reihen der Partei presste ihm bittere Worte 
ab, er wollte aber fortfahren, der Sache zu dienen. Nach Mainz zurückgekehrt, 
Hess er sich bewegen, die Redaction der Zeitung wieder zu übernehmen, da 
dem bisherigen Redacteur der Boden zu heiss geworden war. Schon war ef 
wiederholt von der Polizei verfolgt worden, und als der Staatsanwalt in Mainz 
eine Anklage auf Hochverrath und Landesverrath gegen ihn erhob, erkannte 
er, dass seines Bleibens nicht in dieser Stadt sei. 

Am 9. Mai verliess er Mainz und betheiligte sich an dem Aufstande in 
der Pfalz; der unglückliche Verlauf dieses Aufstandes zwang ihn, am 22. Juni 
die Schweiz als Flüchtling zu betreten, zunächst in Basel, von wo er bald 
nach Zürich übersiedelte. Seit Monaten schon hatte sich in ihm die Ueber- 
zeugung festgesetzt, dass es unmöglich sei, die deutschen Zustände auf dem 
Wege der Revolution zu verbessern. Ehrgefühl hatte ihn bis dahin gehindert, 
sich von den Genossen zu trennen, aber jetzt empfand er das Scheitern ihrer 
Unternehmungen persönlich als eine Erlösung. Er Hess es seine erste Arbeit 
in der Schweiz sein, »Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung im Mai und Juni 
1849« niederzuschreiben und durch den Druck zu veröflfentlichen, in denen 
er die strengste Rechenschaft über alle begangenen Fehler, die ein Scheitern 
zur noth wendigen Folge haben mussten, gab. Er erklärte es ftir eine einfache 
Forderung des gesunden Menschenverstandes, sich bis in das Einzelne klar 
zu machen, an welchen Fehlern man zu Grunde gegangen sei. 



tj2. fiamberger. 

Nichts in der Welt würde ihn vermocht haben, ähnliche Wege jemals 
wieder zu betreten. Das Treiben unter den Flüchdingen, die meinten, in 
einigen Jahren oder Monaten würde man vor einem ähnlichen revolutionären 
Sturm stehen, sah er mit Spott und Verachtung an. Eine journalistische 
Thätigkeit wieder aufzunehmen, lag ihm fem. Aber eben so weit war er von 
einem schwächlichen Bedauern oder gar Anwandlungen der Reue entfernt. 
Von dem Augenblicke an, wo er von den Sorgen um die Zukunft befreit 
war, sah er auf diese Lehr- und Wandeijahre mit vollkommener Heiterkeit 
des Gemüths zurück. Er hatte nach bester Ueberzeugung und in bester Ab- 
sicht gehandelt; er hatte geirrt in einer Zeit, wo sich Niemand rühmen konnte, 
ohne Irrthum davongekommen zu sein. Er hatte die Folgen seiner Hand- 
lungen standhaft ertragen und hatte die Erfahrungen, die er gemacht, benutzt, 
um etwas zu lernen. Er hatte nichts zu bedauern. 

Die mehrfachen Anklagen, die seitens der Staatsanwaltschaften wider 
ihn erhoben wurden, wurden durch Contumacialurtheile erledigt. Am 
28. November 1849 ^^urde er vom Mainzer Schwurgericht wegen einer Rede 
über Robert Blums Tod, in der eine Beleidigung des längst auseinander ge- 
jagten deutschen Parlaments gefunden wurde, zu zwei Jahren Gefängniss, am 
28. September 1850 wegen Beleidigung der hessischen Armee zu vier Monaten 
Correctionshaus, am 21. März 1851 wegen Theilnahme an dem Freischaaren- 
zuge zu acht Jahren Zuchthaus und endlich im Jahre 1852 vom Schwurgericht 
zu Zweibrücken zum Tode verurtheilt. Ob alle diese Urtheile oder auch nur 
eines derselben durch einen gültigen Gnadenact oder Amnestieerlass aus der 
Welt geschafft worden ist, hat er nie erfahren; nach dem Jahre 1866 fragte 
man nicht danach. 

Diesen wirkungslosen Strafurtheilen steht eine eben so wirkungslose Ehren- 
bezeugung gegenüber. Er wurde am 12. Juni 1849 ^" einem allerdings sehr 
formlosen Verfahren, aber mit grosser Stimmenmehrheit an Stelle von Zitz, 
der sein Mandat für Mainz niedergelegt hatte, in das Stuttgarter Rumpfparla- 
ment gewählt. Eine Prüfung der Gültigkeit dieser Wahl hat nicht statt- 
gefunden. 

Die Sorge für die Zukunft drückte um so mehr auf ihn, als er schon 
seit Jahren im Brautstande lebte. Als zwanzigjähriger Student hatte er in 
Heidelberg mit einer nur drei Jahren jüngeren Cousine, Anna Belmont, ein 
Verlöbniss abgeschlossen, allerdings ohne die Genehmigung der Eltern. Der 
Vater der Braut war ein reicher, aber geiziger und starrer Mann, der getrennt 
von der Frau und in Feindschaft mit ihr lebte, und die Tochter, das einzige 
Kind, hart behandelte. Bei seinem Widerspruch konnte das Liebesbündniss 
in ein Ehebündniss erst verwandelt werden, nachdem die Tochter das funf- 
undzwanzigste Lebensjahr beendigt hatte. Die Trauung wurde am 5. Mai 
1852 in Rotterdam vollzogen, nachdem grosse Schwierigkeiten zu überwinden 
waren, denn der heimathlose Flüchtling konnte nicht leicht die nöthigen Legi- 
timationspapiere beibringen. Sie war eine durch Geist und Schönheit hervor- 
ragende Frau. Die Ehe wurde 1874 durch ihren Tod gelöst. B. nennt das 
Bündniss, das kinderlos geblieben war, reich an Freuden und noch reicher 
an Leiden. Er hat seiner Frau stets eine leidenschaftliche Liebe und nach 
ihrem Tode ein inniges Gedenken gewidmet. Nach seinem Tode fand man 
in seinem Nachlass eine Anzahl von Andenken, die er in Verschwiegenheit 
aufbewahrt hatte. 

Um sich eine Existenz zu gründen, beschloss B. in die kaufmännische 



Bamberger. 133 

Laufbahn überzutreten. Der Entschluss war ihm nicht leicht. Nachdem ihm 
als das Ziel seiner Sehnsucht die akademische Laufbahn vor Augen gestanden 
hatte, empfand er es als eine Art von Degradation, Kaufmann^ zu werden. 
In späteren Jahren hat er darüber anders gedacht; er hat oft den Beruf und 
die Thätigkeit des Kaufmanns als eine besonders bevorzugte gepriesen. 

Erleichtert wurde ihm der Uebertritt dadurch, dass zwei Brüder seiner 
Mutter, Namens Bischoffsheim, als Bankiers thätig waren und sich aus kleinen 
Anfängen zu Reichthum herauf gearbeitet hatten. So trat B. noch im Laufe 
des Jahres 1849 als Lehrling in die Firma Bischoffsheim, Goldschmidt und 
Avigdor in London ein. Im Juli 1850 siedelte er nach Antwerpen über, wo 
die Firma eine Zweigniederlassung hatte, deren Leitung inzwischen einem 
jüngeren Bruder von B. übertragen war. Da er sich die ftir das Geschäft 
erforderlichen Kenntnisse schnell aneignete, wurde der Plan entworfen, ihm 
in Rotterdam mit einem kleinen selbständigen Geschäfte eine Existenz zu 
gründen; nur zaghaft ging er auf diesen Plan ein, weil er kein volles Ver- 
trauen in seine kaufmännische Fähigkeit hatte. Im September 1851 begann 
er mit sehr bescheidenen Mitteln unter der Firma L. A. Bamberger & Co. ein 
Bankgeschäft und schloss hier, wie schon erwähnt, seine Ehe, musste aber 
seinen Hau.shalt auf einem sehr knappen Fusse einrichten. Das Geschäft ent- 
wickelte sich so, dass es ihm einen gesicherten Unterhalt zwar versprach, aber doch 
sich wenig ausdehnen würde. Für die geistigen Bedürfnisse aber war in 
Rotterdam sehr schlecht gesorgt. Es war fiir B. eine Erlösung, als seine 
Oheime ihm anboten, nach Paris überzusiedeln, wo sie gleichfalls eine Nieder- 
lassung besassen, und dort eine Procura anzunehmen. Noch im Spätherbst 
desselben Jahres vollzog er die Uebersiedelung und widmete nun seine ganze 
Kraft erfolgreich der Firma, sah sich auch nach Ablauf einiger Jahre durch 
den Erwerb eines Vermögens belohnt, das sich im Laufe der Zeit stattlich 
vermehrte. 

Es mag kurz erwähnt werden, dass er sowohl in Antwerpen als in Paris 
als ein politischer Flüchtling unter manchen Belästigungen der Polizei zu 
leiden hatte, obwohl er sich von politischer Thätigkeit zunächst völlig fernhielt. 

Die erste politische Schrift, die er mit den Erinnerungen aus dem Pfälzer 
Aufstand wieder veröflfentlichte, führte den Titel »Juchhe nach Italien!«, er- 
schien anonym im Jahre 1859, wurde in einer Frankfurter Officin heimlich 
gedruckt und unter einem fingirten Schweizer Verlage in Deutschland ver- 
breitet. B. sah in dem Ausbruch des italienischen Krieges einen Wendepunkt 
in der Politik, nachdem sich so lange Jahre Stagnation über Deutschland ge- 
lagert hatte. Er war der Ueberzeugung, dass es im Interesse der liberalen 
Sache liege, Italien in seinen Bestrebungen, einig und von Oesterreich frei zu 
werden, zu unterstützen. 

Mit dieser Anschauung stand er in Deutschland sehr allein; in Süd- 
deutschland herrscht eine Begeisterung für den Gedanken, dass es die Pflicht 
ganz Deutschlands sei, Oesterreich gegen den welschen Erbfeind zu unter- 
stützen. Die bayerische Regierung hatte österreichischen Truppenabtheilungen 
den Durchweg durch bayerisches Gebiet gestattet und an allen Bahnhöfen 
wurden die Soldaten mit Spenden empfangen. In Norddeutschland war die 
Stimmung kühler; man wollte Oesterreich keine Dienste erweisen, ohne Gegen- 
dienste zu empfangen. 

B. hatte sich keiner Täuschung darüber hingegeben, auf wie grossen 
Widerstand seine Gedankenreihen stossen würden, das hatte ihn aber nur 



134 Bamberger. 

veranlasst, seinen Anschauungen einen um so schärferen Ausdruck zu geben, 
bis an die Grenze des Verletzenden. Dass der unbekannte Verfasser dieser 
Schrift für einen Soldschreiber der französischen Regierung und einen Ver- 
räther an der deutschen Sache ausgegeben werden würde, hatte er vorher- 
gesehen und es konnte ihn nicht erschüttern. 

Das lebhafte Interesse, welches sich an der italienischen Frage kundgab, 
hatte ihn überzeugt, dass für Deutschland die Zeit des Stillstandes und der 
Hoffnungslosigkeit mit dem Augenblicke vorübergegangen sei, wo der Prinz- 
Regent von Preussen das Ministerium, das sein Vorgänger ihm hinterlassen, 
hinweggeschickt hatte. Er beschloss, sich wieder an der politischen Schrift- 
stellerei lebhafter zu betheiligen, und bemühte sich, ein Jahrbuch in das 
Leben zu rufen, in dem die Gleichgesinnten sich zu gemeinschaftlicher Arbeit 
zusammenfinden könnten. Die Redaction wurde Ludwig Walesrode über- 
tragen; als Mitarbeiter waren H. B. Oppenheim, Ferdinand Lassalle, Carl 
Vogt, Ludwig Simon, Moritz Hartmann, Friedrich Kapp, Adolf Stahr, Carl 
Grün und Andere thätig. 

Die Frage der deutschen Einheit war wieder erwacht und damit wurde 
der im Jahre 1848 geschaffene Gegensatz von Grossdeutschen und Klein- 
deutschen wieder lebendig. In Süddeutschland gab es wenig Leute, die von 
der preussischen Spitze hören wollten. Man hatte eine starke Abneigung 
gegen das straffe preussische Wesen, und von der wirklichen Kraft dieses 
Staates, der 1848 seine Aufgabe verfehlt hatte und 1806 gänzlich zusammen- 
gebrochen war, hatte fast Niemand eine Vorstellung. Die Grossdeutschen 
träumten von einer föderativen Republik, von einer Trias, von einem Bundes- 
directorium und ähnlichen Dingen. 

B. hatte zehn Jahre früher seine Erfahrungen mit der Schwäche der 
republikanischen Ideen gemacht; hinsichüich der Untauglichkeit der mittel- 
staatlichen Regierungen brauchte er keine Erfahrungen zu machen. So blieb 
ihm nur übrig, auf die preussische Spitze zu hoffen. Leicht wurde ihm das 
nicht. Was an dem preussischen Wesen Unliebenswürdiges haftet, stiess ihn 
zurück wie jeden anderen Süddeutschen. Seine alten demokratischen Neigungen 
waren ihm geblieben; aber sein Kopf stand mit seinem Herzen in Wider- 
spruch. Er sagte sich, dass wenn wir nicht durch Preussen zur deutschen 
Einheit kommen, wir nie dazu kommen werden. 

In diesem Zwiespalt verfasste er eine der originellsten unter seinen 
Schriften: »Des Michael Pro Schriftenwechsel mit ITiomas Contra aus dem 
Jahre 1859«. Thomas Contra ist der grossdeutsche Demokrat, dessen An- 
sichten seit zehn Jahren nicht den geringsten Wandel erfahren haben, Michael 
Pro will die Thatsachen berücksichtigen und von Preussen Zahlungen an- 
nehmen, sofern es mit baarer Münze zahlt. Den Streit, den Beide mit ein- 
ander führen, entscheidet der Herausgeber nicht; aber er giebt seine Stellung 
dadurch zu erkennen, dass er dem Thomas Contra die grössere Fülle von 
Geist und Witz in den Mund legt, aber dem Michael Pro lässt er das 
letzte Wort. 

Die Schlacht von Königgrätz und der Friede von Nikolsburg gaben nicht 
allein dem Thomas Pro, sondern auch dem Verfasser von »Juchhe nach 
Italien !^< recht. B. trat nun mit noch grösserem Eifer in die Parteibewegung 
ein. Zu seinem Organ wählte er die in Düsseldorf unter Redaction des 
»rothen Becker« erscheinende »Rheinische Zeitung«, obwohl deren Standpunkt 
sich mit dem seinigen nicht völlig deckte. Er vertrat nicht allein die An- 



Bamberger. ije 

erkennung der vollzogenen Thatsachen, sondern auch die Annäherung an die 
Regierung, insbesondere durch Bewilligung der von dieser geforderten In- 
demnität. Auf Grund der Meinungen, die er verfocht, wurde kurze Zeit später 
die nationalliberale Partei gegründet. Die Aufsätze, welche er hier schrieb, 
hat er bereits im November 1866 unter dem Titel »Alte Parteien und neue 
Zustände« gesammelt herausgegeben. 

Im darauf folgenden Jahre veröffentlichte er in der in Paris erscheinen- 
den »Revue moderne« einen Essay unter dem Titel »Monsieur de Bismarck«, 
der 1868 auch in deutscher und 1869 in englischer Uebersetzung erschien. 
Seine Absicht war, den Franzosen die Meinung zu benehmen, als sei der 
Sieg über Oesterreich und die deutschen Mittelstaaten ein Triumph blinder 
Reaction gewesen. Aber lehrreich waren seine Auseinandersetzungen auch für 
Deutsche. Er zeichnete den Fürsten Bismarck als den Aristokraten, der mit 
dem Liberalismus zusammengeht, nicht weil er liberale Neigungen hat, sondern 
weil sein politischer Instinct ihm sagt, dass er ohne ein gewisses Eingehen 
auf liberale Ideen nicht vorwärts kommen kann. Er hat, als später Bismarck 
wiederum mit den Liberalen brach, von dem über ihn Gesagten kein Wort 
zurückzunehmen gehabt, als sei es nur einer augenblicklichen Aufwallung des 
Enthusiasmus entsprungen. 

Bald nach der Entscheidung des Jahres 1866 war B. wiederholt zum 
Besuche nach Deutschland zurückgekehrt; im Jahre 1868 löste er seine Be- 
ziehungen zu dem Pariser Bankgeschäft und siedelte wieder nach Deutschland 
über, da ihm nunmehr seine Verhältnisse gestatteten, ausschliesslich von seinen 
Renten zu leben. Ursprünglich schlug er seinen Wohnsitz in Mainz auf; so- 
bald er sah, dass er dauernd an die Politik gefesselt sein würde, begründete 
er einen zweiten Wohnsitz in Berlin, wo er ein kleines villenartiges Haus im 
Thiergartenviertel kaufte. Als er später eine Villa in Interlaken erworben 
hatte, in welcher er die Sommermonate zuzubringen pflegte, gab er den 
Wohnsitz in Mainz gänzlich auf. 

In den constituirenden Reichstag konnte er noch nicht gewählt werden, 
aber in einem von Paris aus datirten Flugblatt wendete er sich in scharfer 
Weise gegen den Vorschlag der entschiedenen Demokraten, sich der Wahl zu 
enthalten. Als dann etwas später die Wahlen stattfanden, durch welche die 
süddeutschen Staaten den Reichstag des Norddeutschen Bundes zu einem Zoll- 
parlament zu erweitern hatten, stellte er seine Candidatur in Mainz auf. Der 
Hauptgesichtspunkt seiner Wahlrede war, dass die politische Zerrissenheit 
Deutschlands die schwersten wirthschaftlichen Nachtheile im Gefolge gehabt 
habe und dass die Erweiterung des Zollparlaments zum Vollparlament das 
Ziel der Wünsche bleiben müsse. Seine Wahl erfolgte mit 7000 gegen 5400 
Stimmen; ihm stand ein demokratischer Candidat gegenüber, auf den auch 
die Ultramontanen ihre Stimmen abgaben. 

Während der Sitzungen, die das Zollparlament abhielt, schrieb er flir 
eine Anzahl von Zeitungen unter dem Titel von »Vertraulichen Briefen« eine 
Reihe von Correspondenzen, in denen er wichtige Fragen in zwanglosem Tone 
besprach. Er dehnte sie auch auf solche Fragen aus, die vor den Reichstag 
gehörten, und bekämpfte namentlich den Gedanken, das ganze Strafgesetzbuch 
fallen zu lassen, weil Bismarck die Abschaffung der Todesstrafe nicht zugeben 
wollte. So reich auch die Nationalliberale Partei an Talenten war, so stellte 
sich doch bald heraus, dass B. zu ihren Führern zu rechnen sei. 

Der Juli des Jahres 1870 traf ihn zufällig in Paris. Um einige Tage 



1^6 Bamberger. 

früher als Andere erkannte er, dass der Krieg von Frankreich unwiderruflich 
beschlossen sei und er liess Winke darüber nach Deutschland gelangen. Die 
freundschaftlichen Beziehungen, die er in Frankreich angeknüpft hatte, täuschten 
ihn keinen Augenblick darüber, dass das Unrecht ausschliesslich auf Seiten 
Frankreichs sei und dass Deutschland die Aufgabe habe, den Feind mit allem 
Nachdruck niederzuwerfen. Nach der Vertreibung der Bonapartes wünschte 
Fürst Bismarck die Anwesenheit B.'s in Versailles, um von ihm Aufschlüsse 
über einzelne Persönlichkeiten zu erhalten, die in der Republik zur Bedeutung 
gelangt waren. 

Die Versailler Verträge brachten es mit sich, dass B., als er abermals 
in Mainz gewählt wurde, nun nicht mehr als Mitglied des Zollparlaments, 
sondern des Reichstages einzog. Als sein Mandat 1874 ablief, candidirte er 
nicht wieder in Mainz, sondern in Alzey- Bingen und dieser Kreis ist ihm 
19 Jahre lang treu geblieben, bis er im Jahre 1893 eine Wiederwahl ablehnte. 

Seine Thätigkeit im Reichstage war eine sehr ausgebreitete. Vor Allem 
wichtig aber ist seine Wirksamkeit in der Münzfrage und in der Bankfrage 
geworden, wo er dafür gesorgt hat, die Grundsteine so zu legen, dass das 
Haus mit Sicherheit darauf stehen konnte. 

Der Bundesrath hatte zunächst im Herbst 187 1 einen Gesetzentwurf über 
die Ausprägung von Goldmünzen vorgelegt, in dem eine particularistische 
Richtung zum Siege gelangt war. Die Einzelstaaten suchten von ihrem Münz- 
regal so viel wie möglich zu retten. Die Einziehung der Landesmünzen sollten 
auf Kosten der Staaten erfolgen, die sie ausgegeben hatten; ebenso sollten die 
Münzen, die das Passirgewicht verlieren würden, von den Staaten eingezogen 
werden, die sie ausgegeben hatten. B. stellte dem eine Reihe von Gegen- 
anträgen gegenüber, wonach das Münzwesen durchaus Sache des Reiches sein 
sollte. Als der erste dieser Anträge, der für den Augenblick praktisch völlig 
unerheblich war, gefallen war, zog B. seine weiteren Anträge mit der Moti- 
virung zurück, dass nun ein völlig unklarer Zustand geschaffen sei. 

I)as war ein Wamungssignal und wirkte als solches. Die Regierung und 
der Reichstag wurden aufmerksam darauf, dass B., bis dahin der eifrigste 
Förderer der Münzreform, die Karten mitten im Spiele wegwarf. Die Re- 
gierung, vertreten durch den preussischen Finanzminister Camphausen, lenkte 
ein, Lasker nahm die Anträge B.s wieder auf und führte sie ohne erheblichen 
Widerstand zum Siege. 

Ferner setzte B. durch, dass das Goldstück von 30 Mark, welches Fürst 
Bismarck lebhaft befürwortete, beseitigt wurde. Dasselbe lehnte sich eng an 
das preussische Thalersystem an, indem es einen Werth von genau zehn 
Thalern hatte, durchbrach aber die Reinheit des Decimalsystems. So kam 
dieser erste Abschnitt der Münzreform zu einem befriedigenden Abschluss. 

Als im Jahre 1873 ^*s eigentliche Münzgesetz folgte, setzte B. eine 
folgenschwere Verbesserung durch. Es wurde das freie Prägerecht (monnayage 
automatique) anerkannt; es wurde vorgeschrieben, dass Jedermann, der Barren- 
gold auf die Münzanstalt bringt, das Recht hat, zu fordern, dass ihm das- 
selbe in Reichsgoldmünzen umgewandelt wird. Dass hierbei die Prägegebühr 
zu hoch festgesetzt wurde, war ein Fehler, gegen den B. zunächst erfolglos 
ankämpfte, der aber bald bei einer anderen Gelegenheit verbessert wurde. 
Auf andere Anträge einzugehen, die er gestellt und durchgesetzt hat, würde 
ein tiefes Eingehen in die Materie erfordern. 

Die Schaffung und Aufrechterhaltung der Goldwährung war ein Gegen- 



Bamberger. izj 

stand, der B. besonders am Herzen lag. Im Jahre 1876 schilderte er in 
einem Aufsatz, den die Deutsche Rundschau unter dem Titel »Die Ent- 
thronung eines Weltherrschers« brachte, warum das Silber als Währungsmetall 
sich überlebt habe. Als die Gefahr einer Goldausfuhr nahe trat, legte er in 
einer Schrift »Reichsgold« (1876) dar, warum die Münzreform nothwendig 
gewesen sei, und warum zeitweilige Goldausfuhren ein unvermeidliches Er- 
eigniss seien. Als im Jahre 1879 die Regierung die Einziehung der Silber- 
thaler sistirte, griff er diese schädliche Massregel scharf an. Den Bestrebungen 
der Bimetallisten widerstand er durch jährlich sich wiederholende Reden im 
Reichstage, die jedesmal neue Gesichtspunkte brachten, und durch eine Reihe 
von Schriften (^Die Verschleppung der deutschen Münzreform«, 1882; »Die 
Schicksale des lateinischen Münzbundes«, 1885; »Die Stichworte der Silber- 
leute, 1893). Es war ihm vergönnt, vor seinem Tode sein Werk gesichert 
zu sehen. 

Im Jahre 1874 folgte der Gesetzentwurf über das Bankwesen. B. hatte 
die öffentliche Discussion eingeleitet durch eine Schrift: »Die Zettelbank vor 
dem Reichstage«. Im Reichstage fungirte er als Berichterstatter der Com- 
mission. Er hatte gegen den Entwurf der Regierung Mancherlei einzuwenden ; 
namentlich missfiel ihm die Contingentirung der Banknoten. Er stellte aber 
alle anderen Bedenken hinter einen Gesichtspunkt zurück. Die Regierung 
hatte, aus engherzigen Gesichtspunkten, die Camphausen geltend machte, sich 
geweigert, eine Reichsbank zu schaffen; B. erklärte sie flir unerlässlich. Er 
siegte nach aufgeregten Scenen im Reichstage mit dieser Anschauung. Er setzte 
auch durch, dass die Reichsbank verpflichtet wurde, Gold, das ihr angeboten 
wurde, zu einem festen Preise zu kaufen, und auf diese Weise wurde indirect 
die übermässige Prägegebühr auf einen massigen Satz zurückgeführt. 

Im Jahre 1876 schied Delbrück, bis dahin das Alter Ego des Fürsten 
Bismarck, aus seinem Amte. Ein politischer Umschwung kündigte sich an. 
B. hatte bis dahin in allen wesentiichen Fragen auf Seite der Regierung ge- 
standen. Im Jahre 1873 hatte er sich sogar gegen die Verleihung von Cor- 
porationsrechten an die Gewerkvereine erklärt und in einer Schrift: »Die 
Arbeiterfrage unter dem Gesichtspunkte des Vereinsrechts«, Ansichten auf- 
gestellt, die er in der Zukunft nicht aufrecht erhalten konnte. Auch dem 
Erlass des Socialistengesetzes stimmte er noch zu. Dass er dem Jesuiten- 
gesetze seine Billigung versagte, war fast der einzige Fall, in dem er sich auf 
die Seite der Opposition schlug. Nun aber kam eine Zeit, in der es ihm 
Pflicht erschien, an alten Grundsätzen auch im Widerspruch zur Regierung 
festzuhalten. Den Uebergang zur Schutzzollpolitik konnte er nicht mitmachen. 

Zweierlei Erscheinungen traten zugleich ein. Eine retrograde Wirthschafts- 
politik wurde eingeleitet, und um die Unterstützung des Centrums zu gewinnen, 
wurde die kirchliche Gesetzgebung, die seit 1873 geschaffen war, aufgedröselt. 
Mit dem letzteren Vorgange konnte man sich einverstanden erklären, wenn 
feste Rechtsgrundsätze geschaffen worden wären, aber statt dessen wurde eine 
Politik der discretionären Vollmachten getrieben. In den Reihen der national- 
liberalen Partei brach Missmuth und Spaltung aus. Bennigsen gab sich Mühe, 
die Partei zusammenzuhalten und bei der Fahne der Regierung festzuhalten; 
Miquel, der seitdem ganz andere Pfade eingeschlagen hat, unterstützte ihn. 
Lasker war der Erste, der aus den Reihen der nationalliberalen Partei formell 
austrat. Forckenbeck, Stauffenberg und mit ihnen B. folgten ihm. Die Aus- 
scheidenden thaten sich zu einer Partei zusammen, die sich officiell die 



138 Bamberger. 

Liberale Vereinigung nannte, aber im Volksmunde die Secession genannt 
wurde. Anfänglich anonym, in den späteren Auflagen unter Nennung seines 
Namens trat B. mit einer Schrift hervor, die unter dem Titel »Die Secession« 
den Grund der stattgehabten Trennung klarlegte. 

Die Angehörigen dieser Partei haben den Groll des Fürsten Bismarck 
empfinden müssen und insbesondere B. wurde mit schweren Angriffen bedacht. 
Fürst Bismarck richtete gegen ihn einmal den Ausspruch, er sei ein sujet mixte, 
obwohl B. nie ein Staatsbürgerrecht ausserhalb Deutschlands erworben und 
auch als Flüchtling seine deutsch-patriotische Gesinnung nie verleugnet hatte. 

Die schwierige Lage, in welche die liberalen Parteien gerathen waren, 
bewirkte, dass im Jahre 1884 die liberale Vereinigung sich mit der Fort- 
schrittspartei zu einer freisinnigen Partei zusammenschloss. Der Gegensatz 
hatte nie ausgeglichen werden können, aber er trat vor der Hand zurück 
gegen die übereinstimmenden Ueberzeugungen. Die neue recht zusammen- 
geschmolzene Partei führte einen erfolglosen aber entschlossenen Kampf gegen 
die Schutzzollpolitik, gegen die von Jahr zu Jahr sich wiederholenden Beein- 
trächtigungen der Gewerbefreiheit, gegen die Vorlagen der sogenannten Social- 
politik, das heisst gegen die Gesetze über Arbeiterversicherung. Mit dem 
Ziele, die Arbeiter gegen die Wechselfälle des Lebens sicherzustellen, war 
sie ja vollkommen einverstanden, aber sie beanstandete die Polizeimassregeln, 
die sich untrennbar mit den löblichen Gedanken verbanden. In allen diesen 
Kämpfen stand B. in erster Reihe. Unvergesslich wird bleiben, in welcher 
Art er das Gesetz charakterisirte, welches noch heute als »Klebegesetz« be- 
zeichnet wird. Früher, so äusserte er, habe der Grundsatz gegolten: »Leben 
und leben lassen«; jetzt dagegen heisse es: »Kleben und kleben lassen«. 

Zu den Kämpfen, welche die Partei mit aller Energie aufnehmen musste, 
gehörte auch der gegen die Colonialpolitik, deren Bahnen Fürst Bismarck 
jetzt betrat. B. war mit aller Entschiedenheit der Ansicht, dass für das Ge- 
deihen des deutschen Handels der Erwerb von Colonien nicht nöthig sei, da 
schon bisher der deutsche Kaufmann im Auslande mit Erfolg gearbeitet habe; 
dass es dagegen für das Deutsche Reich, das ohnehin genöthigt war, eine so 
schwere Waffenrüstung zu tragen, sehr bedenklich sei, sich der Gefahr auszu- 
setzen, in überseeischen Besitzungen sich einen Nasenstüber zu holen. 

Ein Vorgefecht um die Colonialpolitik fand schon im Jahre i88o statt, 
als Fürst Bismarck den Antrag gestellt hatte, einer Gesellschaft, die sich auf 
den Trümmern des zu Grunde gegangenen Hamburger Hauses Godefroy ge- 
bildet hatte, eine Staatssubvention zu gewähren. Der gründlichen Behandlung 
dieser Frage durch B. und seiner Beredsamkeit gelang es, auch die national- 
liberale Partei zum grössten Theil zum Widerstände mitzureissen und so das 
Gesetz zu Fall zu bringen, das übrigens, wie nachdrücklich betont werden 
muss, mit einem Erwerb von eigentlichem Colonialbesitz nichts zu thun hatte. 

Als im Jahre 1887 der Reichstag wegen der Septennatsfrage aufgelöst 
wurde und sich ein heftiger Sturm gegen die freisinnige Partei erhob, die 
zwar keine Forderung verweigerte, aber die Rechte des Reichstages nicht 
durch eine Bindung auf lange Zeit verkümmern wollte, wurde B. in seinem 
Wahlkreise Alzey in einem heftigen Kampfe wiedergewählt; er wurde drei 
Jahre später, als Fürst Bismarck gefallen war, fast kampflos, aber zum letzten 
Male wiedergewählt. 

Im Jahre 1893 trat die Militairfrage noch einmal in den Vordergrund; 
diesmal war sie durch Caprivi angeregt, der die zweijährige Dienstzeit anbot. 



Bainberger. I^q 

Die Freisinnige Partei brach bei dieser Gelegenheit auseinander. Die alten 
Fortschrittler verharrten im Widerstände, die alten Secessionisten genehmigten. 
B. konnte sich mit Rücksicht auf die Stimmung in seinem Wahlkreise zu 
einem zustimmenden Votum nicht entschliessen, und zog es vor, als ein siebzig- 
jähriger Mann der parlamentarischen Thätigkeit zu entsagen. 

Schriftstellerisch blieb er durch Beiträge für die »Nation«, die seine Freunde 
Barth und Nathan herausgegeben, thätig und hat namentlich den hinterlassenen 
Gedanken und Erinnerungen des Fürsten Bismarck eine eingehende Betrachtung 
gewidmet, die unter dem Titel »Bismarck redivivus« erschien. 

Im Frühjahr 1898 wurde er von einem Schlaganfall betroffen, der zeit- 
weilig eine partielle Lähmung zur Folge hatte, den er aber vollständig über- 
wand. Er hat noch ein Jahr lang des Lebens sich erfreut, hat die Genug- 
thuung gehabt, seine Lieblingsschöpfungen, die Goldwährung und die Reichs- 
bank, gegen alle Angriffe gesichert zu sehen und ist am 14. März 1899 eines sanften 
Todes gestorben. Auf dem alten jüdischen Kirchhofe in der Schönhauser Allee 
zu Berlin ruht er in der »Ehrenreihe« an der Seite seines Freundes Lasker. 

B. war eine harmonische Natur, wie sie selten auf Erden erscheinen. Mit 
einem schwächlichen Körper hat er es als ein wahrer Lebenskünstler zu einem 
Alter von 76 Jahren gebracht; mit einer schwachen Stimme war er einer der 
anziehendsten Redner im Parlament, in der Volksversammlung und beim 
Nachtisch in festlicher Versammlung. 

Goethes Wahlspruch: »Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die 
Persönlichkeit« war der seinige. Das Leben hatte für ihn Werth, weil er es 
mit Anmuth schmücken konnte. Die Einrichtung seiner Zimmer waren vom 
besten Geschmack ; frische Blumen konnte er nicht entbehren. Allen Wissen- 
schaften, allen Künsten trug er ein warmes Verständniss entgegen. In tiefster 
Seele verhasst war ihm das politische Banausenthum, das für alle PYagen, die 
nicht die politischen Parteikämpfe berühren, kein Interesse hegte. 

Die Festigkeit der eigenen Ueberzeugungen hinderte ihn nicht daran, 
gegen die Ueberzeugungen Anderer Gerechtigkeit zu üben. Er glaubte an 
den Satz von dem zureichenden Grunde und wo ihm eine Erscheinung, die 
ihn befremdete, entgegentrat, spähte er nach ihren tieferen Ursachen. 

Sein Vermögen, das er nach der Beendigung der kaufmännischen Thätig- 
keit mitbrachte, hat sich in den dreissig Jahren, die er noch lebte, erheblich 
vermehrt, ohne dass er für den Erwerb thätig war. Im Jahre 1870 betheiligte 
er sich noch an der Gründung der Deutschen Bank, hat dann aber jeder Be- 
theiligung an Unternehmungen geschäftlicher Art entsagt, um keine Conflicte 
mit seinen politischen Aufgaben hervorzurufen. 

Im Stillen hat er viel Wohlthätigkeit geübt, nachdem er die Verhältnisse 
geprüft hatte. Noch mehr ist er ein Wohlthäter aller Derer geworden, die 
sich mit der Bitte um geistige Förderung an ihn wandten. Seine Müsse stellte 
er Jedem zur Verfügung, an dem ihm ein geistiges Streben entgegentrat. In dem 
Herzen zahlreicher Freunde hat er sich ein unvergängliches Andenken gesichert. 

Die kleinen Aufsätze, die er geschrieben hat, beschränken sich nicht auf Politik 
undVolkswirthschaft. EinTheil enthält biographische Schilderungen ; ein anderer 
Theil ergeht sich in unerschöpflicher I^ebensweisheit über gesellschaftliche Fragen. 

Literatur. Soweit einzelne seiner Schriften im Laufe der Darstellung erwähnt 
worden sind, sollen sie nicht noch ejnmal angeführt werden. Fünf Bände »Gesammelte 
Schriften«, die er von 1894 — 1898 herausgegeben hat, enthalten nur eine Auswahl dessen, 
was von allgemeinem Interesse ist. Eine Sammlung seiner Reden über Bank- und Münz- 



1^0 6Amberg«r. Müller. Nagel. 

fragen bereitet Carl Helflferich vor. B. hat Tagebücher hiDterlassen, deren Herausgabe zar 
Zeit nicht angängig ist und die übrigens nur an wenigen Stellen erhebliche Aufschlüsse 
zur Tagesgeschichte enthalten. Ferner hat er begonnen »Erinnerungen« aufzuschreiben, 
die in der fragmentarischen Gestalt, in der sie nach seinem Tode vorlagen, von Paul Nathan 
herausgegeben worden sind. Eine Denkrede auf ihn von Theodor Barth enthält die 
»Nation« vom i8. Mfirz 1899. Die Preussischen Jahrbücher vom März 1900 bringen von 
Daniels eine ausführliche Charakteristik in Anknüpfung an die Erinnerungen. Otto Hartwig. 
Ludwig Bamberger. Eine biographische Skizze. Als Manuskript gedruckt. Marburg 1900. 

Alexander Meyer. 



Müller, Moriz (senior), Thier- und Jagdmaler, ♦ 8. April 1841 zu München, 
j 31. März 1899 ebendas. Ein Sohn des durch seine effectvolle Beleuchtung 
ehedem vielgefeierten Carl Friedrich Moriz Müller (genannt »Feuer - Müller«, 
♦ 6. Mai 1807 in Dresden, f 8. November 1865 zu München), besucTite das 
Gymnasium, dann die Forstschule, wendete sich an der Akademie zur 
Malerei, ging dann ausschliesslich zur Jagdmalerei über, wodurch er die 
Theilnahme aller Waidmänner, insbesondere unter dem höchsten preussischen 
und russischen Adel erwarb, der ihn nebst dem Herzog von Coburg, mit 
ehrenvollen Einladungen auszeichnete. Seine Verbindung der Thierwelt mit 
der entsprechenden Landschaft war immer eine ausserordentlich glückliche; 
auch behandelte er gern verschiedenartige Stoffe als wirkungsvolle Gegen- 
stücke. Zu seinen bekanntesten Bildern gehören 1876: Ein Kampf ums 
Dasein; 1879: Edelwild im Gebirge; 1880: Vereitelte Gemspürsche; der 
angeschossene Hirsch; 1883: Waidmanns Heil!; Landschaft mit Hirschwild 
und mit Gemsen; 1889: Angeschossener Fuchs von Hunden gefasst; Hühner- 
hund mit Fasanen; 1890: Rehe im Walde; Saupark vor der Fütterung; 
Verfolgtes Wild; Entwischt (vier Wildenten entfliehen dem beschleichenden 
Fuchs); Reinekc im Walde; 1891: Treibjagd; Heimkehr; Herausforderung 
zum Kampf; Fliehende Gemsen; Streit um die Beute (ein Fuchs zerfleischt 
einen Hasen, von hungernden Raben umschwärmt); Hirsche im Walde (von 
Hunden verfolgt); 1892: Rehe im Walde (Winterlandschaft); Der König 
der Berge (Hirsch auf einer Anhöhe) ; Edelwild im Hochgebirge ; Waldesruhe 
(Rehe auf einer Holzlichtung); Hochgebirgslandschaft mit Gemsen (im Vorder- 
grunde zwei kämpfende Böcke) u. s. w. Eine grosse Anzahl dieser Bilder 
wurde durch Photographie, Holzschnitt und Farbendruck vervielfältigt. — Ein 
gleichnamiger Sohn des Malers hat dieselbe Bahn mit glücklichem Erfolge betreten. 

Vgl. Fr. V. Bottich er, Malerwerke 1898. II, 105. Kunstvereins-Bericbt f. 1899. S. 75. 

Hyac. Holland. 



Nagel zu Aichberg, Ludwig von, baierischer Major a. D., Pferdemaler, 
♦29. März 1836 zu Weilheim, f 8. September 1899 zu München. Sohn 
eines königlichen Landrichters, studirte zu Regensburg und Amberg, wo er 
ohne eigentlichen Zeichnen-Unterricht schon frühzeitig durch seine Portraits, 
Bilderbogen und Caricaturen Aufmerksamkeit erregte, und, seit 1852 Cadett 
beim 5. Chevauxleger-Regiment zu Neumarkt (Oberpfalz;, Soldaten, Reiter 
und Pferde zeichnete. Im Jahre 1858 Junker und 1859 Leutnant im 
2. Cürassier-Regiment zu Landshut gab N. 1862 »Skizzen zum neuen Reit- 
system« heraus, welche von dem damals zufällig in Landshut auf Besuch 
weilenden Meissonier ausserordentlich günstig beurtheilt wurden, so dass der 



Nagel. Petzl. t4t 

berühmte französische Maler ernstlich in N. drang» die Militärlaufbahn aufzu- 
geben und sich unter seiner Leitung in Paris ganz der Kunst zu widmen. 
Dem Wunsch der Familie folgend, blieb N. bei dem erwählten Beruf, machte 
als Oberleutnant den Krieg 1866 mit, zog 1870/71 als Regiments- Adjutant 
und Rittmeister nach Frankreich, wurde zum General-Commando Wtirzburg 
versetzt, trat aber 1877 in Folge körperlichen Leidens in den Ruhestand. 
Hatte er schon aus diesen Feldzügen eine reiche Sammlung von Skizzen und 
Studien mitgebracht, wovon eine Auswahl im photographischen Verlag von 
Hanfstängl 1872 erschien, so schulte er jetzt sein autodidaktisches Talent 
ernstlich unter der Leitung des Prof. Wilhelm von Diez und malte mehrere 
kleine Oelbilder und Aquarelle, gab aber doch Palette und Pinsel auf und 
wählte den seiner Natur am meisten zusagenden Stift des Zeichners und 
Illustrators. Ein höchst dankbares Publikum gewann N. durch seine heiteren 
Beiträge zu den »Fliegenden Blättern« und den »Münchener Bilderbogen«. 
Daraus entstanden die »Militärischen vier Jahreszeiten«, die zuerst unter dem 
Pseudonym eines »Van Oos« erschienen, dann der unübertreffliche »Major 
Kreuzschnabel« und andere Militärhumoresken (Text von Carl Zastrow), das 
reichhaltige »Nagel-Album«, die »Scenen aus dem Leben der Reiter und 
Fahrer«, die insgesammt in Buchform bei Braun & Schneider in vielfachen 
Auflagen in die Welt gingen. N. war kein Pferde-, Portrait- und Sportmaler, 
er schilderte, ebenso wie der Radirer Johann Adam Klein (1792 — 1875), ^^ 
Pferd im Dienste des Menschen, an der fleissigen, mühevollen Arbeit, zwar 
vielfach als Zug- und Lastthier, aber auch verwendet zur Freude, zum ver- 
gnüglichen Schmucke des Lebens. Ihm gelangen vorzüglich die Pferdehändler 
und Rosstäuscher, Zigeuner und Hebräer, das Pferd im Militärdienst und 
unter der bäuerlichen Faust, das Ackerpferd und der gequälte Karrengaul, 
das Thier an der Droschke und am Train, am Wasserfasse des Strassen- 
spritzers wie unter der leichten Last des Sonntagsreiters, in der Reitschule — 
kurz in allen Varianten aus der »guten alten«, der neueren und der allemeuesten 
Zeit. Mit derselben Leichtigkeit handhabte N. die Caricatur, wobei er mit 
echter Bonhomie sich selbst am wenigsten verschonte (vgl. Fritz von Ostini 
im 15. Heft der »Kunst für Alle«, i. April 1892). Dergleichen Prachtleistungen 
cursirten sachgemäss nur im engeren, familiären Kreise, z. B. bei den »Pappen- 
heimern« oder den vergnüglichen »Niederländern«, zwei costümirten Gesell- 
schaften, in welchen unser Künstler als die verkörperte Heiterkeit, als eine 
unversiegbare Quelle der fröhlichsten Laune verehrt und gefeiert wurde. Er 
hatte die Gabe, seine ernsten und burlesken Schöpfungen, wenn ihre Durch- 
bildung ihm auch viele Mühe und beobachtendes Studium kosteten, mit der 
anscheinendsten Leichtigkeit hinzuschreiben; man könnte ihn den Hackländer 
unter den Zeichnern heissen. Seine Arbeiten werden ihm noch lange Zeit 
ein gutes Andenken sichern. Und dann erst wird man ihn culturhistorisch 
behandeln ob der Treue und Wahrheit, womit er seine Zeit erfasst und ab- 
geschildert hat. 

Vgl. Müller-Singer, Lexikon 1898,111,280. Fr. v. Bötticher, Malerwerke 1898 
11, 123. No. 251 »Allgem. Ztg.«, 10. September 1899. »Kunst fUr Alle«, XV. B. 3. Heft 
S. 68 vom I. November 1899 (mit Portrait). Kunstvereins-Bericht f. 1899 S. 76 fr. 

Hyac. Holland. 

Petzl, Ferdinand, Architekturmaler, ♦ 19. Oktober 1819, f 15. Oktober 1899 
zu München. Im Hause seines Vaters, eines Geometers an der k. Steuer- 



142 



Pctzl. 



kataster-Commission, war der Sammelplatz vieler, mehrentheils norddeutscher 
Maler, welche, angezogen von dem älteren Genremaler Joseph Petzl (1803 
bis 187 1), mit demselben im regsten Wetteifer schufen. Das Vorbild des 
älteren Bruders führte auch unseren Ferdinand auf ähnliche Wege. Joseph P. 
hatte auf weiten Reisen in Norddeutschland, Dänemark und Schweden, am 
Rhein und zu Düsseldorf, in Italien, Griechenland und Constantinopel eine 
Menge fremdländischen Materials gesammelt und in sehr gut gezeichneten, 
farbenprächtigen Bildern mit grossem Erfolge verarbeitet; er genoss durch 
seine fröhliche Laune und als Hauptmitwirkender der damaligen Künstler- 
feste grosses Ansehen. Unter seiner Leitung widmete sich Ferdinand F., 
nachdem er die polytechnische Schule und die Akademie besucht hatte, zu- 
erst dem Portrait und malte viele kleine, sorgsam ausgeführte Bildnisse, ging 
aber bald nach dem Beispiele von Wilhelm (rail, Michel Neher, Quaglio und 
Anderen zur Architekturmalerei über, wozu er auf vielen Reisen durch Alt- 
baiern, Franken, Schwaben, am Rhein, in der Schweiz, Tirol und Oberitalien 
die merkwürdigsten Rathhäuser und Kirchenbauten zeichnete und mit der 
ihm eigenen Sorgfalt in Aquarellen und Oelbildern zur Darstellung brachte. 
Manches erschien auch in Stahlstich, so die Städte- Ansichten von Donauwörth 
und NördHngen in dem »Malerischen Bayern^, welches damals der Buch- 
händler CJeorg Franz in hübscher Ausstattung herausgab. Fast alljährlich 
brachte P. kleine, anziehende Bilder in den Kunstverein, welche stets bereit- 
willige Käufer fanden, z. B. eine Partie aus der Martins-Kirche zu Landshut 
(gestochen von Poppel 1846); die Georgen -Capelle auf der Trausnitz (1847; 
lithographirt von E. Wagner im König Ludwig -Album und als Farbendruck 
in dem Pracht werke des K. M. P'reiherrn von Aretin »Alterthümer und Kunst- 
denkmale des Baierischen Herrscherhauses«); die Pfarrkirche zu Dinkelsbühl 
(1848); aus dem Allerheiligenstift zu Schaffliausen (1849); aus Maria Einsiedel 
in der Schweiz (1850); aus St. Ulrich in Augsburg (1852); das Stadthaus zu 
UeberHngen; die Stiftskirche zu Ellwangen; der Münster zu Ulm (1854); die 
Jakobs -Kirche zu Rothenburg (1859); die stattlichen Rathhäuser zu Lindau 
(1862), Constanz, Nördlingen (1863) und Wetzlar; eine Partie aus Innsbruck; 
Stein am Rhein (1864); Stiftskirche zu Aschaffenburg (1865); das Rathhaus 
zu Bamberg (1868) und der Obstmarkt zu Bozen (als Holzschnitt in der 
Gartenlaube 1873 S. 719) mit der Ansicht jenes jetzt völlig umgebauten Gast- 
hauses, woselbst Goethe auf seiner italienischen Reise 1786 wohnte, — eine 
für jeden Goethe-Forscher erfreuliche Abbildung! Von seinen öfters wieder- 
holten Studienfahrten nach Oberitalien brachte P. immer reiche Ausbeute, \i'ie 
den »Fischmarkt in Venedig« (1870), »Aus dem Innern der Marcus-Kirche v ; 
eine Ansicht der Maria della Salute (1872); Erinnerungen an Riva, an den 
Domplatz in Trient, einige Palastbauten am Canale Grande (1874), den Hafen- 
platz in Torbole und andere Scenerien aus Verona, Belluno und Feltre (1882). 
Ebenso reizten ihn aber auch die malerischen Schönheiten von Alt-München 
mit den jetzt grösstentheils verschwundenen Thoren, Thürmen und dem ehe- 
maligen Winkelwerk der Strassen mit ihrem holperigen Terrain und den 
schiefen Häuserfagaden. Seine darauf bezüglichen Bilder mit den cultur- 
historischen Staffagen erwarb regelmässig der deshalb gewiss doppelt hocli- 
wohllöbliche Magistrat und vereinte sie nachmals in dem neuen historischen 
Museum der Stadt, wo sie nebst den Bildern von Dillis, Lebscht^e, A. Seidel, 
Anton Höchl u. A. zu jenen Perlen zählen, welche ob ihrer diplomatischen 
Treue von Jahr zu Jahr an historischem Interesse gewinnen. Ebenso hatte 



Petil. 1^^ 

er sich das stattliche Bauwerk der altehrwürdigen Frauenkirche mit ihrem im 
Laufe der Jahrhunderte nachgewachsenen Capellenschmuck, welcher durch die 
neuere Restauration nur zu bereitwillig aufgegeben und kurzweg vertilgt 
wurde, als besonderes Object für seine sorgfältigen Studien, gleichsam als eine 
Domäne seiner Kunst ausgewählt. In vielen grösseren und kleineren, in un- 
ermüdlichem Eifer immer wieder neubearbeiteten Bildern (eine schöne Collec- 
tion dieser Art erwarb 1867 König Ludwig IL für die neue Pinakothek) lieferte 
P. eine grosse Zahl von Ansichten, denen die allen seinen Arbeiten eigene 
Wahrheit in Farbe und Zeichnung nachgerühmt werden muss. Eine ähnliche 
Vorliebe hegte er fiir das alterthümliche Meran und das benachbarte Lana, 
w'o er, schwelgend in der herrlichen Umgebung, die letzten zwei Decennien 
seiner Sommerfrische zu geniessen liebte, bis ein leichter Schlaganfall diesem 
harmlosen Vergnügen und damit bald auch der Ausübung seiner Kunst ein 
Ziel setzte. Die Last der Jahre machte sich plötzlich fühlbar, nachdem unser 
Maler mit dem üblichen Rucksack, Bergstock und Skizzenbuch noch als Zwei- 
undsiebzigjähriger den Wendelstein erstiegen hatte. Dann ging es langsam 
abwärts. P. war bei aller Einfachheit doch eine complicirte, vorwiegend aber 
philisteriös veranlagte Natur ä la Carl Spitz weg; für einen Charakterzeichner 
wie Hackländer wäre P. eine Fundgrube gewesen; Marie von Eben-Eschenbach 
hätte in ihm ein unschätzbares Vorbild zu einem neuen, artistischen »Bertram 
Vogelweid« gefunden. Neben vielen selbstquälerischen Schrullen, wozu ein 
Niefertigwerden und fortwährendes Aendem und Verbessern seiner Bilder ge- 
hörte, besass P. als hartgesottener Junggeselle ein angeerbtes Ingenium zu 
]>einlicher Sparsamkeit und knauseriger Aengstlichkeit für sich selbst, während 
er zeitweise wieder grossmüthig eine offene Hand zeigen konnte. Li Summa 
aber überwogen seine liebenswürdigen Eigenschaften. In erster Reihe stand 
eine unerschütterliche Wahrhaftigkeit und Treue, die er als Mensch und 
Künstler zeitlebens bewahrte. Er ehrte das Andenken seiner Eltern und Vor- 
fahren — darunter der Akademiker und Satiriker Jos. Petzl (1764 bis 181 7); 
sein von J. G. von Edlinger gemaltes Bildniss hing immer im Atelier unseres 
Künstlers, auf welchen eine gute Dosis seiner humoristischen Ader über- 
gegangen war. An dem unscheinbarsten Familien- »Urväterhausrath« klammerte 
sich seine pietätvolle Tradition fest. Daneben erfreute er sich einer feinen, 
kleinen, sorgsam gehegten und immer erweiterten Galerie von seinen besten 
Zeitgenossen. Alterthümliche Kannen, Humpen, Krüge, Teller und anderweitiger 
Atelierschmuck von Kästen und Kästchen, Truhen und Stühlen vervollständigten 
sein »antiques« Mobiliar, welches miteiner ungeheueren Fülle von Skizzen, Studien, 
Photographien und Stichen bei verschiedenen Um- und Auszügen als liebwerthe, 
unveräusserliche Last immer neuen Anlass zu Klagen gab, aber jedesmal bereit- 
willig mitgeschleppt wurde. Dieselbe Anhänglichkeit bewahrte er allen seinen 
(Geschwistern, ihren Kindern und allen Verwandten. Er war ein wahrer, mit- 
fühlender und theilnehmender Freund. Mit rührender Gutmüthigkeit ein Ver- 
ehrer und Pfleger der Kunst und ihrer Träger, besass er von allen früheren 
Zeitgenossen, Mitstrebenden und Bekannten ein wahres Conversations-Lexikon 
von Erinnerungen, welche er leider nie in Schrift brachte, obwohl er, wenigstens 
in Briefen, sehr anmuthig zu schildern vermochte. Er hing mehr an der Welt, 
als sie an ihm; der Abschied mag ihm demgemäss nicht leicht geworden sein. 

Vgl. Dns geistige Deutschland 1898. I, 521. Abendblatt 257 »Allgemeine Zeitung« 
16. September 1899. Kunstvereins-Bericht für 1899. S. 78 ff. 

Hyac. Holland. 



1 44 findemantt. 

Endemann, Wilhelm, Universitätsprofessor für Civilprozess und Handels- 
recht, * 24. April 1825 zu Marburg (Hessen), f 13, Juni 1899 zu Cassel. Sein 
Vater, * 6. April 1792 als Sohn des Gymnasialdirectors E. zu Herzfeld, war 
Obergerichtsassessor in Marburg, später Präsident des Obergerichts zu Cassel, 
f 6. April 1878 ebenda. Wilhelm E. besuchte 1835 — 43 das Gymnasium zu 
Cassel, 1843 — 46 die Universitäten Marburg und Heidelberg, wurde 1846 
Referendar, 17. März 1853 Amtsassessor in Fulda, 22. Mai 1856 dort Ober- 
gerichtsassessor. Zufolge seiner civilprozessualen Arbeiten, in denen er die 
damals noch herrschende formale Beweistheorie bekämpfte (Archiv f. d. civil. 
Praxis Bd. 41, 42 und 43), der Schriften »Das Princip der Rechtskraft«, 
Heidelberg 1860, und »Die Beweislehre des Civilprozesses«, ebenda 1860, 
wurde er am 8. Januar 1862 von der Universität Jena zum Ehrendoctor er- 
nannt und bald danach dorthin als Professor für Civilprozess und Handels- 
recht, zugleich als Rath an das Oberappellationsgericht berufen. Er war 
1867 — 70 Mitglied der Commission zur Berathung einer deutschen Civil- 
prozessordnung, auch Mitglied des Norddeutschen Reichstages und in der 
ersten Legislaturperiode auch des Deutschen Reichstages. Auf Antrag der 
Bonner juristischen Facultät wurde er am 13. Juli 1875 als ordentlicher Professor 
für Handelsrecht, Civil- und Strafprozess wie Staatsrecht nach Bonn berufen, 
am 4. Juni 1884 zum Geheimen Justizrath ernannt und feierte, hochgeehrt 
wegen seiner Verdienste um die Wissenschaft und die studirende Jugend, am 
24. April 1895 seinen siebzigsten Geburtstag. Ein Herzleiden nöthigte ihn, 
die alte Gewohnheit von Bergtouren durch das Siebengebirge, dann auch 
seine Berufsthätigkeit einzustellen. Durch Erlass vom 18. December 1895 er- 
hielt er vom i. April 1896 an Entbindung von seinen amtlichen Verpflichtungen 
unter Gestattung der Verlegung seines Wohnsitzes und Verleihung eines Ordens. 
Er kehrte in die ihm liebe alte Heimath Kurhessen zurück und erfreute sich 
der glänzenden Laufbahn zweier Söhne, deren älterer, Friedrich, jetzt Pro- 
fessor des Civilrechts in Halle, deren jüngerer, Adolf, z. Z. Director der 
Hannoverschen Bank in Hannover ist. Er erlag endlich einem Anfall seines 
Herzübels. — E.'s Hauptarbeiten gelten dem Civilprozess- und Handelsrecht. 
In jener Richtung widmete er, um seine reformatorischen Ideen entwickeln 
zu können, dem alten Prozess eine Darstellung »Das deutsche Civilprozess- 
recht«, 2 Abth., Heidelberg 1867 — ^8, nachdem er 1866 im Arch. f. d. civil. 
Praxis, Bd. 49, den preussischen Entwurf einer Civilprozessordnung besprochen 
hatte. Zu seinem Bedauern gelang es ihm nicht, bei den weiteren Arbeiten 
auf diesem Gebiete seinen Anschauungen zu grösserer Anerkennung zu ver- 
helfen. Das neue Reichsrecht behandelte er später in der Schrift »Der deutsche 
Civilprozess«, 3 Bände, Berlin 1878 — 79, der dann »Das deutsche Concurs- 
verfahren«, Leipzig 1889, folgte, auch Beiträge zum »Magazin für das deutsche 
Recht der Gegenwart«, Bd. 5, und zur »Zeitschrift für den deutschen Civil- 
prozess«, Bd. 4, 12, 15, 18, und »Die Entwicklung des Beweisverfahrens im 
deutschen Civilprozess seit 1495«, Bonn 1895. Seiner Geistesrichtung, die 
darauf ausging, »den wirthschaftlichen Kern der Dinge zu sehen, der reichen 
Gestaltung und freien Bewegung der Wirklichkeit Rechnung zu tragen und 
Formalien zur Seite zu schieben« — wie Landsberg in seinem Nekrolog sich 
ausdrückt — , entsprach aber vornehmlich die Beschäftigung mit Handelsrecht. 
Er begann hier mit »Mittheilungen und Bemerkungen über den Entwurf eines 
deutschen Handelsgesetzbuches in seinen drei ersten Büchern«, Erlangen 1858, 
vollendete Brinkmanns Lehrbuch des Handelsrechts, Heidelberg 1860, schrieb 



Endemann. 



14S 



»Ueber Geschlossenheit und Zwangsverkoppelung der ländlichen Güter«, 
Cassel 1860, ein »Ländliches Wasserrecht«, ebenda 1^62, verschiedene Artikel 
in die Cottasche Vierteljahrsschrift (1859 — 65), endlich ein Lehrbuch dieser 
Materie, »Das deutsche Handelsrecht«, Heidelberg 1865, 4. Auflage 1887, in 
dem er das Recht statt aus wesenlosen Fictionen einer abstracten Schuld- 
doctrin auf der Grundlage des wirklichen Lebens aufzubauen versuchte. Mit 
mehreren anderen Fachmännern veröffentlichte er 1881 — 85 in vier Bänden 
ein grosses Handbuch des Handels-, See- und Wechselrechts mit eigenen Bei- 
trägen über die Lehre vom Handel und Handelsrecht in Band I, über die 
Lehre von den Sachen oder Waaren und die Arbeit in Band II, über Be- 
arbeitung und Verarbeitung in Band III. Dieses Werk erfuhr eine italienische 
Bearbeitung von C. Betoccchi und A. Venditti, Napoli 1892 ff. Die Arbeit 
von Job. Kuntze über Wechselrecht gab er unter Mitwirkung von Brachmann 
Leipzig 1884 heraus. Ein Ergebniss seiner auf ministeriellen Wunsch in Eiber- 
feld beziehungsweise Köln gehaltenen Vorlesungen war sein Werk »Das Recht 
der Eisenbahnen nach den Bestimmungen des Deutschen Reiches und Preussens«; 
Leipzig 1886. Als sein Hauptwerk von bleibendem Werthe sind anzusehen 
seine »Studien in der romanisch-kanonistischen Wirthschafts- und Rechtslehre«, 
Berlin I 1874, 11 1883, in denen er besonders die scholastische Wucherlehre 
in allen ihren Verzweigungen darstellte. Als Vorarbeit gehört dazu ein Auf- 
satz in B. Hildebrands Jahrbb. für Nationalökonomie und Statistik, Band I, 
der Vortrag über »Die Bedeutung der Wucherlehre« in der Virchow-Holtzen- 
dorff-Sammlung, Berlin 1866. Von einem geplanten grossen Werke über den 
Zusammenhang von Recht und Wirthschaft erschien »Die Behandlung der 
Arbeit im Privatrecht« (Jahrbb. f. Nat.-Oekon. u. Stat. 3. Folge, Bd. 12, 1896; 
auch separat). Als weitere Schriften sind zu erwähnen »Die Entwicklung dfer 
Handelsgesellschaften« (in der Virchow- Hol tzendorfF- Sammlung, Berlin 1867, 
2. Aufi. 1872); »Die Rechtshülfe im Norddeutschen Bunde«, Berlin 1869/70; 
»Das Bürgerliche Gesetz betr. die Commanditgesellschaften auf Actien und 
die Actiengesellschaften vom 11. Juni 1870«, ebenda 1870; »Die Einstellung 
des Civil prozessverfahrens zu Gunsten der Militairpersonen«, ebenda 1870; 
»Das Gesetz betr. das Urheberrecht an Schriftwerken . . vom 11. Juni 1870«, 
ebenda 1871; »Der Markenschutz nach dem Reichsgesetz vom 30. November 
1874«, ebenda 1875; *^^i^ Haftpflicht der Eisenbahnen, Bergwerke . .«, ebenda 
1876, 3. Aufl. 1885. Ausserdem zahlreiche Gutachten für Behörden und Private, 
auch über den russischen Entwurf einer Wechselordnung, wofür ihm der russische 
Stanislausorden 2. Klasse zuTheil wurde. — Als Lehrer war E. in seinem Vortrage 
klar, anregend und geistvoll; in allen Lagen des Lebens zeigte er sich als einen 
scharf ausgeprägten Charakter von grösster Offenheit, in der Familie als selbstlosen, 
sich aufopfernden Gatten und Vater. In politischer Beziehung war er in Kurhessen 
und in den Rheinlanden weithin als eine Stütze der nationalliberalen Partei bekannt; 
mitgrossenOpfernvertraterihreSachebisin die 80er Jahre. Der Niedergang dieser 
Partei war ihm eine der schmerzlichsten Erfahrungen, ein nie überwundener Schlag. 

Nach dem Nekrolog von Ernst Landsberg in der Zeitschrift für den deutschen Civilprozess, 
Bd. XXVI, und dem Leitartikel der Bonner Zeitung No. 148 vom 23. Juni 1899, Jurist. Literatur^ 
blatt No. 106 vom i. Juli 1899 (Oetker); — Deutsche Juristen-Zeitung 1899 S. 272. — Krit. 
Vschr. X 437 - 741 (Dahn); XII i— 19 (Bülow); XVII 444—447 (Zorn). — Goldschmidts Zeit- 
schrift I 360; IV 467; VIII 643. — Grünhuts Zeitschrift II 617—623 (Inama); III 356, 795'; 
VIII 387 (v. Canstein); XI 483; XVII 356; XXV 195; — Rechtsforschung und Rechtsunter- 
richt auf den deutschen Universitäten, hrsg. von O. Fischer, Berlin 1893, S. 60—62. 

A. Teichmann. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog;. 4. Bd. I O 



146 H Du Prel. 

Du Prcl, Carl, Freiherr, ♦ 3. April 1839 ^^ Landshut in Niederbayem, 
f 5. August 1899 in Heiligkreuz bei Hall in Tirol, Kgl. bayerischer Haupt- 
mann a. D., erblicher Ehrenbürger der Stadt Freiburg i. d. Schweiz, philo- 
sophischer Schriftsteller, Dr. phil. der Universität Tübingen. — Der französisch 
klingende Name der Familie Du Prel ist auf ihre burgundische Abstammung 
zurückzuführen. Das alte Adelsgeschlecht wurde später in Luxemburg an- 
sässig. Als Carl D. P. als der zweite Sohn des Advocaten Max Frhm. D. P. 
in der ehemaligen bayerischen Universitätsstadt Landshut geboren ward, war 
die Familie jedoch längst gut deutsch geworden. D. P. war schon als Offi- 
cier ein glühender deutscher und bayerischer Patriot, jedoch ohne particula- 
ristische Anwandlungen, und, wenn man will, kann man höchstens in dem 
feinen Witz und Esprit, sowie in seiner von Kindheit auf trefflichen Be- 
herrschung der französischen Sprache in Wort und Schrift Spuren der fremden 
Abstammung der Familie erblicken. Als der kleine Carl für das Gymnasium 
reif wurde, übersiedelte die Familie nach München, wo er das Kgl. Ludwigs- 
Gymnasium besuchte und Aufnahme in der Kgl. Pagerie fand. Für den Vater 
D. P.'s stand es natürlich fest, dass sein Carl wie auch zwei andere Söhne — 
ein vierter fiel im grossen Jahr 1870/71 — Jurist werden müsse, und Carl bezog 
denn auch 1857 die Münchener Universität, wo er zwar juristische Fächer, 
daneben aber auch philosophische hörte. Mit den ersteren konnte er aber 
sich so wenig befreunden, dass er, als ihm die Eltern keine andere »standes- 
gemässe« Wahl Hessen, zwei Jahre später, als 1859 Bayern vorübergehend 
mobilisirte und er als absolvirter »Page« den Vorzug haben konnte, gleich 
Officier zu werden, kurz entschlossen die militärische I^aufbahn ergriff. Er 
trat als Leutnant ins 2. Infanterie-Regiment und lag meist in pfälzischen 
Städten (Landau, Germersheim), später auch in München in Garnison. D. P. 
hat zwei Feldzüge mitgemacht: im Jahre 1866 focht er in der ftir Bayern 
unglücklichen Schlacht bei Kissingen und wurde Oberleutnant, und 1870/71 
wurde dem Hauptmann seiner Sprachkenntnisse wegen das Depot französischer 
Gefangener in Neuburg a. D. übertragen. 

Nach dem Feldzug nahm D. P. seinen Abschied: theils seiner immer 
etwas zarten Gesundheit wegen, theils aber um sich nun rückhaltlos seinen 
Lieblingsstudien widmen zu können. Dass active und pensionirte Officiere 
auch wissenschaftliche Neigungen haben, ist zwar im heutigen Deutschland 
keine Seltenheit mehr, aber selbst heute mag es nicht alle Tage vorkommen, 
dass ein blutjunger Leutnant mit Begeisterung Philosophie treibt und durch 
seine Erstlingsschrift sich den Doctorhut erwirbt. In diesem kleinsten Leutnant 
der Armee aber paarte sich Humor, muthige Entschlossenheit und ernster 
wissenschaftlicher Sinn in seltenstem Grade. Schon als junger Officier hielt 
sich D. P. zu gleichstrebenden Freunden, die sich zu einem Bund, der »Arkas<t 
hiess, zusammengefunden hatten. Man vereinigte sich in einer Weinstube zu 
ernsten Discussionen und Debatten, sowie zu fröhlichem Scherz. Dort fanden 
sich Robert v. Hornstein, ein Schüler Rieh. Wagners und Schopenhauers, 
Heinrich No^, Martin Greif, Adolf Bayersdorfer u. A. ein — Freunde, die 
dem Philosophen und Menschen auch durchs fernere Leben treu verbunden 
blieben. Für das Leben der Grossstadt, für die grosse Gesellschaft hatte 
D. P. zeitlebens keinen Snn; der Verkehr mit wenigen guten P'reunden, mit 
eben solchen Büchern und die unerschöpfliche Schönheit der Natur fiillten 
ihn ganz aus. Damals huldigte er noch einer regen Wanderlust, die ihn 
später zum Nachtheil seiner Gesundheit völlig verliess. Im Januar 1874, 



Du Prel. 147 

also im Winter, ging er mit Freund No^ zu Fuss über die Tauem nach 
Venedig. So hat er Tirol, Dalmatien, Montenegro und Italien durchwandert 
und was er gesehen, in einem heute mit Unrecht vergessenen Buche »Unter 
Tannen und Pinien« (Berlin 1875) niedergelegt, dessen Naturschilderungen 
hinter denen seines Freundes Nod nicht zurückstehen. Die erste Schrift 
jedoch, die er überhaupt drucken Hess, wurde zugleich zur merkwürdigen 
Vorbedeutung für die ganze Richtung seines späteren Lebens. Im Mai 1868 
war in der Cottaschen Vierteljahrsschrift eine kleine Schrift »Oneirokriti- 
kon, der Traum vom Standpunkt des transcendentalen Idealismus« von ihm 
erschienen, die dem Oberleutnant den Doctor philosophiae der Universität 
Tübingen eintrug. Die scharfsinnige Untersuchung über das Wesen des 
Traumes wurde für ihn, fast 20 Jahre später, zur Pforte, durch die er sein 
eigentliches Arbeitsfeld betreten sollte. Vorerst aber schrieb er Kritiken eben 
erschienener philosophischer Bücher, und die damalige Blüthezeit der Philo- 
sophie des Unbewussten riss ihn mit einem Male mitten in die Tagespolemik 
hinein. Mit seiner frischen, humorreichen Schrift »Der gesunde Menschen- 
verstand vor den Problemen der Wissenschaft; in Sachen J. C. Fischer 
contra Eduard von Hartmann« (Berlin 1872) ergriff er entschieden Partei für 
letzteren und erregte dadurch das erste Aufsehen. Hartmann aber bedeutete 
für D. P. nur einen Uebergang; er hielt sich lieber an das so unvergleichlich 
höhere Vorbild, . an Schopenhauer, an dessen klarem cl assischen Stil er sich 
auch gebildet hat. 

D. P. hat immer und immer wieder darauf hingewiesen und legte im 
Angesicht seiner zahlreichen Gegner auch das grösste Gewicht darauf, dass er 
durch die Naturwissenschaft zur Philosophie gekommen sei. In der That 
bildet die Grundlage seines ganzen späteren Schriftthums die naturwissen- 
schaftliche Periode, die bei ihm Anfang der 70er Jahre beginnt und deren 
erste grösste Frucht das Buch »Der Kampf ums Dasein am Himmel« 
(Leipzig 1873) die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt zum ersten 
Male und am entscheidendsten auf ihn gelenkt hat. Sie ist auch zugleich 
die einzige seiner Schriften geblieben, die drei Auflagen erlebt hat; die dritte, 
stark vermehrt, erschien unter dem Titel »Entwicklungsgeschichte des 
Weltalls, Entwurf einer Philosophie der Astronomie« (1882). Hier und 
noch mehr in der ergänzenden, kleineren Schrift »Die Planetenbewohner 
und die Nebularhypothese, neue Studien zur Entwicklungsgeschichte des Welt- 
alls« (1880) versucht D. P. mit grosser Kühnheit und genialem Scharfsinn, 
die Darwinsche Theorie über die Erde hinaus auch auf die übrigen Welt- 
körper, auf das ganze Weltall auszudehnen und so die natürliche Auslese als 
ein für das Universum geltendes Gesetz nachzuweisen. Die dazumal streng 
materialistische Wissenschaft fand nur an dem ersteren Werke ausserordent- 
lichen Geschmack, sodass sich sogar der Popularphilosoph Ludwig Büchner 
veranlasst fand, Motti daraus für sein Buch »Kraft und Stoff« zurechtzumachen, 
die er in den späteren Auflagen freilich wieder fortliess, denn die überaus 
kühnen Hypothesen der »Planetenbewohner« hatten ihn wie die Anderen 
darüber belehrt, wo D. P. hinaus wollte. 

Fast gleichzeitig wie in seinem Schaffen war auch in seinem Leben ein 
Wendepunkt gekommen. Von 1876 — 1879 hatte D. P. zumeist in Brixen an 
Eisack sich aufgehalten. Dort lernte er seine spätere Frau, eine junge Wittwe, 
kennen, deren günstige Vermögensverhältnisse ihm ermöglichten, ohne jede 
Rücksicht auf's Geldverdienen zu studiren und zu schreiben. Und das war, 

10* 



148 Du P«l. 

da sich seine Frau auch ausserdem seiner Sonderart auf's Glücklichste anzu- 
passen verstand, für ihn ein umso grösseres Glück, als der ideal gesinnte, 
den praktischen Lebensanforderungen vielfach mit naiver Verwunderung gegen- 
über stehende, für sich persönlich allerdings äusserst anspruchslose Philosoph 
weniger als jeder Andere fähig gewesen wäre, um des Geldes willen zu philo- 
sophiren — ganz abgesehen davon, dass dies in Deutschland noch weniger 
als anderwärts Aussicht auf Erfolg hätte. Das Geld schätzte er nur, insofern 
es ihm die Möglichkeit bot, Gutes zu thun — denn D. P. war »edel, hülf- 
reich und gut« durch und durch — und eine in ihrer Art einzige Bibliothek 
zusammenzubringen. Wenn er sich noch mehr wünschte, so war es immer 
nur, um im grösseren Massstabe experimentiren und so, wie er glaubte, die 
praktischen Beweise für seine Philosopheme zu erbringen. Er war darin von 
einem unversieglichen enthusiastischen Optimismus und scheute früher wenigstens 
nicht leicht eine Reise, die ihn mit einem berühmten »Medium« zusammen- 
brachte. Seine Frau nahm an seinen Bestrebungen regen Antheil und wurde 
jedenfalls früh schon mit ihnen vertraut, entstanden ja die »Planetenbewohner« 
gewissermassen auf der Hochzeitsreise! Dasselbe Jahr zeitigte aber noch eine 
Schrift auf ästhetischem Gebiete, das er später trotz seiner Erfolge nie mehr 
betreten hat: seine »Psychologie der Lyrik, Beiträge zur Analyse der 
dichterischen Phantasie« (Leipzig 1880). Aus der Lyrik der letzten Jahrzehnte, 
insbesondere aber seines Freundes Martin Greif, trägt das kleine Buch Bei- 
spiele zusammen, um darauf eine tiefgründige Untersuchung über die noch 
dunklen Vorgänge beim dichterischen Schaffen der Psyche anzustellen. Leider 
ist D. P. nie mehr auf dieses Thema zurückgekommen, für das er eine ent- 
schiedene Begabung mitgebracht hätte. Eine nur durch Studien ausgefüllte 
Pause von fast fünf Jahren bereitet nun sein erstes Hauptwerk vor, dem, wie 
oben bemerkt, schon die Dissertation »Oneirokritikon« gewissermassen das 
Prognostikon gestellt hatte. Die unmittelbare äussere Veranlassung, dass sich 
D. P. mit den noch wenig erforschten geheimnissvollen Vorgängen der mensch- 
lichen Seele, mit Hypnotismus, Somnambulismus und Spiritismus, die er später 
unter den Namen Occultismus und Mystik — Beides nicht ganz zutreffende 
Bezeichnungen in Ermangelung besserer — zusammenfasste, zu beschäftigen 
begann, erzählt er selbst in einem an Carl Kiesewetter, den inzwischen jung 
verstorbenen Verfasser der gross angelegten »Geschichte des Occultismus«, 
gerichteten Briefe: »Den Anstoss gab ein Erlebniss in Germersheim schon als 
Leutnant, wovon meine Promotionsschrift ,Der Traum vom Standpunkt des 
transcendentalen Idealismus' berichtet. Phüosoph wurde ich durch Schopen- 
hauer, den ich noch immer sehr verehre. Hartmann hat nur insofern Einüuss 
gehabt, als er in der ,Philosophie des Unbewussten' das Thor in die dunkle 
Grotte aufthat, in die ich eintrat, aber etwas ganz Anderes fand als er. Dann 
studirte ich Darwin, fand, dass sein Princip der indirecten Auslese des Zweck- 
mässigen allgemeiner Verwerthung über die Biologie hinaus erheische, wendete 
es auf die Astronomie an (Entwicklungsgeschichte des Weltalls). Die letzten 
Probleme der Astronomie behandelte ich in einer eigenen Schrift (Planeten- 
bewohner) und damit stand ich zu meinem eigenen Erstaunen vor der eigent- 
lichen Mystik. Ich wollte dann den Spiritismus studiren, fand, dass er isolirt 
nicht studirt werden kann, Hess ihn liegen, studirte Magnetismus und Somn- 
ambulismus, d. h. das Hineinragen des Menschen in die Geisterwelt statt 
des Hereinragens der Geisterwelt in die unserige. Meine Experimente in 
Wien (,Probleme für Taschenspieler') brachten mich wieder auf den Spiritis- 



Du Prel. 



149 



mus. E^ fehlte mir aber das Geld zu Experimentiren, daher die vorwiegend 
philosophische (theilweise historische) Behandlung des Gegenstandes.« D. P. 
ist also, was er immer wieder gern betonte, von den Naturwissenschaften aus- 
gegangen und hat auch in seinen kühnsten Hypothesen seine gründliche wissen- 
schaftliche Vorbildung niemals verleugnet. Zu einer Zeit, als die medicinische 
und forensische Bedeutung des Hypnotismus von- der Wissenschaft noch nicht 
anerkannt wurde, wenigstens in Deutschland noch nicht, verfasste D. P. seine 
kleineren Schriften »Das hypnotische Verbrechen und seine Entdeckung« 
(^München 1889) und »Professor Dr. C. Mendel in Berlin und der Hypnotis- 
mus« (mit Dr. Gerster, Leipzig 1890). Wohl hat er später erlebt, dass nicht 
nur seine Theorien anerkannt, sondern bei den Gutachten hypnotisirender 
Aerzte in sensationellen Processen auch zu praktischer Anwendung kamen, nicht 
aber hat er erlebt, dass dabei je seines Namens gedacht wurde. Er war sich 
genau l)ewusst, dass er zu Zeiten mit den dummgläubigsten Spiritisten in 
einen Topf geworfen wurde und dass seine Glaubwürdigkeit selbst in ganz 
gewöhnlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragen nur deshalb 
perhorrescirt wurde, weil sie der »Spiritist« D. P. für sich beanspruchte. Er 
besass Sinn für Humor und so machte er denn einmal mit Vorwissen einiger 
vertrauter Freunde ein Experiment darauf, das er, nachdem es über Erwarten 
gelungen, später aufdeckte. Er schrieb einen Aufsatz astronomischen Inhalts 
•Das Räthsel der Kometen«, der (im Februar 1894) in Hardens »Zukunft« 
erschien, aber unter dem Autornamen Charles d'Arloz. Sonst hätten ihn die 
Fachleute nicht gelesen und nicht vorurtheilslos beurtheilt. Er wollte gerade 
durch einen streng astronomischen Artikel beweisen, dass er vom Causalitäts- 
gesetz »allerdings eine Ahnung« habe. Sein Artikel wurde in der SocitJtd 
Astrononii(iue de France (Bulletin trimestriel 1894 IV) vorgetragen, in der 
astronomischen Zeitschrift »Sirius« (1894 4. Heft) nachgedruckt und im 8. Heft 
derselben Zeitschrift von einem Fachmann besprochen, endlich erhielt D. P. 
sogar den Antrag eines Verlegers, die ganze Astronomie in derselben Weise 
zu behandeln. »Wäre von all dem etwas geschehen« — ruft er in bitterem 
Humor aus — »wenn mein wirklicher Name darunter gestanden hätte? Ich 
glaube es nicht. Indem ich aber nun die Maske fallen lasse und mich als 
Verfasser jenes Aufsatzes bekenne, benehme ich meinen Gegnern die Möglich- 
keit, meine spiritistische Ueberzeugung aus naturwissenschaftlicher Unkenntniss 
zu erklären und müssen sie nach einer anderen Ausrede suchen. Ich schlage 
denselben die Hypothese der lichten Momente vor, die mir ein gütiges Geschick 
noch gelassen habe, so dass ich abwechselnd an geraden Tagen lesenswerthe 
Aufsätze, an den ungeraden aber allerdings baren Unsinn schreibe.« 

Sein erstes grosses Hauptwerk »Die Philosophie der Mystik« (Leipzig 
1885), ^^s auch ins Englische übersetzt worden ist, es aber bis heute nicht 
zu einer zweiten Auflage gebracht hat, obwohl es vielleicht das Geistvollste 
und Bleibendste ist, was er geschrieben, ist von Spiritismus gänzlich frei: es 
nennt weder Wort noch Sache. Es bildet aber die Grundlage der ganzen 
Du Prel'schen Philosophie, indem es, vom Traumleben und Somnambulismus 
ausgehend, in einer Sprache von wahrhaft durchsichtiger Klarheit die kühnen 
Grundlinien zu einem in die Wolken sich verlierenden Bau philosophischer 
Speculation zieht, in denen er selbst den Widerwilligsten durch die strenge 
Logik seiner Gedankenfolge bis ' zum Schlüsse zu fesseln und mit sich fort- 
zureissen weiss. Die Gegner, die ihm früh erstanden, mehrten sich rasch mit 
dem Erscheinen der sich schnell aufeinander folgenden weiteren Bücher: 



^50 



Du Prel. 



»Die monistische Seelenlehre« (Leipzig 1888), »Die Mystik der alten 
Griechen« (Tempelschlaf — Orakel — Mysterien — Dämon des Sokrates), 
welch letzteres ihm die Fachphilologen auf den Hals hetzte, aber auch von 
seiner stupenden Belesenheit zeugte, die er in den Dienst seiner Sache zu 
stellen verstand, »Studien aus dem Gebiete der Geheimwissenschaften«, 
2 Theile (Leipzig 1890/91), »Die Entdeckung der Seele«, 2 Bände (Leipzig 
1894/95), und »Die Magie als Naturwissenschaft« Qena 1899, 2 Theile). 
Daneben entstanden in Zeitschriften zahlreiche kleinere Arbeiten didaktischen 
und polemischen Inhaltes, aber auch zur Verbreitung seiner Ideen in populärerer 
Form, so die beiden 1892 und 1893 bei Reclam (Leipzig) erschienenen 
Schriftchen »Das Räthsel des Menschen« und »Der Spiritismus« und 
Gelegenheitsschriften wie die zum Kemer- Jubiläum: »Justinus Kern er und 
die Seherin von Prevorst« (mit Zeichnungen von Gabriel Max, Leipzig 1886), 
die Vision »Das weltliche Kloster« (1885) und andere, aber auch der in 
zwei Auflagen bei Cotta (1891) erschienene hypnotisch -spiritistische Roman 
»Das Kreuz am Ferner«, der zwar rein didaktische Zwecke verfolgt, aber 
auch dem unbefangenen Leser durch die geschickt gesteigerte Handlung und 
die blühende Pracht seiner Naturschilderungen imponirt. — In den Jahren 
1872 und 1873 g^b ^' P" zuerst in der (Wiener) Deutschen Zeitung die Briefe 
Schopenhauers an Adam von Doss heraus, die dann von Schemann und von 
Grisebach in ihre Sammlungen übernommen worden sind. Die letzte Schrift, 
die aus seiner schon müden Feder floss: »Der Tod, das Jenseits, das 
Leben im Jenseits« (1899, 119 S., im Selbstverlag) ist zu seinem ahnungs- 
vollen Testament geworden. Er hat sie und die von seinen Anhängern fest- 
lich begangene Feier seines 60. Geburtstages nur um wenige Monate über- 
lebt. — Ein unbestreitbares Verdienst um einen überragenden Vorgänger, um 
Kant, hat sich D. P. durch die Wiederentdeckung der so gut wie ver- 
schollenen, 1821 von Poelitz herausgegebenen »Vorlesungen über Metaphysik c 
Kants erworben. Hätte er sie nicht mit einer Einleitung »Kant als Mystiker« 
und mit Nennung seines Namens neu herausgegeben (1889), ^^ wäre sein 
Verdienst vielleicht nicht theils bestritten, theils todtgesch wiegen worden. 
Seine Verwegenheit, Kant als Metaphysik er, ja als Vorläufer des Spiritismus 
zu reclamiren auf Grund eben dieser Vorlesungen, insbesondere des Capitels 
^> Psychologie« und der vielumstrittenen Schrift »Träume eines Geistersehers«, 
würde vielleicht etwas nachsichtiger zu beurtheilen sein, wenn man bedenkt, 
dass selbst ein so unverdächtiger Mann der zünftigen Philosophie wie Friedrich 
Paulsen in seinem Buche über Kant, wohl dem besten, das wir haben, gegen- 
über der Mehrzahl seiner Fachgenossen den positiven Metaphysiker in Kant 
neben dem negativen »Kritiker« wieder zu Ehren gebracht hat. 

Du Prel hat unter dem kränkenden Todtschweigen durch seine zahlreichen 
Gegner mehr gelitten als unter ihrer Kritik. Die letztere freute ihn vielmehr, 
denn er führte eine tapfere und gewandte Klinge und focht mit Eleganz auch 
mit dem unbedeutendsten Gegner, solange er davon überzeugt l)lieb, dass es 
auch diesem nur um die Wahrheit zu thun war, denn strenge Wahrhaftigkeit und 
heisser Wahrheitsdurst waren Hauptkennzeichen seiner edlen P'orscherseelc, 
der Lüge auch im profanen Leben stets ein Greuel war. Er glaubte immer 
unbedingt an Alles, was er sprach, was er schrieb, und verlangte darum Ver- 
trauen; er liess sich aber, objectiv wie er war, am Vertrauen genügen selbst 
bei guten, wohlvertrauten Freunden, wenn diese im Uebrigen mitunter auch 
vor seinen allzu kühnen Folgerungen zurückschraken und mit ihm nicht durch 



Du Prcl. 



151 



das Dick und Dünn seiner metaphysischen Speculationen gehen mochten. Ich 
spreche aus eigenster Erfahrung, wenn ich behaupte, dass D. P. jeden ehrlichen 
Widerspruch vertragen konnte, und als der einzige seiner Freunde, der ihn 
zuletzt auf seinem Todtenbette in langem ernsten Gedankenaustausche ge- 
sprochen, darf ich vielleicht auch noch sagfen, dass er den lächerlichen Ex- 
cessen jenes fanatischen professionellen Spiritismus und dessen Schwindel- 
experimenten, sowie gar dessen Ausbeutung zu religiösen Zwecken nicht nur 
gründlich abhold war, sondern für sie nur Worte ehrlichen Zornes hatte, denn 
er sah ein, dass die Anerkennung von Seite der Wissenschaft dadurch nur 
hinausgeschoben werden konnte. Ein* gebildeter Anhänger mit Vorbehalt war 
ihm darum lieber als hundert kritiklose begeisterte Anhänger und Anhängerinnen, 
die ihn mit Zuschriften, Fragen und Besuchen aus aller Welt bestürmten. Er 
sah der Zukunft des Spiritismus, wenigstens was Deutschland betrifft, nicht 
eben mit grossem Vertrauen entgegen, denn es war keine Unbescheidenheit, 
wenn er sich selbst als den einzigen und vorläufig letzten ernst zu nehmenden 
wissenschaftlichen Vertreter seiner Sache ansah, der ihre Begründung und Ver- 
theidigung zu seiner einzigen Lebensaufgabe gemacht hatte. Von den meisten 
seiner blinden Anhänger — wenige Gleichstrebende ausgenommen — unter- 
schied er sich schon dadurch, dass er nirgends etwas Uebernatürliches 
sehen wollte, höchstens Uebersinnliches, das im Laufe der Zeiten und 
unter den Zaubermitteln der nimmermüden Wissenschaft sich allenfalls und 
zum Theil in Sinnlichem verdichten könnte, unter allen Umständen aber stets 
etwas Natürliches blieb. 

Eine geniale Natur, wie D. P. war, ist er auch von einer gewissen Ein- 
seitigkeit befangen gewesen. Wie Schopenhauer lebte er ausschliesslich nur 
seinen Ideen, in die er sich in den letzten Jahren so sehr eingesponnen hatte, 
dass er kaum längere Zeit für ein Gespräch zu haben war, das sich nicht um 
Spiritismus und Verwandtes drehte. Schopenhauer hat nicht mit Unrecht ge- 
meint, Philosophen sollten nicht verheirathet sein. Er selbst verstand es eben, 
ohne Frau sich den Anforderungen des täglichen Lebens gegenüber sehr 
praktisch durchzusetzen. Nicht so D. P., dessen wahrhaft kindliche Charakter- 
reinheit und Vertrauensseligkeit ohne die praktischere Stütze seiner Frau, 
welche auch die Erziehung seiner beiden Kinder fast völlig übernahm, gar 
übel gefahren wäre. Auch in der Beschränkung seiner Arbeit ist D. P. je 
länger je mehr einseitig geworden. Reiche Anlagen zu philosophischer Be- 
trachtung und Ausnützung der Gegenwart wie der Vergangenheit lagen in ihm 
brach, da er zuletzt über die Phänomenologie des Spiritismus, den er immer 
durch neue Experimente auch Denen glaubhaft machen wollte, die eben nicht 
überzeugt sein wollten, nicht mehr hinauskommen konnte. Er arbeitete 
mit fabelhafter Leichtigkeit und zuletzt war ihm die Arbeit so sehr Lebens- 
bedürfniss geworden, dass er alle anderen darüber vergass. Die grossen 
blauen Augen des kleinen Schweigers belebten sich nur mehr, wenn man auf 
sein Thema kam, und der einstige Freund der Natur, von Licht und Luft, 
sass, vor jedem Luftzug ängstlich abgeschlossen, im Qualm der Cigaretten in 
sein Studio gebannt bei seinen einzig geliebten Büchern und Manuscripten. 
Das rächte sich endlich, umsomehr, als die zarte, schwächliche Gestalt des 
emsigen Forschers nicht eben viel zuzusetzen hatte. Er verfiel rasch, und in 
seiner Tiroler Sommerfrische löschte er nach seinen eigenen Worten aus wie 
eine Lampe, der das nährende Oel ausgegangen. Du Prel war ein edler 
Mensch, ein seltener Charakter, von einer bis zur Schwäche gehenden Güte 



IS2 



Du Prel. Mittelstadt. 



gegen Mensch und Thier und doch unerbittlich gegen alles Falsche und Un- 
würdige. Gegner hat er zahllose gehabt, persönlichen Feind wohl kaum einen. 
Die Zukunft wird ihm vielleicht gerechter werden als ihm die Gegenwart 
gewesen, sie wird zwar schwerlich Alles anerkennen, was er geglaubt und 
geschrieben, aber sein schönes, stets auf das Höchste, auf das Unerreichbare 
gerichtete Lebenswerk wird darum doch nicht verloren sein. 

Biographien und Werke Dr. C. Du Preis: Die erste kurze Biographie D. P.s Ändet 
sich in K. Kiesewetters »Geschichte des neueren Occultismus« im Capitel, das D. P.s Philo- 
sophie behandelt. Doch ist Manches darin unrichtig. Biographisch-kritische Aufsätze Über 
den Philosophen sind im letzten Jahrzehnt ufid besonders gelegentlich des 60. Geburts- 
tages D. P.s fast in allen Zeitungen und Zeitschriften des In- und Auslandes erschienen. 
Zum Theil wurden dieselben zu Nekrologen. Die besten und verlässlichsten rtihren von 
seinen Freunden Dr. Wedel, Di. Walter Bormann und Dr. Franz Riss her. In der »All- 
gemeinen Deutschen Biographie« (der I. Nachtragsband ist im Erscheinen begriffen) und 
in dem Portraitsammelwerk »Das neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen«, herausgegeben 
von Karl Werckmeister (Photographische Gesellschaft, Berlin), das auch das beste Bild des 
eigenartigen Gelehrten bringt, hat der Unterzeichnete Du Prel und sein Streben zu würdigen 
versucht. — Die Werke D. P.s, die bis auf zwei bis drei minder bedeutende kleine Schriften im 
vorstehenden Artikel mit Ort und Jahr des Erscheinens aufgeführt sind, sind leider bei ver- 
schiedenen Verlegern zerstreut. Die Gcsammtausgabe, die er sich in optimistischen Stunden 
erträumt, hat er nicht erlebt. Einer seiner Verleger (Günther in Leipzig) hat gegenwärtig 
begonnen, seine »gesammelten« Werke herauszugeben: zum Theil eine reine Titelauflage, 
die gegen den Willen der Hinterbliebenen und ohne jede berufene Mithülfe erscheint. Der 
bis jetzt erschienene erste Band enthält ein schlechtes Bild D. P.s, eine anonyme kleine, 
gänzlich unzulängliche biographische Notiz und (eine geradezu barbarische Idee!) an Stelle 
der vorbereitenden grossen naturwissenschaftlichen Schriften, die chronologisch am besten 
in das Studium der Werke einführen könnten, den Aufsatz »Wie ich Spiritist wurde« und 
die Einleitung :»Kant als Mystiker^, zu dessen Vorlesungen über Psychologie. So ist 
denn die ganze zweite Hälfte des ersten Bandes der Werke D. P.s von — Kant! Ein neuer 
trauriger Beweis für die Wahrheit der oft von D. P. geäusserten pessimistischen Ansicht, 
dass der deutsche Schriftsteller, zumal nach seinem Tode, vielfach noch völlig rechtlos sei. 
Diese spcculativc kritiklose Sammelausgabe wird hoffentlich bald verdientem Vergessen 
anheimfallen. Man kann dem Andenken D. P.s leider nichts Besseres wünschen, als dass 
sie nicht zu lange einer seiner Bedeutung würdigen Gcsammtausgabe im Wege stehen möge. 

München. Alfred Frhr. v. Mensi. 



Mittelstadt, Otto, Jurist, * 14. Juli 1834 zu Schneidemühl (Provinz Posen), 
f 18. November 1899 zu Rom. Einer Juristenfamilie entstammend, besuchte 
er die (iymnasien zu Ostrowo und Posen, bezog dann die Universität zu 
Berlin, promovirte in Breslau zum Doctor der Rechte, machte 1855 — 60 in 
Posen den juristischen Vorbereitungsdienst durch. In den folgenden Jahren 
war er als Assessor bei der Staatsanwaltschaft in Posen und Berlin thätig. 
Zur Untersuchung im Polenprozess wurde er dem zum Untersuchungsrichter 
bestellten Kammergerich tsrath Krüger wegen Kenntniss der j)olnischen Sprache 
nach Posen beigegeben, war dann auch als Ankläger in diesem Prozess in 
Berlin thätig, später zur Ermittelung des Attentats von 1866 abgeordnet (vgl. 
seinen Bericht in der »Zukunft«, Bd. 23 S. 321 — 329), endlich zum Staats- 
anwälte in Altona befördert. Er folgte von hier einem Rufe der Hamburger 
Behörden an die Spitze der neu organisirten Staatsanwaltschaft. Für seine 
Erinnerung waren ihm diese Jahre des Hamburger Aufenthaltes die liebsten; 
er wurde 1877 Obergerich tsrath, 1879 übe rlandesgerich tsrath, 1881 an das 
Reichsgericht berufen, in dem er 1 5 Jahre lang dem gleichen Senate angehörte. 
Eine schwere Nervenerkrankung zwang ihn, jede stärkere geistige Anstrengung 



Mittelstadt. Becker. 



^53 



zu meiden. So nahm er 1896 den Abschied. Die letzten Jahre verlebte er 
auf Reisen in Nizza, Montreux, Venedig und Rom. Hier traf ihn von Neuem 
das alte Nervenleiden, was seinen Tod zur Folge hatte. — Literarisch hatte 
sich Dr. M. verdient gemacht durch die zu einzelnen sicheren Ergebnissen 
führende Schrift »Kaspar Hauser und sein badisches Prinzenthum«, Heidel- 
berg 1876. Ihr folgte die weitere »Gegen die Freiheitsstrafen«, Leipzig 1879 
I. und 2. Auflage,, in der er wohl zu einseitig alles Heil nur von wesentlicher 
Verschärfung des Strafvollzugs erwartete. Diese Anschauung fand lebhafte 
Bekämpfung seitens Oskars von Schwarze (Die Freiheitsstrafe, Leipzig 1880). 
Jedenfalls wurden aber hierdurch weitere Untersuchungen dieser Fragen in 
verdienstvoller Weise angeregt. Nochmals äusserte sich M. über sie in der 
»Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft«, Bd. 2 und 4, auch dann im 
> Gerichtssaal«, Bd. 46 und 47, indem er Zweierlei forderte: einmal Differenzirung 
der mannigfachen, vielverschlungenen socialen, sitdichen, pönalen Aufgaben 
des modernen Staats- und Rechtslebens, andererseits Vereinfachung der Delicte 
und der Strafarten. Neben vielen Beiträgen in den »Grenzboten«, »Im Neuen 
Reich«, in den »Preussischen Jahrbüchern« und in der »Zukunft« sind noch 
aus letzter Zeit zu nennen die Flugschritt »Vor der Fluth. Sechs Briefe zur 
Politik der deutschen Gegenwart«, Leipzig 1897, und die vor völligem Ab- 
schlüsse des Prozesses erschienene Schrift »Die AfFaire Dreyfus«, Berlin 1899. 

Nach Privatmittheilungen. — Deutsche Juristen-Zeitung 1899 S. 479. Vgl. Richard 
Schmidt, Die Aufgabe der Strafrechtspflege, Leipzig 1895 passim — Zeitschrift für die 
gesamte Strafrechtswissenschaft VII 748. 

A. Teichmann, 



Becker, Albert, Ernst Anton, Componist, * 13. Juni 1834 in Quedlin- 
burg, f 10. Januar zu Berlin. Der Sohn eines Buchhändlers, der ursprünglich 
Geistlicher werden sollte. Erst im 15. Lebensjahre begann er ernsthafte 
Studien bei dem Organisten Bönicke zu machen, die später in Berlin bei 
Haupt und Dehn fortgesetzt wurden. Schon in früher Jugend äusserte sich 
sein Sinn für ernste rehgiöse Musik und sein erstes Werk fällt in das Jahr 
1850, in dem er eine selbstgedichtete Cantate für Chor und Solo componirte, 
die im elterlichen Hause zur Aufführung gelangte. Krst im Jahre 1857, nach- 
dem er seine Studien bei S. W. Dehn vollendet hatte, gab er bei Siegel in 
Leipzig ein Heft Lieder heraus, dem bald ein zweites Heft bei Simrock in 
Berlin folgte »Lieder im Volkston für Haus und Herz«. Die erste öffentliche 
Anerkennung seines Talentes erhielt er durch eine Preisaufgabe, 1860 von 
der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ausgeschrieben, für eine Sinfonie, 
doch verwirklichten sich nicht die Hoffnungen, die der Künstler an diesen 
Erfolg zu knüpfen glaubte. Er ging nach Ohlau in Schlesien und hoffte in 
Provinzialstädten festen Fuss fassen zu können, doch auch hier erreichte er 
nicht, was er anstrebte, d. h. Director irgend einer Musikgesellschaft zu 
werden. 1869 kehrte er wieder nach Berlin zurück, gab Musikunterricht an 
Conservatorien und privatim. Durch das Studium Bach'scher Werke wandte 
er sich ganz der Composition geistlicher Werke zu und schuf unter Anderem 
eine Messe, die durch Liszt's Vermittelung im Jahre 1879 der Carl Biedel'sche 
Gesangverein in Leipzig zu seinem Jubiläum aufführte und einen durch- 
schlagenden Erfolg erzielte, der ihn unter die Koryphäen der Kunst versetzte. 
Trotz alledem blieb der Musikunterricht das einzige Existenzmittel, bis er 



jcA Becker. Millöcker. 

endlich im März 1889 Director des Kgl. Domchores zu Berlin nach von 
Hertzberg's Pensionirung wurde und endlich sein längst gehegter Wunsch in 
Erfüllung ging und zwar in der idealsten Weise, denn wer je den Berliner 
Domchor singen gehört hat, wird zu der Ueberzeugung gelangt sein, dass ihm 
kein anderer Gesangverein in seinen Leistungen auch nur annähernd gleicht. 
Und doch müssen die damit verbundenen amtlichen Pflichten wenig befriedigend 
gewesen sein, denn als durch den Tod Wilhelm Rust's das Cantorath an 
der Thomasschule in Leipzig frei wurde, meldete sich B. zu dem Posten und 
wurde auch gewählt. Kaiser Wilhelm IL legte jegte jedoch sein Veto ein, 
derselbe mag wohl auch die beengenden Fesseln des Directors beseitigt 
haben und so blieb B. dem Domchore erhalten. B. schuf zahlreiche Werke 
in allen Fächern der Musik, doch seine bedeutendste Leistung, die auch am 
bekanntesten geworden, ist jene Messe in B-moll. Ein Oratorium, Geistliche 
Dialoge, eine Reformationscan täte, Psalmen, Motetten u. a. zeugen alle von der 
Meisterschaft im contrapunk tischen Satze und einer ausserordentlichen Be- 
herrschung des harmonischen Materials, welche sich oft bis zur höchsten 
Kühnheit steigert, dabei aber nie den Wohlklang verletzt und stets sangbar 
ist. Er war eine durch und durch deutsche Ktinstlerpersönlichkeit, in der 
sich ein tiefer Ernst künstlerischer Anschauung mit meisterhaftem Können 
paarte, schreibt Lessmann in seiner Musikzeitung. Ein Halsleiden sollte durch 
eine Operation gehoben werden, doch war leider der Erfolg ein umgekehrter 
und führte den Tod herbei. 

Quellen: Mendel-Reissmann's Musik-Lex. Supplementband und Lessmann's Musik- 
zeitung 1899. 

Rob. Eitner. 



Millöcker, Carl, Componist, * 29. April 1842 in Wien, f 31. December 
1899. M"^ Vater, ein Goldschmied, bestimmte seinen Sohn Carl für sein 
Kunstgewerbe. Bald jedoch siegte in dem jungen Manne der Trieb zur 
Kunst und M. studirte am Conservatorium Flöte, bei Laimegger und Suppe 
Composition. Im Alter von 22 Jahren wurde er Capellmeister am Grazer 
Stadttheater und eröffnete die Reihe seiner Compositionen mit einer Operette 
»Der todte Gast«, die zu seinem Benefice in Graz aufgeführt wurde. Von 
Graz wandte sich M. nach Budapest und bald darauf nach Wien, wo er als 
Orchester-Director am Harmonie-Theater wirkte. Hier machte er die Bekannt- 
schaft Anzengrubers, des grossen Dramatikers, der ihm späterhin — nicht 
unter seinem Namen — ein Libretto lieferte. 1869 wurde M. am Theater 
an der Wien engagirt, aber bald entlassen, weil er »nicht genüge«. Wie sehr 
müssen die damaligen Theaterleiter den ausgezeichneten Musiker verkannt 
haben! Kurz darauf wurde er aber zurückberufen, also rehabilitirt, und ver- 
half dem Theater an der Wien ebensowohl als Componist wie als Capell- 
meister zu einer Reihe grosser Erfolge. M. hatte als Componist zum ersten 
Male mit seiner Musik zu dem Volksstücke »Drei Paar Schuhe« entschiedenes 
Glück. Das Lied »Heissa, endlich ist es Nacht« aus diesem Werke wurde 
populär. Bald folgten die Operetten »Das verwunschene Schloss« (März 1878), 
»Apajeune, der Wassermann« (1880), »Die Jungfrau von Belleville (October 
1881), denen 1882 der seither berühmt gewordene »Bettelstudent« (Text von 
Zell und Gende) folgte. Von anderen Bühnenwerken sind zu nennen »Die 
lustigen Binder« (December 1865), »Diana« (1867), »Die Fraueninsel« (1868), 



Millöcker. Sporrer. I e c 

*Die verkehrte Welt«, »Der Dieb« (in dieser Operette war bereits die später 
weltbekannt gewordene Melodie von »Ach, ich habe sie nur auf die Schulter 
geküsst« enthalten), »Der Regimentstambour« (1869), »Der Probekuss«, »Gräfin 
Dubarry« (1879), »Abenteuer in Wien« (1873), »Gasparone«, »Der Feldprediger« 
(1884), »Der Vice-Admiral« (1886), »Die sieben Schwaben« (1887), »Der arme 
Jonathan« (1890), »Das Sonntagskind« (1892), »Das Nordlicht« (1898) und 
die Musik zu unzähligen Possen und Volksstücken. — M. war unter den 
Wiener Operettenmeistem der virtuoseste Theaterpraktiker und kam, vermöge 
seines feineren Sinnes und seiner genauen Kenntniss der Bühne, oftmals dicht 
an den Stil der komischen Oper heran. »Gasparone« darf man unbedenklich 
für eine Meisterarbeit erklären. Oftmals giebt sich M. in seinen Werken einer 
gewissen lässigen Volksthümlichkeit hin, die ihm bei der Menge ebensoviel 
Sympathien verschaffte, als sie ihm bei den Kennern entzog. Seine senti- 
mentalen Gesänge sind ebenso larmoyant und falsch -gemüthl ich wie die von 
Joh. Strauss und Anderen. Bedeutend und voll Geist ist M. im Anmuthigen, 
im Humoristischen. Ausserdem ist er ein ungewöhnlicher Instrumentations- 
künstler, der in langjähriger Orchesterpraxis den einzelnen Musikorganen ihre 
Geheimnisse abgelauscht hat. — M., der durch den Ertrag seiner Bühnen- 
werke zu ansehnlichem Vermögen gelangt war, hatte sich in den letzten Jahren 
seines Lebens von der Capellmeister-Thätigkeit zurückgezogen und lebte zu- 
meist in seiner Villa in Baden bei Wien. Hier ist er auch gestorben. 

Rieh. Heuberger, 



Sporrer, Philipp, Historien- und Genre- Maler, k. Professor, * i. Mai 
1829 zu Mumau (Oberbayern), f 30. Juli 1899 ^^ München; besuchte als 
der Sohn schlichter Bürgersleute die Volkschule seiner Heimat, dann das 
Münchener Polytechnikum, welches nach damaliger Sitte die Brücke bildete 
zur Akademie, wo S. bei Ph. Foltz der Composition oblag, seine colo- 
ristische Begabung bei Albert Gräfle im Portraitfach erweiterte und schliess- 
lich noch die Unterweisung von Moriz von Schwind genoss. S. trat mit kleinen 
Genrebildern in die OefFentlichkeit, mit einer »Hochzeit im Gebirge« (185 1), 
einer »Häuslichen Scene« (1854), dann kam »Der Gedächtnisstag« (1855) 
und der »Hochzeitlader« (1856). Hierauf warf er sich auf historische Stoffe, 
wie »Der Schmied von Kochel« (1858) und die »Christnacht 1705«; auch 
malte er zwei Fresken im National-Museum : »Kurfürst Rupert I. nimmt 1348 
die Juden zu Heidelberg in Schutz vor dem Grimme des Pöbels« und der 
^' Heldentod der Würzburger Bürger 1400 in der Vertheidigung ihrer Reichs- 
freiheit auf dem Kirchhofe zu Bergtheim«. Darauf befasste er sich wieder 
mit Oelbildern, wie ein »Verlöbniss« (1866), »Romeo und Julia«, »Abschied«, 
eine neckische, in Untersberg spielende »Kellerscene« (in Photographie bei 
Louis Finsterlin), mit Aquarellen (Geldwucherer, Glückshafen) und Illustrationen, 
darunter ein Cyklus «Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen 
und Abenteuer zu Wasser und zu Lande« (Leipzig bei C. F. Amelang) und 
die »Bilder zu deutschen Volks- und Lieblings - Liedern«. Auch reizten ihn 
F'ranz Trautmanns »Geschichten aus dem Münchener Burgfrieden« zu heiteren 
Schöpfungen, unter welchen der »Herr Peter Flecklein« (vgl. No. 881 der 
bei Braun und Schneider erscheinenden Münchner Bilderbogen) eine besondere 
Rolle spielte. Ueberhaupt forderte das Neckische, Philisteriöse der Spiess- 
bürgerschaft aus jener Zeit, wo der Grossvater die Grossmutter nahm, seine 



ic6 Sporrer. Aber. 

heitere Laune heraus, die sich gern auf demselben schnurrigen Gebiete wie 
Carl Spitzweg (1808+1885) erging, nur dass sich bei S. (welcher als 
Monogramm sich häufig des Sporns bediente) ein schnurriger Zug zur 
Caricatur hervordrängte; dagegen waren S.'s Landschaften ganz im Geiste 
Spitzwegs gedacht und in fein empfundenem Colorit stimmungsvoll ausgeführt. 
Mit Vorliebe erging sich S.'s leichtbewegliche Phantasie in Erfindung von 
drollig - sinnigen Buchzeichen, in Aquarellen zu Märchen, Sagen und Sprich- 
wörtern, zu originellen Uhrenschildern und Zifferblättern. Ein fröhliches 
Erzeugniss war die Kohlezeichnung »lieber den Etaler - Berg« mit den auf 
allen möglichen Vehikeln zum Ammergauer Passionsspiel 1880 ziehenden 
Pilgern, Fremden und Touristen. Einen Saal im Cafe Probst zierte S. 
mit zwölf lebensgrossen , das Restaurations - Leben vorführenden Charakter- 
figuren: flotte Studenten, Blumenmädchen, Schachspieler, Zeitungsleser, 
städtische Gigerln, schüchterne Landconfecte, Karten- und Billard - Spieler, 
theetrinkende Dämchen und Raucher aller Sorten. In der Laube von 
Dr. Trettenbacher's Garten malte er in Enkaustik auf eine Steinplatte das 
Contrefait des als Einsiedler mit einem Rehkälbchen spielenden Hausherrn, 
später decorirte er die ganze Westseite des dreistöckigen Hauses mit einem 
Bildercyclus, welcher nach dem eigenwilligen Sinne des Auftraggebers in 
einer neuen Technik ausgeführt, der klimatischen Zerstörung nur allzu schnell 
unterlag. Zu Simon Baumanns »Geschichte von Murnau« (1855) entwarf 
S. fünf Landschaften; für diese seine Vaterstadt malte er »Erinnerungen« 
an ein landwirthschaftliches Fest mit Trophäen, Wappen und Ehrenscheiben. 
Dann kamen wieder Oelbilder mit allerlei Scenen aus dem Wildschützen- 
und Strolchen-Leben, »Auf der Walz« und dergleichen; Culturgeschichtliches 
mit »Sonnenwendfeuer«, »Fingerhaggeln«, »Pferdehändlern« und ländlichen 
»Buden-Photographen«. Auch im Portraitfach sind viele treffliche Leistungen 
S.'s zu verzeichnen, darunter die Bildnisse des als Opemcomponisten 
und Landtagsabgeordneten bekannten Bürgermeister Förg von Donauwörth, 
des schneidigen Geheimrathes Dr. von Ringseis, des (irafen von Seinsheim 
u. s. w. Ganz im Sinne Moriz von Schwinds war seine wohldurchdachte 
Allegorie zum Gedächtniss König Ludwigs IL, ebenso die Vignetten zu 
Rudolf Baumbachs »Zlatorog« und zu Reinhardstöttners Biographie des 
lateinischen Poeten Martinus Balticus, welche die bekannte »Baierische 
Bibliothek« (Bamberg 1890) eröffnete. Im Jahre 1897 erschien im Kunst- 
verein eine reiche Collection von S.'s Arbeiten, gleichsam ein Rückblick 
aus allen Phasen seines Schaffens, darunter auch die lustigen Caricaturen 
aus dem Album des Künstler-Sänger-Vereins und die Compositionen zu Victor 
Gluth's Oper »Der Trentajäger« (1885). Dann zog sich der damals schon 
kränkelnde Künstler von der Oeffentlichkeit zurück. Er hatte 187 1 eine 
Lehrerstelle im Freihandzeichnen am Münchener Polytechnikum erhalten und 
war nach Jos. Motzets Rücktritt 1877 in die Würde und Rechte eines wirk- 
lichen Professors eingerückt, ein Amt, in welchem S. die Achtung und 
Liebe seiner Schüler in hohem (irade errang. 

Vgl. Abendblatt 212 »Allgemeine Zeitung« 2. August 1899. Kunstvereins-Bericbt fUr 
1899. S. 81 f. 

Hyac. Holland. 

Aber, Eduard, Buchhändler, * 10. November 1810 in Berlin, f 25. Sep- 
tember 1899 daselbst. A. trat 1833 in die i8i6 von seinem Onkel August 



Aber. Breslaur. 



157 



Hirschwald gegründete Buchhandlung ein, die eben durch seine Mitwirkung 
zur angesehensten Verlags- und Sortimentsfirma medicinischer Richtung wurde. 
Bereits 1840 wurde er deren Alleininhaber. Fortan war er unermüdlich und 
mit glänzendem Erfolge für die Entwickelung des Geschäftes in besagter 
Richtung thätig. Den Namen Dieffenbach und Romberg des Verlages reihten 
sich die strahlenden Namen eines Niemeyer, Casper, König, Hoppe -Seyler, 
Virchow, eines v. Bergmann, Billroth, Binz, Eulenburg, Gurlt, Hermann, 
Rob. Koch, V. Langenbeck, v. Leyden, Liebreich, Nothnagel, Orth, Schul tz- 
Schultzenstein, Traube und zahlreiche andere an. Viele hervorragende Werke, 
besonders eine Reihe gediegener Zeitschriften verdankten seiner Anregung 
ihre Entstehung. Die weiteste Verbreitung fand wohl die aus Caspers medi- 
cinischer Wochenschrift hervorgegangene Berliner klinische Wochenschrift. 
Etwa ein Dutzend hochangesehener medicinischer Zeitschriften schlössen sich 
an und wirkten dazu mit, Berlin zum Mittelpunkt der medicinischen Literatur 
Deutschlands zu machen. Im persönlichen Verkehr war »der alte Aber« die 
Liebenswürdigkeit selbst, zugleich »ein lebendiger Katalog der modernen 
medicinischen Literatur«. Mit seinen Autoren und den vielen in seinem 
Sortiment verkehrenden Medicinern war er meist näher befreundet. Vielen 
Talenten hat er die Bahn gebrochen, aber auch anderweit im Stillen viel 
Gutes gewirkt. Theilhaber der Firmen August Hirschwald und Hirschwald 'sehe 
Buchhandlung wurden 1848 Ferdinand Hirschwald (dessen Nekrolog im vor- 
liegenden Jahrbuch) und 1870 Albert Aber» 

Börsenblatt f. d. dt. Buchhdl. 1899 No. 226 und 229 (hier Charakteristik nach dem 
Berliner Tageblatt). — Berliner klinische Wochenschrift 1899 No. 40: Nekrolog von den 
Herausgebern Ewald und Posner. 

H. Ellissen. 



Breslaur, Emil, ein Musikpädagoge von Bedeutung, ♦ 29. Mai 1836 in 
Kottbus, f 26. Juli 1899 zu Berlin. Sohn jüdischer frommgläubiger Eltern, 
widmete sich nach den Gymnasialstudien den hebräischen Wissenschaften und 
nahm' 1858 eine Hauslehrerstelle im Knabenpensionate des Dr. Wolfsberg in 
Stettin an, wo er zu dem Entschluss kam, sich ganz dem Lehrerberufe zu 
widmen. Zum Behufe dessen besuchte er 1859 das Seminar in Neuzelle und 
legte 1860 das Lehrer-Examen ab. Musik hatte er von früher Jugend an 
getrieben. Ein Heft Kinderlieder nach Hoffmann von Fallersleben und einige 
Männerchöre, die in der »Sängerhalle« erschienen, geben davon Zeugniss. 
Die jüdische Gemeinde seiner Vaterstadt wählte ihn nach abgelegtem Examen 
zum Religionslehrer und Prediger. Hier errichtete er einen Knabenchor für 
den Gottesdienst und einen Turner-Gesangverein; für beide war er auch als 
Komponist thätig. Die kleinen und kleinlichen Verhältnisse einer Provinzial- 
stadt genügten ihm aber nicht und mit dem Wunsche, sich in der Musik 
eine gründliche Ausbildung zu verschaffen, ging er nach Berlin und trat in 
das Stemsche Conservatorium für Musik ein, bekleidete aber dabei an der 
Friedrichstädter Religionsschule des Dr. Julius Landsberger ein Lehramt. 
Einige musikpädagogische Aufsätze, die er in der Musikzeitung »Echo<c ver- 
öffentlichte, verschafften ihm eine Anstellung am Kullackschen Conservatorium 
für Musik, an dem er elf Jahre unterrichtete, bis er 1879 ^*" eigenes 
Musik-Institut errichtete, welches er am i. November als »Berliner Seminar 
zur Ausbildung von Clavier-Lehrem und Lehrerinnen« eröffnete und einige 



I f 8 Breslaur. Geisser. 

Jahre später zum Conservatorium für Musik erweiterte. Seine Vertrautheit 
mit der Feder verschaffte ihm bald Gelegenheit, an Tagesblättem als Musik- 
referent aufzutreten, so an der Spenerschen Zeitung als Vertreter von Fl. 
Geyer und am Berliner Fremdenblatt zur Aushülfe Richard Wuerst's. Schon 
im Jahre 1878 gründete er ein eigenes Musikblatt, den »Klavierlehrer«, eine 
Musik Zeitschrift, die sich nicht einseitig mit Musikunterricht beschäftigt, sondern 
das ganze Musiktreiben umfasst und den Leser mit allen Erscheinungen im 
Kunstleben bekannt macht. Ihm ist auch die Entstehung und weitere Aus- 
bildung des Vereins für Musik-Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin zu danken, 
der sich die Aufgabe stellte, in Krankheits- und Sterbefällen helfend ein- 
zutreten. Aus ihm entwickelte sich dann der Verband Deutscher Musiklehrer- 
Vereine und das Uebereinkommen mit der Versicherungs-Gesellschaft Victoria, 
eine Altersrente ins Leben zu rufen. Trotz der vielseitigen Beschäftigung 
übernahm er noch nach Julius Stern's Tode die Leitung des Chores in der 
jüdischen Reform-Gemeinde in Berlin und selbst als Componist war er nicht 
unthätig, obgleich er in diesem Fache am wenigsten geleistet hat, während 
seine musikpädagogischen Schriften, »Die Methodik des Ciavierunterrichts in 
Einzelaufsätzen«, Berlin 1895, 2. Aufl. bei N. Simrock, eine wohlverdiente 
Anerkennung fand und sogar von dem Clavier-Virtuosen von Bülow öffentlich 
anerkannt wurde. Dieser Abhandlung folgte eine Clavierschule, die heute 
schon in 12. Aufl. vorliegt und eine Melodiebildungslehre auf harmonischer 
und rhythmischer Grundlage. Ferner bearbeitete er Werke in instructiver 
Weise, um beim Unterrichte verwerthet zu werden, gab eine »Technische 
Grundlage des Klavierspiels« op. 27, in 4 Aufl. heraus; »Technische Uebungen 
für den Elementar-K lavier Unterricht«, op. 30, folgten, sowie eine Notenschreib- 
schule und ein Führer durch die Klavierunterrichts-Literatur. Auch ist er der 
Herausgeber der 11. Aufl. von Julius Schuberth's Musikalischem Conservations- 
Lexikon in gänzlicher Umarbeitung und Vermehrung. Trotzdem Br. keine 
musikhistorischen Vorstudien gemacht hatte, war er in der Literatur doch 
soweit bewandert, dass er die guten von den schlechten einschlägigen Werken 
zu unterscheiden im Stande war und da die Mehrzahl der Biographien neuere 
Musiker betraf, über die man zwar nur ganz kurze Notizen findet, so erfüllt 
es doch einigermassen seinen Zweck, dem Dilettanten ein Wegweiser zu sein. 

Quelle: Der Klavier-Lehrer, Musik-pädagogische Zeitschrift 1899 No. 16. 

Rob. Eitner. 



Geisser, Jakob, Emanuel, Genremaler, * 21. Novembei 1825 zu Augsburg, 
f 21. Januar 1899 in München; erhielt als der Sohn eines Zeichnungslehrers 
erst im väterlichen Hause, dann bei dem um die Augsburger Kunstschule 
vielverdienten Professor Jahann Geyer (1807 — 1875) bleibende Anregung und 
Förderung, welche dann auf der Münchener Akademie durch Clemens 
Zimmermann und Juljus Schnorr gründliche Ausbildung erfuhr. Weiteren 
Einiluss auf G. übte auch sein jugendlicher Freund Ferdinand Wagner 
(1820 — 1881), der nachmalige Schöpfer der Fresken am Fugger-Hause zu 
Augsburg, welcher den für strenge Zeichnung und blühende Farbengebung 
hochempfanglichen Genossen der kirchlichen Malerei zuzuführen gedachte. 
Indessen begnügte sich G. vorerst mit der Stelle eines Lehrers an der 
Feiertags-Fortbildungsschule zu Augsburg, ein Amt, welches er 1863 nieder- 
legte, um in München ganz in freier Hingabe seine Kunst zu pflegen. Hier 



Geissen Berlepsch. i^q 

entstanden in rascher Folge eine Reihe von heiteren, theilweise an Geyers 
Vorgang erinnernden, immer sehr sorgfältig durchgearbeiteten Genrebildern, 
welche im Costtim des Rokoko oder des XVII. Jahrhunderts spielten. Da 
wird ein »Familienconcert« inscenirt (1867), da erzählt der »Freiherr von 
Münchhausen« seine unerhörten Aventiuren einem fascinirenden Damenkreis 
(bei Baron Ladenburg in Wien); »Caffeevisiten« im Biedermeierstil, eine musi- 
kalische »Unterrichtsstunde« mit süsser Flirtation und offizieller Ueberraschung 
durch die Mutter, ein »Improvisator« in vornehmer Gesellschaft (1884) und 
ähnliche Geschichten wechseln mit militärischer »Einquartierung« (1870), mit 
Antichambrescenen, kartenspielenden und rauchenden Zechern, singenden, 
schäkernden und charmirenden Soldaten, womit G. längst vor Vinea*s Zecher- 
und Kellertreiben ein dankbares Publikum fesselte. G. wäre wie kein Anderer 
berufen gewesen, den eulturhistorischen Roman »Simplicissimus» des alten 
Jacob Christoph von Grimmeishausen zu illustriren. Die meisten seiner 
grösstentheils heiteren Bilder spielten in der angegebenen Zeit; auch liebte 
er die Repräsentanten des Zopfes; es gab Condolenz-Visiten, die Uebergabe 
von Empfehlungsbriefen und ceremoniöse Besuche, heitere Festessen — da- 
runter die öfters wiederholte »Zähe Gans« (Holzschnitt in »Blätter für den 
häuslichen Kreis« 1872 S. 12) — amouröse »Mondscheingeschichten« (Bazar 
V. 2. Januar 1871), »Gefundene Herzen« (Holzschnitt in No. 36 Ueber Land 
und Meer 1881,) und andere Artigkeiten oder zur Abwechslung auch ein 
»Tischgebet«) No. 33 Ueber Land und Meer 1889). G.'s Repertoire blieb 
immer neu, gewählt, anziehend und erheiternd. Die meisten Bilder wurden 
durch Photographien bei Hanfstängl, Finsterlin u. s. w. vervielfältigt, auch 
durch Holzschnitt in illustrirten Zeitungen, z. B. »Intervention« (in No. 46 
Ueber Land und Meer. 1881. S. 912), »Empfehlungsbrief« (ebendas. 1885. 
No. 36), »Spiel um die Zeche« (No. 2 ebendas. 1893), »Ein Schelmenlied« 
(No. 20 ebendas. 1896), der »Fatale Knoten im Schnupftuch« (Gartenlaube 
1869, S. 197) die »Rauchscene« aus Victor Nessler's Oper »Der Trompeter 
von Säkkingen« in No. i »Illustr. Welt« 1891. u. s. w. 

Vgl. No. 2233 »Illustr. Ztg.« Lpz. 86. Band S. 379. Fr. v. Bötticher, Malerwerke. 
1895 I. 351. Muller-Singer 1896. 11. 5. Nekrolog im 'Morgenblatt 24 »Allgem. Ztg.« 
24. Januar 1899. Bericht des Kunstvereins in München 1899 S. 70. 

Hyac. Holla^nd. 



Berlepsch, Karoline, Freifrau von, Schriftstellerin, * 29. April 1829 
zu München, f 29. März 1899 daselbst; erhielt nach dem frühen Tode 
ihres Vaters, des Advokaten Welebil, ihre Bildung im Institut Ascher, 
machte mit Auszeichnung die Staatsprüfung als Sprachlehrerin, heirathete den 
Rechtsanwalt Künstle. (Aus dieser Ehe stammt Guido Künstle, * 1853, 
welcher sich sowohl als Dichter (»Kohlenstoff-Skizzen, ein organisch-chemisches 
hohes Lied« München 1877. 2. Aufl. 1882), wie auch als praktischer Arzt 
und Fachschriftsteller (»Ophthalmologisches aus der Zeit Albrecht von 
Haller*s« München 1878) hervorthat, aber schon am 5. November 1879 
plötzlich aus dem Leben schied.) Um nach dem Tode ihres ersten Gatten 
die Erziehung ihrer Kinder zu fördern, griff sie zur Feder und erwarb sich 
bald einen guten Namen, insbesondere durch die novellistischen Skizzen »Nebel- 
bilder« (Manheim 1869), in welchen der Abschnitt »Stella« wohl als auto- 
biographische Schilderung gelten mag. Die Verleger kamen ihr ermuthigend 



1 60 Berlepsch. Schwade. 

entgegen, sie brach sich Bahn und ihre Arbeiten wurden gesucht. Dieselben 
erregten die Aufmerksamkeit des als Bienenzüchter bekannten Freiherrn von 
Berlepsch; es entspann sich eine Correspondenz, welche mit einer Ehe ab- 
schloss. Seitdem führte sie auch als Schriftstellerin den Namen ihres zweiten 
Gatten und lieferte für deutsche und amerikanische Feuilletons Erzählungen 
und Romane, welche, namentlich in Frauenkreisen, grossen Anklang fanden. 
Besonders liebte sie »Nacherzählungen« und Bearbeitungen von englischen 
und amerikanischen Vorbildern, insbesondere der Mrs. Agnes Fleming, 
Dora Thorne, Mary Holmes, Evans Wilson, A. S. Seflfens, M. Gay und M. 
F. Caldow, welche erst bei verschiedenen Verlegern und dann als eigene 
»Roman- und Familienbibliothek« in 26 Bänden (Regensburg 1895 ff.) in 
Auswahl erschienen. Der »Frauenfrage« widmete sie eine besondere Sorgfalt, 
wie auch ein theil weise autobiographischer Artikel in Beilage 289 der 
»Allgemeinen Zeitung« vom 16. October 1875 beweist. Mit Rath und That, 
soweit es ihre in ausdauerndem Fleisse mühsam erworbenen Mittel erlaubten, 
steuerte sie der socialen Noth und suchte auch Andere zu gleich löblichen 
Leistungen zu gewinnen. 

Vgl. Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder. 1898 S. 57 ff. Beilage 75 
»Allgem. Ztg.« I. April 1899. 

Hyac. Holland. 



Schwade, Heinrich, Bildhauer, * 27. November 1843 zu Erfurt (Thüringen), 
f 26. September 1899 in München; erwarb die erste Schulung im Ornamenten- 
Fach in seiner Heimat, empfing 1S61 an der Kunstschule zu Bonn weitere 
Förderung. S. begab sich zur Ausbildung im figuralen Gebiete nach 
München, wo er die Polytechnische Schule hospitirte und von 1863 — 1869 
als Schüler der Akademie bei Professor Max Widemann rasche Forschritte 
machte und für seine Arbeiten bald die silberne Ehren medaille und folge- 
richtig auch ein preussisches Staatsstipendium erhielt. Die ersten nach den 
Entwürfen des Dombaumej^ter Güldenpfennig, gemeinsam mit Holzhey für 
den Bischof Conrad von Paderborn gelieferten Aufträge machten dem Künstler 
einen guten Namen, also dass bald viele Bestellungen für Kirchen in Baiern 
und den preussischen Provinzen erfolgten, sowohl Reliefs, Einzelstatuen, 
kleinere und grössere Altäre, auch kunstgewerbliche Arbeiten, darunter ein 
origineller mit Figuren gezierter Bücherschrein mit architektonischem Abschluss 
im Spitzbogenstil u. dgl. Drei gothische Altäre lieferte S. für Sonnendorf 
bei Wörth, auch bethätigte er sich an der Restauration der Pfarrkirche zu 
Blindheim (bei Dillingen) und Gundelfingen; zwölf colossale Apostel-Statuen 
kamen in die Michaelskirche zu Breslau (No. 194 »Schlesische Volkszeitung« 
1894), eine »Pietä« in die Pfarrkirche zu Bad -Aibling. Sehr anmuthende 
stilgerechte Statuetten, Gruppen und Flachreliefs fertigte S. für Marggraffs 
Altarbauwerke z. B. nach Zabern und Immenstadt, auch schnitt er mit tiefer 
Empfindung viele Crucifixe; 1877 und 1881 veranstaltete er zu Würzburg, 
Bonn und Nürnberg 1896 Ausstellungen seiner Leistungen, welche ihm Ehren- 
diplome und Medaillen zuzogen. Die starke Willens- und Schaffenskraft des 
nur seiner Kunst lebenden Mannes lähmte ein schweres körperliches Leiden. 

Vgl. Bericht des MUnChener Vereins für christliche Kunst. 1899, S. 12. 

Hyac. Holland. 



Hausegger. Raif. ScKurig. i6t 

Hausegger, Friedrich von, Dr. jur., namhafter Musik -Aestlietiker und 
-Kritiker, ♦ 26. April 1837 zu St. Andrä in Kämthen, f 23. Februar 1899 
zu Graz in Steiermark. Nach Absolvirung der Gymnasialstudien besuchte H. 
die Wiener Universität, die er als Dr. jur. utr. verliess. Schon während seiner 
Studienzeit erwarb er sich bei Gottfr. Salzmann, dann bei DessofF ansehnliche 
Kenntnisse in Contrapunkt und Compositionslehre. 1870 übersiedelte er nach 
Graz, wo er die Advocaturspraxis ausübte, sich aber nebenher als Docent an 
der Universität habilitirte und für die Grazer »Tagespost«, später für das 
»Grazer Tageblatt« gedankenreiche, für Künstler und Publikum belehrende, 
im vornehmsten Tone gehaltene Kritiken über Musik schrieb. 1878 erschien 
sein Buch »R. Wagner und Schopenhauer«, 1885 sein Hauptwerk »Die Musik 
als Ausdruck«, 1890 »Das Jenseits des Künstlers«. Ausserdem die kleineren 
Schriften »Die künstlerische Persönlichkeit« und »Die Anfange der Harmonie«. 

Rieh. Heuberger. 



Raif, Oskar, ein brillanter Ciaviervirtuose, * am 31. Juli 1847 im Haag, 
f den 29. Juli 1899 zu Berlin. Seine Jugendzeit ist bisher in Dunkel gehüllt, 
erst als er um 1870 nach Berlin kam, Schüler Taussigs wurde und bald darauf 
öffentlich auftrat, erweckte er durch seine eminente Technik die Aufmerksam- 
keit der Kunstwelt und schon im Jahre 1875 wurde er als Lehrer an der 
Berliner Hochschule für Musik angestellt. Hin und wieder trat er auch als 
Pianist öffentHch auf, doch legte er seine Hauptthätigkeit auf die Erziehung 
junger Pianisten und zog sich von der Oeffentlichkeit nach und nach immer 
mehr zurück. Seine Leistungen als Componist sind nicht hervorragend und 
nur Weniges erschien im Druck, darunter ein Ciavier- Concert mit Orchester 
als op. I im Jahre 1878 und zur selben Zeit als op. 11 eine Sonate für Piano- 
forte und Violine in G-moIl. Beide erschienen in Leipzig bei Breitkopf & Härtel. 
Die übrigen Drucke von op. 2 bis op. 9 sind Salonpi^cen für Pianoforte, die 
nur unter seinen Schülern eine Verbreitung fanden. 

Quelle: Lessmanns Musikzeitungen und seine im Druck erschienenen Werke. 

Rob. Eitner. 



Schurig, Julius Wilhelm Volkmar, Componist, * am 24. Februar 1822 
zu Aue (sächsisches Erzgebirge), f S'» Januar 1899 zu Dresden. Begann seinen 
Lebenslauf als Seminarist in Dresden, wo er Schüler Joh. Schneiders, Jul. Ottos 
und Th. Uhligs in der Musik war. Hier zeichnete er sich bereits in der Musik 
so vortheilhaft aus, dass aus dem Schullehrer ein Musiker wurde. Schon 1842 
ernannte ihn die jüdische Gemeinde in Dresden zu ihrem Chordirector in der 
Synagoge, zugleich erhielt er 1844 den Organistendienst an der anglikanischen 
Gemeinde, 1856 rief man ihn nach Pest als Cantor und Organist der evan- 
gelischen Gemeinde, wo er auch eine Liedertafel gründete. Im Jahre 1861 
kehrte er wieder nach Dresden zurück und bekleidete an der Landes-Blinden- 
anstalt den Gesanglehrerposten, den Cantorposten an der St. Annenkirche und 
seit 1896 ertheilte er an der Rollfuss'schen Akademie für Musik den Unter- 
richt für Theorie. Sein freundliches, schlichtes Wesen erwarb ihm überall 
bei Jung und Alt, Schülern und EJtern die wärmsten Sympathien und übertrug 
sich selbst auf seine Compositionen, die einen sanften, beruhigenden Charakter 
tragen. Sowohl kirchliche Chorgesänge, geistliche Duette (opus 19, 28, 38 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. X I 



l62 Scharigf. Reimer. Raab. 

und 45), Gesänge für Knaben- oder Frauenstimmen, patriotische Lieder, Kinder- 
lieder mit Ciavierbegleitung, die sich als vorzügliche kleine Kunstwerke aus- 
zeichnen, als zahlreiche Orgelcompositionen sind Zeuge seiner Empfindungsweise. 

Quelle: Hugo Riemanns Musik-Lexikon, Hofmeisters Verzeichnisse. 

Rob. Eitner. 



Reimer, Dietrich, Verlagshändler, ♦ 13. Mai 181 8 als der dritte Sohn 
von Georg Andreas R. in Berlin, f ^5- October 1899 daselbst. R. eröffnete 
1845 ™ väterlichen Hause eine Buch- und Landkartenhandlung, 1847 über- 
nahm er den grössten Theil der geographischen Werke und des Kunstverlags 
von Georg Reimer. Bald entwickelte sich auch eine grössere selbständige 
Verlagsthätigkeit, die sich hauptsächlich auf Geographie, Ethnographie, Meteoro- 
logie etc. concentrirte. Eine Menge gediegener Landkarten, Atlanten und 
Wandkarten, besonders unter Bearbeitung von Heinrich und Richard Kiepert, 
gingen aus dem Verlage hervor, ebenso hervorragende Zeitschriften der Erd- 
kunde. 1852 erfolgte der Ankauf der Adami'schen Globen, die später durch 
H. Kiepert bearbeitet wurden. Das Sortimentsgeschäft ging 1858, der Verlag 
1891 in andere Hände über, während R. den Rest seines arbeitsreichen Lebens 
in wohlverdienter Ruhe verlebte. 

Verlags-Katalog von Dietrich Reimer 1845 — 95. — Börsenbl. f. d. dt. Buchbdi. 1895 
No. 6, 1899 No. 243. 

H. Ellissen. 



Raab, Johann Leonhard, Kupferstecher und Radirer, Akademieprofessor, 
Wirkl. Geheimer Hofrath, * 29. März 1825 zu Schwaningen (bei Ansbach), 
f 2. April 1899 in München; erhielt seine Erziehung und Schulbildung in 
Nürnberg, auch die erste Unterweisung an der dortigen Kunstschule bei Carl 
Mayer und Albert Reindel. Auf der Münchener Akademie machte 1844 sich 
R. auch mit der Technik der Malerei vertraut, oblag aber dann zu Nürnberg 
durch zwei Decennien mit grösstem Fleisse der Kupferstecherkunst. Viele 
kleine und grosse, meist für Verlagsbuchhändler gelieferte Platten zeugen von 
seiner unermüdlichen Sorgfalt, welche damals schon ein besonderes Augen- 
merk auf malerische Wirkung und Charakteristik bei der Wiedergabe des je- 
weiligen Vorbildes erstrebte. Dazu gehören die Blätter nach Lessing (Luther 
verbrennt die Bulle; Anschlagung der Thesen), Jos. Petzl (Novize), Flüggen 
(Weinprobe und Morgengruss), Vautier (Vor Gericht), Artiiur von Ramberg 
(Die Erklärung), J. Becker (Stürmische Landschaft mit der Staffage eines auf 
seine Tochter gestützten blinden Bettlers; die brieflesenden Mädchen), Kindler 
(Die Verlassene auf dem Tanzboden) und die Bildnisse des Prinz Albert, 
Gemahls der Königin Victoria, Blumenbach, Alex, und Wilh. von Humboldt, 
Kant (nach Döbler), W. von Kaulbach (nach Friedrich Kaulbach) u. s. w., 
wodurch R. einen so hervorragenden Namen gewann, dass er 1866 bei Julius 
Thäters Abgang an die Münchener Akademie als Professor der Kupferstich- 
kunst berufen wurde. Hier organisirte R. eine Antiken- und Naturklasse und 
vereinte eine Menge sehr verschiedenartiger Schüler, denen er, ebenso wie 
Piloty, ihre Eigenart zur vollen Gestaltung ausbildete, darunter den Xylo- 
graphen W. Hecht, die Radirer Peter Halm, Karl Rauscher, Joh. Fr. Deininger, 
Wilh. Schmidt, Karl Stauffer-Bem u. v. a. Mit ihnen trat des Meisters eigene 



Raab. Förster. I £^ 

Tochter, die neben ihrem Vater in höchster Genialität wetteifernde Doris Raab, 
als selbständige Künstlerin in den Vordergrund. ^- In München entstanden 
R/s Stiche nach Feuerbach (Pietä), Kaulbach (Goethes Frauengestalten: Lotte 
den Geschwistern Brot schneidend; Leonore; Goethe am Hof zu Weimar; 
Dorothea und die Auswanderer), Pecht (Clavigo, Heinrich VIIL und Anna 
Boleyn), insbesondere aber die fünfzig Blätter nach den »Meisterwerken der 
Alten Pinakothek« (München, Verlag von P. Kaeser, mit Text von Fr. v. Reber), 
welche in der feinempfundenen Reproduction der so höchst verschieden ge- 
arteten Originale wie Holbein, Dürer, Roger van der Heyden, Rubens, van 
Dyck, Tizian, Paolo Veronese, Rembrandt, Tenier, Murillo, Tiepolo das Er- 
staunlichste leisteten. Zwei Blätter nach Raphael Santi (die Madonna Tempi 
und jene di Foligno) fertigte R. 1875 ^^^ 1880 für Bruckmann. Einförmiger, 
immerhin aber durch ihre packende Wahrheit anziehend, erschienen die Bild- 
nisse seiner »Zeitgenossen«, welche R. unmittelbar nach dem Leben radirte, 
darunter Lenbach, Carl Piloty, Wagmüller, Jos. Knabl, Franz Adam, Kaspar 
Zumbusch, Gottfried Neureuther, Defregger u. A. Nachdem der Meister ein 
Vierteljahrhundert an der Akademie gewaltet hatte, veranstalteten ihm seine 
dankbaren Schüler (1894) eine brillante Feier, voll Witz, Laune Geist und 
rührender Ehrung. Dann trat er 1895 mit dem Titel eines Kgl. Geheimen 
Hofrathes in die wohlverdiente Ruhe. Aber auch jetzt noch griff er zu 
Pinsel und Palette und malte mehrere grosse Bildnisse, bis ihm die fühlbare 
Schwere des Alters auch diese stille Freude verleidete. R. erhielt viele Aus- 
zeichnungen : den Orden vom heilig. Michael L Klasse und den italienischen 
Kronorden, die Ehrenmitgliedschaft der Akademien in Berlin, Wien, Brüssel, 
Antwerpen und München, goldene Medaillen von den Ausstellungen in 
Nürnberg, München, Wien, Berlin, Paris, Madrid, ein Ehrendiplom von 
London. 

Hoff, Ludwig Richter 1877 S. 467. Apell, Handbuch 1880 S. 344. Laurenz 
MüUner, Literar. u. kunstkritische Studien, 1895. Fr. von Bötticher, Malerwerke 1898, 
H, 340. Das Geistige Deutschan d 1898, I, 540. Abendblatt 94 »Allgem. Zeitung«, 
S.April 1899. No. 2913 »Illustr. Ztg., 27. April 1899. Kunst für Alle, i. Mai 1899 
S. 236. Kunstvereins-Bericht fUr 1899 S. 78. 

Hyac. Holland. 



Förster, Sophie» eine gefeierte Concert- und Bühnen-Sängerin, Tochter 
des Professor Ebel zu Berlin, ♦ daselbst 183 1, f 27. Februar in Wien. Ihre 
schöne ausgiebige Sopranstimme erweckte schon früh die Aufmerksamkeit 
der Kunstfreunde. Beim Kgl. Chordirector Elster in Berlin machte sie ihre 
ersten Studien, dann lernte sie Jenny Lind kennen, die sie in die Geheim- 
nisse der Gesangskunst einweihte, technische Studien und Stimmenbildung 
lernte sie dann bei Teschner in Berlin. Die inzwischen erfolgte Verheiratung 
mit dem Hofrath F. C. Förster hatte auf ihre Bestrebungen sich zu ver- 
vollkommnen keinen Einfluss, denn es wurde fleissig weiterstudirt. Im Jahre 
1854 trat sie in Leipzig zum ersten Male in einem Concerte auf und 
begründete ihren bedeutenden Ruf, der ihr überall voraufeilte und die Wege 
ebnete, so dass sie eine vielbegehrte Concertsängerin wurde und fast bei 
keinem Musikfeste fehlen durfte. Seit 1855 lebte sie in Dresden und studirte 
dort eine Reihe Rollen ein, um sich der Bühne zu widmen, trat 1861 in 
Erfurt auf, dann in Meiningen und darauf in München als Primadonna, wo 
sie bis 1866 die grössten Triumphe feierte. Nach der Zeit trat sie von 

II* 



164 Förster. Rotter. Buchnicker. 

jedem öffentlichen Auftreten zurück, ging nach Wien und ertheilte Gesang- 
unterricht. Da sie besonders von Amerikanerinnen aufgesucht wurde, so lebt 
jenseits des Oceans ihre Gesangskunst durch ihre Schüler weiter. Trotz ihrer 
Bühnenerfolge standen ihre Leistungen als Liedersängerin unübertroffen da 
und entzückte in Privatkreisen, in denen sie einst ein vielbegehrter Gast war. 

Quellen: Signale von Senff. Mendel-Reissmann's Musik-Lexikon. 

Rob. Eitner. 



Rotter, Josef Arthur, Kirchenmusiker, * 6. August 1832 zu Pitkau in 
Oesterreichisch- Schlesien, f 28. März 1899. Erhielt seinen ersten Musik- 
unterricht von seinem Vater, der Schullehrer und Regens chori war. Im 
Gymnasium des Augustinerklosters in Altbrünn absolvirteR. seine humanistischen 
Studien und bethätigte sich nebenher als Kirchenchorsänger, wohl auch zu- 
weilen als Dirigent. Später wurde er Erzieher, dann Postbeamter; 1860 trat 
er aus dem Staatsdienste, um sich der Musik zu widmen, und wurde Dom- 
sänger, Capellmeister und Gesangslehrer in Raab in Ungarn. Seit 1869 war 
R. als Chormeister mehrerer Gesangsvereine in Wien, von 1870 an als Regens 
chori an der Alt- Lerchenfelder Kirche thätig. In dieser Stellung wirkte er 
anregend und verdienstlich sowohl durch die sorgfältige Art der von ihm ge- 
leiteten Aufführungen, als auch durch seine zahlreichen kirchlichen Compositionen. 

Rieh. Heuberger, 

Buchrucker, Carl Christoph Wilhelm v., Dr. theol., Oberconsistorial- 
Rath und Kgl. Geheimrath, * 19. November 1827 in Kleinweisach, f 29. Jan. 
1899 ^" München. 

B. war der Sohn eines alten fränkischen Pfarrergeschlechts, das in fiinf 
Generationen aufwärts in ununterbrochener Folge dem geistlichen Stande 
tüchtige Vertreter zugeführt hat. In seinem Geburtsort Kleinweisach bei Burg- 
Haslach im Steigerwald, an der Grenze von Ober- und Mittelfranken, ist 
bereits sein Grossvater 30 Jahre lang Pfarrer gewesen. In dem Lebensbild 
dieses eigenartigen und lebensvollen Mannes, das der Enkel dem Vater zu 
dessen 50 jährigem Amtsjubiläum 1876 als Festgabe überreichte, »Ein Seel- 
sorgerleben aus der Wende des vorigen und des gegenwärtigen Jahrhunderts«, 
ist der Familiengeschichte dieses ehrwürdigen Pastorenhauses ein bleibendes 
Denkmal gesetzt. Der Vater Carls, eine warmherzige, johanneisch-milde, 
gesundfromme Persönlichkeit, unterrichtete zunächst seinen erstgeborenen und 
einzigen Sohn seiner früh verstorbenen ersten Gattin bis zu seinem 14. Jahre 
daheim. 1841 folgte dann der Eintritt in das Gymnasium zu Erlangen, das 
unter Ludwig Döderleins Leitung in frischem und klassischem Geist zu hoher 
Blüthe gekommen war. Zugleich fand Carl im Hause der Grossmutter — 
nachdem der Vater sich in zweiter Ehe mit Caroline von Jahn, der Tochter 
des in Wesel mit erschossenen Adjutanten Schills, verheirathet hatte — 
fürsorgliche Aufnahme. 1846 begann das Universitätsstudium, im ersten Jahr 
mit allgemeinen und philosophischen Disciplinen, noch zum Theil unter Döder- 
leins Führung. Bald aber schloss B. sich zu ernster theologischer Arbeit ins- 
besondere Hofmann an, der im Verein mit Thomasius, Höfling und dem eben 
eingetretenen Delitzsch sich mehr und mehr als das Haupt der neuen Er- 
langer Schule erwies. Doch auch an dem studentischen Leben nahm B. 



Buchrucker. 



165 



durch seinen Eintritt in die Burschenschaft in jenen national-politisch tiefer- 
regten Jahren lebhaftesten Antheil; er wurde der berufene Redner und Dichter 
seiner Verbindung. Der Ferienaufenthalt daheim führte dann nicht selten zu 
eingehenden theologischen Auseinandersetzungen mit dem Vater, der, dem 
altrationalistischen Standpunkt seiner Jugendjahre mit der Zeit entwachsen, 
mit dem Sohne bis an sein Ende (1881) in innigherzlichem Verhältniss ge- 
standen hat. Nach Abschluss des akademischen Studiums nahm B. vorerst 
(1850) eine Hauslehrerstelle bei Hofrath Dr. Küster in Schwabach an und 
erwarb sich, obschon nur ein Jahr dort thätig, im hohen Maasse allseitiges 
Vertrauen. Ebensowohl bewährte er sich in den ihm dann in rascher Folge 
übertragenen Pfarrvicariaten in Burgfarmbach, Obereisensheim und dem (1866 
an Preussen abgetretenen) Rhönstädtchen Gersfeld, so schwierig und misslich 
nicht selten solch ein Posten an der Seite eines älteren geistlichen Herrn 
oder in ganz interimistischer selbständiger Verwaltung eines Pfarrsprengels zu 
sein pflegt. Ueberanstrengung seiner Kräfte in der von einer Typhusepidemie 
heimgesuchten Rhöngemeinde Gersfeld nöthigten ihn zu einer Ruhepause, die 
ihm zugleich zur letzten Vorbereitung auf die IL theologische Prüfung diente. 
1854 endlich wurde dem Siebenundzwanzigjälirigen durch das gräflich Castellsche 
Patronat die erste eigene Seelsorgergemeinde in Oberlaimbach im Aischgrunde 
übertragen. Hier hat B. an der Seite seiner jungen Gattin, einer Tochter des 
gräflich Pücklerschen Patrimonialrichters Nittinger in Burgfarmbach, neun Jahre 
in glücklicher und fleissiger Stille gewirkt und in regem persönlichen Verkehr 
mit seinem alten Lehrer Hofmann in Erlangen den guten Grund zu seiner 
nachmaligen reichen literarischen Thätigkeit gelegt. Neben der keineswegs 
vemachlässigten Arbeit an seiner nur 175 Seelen zählenden Gemeinde fand 
er die Müsse, hier sein umfassendes dreibändiges Werk »Der christliche 
Religionsunterricht in der Volksschule« als ein reichhaltiges und technisch 
wohlgeordnetes Hülfsbuch für die Hand des Lehrers zu schreiben (I. Band: 
1859; IL Band: 1860; III. Band: 1862). Zum praktischen Gebrauch für die 
Schüler erschien aus seiner Feder 1863 »Die Biblische Geschichte. Nach ihrem 
Zusammenhange mit Worten der hl. Schrift für die Volksschule erzählt«, in 
der er in christocentrischer Zusammenfassung und Gruppirung die Heilsgeschichte 
unter einheitlichem Gesichtspunkte behandelte, im Unterschiede von einer 
Reihe bisher gebrauchter biblischer Lehrbücher, in denen die Geschichten der 
Bibel mehr oder weniger nach Geschmack und Auswahl ihrer Bearbeiter zu- 
sammengestellt waren. Von der Brauchbarkeit des B. 'sehen Schulbuchs zeugt, 
dass schon 1865 die bayerische Generalsynode seine Zulassung zum öffent- 
lichen Gebrauch empfahl. Und nachmals hat es 50 Auflagen erlebt und ist 
von der Generalsynode des Jahres 1897, ebenso wie B.'s Auslegung des 
lutherischen Catechismus (seit 1867 in 67 Auflagen), als officielles Religions- 
lehrbuch der lutherischen Landeskirche Bayerns bestätigt und allgemein ein- 
geführt worden. Inzwischen aber war auch in der äusseren Lebensstellung 
des einfachen Dorfpastors die Wendung eingetreten. Zwar war ihm 1861, 
als er sich in Nürnberg um eine Pfarrstelle bemühte, nach seiner Predigt, die 
er dort beim Bibelfest gehalten, der Bescheid geworden: »Ihre Gaben wären 
uns recht, aber Ihre Richtung ist uns zu streng«. Doch bald danach, 1863, 
berief ihn die ehemals Freie Reichsstadt Nördlingen als ihren III. Geist- 
lichen; er wurde somit der Amtsgenosse von Adolph Stählin, dem nachmaligen 
Oberconsistorialpräsidenten, der damals mit drei anderen, späterhin ebenfalls 
zu hohen leitenden Kirchenämtem berufenen Männern die Nördlinger Gc- 



I l56 Buchrucker. 



meinde pastorirte. B. entfaltete hier bald eine rege Wirksamkeit: er rief 
eine höhere Töchterschule ins Leben, gründete einen evangelischen Arbeiter- 
Verein, richtete unter Mithülfe von Neuendettelsauer Diakonissen eine regel- 
mässige Gemeindepflege ein, betheiligte sich im Kriegsjahre 1870/71 an der 
Pflege der in dem Nördlinger Feldhospitale untergebrachten kranken und 
verwundeten Krieger und half Sanitätszüge ftir den Kriegsschauplatz aus- 
rüsten. Aus den von ihm geschaffenen Wander-Conferenzen für Innere Mission 
ist der (1886 constituirte) Landesverein für Innere Mission in Bayern er- 
wachsen, nachdem das anfangs schwierige Verhältniss zu Löhes bereits 
bestehender »Gesellschaft für Innere Mission im Sinne der lutherischen Kirche« 
durch B. in befriedigender Weise geklärt war. Endlich ruhte auch seine 
literarische Arbeit in Nördlingen durchaus nicht. Neben den rasch nöthigen 
Neuauflagen seiner Biblischen Geschichte und Catechismuserklärung, an die 
er immer wieder bessernde Hand anlegte, schrieb er hier für seine Confir- 
manden ein Beicht- und Communion-Buch, »Der Weg des Friedens«, das sich 
allmählich auch in fünf Auflagen verbreitet hat. Bereits 1867 war er in 
Nördlingen zur ersten Pfarrstelle emporgestiegen. Da kam ihm 1873 der 
ehrenvolle Ruf, als erster Geistlicher und Decan die Leitung der protestan- 
tischen Gemeinde in München zu übernehmen. Volle zwölf Jahre lang hat er 
hier in vielverzweigter Arbeit in Kirche, Schule und Gemeindeseelsorge 
gestanden, die auch von seinem Landesherrn durch die Verleihung des Ver- 
dienstordens vom Heil. Michael anerkannt wurde. Insbesondere hat er sich 
um die Erbauung der zweiten evangelischen Kirche Münchens, zu St. Marcus, 
hochverdient gemacht. Daneben fand er dann noch Zeit zu der (schon oben 
genannten) Biographie seines Grossvaters Christian Friedrich B., sowie zu 
einer Sammlung von Festpredigten: Die vGrossthaten Gottes« (Nördlingen, 
Beck), und den beiden praktisch-methodologischen Werken: »Der Schrift- 
beweis im Catechismus-Unterricht« (Gotha, Schloessmann) und den »Grund- 
linien der kirchlichen Catechetik« (Berlin, Reuther). Auch die Begründung 
der »Neuen kirchlichen Zeitschrift« (1889) war wesentlich sein Werk. Das 
Jahr 1885 aber hatte inzwischen für ihn den Eintritt in das Königl. Ober- 
consistorium gebracht, dem er die 13 letzten Arbeitsjahre seines Lebens in 
unermüdlicher Pflichttreue, vor Allem in eifriger Fürsorge für die Fortbildung 
und Festigung des jungen geistlichen Nachwuchses gewidmet hat. So wurde 
ihm nach Stählins Tode 1897 der Posten des Präsidenten des Oberconsistoriums 
angetragen. Er schlug ihn aus, da er fühlte, dass seine nachlassenden Kräfte 
demselben nicht mehr gewachsen waren. Ja, nachdem er noch seinen 
70. Geburtstag in erfreulicher Frische im Amte gefeiert hatte, erbat er sich 
den Rücktritt in wohlverdienten Ruhestand, in dem er noch einen längeren 
Feierabend in wissenschaftlicher Müsse für sich erhoffte. Sein Landesherr 
hatte ihn zur Würde eines Königl. Geheimrathes und durch den Civil Verdienst- 
orden der bayerischen Krone zu persönlichem Adel erhoben. Von der Uni- 
versität Erlangen war ihm bereits 1887 die theologische Doctorwürde ver- 
liehen. Aber nicht lange sollte er sich seines Otium cum dignitate erfreuen. 
Eine schwere Krankheit, die ihn ohne sein Wissen befallen hat, raffte ihn 
ohne langen Todeskampf beim ersten Ansturm hinweg. Am 31. Januar 1899 
ward er unter allgemeiner Theilnahme auf dem Östlichen Friedhofe bestattet, 
auch im Tode noch durch eine reiche Kranzspende des Prinzregenten geehrt. 
Von seiner reichgesegneten I^ebensarbeit für die gesammte bayerische Landes- 
kirche, wie von seiner edlen, liebevollen, jeder schroffen Härte abholden 



Buchrucker. Schröder. 167 

Persönlichkeit haben am Grabe und im Trauerhause Decan Kahl und Ober- 
consistorialpräsident Dr. Schneider ehrendes und ergreifendes Zeugniss gegeben. 

Vgl. 0.-C.-Rath K. Burger in: Neue Kirchl. Zeitschrift 1899 S. 361 — 376; 443—454. 
Allg. ev. lath. Kirchenzcitung 1899 S. 118— 119; 142 — 143. 

Kohlschmidt. 



Schröder, Hugo, Geheimer Justizrath, * 10. April 1829 in Insterburg, 
f 25. September 1899 in Eisenach. 

Wenn hier dem verdienten und vielthätigen Juristen und Parlamentarier, 
dem langjährigen Redacteur der »National -Zeitung« und Mitarbeiter am 
»Bürgerlichen Gesetzbuch« der Nekrolog von der Hand eines Theologen ge- 
schrieben wird, so hat das für jeden Kundigen seinen guten Grund darin, 
dass der Verstorbene nach dem bedeutsamsten ITieile seiner öffentlichen 
Wirksamkeit der kirchenpolitischen und innerkirchlichen preussisch-deutschen 
Geschichte der letzten 30 Jahre angehört. S. entstammte zwar dem fernsten 
Winkel Ostpreussens; seine Lebensarbeit aber hat von der vollen Kraft seiner 
Mannesjahre an bis zum Feierabend des fast Siebzigjährigen in der Reichs- 
hauptstadt gewurzelt. Noch während seiner Knabenjahre folgte er dem Vater, 
der nachmals als Präsident des Berliner Stadtgerichts gestorben ist, nach 
Königsberg und trat hier dem freimüthigen und freisinnigen Gamisonpfarrer 
Rupp — als dieser noch nicht aus der Landeskirche hinausgedrängt war — 
im Confirmations-Unterricht herzlich nahe. Im väterlichen Hause herrschte 
ein reger Verkehr von geistig bedeutenden und im öffentlichen Leben ein- 
flussreichen Männern, sodass schon in jungen Jahren tiefe und bleibende Ein- 
drücke kirchlicher wie politischer Natur auf ihn einwirkten. Nach Vollendung 
seiner juristischen Studien widmete er sich zunächst der staatsanwaltschaft- 
lichen Laufbahn, begann aber bereits 1862, als er in das preussische Ab- 
geordnetenhaus gewählt wurde, weitergehende politische Thätigkeit, wesentlich 
im Rahmen der liberalen Partei. In den erregten Kämpfen um die Militär- 
Organisation trat er demgemäss den Gegnern der Mehrkostenforderung bei 
und hatte daraufhin zu wählen zwischen Aufgabe seiner parlamentarischen oder 
seiner beruflichen Stellung. Er gab letztere preis und hat in der Folge auch in 
ausgedehnter publicistischer Arbeit, insbesondere als Redacteur der »National- 
Zeitung« für seine politischen Ideale gekämpft. Der Aufgang der »liberalen 
Aera« unter Falk machte 1875 ^^^ ^^^ Rücktritt in den Staatsdienst möglich; 
er wurde zunächst Rath beim Stadtgericht in Berlin und nach zwei Jahren, 
1877, bereits zum Königl. Kammergerichtsrath ernannt. Nach Begründung 
des Verwaltungsgerichts trat er in dieses ein, ebenso in den Bezirk sausschuss 
für den Stadtkreis Berlin. Doch gleichzeitig mit seinem ersten parlamen- 
tarischen Auftreten hatte auch seine kirchliche und kirchenpolitische Stellung- 
nahme und Wirksamkeit begonnen. Schon 1862 wurde er Mitglied des von 
den freigesinnten Predigern Lisco und Sydow geleiteten Berliner »Unions- 
verein«, für dessen Angliederung an den im Jahre darauf, 1863, in Frank- 
furt a. M. begründeten ^Protestanten verein« er einer der eifrigsten Förderer 
war. So kam es, als 1874 die Leitung dieses in seinen jungen Jahren öffent- 
lich so bedeutsamen Vereins von Heidelberg nach Berlin verlegt wurde, dass 
das Präsidium bald (1880) auf S. überging. Eine weitumfassende Thätigkeit 
wurde nun von ihm entwickelt, die bei allem mannhaften Festhalten an den 
liberalen Principien, doch in gesunder »Realpolitik« zunächst das Erreichbare 



i68 Schröder. 

an die Hand nahm und das Gute, wo es sich bot, hinnahm, auch wenn es 
seinem Ideal des Besseren noch nicht entsprach. So hat er schon in den 
70er Jahren bei den Kämpfen und Vorarbeiten für eine neue Verfassung der 
preussischen Landeskirche auf der Grundlage der Selbstbethätigimg der Ge- 
meinden die Vorlage der Regierung, so klar er die Mängel derselben erkannte, 
zu Stande zu bringen helfen; in der Hoffnung, dass auch innerhalb der da 
gebotenen Formen und Befugnisse das kirchlich-liberale Bürgerthum zur kirch- 
lichen Mitarbeit mehr und mehr sich heranziehen lassen würde. Gerade in 
Berlin hat S. trotz vieler Enttäuschungen und oft erbitterter Parteikämpfe un- 
ermüdlich und opferfreudig um dies Ziel gerungen; insbesondere nachdem 
ihm der Vorsitz in der »vereinigten Kreissynode« durch die Majorität seiner 
Parteifreunde zehn Jahre lang übertragen war. In dieser Stellung hat er sich 
auch nicht gescheut, das Odium der vielberufenen Berliner Kirchsteuerregelung 
auf sich zu nehmen, da er zu der Gewissheit kam, dass auf anderem Wege 
den schreienden kirchlichen Nothständen der Reichshauptstadt nicht abzuhelfen 
war. So trat er auch dem von der jungen Kaiserin ins Leben gerufenen 
»Kirchlichen Hülfsverein« als thätiges Mitglied bei und hat vor Allem beim 
Bau der Kaiser Wilhelm-Gedächtnisskirche kräftig mitgewirkt. Ebenso hatte 
das Comitd zur Errichtung eines Lutherdenk mals in Berlin in ihm den eif- 
rigsten Förderer und es war ihm eine hohe Freude, noch im Jahre vor seinem 
Scheiden, das Standbild des Reformators am 11. Juni 1895 vollendet und 
enthüllt zu sehen. In seiner St. Lucas-Parochie war er lange Jahre stellver- 
tretender Vorsitzender des Gemeindekirchenraths. Bei den monatlichen Ver- 
sammlungen der Vertrauensmänner der Kirchlich-Liberalen Berlins lag die 
Leitung in seinen Händen. So war er selbst auch Vertrauensmann in den 
weitesten Kreisen; sogar von amtlichen Stellen wurde nicht selten sein Rath 
und Votum eingeholt, sodass das Scherzwort von dem »Schröderschen Neben 
regiment« des thatsächlichen Untergrundes durchaus nicht entbehrte. »Was 
ihn zu solcher Führerrolle befähigte, war seine vielgestaltige, in einem reichen 
politischen Leben errungene Erfahrung und seine vielseitige Bildung . . . Alle 
Seiten seiner Bildung fasste S. aber zusammen in hingebender Arbeit für eine 
Erneuerung und Reform unserer protestantischen Landeskirchen . . .« Ihre Er- 
starkung von innen heraus, nicht durch irgend wie äusserlich uniformirenden 
kirchenregimentlichen Zusammenschluss, am wenigsten etwa unter dem domi- 
nirenden Einfluss der preussischen Staatskirche, erstrebte er. Grosse sichtbare 
Erfolge sind seinem Streben allerdings nicht beschieden gewesen. »Leute 
wie wir haben kein Glück«, damit hat er manchmal sich und seine Freunde 
getröstet, aber sich doch seine arbeitsfreudige Energie, die tief in seiner sitt- 
lichreligiösen Persönlichkeit wurzelte, nie in thatloser Resignation brechen 
lassen. Als er Abschied nahm von der Stätte seiner jahrzehntelangen Lebens- 
arbeit, um in einem schönen Heim am Fusse der Wartburg Feierabend zu 
halten, ist ihm in ergreifender Abschiedsfeier gebührender, ehrender Dank 
auch durch den Vertreter der Stadt Berlin bezeugt worden. Aber nur wenige 
Jahre wohlverdienter Ruhe waren ihm vergönnt. Er starb an den Folgen 
einer schmerzhaften Venenentzündung. Seine irdischen Ueberreste wurden 
seinem Willen gemäss in Gotha den Flammen übergeben. 

Deutsches Protestantenblatt 1899, No. 44. Protestant No. 40. Protestantische Zeit- 
stimmen X, (1896) S. 41— 53. 

Kohlschmidt. 



Henkel. Rothbart. 169 

Henkel, Heinrich, Musikdirector, * 16. Februar 1822 zu Fulda, f 10. April 
1899 zu Frankfurt a. M. Schüler seines Vaters Michael Henkel und später 
von Anton Andrd und Ferdinand Kessler. Trat als Klaviervirtuose auf, 
errichtete in Fulda einen Gesangverein und vertrat seinen kranken Bruder als 
Musiklehrer im Schullehrer- Seminar. 1846 — 1847 lebte er in Leipzig, 1848 
wieder in Fulda und erst 1849 wählte er Frankfurt a. M. als Wohnsitz, wo 
er sich ganz dem Lehramte in der Musik widmete, eine Musikschule errichtete, 
einen Kirchengesangverein gründete und alljährlich zur Winterzeit Kammer- 
musik-Concerte veranstaltete, in denen er als Pianist auftrat und besonders 
die klassischen Meister pflegte. Schon als Schüler von Andrd ordnete er die 
von Andr^ von der Wittwe Mozarts erworbenen Handschriften und fertigte 
einen thematischen Katalog an, den Andrd dann unter seinem Namen heraus- 
gab und der heute schon zu den grössten Seltenheiten gehört. Als Componist 
gab er Lieder, Chorgesänge und Clavierpiecen, sogenannte Salonpiecen 
heraus. Sein Hauptverdienst besteht in den zahlreichen Lehrmethoden, so- 
w^ohl theoretisch wie praktisch, die er im Laufe seines Lebens herausgab. 
Dazu gehört eine Vorschule des Clavierspiels (technische Studien), eine Me- 
thodik des Ciavier Unterrichts, ein Führer durch die Clavierliteratur. Der 
Mechanismus des Clavierspiels, alles Werke, die auf langjähriger Erfahrung 
beruhen und von Vielen zu Nutz und Frommen benützt wurden. Ferner 
schrieb er eine Biographie Aloys Schmitt, gab eine neue Ausgabe von Anton 
Andr^'s Lehrbuch der Tonsetzkunst 1875 beraus und schrieb »Mittheilungen 
aus der musikalischen Vergangenheit Fuldas«. Ein- und mehrstimmige in- 
structive Violinstücke gab er heraus. 1883 erhielt er den Titel eines Kgl. 
Musikdirectörs. 

Quellen: Mendel-Reissmanns Musik-Lexikon. Hugo Riemanns Musik-Lexikon 5. Aufl. 

Rob. Eitner. 



Rothbart, Ferdinand, Historienmaler und Illustrator, Conservator des 
k. Kupferstich- und Handzeichnungs-Cabinets, * 3. October 1823 zu Roth am 
Sand, f 31. Januar 1899 in München. R. kam mit seinen Eltern frühzeitig nach 
Nürnberg und erlebte nach dem Tode seines Vaters, welcher eine Draht- 
flechterei besass, eine an schweren Erfahrungen reiche Jugend. Das mechanische 
Coloriren von Landkarten und Bilderbogen weckte seine Liebe zur Kunst, 
welche durch den Vorgang seines älteren Bruders Georg Rothbart (* 1817, 
f 1896, herzoglicher Oberbaurath und Geh. Hofrath zu Coburg) weitere 
Nahrung erhielt. Bald erwarb er in der Technik der Lithographie und bei 
H. L. Petersen im Gebiete des Kupferstiches und der Radirung schöne Kennt- 
nisse und praktische Uebung. Mit Feuereifer warf er sich auf das Gebiet der 
Illustration und lieferte für verschiedene Buchhändler und Verleger allerlei 
Arbeiten von eigener Erfindung und Composition. Später übersiedelte er nach 
Stuttgart, wo er für Guhl und Caspar's »Denkmäler der Kunst« viele treffliche 
Platten radirte, für die Königin Olga sehr schöne Aquarell- und Architektur- 
bilder malte (theil weise auch gestochen von E. Dertinger und A. Schul theiss, 
z. B. der »Schweizerbub'«, »Deserteur«, »Die Nonne«) und mit der Firma 
G. Scheitlin in Beziehungen trat. Einen guten Namen errang sich R. 
durch seine Illustrationen zu den Erzählungen der damals als Schriftstellerin 
auftretenden Isabella Braun, insbesondere zu den von ihr begründeten, heute 
noch (im Verlag von Braun & Schneider zu München) florirenden »Jugend- 



I70 



Rothbart. 



blättern«. Der erste grössere Auftrag erwuchs dem Künstler in Coburg: im 
Laubengang des herzoglichen Schlosses malte er das jeden Besucher so an- 
genehm überraschende und erfreuende grosse Fresco mit dem »Brautzug des 
Herzogs Casimir«, eine sehr gelungene Leistung; nebenbei ordnete er auch in 
mustergiltiger Weise die reiche Sammlung von Kupferstichen und Hand- 
zeichnungen des kunstsinnigen Herzogs Ernst. In München lieferte R. Titel- 
blätter zu Wielands sämmtlichen Schriften (Leipzig 1853 — 58 in 36 Bänden), 
zu Schillers Werken (Stuttgart 1853 in 12 Bänden), zu Goethes »Götz« (Berlin, 
bei Grote) und Hebels »Erzählungen des Rheinischen Hausfreundes«. Auch 
entstanden die drei Blätter zu Adolf Böttgers »Dichtergarben«, zu N. Ducros' 
»Pamasse Fran^ais« (beide gestochen von C. Geyer) und der »British Lyric« 
von W. O. Elwell (gestochen von A. Schultheiss, sämmtlich im Verlage von 
George Westermann in Braunschweig), wobei er, ebenso wie bei G. Scherers 
^> Deutschem Dichterwald« (1857), die nationale Charakteristik der betreffenden 
Dichtungen zum prägnantesten Ausdruck brachte. Zur historischen Galerie 
des von König Max IL begründeten Münchener National-Museums wurde R. 
mit Frescobildem betraut, deren Stoffe ganz der geschichdichen Richtung des 
Malers geeignet schienen: Wie Kaiser Ludwig der Bayer der Stadt Nürnberg 
neue Rechte verleiht; die Predigt des Johann Capistran zu Nürnberg (1452) 
und die Gründung der ersten Buchdruckerei zu Bamberg durch Albrecht 
Pfister (aus dessen Officin die Ausgabe von Boner's »Fabeln« hervorging). 
Ueber der Ausführung dieser grossen Arbeiten hatte sich R.'s Gesundheit 
bedenklich verändert, so dass ein längerer Aufenthalt im Süden dringend 
geboten schien. Gleichzeitig war die edelmüthige Stiftung des Bildhauers 
Martin von Wagner (vgl. den Artikel in der »Allg. Deut. Biogr.« 44. B. S. 51 5 ff-) 
flüssig geworden und R. erhielt als erster Stipendiat einen dreijährigen Aufent- 
halt für Italien und insbesondere für Rom, wo sich der Künstler gründlich 
erholte. Dankbaren Herzens sendete er in die Sammlungen der Universität 
Würzburg, der Patronin der »Martin von Wagner-Stiftung«, ein von ihm sorg- 
sam ausgeführtes, »Noli me tangere« betiteltes Oelbild. Zu Rom katalogisirte 
R. auch die Bibliothek der Villa Malta. Nach seiner Rückkehr zeichnete R. 
viele Illustrationen, z. B. zu Lessings »Nathan« (Berlin 1868), Goethes »Faust« 
und Lenaus »Gedichten«, zu Schillers »Don Carlos«, zu Georg Scherers 
»Deutschen Volksliedern«, für Lohmeyers »Monatshefte« und vier grosse Car- 
tons mit den Evangelisten, welche, in L. Faustners Glasmalerei -Anstalt aus- 
geführt, als Kirchensfenster nach Darley (bei Glasgow) kamen (vgl. Lützows 
Zeitschrift 1874. IX, 610). Auch einen Carton mit der Kirchhofscene aus 
»Hamlet« für ein Glasbild F. X. Zettlers. Für die Bilderbogen von Braun 
und Schneider illustrirte R. das Märchen »Die Stern thaler« (No. 235) und 
lieferte Beiträge zur »Geschichte der Costüme« (No. 437, 463, 490, 520). Im 
Jahre 1871 wurde ihm die Stelle eines Conservators am k. Kupferstich- und 
Handzeichnungs-Cabinet übertragen, welche er bis 1885 bekleidete. Aus den 
Schätzen dieser Anstalt publicirte R. seltene Stiche, Radirungen und Hand- 
zeichnungen älterer Meister, in dem von Obernetter-Albert erfundenen photo- 
graphischen Lichtdruck in einem grossen Prachtwerke (1876) und leitete die 
von Obernetter besorgte Auswahl und Reproduction der Kleinmeister des 
XVI. und XVIL Jahrhunderts, welche die kostbarsten Blätter in billigen Copien 
zum Gemeingut machten und dadurch dem Kunstgewerke sehr erfreuliche 
Vorlagen boten. Im Jahre 1885 trat R. infolge seines unheilbaren Asthma 
in den wohlverdienten Ruhestand und überliess dieses unabsehbare Feld der 



R6thbart. Scherbring. I y l 

Thätigkeit einer neuen, frischen Arbeitskraft, Dr. Wilhelm Schmidt. R. suchte 
in verschiedenen klimatischen Kurorten Linderung seiner Leiden, die sich erst 
in den letzten Lebensjahren langsam verzogen. Abermals griff er zu Pinsel 
und Palette, zu Stift und Feder und trug sich mit immer neuen Compositionen 
und Oelbildeni, ohne damit in die Oeffentlichkeit zu treten. Für den grossen 
Prachtwagen König Ludwigs IL malte er einen culturhistorischen Tanz aus 
der Zeit des Louis Quatorze (vgl. Louise von Kobell »König Ludwig IL und 
die Kunst« 1898 S. 262). Hatte er früher schon für das »Malerische Bayern« 
(München bei Georg Franz) viele Blätter mit landschaftlichen Aufnahmen und 
Städte-Ansichten geliefert, so liebte er jetzt zu seiner Herzenserquickung allerlei 
Reiseeindrücke mit der Feder festzuhalten, z. B. über »Pappenheim« oder 
»Kelheim und seine Umgebung in Wort und Bild« (Regensburg. 1888), wo- 
bei auch kleinere Sachen für Seb. Dülls »Jugendlust« (1889 ff. Nürnberg) und 
Rebele's »Kinderfreund« (Augsburg i89iff.) abfielen. 

R. war ein tief gemüthvoller, zartbesaiteter Charakter, eine wahre und 
echte Künstlernatur, ein unverbrüchlich edelmüthiger Freund, mit einem Worte: 
ein guter Mensch im schönsten Sinne des Wortes ! So lange es seine Gesund- 
heitsverhältnisse gestatteten, nahm er den innigsten Antheil an allen Fragen 
und Angelegenheiten der Münchener Kunst-Genossenschaft, besonderen Dank 
aber verdiente er ob seiner umsichtigen Geschäftsführung des Künstler-Unter- 
stützungsvereins. Zu vielen festlichen Gelegenheiten lieferte R. Zeichnungen 
und heitere Beiträge voll jovialen Humors. In seinen Kinderbildern zeigte er 
innige Verwandtschaft mit Ludwig Richter und Oskar Fletsch; in seinen Oel- 
gemälden und Fresken war die Freundschaft mit dem jüngeren Ferdinand Piloty 
(1828 — 1895) in coloristischer Beziehung fühlbar. In früheren Jahren zeigte 
sein schön modellirter Kopf eine überraschende Aehnlichkeit mit dem durch 
A. van Dyck gemalten Portrait des Kupferstechers Lukas Vorstermann. 

Fr. ▼. Bottich er, Malerwerke 1898. II, 474. Nekrologe in No. 32 »Allgem. Ztg.« 
I. Februar 1899 ^^^ i™ Kanstvereins-Bericht für 1899. S. 80. 

Hyac. Holland. 



Scherbring, Karl, Landschaftsmaler, ♦ 7. October 1859 in Memel, f 
18. December 1899 zu München. Als der Sohn eines behäbigen Schiffs- 
rheders zu Memel betrieb Seh. an der Universität Königsberg zuerst Philologie 
und bethätigte sich an der Ausgrabung von Hünengräbern auf den Gütern 
des Grafen Trenk. Die Bekanntschaft mit dem Akademie-Professor Rosen- 
felder und dem Maler Heider förderten seine Neigung zur Kunst, welcher er 
sich, nach Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht als Einjährig- Freiwilliger 
in München, unter Leitung von Heinrich Heim 1883 — 86 zuwendete. Ver- 
heirathet mit Tony Seidemann, übersiedelte Seh. nach Karlsruhe zu Schönleber, 
kehrte aber schon 1890 nach München zurück, wo er, nachdem sein väter- 
liches Erbtheil in dieser Studienzeit aufgebracht war, trotz seines Fleisses und 
seines Talentes mit schweren Sorgen kämpfte. Die Motive zu seinen Bildern 
suchte er mit Vorliebe im Dachauer-Moos, später zog er mit Prof. Carl 
Raupp nach den sonnigen Geländen des Chiemsee. In freudiger Stimmung 
schuf er an seinen Vorfrühlings-Landschaften, womit er endlich sein zusagendes 
Repertoire fand und seinen bisher suchenden Entwicklungsgang abgeschlossen 
wähnte. Seine Bilder fanden theilnehmende Förderung und Liebhaber, vorerst 
an dem kunstliebenden Frankfurter Kaufmann Ernst Scharf. Seine Künstl^rlauf- 



1^2 Scherbring. Dustmann. Treiber. 

bahn hatte begonnen und versprach guten Erfolg. Da warf ihn ein schweres Herz- 
leiden darnieder, von welchem der kräftige Mann nimmer erstehen sollte. 
Seine gesunde Naturanschauung, seine lebendige Farbe und die künst- 
lerische Wahl dessen, was als malbar sich in den Pinsel drängte, würden ihm 
einen hervorragenden Platz unter den Münchener Landschaftern gesichert haben. 
Der aus zweihundert Nummern bestehende Nachlass von Gemälden, Studien 
und Skizzen mit Motiven theils aus der Umgebung Münchens, vorzugsweise 
aber den an malerischen Reizen so reichen Ufern unserer oberbairischen 
Seen entnommen, kamen im März 1900 in den Kunstverein und wurden rasch 
verkauft. Schade, dass diese Sammlung, welche ein ganzes Abbild emes 
Künstlerlebens gewährte, auseinandergerissen wurde. Diese Bäche und 
Wiesen, Berghänge und Wälder, Buchten und lauschigen Winkel, welche der 
Maler einfach und getreu, ohne Haschen nach Esprit oder Effect, ohne Re- 
klame und Farbenkünstelei wiedergab, mutheten den Beschauer an wie 
schlichte Erzählungen eines sinnigen Beobachters. 

Abendblatt 61, »AUgem. Ztg.« 3. März 1900. No. 67 »Baicr. Kurier« 10. März 1899. 
Kunstvereiosbericht f. 1899. S* ^* 

Hyac. Holland. 



Dustmann, Marie Luise, geborene Meyer, dramatische Sängerin, * in 
Aachen 22. August 1831, f 2. März 1899 in Charlottenburg (Berlin). Trat 
zuerst 1849 in Breslau auf, wirkte dann — unter Spohr — in CasseJ, 
später in Dresden und Prag (1854). 1857 kam sie an das k. k. Hofopern- 
theater in Wien, wo sie ebenso wegen ihres hinreissenden Temperaments, als 
wegen ihrer schönen Stimme und ihrer poesievollen Darstellung ein erklärter 
Liebling des Publikums wurde. Ihre Donna Anna, Senta, Elsa, Elisabeth, 
ihr Fidelio waren Muster dramatischer Gesangskunst. 1860 wurde D. zur 
Kammersängerin ernannt. Sie war mit dem Buchhändler D. verheirathet. — 
Nach ihrem Rücktritte von der Bühne wirkte Frau D. kurze Zeit als Lehrerin 
am Wiener Conservatorium, gab diese Stellung aber Ende der achtziger Jahre 
auf, übersiedelte dann nach Hamburg und später nach Charlottenburg. 

Rieh. Heuberger. 



Treiber, Wilhelm, Virtuose und Capellmeister, * am 19. Januar 1838 zu 
Graz, f den 16. Februar 1899 in Cassel. Sein Vater, ein Schüler Czemys, 
bildete ihn frühzeitig zum Ciaviervirtuosen aus, so dass Wilhelm schon mit 
elf Jahren öffentlich auftrat. Später nahm er noch bei Moscheies und Alexander 
Dreyschock Unserricht und unternahm 1858 Kunstreisen durch ganz Europa. 
Im Jahre 1864 wurde er Capellmeister in seiner Vaterstadt und bewies, dass 
er nicht nur Virtuose, sondern ein durchgebildeter Musiker sei. 1876 berief 
man ihn nach Leipzig, um die Euterpe-Concerte zu dirigiren. Im Sommer 
unternahm er regelmässig Kunstreisen als Ciaviervirtuose. Seine letzte Stellung 
trat er am i. Januar 1881 als Königl. Capellmeister am Theater in Cassel 
an und entwickelte eine rege Thätigkeit nicht nur in der Oper, sondern auch 
im Concertsaale. In der Oper war er nicht blos bemüht, die älteren Meister- 
werke in möglichst vollkommener Weise zu Gehör zu bringen, er brachte 
auch den Wagner' sehen Opern das grösste Interesse entgegen und führte sie 
so oft dem Publikum vor, dass das Verständniss sich immer mehr Bahn brach. 



Treiber. Graeser. VölderndorfT-Waradein. ij^ 

Auch andere neue Erscheinungen auf diesem Felde fanden an ihm stets einen 
willigen Förderer. Als Dirigent der Abonnements-Concerte war ihm auch hier 
beschieden, seinen wohlwollenden Einfluss gegen jüngere Componisten geltend 
zu machen und manches Werk verdankt seiner Fürsorge die öffentliche An- 
erkennung. Ebenso kargte er nicht mit seiner Virtuosität als Clavierspieler 
und war stets bereit, auszuhelfen. Noch am 20. Januar spielte er im Abonne- 
ments-Concert. Seit länger als Jahresfrist war er leidend, so dass er oft ge- 
zwungen war, seine Amtspflichten zu vernachlässigen. Endlich warf ihn ein 
Iniluenzaanfall aufs Krankenbett, aus dem er sich nicht mehr erhob. 

Casseler Tageblatt und Anzeiger No. 49. 

Rob. Eitner. 



Graeser, Karl, Buchhändler, ♦ 5. Februar 1849 ^^ Mediasch in Sieben- 
bürgen, f 22. August 1899 in Wien. G. trat 1862 als Lehrling in die Filtsch*sche 
Buchdruckerei in Hermannstadt ein. Nach beendeter I^ehrzeit war er eine 
Zeit lang in Wien beschäftigt und übernahm im Mai 1869 eine Stelle in der 
Buchhandlung von Eduard Hölzel in Olmütz, dem Stammgeschäft der be- 
sonders auch in Wien zu hohem Ansehen gelangten und von G. in verdienst- 
lichster Weise geförderten Firma. Nachdem er 1875 ^^^^ Tochter Hölzeis 
geheirathet hatte, gründete er 1877 i" Wien ein eigenes Verlagsgeschäft, dem 
zunächst der von G. angekaufte Verlag der Firma Sallmayer & Co. in Wien 
als Grundstock diente, und das später besonders durch Schulbücher sich aus- 
zeichnete. Nach dem Tode des Gesellschafters im Olmützer Sortiment, Albin 
Braune, kehrte G. nach Olmütz zurück und wurde bald danach zum kaiser- 
lichen Rath ernannt. G. erwarb sich hier viele Freunde und stand unter 
Anderem in Ansehen als Obmann des Olmützer Musikvereins. Nicht weniger 
beliebt und angesehen war er in weiteren Buchhändlerkreisen. Besonders 
verdient machte er sich um den »Verein der österreichisch-ungarischen Buch- 
händler«, für den er 1888 mit W. Müller die Statuten entwarf und dem er 
zeitweise als Ausschussmitglied und Schriftführer angehörte. Schon früher war 
er lebhaft für das Wiedererscheinen des Oesterreichischen Bücherkatalogs und 
wiederholt fUr Lehrlingsschulen beziehungsweise Specialcurse für Buchhändler 
eingetreten. G's. Rückkehr nach Wien erfolgte 1897. 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt. Bnchhdl. 1899 No. 204. J. Seh. (nach der Oesterr.-ungar. 
Bachhdlr.-Correspondenz). — Junker, G., Der Verein der österr.-ungar. Buchhdlr. 1859—99. 

H. EUissen. 



Völdemdorff-Waradein, Dr. Otto Freiherr von, Königlich bayerischer 
Staatsrath, * 12. Juni 1825 zu Zweibrücken, f zu München 10. December 1899. 
Die Geschichte der Familie der Veltemdorffer lässt sich auf 900 Jahre zurück 
verfolgen. Sie gehörte in den österreichischen Ländern unter der Ens zu den 
24 ältesten adeligen Geschlechtern, deren Glieder unter den Herzögen von 
Oesterreich getreue Ritter- und Kriegsdienste geleistet hatten. Ein im Jahre 
1504 geborener Gotthard v. V. erwarb sehr grossen Grundbesitz und schloss 
sich, im Gegensatz zu dem sonstigen österreichischen Adel, mit brennendem 
Eifer der Reformation an, welcher Geistesrichtung die Familie treu geblieben 
ist. Im November 1660 wurde Hans Adam Eusebius Freiherr v. V. nach 
Verkauf der angestammten Güter und Erwerb anderer in der neuen Heimath 



174 



Völderndorff- Wandein. 



auf dem in Weissenburg im Nordgau gehaltenen »Rittertag von löbl. Keyserl. 
unmittelbarer freyen Ritterschaft Orts an der Altmühl« als Ritterglied auf- 
genommen. Dieser Familie entstammte der Vater Ottos, Franz Freiherr v. V., 
Königlicher Generalstaatsprocurator in Zweibrücken, der jedoch schon am 
28. November 1827 verstarb, so dass die Mutter bald in ihr väterliches Haus 
in München zurückkehrte, 1828 auch der Sohn. Der Grossvater Heinrich 
Aloys gehörte der Familie Reigersberg an, die, bekannt durch die Gattin von 
Hugo Grotius, ihre Abkunft von dem alten Dynastengeschlecht der Grafen 
von Ciain und Reigersberg herleitet. Geboren in Würzburg am 30. Januar 
1770, wurde dieser am 3. September 1803 in den Reichsgrafenstand erhoben, 
am 3. October 1803 zur höchsten Stelle des damaligen deutschen Richter- 
standes, zum (einzigen) Reichskammerrichter in Wetzlar befördert. Als solcher 
war er Vorstand des Gerichtes und genoss fürstliche Ehren; deshalb musste 
er »vom hohen Adel« sein. Unter ihm fungirten zwei Präsidenten, ein katho- 
lischer und ein protestantischer, Männer des alten Adels. Das CoUegium be- 
stand aus Assessoren. Nach Auflösung dieses Gerichtshofes erhielt der Gross- 
vater am 30. Mai 1807 die Stelle eines Präsidenten am Königlichen Hofgerichte 
in München, wurde bald darauf (August) Königl. Wirklicher Geheimrath, 
26. März 1808 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 16. August 18 10 
Staats- und Conferenzminister des Justizdepartements. In diesem Amte machte 
er sich sehr verdient durch seine Reformbestrebungen fUr das Strafgesetzbuch 
von 18 13 und das Hypothekengesetz von 1822, auch die Abfassung des 
Familiengesetzes vom 18. Januar 18 16 und des Königlichen Familienstatuts 
vom 5. August 18 19, das noch heute gilt. Er behielt 1823 das Gesetzgebungs- 
departement in seinen Händen, während die laufenden Justizgeschäfte auf 
von Zentner übergingen; am 23. November 1826 wurde er in Ruhestand 
versetzt. Doch nahm er bis in das höchste Alter als Reichsrath am öffent- 
lichen Leben thätigen Antheil; hochbetagt verschied er am 4. November 
1865. — Im Hause dieses Grossvaters und durch seine Mutter Marie 
Antoinette Gräfin von Reigersberg aus dem Hause derer von Lodron-Laterano, 
eine Frau von höchstem Adel der Gesinnung, erhielt Otto den ersten Unter- 
richt, weiteren durch einen sehr geachteten Erzieher und Pfarrer in Haunsheim, 
trat später in die Pagerie ein, wo er mit Kameraden wie Leonrod, Moy, 
Perfall, Hompesch, Tauffkirchen vmd Redwitz dauernde Freundschaft schloss. 
Für militairische Uebungen hatte er nicht viel Begeisterung und konnte solche 
auch wegen leidenden Zustandes kaum mitmachen. Im Jahre 1850 pro- 
movirte er in München mit der Arbeit »Zur Lehre vom Erlass« zum Doctor 
der Rechte, machte auch seine Staatsprüfung mit erster Note als zweiter Can- 
didat im Königreich. Er wurde i. November 1854 Ministerialsecretair im 
Justizministerium, i. October 1856 Geheimer Secretär, i. Juli 1862 Rath am 
Handelsappellationsgericht in Nürnberg, wo er sich ausgedehnter schrift- 
stellerischer Wirksamkeit widmete. Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere 
deutsche Reichskanzler, berief ihn i. Juni 1867 als Ministerialrath, wodurch 
er in intime Beziehungen zu diesem innig verehrten Staatsmann trat. 1870 
war er mit den Functionen eines Rheinschififfahrts- Bevollmächtigten betraut 
und leistete sehr wesentliche Dienste, wurde 1883 Generalsecretär des Mini- 
steriums des Auswärtigen und des Königlichen Hauses, 1892 Geheimrath. 
Nur ungern bewilligte man ihm i. November 1895 die Versetzung in den 
Ruhestand mit Titel und Rang eines Königlich bayerischen Staatsrathes in 
ausserordentlichem Dienste. Schwere Leiden trübten seinen Lebensabend. 



VölderndorfT-Waradein. Salkowski. 



175 



Er verstarb kinderlos. Als Mann von seltener Begabung und grösster Viel- 
seitigkeit, scharfsinniger Jurist, von trefTendem, nie verletzendem Witz und 
grosser Herzensgute, von grosser Gedächtnisskraft, wohl bewandert auf dem 
Gebiete der Politik und der bayerischen Staatsangelegenheiten wie anderer 
Wissenszweige, war er das belebendste Element geselliger Kreise. In seiner 
ganzen Originalität und Liebenswürdigkeit zeigen ihn seine »Harmlose Plau- 
dereien eines alten MtincKeriers«, I München 1891, II 1898. Lange Jahre hin- 
durch war er Mitarbeiter der Münchener Neuesten Nachrichten und der All- 
gemeinen Zeitung. Von seinen juristischen Arbeiten sind zu nennen »Einige 
Worte über Recht, Rechtswissenschaft und römisches Recht«, München 1851; 
»Die Form der Rechtsgeschäfte nach allgemeinen Grundsätzen und den posi- 
tiven Rechten«, Nördlingen 1857; »Gesetz, die Gewährleistung bei Vieh- 
veräusserungen betreffend«, München 1860, 2. Auflage 1883; »Deutsche Ver- 
fassungen und Verfassungsentwürfe«, München 1890. Er war Mitarbeiter an 
dem Werk über die Gesetzgebung des Königreichs Bayern, 3. Bd. Heft 2, 5; 
5. Bd. Heft i; 6. Bd. Heft i — 14 (Commentar zum allgemeinen deutschen 
Handelsgesetzbuch mit A. Anschütz, Erlangen 1867 — 74, und Beilagehefte); 
ebenso an dem über die Gesetzgebung des Deutschen Reiches, I. Theil 2. Bd. 
(Concursordnung, Erlangen 1879, 2. Auflage 1885); auch 4. Band (Commandit- 
gesellschaften , Erlangen 1885); i^i<^bt minder an Endemanns Handbuch des 
deutschen Handels-, See- und Wechselrechts, Bd. I. Auch hatte er 1868 ein 
Supplementheft der Sammlung handelsgerichtlicher Entscheidungen seit Ein- 
führung des deutschen Handelsgesetzbuches in Bayern und 1880 eine zweite 
Auflage einer Civilgesetzstatistik von Bayern, femer einen Bericht »Die richter- 
liche Thätigkeit der Centralcommission f. d. Rheinschiffahrt von 1832 — 1894«, 
Frankf. 1 894 herausgegeben. Er hat im Stillen seinerzeit einen grossen Einfluss 
auf den Gang der politischen Verhältnisse im engeren und weiteren Vater- 
lande genommen. So schmückten denn auch seine Brust zahlreiche in- und 
ausländische Orden. 

Vgl. Allgemeine Zeitung No. 343 v 11. Dec, No. 346 v. 14. Dec. 1899; MUnchener 
Neueste Nachrichten No. 571 v. 12. Dec. 1899 S. 4; — Velhagen und Klasings Monatshefte 
XIV. Jahrgang S. 655—664 mit Bild (Bericht Über Pagerie und König Ludwigs II. Tod); 
Vom Fels zum Meer XIX. Jahrgang, Sammler S. 82 (mit Bild); — Rechtsforschung und 
Rechtsunterricht auf den deutschen Universitäten, hrsg. von O. Fischer, Berlin 1893 S. 62. 
— Beilage zur Allgem. Zeit No. 134 vom 12. Juni 1895 (Luise von Kobell). 

A. Teichmann. 



Salkowski, Karl, Universitätsprofessor, * 20. Mai 1838 zu Königsberg, 
f 16. December 1899 ebenda. Er war Sohn eines hochangesehenen Königs- 
berger Kaufmanns, der den Befreiungskrieg mit Auszeichnung mitgemacht und 
bei der Stadtverwaltung, Kirche und Loge Ehrenämter bekleidet hatte. 
Durch eine strenge Schule der Erziehung hindurchgegangen, besuchte er das 
Kneiphöfische G>Tnnasium, machte seine juristischen Studien an der Albertus- 
Universität, promovirte mit der Arbeit »Quaestiones de jure societatis« 1859 
und habilitirte sich 2. Juni 1862 an der Albertina als Privatdocent ftir 
römisches Recht. Während seines ganzen Lebens verliess er seine Vaterstadt 
nicht. Zu Beginn seiner akademischen Laufbahn hatte er manche Ent- 
täuschungen durchzumachen; von rührender, nicht selten missbrauchter Be- 
scheidenheit, trug er die Folgen politischer Unüberlegtheiten, die Freunde 
ihm bereitet. Am 12. Januar 1869 erfolgte seine Ernennung zum ausser- 



X y 6 Salkowski. Hertel. 

ordentlichen Professor und erst unter dem Ministerium von Gossler die ihm 
längst gebührende Anerkennung der Beförderung zum ordentlichen Professor 
am 20. April 1883. Er hatte bis dahin veröffentlicht: »Bemerkungen zur 
Lehre von der juristischen Person«, Leipzig 1863, »Zur Lehre von der No- 
vation nach römischem Rechtcc, Leipzig 1866, namentlich aber ein gediegenes 
»Lehrbuch der Institutionen fUr den akademischen Gebrauch«, Leipzig 1875, 
das weiteste Verbreitung fand; es erschien in 7. Auflage 1898 und wurde 
italienisch von R. Lanzara, Napoli 1894 ff. bearbeitet. Die Bearbeitung der 
Vermächtnisslehre von Arndts im Herzfeldschen Pandectencommentar schloss 
er mit einem 4. Bande Erlangen 1889 ab, der die Vermächtnissforderung 
und die betr. Klagen behandelt. Einen weiteren Beitrag zur Dogmatik des 
römischen Privatrechts lieferte er, nur zögernd zu Publikationen schreitend, 
in der Schrift »Zur Lehre vom Sklavenerwerb«, Leipzig 1891. Als die be- 
vorstehende Einführung des deutschen bürgerlichen Gesetzbuches den Juristen 
neue Aufgaben stellte, machte er sich mit jugendlichem Eifer an die Abfassung 
eines grösseren Werkes, an dessen Abschluss und Herausgabe ihn der Tod 
verhinderte. In seiner akademischen Stellung zeichnete er sich durch volle 
Hingabe an sein Amt aus. Seine Zuhörer hingen mit leidenschaftlicher Liebe 
und Verehrung an ihm, wie er überhaupt in allen Kreisen viele Freunde 
und Verehrer hatte. Als langjähriger Verwalter des Kypkeanum Hess er 
jedem Studenten das ihm zukommende Mass akademischer Freiheit zu Theil 
werden. Nach Verleihung des Rothen Adlerordens IV. Klasse gelegentlich der 
350jährigen Universitätsfeier und des Titels eines Geh. Justizrathes 1896 führte 
er im Jahre 1898 das Universitätsrectorat mit Aufbietung aller seiner Kräfte 
trotz eines schwerens Leidens, das seine durch körperliche Uebungen ge- 
stählte Constitution mehr und mehr angriff. Auf ärztlichen Rath unterzog er 
sich wohlgemuth einer peinlichen Operation ; nach Vornahme derselben wurde 
sein Zustand immer bedrohlicher und unerträglicher, bis ihn der Tod von 
allem Leid erlöste. Bei der grossen Leichenfeier schilderten der Rector 
Prof. Dr. Hahn und der juristische Facultätsdekan Prof. Dr. Gradenwitz die 
vielen Verdienste des Verstorbenen um Wissenschaft und Universität. Seine 
Familie bewahrt ihm das zärtlichste Andenken. Einer seiner Brüder ist 
Professor der Chemie in Münster, ein andrer Professor der Chemie in Berlin. 

Nach gef. Notizen der jetzt in Wiesbaden lebenden Wittwe. — Vgl. Königsberger 
Hartungsche Zeitung No. 296 und 298 Abendausgabe — Illustr. Leipz. Ztg. vom 3. Nov. 
1898 (mit Bild) — Lit. Centralblatt 1863 Sp. 1165: 1877 Sp. 955; 1892 Sp. 602, 685 
— Krit. Vschrift XXXV 354—358 — Kirchenheims Centralblatt X 414. 

A. Teichmann. 



Hertel, Peter Ludwig, ein weltbekannter Balletkomponist, Sohn des Karl 
Hertel, eines Kgl. Kammermusikus zu Berlin, * 21. April 181 7 ebendort, 
f 13. Juni 1899 zu Berlin. Von früh ab zum Musiker bestimmt, erlernte er 
die Violine unter Anleitung seines Vaters, der ihn dann Eduard Rietz über- 
gab. Das Klavierspiel erlernte er bei W. Greulich und die Komposition bei 
Julius Schneider und A. B. Marx. So ausgerüstet mit allem Wissen, trat er 
als Komponist von Sinfonien, Streichquartetten, Sonaten u. a. dem ernsten 
Fache der Kunst angehörenden Werken vor die Oeffentlichkeit, doch erreichte 
er damit auch nicht den geringsten Erfolg. Der bekannte Balleterfinder und 
Arrangeur Taglioni arbeitete 1852 das für London geschriebene Ballet 



Hcrter. Fuchs. 



177 



»Satanella« um und suchte für die neuen Einlagen einen Komponisten. 
Seine Wahl fiel auf H. und er hatte es nicht zu bereuen, denn nicht zum 
Wenigsten war an dem beispiellosen Erfolge H.'s Musik Schuld, der mit 
einem Schlage zum beliebtesten Balle tkomponisten geworden war. Die Nach- 
wirkung dieses Erfolges blieb auch nicht aus und der König ernannte ihn zum 
Hofkomponisten und Balletdirigenten. Alle ferneren Ballette von Taglioni 
setzte H. nun in Musik und noch werden der älteren Generation die Erfolge 
von »Flick und Flock« im Gedächtniss sein. Bahn, der Verleger der Musik zu 
dem Ballette, wurde zum reichen Manne und H. ging auch nicht leer aus, 
denn da das Opernhaus bei der Aufführung des Ballets stets ausverkauft war, 
so fiel eine ansehnliche Tantieme in seine Tasche. Er schrieb bis zum 
Jahre 187 1 die Musik zu acht Balletten, von Taglioni erfunden und in Scene 
gesetzt, die sich alle eines mehr oder weniger regen Beifalls erfreuten. Seine 
Dirigentenpflichten erfüllte er noch bis in die jüngste Zeit, trotz seines hohen 
Alters und erst in dem letzten Jahrzehnt setzte er sich zur Ruhe. In von 
Ledebur's Tonkünstler-Lexikon Berlins werden ausserdem eine Reihe anderer 
Kompositionen, die zum Theil im Druck erschienen, angeführt, die aber 
weniger zur Geltung gelangt sind. 

Rob. Eitner. 



Fuchs, Johann Nepomuk, k. k. Hofcapellmeister, Director des Con- 
servatoriums in Wien, * 5. Mai 1842 zu Frauenthal in Steiermark, f 15. Oc- 
tober 1899 in Wien. Als Sohn eines Schullehrers wuchs F. in musikalischer 
Atmosphäre auf und bezog, bereits mit einigem diesbezüglichen Fachwissen 
und einer gewissen Praxis ausgerüstet, das Gymnasium in Graz. Nach Ab- 
solvirung dieser Schule trieb er — ebenfalls in Graz — juristische Studien an 
der Universität, beschäftigte sich aber nebenher eifrig mit der Tonkunst. Im 
Vereine mit Friedr. v. Hausegger gründete er den Grazer »Akademischen 
Gesangverein«, dessen erster Chormeister er war. Anfang der sechziger Jahre 
übersiedelte F. nach Wien, Hess sich an der Universität inscribiren, studirte 
aber eifrig bei Sechter Theorie. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche unver- 
öffentlichte Compositionen, meistens Lieder. 1864 sagte F. der Jurisprudenz 
Valet und wurde Capellmeister am Theater in Pressburg, später in Cöln, 
Leipzig und Hamburg. Hier erregte er durch seine glänzende Einstudirung 
und Inscenirung des » Nibelungen «-Cyclus grosses Aufsehen. 1880 wurde er 
als Capellmeister an das Wiener Hof- Operntheater berufen und wirkte in 
dieser Stellung, vor Allem seiner allgemeinen Bildung und Literaturkenntniss 
wegen, entscheidend an dem Werke Jahns, der Läuterung und Besserung der 
arg verfahrenen Wiener Opernzustände, mit. F. galt in allen wichtigen An- 
gelegenheiten als der massgebendste Rathgeber des Directors, namentlich bei 
der Beurtheilung neuer, zur Aufführung vorgeschlagener Werke hatte er die 
entscheidendste Stimme. Jahn nannte ihn »die Biene im Hause«. 1893, nach 
dem Tode Hellmesbergers, wurde F., der bereits durch mehrere Jahre als 
Lehrer am Wiener Conservatorium gewirkt hatte, Director dieser Anstalt und 
ausserdem Vice-Hofcapellmeister. In seiner Eigenschaft als Conservatoriums- 
director kam ihm seine schulmeisterliche Abstammung sehr zu statten. Er 
entwickelte hochbedeutende pädagogische Talente und nahm in erster Linie 
auf die Hebung des Gesangsunterrichtes einen wahrhaft segensreichen Einfluss. 
Er konnte in diesem Punkte als ausgezeichneter Fachmann gelten und ver- 

Biogr. Jahrbuch u. DeuUchcr Nekrolog. 4. Bd. 1 2 



lyS Fuchs. Schabelitz. 

stand es, in ebenso concilianter als bestimmter Weise seinen Willen, vor 
Allem den Lehrern gegenüber, durchzusetzen. Er erzog sich sein Lehrpersonal, 
das in ihm bald den ebenso wohlwollenden als überlegenen Führer zu sehen 
sich gewöhnte. Das Orchester des Conservatoriums, das unter Hellmesberger 
nie über die correcte Ausführung etlicher Paradestücke hinausgekommen war, 
hob F. in kurzer Zeit zu ansehnlicher Höhe, von der es leider unter seinem 
Nachfolger rasch wieder herabgeglitten ist. Seine Lehrerstelle für Composition 
behielt F. als Director bei und wirkte da, vielleicht weniger durch gründliches 
theoretisches Wissen als durch Geist und feinen Geschmack, anregend und 
fördernd auf seine Schüler, unter denen sich A. v. Zemlinsky, der Autor der 
Opern »Sarema« und »Es war einmal« (Premiere Wien 1899), den grössten 
Namen gemacht hat. F. war auch der Begründer des erst seit wenigen Jahren 
am Conservatorium bestehenden Musiklehrer-Büdungscurses. — Als Componist 
war F. wenig hervorgetreten. Eine Oper »Zingara« wurde in Brunn gegeben. 
Grossen Erfolg hatten F.s Bearbeitungen von Glucks »Betrogenem Kadi«, 
Händeis »Almira« und Schuberts »Alfonso und Estrella«. An der grossen 
Schubert -Gesammtausgabe von Breitkopf & Haertel betheiligte sich F. durch 
die Revision sämmtlicher dramatischen Werke des grossen Wiener Meisters. — 
F. besass, von seinem Vater und seinem vor langen Jahren verstorbenen 
Bruder Patriz her, eine schöne Sammlung urwüchsiger steierischer Weisen und 
Tänze, von denen er im »Verein deutscher Steierer« in Wien manchmal Etwas 
zum Besten gab. Nur die weltfernen Hitzendorfer Musikanten haben ähnlich 
Originelles hören lassen. — Im Sommer 1899 verwundete sich F. beim Ent- 
korken einer Flasche an der Hand, die. Wunde wurde inficirt und der kraft- 
strotzende Künstler erlag nach mehrmonatigem Leiden einer tückischen Blut- 
vergiftung. Mit grossen Ehren wurde er zu Grabe getragen. — Der berühmte 
Componist Robert Fuchs ist ein jüngerer Bruder Johann Nepomuks. 

Rieh. Heuberger. 



Schabelitz, Jakob, Verleger und Buchdrucker, ♦ 10. März 1827 in Basel 
als Sohn eines dortigen Buchhändlers, f 28. Januar 1899 in Zürich. Seh. be- 
suchte die Cantonsschulen in Basel und Aarau, nahm, schon früh von freiheit- 
licher Gesinnung beseelt, am ersten Freischaarenzuge Theil, kam aber nicht 
über Zofingen hinaus, von wo ihn sein Vater nach Aarau zurückführte. Nach- 
dem er hier die Schule absolvirt hatte, trat er als Volon tair in das Sauer- 
länder'sche Verlagsgeschaft in Aarau ein. Schon nach Jahresfrist fand er eine 
Anstellung im Verlag der »Deutschen Zeitung« in London, wo er mit vielen 
deutschen Flüchtlingen, u. a. mit Freüigrath, verkehrte. Von »grossen Thieren« 
lernte er den Prinzen Louis Bonaparte imd den »Diamantenherzog« Karl von 
Braunschweig kennen. Auch in Paris war Seh. eine Zeit lang thätig und zwar 
als Correspondent für schweizerische und deutsche Blätter. Nach seiner Rück- 
kehr übernahm er 1850 mit seinem Freunde Amberger das väterliche Geschäft 
in Basel, dem auch die »Nationalzeitung« angehörte. Mit seinem Schwager 
Klein gab er dem Blatt das radikalste Gepräge. Die Weigerung, den Ver- 
fasser eines »strafbaren« Artikels zu nennen, zog ihm eine dreiwöchige 
Geiängnisshaft zu. Im Jahre 1854 gründete Seh. die damals nach ihm be- 
nannte und durch die Eröffnung des Polytechnikums bald aufblühende Buch- 
handlung. Weniger Glück hatte er nach dem Verkauf dieses Geschäftes mit 
einer in der Nähe des Polytechnikums eröffneten akademischen Buchhandlung. 



Schabelitz. Stechert. Joachim. i^tq 

Er kehrte zur Buchdruckerei und zum Verlagsgeschäft zurück. Durch ihn 
trat die »Züricher Post« ins Leben. Sein Verlagsgeschäft gelangte unter der 
Firma »Verlagsmagazin« in den Ruf steter Unerschrockenheit hinsichtlich 
freier politischer Tendenz. Aus dem Verlag ging u. A. die viel bekrittelte 
Schrift »Pro nihilo« des Grafen von Arnim hervor. Seinen Lebensabend ver- 
brachte Seh. in der Familie seines Schwiegersohnes, des Herrn Fürsprech 
Haggenmacher in Zürich, körperlich wohl etwas alternd, geistig aber bis an 
sein Ende rege und frisch und seinem Radikalismus getreu. 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt. Bachhdl. 1899 No. 36; Hdm. (abgedr. aus der Neuen 
Zürcher Zeitung 1899, 30* Jan.). 

H. EUissen. 



Stechert, Gustav £., Buchhändler, * 6. August 1840 als Sohn eines 
Buchbindermeisters in Potsdam, f 25. September 1899 ^^ New- York. Erlernte 
zunächst die Buchbinderei bei seinem Vater. 1860 wandte er sich dem Buch- 
handel zu, den er in Thorn erlernte; 1863 kam er in ein grösseres Com- 
missionsgeschäft in Leipzig und im selben Jahre durch dessen Vermittelung 
in die angesehene Buchhandlung von Westermann & Co. in New-York. Hier 
war er bis 1872 thätig. Dann errichtete er mit seinem Freunde Ferdinand 
Wolff eine eigene deutsche Buchhandlung in New-York, die er seit 1876 unter 
der Firma Gustav E. Stechert allein fortführte. 1887 errichtete er eine Zweig- 
niederlassung in London, 1892 eine solche in Paris. Theilhaber der drei Ge- 
schäfte wurde im April 1897 Alfred Hafner, der sie mit den übrigen Erben 
fortführt. Von grosser Bedeutung sind die geschäftlichen Verbindungen mit 
zahlreichen Bibliotheken, Universitäten und ähnlichen Instituten. St. war Mit- 
glied wichtiger buchhändlerischer und anderer Vereine. 

Publishers Weekly (New-York) 1899 No. 1445. (Mit Lichtdruck-Portrait.) — Börsen- 
blatt f. d. dt. Buchhdl. 1899 No. 236. 

H. Ellissen. 



Joachim, Amalie, eine hervorragende Lieder- und Concertsängerin, 
* lO. Mai 1839 ^^ Marburg in Steiermark als Tochter des kaiserlichen Rathes 
Schneeweiss, f am 3. Februar 1899 zu Berlin. Schon in frühester Kind- 
heit zeigten sich die bedeutenden Anlagen im Gesänge und bereits mit vier- 
zehn Jahren erhielt sie ein Engagement am Theater in Troppau, bald darauf 
in Hermannstadt und dann am Kärntnerthor-Theater in Wien. Im Jahre 1862 
folgte sie einem Rufe an das Hoftheater zu Hannover, wo sie mit glänzendem 
Erfolge als Fides im »Propheten« von Meyerbeer auftrat. Hier lernte sie 
Joseph Joachim kennen, mit dem sie sich am 10. Juni 1863 vermählte. Als 
Joachim 1869 zum Director der neubegründeten Hochschule für Musik er- 
nannt wurde, siedelte das Künstlerpaar nach Berlin über. Nach fast zwanzig- 
jähriger, anfangs sehr glücklicher Ehe, trennten sie sich im Jahre 1882. 
Amalie unternahm danach nochmals den Versuch, die Opernbühne und zwar 
als Orpheus zu betreten. Der Versuch hatte nicht den erwünschten Erfolg 
und die Künstlerin blieb nun ausschliesslich dem Concertgesange zugewandt. 
Sowohl als Oratorien-Sängerin wie im Liede leistete sie ganz Hervorragendes: 
mit tiefer Empfindung verband sie eine Grösse der Auffassung und eine Fein- 
heit künstlerischer Erkenntniss, wie kaum eine andere Concertsängerin neben 

12* 



igo , Joachim. Lützel. Boppe. 

ihr. Alle Stile beherrschte sie mit gleicher Meisterschaft; neben den tief- 
sinnigsten Gesängen eines Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und 
Robert Franz verhalf sie auch minder bedeutenden Liedern kraft ihres viel- 
seitigen Darstellungsvermögens zu ungeahnten Wirkungen. Selbst die frühesten 
Blüthen deutscher Liederkunst des 15. und 16. Jahrhunderts zog sie ans Tages- 
licht und entzückte damit die Zuhörer. In Folge einer schweren Operation 
starb sie an Herzlähmung. 

Eine SchüleriD von ihr, Olga Plaschke, gab bald nach ihrem Tode »Blätter der 
Erinnerung an Amalie Joachim« heraus (Berlin, Vcrlagsgesellschaft »Harmonie«), in der 
sie der unvergesslichen grossen Künstlerin warme Worte der Verehrung widmet, eine 
Charakteristik der Persönlichkeit entwirft und eine Reihe von Aussprüchen über Gesangs- 
kunst, die sie sich während des Unterrichtes notirte, mitthcilt. Dort ist auch ihr Portrait 
zu finden. 

Riemanns Musik-Lexikon, Lessmanns Allgemeine Musik-Zeitung 1899, 96. 

Rob. Eitner. 



Lützel, Johann Heinrich, ein um die Piälzer Musikzustände sehr ver- 
dienter Musiker, * am 30. August 1823 zu Iggelheim bei Speier, f den 
9. März 1899 zu Zweibrücken. Besuchte das Seminar zu Kaiserslautem 
und genoss daselbst den Musikunterricht von Jakob Vierling, wurde 1845 
Lehrer und bald darauf auch Organist in Zweibrücken, wo er Zeit seines 
Lebens zum Besten der Kunst gewirkt hat. Er gründete z. B. einen evan- 
gelischen Kirchenchor in Zweibrücken, der im Jahre 1880 die ganze Pfalz 
umfasste, 1868 ernannte man ihn zum Orgelrevisor, d. h. er hatte alle neu- 
gebauten oder reparirten Orgeln der Pfalz auf ihre Brauchbarkeit und Güte 
zu prüfen und einen amtlich beglaubigten Bericht abzufassen, 1883 ernannte 
ihn das Ministerium zum Professor. Von seinen Arbeiten sind besonders her- 
vorzuheben ein Psalm für Männerchor und Orchester, eine Sammlung Orgel- 
stücke beim Gottesdienst in zwei Bänden, kirchliche Chorgesänge der vor- 
züglichsten Meister des 16., 17. und i8. Jahrhunderts, zum Gebrauche bei 
dem evangelischen Gottesdienste; Zweibrücken 1861 bei Herbart erschienen. 
Dieselben enthalten 60 mehrstimmige Gesänge von Allegri, Anerio, Seb. Bach, 
Eccard, Gastoldi, Goudimel, Homilius, Palestrina und vielen Anderen, die den 
Beweis liefern, dass sich L. auch mit den Leistungen vergangener Jahrhunderte 
vertraut gemacht hatte. Femer sind noch zu erwähnen ein Choralbuch und 
Schulgesangbücher. L.s Bestrebungen gingen durchweg darauf aus, den Sinn 
für die Kunst zu wecken und zu bilden und erreichte dies durch sein that- 
kräftiges und alle Hindernisse überwindendes Wirken in Schule, Kirche und 
Gesangvereinen. 

Quellen: H. Riemann, Musik -Lexikon; Mendel -Reissmanns Conversations- Lexikon; 
Sängerhalle, Leipzig, p. 198. 

Rob. Eitner. 



Boppe, Carl Hermann, Redacteur und deutschamerikanischer politischer 
Schriftsteller in Milwaukee im Staate Wisconsin, Vereinigte Staaten von Nord- 
amerika, * 21. Juni 1842 in Zug in der Schweiz, f 12. Januar 1899 in Mil- 
waukee. Sein Vater war lange Jahre hindurch Richter im Canton Aargau. 
Seine Schulbildung erhielt der junge B., dessen Eltern nach dem Dorfe 
Wettingen bei Baden (Canton Aargau) verzogen waren, zunächst in der 



Boppe. i8i 

Bezirksschule zu Baden, dann in der Gymnasialabtheilung der Cantonsschule 
zu Aarau. Nach der Reifeprüfung begab er sich auf die Akademie zu Lau- 
sanne, um vor allen Dingen die zweite Landessprache, das Französische, ge- 
läufig gebrauchen zu lernen und um die Rechte zu studiren. Ein böses 
Augenleiden Hess ihn von seinem Plan, sich der juristischen Laufbahn zu 
widmen, abstehen. Auf Anrathen seines in Hoboken N. Y. wohnenden 
Onkels wanderte er 1861 nach Amerika aus und wurde Buchhalter in dessen 
Brauerei zu Newark N. J. Während der Präsidentschaftscampagne von Horace 
Greeley übernahm er im Jahre 1872 die Redaction der von deutschen An- 
hängern Greeleys gegründeten Newarker »Post«. Als diese 1875 einging, 
ward er als Redacteur an die »Freie Presse« nach Elizabeth N.-J. berufen. 
Politische Stellungen hatte er ausgeschlagen. Auf der Philadelphiaer Welt- 
ausstellung vom Jahre 1876 lernte er Karl Heinzen kennen. Beide besuchten 
nämlich dort einen internationalen Freidenkerqongress. Es kam daselbst zur 
Gründung des Heinzenschen »Bundes der Radikalen«, zu dessen Principien 
der freiheitlichsten Ausgestaltung des amerikanischen politischen, religiösen 
und socialen Lebens B. fortan sein Leben lang gestanden hat. Sein Wirken 
war von der Zeit seiner Bekanntschaft und späteren Freundschaft mit Karl 
Heinzen an auf das Engste mit der freidenkerischen und turnerischen Be- 
wegung Deutschamerikas verknüpft. 1877 übernahm B. die Leitung des »Frei- 
denkers« zu Milwaukee. 1878 wurde dieses zum officiellen Organ des Nord- 
amerikanischen Turnerbundes erwählt, dessen eifriges Mitglied B. schon 
lange vorher geworden war. 1885 übernahm er auch die Redaction des er- 
weiterten Bundesorgans, der »Amerikanischen Tumzeitung«. Diese wie den 
:5' Freidenker« redigirte er bis an sein Ende. 

Neben seiner aufreibenden journalistischen Thätigkeit betheiligte er sich 
mit Eifer und Arbeitsfähigkeit an mannigfachen Bestrebungen öffentlicher Art. 
Diese Thätigkeit B.s im Einzelnen verfolgen, hiesse fast, eine Geschichte der 
deutschamerikanischen Tumerei schreiben. Auf jeder Turnertagsatzung war 
er im Sinne eines demokratisch -radikalen Fortschrittes thätig, wenngleich er 
sich auch mit der grössten Hartnäckigkeit den Strebungen der socialistisch an- 
gehauchten Elemente des Turnerbundes widersetzte. B. hatte einen starken 
pädagogischen Zug. Durch ihn erst wurde das Turnlehrerseminar des Tumer- 
bundes zu einem lebenskräftigen Institut und mit dem Nationalen deutsch- 
amerikanischen Lehrerseminar verbunden. Seit 1881 war er fast ununter- 
brochen Präsident des Turnlehrerseminars; auch ist der Bau einer Bundes- 
tumhalle wohl hauptsächlich seinem Wirken zu verdanken. Ausserdem war 
er ein reges Mitglied der Freien Gemeinde von Milwaukee und hielt dort 
viele freidenkerische Vorträge. Sehr gross war sein Interesse und sein Ver- 
ständniss für dramatische Kunst. Die Erhaltung eines deutschen Stadttheaters 
in Milwaukee (einzig in den Vereinigten Staaten) ist nicht zum Mindesten sein 
Werk. Zur Hebung des künstlerischen Niveaus war er unermüdlich thätig, 
auch durch seine vielen tüchtigen Besprechungen der Vorstellungen in den 
Zeitschriften. 

Mehr oder minder unter seiner Leitung standen auch die anderen 
literarischen Unternehmungen der Freidenker Publishing Co., nämlich: »Frei- 
denker-Almanach«, »Amerikanischer Turner -Kalender«, »Erziehungsblätter«, 
»Für unsere Jugend«, »Mind and Body«. Ebenso war er auch zur Verbreitung 
seiner politischen und religiösen Anschauungen durch Vorträge thätig, die ihn 
weit in der Union herumführten. 



i82 Boppc. 

1892 besuchte, er mit seiner Gattin, geb. Magdalena Schiess, einer 
städtischen Lehrerin zu Milwaukee, sein Heimathland, die Schweiz, und seinen 
hochbetagten Vater. Nach monatelangen Leiden starb er an einer Sinus- 
thrombose am 12. Januar, am 16. wurde seine Leiche verbrannt. Sein Leichen- 
begängniss hatte hervorragende Deutschamerikaner, vornehmlich Tumerbundes- 
mitglieder, aus allen Theilen der Vereinigten Staaten nach Milwaukee gefuhrt. 

Seine ausgebreitete literarische Lebensarbeit liegt in Leitartikeln, Auf- 
sätzen und Recensionen des »Freidenkers« und der »Amerikanischen Tum- 
zeitung« vor. Dann finden sich auch viele treffliche Aufsätze im »Freidenker- 
Almanach« und im »Nordamerikanischen Turnerkalender«. Sie sollen gesammelt 
und in Buchform herausgegeben werden. Im Wesentlichen beharrte B. auf 
den politischen und socialen Anschauungen seines Freundes und Meisters 
Karl Heinzen, die dieser im »Pionier« und in selbständigen Schriften ver- 
öflfenüicht hatte. Der Heinzensche »Radikalismus« war ihm das A und O 
aller politischen und socialen Weisheit. Der Schweizer verleugnete sich jedoch 
nie in ihm. So sehr ihm jeder Zwang politischer, religiöser oder socialer Art 
verhasst war, so sehr wehrte er sich gegen die absolute Verneinung staat- 
licher und gesellschaftlicher Formen. Das brachte ihn einerseits in stricten 
Gegensatz zu den communistischen Socialisten, in deren Zielen er einen neuen 
Despotismus sah, und andererseits zu den Anarchisten. Die politische und 
sociale Entwickelung seines Adoptiv- Vaterlandes verfolgte er wie ein getreuer 
Wardein der Freiheit. Seines grossen Landsmannes Gottfried Kellers Sonett 
auf die Freiheit mag billig sein Wahlspruch genannt werden: 

». . . Denn einen Pontifex nur fasst der Dom, 
Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, 
Der löst und bindet jede Sklavenkette.« 

Essays wie: »Die Moral der republikanischen Weltanschauung«, »Monarchie 
und Aristokratie«, »Das Volk der Vereinigten Staaten und seine Verfassung«, 
»Präsidentschaftswahlen«, »Zwei Heroen unseres Jahrhunderts, Darwin und 
Garibaldi« etc. sind Kundgebungen eines deutschamerikanischen Idealismus, 
die in die Zukunft wirken werden. 

Als Mensch war B. eine gerade, allem Schein- und Formwesen abholde 
Natur, die im Innersten einen Schatz von Güte und Weichheit barg. Un- 
erschütterlich war er aber im Kampfe gegen Alles, was seinen Idealen im 
Wege stand, unerbittlich und ein gefürchteter Streiter. Auf religiösem Gebiete 
fehlte es ihm häufig, dem consequenten Feuerbachianer und Darwinisten, an 
dem Verständniss des specifisch Religiösen im Menschen. Etwas trocken 
Starres, ja Nüchternes, Humorloses haftete seinem Wesen an ; er war eigentlich 
eine durchaus unkünstlerische Natur, dadurch ein scharfer Gegensatz zu dem 
ihm in den Tod vorangegangenen genialen, frivol-fahrigen Robert Reitzel, der 
ihn ob seines schweizerischen »sittlichen Ernschtes« weidlich verspottet hat. 
Dennoch eignete ihm ein tiefes Verständniss für die dramatische Kunst, nament- 
lich Shakespeare. Sein Deutschgefühl bekundete er in seiner warmen Liebe 
zur klassischen deutschen Literatur und Kunst und praktisch in seinem Streben 
zur Erhaltung und Verbreitung deutscher Sprache und Weltanschauung im 
fremden Lande. 

Für seine Person war er bescheiden, anspruchslos, ja fast asketisch in 
seinen Lebensgewohnheiten, von eisernstem Pflichtgefühl, in den Umgangs- 
formen ungelenk, ja eckig und schroff fast, dabei tiefen Gemüthes und als 



Boppe. Schaible. I g 9 

demokratischer, politischer Mensch ein Aristides von Rechtiichkeit in der 
wüsten Corruption des amerikanischen öffentiichen Lebens. Kein Pfadfinder 
im geistigen Sinne, aber eine starke, eigenartige, kantige Persönlichkeit, ein 
wahrhaft tüchtiger, treuer, keuscher Charakter war Carl Hermann Boppe. 

»Freidenker-Almanach fUr das Jahr 1900«, Milwaukee Wisc: »Zum Gedächtoiss eines 
todten Freiheitsapostelsc. Von Dr. Maximilian F. E. Grossmann. — »Amerikanischer Turner- 
Kalender für das Jahr 1900«, Milwaukee Wisc: »Den Manen eines Uberzeugungstreuen 
Republikaners«. Von F. W. D[odel]. Mit Bild. — »Freidenker«, Milwaukee Wisc, Jahrgang 29. 
No. 17. — New- Yorker Staatszeitung, Sonntagsblatt 1899. — Ferner zahlreiche Nachrufe 
in allen bedeutenden Blättern Amerikas deutscher, aber auch englischer Sprache. 

Karl Detlev Jessen. 



SchaiblCy Heinrich Carl, * 7. April 1824 zu Offenburg, f 21. September 
1899 in Heidelberg, verlebte eine überaus glückliche Kindheit, wurde dann 
im Spätjahre 1842/43 im badischen Freiburg als Student der Medicin imma- 
triculirt, und besuchte im Herbst 1844/45 ^^^ Mediciner die Universität 
Heidelberg. Das Jahr 1848 riss den freiheitbegeisterten Jüngling in seinen 
Strudel, und brachte es so weit, dass der ideale Stürmer und Dränger nach 
Strassburg fliehen musste. Im zweiten Capitel seines kleinen Buches »Sieben- 
unddreissig Jahre aus dem Leben eines Exilirten« schildert er manches mit 
der noth wendig gewordenen Flucht Zusammenhängende, aus ihr Entspringende, 
oder sich daran Knüpfende mit gemüthvoUem Humor. Die genannte Schrift 
ist nur »privat, zum Andenken für deutsche und englische Freunde gedruckt«. 
S. selbst nennt das Ganze nur »ein flüchtiges Lebensbild«. Und mehr ist 
es auch wohl kaum zu nennen, denn die beinahe übergrosse Bescheidenheit 
des Verfassers lässt ihn — das fühlt sich deutlich heraus — nur wider- 
strebend von der eigenen Persönlichkeit berichten. Und dennoch — welch' 
eine Persönlichkeit war das! Zum zweiten Male musste S. fliehen, gelangte 
von Strassburg aus dann nach Nancy und Paris, in welch' letzterer Stadt er 
seine medicinischen Studien fortsetzte, von der Gesellschaft Deutscher Aerzte 
und Naturforscher sogar ausgezeichnet und geehrt wurde, darum aber dennoch 
— in Folge seiner Bethätigung an dem Aufstande in seiner Heimath — ver- 
haftet wurde. Nichtsdestoweniger besuchte er die Weltausstellung in London 
im Jahre 1851. Als in Paris im Jahre 1851 der Staatsstreich so viel Schrecken 
verbreitete, wuchs auch die Gefahr für S. immer mehr. Ein Deutscher, mit 
dem Spionirsystem vollkommen vertraut, hatte sich zu dem verabscheuungs- 
würdigen Amt eines »Finders« und »Entdeckers« deutscher Flüchtlinge her- 
gegeben. Es gelang S. jedoch, in Basel zu promoviren ohne vorherige be- 
sondere Hindernisse politischer Art. Nach Paris zurückgekehrt, erhielt er das 
Anerbieten eines französischen Postens: Ueberwachung und Beaufsichtigung 
der deutschen Presse. Es ist leicht zu errathen, dass der von jeher 
tadellos lautere und charaktervolle Mann eine derartige Zumuthung mit 
höchster Entrüstung ausschlug. Wohl ganz besonders daraufhin erfolgte seine 
Ausweisung aus Frankreich, und anfangs November 1853 bestieg er den eng- 
lischen Dampfer im Hafen von Calais. 

In London angekommen, wo er mit Freiligrath, Kinkel, Lothar Bucher, 
Blind, Goldstücker, Mazzini etc. in Beziehungen trat, handelte es sich für S. 
natürlich um sofortigen Verdienst. Mit der ihm eigenen Entschlossenheit 
wendete er sich dem Lehrfache zu, genügte den Anforderungen, welche 
vor Zulassung zu demselben damals in ganz England, also natürlich auch in 



ig^ Schaible. Gebhardt. 

London gemacht wurden, und unterrichtete dann in mancherlei Fächern. Seine 
Tüchtigkeit in der englischen Sprache ermöglichte es ihm auch in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit für englische Blätter und Zeitungen zu schreiben, ja er 
gehörte sogar sehr bald nach seiner Ankunft in London zu dem Redactions- 
ausschuss der »Educational Times«. Nicht lange, nachdem er im Jahre 
1862 eine Anstellung in der »Royal Academy« erhalten hatte, wurde S. ge- 
ehrt durch den Antrag eines hohen Vertrauenspostens, auf welchen er jedoch 
ehrerbietigst dankend verzichtete. Seine Stellung als Privatsecretär und Biblio- 
thekar der Königin Victoria würde ja wohl auch seinem ganzen weiteren 
Lebensweg eine völlig andere Richtung gegeben haben. Bis zum Jahre 1882, 
also von seinem Antritt der Lehrthätigkeit in England gerechnet ein- 
undzwanzig Jahre war er unterrichtend in der Fremde thätig. Er wurde 
Examinator am College of Preceptors, Examinator an der Universität Eng- 
lands, Mitglied des Lehrer-Collegiums der Militair-Akademie in Woolwich und 
vom Staat mit dem Titel Professor geehrt. Doch gab er im eben ge- 
nannten Jahre seine Stellung auf, um als vollkommen unabhängiger Privat- 
mann schriftstellerisch thätig sein zu können; und auch in diesem Fache 
arbeitete er ebensowohl deutsch wie englisch. Im Jahre 1861 ward in Baden 
für alle politischen Vergehen von 1849 bedingungslose Amnestie gegeben. 
Jetzt besuchte S. alljährlich seine ihm über Alles teuer gebliebene Heimath, 
in welche er im August 1883 wieder dauernd übersiedelte, lebte von 1883 
bis 1892 in Heidelberg und zog 1892 vorübergehend nach dem badischen 
Freiburg. Endlich richtete er sich ein dauerndes Heim in seiner alten 
Vaterstadt Offenburg ein, das er im Sommer 1894 beziehen konnte. Doch 
zu mächtig zog es ihn nach Alt-Heidelberg zurück, wohin er im Sommer 1897 
denn auch wieder übersiedelte, um den Rest seines Lebens dort zu verbringen. 
Verheirathet war S. nie. Er hinterlässt in seiner als Tochter angenommenen 
Nichte, Fräulein Anna Schaible, die einzige nähere Verwandte. — Am 
23. September 1899 wurden seine irdischen Ueberreste im Crematorium zu 
Heidelberg verbrannt; die Urne, welche das Häuflein Asche umschliesst, trägt 
die ihm von seinem alten Freunde Josef Victor v. Scheffel gewidmeten Worte, 
welche dieser seinem lieben Carl Heinrich Schaible Ende 1884 nicht lange 
vor seinem eigenem Hingang auf sein (Scheffels) Bild schrieb: 

»Heil dem Mann, der Leid und Not 
»Durch Arbeit überwindet, 
»Und nach der PYemde hartem Brot 
»Die Heimath wieder findet!« 

»Noch ein 48 er«, von Otto Freiherrn v. Völderndorff, Biographische Blätter II, 112 
bis 118. Dort werden von seinen Schriften u. A. citirt: Geschichte der Deutschen in Eng> 
land (1885). Die Juden in England (1890). Deutschland vor 100 Jahren (1892). Die 
höhere Frauenbildung in Grossbritannien (1894). 

Paula Reber. 



Gebhardt, Friedrich Wilhelm Hermann, Dr. theol., Kirchenrath und 
Pfarrer, * 22. Juli 1824 in Georgen thal (S.-Gotha), f 28. April 1899 in Gotha. 

G. war ältester Sohn des Pfarrers und späteren Superintendenten Trau- 
gott Gebhardt und über 27 Jahre lang sein Nachfolger im Pfarramt zu Molsch- 
leben im Herzogthum S.-(}otha. Als zwölfjähriger Knabe war er mit Eltern 



Gebhardt. 185 

und Geschwistern dahin übergesiedelt und hat bis zu seinem Scheiden vom 
Amt, im October 1896, 60 Jahre dort die Heimath gehabt. In den Jahren 
1838 — 1842 besuchte er das Gymnasium in dem nahen Gotha, nachdem sein 
Vater ihn bis zum Eintritt in die Secunda selbst vorbereitet hatte. Von 1842 
bis 1845 studirte er sodann in Jena Theologie und Philologie, erstere ins- 
besondere unter lebhafter Einwirkung Carl Hases, des charaktervollen Kirchen- 
rathes J. K. Ed. Schwarz, des feinsinnigen Exegeten Leopold Rückert und 
des philologisch fieissigen Willibald Grimm; in den philosophischen Fächern 
wurden Göttling, Scheidler, Stick el und Reinhold seine Lehrer. 1846 bestand 
er die erste Candidatenprüfung in Gotha, um hierauf ein Jahr als Lehrer an 
der Knabenerziehungsanstalt Keilhau bei Rudolstadt zu wirken. Noch einmal 
aber kehrte er zum Universitätsstudium zurück, 1847 -—48 hatte ihn die Ber- 
liner Hochschule unter ihren eifrigsten Hörern. Es folgte dann eine elfjährige 
Zeit für ihn als Hauslehrer in Gotha und Moorburg bei Hamburg, sowie als 
Lehrer an der höheren Töchterschule in seiner Heimathstadt Gotha, während- 
dem er 1853 die zweite theologische Prüfung vor dem herzoglichen Ober- 
consistorium in Gotha ablegte. Hier fand er in der Tochter des Consistorial- 
rathes Friedrich Agricola, Mathilde, die gleichgesinnte Lebensgetährtin, die 
durch die Mutter, eine Tochter des Perthes' sehen Hauses, ihn auch mit dieser 
bedeutenden Familie in nahe und herzliche Verbindung brachte. Zehn Jahre 
hat er sodann (von 1859 — 1869) das Pfarramt von Eischleben bei Ichters- 
hausen verwaltet, bis ihm nach seines Vaters Tode das Pfarrhaus in Molsch- 
ieben sich aufs Neue als heimathliches Erbe und Wirkungsstätte aufthat. Hier 
ist er über ein Vierteljahrhundert auch in fleissiger literarischer Arbeit thätig 
gewesen. Nachdem bereits 1864 eine apologetische Arbeit über »Die Auf- 
erstehung Christi und ihre neuesten Gegner« (Gotha, Besser) aus seiner Feder 
erschienen war, behandelte er in umfassender dogmatisch -exegetischer Dar- 
stellung »den Lehrbegriff der Apokalypse und sein Verhältniss zum Lehrbegriff 
des Evangeliums und der Episteln des Johannes« (ebenda 1873), und hatte 
die Genugthuung, dass das tüchtige Werk — wohl auf Veranlassung der Uni- 
versität Edinburgh — auch ins Englische (1878) übersetzt worden ist. Es 
folgte in den Jahren 1880 — 82 in drei Theilen eine populärhistorische Be- 
arbeitung der »Thüringischen Kirchengeschichte, seinen Landsleuten erzählt« 
(Gotha, F. A. Perthes). Sein bedeutsamstes und nachhaltig wirksamstes Werk 
aber wurden seine äusserst drastischen und realistischen Schilderungen »Zur 
bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre« (Gotha 1885, Schloessmann ; 2. Aufl. 
1890; 3. Aufl. 1895), die ihren Verfasser, obwohl sie zunächst ohne seinen 
Namen erschienen, geradezu berühmt gemacht haben. Wenn schon gegen die mit 
photographischer Treue ausgeführten Einzelbilder und die in ihnen reichlich 
gebotenen bitteren Wahrheiten nicht selten Einwendungen erhoben und Verwah- 
rungen gegen unzutreffendes Generalisiren laut geworden sind, so bleibt das Buch 
doch sicher ein cultur- und sittengeschichtlich höchst interessantes Document 
aus dem Ende des alten Jahrhunderts. Ebenso hat man eine auf dem gleichen 
Boden der Einzelbeobachtung erwachsene Studie über »den Niedergang des 
kirchlichen Lebens auf dem Lande« (Gotha 1888, Schloessmann) eines allzu 
trüben Pessimismus beschuldigt; doch auch hier sind nur unerbittliche That- 
sachen, wennschon in scharfer Gruppirung und Beleuchtung, zusammengestellt. 
In friedsamerer Richtung, um die Kritik nach der positiv erbauenden Seite 
zu ergänzen, bewegen sich drei weitere Publikationen des unermüdlichen Ver- 
fassers: der »Versuch einer kurzgefassten und leichtverständlichen Glaubens- 



l86 Gebhardt. VVrede. 

lehre flir Laien« (ebenda 1891); »Aus der Geschichte des Dorfes Molschleben« 
(ebenda 1894); »Christi Person und Werk in der Predigt« (ebenda 1898). 
Neben diesen selbständig erschienenen Arbeiten hat an kleineren Aufsätzen 
aus dem Gebiete der neutestamentlichen Schriftforschung die Leipziger »Zeit- 
schrift für kirchliche Wissenschaft und kirchliches Leben« aus seiner Feder 
gebracht: »Die Zukunft des Menschensohnes nach den Synoptikern« (1885, 
Heft 9 und 10); »Der Himmel im Neuen Testament« (1886, Heft 11); »Der 
Apostel Paulus und die Auferstehung Christi« (1887, Heft 9); »Der Sohn 
Gottes nach den Synoptikern« (1889, ^^^^ 3 ^^^ 4)- Themata, die nach 
Auswahl und Art der Behandlung eine Fülle auch für die Gegenwart inter- 
essanter Gedanken bieten. In Würdigung dieser gelehrten vielseitigen Arbeit 
hat 1894 die theologische Facultät der Universität Halle bei Gelegenheit des 
Universitätsjubiläums ihn zum theologischen Doctor h. c. ernannt. — Im Jahre 
1895 gebot eine plötzlich und heftig auftretende Schwäche seiner auch 
in der Gemeindeseelsorge äusserst rührigen Thätigkeit Einhalt, und im folgen- 
den Jahre trat er, von seinem Landesfürsten durch Verleihung der Würde 
eines Kirchenrathes und (bereits 1892) des Ritterkreuzes 2. Kl. des Emestinischen 
Hausordens geehrt, in den Ruhestand und siedelte nach bewegtem Abschied 
von seiner Gemeinde nach Gotha über. Hier ereilte ihn ein rascher sanfter 
Tod, der drei Tage darauf auch seine Gattin hinwegnahm. Auch im Tode 
vereint ruhen Beide nahe dem Grabe der Eltern auf dem Friedhofe von 
Molschieben. 

[Nach handschriftlichen Mitteilungen.] 

Kohlschmidt. 

Wrede, Ferdinand, Musikdirector der Singakademie in Frankfurt a. O. 
* 28. Juli 1827 zu Brökel im Hannoverschen, f 20. Januar 1899 in Frankfurt 
a. O. Seine Schulbildung genoss er in Celle und die Musikstudien in Braun- 
schweig bei dem Hofcapellmeister Methfessel. Der Umgang mit Marschner 
hatte auf seine musikalische Geistesrichtung einen wesentlichen Einfluss. 
Nachdem er einige Jahre mit Musikunterricht und mehreren Concertreisen 
als Ciaviervirtuose sich ernährt hatte, erhielt er im Jahre 1852 die Organisten- 
stelle an der St. Nikolaikirche in Spandau in der Mark Brandenburg, die er 
dann Ostern 1861 mit dem Cantorat an der St. Marienkirche in Frank- 
furt a. O. vertauschte und bald darauf auch städtischer Gesanglehrer wurde. Am 
30. November 1868 hatte er auch unter recht ungünstigen Verhältnissen die 
Direction des dortigen seit dem Jahre 181 5 bestehenden Singakademie über- 
nommen, die zeitweise glänzende Erfolge erzielt hatte, nach 1852 aber nahe 
dem Verfalle war, denn zeitweise fand sich kein geeigneter Dirigent, der 
Leben und Ordnung hineinbringen konnte. Nach W.'s Uebernahme der Leitung 
hob sich das Institut zusehends und bewies seine Leistungsfähigkeit durch 
vorzügliche Aufführungen von grossen Oratorien. Trotz des hohen Alters und 
dem Wunsche, sich zurückzuziehen, bewogen ihn stets die Mitglieder zum 
Bleiben und so leitete er die Singakademie bis zu seinem Ende; denn nur 
ein kurzes Krankenlager beschloss sein thätiges und der Kunst geweihtes Leben. 
Als Componist hat er nur Weniges und Unbedeutendes geschaflfen, dagegen 
hat er sich als Lehrender und Leiter der Singakademie bleibende Verdienste 
erworben und wurde von Hoch und Niedrig in seltener Weise verehrt. 

Quelle: Beilage zur Frankfurter Oder-Zeitung 22. Jan. 1899. 

Rob. Eitner. 



Pfeil. Baensch. 187 

Pfeil, Heinrich, ein beliebter Componist im Fache des Männerquartetts, 
♦ am 18. December 1835 ^^ Leipzig als Sohn eines Buchdruckfarbenfabrikanten, 
t am 17. April 1899 in Gohlis bei Leipzig. Erlernte das Buchhändlergeschäft, 
schriftstell erte dabei, betrieb Musik als Dilettant und pflegte ganz besonders 
den Männergesang. Da ihm einige Gesänge recht geglückt waren, wurde er 
bald von den Vereinen als Führer anerkannt. Man wählte ihn zum Redacteur 
der Leipziger Sängerhalle, die er in den Jahren 1862 bis 1887 leitete 
und sein redlich Theil beitrug, den Männergesang auf edlere Bahnen zu 
lenken. Von 1884 bis 1889 redigirte er den Dorfanzeiger in Leipzig und von 
1891 bis 1896 die Glauchaer Zeitung. Schrieb ausserdem ein »Tonkünstier- 
merkbüchlein«, einen »Liedertafelkalender« (i 881) und »Musikantengeschichten«. 
Von seinen zahlreichen Männerquartetten sind hervorzuheben: »Still ruht der 
See«, »Ein Sohn des Volkes will ich sein«. Von seinen Liedersammlungen 
sind bemerkenswerth die Brautlieder, Dur und Moll, Gut Sang, Leicht Gepäck. 

Quellen: Riemanos Musik-Lexikon, Gartenlaube und Sängerhalle. 

Rob. Eitner. 



Baensch, Wilhelm von, Verlagsbuchhändler und Buchdruckereibesitzer, 
♦ 25. Januar 1828 in Magdeburg, f 27. November 1899 ^^ Dresden. Erlernte 
den Buchhandel bei seinem Bruder Emil Baensch in Magdeburg und machte 
sich schon am 20. October 1848 in Leipzig selbständig, indem er das seit 
18 17 in Magdeburg bestehende, 1835 nach Berlin verlegte Verlagsgeschäft 
von Ferdinand Rubach übernahm. Dieses Geschäft war, wie in der unten an- 
geführten Monographie ausführlich nachgewiesen wird, nach mannigfachem 
Besitzwechsel aus den bereits 1668 in Magdeburg gegründeten Buchhandlungen 
von Tobias Schroeter und Johann Lüderwalt hervorgegangen. Der Verlag 
wurde erst vom i. Januar 185 1 ab unter eigenem Namen weitergeführt. 
Ausser den Artikeln des genannten Verlages wurden im Laufe der Jahre 
zahlreiche Artikel vieler anderen Firmen übernommen, der Verlag auch durch 
viele eigene bedeutende Unternehmungen erweitert. Ein neben dem Verlag 
mit Erfolg betriebenes buchhändlerisches Commissionsgeschäft ging 1867 an 
Hermann Fries über. 1862 übernahm B. die Buchdruckerei von J. S. Wasser- 
mann; 1875 erfolgte die Uebersiedelung von Leipzig nach Dresden. In- 
zwischen war B. zu mannigfachen Ehren gelangt. — Die Ausdehnung seines 
Druckereigeschäftes, besonders auch durch Aufträge von Seiten der preussischen 
und sächsischen Regierung, veranlasste ihn 1880 zur Gründung einer Zweig- 
niederlassung in Berlin im Verein mit seinem Sohne Henry von B., an dessen 
Stelle später sein Sohn William trat, bis 1898 das Berliner Geschäft in andere 
Hände überging. Das Dresdener Geschäft ist z. Z. im Besitz von Wilhelm 
von B.s Erben und von Franz Schuflfenhauer. — Bei seinen Berufsgenossen 
stand B. in hohem Ansehen. Er war s. Z. Vorsitzender des Vereins Dres- 
dener Buchhändler, der ihn 1886 zu seinem Ehrenvorsitzenden ernannte. Als 
Buchdrucker rief .er 1886 in Dresden die erste Buchdruckerinnung Deutsch- 
lands ins Leben, deren Vorsitz er mehrere Jahre führte und die ihn (1896) 
gleichfalls zu ihrem Ehrenvorsitzenden ernannte. 

(Baensch, W. v.) Zur Geschichte der Firma Wilhelm Baensch. (Mit Lichtdruckportrait, 
vielen Facsimiles und anderen Abbildungen.) 4. Dresden 1898. — Pfau, K. F., Biogr. Lex. 
d. dt. Buchhdls., Leipzig 1890. — Börsenbl. f. d. deutschen Buchhdl. 1899 No. 278. 

H. Ellissen. 



l88 Gumprecht. Thiencmann. Hirschwald. 

Gumprecht, Adolf, Buchhändler und Schriftsteller, * 7. December 181 8 
in Erfurt, f 23. December 1899 in Meran. G. eröffnete 1844 eine Verlags- 
buchhandlung in Berlin, deren Firma aber bereits Ende 1845 erlosch, nach- 
dem er im selben Jahre mit Maximilian von Katzeier die Gerhard'sche Buch- 
handlung und Buchdruckerei in Danzig übernommen hatte. Auch dieses 
Unternehmen bestand nur bis 1849. Dagegen bestand die von G. im Juni 
1854 in Leipzig eröffnete Verlags- und Commissionsbuchhandlung bis 1872. 
Schon früh war G. schriftstellerisch thätig. Mit besonderem Geschick pflegte 
er das Feuilleton und Reiseschilderungen. Von Welt- und Menschenkenntniss 
zeugen seine u. A. selbständig erschienenen, weit verbreiteten Schriften: Jacob 
Radike (pseudonym), Lehrbuch der Demagogie (Leipzig 1849, Schlicke); 
Arthur Michelis (pseudonym), Reiseschule für Touristen und Kurgäste (Leipzig 
1869, Adolf Gumprecht; 4. Auflage Stuttgart, Frommann); Wider den Trunk 
(Dresden 1885, Minden); Aus den Lebenserfahrungen eines Siebzigers (3. Auf- 
lage Gotha 1896, F. A. Perthes). 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt Buchhdl. 1899 No. 301. 

H. Ellissen. 

Thiencmann, Ernst Friedrich, Buchhändler, * 24. August als Sohn des 
Kammerconsulenten Friedrich Th. in Gotha, eines Mitbegiünders der Gothaischen 
Lebensversicherungsbank, f 9. März 1899 daselbst. Th. kam zehnjährig zu 
verwandten Pfarrersleuten nach Thüringen in die Goldene Aue, einige Jahre 
später zum Besuch der Thomasschule in Leipzig in das Haus einer Schwester 
des Vaters. Den Buchhandel erlernte er in dem grossen Commissionsgeschäft 
von E. F. Steinacker in Leipzig. 1843 arbeitete er aushilfsweise bei Friedrich 
Perthes in Gotha, 1843 — 45 als Gehilfe in der Schwers'schen Buchhandlung 
in Kiel. Seit 1843 mit Friedr. Perthes' Tochter Auguste, zugleich einer 
Enkelin von Rudolf Zacharias Becker, vermählt, übernahm er 1846 (von Ferd. 
Otte) das Sortiment, 1857 (von Beckers Sohn Friedrich) auch den Verlag der 
1795 von R. Z. Becker gegründeten Buchhandlung. Er vereinigte beide Ab- 
theilungen unter der Firma E. F. Thiencmann. 1893 ging die Sortiments- 
buchhandlung in andere Hände über. Theilhaber des besonders eine ge- 
diegene pädagogische Richtung vertretenden Verlages wurde 1881 sein Sohn 
Friedrich Th. des nunmehrigen Inhabers der Firma. 

Handschriftl. Mittheilungen von Herrn Friedrich Th. — Nekrolog in den Pädagog. 
Blättern Bd. 28 von J. Helm. — Pfaus Biogr. Lex. des deutschen Buchhdls. — Börsen- 
blatt 1899 No. 58. 

H. Ellissen. 

Hirsch wald, Ferdinand, Buchhändler, * 18. November 1828 als Sohn des 
Gründers der P'irma August H. in Berlin, f 8. September 1899. Trat früh in 
das Geschäft seines Vaters ein, dessen Theilhaber neben seinem Vetter und 
väterlichen Freund, Eduard Aber, er 1848 wurde. Mit persönlicher Liebens- 
würdigkeit verband er geschäftliche Tüchtigkeit, unermüdliche Thätigkeit und 
die für das Gedeihen des berühmten medicinischen Verlags- und Sortiments- 
geschäftes förderlichen Eigenschaften, literarische Begabung und Unternehmungs- 
geist. Nur um einen halben Monat ist er dem ältesten Chef der Firma, Eduard 
Aber (vgl. diesen), im Tode vorangegangen. 

Börsenbl. f. d. dt. Buchhdl. 1899 No. 211. — Berliner klin. Wochenschr. 1899 No. 38. 

H. Ellissen. 



Voester. Lange. l8o 

Voerster, Karl, Buchhändler, * 4. Mai 1826 in Soest, f 3. Juni 1899 in 
Leipzig. Widmete sich anfänglich dem rein kaufmännischen Beruf, trat aber 
1843 2iJs junger Gehilfe in das hochangesehene buchhändlerische Commissions- 
geschäft seines Onkels Friedrich Volckmar in Leipzig, und wurde 1854 Theil- 
haber der Firma. Das Hauptverdienst Voersters beruht in der systematischen 
Ausbildung des »Barsortiments« in grossem Massstabe und zu einer für die 
Sortimentsbuchhandlungen unentbehrlichen Einrichtung. Zur Beschleunigung 
der Expedition vieler und von ihren Committenden meist begehrter Artikel 
hielten grössere Commissionaire Leipzigs schon zu Anfang des Jahrhunderts 
grosse Sortimentslager und lieferten, mit dem Gewinn der Freiexemplare bei 
Partiebezügen sich begnügend, diese zu gleichen Preisen als die Verleger aus. 
Die Lieferungen waren aber auf die Committenden der Commissionaire be- 
schränkt. Seit Ende der vierziger Jahre hielt die Firma Volckmar die gang- 
barsten Artikel auch gebunden vorräthig. Seit Anfang der fünfziger Jahre gab 
Voerster über den Bestand des Lagers gebundener und brochirter Artikel 
autographirte Verzeichnisse heraus. Inzwischen hatte Louis Zander in Leipzig 
am I.Juli 1852, sein Lager gebundener Bücher eröffnet, die er dem ge- 
sammten Buchhandel durch besondere Ver^eichnissezu Verlegerpreisen anbot 
und lieferte. Seine Hauptabnehmer wurden jedoch (seit 1857) die grossen 
Commissionaire Volckmar, Koehler und Steinacker. 1861 wurde das Zan- 
der' sehe Geschäft von der Firma Volckmar übernommen und an die Stelle 
ihrer autographirten Lagerverzeichnisse traten nun gedruckte. Welche Aus- 
dehnung das Volckmar-Voerster'sche Lager gewann, ist u, A. daraus ersichtlich, 
dass das erste gedruckte Verzeichniss 32 Seiten, das letzte vom October 
1899 ^^^ ^^" Nachträgen etwa 620 Seiten umfasst. Das grosse Commissions- 
geschäft und der Verlag (unter der Firma L. F. Amelang, gegründet 1806, 
erworben 1850) wurden von Voerster in ähnlicher Weise gefördert. Wie 
er für die zahlreichen Angehörigen seines Hauses stets in humaner Weise 
sorgte, so hat er auch in weiteren Kreisen durch wohlwollendes und 
hilfbereites Wesen ein dankbares Andenken sich gesichert. 

Handschrift!. Mittheilungen von Herrn Alfred Voerster. — Pfaus Biogr. Lex. d. dt. 
Buchhdls. (Art. Volckmar). — Börsenblatt f. d. dt. Buchhdl. 1899 No. 128. — Ueber 
Land und Meer 1899. No. 40 (im Portre.) 

H. Ellissen. 



Lange, Max Dr., Schachmeister, Verlagsbuchhändler, Schriftsteller, ♦ am 
7. August 1832 in Magdeburg, f 8. December 1899 in Leipzig. L. besuchte 
das Gymnasium seiner Vaterstadt. Schon früh hatte er sich mit Schach be- 
schäftigt, und als dem jungen Gymnasiasten das Bilguersche »Handbuch des 
Schachspiels« in die Hände gefallen war, da gab er sich eifrigen Studien des 
gedankenreichen Spieles hin. Schon regte sich in ihm der Schachtheoretiker, 
und auch der Trieb, Schachvereinigungen zu gründen, war schon in ihm 
lebendig. Auf dem Gymnasium vereinigte er 1849 die Genossen in einem 
Schachclub Sophrosyne, dessen Mitglieder die beiden Farben der Schach- 
felder als Abzeichen im Knopfloch trugen. Auch eine Schachzeitung, die 
sogar gedruckt wurde, gab der Verein als sein Organ ein Jahr lang heraus. 
Einige Artikel L.'s in derselben fanden die Anerkennung des Schach- 
meisters von der Lasa, der sich alsbald für den strebsamen Schachjünger 
interessirte. So alt sind die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den 



1 9© Lange. 

beiden Meistern, den grössten Theoretikern des Schachspiels, die beide das 
Trauerjahr 1899 hinwegrafFte. L. war 1852 nach Berlin übergesiedelt, wo 
er Mathematik und Philosophie studirte, kurze Zeit auch Theologie. Dann 
aber widmete er sich in Berlin und an anderen Universitäten dem Studium 
der Rechtswissenschaft. Obschon er in beiden Facultäten im Hinblick auf 
eine akademische Carri^re promovirt hatte, sah er sich doch in Folge einer 
Verletzung der Brust, die ihn an Vorträgen hinderte, genöthigt, auf dieselbe 
zu verzichten. Als ein Phänomen muss es erscheinen, dass L. gerade in 
jungen Lebensjahren sich als ein so gründlicher Schachtheoretiker bewährte. 
1885 erschien seine »Kritik der Eröffnungen; ein Leitfaden für geübtere 
Schachspieler«. 1856 gab er ein »Lehrbuch des Schachspiels« heraus, 1857 
eine »Sammlung neuer Schachpartieen« ; später noch die Parthieen von 
Morphy, 1859. Dann folgte sein »Handbuch der Schachaufgaben« (1862), 
ein geistvolles Werk, der wichtigste Beitrag zu seiner Philosophie des Schachs, 
aus dem viele hier zuerst gebrauchte Wendungen und Kunstausdrticke auf 
dem Gebiete der Problemkunst ganz geläufig und gebräuchlich geworden 
sind, ohne dass man sich von der Herkunft derselben Rechenschaft zu geben 
wusste. 

L. hatte auch als Organisator und praktischer Spieler eine rege Thätig- 
keit entfaltet, sich 1862 an der Begründung des Westdeutschen Schachbundes, 
1868 an derjenigen des Norddeutschen mit betheiligt, in den Haupttumieren 
zu Düsseldorf 1862, 1863 und 1864 den ersten Preis errungen, denen sich 
später erste Preise in den Meistertumieren (1868) in Aachen und Hamburg 
anschlössen. Von 1858 bis 1864 hatte er, zum Theil in Gemeinschaft mit 
B. Suhle und P. Hirschfeld, die Redaction der Schachzeitung geführt, er 
hatte den Mitteldeutschen Schachbund gefördert und sich 1876 bei der 
Anderssenfeier und der Gründung des Deutschen Schachbundes in erster 
Linie mit betheiligt. 

Mit der Charakteristik L.'s als Schachspieler ist seine geistige Bedeutung 
nicht erschöpft; er war Jurist und Philosoph und hat dem akademischen 
Doctorgrad in beiden Facultäten durch Schriften wie »Kritik des geistigen 
Eigenthums« (1858) und »Neue Denklehre oder Einfluss des Gegenstandes 
auf die Methode des Denkens« (1889) Ehre gemacht. Durch eine glückliche 
Ehe mit der Tochter des Verlagsbuchhändlers Otto Spamer in Leipzig ver- 
bunden, war er seit 1864 Mitinhaber der überaus rührigen Verlagsbuch- 
handlung, später, 1886, Alleinbesitzer, bis er sich 1891 ganz zur Ruhe setzte. 
Seine kaufmännische Thätigkeit brachte ihm die ehrenvolle Stelle eines Voi'- 
sitzenden des angesehenen »Kaufmännischen Vereins« (1877 — 1883) in Leipzig 
ein. Auch als Schriftsteller war er auf diesem Gebiete thätig; er gab 1864 
bis 1887 Rothschilds »Taschenbuch für Kaufleute« heraus. Wie dieses Werk 
fanden andere seiner im Spamer'schen Verlage erschienenen Schriften einen 
Absatz von Hunderttausenden von Exemplaren. 

Er war ein unermüdlicher geistiger Arbeiter von ausserordentlicher Viel- 
seitigkeit; Tag und Nacht Hess es ihm keine Ruhe, bis er irgend eine Frage 
erledigt, ein Problem gelöst, eine Arbeit vollendet hatte; immer neue Stoffe 
drängten sich überwältigend in den Bereich seiner Thätigkeit. Das musste 
sein Nervensystem zerrütten; schon im Jahre 1898 verfiel er in eine lang- 
dauernde, schwere Krankheit — man zweifelte an seiner Wiederherstellung. 
Er genas, erholte sich im Süden und hoffte völlige Genesung von einer 
Reise nach Italien. Die Aerzte zögerten mit ihrer Zustimmung. Da rafite 



Lange. Stichle. lOl 

ihn plötzlich der Tod dahin, nachdem er noch Tags vorher mit Freunden 
und Genossen lebhaft und munter verkehrt. 

Nach Rudolf von Gottschall's Nachruf, Deutsche Schachztg. 1900, No. i. — 
Verseichniss der Schachbibliothek von Dr. Max Lange. Leipzig 1900. 



Stiehle, Friedrich Wilhelm Theodor Gustav von, General der Infanterie, 
z. D., General-Adjutant Weiland Sr. Maj. des Kaisers und Königs Wilhelm L, 
ä la suite des Ingenieur- und Pionier- Corps. * 14. August 1823 zu 
Erfurt, f 15. November 1899 zu Berlin. 

General v. St. gehörte zu jenem Kreise bedeutender Männer, denen es 
vergönnt war, in Deutschlands grosser Zeit an leitender und verantwortlicher 
Stelle zu wirken. Als Chef des Generalstabes der IL deutschen Armee im 
Feldzuge von 1870/71 hat er sich einen unvergänglichen Namen und einen 
Ehrenplatz in der Heeresgeschichte gesichert. Aus einer (nicht adeligen) 
Offizier-Familie stammend, trat er sehr jung — noch nicht 17 jährig — bei 
dem damaligen 21. Infanterie- Regiment mit Aussicht auf Beförderung zum 
Offizier ein, kam schon mit 21 Jahren auf die Allgemeine Kriegsschule 
(jetzige Kriegs-Akademie) und wurde bereits 1850 bei der damaligen Mobil- 
machung als Generalstabsoffizier bei der 8. Division verwendet, dann 1855 
als Hauptmann in den Generalstab versetzt. 

Bei der Reorganisation des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens durch 
den verewigten General von Peucker wurde dem Major St. ein besonderer 
Vertrauensbeweis dadurch gegeben, dass er beauftragt wurde, zunächst die 
Kriegsschule Potsdam, dann die zu Neisse nach den neuen Grundsätzen als deren 
erster Director zu leiten. 1863 geadelt, befand er sich während eines Theiles 
des Feldzuges von 1864 im Hauptquartier des General -Feldmarschalls 
V. Wrangel — in nicht leichter Stellung — und wurde noch in demselben 
Jahre Flügel-Adjutant Sr. Majestät des Königs. 

Als solcher war er 1866 — wieder in besonderer Vertrauensstellung — 
dem Hauptquartier der Elb- Armee zugetheilt, wurde 1868 Commandeur des 
damaligen 4. Garde-Grenadier-Regiments Königin, dann Abtheilungschef im 
Grossen Generalstabe und gelangte bei Ausbruch des Krieges gegen Frank- 
reich endlich auf den Posten, auf welchem es ihm vergönnt sein sollte, so 
Bedeutendes zu leisten. 

Wenn man St.'s Thätigkeit als Chef des Generalstabes der IL Armee 
im Einzelnen schildern wollte, so müsste man eine Geschichte dieser Armee 
schreiben und dazu ist hier nicht der Ort. Die Capitulation von Frescaty, 
durch die Frankreichs grösste Armee kriegsgefangen, dessen stärkste Festung 
übergeben wurde, trägt Stiehles Namensunterschrift; das allein würde genügen, 
diesen Namen dauernd der Kriegsgeschichte zu erhalten. Sein Wirken 
während des ganzen Feldzuges als erster Berather des Prinzen Friedrich 
Carl von Preussen aber war, wenn auch nach aussen weniger hervortretend 
als diese eine glänzende Episode,' nicht minder verdienstvoll und einfluss- 
reich. 

Ein damaliger junger Generalstabsoffizier, der inzwischen selbst zu hohen 
Ehren emporgestiegen ist, hat im Mil. W. Bl. No. 2 und 3, 1900, das Ver- 
hältniss zwischen dem Oberbefehlshaber der IL Armee und seinem Stabschef 
eingehend und mit glänzender Feder geschildert. Wie sich aus ursprüng- 
licher Unbekanntschaft sehr rasch ein der Sache überaus förderliches, fast 



192 



Stichle, ßunsen. 



freundschaftliches Verhältniss dieser beiden so sehr verschieden gearteten 
Männer entwickelte, wie der General es verstand, sich das volle Vertrauen 
des Feldherm sowohl, wie auch seiner Untergebenen im Stabe des Ober- 
commandos zu erwerben und sie alle zu freudigem und verständnissvollem 
Eingehen auf seinen Gedankengang zu führen, das ist dort meisterhaft dar- 
gestellt. »Die II. Armee hat Grosses geleistes und den schwierigsten Theil 
der harten Arbeit auf französischem Boden gethan. Sie schlug die blutigsten 
Schlachten und machte dadurch in beiden Perioden des grossen Ringens die 
Entscheidung möglich. Das ist das beste Zeugniss für die Führung, an der 
General v. St. sein ruhmvoller Antheil gebührt.« In diese Worte fasst der 
berufene Beurtheiler seine Ansicht über St.'s Leistungen zusammen. 

Nach dem Kriege fand St. eine seinen hohen Verdiensten wie seiner 
grossen Arbeitskraft entsprechende Verwendung zunächst als Director des 
Allgemeinen Kriegs-Departements im Kriegsministeriums, dann als Inspecteur 
der Jäger und Schützen, als Commandeur der 7. Division, als commandirender 
General des V. Armee- Corps, endlich als Chef des Ingenieur- und Pionier- 
corps und General-Inspecteur der Festungen. Was er in allen diesen Stellungen 
in stiller Friedensarbeit für das Heer geleistet hat, wie er tiberall Dienst- 
freudigkeit und unermüdliche Thätigkeit bei seinen Untergebenen hervorzu- 
rufen und sie in ihrem Können und Wissen zu fördern verstand, wie er 
dienstlichen Ernst und persönliches Wohlwollen zu verbinden wusste, dafür 
zeugt die grosse Zahl von Verehrern, die er in der Armee hinterlassen hat, 
wie nicht minder die Allerhöchste Anerkennung, die ihm bis zu seinem 
Lebensende zu Theil geworden ist. 

In der zweiten Hälfte der 80 er Jahre verschlechterte sich sein Gesund- 
heitszustand, 1888 erbat und erhielt er seinen Abschied. Die letzten 10 Jahre 
seines Lebens brachte er in völliger Stille theils in Baden-Baden, theils in 
Berlin zu. 

General v. St. war eioe auffallend vornehme, echt soldatische und ritter- 
liche Erscheinung; dem Fremden machte er anfänglich den Eindruck eines 
sehr kühlen, zurückhaltenden Charakters. Aber unter dieser äusseren Reservirt- 
heit verbargen sich ein reiches Geistesleben, eine grosse Belesenheit nicht 
nur auf militärischem Gebiete und wahre Herzensgüte, Eigenschaften, die sich 
denen bereitwillig erschlossen, die dem General näher treten durften. Sein 
Andenken bleibt in der Armee in Ehren! 

V. Frobel. 

Bunsen, Robert Wilhelm, * 31. März 181 1 zu Göttingen, f 16. August 
1899 zu Heidelberg, Naturforscher, Professor. B.'s Name ist weit über die 
Kreise der engeren Fachgenossen hinaus bekannt und in Verbindung mit dem 
seines Freundes Kirchhoff berühmt geworden. Verknüpft sich doch selbst 
für den der Naturwissenschaft ferner Stehenden mit den Namen Bunsen und 
Kirchhoff die Erinnerung an eine der grossartigsten Entdeckungen des ver- 
flossenen Jahrhunderts: an die Spectralanalyse. Aber diese geniale Arbeit 
zweier grosser Geister findet unter den Werken B.'s ebenbürtige Geschwister, 
die freilich dem grossen Publikum weniger bekannt sind. Ein grosser Theil 
von ihnen hat ebenso befruchtend und fördernd auf die wissenschaftliche 
Physik und Chemie, wie andrerseits auf die Technik, im weitesten Sinne ein- 
gewirkt. Denn, neben grosser mathematisch-philosophischer Begabung besass 
B. im seltenen Grade technische Fertigkeit und Blick für Verbesserung der 



Bunsen. 



J93 



Arbeitsmethoden. Man weiss nicht, ob man mehr die Grossartigkeit der 
B.'schen Fragestellung und die geistreiche Durchführung der Gedankenkette 
in seinen Arbeiten bewundern soll oder die souveraine Leichtigkeit und das 
fast unglaubliche Geschick, mit dem er Schwierigkeit für Schwierigkeit zu 
tiberwinden wusste. Dabei besass er eine nie ermüdende Arbeitskraft und 
Aufopferungstähigkeit für seine Sache, welche ihn sogar alle persönlichen 
Strapazen und selbst ernste Gefahr vergessen Hess. 

Neben den grossen Arbeiten, welche seinen Namen der Welt bekannt 
gemacht haben, hat B. zahllose Untersuchungen von speciellem Interesse an- 
gestellt; so über die bei der Gewinnung von Eisen und Kupfer im Hoc.hofen 
sich abspielenden Processe, sowie über den Vorgang bei der Verbrennung 
des Schiesspulvers. Er erfand eine grosse Anzahl von Apparaten, welche 
heute in den wissenschaftlichen und technischen Laboratorien gebraucht 
"werden, ohne dass die Jüngeren oft wissen, von wem sie stammen. Sie sind 
Allgemeingut geworden, wie der bekannte »Bunsenbrenner«, welcher ja 
gerade jetzt im Haushalt nicht nur der Familie sondern ganzer Städte überall 
Verwendung findet: die Gaskocher und Gasherde werden durch Bunsenbrenner 
gespeist, ebenso auch die Glühkörper des Auerlichtes durch die Flammen 
von Bunsenbrennern zum Leuchten gebracht. 

Die erwähnten technischen Verbesserungen fand B. nebenbei, während 
er mit grossen experimentellen Arbeiten seiner Wissenschaft beschäftigt war. 
Diese selbst liegen zum grössten Theil auf dem Grenzgebiet von Chemie und 
Physik, sind aber Gemeingut auch anderer Disciplinen geworden. Der Geologe 
arbeitet mit B.*s Methoden so gut wie der analytische Chemiker, der Astro- 
nom wie der Physiker. 

Bei alledem war B. keineswegs ein trockener Naturwissenschaftler, viel- 
mehr ein feinsinniger Freund und Beobachter der Natur, der mit inniger 
Liebe und Freude ihre Schönheiten aufsuchte. Dafür sprechen eine Reihe 
ausgedehnter Fuss Wanderungen und Reisen, die er bereits als junger Mensch 
während seiner Studienzeit unternahm, sowie überhaupt die Lust am Wandern 
in schöner Gegend, die er bis ins Greisenalter behielt. Als er zu schwach ge- 
worden war, seinen eigenen Füssen zu trauen, da Hess sich der Alte fast täglich 
hinausfahren, um vom Heidelberger Schloss und seiner Umgebung sein geliebtes 
Land überschauen zu können. Nicht Wunder, dass er auch künstlerisch 
einen feinen Geschmack besass und sich mit den Erzeugnissen italienischer 
Kunst in seinem Arbeitszimmer umgab. 

So innerlich reich B.'s lieben war, so einfach und schlicht ist es, äusserlich 
betrachtet, verlaufen. Geboren in Göttingen als Sohn des dortigen Bibliothekars 
und Universitätsprofessors für neuere Sprachen, Christian Bunsen und dessen Frau 
Friederike geborene Quensel, brachte er die ersten I^ebensjahre im Eltern- 
hause zu. Dort genoss er das Glück eines herzlichen Familienlebens und an- 
regenden geistigen Verkehrs; so kam er dort mit dem entfernt verwandten 
späteren »Ritter« Christian Karl Josias Bunsen zusammen. Der Umstand, 
dass der Vater vielfach junge vornehme Ausländer als Pensionäre im Hause 
hatte, gab ihm Gelegenheit, sich in der Kenntniss fremder Sprachen zu 
vervollkommnen. Ueber Kindheit und Jugend liegen sonst nur wenige 
dürftige Nachrichten vor. B. selbst erzählt, er sei als Junge von äusserst 
reizbarem, heftigem Temperament gewesen und habe mehrfach deshalb in 
der Schule Conflict gehabt. Dann habe ihn nur seine Mutter, der er stets 
mit rührend zärtlicher Liebe zugethan war, durch gütliches Zureden be- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. Ij 



194 



Bunsen. 



schwichtigen können. Derartige Reibungen mögen auch der Grund gewesen 
sein, warum er nicht in Göttingen, sondern in dem benachbarten Holzminden 
die Prima des Gymnasiums absolvirte und dort das Examen ablegte. Dann 
studirte er in Göttingen, Paris, Berlin und Wien Chemie, Physik und Geologie. 
In Göttingen verfasste er eine Arbeit: Enumeratio ac descriptio hygrome- 
trorum, welche mit dem königlichen Preise gekrönt wurde und B. den Doctor- 
titel eintrug. Am 25. Januar 1834 habilitirte er sich in Göttingen mit einer 
von dem berühmten Physiker Wilhelm Weber begutachteten Arbeit, hielt drei 
Semester lang öffentliche Vorträge und vertrat später von 1835 ^^ ^^" ^^" 
mals verstorbenen Chemiker Strohmeyer im chemischen Institut mit Vor- 
lesungen über theoretische und praktische Chemie. Während dieser Zeit 
entstand eine Arbeit, welche B.'s Namen wohl zuerst in weiteren Kreisen 
bekannt machte: sie enthielt die Angabe eines aus Magnesia und Eisenoxyd 
bestehenden Gegenmittels bei Arsenikvergiftungen, welches unter dem Namen 
Antidotum Arsenici noch heute in den Apotheken gehalten und von keinem 
anderen Mittel übertroffen wird. Seine Wirkung beruht auf der Unlöslichkeit 
der im Magen nach Einfuhr des Gegenmittels sich mit Arsenik bildenden 
Salze. Im Januar 1836 wurde B. als Nachfolger des nach Göttingen be- 
rufenen Wöhler Lehrer der Chemie an der höheren Gewerbeschule in 
Cassel. Drei Jahre später siedelte er als ausserordentlicher Professor an die 
Universität Marburg über, wo er 1841 zum Ordinarius ernannt wurde. Hier 
versammelte er bereits eine Reihe hervorragender Schüler um sich, zu denen 
die Chemiker Kolbe, Frankland, Debus, der Physiker Tyndall und Andere 
gehörten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Breslau zog er 1852 nach Heidel- 
berg, wohin er als Nachfolger Gmelins berufen worden war. Das eine Jahr 
in Breslau war jedoch für B. von grösster Bedeutung, da er dort den Freund- 
schaftsbund mit Kirchhoff schloss, welcher später für die Wissenschaft so 
köstliche Früchte tragen sollte. Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass 
1854 der junge Kirchhoff nach Heidelberg und damit an die Seite B.'s be- 
rufen wurde. 

Bereits im Casseler Laboratorium hatte B. eine Arbeit begonnen, welche 
jedoch zum grössten Theil in die Marburger Zeit fällt, die einzige auf 
organisch-chemischem Gebiete, die er publicirt hat. Aber gerade sie ist be- 
zeichnend für die Art, wie B. arbeitete; denn einmal ist sie für die Auf- 
fassung organischer Verbindungen von bahnbrechender Bedeutung geworden, 
und zweitens gab gerade sie Gelegenheit zur höchsten Entfaltung experimen- 
tellen Geschickes, weil sie die am schwierigsten zu handhabenden Stoffe be- 
handelt. Durch diese Arbeit zeigte B., dass im Verhalten der Stoffe, welche 
die todte und belebte Welt zusammensetzen, kein principieller Unterschied 
besteht, sondern beide nach den nämlichen Gesetzen aufgebaut seien. Diese 
heute allgemeine Erkenntniss stand damals im Mittelpunkte des Interesses 
und hatte zu lebhaften Controversen Veranlassung gegeben. War es doch 
erst wenige Jahre vorher Wöhler geglückt, zum ersten Mal ein Product 
thierischen Stoffwechsels künstlich darzustellen. 

Nachdem man sich gegen Ende des 18. und im ersten Anfang 
des 1 9. Jahrhunderts hauptsächlich und fast ausschliesslich mit den einfacheren 
Körpern, den Stoffen der unbelebten Welt beschäftigt hatte, fing man im 
19. Jahrhundert an, das Wesen der den Thier- und Pflanzenkörper zu- 
sammensetzenden Stoffe zu Studiren. Während man jedoch für die »an- 
organischen« Körper bald zu bestimmten Anschauungen über die ihre Zu- 



Bunsen. 



195 



sainmensetzung beherrschenden Gesetze gelangte, glückte dies für die »orga- 
nischen« nicht. Man nahm deshalb an, dass eine besondere Kraft, »die 
Lebenskraft«, die Bildung der die Organismen zusammensetzenden Stoffe beein- 
flusse und schrieb ihr eine Wirkung zu, von der man sich nicht weiter Rechen- 
schaft zugeben wusste. Trotz der bereits erwähnten im Jahre 1828 erfolgten Dar- 
stellung eines »organischen« Körpers durch Wöhler hielt man dennoch an 
der Annahme der »Lebenskraft« als eines die Zusammensetzung der organi- 
schen Welt beeinflussenden Agens fest und glaubte, dass die »organischen« 
Körper doch eine ganz andere »chemische Constitution« haben müssten als 
die anorganischen. Als man dann später mehr und mehr Aehnlichkeiten im 
Verhalten beider Körperklassen fand, half man sich durch die Annahme, dass 
in den organischen Körpern gewisse Atomcomplexe dieselbe Rolle spielten, 
wie in den anorganischen, die nicht mehr zerlegbaren Elemente. Diese 
»Elemente« der organischen Körper nannte man im Gegensatz zu den Bau- 
steinen der anorganischen »zusammengesetzte Radicale«. Diese Theorie 
bedeutet einen gewaltigen Schritt vorwärts, — aber es fehlte noch an 
hinreichenden Beweisen für die Existenzberechtigung derselben. Hier setzt 
B.'s Arbeit ein; ausgehend von rein chemischen Erwägungen wurde sie 
zur Hauptstütze der besprochenen »Radicaltheorie« und verdient daher 
allgemeines Interesse. B. hatte sich an die Untersuchung einer den Che- 
mikern bereits seit dem Jahre 1760 bekannten Substanz der »Cadetschen 
Flüssigkeit«, welche bei der Destillation von arseniger Säure mit essig- 
sauren Salzen entsteht, herangewagt und wollte versuchen, ihre Zusammen- 
setzung zu ermitteln. Dieses Unternehmen war in der That ein Wagniss, 
denn alle Unannehmlichkeiten, welche ein Körper seinem Untersucher ent- 
gegensetzen kann, besass diese von Anderen unberührte merkwürdige Flüssig- 
keit: unangenehmen Geruch, furchtbare Giftigkeit, die Eigenschaft, an der 
Luft zu rauchen und Feuer zu fangen! Aber all' diese Gefahren und Un- 
annehmlichkeiten scheute B. nicht. Es gelang ihm, zunächst eine aus Kohlen- 
stoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Arsen bestehende Verbindung zu isoliren 
und andere, ähnliche, mit dieser in Beziehung stehende zu gewinnen. Die 
einfachste von diesen, welche nur die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, Arsen 
enthielt, ist eine an der Luft sich von selbst entzündende Flüssigkeit. Sie 
wurde wegen ihres entsetzlichen Geruches Kakodyl (xQCxa>87]c = übelriechend) ge- 
nannt. Dieses Kakodyl war nun ein organisches »Radical« im oben be- 
sprochenen Sinne, und von ihm Hessen sich die anderen »Kakodylverbindungen« 
ableiten; das Kakodyl selbst verhielt sich wie ein »wahres elektro-positives 
Element«, und die Kakodylverbindungen wie Verbindungen der anorga- 
nischen Welt. B hat selbst die Bedeutung dieser Thatsachen durch folgen- 
den Satz gewürdigt: »Sie (die Kakodylverbindungen) bieten Erscheinungen 
dar, welche uns die Ueberzeugung gewähren müssen, dass sich weder die 
Verwandtschaft selbst noch die Verhältnisse, unter denen sie in Wirksamkeit 
tritt, bei den Verbindungen der lebenden und todten Natur verschieden dar- 
stellen«. 

Bei dem Arbeiten mit einer der gefährlichen explosiven Verbindungen 
büsste B. die Sehkraft eines Auges ein. 

Während er mit diesen schwierigen und umfangreichen Arbeiten be- 
schäftigt war, entstand eine zweite, bereits erwähnte Arbeit, welche B. zu- 
nächst im Auftrage der kurfürstlich hessischen Oberbergdirection ausführte, 
und welche darauf ausging, die Vorgänge im Eisenhochofen zu studiren. Sie 

13* 



196 



Bunsen. 



ist jedoch weit über den Rahmen der gestellten Aufgabe hinaus wichtig fiir 
die Chemie geworden, weil sie Veranlassung zur Ausarbeitung von Gasunter- 
suchungsmethoden wurde. Diese nach neuem Plan und mit neu erdachten 
Hilfsmitteln durchgeführten Untersuchungen haben B. lange Jahre und zu 
wiederholten Zeiten beschäftigt und stehen ihrerseits in Verbindung mit Re- 
sultaten anderer Forscherarbeit, welche der Gelehrte als Entdekungsreisender 
auf einer Studienreise nach Island ausgeführt hat. Diese Reise, während der 
Marburger Zeit 1846 unternommen, war von dem Geologen Sartorius von 
Waltershausen veranstaltet worden, und B. erbat sich einen sechsmonatigen 
Urlaub, um die Thätigkeit der isländischen Vulkane und Geiser zu studiren. 
In der That gelang es B., für die bis dahin unverstandene intermittirende 
Thätigkeit jener merkwürdigen Quellen eine Erklärung zu finden: er zeigte, dass 
das Geiserphänomen auf die Ueberhitzung des unter starkem Druck aus der 
Tiefe aufsteigenden Wassers zurückzuführen ist, dessen Temperatur er zu 127,5 ® 
Celsius bestimmte, also 27,5 ® höher als der gewöhnliche Siedepunkt des Wassers. 
Während der ganzen Marburger Zeit sowie in Breslau beschäftigte B. die 
weitere Ausarbeitung der auf Island gemachten Entdeckungen, namentlich die 
Erklärung der merkwürdigen geologischen Beschaflfenheit der Insel und die 
Untersuchung zahlloser Gesteinsarten. Die Publikationen »Ueber den Einfluss 
des Druckes auf die chemische Natur der plutonischen Gesteinsbildung«, 
»Ueber den Process der vulkanischen Gesteinsbildung« und andere mehr 
zeigen uns B.'s ausserordentliche geologische Kenntnisse. Der dreieinhalb- 
monatige Aufenthalt auf der Insel war zum Theil mit ausserordentlichen 
Anstrengungen und Entbehrungen verbunden, welche seinem Körper jedoch 
nicht schadeten, da er schon durch frühere ausgedehnte Märsche seine Ge- 
sundheit in seltenem Grade gestählt hatte. So brach er als Student im Mai 
1833 von Paris auf und wanderte über Clermont, Lyon, Genf, Chamonix 
durch die ganze Schweiz zu Fuss, wobei täglich 10 bis 12 Stunden zurück- 
gelegt wurden; schliesslich über den Arlberg, Innsbruck, Salzburg nach Wien, 
wo er vom Juli bis September blieb und dann durch Niederösterreich, 
Mähren über Prag, Dresden, Freiburg und Leipzig nach Göttingen zurück. 

Bis zu seiner Heidelberger Zeit beschäftigten B. neben den erwähnten 
grossen Arbeiten noch zahlreiche kleinere, welche fast alle von hervorragender 
Bedeutung, sei es für die Technik, sei es für wissenschaftliche Physik und 
Chemie geworden sind. So construirte er ein nach ihm benanntes gal- 
vanisches Element, welches bis zur Einführung der Dynamomaschine das be- 
quemste Mittel zur Erzeugung elektrischer Ströme war und mit dessen Hilfe 
es ihm gelang, ein helles elektrisches Licht erstrahlen zu lassen. Das von 
ihm erfundene Photometer hat sich allgemein eingebürgert und wird noch 
heute in Gasanstalten und elektrischen Lichtwerken zur Prüfung der Licht- 
stärke von Gas- oder elektrischen Lampen benutzt. Im Jahre 1849 theilte 
B. einen einfachen Versuch mit, welcher beweist, dass reines Wasser in 
dicken Schichten eine blaue Farbe besitzt. Damit war die blaue Farbe von 
klaren Bergseen, sowie das Phänomen der blauen Grotte in Capri erklärt. 
Vor Mittheüung des Versuches hatte man daran gedacht, die blaue Farbe 
der Anwesenheit fremder Beimischungen zuschreiben zu müssen. 

Aus der Heidelberger Zeit stammen die Arbeiten, welche B. zu den 
Fürsten unter den Gelehrten erhoben und ihm auch viele äussere Ehrungen 
eintrugen. Ausgezeichnet wie selten ein Gelehrter — u. a. durch den Titel 
Excellenz — war es ihm stets peinlich, wenn er seine vielen Orden und 



BuDsen. lo^ 

Ehrenzeichen anlegen miisste, und man sah ihn dann selbst im hohen Sommer 
mit hochaufgeschlagenem Ueberzieher rasch und heimlich durch die Strassen 
Heidelbergs dahineilen. Rührend äusserte er sich, als ihm einst ein hoher 
Orden überbracht wurde, indem er bemerkte, dergleichen habe für ihn nur 
Werth gehabt, weil seine Mutter sich darüber freute, und die sei jetzt todt. 

Einfach, wie sein Wesen, war auch B.'s Vortrag. Er sprach meist in 
kurzen Sätzen und experimentirte viel. Seine Lehrthätigkeit nahm er bis 
ins hohe Alter hinein ernst und verschmähte es nicht, dem Anfänger die 
Handhabung der oft von ihm selbst eingeführten Apparate geduldig zu zeigen. 
Er unterrichtete lediglich anorganische Chemie und verhielt sich in den 
späteren Jahren dem gewaltigen Aufschwünge der organischen Chemie gegen- 
über, welcher besonders durch die grossen Entdeckungen Kekuld's eingeleitet 
wurde, vollständig passiv. Bald nach seiner Berufung nach Heidelberg musste ein 
neues Laboratorium geschaffen werden, da die Räume des alten Gmelinschen 
Instituts nicht mehr ausreichten. In dem neuen 1855 eröffneten Institut be- 
gann nun ein selten reges und arbeitsames Leben. Männer, deren Namen 
bald zu den ersten in der chemischen und physikalischen Wissenschaft gezählt 
wurden, wie Landolt, Lothar Meyer, Pebal, Quincke, Roscoe, Beilstein, 
Carrus, Lieben, Baeyer trafen sich damals in Heidelberg. In den letzten 
Jahren zog sich B. immer mehr auf die Lehrthätigkeit im Laboratorium 
zurück, während er die älteren Schüler nicht mehr so wie anfangs an seinen 
Arbeiten theilnehmen Hess und mehr für sich lebte. Im Jahre 1889 legte 
er sein Amt als Professor nieder seinem Wunsche gemäss wurde sein früherer 
Assistent und Schüler Victor Meyer an seine Stelle berufen. 

Den Gipfelpunkt wissenschaftlichen Erfolges errang B. während seiner 
Heidelberger Zeit, die hauptsächlich durch zwei epochemachende Arbeiten 
ausgefüllt wird: die photochemischen Untersuchungen und die Spectral- 
analyse. 

Die erstere Arbeit führte er gemeinsam mit Roscoe durch und beschäftigte 
sich zwölf Jahre lang mit der Ausarbeitung der einzelnen gestellten Fragen. Er 
hatte sich zur Aufgabe gemacht, die chemischen Wirkungen der Lichtstrahlen zu 
untersuchen und ihre Gesetzmässigkeiten festzustellen. Ausser der Einwirkung auf 
unsere Sinne als Licht und Wärme besitzen die Sonnenstrahlen Einfluss auf che- 
mische und biologische Processe. Die Pflanze wächst nur am Licht, das heisst der 
chemische Process der Aufnahme und Assimilation von Nahrungsmaterial geht 
nur vor sich, w^enn der Pflanze Energie durch die Lichtstrahlen zugeführt 
wird. Das Bild, welches der Lichtstrahl auf der photographischen Platte 
zeichnet, ist das Product einer chemischen Umsetzung, hervorgerufen durch 
die Bestrahlung. B. und Roscoe zeigten nun, dass die Strahlen, welche 
chemische Processe hervorrufen, der gleichen Gesetzmässigkeit unterliegen, 
wie die als «Lichtstrahlen» schon längst bekannten und untersuchten; es gelang 
ihnen, Strahlen von verschiedener Wellenlänge in der Intensität ihrer chemischen 
Einwirkung zu prüfen, und sie gelangten dabei zu dem merkwürdigen Ergebnisse, 
dass Strahlen, welche unser Auge nicht mehr zu bemerken im Stande ist, 
noch sehr lebhafte chemische Einwirkung besitzen, eine Thatsache, mit der 
heute jeder Photograph rechnen muss. Die Frage wurde nach der physi- 
calischen Seite hin durchgearbeitet, aber auch der Einfluss auf klimatologische 
und meteorologische Verhältnisse geprüft. Der Einfluss der Tageszeit, so- 
wie der der geographischen Breite auf die Intensität der chemischen Licht- 
einwirkung wurde hier zuerst untersucht. 



198 



BunscQ. 



Die zweite Entdeckung, welche er, wie schon erwähnt, gemeinsam mit 
seinem Freunde Kirchhoff ausführte, wurde im Jahre 1 860 veröffentlicht. Die 
Grundlage der Speck tralanalyse beruht in Kürze auf folgenden Thatsachen: 
Alle glühenden flüssigen oder festen Körper strahlen ein Licht aus, welches 
durch das Newtonsche Prisma in seine einzelnen Bestandtheile zerlegt wird und 
sich als buntes in den Farben des Regenbogens erscheinendes Lichtband — 
»Spectrum« — darstellt; die gasförmigen Körper dagegen strahlen, wenn sie er- 
hitzt werden, ein Licht aus, dessen Spectrum nicht aus einem Band bunter Farben, 
sondern nur aus einzelnen farbigen Linien besteht. Diese Linien, ihre Zahl, Farbe 
und Lage, sind von der chemischen Beschaffenheit des strahlenden Gases abhängig 
und können daher als Erkennungsmittel desselben resp. des vergasten Körj^ers 
dienen. Die Erkenntniss dieser Dinge wurde von weittragendster Bedeutung 
nicht nur für Chemie und Pysik, sondern auch für die Astronomie. In Ver- 
bindung mit einem von Kirchhoff gefundenen Fundamen talsatz über den Ein- 
fluss eines durchsichtigen Körpers auf das ihn durchstrahlende Licht führte sie zu 
der Folgerung, dass die Sonne aus einem glühenden festen oder flüssigen 
Körper besteht, welcher von einer Hülle gleichfalls glühender Gase umgeben 
sein müsse. Es gelang, in dem nicht nur von der Sonnenatmosphäre, sondern 
auch von den meisten Fixsternen, Sternhaufen und Nebelflecken ausgehenden 
Licht dieselben Spectrallinien wie in dem auf der Erde erzeugten Licht nach- 
zuweisen, und man kam so zu der überraschenden Erkenntniss, dass die jene fernen 
Weltkörper zusammensetzenden Stoffe dieselben wie die unseres irdischen Planeten 
sein müssten. Aber auch die Chemie des Erdballes hat durch die Spectral- 
analyse Bereicherungen erfahren. Mit einem so ausserordentlich feinen Hilfs- 
mittel fand man Elemente, welche bis dahin unbekannt gewesen waren, und 
stellte anderseits fest, dass viele früher für selten gehaltene Elemente überall 
in der Natur vorhanden sind, aber in so geringer Concentration, dass sie 
anderen Untersuchungsmethoden entgehen. Bunsen selbst entdeckte mittels 
seiner Methode sofort zwei neue Elemente: Caesium und Rubidium, denen 
später eine ganze Anzahl folgten und damit mehrere schon lange gefühlte 
Lücken in der Reihe der durch die Theorie geforderten Zahl der Elemente 
ausfüllten. 

Bis zum Schlüsse seiner Thätigkeit beschäftigte B. das Vorkommen 
der seltenen Elemente in Gesteinsarten und Mineralwässern, wie er denn eine 
Unzahl von Mineralanalysen ausgearbeitet und zahlreiche kleinere und grössere 
Verbesserungen im Gang der chemischen Analyse eingeführt hat. In den 
letzten Jahren trat seine alte Vorliebe für Physik und Geologie wieder mehr in 
den Vordergrund. So hat er, ein 7 6 jähriger Greis, noch ein neues Calori- 
meter construirt, nachdem er vorher im Jahre 1870 ein Eiscalorimeter er- 
funden und mit seiner Hufe wichtige Untersuchungen ausgeführt hatte. 

In der kurzen Skizze konnten längst nicht alle Arbeiten B.'s besprochen, 
ja nicht einmal erwähnt werden, aber schon die wenigen genannten geben 
einen Begriff von der enormen Arbeitskraft und dem Gedankenreichthum des 
grossen Forschers. Wo B. eine Arbeit angriff, da hat er fördernd und be- 
fruchtend auf die Wissenschaft eingewirkt; aber auch auf den Unterricht und 
die Erziehung einer Jüngern Generation von Naturforschem werden seine 
Methoden und seine Schulung noch lange ihren Einfluss behalten. 

Vgl. Th. Curtius, Gedächtnissrede (Heidelberg): R. Meyer, Nachruf (Natur- 
wissenschaft!. Rundschau). 

Richard Meyer. 



Blumenau. 



199 



Blumenau, Hermann, Dr. phil., der Gründer der südbrasilischen Colonie 
gleichen Namens, * am 26. December 181 9 in dem kleinen braunscliweigischen 
Harzstädtchen Hasselfelde als Sohn des dortigen Bergwerks-Oberförsters und 
späteren Forstrathes Karl Friedrich Blumenau, f am 30. October 1899 in 
Braunschweig im hohen Alter von achtzig Jahren. — B. erhielt den ersten 
Unterricht auf der Schule der kleinen Harzstadt. Dann wurde er zu seiner 
weiteren Bildung dem Pastor A. L. Götting in Klein-Winnigstedt in Pension 
gegeben und seit dem Jahre 1830 besuchte er das Gymnasium Martino- 
Catharineum in Braunschweig, das er Mitte des Jahres 1 836 aus Obersecunda 
verliess, um sich dem Apothekerberufe zu widmen. Er kam als Lehrling 
nach Erfurt, trat hierauf später in eine chemische Fabrik ein; daran schloss 
sich ein Studium auf der Universität Erlangen und hier wurde er im März 
1846 zum Doctor der Philosophie promovirt. Doch der Apothekerberuf und 
die stille Arbeit im Laboratorium sagten dem untemehmungs- und wander- 
lustigen jungen Manne wenig zu ; sein reger Sinn für NatunÄ'issenschaft und das 
damals in Deutschland auftretende Auswanderungsfieber erweckten in ihm 
die Lust, überseeische Länder kennen zu lernen. Auf Alexander v. Humboldts 
Empfehlung trat er deshalb im Jahre 1846 in den Dienst des Hamburger 
Colonisationsvereins und war bei den Vorarbeiten zu der Einrichtung der 
brasilischen Colonie Dona Francisca in der Provinz St. Catharina auf den 
Ländereien des Prinzen Joinville thätig. Als seine Pläne und Hoffnungen 
ftir eine Colonisation in Brasilien von Seiten der preussischen Regierung 
nicht in Erfüllung gingen, entschloss er sich, selbst eine deutsche Colonie 
anzulegen. Er erwarb in der Nähe der Colonie Dona Francisca, im frucht- 
baren Flussgebiete des Itajahy, günstig gelegene Ländereien und im September 
1850 begann er hier mit 17 Personen sein Werk. Die Entwickelung der 
Colonie war in der ersten Zeit sehr unbedeutend — in den nächsten Jahren 
folgten nur 8, 52, iio, dann 53 und 28 Personen — , denn wenn B. 
der Colonie auch sein ganzes Privatvermögen von etwa 16000 Thalern 
opferte, so waren diese Geldmittel im Verhältniss zu einem so grossen Unter- 
nehmen doch nur gering, und die brasilische Regierung verhielt sich der 
jungen Colonie gegenüber ziemlich kühl. Nichtsdestoweniger setzte B. mit 
grosser Ausdauer und einer wahrhaft bewunderungswürdigen Aufopferung 
sein einmal begonnenes Werk, trotz vieler Missgeschicke und harter Verluste 
von aussen und fast unüberwindlicher Hindernisse von innen, fort. Im 
Jahre 1860 wurde die Colonie, die damals 700 — 800 Bewohner zählte, auf 
Wunsch von B. von der brasilischen Regierung käuflich übernommen, und 
Dr. B. wurde als Coloniedirector mit der Weiterverwaltung betraut. Die 
Fortschritte der Colonie waren nun grösser; im Jahre 1865 zählte sie bereits 
etwa 2600 Bewohner. Um im Auftrage der brasilischen Regierung für 
Colonialzwecke thätig zu sein, kam Dr. B. im Jahre 1867 nach Deutschland 
zum Besuche und war hier nun eifrig für die Auswanderung nach Südbrasilien 
thätig. Besonders wies er auch die Angriffe des Consul Sturz in Berlin, 
der heftig gegen die Auswanderung nach Brasilien loszog, zurück. Unter 
seinem persönlichen Einflüsse entschieden sich in der Zeit vom October 1867 
bis Juni 1869 983 Personen für die Colonie Blumenau. Den Aufenthalt in 
der Heimat benutzte er zugleich, sich im Jahre 1867 in Fräulein Bertha 
Repsold in Hamburg eine Lebensgefährtin zu wählen. Erst im Jahre 1869 
kehrte er mit seiner Familie nach Brasilien zurück, wo er nun noch bis zum 
Jahre 1880 die Verwaltung der Colonie führte. In diesem Jahre wurde die 



200 Blumenau. Spies. 

Colonie, in der nun fast 15000 Personen, darunter etwa iiooo Deutsche, 
angesiedelt waren, emancipiert, d. h. in die allgemeine Verwaltung des 
brasilischen Staates aufgenommen. Noch vier Jahre verblieb B. in der 
Colonie, dann siedelte er im October 1884 im Interesse seiner Frau und 
zweier Kinder, Sohn und Tochter, die schon zwei Jahre früher die Reise an- 
getreten hatten, nach Deutschland über und nahm hier in seiner alten Heimat, 
der Stadt Braunschweig, seinen Wohnsitz, wo er still und zurückgezogen bis 
zu seinem Tode lebte. Grosse Sympathie hegte er naturgemäss für die Ent- 
wicklung der deutschen Colonien; aber die Art und Weise, wie deren An- 
lage vielfach betrieben ward, sagte ihm als alten Praktiker nicht zu. Er griff 
jedoch nicht mehr mit seiner früher so raschen Feder ein, denn mit dem 
zunehmenden Alter hatten sich die Gebrechlichkeiten des Körpers eingestellt, 
wozu namentlich eine starke Schwerhörigkeit zählte. 

Im Herbst 1900 sind 50 Jahre seit der Gründung der Colonie Blumenau 
verstrichen; dieselbe zählt jetzt etwa 40000 Bewohner, darunter gegen 30000 
Deutsche. Schon rüstete man dort zur Feier des Jubiläums; der Verstorbene 
sollte nicht mehr die Freude haben, dies zu erleben; aber in die deutsche 
Colonialgeschichte wird Dr. Hermann Blumenau als einer der wackersten 
Pioniere des Deutsch thums im Auslande eingezeichnet werden. 

Vgl. Deutsche Colonialzeitung No. 45 vom 9. November 1899. Export, No. 49, 1899 
mit zwei Portraits. — Deutsch-Brasilische Nachrichten No. i vom i. Januar 1900 mit Por- 
trait (von W. Wolkenhauer). — Braunschweigisches Magazin, No. 4 und 5, 1900 (von 
H. Grussendorf). 

W. Wolkenhauer. 

Spies, Ignaz, elsässer Politiker, ♦ 20. December 1831 zu Schlettstadt, f eben- 
da an>2 7.auf 28. Juli 1899. ^^ absolvirte 1840 — 1849 am College daselbst und am 
kleinen bischöflichen Seminar zu Strassburg die Gymnasialstudien, ging aber 
in den Kaufmannsberuf und arbeitete da mehrere Jahre zu I^yon, bis er 
daheim des Vaters Colonialwaaren- Engrosgeschäft mit seinem Bruder über- 
nahm. Mit grosser Einsicht und Unternehmungslust hat er es bis 1885 geleitet. 
Erst 2 6 jährig, trat er in der Geburtsstadt als Beigeordneter des Maire und 
Mitglied des Kreistags ins öffentliche Leben und stürzte sich bald energisch 
in den Wahlkampf für den volksthümlichen Candidaten gegen den Notabein 
Baron Zorn v. Bulach sen., den der napoleonischen Regierung. Im September 
1870, nach der Proklamirung der III. Republik, gehörte er zur Deputation, 
die dem Grafen Henry Chambord in Luzern die Königskrone antrug, zog sich 
aber nach dem Frankfurter Frieden öffentlich ganz von der Politik zurück. 
Erst 1886, zum Mitgliede des Bezirkstags für Unter-Elsass und Ehrenbürger- 
meister seiner Vaterstadt gewählt, trat er wieder in die Arena und zwar im 
protestlerischen, extrem -clerikalen Sinne. Sein ausgedehntes persönliches 
Ansehen brachte ihn bald mit an die Spitze des »Katholischen Volksvereins 
für Elsass- Lothringen«, und als dessen Obmann betrieb er* eifrig den möglichst 
engen Anschluss an die katholische Centrumspartei im Reiche. Mit ausser- 
ordentlicher Rührigkeit betheiligte sich S. an der Ausbreitung des katholisch- 
politischen Vereinslebens in seinem Heimathlande und verschmolz damit 
dauernde Hinneigung zum ehemaligen Vaterlande Frankreich. So befehdete er 
bei der Reichstagswahl 1893 den Regierungscandidaten Kreisdirector Pöhl- 
mann, seinen Vorgesetzten, leidenschaftlich, wurde darob, unter lauter Ent- 
rüstung der clerikalen und protestlerischen Kreise und Blätter, seines Bürger- 



Spies. Volz. 20 1 

meisterpostens, obzwar vielfach bewährt, sogleich enthoben, aber, nachdem 
der Reichstag Pöhlmanns Wahl wegen amtlicher Beeinflussung cassirt hatte, 
1896 mit grosser Mehrheit (die auch seinem Nachfolger Vonderscheer im 
November 1899 treu blieb) gegen Pöhlmann selbst nach Berlin gewählt, wo 
er in elsässisch-autonomistischem Sinne, dabei unbedingt an die Centrumsfraction 
angelehnt, auftrat. Trotz scharfer Oppositionsstellung und regelmässiger 
parteiisch verbohrter Angriffe auf das altdeutsche Beamtenthum und andere 
neue Einrichtungen im »Reichsland«, hat der persönlich makellose, höchst 
gewissenhafte und geschäftsgewandte Mann, besonders im Landesausschuss in 
vielen Einzelfragen socialer und anderer Art einmüthig mit seinen Gegnern 
und der Regierung des Statthalters Hohenlohe für das Gemeinwohl gewirkt. 
Die »ungläubige« oder » protestantische <^ Universität zu Strassburg und die 
materielle Existenz des »preussischen« Be«amtenapparats waren bei seinen 
meisten heftigen Ergüssen dem radikal -clerikalen Elsässer der Dorn im Auge. 
In dem aufgefrischten kleinen ^>Culturkampf« des Reichslands war S. ein 
»Rufer im Streit«, vielleicht die markanteste Persönlichkeit. 

Nekrologe in den clsass- lothringischen (besonders »Strassburger Post«) und den 
grossen reichsdeutschcn Zeitungen, knappe Daten mit Portrait bei J. Kürschner, Der 
neue Reichstag 1898 ( — 1903), S. 388. 

Ludwig Fränkel. 



Volz, Berthold y Dr. phil., Professor und Director des Königl. 
Friedrichs-Gymnasiums in Breslau, * den 30, Juli 1839 zu Rügenwalde in 
Pommern, f den 1. December 1899 in Breslau. — V. erhielt seine Gymnasial- 
bildung in Cöslin und studirte dann in Berlin und Greifswald Philologie. 
In Greifswald ])romovirte er am 16. Februar 1861 magna cum laude mit der 
Dissertation »de Vesegotharum cum Romanis conflictionibus post mortem 
Flavii Theodosi Jexortis« und legte ebendaselbst zwei Tage später die 
Prüfung für das höhere Lehramt ab. Als Cand. prob, war er dann in Cöslin 
und Stolp thätig. Von Ostern 1862 ab war er ord. Lehrer am Gymnasium 
in Cöslin, ging Ostern 1864 an das Friedrichs-Gymnasium in Schwerin i. M., 
Ostern 1868 als dritter Oberlehrer an das Gymnasium in Mühlhausen i. Thür. 
über und wurde Ostern 1870 als erster Oberlehrer und Inspector adjunctus 
an das Königl. Pädagogium der Frankeschen Stiftungen in Halle a. S. berufen. 
Ostern 1872 wurde V. Director des Gymnasiums in Wittstock, Michaelis 1874 
kam er als solcher an djus Victoria-Gymnasium zu Potsdam. Ostern 1893 
tauschte er mit Professor Treu am Friedrichs-Gymnasium in Breslau. Nur 
wenige Jahre war es ihm vergönnt, an der Spitze dieser Anstalt zu stehen 
und dieselbe in dem neuen Gebäude, das Ostern 1896 bezogen wurde, zu 
neuer Blüthe zu entwickeln und durch Angliederung der Reformklassen zu 
vergrössern. 

Neben seiner amtlichen Thätigkeit bekundete der Verstorbene auch 
ein reges literarisches Schaffen, besonders auf geschichtlichem und geogra- 
phischem Gebiete. Ausser zahlreichen Programm-Abhandlungen und Aufsätzen 
in verschiedenen Zeitschriften schrieb er: »Grundnss für den ersten Geschichts- 
unterricht auf Gymnasien«, 1865. »Die geographischen Entdeckungen und 
Entdecker der neuesten Zeit in orientirender Ueberschau. Vorträge, am 
Grossherzoglichen Hofe von Mecklenburg-Schwerin gehalten«, 1868; »Lectio- 
narium für tägliche Schulandachten« (in Verbindung mit H. Stier), 2. Aufl, 



202 Volr. Krückl. 

1873. ^^i^ römische Elegie«, 2. Aufl. 1876. »Beiträge zur Geschichte des 
Pietismus«, 1872. »Lehrbuch der Erdkunde«, 1876. »Stanley's Reise durch 
den dunklen Erdtheil«, 1881. »Geschichte der neuesten Zeit«, 1882/84 und 
2. Aufl. 1894/95. »Anfänge des Christenthums«, 1888. »Geographische 
Charakterbilder«, 1886/88. »Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert«, 
1891, 2. Aufl. 1898. »Unsere Colonien«, 1891; »Emins Paschas Entsatz«, 
1891. »Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin« 1893. »Kaiser 
Wilhelm der Grosse«, 1897. 

Nach dem Rücktritt Alfred Kirchhoffs 1882 übernahm V. die Heraus- 
gabe der neuen Auflagen von Daniels weit bekanntem Lehrbuch und Leit- 
faden der Geographie. Von ersterem erschienen die Auflagen 64 bis 79, 
von letzteren die Auflagen 146 bis 218 unter seinem Namen; auch von 
dem grossen Handbuch der Geographie von Daniel besorgte V. eine neue 
(6.) Auflage (1895/96). Doch die Schule und die literarischen Arbeiten 
erschöpften noch nicht die Schaffenskraft des thätigen Mannes; auch an 
vielen wissenschaftlichen und patriotischen Bestrebungen nahm er jeder Zeit 
den regsten Antheil. So gehörte er u. a. dem Vorstande der Abtheilung 
Breslau der Deutschen Colonial-Gesellschaft und dem Vorstande des Schlesischen 
Hauptvereins der Gustav Adolf-Stiftung an. Diesem vielgestaltigen Wirken 
wurde durch die Vorsehung ein menschlichem Ermessen nach zu frühes 
Ende bereitet. Nachdem V. in Kissingen Heilung eines anscheinend leichteren 
Leidens gesucht hatte, wurde ihm vom 24. November 1899 ab ein längerer 
Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit bewilligt. Am 28. November 
unterzog er sich einer lebensgefährlichen Operation; am i. December endete 
ein friedlicher Tod sein an Arbeit, aber auch an Erfolgen reiches Leben. 

Vgl. Schlesische Zeitung vom i. December 1899 "nd das Progr. des K. Friedrichs- 
Gymn. zu Breslau 1900. 

W. Wolkenhauer. 



Krückl (oder Krükl), Franz, Sänger und Theaterdirector, * am 10. November 
1841 zu Edlspitz in Mähren, f am 12. Januar 1899 zu Strassburg. Er studirte die 
Rechte und erwarb die Qualifikation zum Staatsdienst und die juristische Doctor- 
würde. Er stand schon in der juristischen Laufbahn, als ihn der, nicht lange ver- 
storbene, Theaterkapellmeister Otto DessofF veranlasste, sich unter seiner Lei- 
tung zum Bühnensänger auszubilden. Des feinsinnigen Baritonisten prächtige, 
sowohl ausgiebige als ausdrucksvolle Stimmmittel riefen auf den Theatern zu 
Brunn, Augsburg, Hamburg, Cassel und Cöln regelmässigen starken Beifall 
hervor, bis sich K. 1885 als Gesangslehrer am Dr. Hoch'schen Conservatorium 
zu Frankfurt a. M. niederliess. Im Jahre 1892 folgte er dem Rufe, Aloys 
Prasch als Director des Strassburger Stadtheaters abzulösen. Nimmer müde, hat er 
dort eine aufopfernde und aufreibende Thätigkeit im Interesse des ihm unterstell- 
ten Instituts entfaltet. Es gelang ihm, die städtische Bühne in der Hauptstadt 
Elsass-Lothringens im Ganzen erstaunlich rasch zu künstlerischer Höhe empor- 
zuheben, womit er an seinem Theile eine bedeutsame Culturmission, die zurück- 
erworbenen Reichslande für deutsches Geistes- und Kunstleben zu gewinnen, ent- 
schieden förderte; auch gesellschaftlich eroberte er dem Strassburger Theater 
ein Ansehen wie nie vorher, unterstützt insbesondere durch sein liebens- 
würdiges, heiteres, feingebildetes Wesen. In richtiger Erkenntnis der, ja 
damals vor einem Jahrzehnt fast überall beim deutschen Grossstadt-Publikum, 



Krilckl. Paulitschke. 203 

insbesondere aber bei der Elsässer Zuschauerschaft, der das deutsche reci- 
tierende Drama noch fremdartig vorkam, überwiegenden Antheilnahme für 
die Oper bevorzugte er diese, bei deren Aufführungen er meistens selbst als 
Regisseur fungierte, allerdings auf Kosten des Schauspiels, und blieb nun, 
bezüglich des letzteren, der nothgedrungenen Sachlage gemäss, hinter den 
Ansprüchen eines analogen altdeutschen Auditoriums im Rückstände. Das 
Verhältnis blieb schon ziffermässig bis in seine letzte Directionssaison dasselbe: 
da entfielen auf die Oper 127, auf das Schauspiel im weitesten Sinne nur 
loi Vorstellungen; nur acht aus der Gesamtzahl fanden in französischer Sprache 
statt, ein gegen früher verschwindend geringer Bruch theil. Der Rastlose 
erlag einem Schlaganfalle, nachdem noch der nur einen Tag Bettlägerige 
von der Premiere der Rückauf'schen Oper »Die Rosenthalerin« Bericht em- 
pfangen, an deren Inscenirung er alle Kraft verwendet hatte. Die Lage des 
seiner Obhut unterstehenden Theaterpersonals in Strassburg hat K. nach Mög- 
lichkeit, durch Dankbarkeit und Verehrung belohnt, verbessert, wie er auch 
einer der Väter und Hauptförderer der segensreichen »Deutschen Bühnen- 
genossenschaft« war. Die Rede von deren Vertretern, Schauspieler Corge und 
Oberregisseur J. Savits, bei Einweihung des Grabdenkmals am 25. Mai 1900 
bekundete die hohe Werthschätzung K.'s in den deutschen Bühnenkreisen. 
K. veröffentlichte auch »Das deutsche Theater und sein gesetzlicher Schutz« 
(1882). Den Namen liest man häufig ohne c. 

Nachrufe in allen Strassburger, kürzere in den Theater- und Musikzeitungen; gute 
Notizen aus Strassburg i. d. »Münchn. Neuest. Nachr.« No. 25 v. 1899 (n.) und No. 251 
V. 1900 (I-,.). Bericht über die Denkmal-Feier i. d. »Strassburg. Bürgerztg.« v. 7. Mai 1900 
(abgedr. Münchn. »Allg. Ztg.« v. 9. Mai, Abendbl.). 

Ludwig Fränkel. 

Paulitschke, Dr. Philipp, Kaiserl. Rath und Gymnasialprofessor in Wien, 
Afrikareisender und tüchtiger Ethnograph, * am 24. September 1854 zu 
Czermakowitz unweit Kromau in Mähren, f am 1 1 . December 1 899 in Wien, 
erst 45 Jahre alt. — In den Jahren 1872 bis 1876 studirte P. an den Uni- 
versitäten zu Graz und Wien Natur- und Sprachwissenschaften, Geographie und 
Orientalia, wurde 1877 Gymnasiallehrer in Znaim und kam 1880 als 
Gymnasialprofessor nach Wien, zuerst an das Staatsgymnasium in Hernais, 
dann 1889 an das im VIII. Bezirke Wiens. Früh wandte sich P. geographischen 
Studien zu, bis dann später die Ethnographie Afrikas sein Specialfach wurde. 
Seine ersten Publikationen dienten dazu, ihn selbst auf seinem Arbeitsfelde 
zu Orientiren; so die historische Arbeit »Geographische Erforschung des 
afrikanischen Continents von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage« (Wien 
1879, 2. Aufl. 1880) und das bibliographische Werk »Die Afrikaliteratur in 
der 2^it von 1500 bis 1750. Ein Beitrag zur geographischen Quellenkunde« 
(Wien 1882). Auf Grund dieser Arbeiten habilitirte sich P. 1883 zugleich 
als Privatdocent für Geographie und Völkerkunde an der Wiener Universität. 
Nachdem er grössere Reisen in Europa unternommen hatte, bereiste er im 
Jahre 1880 Aegypten und Nubien und 1884 bis 1885 nahm er an einer von 
Dr. K. von Hardegger ausgerüsteten Expedition in die Somäl- und Galla- 
länder von Harar theil, von der er ein ausserordentlich werthvolles und 
reiches ethnologisches Material mitbrachte. Mit grossem Fleisse hat P. dann 
dies Material wissenschaftlich bearbeitet und wichtige und sehr werthvolle 
Arbeiten darüber veröffentlicht. Als Hauptwerke sind zu nennen: »Beiträge 



204 Paulitsc hke. Bohn. Petri. 

zur Ethnographie und Anthropologie der Somäl, Galla und Harari (Leipzig 
1886); »Harar. Forschungsreise nach den Somäl- und Gallaländern Ost-Afrikas 
(Leipzig 1888); »Ethnographie Nordost-Afrikas. Die materielle und geistige 
Cultur der Danakil, Galla und Somäl« (2 Bde., Berlin 1893 und 1896). Für 
Hölders geographische Jugend- und Volksbibliothek schrieb er »Die afrikanischen 
Neger« (Wien* 1879); für das Geographische Handbuch zu Andrees Hand- 
atlas den Theil »Afrika commerciell , politisch und statistisch« (1882); für 
Herders Geographische Bibliothek »Die Sudanländer nach dem gegenwärtigen 
Stande der Kenntniss« (Freiburg 1885); für F. Hirts Verlag »I^eitfaden der 
geographischen Verkehrslehre« (1881, 2. Aufl. 1892). Ausserdem lieferte P. 
zahlreiche Aufsätze für die »Mittheilungen der k. k. Geographischen Gesell- 
schaft in Wien«, für die »Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft«, 
die »Oesterreichische Monatsschrift für den Orient« und für die »Deutsche 
Rundschau f. Geographie u. Statistik«. Seine letzte grössere Arbeit »Der 
Antheil Oesterreichs an der Afrika forsch ung in den letzten 50 Jahren« war 
für die Festschrift der k. k. Geogr. Gesellschaft »Die Pflege der Erdkunde 
in Oesterreich 1848 bis 1898« (Wien 1898) bestimmt. Am 11. December 
1899 erlag P. einem schweren Leberleiden, betrauert von seiner Gattin und 
einem zehnjährigen Sohne, betrauert von der grossen Zahl seiner Freunde und 
wissenschaftlichen Verehrer. 

Vgl. Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik, XXII. Bd., S. 326 — 328, mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 

Bohn, German v., Historienmaler, * am 25. Februar 18 13 zu Stuttgart, 
f ebenda am 23. Januar 1899 infolge einer Lähmung nach einem Schlagan- 
falle. Er bildete sich in der Vaterstadt, dann in Paris zum Maler aus; da- 
rauf ging er nach Rom, wo er sich zwei Jahre aufhielt und 1843 »Hagar 
und Ismael« schuf, ein Bild, das Tiefe der Empfindung ebenso auszeichnet 
wie schöne landschaftiche Staffage. Sodann zum zweiten Male in Paris, führte 
er mehrere Gemälde im Louvre und in der neuen Kirche der heiligen Elisabeth 
die Bergpredigt aus. 1844 erhielt er für den »saint Martin de Tours« (erzbi- 
schöfl. Kathedrale in Paris) eine Medaille. 1852 ernannte ihn Kaiser 
Napoleon IIL zum Ritter der Ehrenlegion, 1867 B. 's Landesherr zum württem- 
bergischen Hofmaler. Die ganze zweite Hälfte seines Lebens verbrachte er 
im Geburtsorte. Von seinen in die weitere Oeffentlichkeit gelangten Bildern 
sind hervorzuheben: die heilige Elisabeth, die heilige Agnes, das Gelübde, 
Hamlet. 

Nachruf im »Schwäbisch. Merkur« (Stuttgart); vgl. »Allgem. Ztg.« (MUnch.) No. 25 v. 
25. Jan. 1899, Abendbl., Feuill. 

Ludwig Fränkel. 

Petri, Eduard J., ein Deutsch -Russe, Dr. med. und Professor der Geo- 
graphie und Anthropologie an der K. Universität zu St. Petersburg, ♦ 1854 
zu St. Petersburg von deutschen Eltern, f den 10. October 1899 daselbst, 
erst 45 Jahre alt. Nach seiner Vorbildung auf den Gymnasien in Moskau 
und St. Petersburg besuchte P. die militär-medicinische Akademie in St. 
Petersburg und setzte dann seine Studien in Deutschland und der Schweiz 
fort. In Halle a. S. war er zu dem bekannten Geographen Alfred Kirchhoff 
in Beziehung getreten und in Folge dessen Anregung gewann P. ein grosses 
Interesse für die Geographie. Nachdem er 1880 in Bern zum Dr. medicinae 



Petri. Wislicenus. 205 

promovirt war, habilitirte er sich an der dortigen Universität als Geograph, 
wo er dann 1881 bis 1887 Wie Professur für Geographie und Anthropologie 
bekleidete. Als 1889 an der Petersburger Universität ein Lehrstuhl ftir 
Geographie und Ethnographie errichtet wurde, erging an P. der Ruf zur 
Uebernahme desselben und bald war er einer der beliebtesten Hochschul- 
lehrer daselbst. Auch auf die Umgestaltung des geographischen Unterrichtes 
an den russischen Schulen wirkte P. reformirend ein. Gerade seine letzte 
Arbeit war die Herausgabe eines geographischen Schulatlas in 45 Blättern 
(St. Petersburg, A. F. Marks), der als der beste unter den in Russland vor- 
handenen Schulatlanten gilt; als Vorbild hat ihm dabei der bekannte Sydow- 
Wagnersche Methodische Schulatlas gedient. Das Haupt- und Lieblingsgebiet 
des Verstorbenen war die Anthropologie, wie er denn auch der Gründer und 
Vicepräsident der russischen anthropologischen Gesellschaft war. Ausser 
zahlreichen Beiträgen fiir die Berichte der k. russ. Geographischen Gesell- 
schaft und andere deutsche und schweizerische Fachzeitschriften seien von 
seinen Werken nachfolgende erwähnt: »Sibirien als Colonie« (1886); »Die 
Grundzüge der Anthropologie« (1890); »Die Methoden und Principien der 
Erdkunde«; »Die Degeneration der Culturvölker« und die russischen Aus- 
gaben der Völkerkunde von O. Peschel und der Reisen von Dr. W. Junker. 

Vgl. Deutsche Rundschau f. Geogr. und Statistik, XXII. Jahrg., S. 183 und 184, mit 
Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



Wislicenus, Hermann, Maler, * am 20. September 1825 in Eisenach, f am 
25. April i8q9 zu Goslar. Er besuchte seit 1844 die Kgl. Kunstakademie zu 
Dresden und wurde später Bendemanns, dann Schnorrs von Carolsfeld Schüler. 
Die Dresdner Galerie kaufte sofort sein erstes Bild, »Ueberfluss und Elend« 
(Carton im Stadt. Museum zu Leipzig) an. 1853 ging W. mit Reisestipendium 
nach Italien, wo er sich in Rom besonders an Cornelius anschloss, und nach 
der Rückkehr führte er von Weimar aus gelungene Aufträge aus, die ihm 
einen IsTamen schufen: fiir die damals entstehende Sammlung des Grafen 
A. F. Schack in München »Die Phantasie«, fiir das Stiegenhaus des sog. 
»Römischen Hauses« (Friderici) in Leipzig (Petersstein weg) »Brutus' Urtheils- 
spruch« und »Die Mutter der Gracchen«, für andere Besteller mehrere 
Zeichnungen, wovon die »Ruhmeshalle deutscher Dichter« im Museum zu 
Weimar besonders bekannt wurde. 1868 folgte W. einem Rufe als Professor 
der Kunstakademie zu Düsseldorf. Daselbst entstanden von grossen Gemälden 
namentlich »Die vier Jahreszeiten« (Nationalgalerie Berlin), »Germania auf 
der Wacht am Rhein«, »Die Lurlei«. Beim Wettbewerb um die Aus- 
schmückung des Kaisersaales in der renovirten Pfalz zu Goslar mit Wandgemälden 
aus der Geschichte und Sage des alten deutschen Reiches fiel Professor W. 
der erste Preis und damit der Auftrag zu, dessen er sich mit Beistand von 
Schülern und Gehilfen bis 1897 entledigt hat. Diese Aufgabe hat er in der 
Hauptsache glänzend gelöst und an seinem Theile redlich beigetragen, dem 
herrlichen alten Palaste eine ungewöhnliche Anziehungskraft und zur historischen 
eine hohe künstlerische und nationale Bedeutung zu verleihen: diese Arbeit 
zweier Decennien krönte W.*s reiches Schaffen, zumal sie ihn bei seiner 
stärksten Seite, der Geschieh ts- und Geschichtssagen -Malerei, dauernd festhielt. 
So sollte nach Gebühr im genannten Kaisersaale die Trauerfeier für den ver- 



2o6 Wislicenus. Poesche. Pauliny. 

buchenen Meister stattfinden. Aber der preussische Cültusminister Dr. Bosse 
zog, als das evangel. Consistorium zu Hannovet dem betreffenden Goslarer 
Pastor die amtliche Function am Sarge des, testamentarischer Anordnung 
gemäss, ins Gothaer Crematorium zu Ueberführenden verbot, die schon ertheilte 
Erlaubniss zu jener Feier zurück, und so musste diese innerhalb der Räume 
des Kaiserhauses, die W. bewohnt hatte, stattfinden. 

Nachruf in den meisten grösseren Tagesblättern, z. B. Münchner Neuesten Nachrichten 
Nr. 206 vom 6. Mai 1899 (theil weise nach dem »Berliner Tageblatt«). Porträt: »Die 
Woche« 1899, No. 7, S. 244. 

Ludwig Fränkel. 



Poesche, Dr. Theodor, ♦ im Jahre 1824 zu Zoeschen bei Merseburg 
(Prov. Sachsen), f am 27. December 1899 zu Washington (D. C.). P. studirte 
in Halle a. S. Philosophie, wanderte aber nach dem Fehlschlagen der Re- 
volution von 1848 und 1849 i'^ach den Vereinigten Staaten von Nordamerika 
aus. Längere Jahre wirkte er hier in St. Louis als Leiter einer Privatschule. 
Während des Bürgerkrieges kam er nach Washington und wurde in dem 
neueingerichteten Inlandsteuerbureau angestellt, in welchem er mit grosser 
Auszeichnung über 30 Jahre lang arbeitete. Als im Jahre 1872 Bismarck 
sich mit der Idee trug, das Tabakmonopol im Deutschen Reiche einzuführen, 
erbat er sich vom Präsidenten Grant einen Fachmann, der ihn über die 
amerikanischen Steuerverhältnisse aufklären könnte ; die Wahl fiel auf Theodor 
Poesche, der durch Monate ein täglicher Tischgast des Reichskanzlers war 
und ihm, so oft der Fürst für ihn Zeit hatte, über amerikanische Steuerver- 
hältnisse Vortrag hielt. Seinem Freunde A. Petermann in Gotha lieferte P. 
das hauptsächlichste Material zu dessen neuen amerikanischen Karten in 
Stielers Atlas. Im Jahre 1874 veröffentlichte P. ein Buch über »Die Arier« 
(Jena 1874, Costenoble), in dem er die Hypothese der asiatischen Abstammung 
der blonden und blauäugigen Rasse bekämpfte und die Theorie aufstellte, 
dass diese Rasse in den Rokitnosümpfen Südrusslands durch den dort vor- 
herrschenden Albinismus entstanden sei. 

Vgl. Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik, XXIII. Bd. 1900 mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



Pauliny, Jakob Joseph, ehemaliger Vorstand im k. k. militär-geographi- 
sehen Institut zu Wien, * 1827 zu Tyrnau in Ungarn, f am 11. Juni 1899 
in Wien. Im Jahre 1845 kam P. unter das Militär; wegen seiner besonderen 
Befähigung zum Zeichnen wurde er 1850 im k. k. militär- geographischen 
Institute in Wien angestellt und war in diesem bis zum i. November 1889 
als ein vorzüglicher topographischer Zeichner und Kartograph thätig. Für 
die Zwecke des Unterrichts lieferte er in den sechziger Jahren eine Reihe 
vorzüglicher Reliefs vom Ortler, dem Grossglockner, der Schneekoppe u. s. w. 
und 1867 besuchte er im Auftrage des Instituts die erste Pariser Weltaus- 
stellung, um die Aufstellung der Kartenwerke desselben zu leiten und 
Neuerungen im Kartenfache zu studiren. Von September 1867 bis November 
187 1 war P. zur Heranbildung einer topographischen Schule nach Aegypten 
beurlaubt. Nach seinem Rücktritt vom Amte beschäftigte er sich noch eifrig 
mit einer neuen Methode der Terraindarstellung und veröffentlichte hierüber 



Paoliny. Fleck. Jordan. 207 

1895 »Memoire über eine neue Situationspläne- und Landkarten-Darstellungs- 
methode« und 1898 eine nach dieser Methode gezeichnete Karte des 
Schneeberggebiets in 4 Blättern. Auch ein neues System zur Erzeugung von 
unnachahmbaren Papier- und Geldwerthzeichen hat er ersonnen. 

Vgl. Deutsche Rundschau f.Geogr. u. Statistik, Wien, 1899, XXII. Jahrg. mit Portrait 

W. Wolkenhauer. 

Fleck, (Franz) Ludwig, römisch-katholischer Bischof von Metz, * 8. Februar 
1824 in dem unterelsassischen Badeorte Niederbronn, der Anfangs des siebziger 
Krieges genannt wurde; + am 27. (28.) October 1899 zu Metz. Im bischöflichen 
geistlichen Convict zu Bitsch und im Metzer Priester-Seminar ausgebildet, erhielt 
er 1848 die Priesterweihe, und war danach als Caplan und Pfarrer in der 
praktischen Seelsorge thätig, schliesslich als Pfarrer in Metz, wo er die 
Belagerung im Herbst 1870 mit durchmachte. Als nach der Neuordnung der 
Verhältnisse Elsass-Lothringens der ziemlich antideutsche Metzer Bischof Dupont 
des Loges als Reichstagsabgeordneter nach Berlin ging, nahm er als der 
deutschen Sprache kundigen Berather den Metzer Pfarrer F. mit, der seitdem 
grossen stillen Einfluss auf ihn ausübte, seit Mitte der 70 er Jahre in die 
unmittelbare Nähe des Bischofs gezogen und 1879 dessen Generalvikar 
wurde. Als solcher hatte er die ganze innere Leitung der Diözese in 
der Hand, 1881 wurde er zum Bischof von Sion (Sitten) und Weihbischof 
von Metz mit dem Rechte der Nachfolge ernannt und folgte 1886 dem 
greisen Dupont des Loges ohne Weiterung. »Hervorragende geistige Fähig- 
keiten, eine echt elsässische Zähigkeit und eine starke Neigung zu diplo- 
matischer Ausgleichung von Gegensätzen, ausgesprochenes Wohlwollen und 
grosse Mildthätigkeit mögen seine Hauptcharakterzüge gewesen sein. That- 
sache ist jedenfalls, dass im Grossen und Ganzen sein Episkopat ohne 
grössere politische Stürme verlaufen ist, dass er sich Mühe gegeben hat, 
im Frieden mit den staatlichen Behörden zu leben; während er freilich 
auch in zahlreichen Fällen, in denen Geistliche seiner Diözese in politischer 
oder anderer Hinsicht eine sehr bedenkliche Rolle spielten, es auffallend an 
jedem ernsteren Vorgehen fehlen Hess. Seinen lothringischen Clerus überhaupt 
in ein besseres und verständigeres Verhältniss zur deutschen Staatsgewalt zu 
bringen, scheint er nicht als seine Aufgabe angesehen zu haben.« 

Mehr oder minder ausführliche Nekrologe in sämmtlichen elsass -lothringischen 
Tageszeitungen, besonders in der >Strassburger Post«, auch in der »Cöln. Zeitung«, den 
>Manchner Neuesten Nachrichten« (von seh. in Metz: No. vom 2. November 1899, S. 2) 
woraus obcitirte Charakteristik. Porträt s. »Die Woche«, 1899, No. 34, S. 1326. 

Ludwig Fränkel. 

Jordan, Wilhelm, Professor an der technischen Hochschule zu Hannover, 
ein hervorragender Geodät, * am i. März 1842 zu Ellwangen im württembergi- 
schen Jagstkreise, f am 17. October 1899 zu Hannover. — J. genoss Gymnasial- 
bildung und besuchte das Polytechnikum zu Stuttgart bis zum Jahre 1863. 
Im April 1864 bestand er die erste Prüfung flir den württembergischen 
Staatsdienst und die Prüfung als Geometer erster Klasse. Nachdem 
er noch als Ingenieurpraktikant bei Eisenbahnvorarbeiten und als Tri- 
gonometer bei Höhenmessungen thätig gewesen war, trat er 1866 als 
Assistent fiir Geodäsie an der Polytechnischen Schule zu Stuttgart ein, wo er 
bis Ostern 1868 blieb, zu welcher Zeit er einer Berufung nach Karlsruhe an 



2o8 Jordan. Buchner. 

das Polytechnikum als Professor der Geodäsie Folge leistete. Vom Beginn 
des Jahres 1882 ab befand er sich in gleicher Stellung an der Technischen 
Hochschule zu Hannover. Neben seiner nicht geringen amtlichen Thätigkeit 
als Hochschullehrer hat J. auch noch eine ausserordentlich fruchtbare Thätig- 
keit als wissenschaftlicher Schriftsteller und Forscher entwickelt; Ruhe und 
Erholung kannte er nicht; seine Wissenschaft war sein Streben, sein Leben. 
Sein hervorragendstes Werk ist sein »Handbuch der Vermessungskunde«, das 
in zwei Bänden in den Jahren 1877/78 erschien, die Methode der kleinsten 
Quadrate, die niedere und höhere Geodäsie zur Darstellung brachte und aus 
seinem 1873 erschienenen »Taschenbuch der praktischen Geometrie« heraus- 
gewachsen war. Es war dem Verfasser vergönnt, dieser zweiten Auflage des 
Taschenbuches in den folgenden beiden Jahrzehnten seines Lebens noch eine 
dritte und vierte folgen lassen zu können; der Theil, welcher die Feld- und 
Landvermessung betrifft, gelangte 1897 als ein selbständiges Werk sogar in 
fünfter Auflage zur Bearbeitung. J.'s Handbuch ist in mehrere Sprachen 
übersetzt und bei allen Geodäten des In- und Auslandes bekannt. Von seinen 
übrigen zahlreichen Werken seien nur folgende erwähnt: »Physische Geo- 
graphie und Meteorologie der Libyschen Wüste« (1876); »Das deutsche Ver- 
messungswesen« (mit K. Steppes, 2 Bände, 1882); »Grundzüge der astrono- 
mischen Zeit- und Ortsbestimmung« (1885); »Höhen tafel für barometrische 
Höhenmessung« (1874 und öfter); «Logarithmisch-trigonometrische Tafeln für 
centesimale Theilung des Quadranten« etc. (1897). 

Ein hohes Verdienst hat sich der Verstorbene um die Hebung des 
deutschen Geometerstandes erworben; durch 26 Jahre lag in seinen Händen 
die Hauptleitung der »Zeitschrift für Vermessungswesen«, des Organ es des 
deutschen Geometervereines, die für das Ansehen des deutschen Geometer- 
standes von grosser Bedeutung geworden ist. Ein ehrenvolles Gedächtniss ist 
dem Verstorbenen von Seiten seiner Fachgenossen im In- und Auslande 
gesichert. 

Vgl. Helmerts Nachruf im 11. Hefte der »Zeitschr. ftir Vermessungswesen« (Band 
XXVIII, 1899) mit Portrait; Deutsche Rundschau für Geogr. und Statistik, XXI. Jahrg., 
1899 mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



Buchner, August, Publicist, * am 2. August 1848 zu Passau, f zu 
München am 28. Juni 1899 ^^^^ etwa zweijähriger schwerer Herzkrankheit, 
die den idealistisch angelegten Mann arg verbitterte und zu heftigsten Press- 
angriffen auf die politischen Hauptwidersacher gereizt hatte. Er ist von den 
letzteren, den Liberalen, in politischer und journalistischer Hinsicht meistens 
als Wetterfahne bezeichnet worden, war aber im Gegentheile ein Verfechter ein- 
mal als richtig erkannter Grundsätze. Nach dem 18. Lebensjahre als Fähnrich in 
den bayerischen Militärdienst getreten, kämpfte er in den Feldzügen von 1866 
und 1870/71 mit: im ersteren wurde er Unterleutnant, trat aber danach in 
die päpstliche Armee und erhielt für seine Unerschrockenheit anlässlich der 
Abwehr der im Kirchenstaate eingebrochenen Garibal dianer (bei Mentana, 
3. November 1867) von Pius IX. das Mentana-Kreuz ; gegen Frankreich focht 
er im bayrischen Heere vor Sedan, Orleans und Paris und bekam das Verdienst- 
kreuz. Danach zog er mit seinen Eltern nach München. Seitdem stand seine 
scharfe Sachkenntniss und gewandte Feder im Dienste der katholisch-volks- 
thtimlichen Tagespresse Münchens, erst als Mitarbeiter verschiedener Blätter, 



Buchner. Mevissen. 



209 



dann drei Jahre als Redacteur des »Bayerischen Landboten«, schliesslich, nach 
dreijähriger freier Mitarbeiterschaft, seit 1887 als ständiger Mitredacteur des 
»Neuen Münchner Tagblatts« (verbreitetstes eigentliches Localblatt) und 
u. a. leitete er da verantwortlich die Rubrik Gemeindeangelegenheiten. Als 
eifervoller Katholik durch Ehescheidung und nachherige Heirat einer 
Protestantin bei Lebzeiten der ersten Frau mit der Kirche in einen, vor 
seinem Ende ausgeglichenen Conflict geraten, bekannte er sich endlich 
trotz seines Redacteurpostens zu stark deutsch-nationalen Anschauungen, 
deren antisemitische Färbung andrerseits den Tendenzen der bayerischen 
Centrumspartei-Presse Rechnung trug. Seine deutsch -nationale Gesinnung 
gipfelte in der Gründung des Männergesangvereins »Germania« zu München in 
den achtziger Jahren, dessen originelle sinnige Verfassung B.'s Buch »Ewa« fest- 
stellte. Als Edeling Ziu dieser seiner teuern Markgenossenschaft knüpfte er 
mit hervorragenden deutschen Männern und Frauen an, so auch mit Fürst 
Bismarck. Seine lebhafte Theilnahme am Deutschen Schulvereine und der 
deutschen Bewegung in Oesterreich unterband erst der »Los von Rom «-Ruf 
daselbst, und seine ungeschminkte Rede eiferte wider die Leute, die »Slowaken, 
Polaken, Tschechen u. a. Gesindel bekämpfen wollen, aber thatsächlich nichts 
anderes zu stände bringen als einige Fuhren Dr . . . nach Rom zu fahren«. 
B. hat einige literarische Debut-Arbeiten geliefert, die sein späterer Stand- 
punkt als Jugendsünden verwarf. 

Notizen in Mttnchener Zeitungen vom 28. — 30. Juni und i. Juli 1899, bes. »Neues 
MUnch. Tagbl.« No. 179, S. 9 (mit Bildniss) und No. 181/182. S. 4f.,' briefliche Mit- 
tbeilungen von dessen verantwortl. Redacteur Gg. Frhr. v. d. Tann. 

Ludwig Fränkel. 



Mevissen, Gustav von, Geheimer Commerzienrath , Dr. phil. et jur., 
* 20. Mai 181 5 in Dülken bei Krefeld, f 13. August 1899 in Godesberg. 
M. war der Sohn eines Spinnereibesitzers in Dülken. In den Jahren 1828 
und 1829 besuchte er das Friedrich Wilhelm-Gymnasium und das Jesuiten- 
Gymnasium in Köln und wurde dann Schüler der Tertia der eben gegründeten 
Höheren Bürgerschule. Aber noch in demselben Jahre verliess er die Schule, 
um als Hülfsarbeiter in das Geschäft seines Vaters einzutreten, in dem er 
bis zum Jahre 1841 thätig war. Seinen kaufmännischen und politischen Blick 
schärften und erweiterten in dieser Zeit mehrfache Reisen, die ihn nach 
Belgien, Frankreich und England flihrten. Ein auf philosophischer Grundlage 
aufgebautes ernstes Selbststudium gab M. die universale Bildung, durch 
welche er sich in seinem ganzen Leben ausgezeichnet. Am i. Juli 1841 
schuf er sich einen selbständigen Wirkungskreis durch die Gründung einer 
Grosshandlung in wollenen Garnen in Köln. Hier hatte der alte Schlendrian 
einem kräftigen Fortschritte auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs Platz 
gemacht. M. wurde bald ein führender Geist in der Kölner Kaufmannschaft 
und in der Kölner Handelskammer begründete er sich eine einflussreiche 
Stellung durch die Befürwortung einer massigen Schutzzollpolitik, die er 1845 
durch Schrift und Wort gegen die Ansichten des damaligen Vorsitzenden 
der Kammer Camphausen mit Erfolg vertheidigte. Eine hohe Anerkennung 
wurde M. zu Theil durch die Wahl zum Präsidenten der Rheinischen Eiscn- 
bahngesellschaft am 12. Mai 1844. Ein Jahr vorher war die Bahnstrecke bis 
zur belgischen Grenze fertiggestellt. Ein weiterer Ausbau des rheinisch- 

Bloipr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. I^ 



2IO Mevissen. 

westfälischen Eisenbahnnetzes scheiterte zunächst an finanziellen Schwierig- 
keiten. Dazu kam auch noch, dass die grosse politische Bewegung zu Beginn 
der 40 er Jahre dem Unternehmen nicht günstig war. In der rheinischen 
Metropole hatte sich bei Anbruch von Preussens neuer Aera eine »Gesellschaft 
unabhängiger Rheinländer« zusammengethan, die Freiheit und Fortschritt auf 
ihre Fahne geschrieben. M. war ein thätiges Mitglied dieses Kreises und 
ein eifriger Förderer der von demselben ins Leben gerufenen Rheinischen 
Zeitung, die jedoch schon im März 1843 von der Censur unterdrückt wurde. 
Eine Anzahl Artikel des zuletzt unter der Leitung von Marx stehenden Blattes 
über englische Zustände, über die Bestrebungen der rheinischen Autonomie, 
über Gemeindeordnung u. a. rühren aus der Feder M.'s her, sie verrathen 
durch Kraft und gewandte Darstellung ihren Urheber. Im Jahre 1846 wurde 
M. von seiner Vaterstadt Dülken in das erste preussische Parlament, den in 
Berlin zusammentretenden Vereinigten Landtag gesandt. Er schloss sich hier 
den rheinischen Liberalen an, nahm bald in den Reihen der entschiedenen 
Opposition eine bedeutende Stellung ein und fand Gelegenheit, bei den 
Debatten über das Bescholtenheitsgesetz, über die Einrichtung des Handels- 
ministeriums, bei der Periodicitätsdebatte und dem Judengesetz einzugreifen. 
Im folgenden Jahre 1848 treffen wir ihn als Vertreter des Wahlkreises Siegen 
bei der Nationalversammlung in Frankfurt a. M., wo er der sog. Casinopartei 
angehörte, und im August desselben Jahres, als das erste Reichsministerium 
ins Leben trat, wurde M. Unterstaatssecretär im Handelsministerium. Mit 
dem Ministerium nahm er nach dem Frieden von Malmoe seine Entlassung 
und trat auch aus dem Parlament nach der Ablehnung der Kaiserkrone seitens 
Friedrich Wilhelm IV. aus. Am 21. Mai 1849 ^^E^^ er sein Mandat als Ab- 
geordneter nieder. Noch einmal vertrat er im Jahre 1850 Siegen im Erfurter 
Parlament, um dann für immer von dem Felde der Politik Abschied zu nehmen. 
Die Befriedigung, die M. im politischen Leben nicht gefunden, sollte 
ihm voll und ganz in seiner kaufmännischen und volkswirthschaftlichen 
Thätigkeit werden, die für ihn in Köln begann. Das grosse Bankhaus 
Schaaffhausen war im März 1848 zusammengebrochen. Infolge der Bedeutung 
dieses Instituts für die Rheinlande beauftragte die preussische Regierung, die 
sein organisatorisches Talent erkannt hatte, M. mit der Wiederaufrichtung 
des Hauses und der Umwandlung in eine Actiengesellschaft. M. löste die 
ihm gewordene Aufgabe mit grossem Geschick und wurde Director des neu 
gegründeten Schaaffhausenschen Bankvereins. Seiner organisatorischen Thätig- 
keit verdanken in den nächsten Jahren noch eine Reihe anderer Unter- 
nehmungen ihr Entstehen: das Hörder Eisenwerk, die Kölner Baumwoll- 
spinnerei, die Maschinenfabrik Bayenthal, die Lebensversicherungsgesellschaft 
Concordia, die Kölner Rückversicherungsgesellschaft, endlich die Darmstädter 
und Luxemburger Bank. Von 1855 — ^^^o war M. Präsident der Kölner 
Handelskammer, Präsident der Rheinischen Eisenbahn ist er bis zu deren 
Verstaatlichung im Jahre 1880 geblieben. Seinem Einfiuss und seinem Unter- 
nehmungsgeiste ist der Ausbau des rheinischen Eisenbahnnetzes vorzugsweise 
zu verdanken. Von 1865 — 1891 war er Beigeordneter der Stadt Köln im 
Ehrenamte und vertrat diese im Herrenhause. Nach seinem Rücktritte wurde 
er zum lebenslänglichen Mitgliede des letzteren ernannt; eine Ehrung, die um 
so höher anzuschlagen ist, als es wohl das erste Mal war, dass der bisherige 
Vertreter einer Stadt, nachdem er seine amtliche Stellung niedergelegt, um 
ins Privatleben zurückzutreten, durch die Berufung zum lebenslänglichen 



Mevissen. Ernst 211 

Mitgliede ausgezeichnet wurde. Seit 1884 gehörte er auch dem Staatsrathe 
an, ausserdem war er Mitglied des Volkswirthschaftsrathes und der ständigen 
Commission für das technische Unterrichtswesen. 

Die wirthschaftliche Entwicklung Rheinlands im 19. Jahrhundert ist un- 
zertrennbar mit M.'s Namen verknüpft, nicht minder aber die Neubelebung 
der geistigen Interessen und insbesondere der historischen Studien in den 
Rheinlanden. M. ist der Mitbegründer und Hauptförderer der Gesellschaft 
für Rheinische Geschichtskunde gewesen, die er durch geistige Mitarbeit und 
durch Zuwendung materieller Mittel bis zu seinem Tode unterstützt hat. Sein 
Wirken auf historischem Gebiete hat weit über die Grenzen Rheinlands hinaus 
seine Früchte getragen. Im Jahre 1890 stellte er dem Vorstande der Gesell- 
schaft für rheinische Geschichtskunde eine erhebliche Summe zur Verfügung, 
die zur Aussetzung von Preisen für darstellende Werke über kölnische und 
rheinische Geschichte bestimmt wurde. Die erste Arbeit, welche aus dieser 
Stiftung hervorgegangen, ist die Untersuchung von Friedrich Lau: Entwick- 
lung der communalen Verfassung und Verwaltung der Stadt Köln bis zum 
Jahre 1396 (Bonn 1898). Ganz besondere Verdienste hat sich M. auch durch 
jahrelange Förderung des Historischen Archivs der Stadt Köln erworben und 
seine ausserordentlich werthvolle und umfangreiche Bibliothek, die sich aus 
allen Gebieten des Wissens zusammensetzt, ist der Stadt Köln vermacht 
worden. Bei Gelegenheit der goldenen Hochzeitsfeier Kaiser Wilhelms I. 1879 
hat M. der Stadt Köln, die er als seine zweite Vaterstadt liebte, die Summe von 
191 500 M. als Grundstock zur Errichtung einer Handelsakademie über- 
wiesen. Durch testamentarische Bestimmung ist dieses Capital noch be- 
trächtlich vermehrt, so dass demnächst die Akademie ins Leben treten wird. 
In einer nachgelassenen, 1879 verfassten Schrift hat M. selbst die Ziele der 
zu begründenden Akademie dargelegt. 

An Ehrungen und Anerkennungen hat es M. in seinem langen, segens- 
reichen Leben nicht gefehlt. Wilhelm I., der oft und gern seinen Rath ein- 
geholt, hat seine Verdienste unter Anderm durch die Verleihung des Adels 
anerkannt und die Stadt Köln hat ihm 1891 das Ehrenbürgerrecht verliehen. 
Die philosophische und juristische Facultät der Universität Bonn haben ihn 
zum Doctor honoris causa ernannt und mit warmen anerkennenden Worten 
den Mann gepriesen, der »nach Aller Urtheil unter die Leuchten und Zierden 
des Vaterlandes« gerechnet werden muss. 

Reden und Redner des ersten Prcussischen Vereinigten Landtags. Herausgegeben 
von R. Haym. Berlin 1847. H. Laube, Das erste Deutsche Parlament. 3 Bde. Leipzig 1849. 
J. Proelss, Wie das erste Deutsche Parlament entstand: Gartenlaube 1898 No. i flf. 
W. Wichmann, Denkwtirdigkeiten aus dem ersten deutschen Parlament. Hannover 1890. 
Kölnische Zeitung, 21. Mai 1885 No. 140; 28. Okt. 1891 No. 872; 24. Nov. 1891 No. 946; 
19. Mai 1895 No. 442; 20. Mai 1895 No. 444; 15. Aug. 1899 No. 636; 14. Jan. 1900 Nr. 36. 
Albert Drossong in der Illustrirten Zeitung vom 31. Aug. 1899 No. 2931. H. Keussen in 
den Deutschen Geschichtsblättem (herausgegeben von Armin Tille) Bd. i (1899) S. 31. 
Gustav y. Mevissen. Ein Nachruf. Von Constantin Höhlbaum: Historische Zeitschrift 
Bd. 84 S. 72 — 79. Gustav von Mevissen 1815 — 1899. Ein Nachruf. Von J. Hansen: 
Sond.-Abd. aus dem 19. Jahresbericht der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 
(1900). Eine grössere Biographie v. Mevissens steht demnächst zu erwarten. 

— y- 

Ernst, Professor Dr. Adolf, ein um die Kunde von Venezuela hochver- 
dienter Deutsch-Amerikaner, * am 6. October 1832 zu Primkenau in Schlesien, 
f am II. August 1899 in Caracas in Venezuela. — Nach dem Besuch des 

14* 



212 Ernst. Greflfrath. 

Gymnasiums in Breslau studirte E. zuerst in Breslau, dann in Berlin und 
Leipzig Naturwissenschaften und neuere Sprachen und war dann einige Jahre 
in Hamburg als Lehrer an höheren Privatschulen thätig. Im December 1861 
wanderte E. nach Venezuela aus und widmete sich in der Hauptstadt 
Caracas dem höheren Lehrfache. Alsbald begann er auch mit der natur- 
wissenschaftlichen Erforschung der Umgebung von Caracas und gründete 1867 
eine Sociedad de Ciencias Fisicas de Venezuela, deren Präsident er wurde. 
E. war bald der beste Kenner der Flora und Fauna des Landes ; auch durch 
sorgsame Sammlung des anthropologischen und archäologischen Materials 
von Venezuela hat er die wichtigsten Hilfsmittel für das Ausland zusammen- 
gebracht. Im Auftrage der Regierung präparirte und ordnete E. die Samm- 
lungen * venezolanischer Producte, die auf verschiedene Ausstellungen in 
Bremen, Wien, Philadelphia u. a. gesandt wurden. Ein werthvolles Buch 
von ihm war »La Exposicion nacional de Venezuela en 1883« (Caracas 1886), 
in dem er eine grosse Anzahl wichtiger Daten und Bestimmungen über die 
Producte des Landes niederlegte. Im October 1874 wurde E. zum ordent- 
lichen Professor an der Centraluniversität von Venezuela für die neu ge- 
schaffenen Lehrstühle für Naturwissenschaften und deutsche Sprache, sowie 
zum Director des Nationalmuseums und der Universitätsbüiothek ernannt. 
Nach vielen Seiten war in dieser Weise der Verstorbene fllr die wissenschaft- 
lichen Bestrebungen seines neuen Vaterlandes thätig, an Auszeichnungen 
mannigfacher Art hat es ihm denn auch nicht gefehlt und die einheimischen 
Zeitungen widmeten ihm nach seinem Tode ehrenvolle Nachrufe. Dem 
deutschen Namen hat Dr. Adolf Ernst Ehre gemacht. 

In der »Nature«, im »Globus« und anderen Zeitschriften hat E. zahl- 
reiche Aufsätase über Venezuela veröffentlicht. 

Vgl. Globus, 1900, 77. Bd. S. 134. 

W. Wolkenhauer. 



Greffrath, Henry, geographischer Schriftsteller, ♦ am 3. Februar 181 8 
auf dem Rittergute Amalienhof bei Tcterow in Mecklenburg-Schwerin, f am 
4. Juni 1899 zu Dessau im hohen Alter von 81 Jahren. — Seine Schul- 
bildung erhielt G. vom 13. Jahre ab auf dem Gymnasium in Güstrow, dann 
studirte er von 1838 an zuerst auf der Universität Rostock Theologie, dann 
Philologie und Naturwissenschaften in Leipzig und Berlin. Das Revolutions- 
jahr 1848 zog auch den jungen G. in seinen Bann und nöthigte ihn dann, 
Europa zu verlassen. Er entschied sich für Australien, wo gerade die reichen 
Goldfelder in Neu-Süd- Wales und Victoria entdeckt waren. Die Reise dahin 
auf einem miserablen deutschen Aus Wanderungsschiffe unter Führung eines 
noch miserableren Capitäns war eine Vorschule für die buntscheckigen Aben- 
teuer, welche ihm bevorstanden. G. versuchte zunächst sein Glück in den 
nordwestlich von Melbourne gelegenen Goldfeldern Castlemaine und Bendigo, 
er gehörte aber zu den Vielen, welchen hier Nieten zufielen. Nach mannig- 
fachen Kreuz- und Querzügen kam G. nach Adelaide, wo er als Professor 
für neuere Sprachen Anstellung fand. Ausserdem importirte er kistenweise 
deutsche Classiker u. s. w., fiir welche in der Colonie ein guter und lohnender 
Absatz bestand. In den langen Sommer- und Winterferien unternahm er in 
der Regel Excursionen landeinwärts und benutzte überhaupt jede Gelegenheit, 
sich von dem ihm lieb gewordenen Continent eine gründliche Kenntniss zu 



Grefifrath. Schwartz. 213 

erwerben. Zu Anfang der 70er Jahre kehrte G. aus Gesundheitsrücksichten 
nach Deutschland zurück, Hess sich zuerst in Jena, dann in Dessau als Privat- 
mann nieder, verheirathete sich und widmete im übrigen seine Müsse ganz 
der geographischen Schriftstqllerei. Als einer unserer besten deutschen Kenner 
Australiens, mit dessen Colonien er bis zu seinem Tode in regstem Verkehr 
blieb, war er unseren geographischen Zeitschriften, dem Globus, Aus allen 
Welttheilen, dem Ausland, Petermanns Mittheilungen, der Deutschen Rund- 
schau für Geographie und Statistik, den Deutschen Geographischen Blättern 
u. a. ein sachkundiger und getreuer Berichterstatter über alle australischen 
Reisen und wirthschaftlichen Verhältnisse. 

Vgl. D. Rundschau f. Geogr. u, Statistik, X. Bd., 1888, wo sich eine kurze Biographie 
und ein Portrait findet. 

W. Wolkenhauer. 



Schwartz, Marie Esperance von, vorwiegend Reise- und Memoiren- 
schriftstellerin, * in Southgate in der Grafschaft Hertford (England) am 
8. November 1818 (nicht 182 1), f in Ermatingen in der Schweiz am 
20. April 1899. — Diese unter dem Namen Elpis Melena bekannte Schrift- 
stellerin war die Tochter eines in England ansässigen Bankiers aus Hamburg, 
Namens Brandt, und hat ihre englische Nationalität stets beibehalten. Ihre 
Erziehung erhielt sie vorwiegend in Genf und Rom, besonders durch eine 
Verwandte ihrer Mutter, die als Erzieherin der weimarischen Prinzessinnen 
wohlbekannte Esperance Sylvestre. Das hochbegabte Kind erwarb sich 
schon früh bedeutende Kenntnisse und verrieth besonders für Sprachen ein 
hervorragendes Talent, das sich in der Folge immer mehr ausbildete, so dass 
sie schliesslich acht Sprachen beherrschte. Mit 15 Jahren zu einer unsym- 
pathischen Heirath mit einem Vetter, gleichfalls Bankier, überredet, endete 
der Selbstmord des Gatten schon nach einem Jahre dies erste, peinliche Ver- 
hältniss. Die Wittwe ging nun nach Rom, wo ihre Salons bald einen an- 
ziehenden Mittelpunkt für die fremde Aristokratie und die Künsderwelt 
bildeten. Im Jahre 1844 ging sie eine zweite Ehe ein mit einem Hamburger, 
von Schwartz, den sie in Italien kennen gelernt hatte. Mit demselben 
unternahm sie dann, meist zu Pferde, eine grosse Reise durch Griechenland, 
die Türkei, Kleinasien nach Aegypten und erlitt auf dem Wege nach Tunis 
bei Stora Schiffbruch, aus dem sie nur durch Zufall ihr Leben rettete. Die 
Beschreibung dieser Reise in »Blätter aus dem afrikanischen Reisetagebuche 
einer Dame« (II, 1849) bildete den ersten literarischen Versuch der Schrift- 
stellerin. Indessen gestaltete sich auch diese zweite Ehe zu keiner glück- 
lichen, und 1854 wurde dieselbe gerichtlich gelöst. Bereits 1849 hatte 
Esperance ihren festen Wohnsitz in Rom genommen, zu einer Zeit, als der 
Name des Republikaners und Freiheitskämpfers Garibaldi in dem Munde aller 
Römer war; sie interessirte sich schon damals für den Helden und sollte 
später in seinem Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Einstweilen 
huldigte sie einer unbezähmbaren Reiselust und schrieb in den Tagen der 
Ruhe ihren Roman »Memoiren eines spanischen Piasters« (II, 1857). Im 
Herbst 1857 trat sie zu Garibaldi auf der Insel Caprera in persönliche 
Beziehungen; sie besuchte ihn häufig daselbst, enthob ihn mancher Sorge 
um die Kinder und leistete ihm durch ihren Einfluss manchen gefahrvollen 
politischen Dienst, wie sie auch in seiner Gefangenschaft und Verwundung 



214 Schwarte. Dresky. 

seine getreueste Pflegerin war. Garibaldi gab ihr aus Dank das eigenhändige 
Manuscript seiner Memoiren, die sie glücklicherweise schnell ins Deutsche 
übersetzte, noch ehe Alexander Dumas, dem Garibaldi gleichfalls diese 
Memoiren zur Verfügung gestellt hatte, mit denselben für immer aus Rom 
verschwand. Jene Uebersetzung erschien als »Garibaldis Denkwürdigkeiten. 
Nach handschriftlichen Aufzeichnungen desselben und nach authentischen 
Quellen« (II, 1860). Andere Werke der Schriftstellerin, die den Beziehungen 
zu Garibaldi entsprangen, sind »Hundert und ein Tag auf meinem Pferde. 
Nebst Besuch auf der Insel Maddalena« (1860), worin die Reise der Ver- 
fasserin zu Pferde von Rom zu ihrem Bruder nach Luzern und ein Besuch 
bei Garibaldi auf Caprera geschildert werden, »Blicke auf Calabrien und die 
Liparischen Inseln im Jahre 1860« (i86i), »Garibaldi im Varignano in 1862 
und auf Caprera 1863« (1864) und »Garibaldi. Mittheilungen aus seinem 
Leben« (II, 1884). Gegen Ende des Jahres 1865 verlegte Esperance Schw. 
ihren Wohnsitz nach der Insel Kreta, wo sie sich im Dorfe Chalepa bei 
Kanea mitten zwischen den Weingärten ein reizendes Heim schuf, in welchem 
sie, wenn sie nicht auf Reisen war, bis zum Jahre 1896 als gütige Fee 
waltete, unbeirrt durch die steten Aufstände, welche die Insel durchzitterten. 
Der Wohlfahrt des kretischen Volkes widmete sie die grössten Opfer an Zeit 
und Geld; sie gründete Krankenhäuser, Asyle, Schulen, übersetzte deutsche 
Schulbücher ins Neugriechische und in der »Kreta- Biene« (1874) kretische 
Volkslieder, Sagen u. s. w. ins Deutsche. Auf dem Gebiete des Thierschutzes 
entfaltete sie eine Thätigkeit, die sich über ganz Europa erstreckte. In 
Kanea gründete sie ein Thierspital für Pferde, Esel u. s. w., und die zahl- 
losen Strassenhunde wurden täglich gefüttert. Zahlreiche Broschüren in den 
verschiedensten Sprachen mussten um Förderer des Thierschutzes und um 
Gegner der Vivisection werben. Mohamedaner und Kreter zollten der Dame 
die höchste Ehrerbietung, und bei allen politischen Wirren auf der Insel ist 
ihr und ihrem Besitzthum nie eine Schädigung widerfahren. Während ihres 
Wohnsitzes auf Kreta veröffentlichte sie noch »Der junge Stelzen tänzer. 
Episode während einer Reise durch die wesdichen Pyrenäen« (1865), »Die 
Insel Kreta unter der ottomanischen Verwaltung« (1867), »Von Rom nach 
Kreta. Reiseskizze« (1870), »Gemma, oder Tugend und Laster. Novelle<r 
(1877), »Dr. E. G. F. Grisanowski (Hauptvertreter der Agitation gegen die 
Vivisection). Mittheilungen aus seinem Leben und seinen Briefen« (1890) 
und »Erlebnisse und Beobachtungen eines mehr als 20jährigen Aufenthalts 
auf Kreta« (1892). Nach Aufgabe ihres Wohnsitzes auf Kreta hat Esperance 
Schw. vorwiegend in der Schweiz gelebt und in Ermatingen ist sie hoch- 
betagt gestorben. 

Persönliche Mittheilungen. — Das Illustrirtc Mode-Journal. Jahrg. 1875, S. 649. — 
Männer der Zeit. Biograph. Lexikon der Gegenwart. Mit Supplement: Frauen der Zeit. 
Leipzig 1862, S. 75. — Vossische Zt^itung vom 30. April 1899. 

Franz Brummer. 



Dresky, Ferdinand Justus von, General der Artillerie z. D., zuletzt In- 
specteur der 2. Feld-Artillerie-Inspection, * 5. Mai 181 8 zu Wesel, f 29. März 
1899 ^" Berlin. 

D.'s Name ist eng mit dem deutschen Siege von Vionville — Mars la Tour, 
dem Ehrentage der Artillerie des III. Armee-Corps, verknüpft. 



Dresky. Lange (Galen). 215 

Aus einer Soldatenfamilie stammend und im Cadetten-Corps erzogen, 
kam er, 18 jährig, als Second-Leutnant zur Garde-Artillerie-Brigade und 
erhielt 1865 als Major die wichtige Stellung als i. Adjutant der General-In- 
spection der Artillerie. In dieser Eigenschaft machte er den Feldzug von 
1866 im Grossen Hauptquartier mit und hatte, wenn ihm auch persönliches 
Hervortreten nicht vergönnt war, doch reiche Gelegenheit, Studien über die 
Verwendung seiner Waffe zu machen, deren Material und Tactik damals noch 
viel zu wünschen übrig Hess. Als Director der Vereinigten Artillerie- und 
Ingenieurschule war er in den folgenden Friedensjahren in der Lage, das 
Seinige zur Beseitigung der erkannten Mängel beizutragen. 

Mit welchem Erfolge die Artillerie jene Uebergangszeit auszunutzen ver- 
standen hatte, bewies ihre Thätigkeit im französischen Kriege. D. aber 
konnte in seiner Person als Führer der Corps-Artillerie des III. Armee-Corps 
ein mustergültiges Beispiel für die Verwendung der Waffe im grösseren 
Verbände geben. In der oben genannten Schlacht, in der das III. Armee- 
Corps vor einer besonders schweren Aufgabe stand, war es wesentlich seine 
durch General v. Bülow und Oberst von Dresky geführte Artillerie, die ihm 
das stundenlange Ausharren gewaltiger Uebermacht gegenüber ermöglichte. 
Auch in der Schlacht von Beaune la Rolande fanden Truppe und Führer 
erneute Gelegenheit zu glänzendem Hervortreten. 

Nach dem Friedensschlüsse trat D. wieder in seine Stellung als Director 
der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule zurück und war später bis zu 
seinem Ausscheiden aus dem activen Dienste (1884) in mehrfach wechselnden 
Vertrauensstellungen für seine Waffe und die Armee thätig. 

Der Militärschriftsteller Fritz Hoenig hat ihm in seinem »Volkskrieg an 
der Loire« Band VI. Seite 304 f. ein schönes Denkmal gesetzt. Auch das Buch 
»Die Thätigkeit des General v. Bülow in der Schlacht von Vionville« von 
Hans Klaeber, Oberstleutnant a. D., wird seinen Verdiensten voll gerecht. 

D., in vielen Dingen Autodidact, hatte sich reiches Wissen erworben, 
war aber vor Allem ein Mann des Könnens. Für kameradschaftlichen Ver- 
kehr, für Humor und Witz war er besonders begabt, daneben ein hervor- 
ragender Musikkenner und ausübender Künstler. Ihm verdankt die Berliner 
Garnison die Stiftung des Offizier-Musik-Vereins,) den er viele Jahre mit 
grossem Erfolge leitete. 

Mit dem Kaiser, der bei dem Heimgang des Generals der Wittwe sein 
besonderes Beileid aussprach, bewahrt auch die Armee dem Verewigten ein 
treues Gedächtniss. 

V. Frobel. 



Lange, Ernst Philipp Karl (Pseudonym Philipp Galen), Romanschrift- 
steller, ♦ in Potsdam am 21. December 1813, f daselbst am 20. Februar 1899. 
— Er war der Sohn eines sehr beliebten königl. Hofwundarztes, eines Ehren- 
mannes, der äusserst reiche und seltsame Jugendschicksale erlebt hatte, und 
dem der Sohn später in seinem Roman »Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem 
Leben eines Arztes« (IV, 1856) ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Schon 
in frühen Jahren versuchte sich der ideal veranlagte Jüngling, angeregt durch 
seine fein gebildete Mutter wie durch andere geistig hervorragende Frauen, 
in dichterischen Productionen. Nach Absolvirung des Gymnasiums bezog L. 
1835 ^^^ Universität Berlin, wo ihm viele innere Kämpfe anfänglich das 



21 6 Lange (Galen). 

Leben verbitterten, da er gegen seine Neigung sich zum Studium der Medicin 
genöthigt sah und als Zögling des Friedrich Wilhelms -Instituts bei sehr be- 
schränkten Mitteln wenig von der goldenen Freiheit des akademischen Lebens 
geniessen konnte. Einige Entschädigung hierfür bot ihm das Studium der 
Literatur, Aesthetik und Geschichte, und noch als Student schrieb er sein 
1871 veröffentlichtes historisches Charaktergemälde »Friedrich in Rheinsberg«. 
Nach seiner Promotion (1839) fungirte L. zunächst als Chirurg an der Charit^ 
in Berlin, trat 1840 als Compagnie-Chirurgus in die preussische Armee ein 
und widmete sein besonderes Interesse nunmehr den Gemüthskranken in 
Irrenhäusern und Gefängnissen. Die Früchte seiner Beobachtungen und ein- 
gehenden psychiatrischen Studien legte er dann in einem Roman »Der Irre 
von St. James« (IV, 1854) nieder, der zwar erst nach acht Jahren erschien, 
aber den Namen des Autors doch allgemein und vortheilhaft bekannt machte. 
Im Jahre 1844 hatte L. sein Staatsexamen abgelegt, war 1845 Oberarzt am 
Cadettenhause zu Potsdam und 1847 ^is Landwehr-Bataillonsarzt nach Bielefeld 
versetzt worden; von hier aus machte er 1849 ^^^ Dirigent eines Feldlazaretts 
den Feldzug in Schleswig mit, nahm auch später an dem Einmarsch der 
Preussen in Kurhessen teil. In Bielefeld hatte er auch seinen Hausstand 
gegründet; aber bei der kärglichen Besoldung, die ihm der Staat zahlte, war 
er auf eine anstrengende Landpraxis angewiesen, um sich mit seiner Familie 
kümmerlich durchzuschlagen. Da kam ihm eines Tages der Gedanke, wie 
wohl einem Menschen zu Muthe sein müsse, der soviel Geld habe, dass er 
es nicht ausgeben könne. Diese Frage suchte er sofort durch seinen Künstler- 
roman »Der Inselkönig« zu beantworten, worin er zeigt, was ein Mensch mit 
vielen Mitteln leisten könne, wenn er die Einsicht und das Herz dazu hat. 
In sechs Wochen war der fünfbändige Roman fertig und wurde dem »Verlags- 
comptoir in Grimma und Leipzig« zum Druck angeboten. Als nach Jahres- 
frist keine Entscheidung erfolgt war, reklamirte L. seinen Roman, erhielt aber 
die naive Antwort: der Roman sei seit einem Jahre gedruckt, der Verleger 
aber — todt. Dieser Mittheilung lag ein Exemplar bei mit dem Titel *^Der 
Inselkönig. Roman aus Herlosssohns nachgelassenen Papieren von Philipp 
Galen« (V, 1852). Dieses ihm gewissermassen aufgedrungene Pseudonym hat 
L. denn auch für die Zukunft festgehalten und unter diesem Namen noch 
folgende Romane veröffentlicht: »Walter Lund« (III, 1855), >^ Andreas Burns 
und seine Familie« (IV, 1856), »Baron Brandau und seine Junker« (II, 1858), 
»Emery Glandon« (III, 1859), »Der Strandvogt von Jasmund« (IV, 1859), 
»Der Sohn des Gärtners« (IV, 1861), »Die Insulaner« (IV, 1861), »Nach 
zwanzig Jahren« (III, 1864), »Der Leuchtturm auf Kap Wrath (III, 1862), 
»Der grüne Pelz« (IV, 1863), »Der Erbe von Bettys Ruh« (IV, 1866), »Jane, 
die Jüdin« (III, 1867), »Die Tochter des Diplomaten« (IV, 1867), »Das Irr- 
licht von ArgentitTes« (III, i868), »Walram Forst, der Demagoge« (IV, 1868), 
^>Der Löwe von Luzern« (V, 1869), »Der Friedensengel« (III, 1870), «Irene, 
die Träumerin« (III, 1873), »Der Alte vom Berge« (III, 1873), »Der Rastel- 
l)inder« (III, 1874!, »Der Einsiedler vom Abendberg« (III, 1876), »Die Mosel- 
nixe« (III, 1877), »Frei vom Joch« (III, 1878), »Die Perle von der Oie« (IV, 
1880), »Der Meier von Montjardin« (II, 1891), sowie auch die Novellen- 
sammlung »Der Pechvogel und andere Erzählungen« (1883). L. offenbart in 
seinen Romanen, die seinerzeit viel gelesen wurden, »ein liebenswürdiges 
Erzählertalent, eine plastische Gestaltungskraft und die (»abe, interessante 
Charaktere zu erfinden und sie mit psychologischer Feinheit und minutiöser 



Lange (Galen). Safferling. 217 

Sorgfalt zu entwickeln. Charakteristisch für alle seine Schriften ist auch die 
ausgeprägte und mit Meisterschaft getroffene Lokalfarbe, die Auffassung und 
Wiedergabe der Sitten und Gebräuche, der öffentlichen Feste wie häuslichen 
Gewohnheiten der Bewohner verschiedener Länder und Gaue. Eine besondere 
Erwähnung verdient die reine sittliche Tendenz, die sich überall kundgiebt. 
Frei von jeder Unduldsamkeit kämpft er als ausgesprochener Christ für Wahr- 
heit und Recht weniger durch doctrinäre Schönrednerei als durch geschickte 
Personificirung von Idealgestalten«. Wer ausserdem das vielbewegte Leben 
des Verfassers näher kennt, wird sofort erkennen, dass er in seinen Romanen 
die meisten Begebenheiten und Schicksale, die ihn selbst berührten, nieder- 
gelegt hat. Aus dem äusseren Leben desselben wäre noch hinzuzufügen, dass 
L. als Stabsarzt 1857 in seine Vaterstadt Potsdam versetzt ward und 1878 
mit dem Charakter eines Oberstabsarztes in den Ruhestand trat. Am 
27. April 1897 war es ihm vergönnt, die Feier seiner goldenen Hochzeit zu 
begehen, bei welcher Gelegenheit es die Potsdamer an reichen Ehrungen 
nicht fehlen Hessen. 

Biographische Einleitung zu Langes Novellensammlung »Der Pechvogel« von Hans 
Ziegler. — Verschiedene Artikel über Lange in Zeitungen und Journalen. 

Franz Brummer. 



Safferling, Benignus von, Königlich Bayrischer General der Infanterie 
z. D., General- Adjutant Sr. Majestät des Königs, ä la suite des 1 1. Infanterie- 
Regiments V. d. Tann, zuletzt Kriegsminister, * 30. November 1825 zu 
Freising inOberbayern, f 4. September 1899 '^^ Partenkirchen. 

Der Verstorbene hatte seine Erziehung in Griechenland erhalten, wohin 
sein Vater dem Könige Otto gefolgt war. Aus dem griechischen Cadetten- 
Corps trat er 1841 in die griechische Armee ein, verliess sie aber schon 1843, 
um in die deutsche Heimath zurückzukehren. Noch in demselben Jahre 
wurde er im bayrischen Heere angestellt und 1845 zum Officier befördert. 
Im Feidzuge von 1866 wurde er im Gefecht von Helmstadt als Haupt- 
mann verwundet, war 1870/71 (Jeneralstabsofficier der I.Infanteriedivision 
und fand vielfach, namentlich bei Wörth und Sedan, Gelegenheit zur Aus- 
zeichnung, sodiiss er den Militär Max Josefs-Orden, den höchsten bayrischen 
Kriegs-Orden, erhielt. 

Seine Hauptthätigkeit, die seinen Namen dauernd mit der Geschichte 
der Königlich Bayrischen Armee verknüpft hat, begann indessen erst in den 
folgenden Friedenszeiten, als es sich darum handelte, die bayrischen Truppen 
unter voller Wahrung ihrer durch die Verträge von Versailles gewährleisteten 
Selbständigkeit doch taktisch und organisatorisch dem norddeutschen Heere 
anzugliedern. Als Militärbevollmächtigter Bayerns bei der Occupationsarmee, 
als Mitglied der Commission für Abänderung der Vorschriften über die 
WafFenübungen der Infanterie, endlich als Commandeur des Instructions- 
Bataillons, das dem neuen Exerzier-Reglement Eingang in die Truppe ver- 
schaffen sollte, fand v. S. schon als Major reiche Gelegenheit, seine Eigenart 
zu bethätigen. Als Oberstleutnant trat er dann wieder in den Frontdienst 
zurück, war später Commandeur der bayrischen Besetzungsbrigade in Metz, 
dann der 2. Division und wurde am 6. Mai 1890 Kriegsminister. 

Die drei Jahre seiner Amtsthätigkeit als solcher sind gekennzeichnet durch 
die Reorganisation vom October 1890 und manche andere ernste Angelegen- 



2 1 8 Safferling. Meyer. 

heiten, die an die Arbeitskraft des Ministers hohe Anforderungen stellten. 
Vor Allem aber verstand General v. S. es in seltenem Masse, sich nicht nur 
die Gnade seines Kriegsherrn zu erhalten, sondern auch das Vertrauen der 
Armee auf die feste und zuverlässige Vertretung ihrer berechtigten Interessen 
nach aussen hin zu erwerben. An Anerkennung hat es ihm nicht gefehlt 
und als er 1893 aus dem Amte und 1899 aus dem Leben schied, hat der 
Prinz-Regent ihm beziehungsweise seinen Hinterbliebenen in warmen Worten 
ausgesprochen, wie nahe er ihm stand und wie sehr er seinen Verlust beklage. 

V. Frobel. 



Meyer, Clemens Friedrich, Schriftsteller, * am 15. Mai 1824 in Arolsen 
im Fürsten th um Waldeck (daher sein Schriftstellername: Meyer von Wal deck), 
f am 16. Mai 1899 in Heidelberg. — Er erhielt den ersten Unterricht in 
einer Privatanstalt seiner Vaterstadt, besuchte 1837 — 38 das Gymnasium in 
Wetzlar und entschloss sich, von der Natur und dem Schaffen in unmittel- 
barer Berührung mit derselben angezogen, die Bergwissen Schäften zu studiren. 
Zu diesem Studium bereitete er sich 1838 — 40 auf der polytechnischen 
Schule in Cassel vor und widmete sich dann von Michaelis 1840 bis Ostern 
1842 auf der Bergakademie in Klausthal der Theorie und Praxis des Berg- 
wesens. Zu höheren akademischen Studien ging er darauf an die Universität 
Berlin, absolvirte auch, um sich das Recht der Anstellung im preussischen 
Staatsdienste zu erwerben, am Cöllnischen Gymnasium daselbst nachträglich 
die Maturitätsprüfung. Nachdem er ein Jahr lang dem Studium der Natur- 
wissenschaften obgelegen, auch während desselben eine grössere Fussreise 
durch die mineralogisch interessantesten Gegenden Deutschlands unternommen 
hatte, gab er jenes Studium auf: seine schon aus der Kindheit stammende 
Vorliebe für die Poesie und Litteratur war mit neuer Kraft erwacht, hatte 
sich sogar mit zwei poetischen Arbeiten (»Der Paria. Ein Gedicht«, 1843; 
»Bilder aus dem Bergmannsleben«, 1844) schon in die OefFentlichkeit gewagt, 
und so wählte er für seine weiteren wissenschaftlichen Studien das Gebiet 
der deutschen Sprache, Literatur und Alterthumskunde. K. Lachmann und 
die Brüder Grimm waren dabei seine hervorragendsten Führer. Im December 
1845 zum Dr. phil. promovirt, beabsichtigte M., sich an der Berliner Uni- 
versität als Privatdocent zu habilitiren; indes der Ruin des elterlichen Ver- 
mögens zerstörte diese Aussichten für die Zukunft, und so nahm er eine 
Stelle als Erzieher in Kurland an. Bis 1847 lebte er als solcher im Hause 
des Barons von der Recke auf Neuenburg und bis zum Sommer 1849 l^eim 
Grafen Medem auf Altautz und Rempten. Darauf absolvirte er an der 
Universität Dorpat die Examina als Oberlehrer der deutschen und lateinischen 
Sprache, übernahm* dann an Stelle eines erkrankten Freundes die Leitung 
einer Knabenschule in Mi tau und kehrte im Sommer 1850 nach Dorpat zu- 
rück, wo er sich ein Jahr lang ununterbrochen mit gelehrten Arbeiten be- 
schäftigte. Die literarischen Früchte dieses Aufenthaltes waren: »Historische 
Studien, i. Theil: Studien über deutsche Geschichte, Art und Kunst« (1851) 
und »Die Statistik des ethischen Volkszustandes. Ein Beitrag zur Theorie der 
Staatenkunde« (185 1). Im Sommer des Jahres 1851 begab sich M. nach 
St. Petersburg, und schon im Mai 1852 wurde er von der Akademie der 
Wissenschaften zum Chefredacteur der »St. Petersburger deutschen Zeitung<c 
ernannt. »Während er als solcher durch Jahrzehnte ehrlich und gewissen- 



Meyer. Ziemietzky. 219 

haft seine Pflicht gegen das neue Vaterland erfiillte und fiir dessen Wohl und 
Gedeihen, für seine geistige und materielle Entwicklung wirkte, trug er die 
Liebe für die alte Heimat, für seine Landsleute und Stammesgenossen un- 
entwegt im Herzen, und wenn er es als seine erste Aufgabe betrachtete, Auf- 
klärung und Gesittung, Recht und Licht in Russland zu verbreiten, so fühlte 
er sich doch in zweiter Linie als Vertreter des Deutschthums und der Deut- 
schen in Russland; und wo Deutschland den Kampf aufnahm mit feindlichen 
Gewalten (wie 1866 und 1870), da trat er mit der ganzen Kraft seiner Ueber- 
zeugung für das alte Vaterland ein.« Der deutsche Wohlthätigkeitsverein, 
ein Institut von colossaler Tragweite, verdankte ihm, dem langjährigen Vice- 
präsidenten, seine Reorganisation und höchste Blüthe. Im Jahre 1853 war 
M. auch von der historisch-philosophischen Facultät der Petersburger Univer- 
sität zum Lector der deutschen Sprache und Literatur erwählt worden — als 
solcher wurde er später zum Collegienrath ernannt — und 1858 hatte er auch 
die Stelle eines Oberlehrers der deutschen Sprache an der Hauptschule zu 
St. Petri übernommen. Alle diese Aemter behielt er bis zum Jahre 1874, wo 
ein andauerndes Nervenleiden ihn zwang, dieselben aufzugeben und zunächst 
an die Wiederherstellung seiner Gesundheit zu denken. Er zog zunächst nach 
Bonn, später nach Heidelberg, habilitirte sich hier nach seiner völligen Ge- 
nesung als Privatdocent für die germanistischen Wissenschaften (1880), wurde 
drei Jahre später zum ausserordentlichen Professor ernannt und 1896 durch 
Verleihung des Titels eines Hofraths ausgezeichnet. Die schriftstellerische 
Thätigkeit M.'s bot namentlich während seines Aufenthalts in Petersburg eine 
reiche Ausbeute. Aus dem Inhalt der von ihm geleiteten Zeitung lieferte er 
in drei Jahrgängen (1853 — 55) das »Magazin für die Kunde des geistigen 
und sittlichen Lebens in Russland«, und aus dem Feuilleton derselben Zei- 
tung »Belletristische Blätter aus Russland«. Im Auftrage des Petersburger 
poetischen Vereins gab er die »Schneeflocken. Poetisches Jahrbuch« (II, 
1857 — 58) heraus. An eigenen Arbeiten erschienen von ihm »Poetische 
Schriften, i. Theil: Blätter aus dem Gedenkbuche eines Bergmanns« (1854), 
''>Die Erbin von Glengary. Schauspiel« (1866), während eine Reihe von 
Dramen (»Der Feind vor Odessa«, 1854 — »Der Pate des Cardinais«, 
1855 — »Ganz was Aparts«, 1856 — »Childerich«, 1869) nur als Manu- 
script gedruckt sind. Aus der Heidelberger Zeit stammen noch »Russische 
Erzählungen in deutscher Uebersetzung« (1878), »Goethes Märchendichtungen« 
(1879) ""^ »Unter russischem Scepter. Erinnerungen eines deutschen Publi- 
cisten« (1893). 

Persönliche Mittheüungen. — Adolf Hinrichsen, das literarische Deutschland. 2. Aufl. 
Berlin 1891, S. 895 fr. 

Franz Brummer. 



Ziemietzky, Hellmuth von, General der Infanterie z. D., ä la suite 
des Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm IV. (i. Pommersches) No. 2, 
zuletzt Gouverneur von Cöln, * 18. Juni 1824 zu Xanten, f 8. Juni 1899 auf 
seinem Gute Niederstruse in Schlesien. 

Er kam 1842 aus dem Cadetten-Corps in das 16. Infanterie-Regiment 
und trat, nachdem er am Strassenkampf in Berlin theilgenommen hatte, 1848 
zur Schlewig-Holsteinschen Armee tiber. 1849 zurückgekehrt, war er zeitweise 
Adjutant der 3. mobilen Division, während des Feldzuges in Baden 1860 



2 20 Ziemietzky. Speckbacher. Moser. 

wurde er Major im Generalstabe und war während der Kämpfe in Böhmen 
Generalstabsoffizier der 9. Division (Corps Steinmetz). Nach dem Kriege hatte 
er die damals schwierige Stellung als Chef des GeneralsUibes des X. Armee-Corps 
(Hannover) inne und machte den deutsch-französischen Feldzug als Commandeur 
des Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm IV. (i. Pommersches) No. 2 
mit, wobei er wiederholt Gelegenheit zur Auszeichnung fand. 

Später Commandeur erst der 56., dann der 42. Infanterie-Brigade, der 
31. und der 3. Division, wurde er 1882 Gouverneur von Cöln und schied im 
folgenden Jahre aus dem Dienste. Am 100 jährigen Gedenktage der Geburt 
Kaiser Wilhelms des Grossen stellte ihn sein Kriegsherr, der ihn besonders schätzte, 
ä la suite des ausgezeichneten Regiments, das er einst im Feldzuge mit Ruhm 
geführt hatte. 

V. Frobel. 



Speckbacher, Caspar, Dichter, * am 3. Juni 1819 in Ober-Miming im 
Oberinnthal, f daselbst am 25. Septbr. 1899. — Seine Bildung erhielt Sp. in 
Innsbruck, wo er die Volksschulen, das Gymnasium sammt den philosophischen 
Cursen und drei Jahre lang die Universität besuchte, an der er die Rechte 
studirte. Ein viertes Studienjahr brachte er an der Hochschule zu Padua zu. 
Nach ausgezeichnet bestandenen praktischen Prüfungen war er in Reutte, 
Silz, Imst und Klausen im Justizdienste thätig und zwar als Staatsanwalts- 
substitutionsleiter, als Bezirksvorsteher und Bezirksrichter in Imst. Seit 1850 
erschien Sp. auch als Dichter mit Beiträgen in verschiedenen Anthologien, 
und tragen diese Arbeiten in Form, Ausdruck und Gedanken ein stark 
poetisches Gepräge an sich, so dass man ihn schon damals allgemein den 
»patriotischen Sänger von Imst« nannte. Im Jahre 1859 war er I.andes- 
defensions-Commissär und 1863 und 1865 Landtagsabgeordneter für den 
Bezirk Imst — Silz — Reutte. Im Jahre 1883 trat er mit dem Titel eines 
kaiserlichen Raths in den Ruhestand und lebte er seitdem abwechselnd in 
Imst oder in seinem schönen Heimathdorfe. Seine Müsse benutzte er auch 
zur Sammlung eines Theiles seiner Gedichte, die 1887 unter dem Titel 
»Epitaphien« erschienen. Mit einem Büchlein »Sprüchlein« war er schon 1859 
an die Oeffentlichkeit getreten. 

Ambros Mayr, Tiroler Diphtcrbuch. Innsbruck 1888, S. 226. 

Franz Brummer. 



Moser, Otto, Schriftsteller und Lokalchronist, * in Leipzig am ly.Novbr. 
i8i6, f daselbst am i. Januar 1899. — M. hatte sich nach erlangter Schul- 
bildung dem Baufache gewidmet und war schliesslich Pionieroffizier in Dresden 
gewesen. Nach seinem Austritt aus dem Heere kehrte er nach Leipzig zu- 
rück und ergriff hier den journalistischen Beruf. Er war bis 1866 Redacteur 
der Zeitschrift »Für Nah und Fern« und lieferte für dieselbe zahlreiche 
novellistische Arbeiten. E^in Theil derselben erschien s])äter gesammelt als 
»Lustige Geschichten« (1875) und »Soldatengeschichten« (1875), Später 
widmete sich Moser speciell der Erforschung und Darstellung der Lok al- 
geschichte Leipzigs, und er galt auf diesem Gebiete mit Recht als Autorität. 
In fast sämmtlichen Leipziger Blättern, besonders im »Leipziger Tageblatt« 
und den »Leipziger Neuesten Nachrichten« erschienen seine Notizen und 



Moser. Schuler v. Senden. Woenig. 221 

lokalgeschichtlichen Erinnerungen, und im Verein für die Geschichte Leipzigs 
zählte er zu dessen eifrigsten Mitgliedern. Von seinen nach dieser Richtung 
hin veröffentlichten Schriften sind zu erwähnen: »Chronik der Stadt Leipzig 
und ihrer Umgebung« (1877) — »Chronik von Reudnitz« — »Führer durch 
das sächsische Erzgebirge und Vogtland« — »Durch das Unstrutthal und die 
Goldene Aue« — »Durch das Muldethal« — »Durch Leipzig und seine nahe 
und weitere Umgebung«. 

Das literarische Leipzig. lUustrirtes Handbuch. S. 110. — Zeitungsnachrichten. 

Franz BrÜmmer. 



Schuler v. Senden, Ernst Freiherr, Generalleutnant z. D., zuletzt Com- 
mandeur der 12, Division, ^ 25. April 181 2 zu Breslau, f 16. Januar 1899 
zu Dessau. 

Mit dem im hohen Alter von 87 Jahren verstorbenen General v. S. ist 
einer der letzten selbständigen Truppenführer aus dem deutsch-französischen 
Kriege heimgegangen. 

Er stammte aus einer alten, in den Annalen der preussischen Armee 
vielfach in Ehren genannten Officierfamilie und kam aus dem Cadetten-Corps 
1829 als Fähnrich zum 2. Infanterie - Regiment. 1866 war er Commandeur 
des 3. Rheinischen Infanterie-Regiments No, 29, führte später die combinirte 
Infanterie -Brigade des IL Reserve-Armee-Corps und wurde nach dem Kriege 
Generalmajor und Commandeur der 17. Infanterie -Brigade. Bei Ausbruch 
des deutsch-französischen Krieges erhielt er das Commando der 3. Landwehr- 
Division, die bald nach Metz herangezogen wurde und mit der er noch an 
der Schlacht von Noisseville und dem Gefecht von Bellevue theilnehmen 
konnte. 

Weiter fiel ihm dann die selbstäiyiige Aufgabe zu, die Festung Mezi^res 
einzuschliessen, dann P<§ronne zu belagern. Am 5. Januar 187 1 nahm er mit 
der 14. Infanterie -Division, deren Commando ihm inzwischen übertragen 
worden war, die Festung Rocroy. Dann marschirte er mit seiner Division 
nach dem südlichen Kriegsschauplatz und nahm mit ihr unter dem Ober- 
befehl des Generals v. Manteuffei an den Kämpfen gegen Bourbaki ehren- 
vollsten Antheil. 

Nach dem Friedensschlüsse wurde er Commandeur der 11. Division und 
trat 1872 in den Ruhestand, in dem es ihm vergönnt war, sich noch fast 
27 Jahre lang eines glücklichen Lebensabends zu erfreuen. 

v. Frobel. 



Woenig, Franz, Schriftsteller und Dichter, * am 28. Februar 185 1 in 
Breitenhagen a. d. Elbe (Provinz Sachsen), f am 16. Februar 1899 ^^ 
I^eipzig. — Er war der Sohn eines Schiffseigen thümers und sollte nach des 
Vaters Wunsch Seemann werden, während andere Familienglieder ihn dem 
geistlichen oder dem Beamtenstande zuführen wollten. Alle diese Pläne 
wurden jedoch in Folge eines jahrelangen Nervensiech thums des Knaben hin- 
fallig, und erst im 15. Lebensjahre war seine Gesundheit so weit gekräftigt, 
dass er an die Wahl eines Lebensberufs denken konnte. Er entschloss sich, 
Lehrer zu werden, besuchte 1868 — 71 das Seminar in Barby bei Magdeburg 
und wurde dann als Lehrer nach Aken ä. d. Elbe gesandt. In seinen knapp 



2 22 Woenig. Heuduck. 

bemessenen Mussestunden beschäftigte er sich eifrig mit Literatur, Musik und 
den Naturwissenschaften. Ostern 1874 ging er nach Leipzig, wo er neben 
seiner Berufsthätigkeit als Lehrer an der Universität Pädagogik und Natur- 
wissenschaften studirte, praktisch in mehreren Laboratorien arbeitete, eifrig 
Vorlesungen über Kunstgeschichte hörte und als fleissiger Schüler von Prof. 
Dr. Georg Ebers den Grund zu seinem späteren Specialfache, der Aegyptologie, 
legte. Nach dreijährigem Studium trat er Ostern 1877 als Lehrer in den 
Dienst der Stadt Leipzig, indem er eine Stelle an einer Bürgerschule tiber- 
nahm; daneben unterrichtete er seit 1878 ausschliesslich als Lehrer der Natur- 
wissenschaften an einer höheren Privatmädchenschule, am Kindergärtnerinnen- 
Seminar und am Lyceum für Damen, bis der Tod seiner Thätigkeit ein Ziel 
setzte. — Als Schriftsteller hat sich W. besonders mit seinem botanisch- 
culturhistorischen Werke »Die Pflanzen im alten Aegypten« (1886 2. Aufl. 
i888) einen Namen gemacht, eine Arbeit, der von allen Aegyptologen und 
Naturforschern uneingeschränktes Lob gespendet wurde. In derselben Richtung 
bewegen sich seine kleineren Arbeiten »Pflanzenformen im Dienst der bildenden 
Künste« (2. Aufl. 1881) und »Am Nil. Bilder aus der Culturgeschichte des 
alten Aegyptens« (3 Bdchn. 1892 — 98). In den Jahren 1890 — 95 unternahm 
W. während der Sommermonate im Auftrage des ungarischen Ministeriums 
botanische Studienreisen in die ungarische Tiefebene und legte die Früchte 
seiner Beobachtungen in folgenden Schriften nieder: »Eine Pusstenfahrt. 
Bilder aus der ungarischen Tiefebene« (1892 2. Aufl. 1894), »Die ungarische 
Steppenflora« (1892), »Hej, die Pussta. Bilder aus der ungarischen Tiefebene« 
(1897) und »Ungarische Volkslieder für eine Singstimme mit Pianoforte- 
begleitung« (1893). Auch als Dichter ist W. vielfach hervorgetreten, und 
wenn er auch nicht zu den führenden Geistern gezählt werden kann, so ent- 
behren seine Gedichte doch nicht der Formschönheit und tiefen Empfindung; 
viele derselben sind darum auch von bekannten Componisten vertont worden. 
An lyrischen Dichtungen liegen vor »Haiderosen« (187 1), »Vom Wegrande« 
(1889); an epischen Dichtungen veröffentlichte er eine Reihe Kriegsdichtungen, 
die den besten Schöpfungen des poetischen Schlachtenmalers C. F. Scheren - 
berg an die Seite gestellt werden können, »Das Weltgericht bei Sedan« 
(187 1), »Aus der Schlacht bei Villiers-Brie« (2. Aufl. 1886), »Der Todesritt 
von Vionville« (2. Aufl. 1889), »Aus grosser Zeit« (Dichtungen zu lebenden 
Bildern für patriotische Feste, 1890), »Bei Buzancy« (2. Aufl. 1886), »Ein 
«Reiterleben« (1892). Von anderen Publicationen seien hier noch genannt 
»Diclytra. Ein Blumenmärchen für die Frauenwelt« (1881), »Vöglein im 
Walde« (Novelle, 188 1) und einige Weinachtsfestspiele. 

Persönliche Mittheilungen. — Tetzner, Unsere Dichter in Wort und Bild, 5. Bd. 
Leipzig 1895, S. II. — C. Ziegler, Dichter im deutschen Schulhause. Bielefeld 1892, 
S. 358. 

Franz Brummer. 

Heuduck, Wilhelm von, General der Cavallerie z. D., ä la suitc des 
Dragoner-Regiments Prinz Albrecht v. Preussen (Litthauisches) No. i ., zuletzt 
Commandirender General des XV. Armee-Corps, ♦ 5. April 1821 zu Breslau^ 
f 20 November 1899 zu Baden-Baden. 

H.'s Verdienste lagen hauptsächlich auf cavalleristischem Gebiete. 1838 
kam er als Secondleutnant aus dem Cadetten-Corps zum damaligen 9. Hu- 
saren-Regiment, nahm mit diesem am Feldzuge in Baden theil und wurde 



Heuduck. Hohenbausen. 



223 



im Gefecht von Kuppenheim verwundet, war dann in wechselnden Stellungen 
auch während der Kriege gegen Dänemark und Oesterreich thätig und in 
letzterem eine Zeit lang Commandant von Brunn. 

1867 wurde er Commandeur des i. Hessischen Husaren -Regiments 
No. 13, das er im Feldzuge von 1870/71 mit grossem Erfolge führte. 

Seine ganze bisherige Laufbahn hatte seine besondere reiterliche Befähi- 
gung erkennen lassen und so finden wir ihn als Generalmajor und General- 
leutnant von 1876 bis 1884 in der wichtigen Stellung als Chef des Militär- 
Reit-Instituts zu Hannover, zugleich aber vielfach verwendet bei der Ausbildung 
grösserer Cavallerie- Massen. 1884 wurde er Commandeur der Cavallerie- 
Division des XV. Armee-Corps und wohnte, ein genauer Kenner der fran- 
zösischen Armee und Sprache, im Herbste den Uebungen des XVII. fran- 
zösischen Armee-Corps bei. Im folgenden Jahre erbat sich Feldmarschall 
Manteuffel, der Statthalter von Elsass- Lothringen, und zugleich commandi- 
render General des XV. Armee-Corps war, den General v. H. als militärischen 
Adlatus; nach Manteuffels Tode wurde er sein Nachfolger in der Führung des 
Corps, bis er Ende 1890 aus dem activen Dienste schied. 

V. Frobel. 



Hohenhausen, Elise Baronin von, Schriftstellerin, * in Eschwege am 
7. März i8i2, f in Berlin am 31. Januar 1899. — Sie war die Tochter 
jener bekannten Baronin Elise Philippine Amalie von H., geborenen von Ochs, 
die sich als Dichterin und erste Uebersetzerin der poetischen Werke Walter 
Scotts und Lord Byrons einst in der deutschen Literatur einen wohlgeachteten 
Namen erworben hatte. Ihr Vater, Baron Leopold von H., stand bis 1813 
als Präfect in Diensten des Königs Jerome von Westfalen, und als er nach 
Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft von seiner Regierung nicht 
sogleich wieder in Dienst verwendet werden konnte, nahm seine Gattin hoch- 
herzig die Sorge für die Familie auf sich, indem sie durch ihre Feder mit 
für die Unterhaltung derselben beitrug. Die Familie lebte nach 1813 erst 
in Cassel, dann in Münster, (seit 181 7), wohin der Vater als preussischer 
Regierungsrath versetzt worden war, und seit 1820 in Berlin. Das gesell- 
schaftliche Geistesleben der Hauptstadt stand damals gerade in höchster Blüthe, 
und es gelang der schönen und geistreichen Mutter bald, einen Elitekreis um 
sich zu schaffen, dessen interessanteste Typen sich der jungen Elise, die trotz 
ihres zarten Alters schon überall mit hingenommen wurde, unauslöschlich ein- 
prägten. Unter den bedeutsamen Persönlichkeiten, die im Hohenhausenschen 
Salon verkehrten, seien hier besonders Varnhagen von Ense mit seiner geist- 
reichen Gattin Rahel Levin, Helmina von Chezy, Fouqud, Chamisso, Amalie 
von Hellwig, der junge Heinrich Heine genannt, die sich alle Dienstage in 
dem literarischen Cirkel der Eltern versammelten. Im Jahre 1824 kehrte die 
Familie nach Minden zurück, und hier bethätigte sich die junge Elise bald 
literarisch als Mitarbeiterin an dem von ihrem Vater herausgegebenen 
»Sonntagsblatt«, ftir welches sie Novellen und Skizzen, Uebersetzungen aus 
dem Englischen und Französischen schrieb. Mit 19 Jahren vermählte sie sich 
auf den Wunsch ihrer Eltern mit dem Oberregierungsrath Rüdiger in Minden, 
der bald darauf nach Münster versetzt ward, und hier verlebte die junge 
Frau insofern die entscheidendste Epoche (1831 — 45), als sie die intimste 
Freundin der Annette von Droste-Hülshoff wurde, Deutschlands grösster 



2 24 Hohehausen. Paar. 

Dichterin. Das Bündniss ist auch erst durch den Tod gelöst worden. In 
Minden, wohin der Gatte zurückversetzt ward, nahm Elise ihre 1848 ver- 
wittwete Mutter zu sich, und beide arbeiteten gemeinschaftlich für das 
Cottasche Wochenblatt. Nach mehreren Jahren erfolgte die Uebersiedelung 
der ganzen Familie nach Frankfurt a. O., und hier, in einer mehr vornehmen 
und eleganten, als gerade geistig bewegten Gesellschaft lebend, ruhte die 
schriftstellerische Thätigkeit Elisens fast gänzlich. In Frankfurt verlor sie 
auch ihre Mutter (1857) und ihren vortrefflichen Gatten, mit dem sie fast 
30 Jahre in glücklicher, wenn auch kinderloser Ehe verbunden war. Sie zog 
nun mit ihrer Pflegetochter, dem einzigen Kinde ihrer früh verstorbenen 
Schwester, nach Berlin, nahm ihren Geburtsnamen wieder an und trat bald 
wieder in das geistige und literarische Leben der Hauptstadt ein. In ihrem 
Salon verkehrten Gutzkow und die Gräfin Luise von Stolberg, die Freundin 
Friedrich Wilhelms IV., bis zu ihrem Tode, der unglückliche Albert Lindner 
war ein häufiger Gast, und Ernst von Wildenbruch las dort zuerst seine 
Dramen vor. In besonders nahe Beziehungen trat sie zu den beiden 
Dichterinnen von Olfers, Mutter und Tochter, und mit dem Prinzen Georg 
von Preussen, dem unter dem Pseudonym Georg Conrad schreibenden dra- 
matischen Dichter, verband sie eine wirkliche, durch Jahre dauernde Freund- 
schaft. Im Jahre 1897 konnte sie in tadelloser Geistesfrische ihren 85. Ge- 
burtstag feiern, an welchem es die distinguirte Gesellschaft Berlins nicht an 
Ehrungen hat fehlen lassen. — Unter den Schriften Elisens nehmen ihre 
»Berühmte Liebespaare« (1870. Neue Folge 1876. Dritte Folge 1882. Vierte 
Folge 1884) den ersten Rang ein. Ein Gegenstück dazu bilden die »Denk- 
male der Freundschaft« (1872), eine Sammlung von Essays, und ihr Buch 
»Aus Goethes Herzensleben. Wahrheitsgetreue Darstellungen« (1884). Daran 
schliessen sich »Der Roman des Lebens. Neue Novellen aus der höheren 
Gesellschaftswelt« (II, 1876), »Neue Novellen« (1890), »Romantische Bio- 
graphien aus der Geschichte« (1878), »Drei Kaiserinnen. Biographische 
Skizzen (1888) und einige treffliche Uebersetzungen von Longfellow und Young 
im Versmass des Originals. 

Persönliche Mittheilungen. — Lina Morgenstern, Die Frauen des 19. Jahrhunderts, 
2. Bd., S. 297. — Richard Wrede und Hans von Reinfels, Das geistige Berlin, i. Bd., 
S. 198. — Rudolf Eckart, Der deutsche Adel in der Literatur. Berlin 1895, S. 73. — 
Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder, Berlin 1898. i. Bd., S. 370. 

Franz Brummer. 



Paar, Mathilde, Schriftstellerin, ♦ in Cassel am 6. April 1849, t ^" 
Leipzig am 23. Juni 1899. — Sie war die Tochter des kurfürstlich hessischen 
Regierungs-Probators Adolf P. und erhielt im Elternhause mit noch zwei 
Geschwistern eine sorgfältige Erziehung. Ihr poetisches Talent offenbarte 
sich sehr frühe und suchte mit Vorliebe in der dramatischen Form Ausdruck, 
noch ehe sie ein Theater kennen gelernt hatte. Der erste Besuch desselben, 
verbunden mit dem Lesen der Dramen Schillers, übte denn auch einen be- 
strickenden Einfluss auf das junge Mädchen aus. Aber mitten im Sturm und 
Drang der neuen Empfindungen befiel die Dichterin ein Nervenleiden, das 
sie zur Aufgabe ihres Planes, sich der Lehrthätigkeit zu widmen, nöthigtc, 
und das erst durch einen Aufenthalt in Davos in der Schweiz (1876) gehoben 
ward. Verschiedene Reisen durch Deutschland und die Schweiz, ein mehr- 



Paar. Quaritsch. 225 

jähriger Aufenthalt in Leipzig, der zum Studium an der Universität benutzt 
und besonders anregend durch den Verkehr im HirzePschen Hause wurde, 
endlich der Genuss und das Studium des Kunstlebens in Berlin, wo sie ein 
Jahr lang ihre erkrankte Schwester in der Hausführung vertrat, hatten auf 
ihre poetische Gestaltungskraft den nachhaltigsten Einfluss. Als sie dann 
1879 wieder in das Elternhaus nach Cassel zurückkehrte, begann sie hier 
Unterricht in der Kunst- und Literaturgeschichte zu ertheilen, und diese 
Lehrthätigkeit, die sie voll befriedigte, setzte sie auch fort, als sie 1886 ihren 
Wohnsitz nach Leipzig verlegte. — Sie ist vorwiegend auf dramatischem Ge- 
biet schriftstellerisch thätig gewesen und hat mit manchem ihrer Stücke einen 
schönen Bühnenerfolg gehabt. Zu nennen sind die — meist als Manuscript 
gedruckten — Lustspiele: »Die Wahrheit« (1875), »Der Champagnerpfropfen« 
(1877), »Der Wagen kommt« (.1878), »Chambre garnie« (1879), »Ein Roman« 
(1879), »Der Brautkranz« (1879), **^^^ wilde Rose« (1888) — die Schau- 
spiele: »Helene« (1882), »Verirrungen« (1886), »Desirde« (1886), »Isolina 
Janson« (1890), »Die Geschwister« (1891). Ausserdem hat sie in den letzten 
Jahren ihres Lebens für das königliche Theater in Cassel sämmtliche Fest- 
spiele gedichtet. Kurz vor ihrem Tode erschien noch eine Sammlung ihrer 
»Gedichte« (1899). 

Persönliche Mittheilungen. — Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder. 
Berlin 1898. 2. Bd., S. 112. 

Franz Brummer. 



Quaritsch, Bernhard, ein weltbekannter Buchhändler und Antiquar, 
* 23. April 181 9 in der kleinen preussischen Stadt Worbis (Prov. Sachsen), 
f i8. December 1899 in London. Der junge Q. kam zu dem Buchhändler 
Koenig in Nordhausen in die Lehre, wo er bittere I^ehijahre durchzumachen 
hatte. Bald erkannte der Principal jedoch, dass er hier einen eigenartigen 
erfindungsreichen Kopf vor sich hatte, der mehr konnte, als Bücherpackete 
machen. Damals, in den dreissiger Jahren, war das Bücherauctionswesen 
noch verhältnissmässig neu und als Q. für seinen Lehrherm seinen ersten 
Auctionskatalog angefertigt hatte, war der Erfolg der Versteigerung glänzend. 
Bei Bernhard Q. war aber Schmalhans Küchenmeister, trotzdem erlahmte er 
nicht in dem Bestreben, sich fortzubilden und namentlich von zwei im Orte 
ansässigen Engländern die englische Sprache zu erlernen, indem er den 
Vikar of Wakefield mit ihnen las. Nach einer weiteren Stellung in Berlin 
siedelte der junge Buchhändler im Jahre 1842 nach London über, wo er 
für seine Ideen schnell den geeigneten Boden fand, indem er bei dem weit- 
blickenden Antiquar Bohn eintrat, bei dem er eine noch festere Grundlage 
für sein bibliographisches Wissen legte. Im Jahre 1847 machte sich Q. 
selbstständig und gründete eine Antiquariatsbuchhandlung. Nach wenigen 
Jahren hatte er die allgemeinste Aufmerksamkeit der Sammler und Forscher 
auf sich gezogen, als es ihm gelang, bei der Auction der Bibliothek des 
Bischofs von Kashel ein Exemplar der Mazarin-Bibel für 1 2 000 Mark zu er- 
stehen, wozu damals besonderer Muth gehörte. Bald galt Q. auf dem 
europäischen Büchermarkte als der beliebteste, aber auch geflirchtetste Käufer 
und Bieter. Seine wissenschaftliche Autorität in der Bestimmung von Hand- 
schriften, in der Unterscheidung alter, undatirter Ausgaben von Frühdrucken 
der Schwarzen Kunst war unbestritten. Es gab für ihn allmählich bei wirk- 

Bioffr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4 Bd. I c 



2 20 Quaritscb. Rrtselcr. 

liehen Seltenheiten keine Preise mehr, die er nicht den Muth gehabt hätte, 
zu bezahlen. Bei der Parkins-Auction im Jahre 1873 erwarb er Bücher und 
Handschriften für 220000 Mark, in der berühmten Didot- Versteigerung Selten- 
heiten für 232000 Mark, in der Sunderland-Auction für 660000 Mark u. s. w. 
Auch ist er es gewesen, der den höchsten Preis für ein Buch bezahlte, der 
je angelegt worden ist, 99000 Mark für das von Fust und SchöfFer 1459 
gedruckte Psalterium, das erste in Deutschland mit einer Jahreszahl er- 
schienene Werk. Q. gab über sein Lager gegen 1000 Einzelcataloge heraus 
sowie den »General Catalogne of old books and manuscripts« (6 Bde., 
1887/88 und 7. Bd. Index, 1892; Preis 12 Guineen, enthaltend 40000 Artikel). 
Q. verfasste selbst »Paleography- Notes upon the history of writing and the 
medieval art of illumination« (London, 1894). 

Vgl. MUhlbrecht, BUcherliebhaberei in ihrer Entwickig. bis zu Ende des 19. Jahrh. 
2. Aufl. 1898 (auch mit Portrait). 

W, Wolkenhauer. 



Röseler, Friedrich Wilhelm, Schriftsteller und Dichter, * 14. März 1848 
zu Neumünster in Holstein, f 21. Januar 1899 in Hamburg. Seine erste 
Ausbildung erhielt er in einer Privatschule seiner Vaterstadt und besuchte 
dann, nachdem er den Plan, Maler zu werden, infolge des Widerstandes 
seiner Eltern aufgegeben hatte, von 1863 an das Realgymnasium in Rends- 
burg. 1867 verliess er dasselbe und trat als Lehrling in die Herzbruchsche 
Buchhandlung in Flensburg ein. Hier lernte er kurz vor Beendigung seiner 
Lehrzeit Wilhelm Jensen kennen, der damals der Redaction der »Flenzburger 
Norddeutschen Zeitung« angehörte. Auf Jensens Anregung hin beschloss R. 
sich dem literarischen Berufe zu widmen. Michaelis 1870 ging er nach 
Berlin, wo er sich zunächst mit literarhistorischen, geschichtlichen und philo- 
sophischen Studien beschäftigte, um darauf mehrere Jahre hindurch in der 
Reichshauptstadt eine reiche literarische Thätigkeit zu entfalten, die nur 
durch grössere Reisen in Deutschland, Frankreich, Holland, Belgien und 
Amerika unterbrochen wurde. 1877 kehrte er in seine Vaterstadt Neumünster 
zurück und ridigirte hier bis zum August 1879 den »Holsteinischen Courier«. 
Bald siedelte er jedoch wieder nach Berlin über, wo er von 1881 — 86 als 
Mitredacteur des »Berliner Fremdenblattes« wirkte und seitdem als freier 
Schriftsteller lebte. Obwohl R. den grössten Theil seines Lebens ausserhalb 
Schleswig-Holsteins verbrachte, gehörte sein Interesse doch dauernd seiner 
alten Heimat, was auch seine literarischen Arbeiten klar erkennen 
lassen. Beachtenswerth sind in dieser Beziehung besonders die Dichtungen 
»Nordische Eichen« (Berlin 1876), in denen der Verfasser es sich zum Ziel 
setzte, »die rühm- und sturmvolle Vergangenheit seiner meerumschlungenen 
Heimat in ihren Haupt-Momenten, vom Jahre 1145 — 1626, in grösserer Aus- 
führlichkeit und mit möglichst enger Anlehnung an die uns von den Chro- 
nisten überkommenen Sagen und Historien in gebundener Rede vorzufuhren«, 
eine Aufgabe, die er nach Form und Inhalt in gleich ansprechender Weise 
gelöst hat. Zahreiche literarhistorische und novellistische Beiträge erschienen 
aus seiner Feder in »Westermanns Monatsheften« (1872), in der »Gegenwart« 
(1873 und 1874) und einer ganzen Reihe von Tageszeitungen. Von seinen 
grösseren Arbeiten seien noch folgende erwähnt: Matthias Claudius und sein 
Humor. Berlin 1873; Domröschen. Ein Liebeslied in zehn Gesängen. Gar- 



Rösdler. Kolb. Cerri. 227 

ding 1882; Graf Wolf Baudissin als Diplomat und Uebersetzer (Schleswig- 

Holsteinische Jahrbücher, Redig. von W. Biernatzky, Bd. 2, 1885, S. loi ii. 

197 ff.); Brockenteufel. Ein Harzlied. Berlin 1887; die Barberina ib. 1890. 

Vgl. Alberti, Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen und Eutiniscben Schrift- 
steller von 1866 — 1882, Bd. 2, 1886, S. 182; BrUmmer, Lexikon der deutschen Dichter 
und Prosaisten des neunzehnten Jahrhunderts, 4. Ausg. Bd. 3, S. 346: Itzehoer Nachrichten 
V. 29. Januar 1899. 

Joh. Sass. 



Kolb, Georg, ein junger Afrikareisender und Theilnehmer an der sog. 
Freiland -Expedition nach dem Tana, wurde am 18. September 1899 am 
Rudolf-See in Ostafrika von einem Nashorn getödtet. Nach dem Misslingen 
der Freiland -Expedition war K. in Ostafrika geblieben und versuchte im 
Juli 1894 den Kenia zu besteigen. Anfang des 1895 kam er nach Mombasa 
zurück, versah sich mit wissenschaftlichen Instrumenten und begab sich zum 
zweiten Male zu dem Berge. Er bestieg ihn von Osten her und kam bis 
innerhalb des Kraterrandes; die höchste Spitze konnte er jedoch nicht be- 
zwingen. In »Petermanns Mittheilungen« 1896, S. 221 — 231, giebt K. über 
diese zwei Reisen einen kurzen Bericht nebst Karte. Nach seiner Rückkehr 
erwarb sich K. 1897 mit einer Abhandlung »Beiträge zu einer geographischen 
Pathologie Britisch -Ostafrikas« in Giessen die medicinische Doctorwürde. 
Das Ziel von Kolbs neuer Reise, auf der er den Tod gefunden, waren die 
wildreichen, im übrigen aber noch wenig bekannten Gebiete im Osten des 
Rudolf-Sees. 

Vgl. Geographisches Jahrbuch, XXII. Bd. 

W. Wolkenhauer. 



Cerri, Cajetan, Dichter, ♦ am 26. März 1826 in Bagnolo bei Brescia 
in Italien, f in Karlsbad am 27. Mai 1899. — ^^ ^^^^ ^^^ Sohn des k. k. 
Distriktcommissärs in Cremona und kam mit 13 Jahren nach Wien, wo er im 
damaligen Stadt -Convict Aufnahme fand. Die deutsche Sprache war ihm 
damals vollständig fremd; aber kaum hatte er einen kleinen Einblick in die 
deutsche Literatur gewonnen, so trieb ihn der Ehrgeiz, Goethes »Werthers 
Leiden« in der Originalsprache selbst lesen und dieses Werk mit Foscolos 
Stoff- und form verwandtem Buche »Le ultime lettere di Jacopo Ortis« ver- 
gleichen zu können, zu einem andauernden Studium des deutschen Idioms 
und zu einer Anwendung desselben in eigenen Gedichten an. Das erste der- 
selben erschien im Winter 1845 in Bäuerles »Theaterzeitung«. Das Jahr 1847 
brachte C. in verschiedenen Städten Oberitaliens zu, in Venedig, Padua, 
Mailand und Cremona, und kam hier mit zahlreichen gelehrten Männern in 
persönliche Berührung. Zu Anfang des Jahres 1848 kehrte er nach Wien 
zurück, wo aber seine juridischen Studien durch die Zeitereignisse eine 
Unterbrechung erfuhren. Nach grösseren Reisen trat er als überzähliger 
Praktikant bei der Amtsverwaltung Schotten, später als Candidat beim 
Ministerium für Landescultur und Bergwesen ein und übernahm zugleich die 
Stelle eines Professors der italienischen Sprache und Literatur am Wiener 
Conservatorium. Um diese Zeit entfaltete C. auch eine umfassende literarische 
und journalistische Thätigkeit. Er redigirte 1850 — 51 und 1855 — 56 die in 

^5* 



2 28 Cerri. Ehlert. Wisotzki. 

Graz erscheinende Damenzeitung »Iris« und 1854 das Feuilleton des »Corriere 
italiano«, gab 1848 seine »Politischen Liebeslieder«, 1850 die deutschen Lieder 
eines Italieners »Glühende Liebe«, wie auch verschiedene Uebersetzungen 
aus dem Italienischen heraus und schrieb 1852 — 56 in der »Leipziger Theater- 
Chronik« auf Laubes Anregung die »Wiener Briefe über das Burgtheater c. 
Um die Mitte der 50er Jahre wurde C. Official beim Ministerium des Innern, 
später Hofsecretär im Ministerium des Aeussem und schliesslich Sectionsrath 
in demselben. Im Jahre 1888 trat er in den Ruhestand und lebte seitdem 
in Ober-Döbling bei Wien seinen literarischen Neigungen. Zunehmende 
Kränklichkeit veranlasste ihn, nach Karlsbad überzusiedeln, und hier ist er 
auch gestorben. Aus der zweiten Periode der poetischen Thätigkeit C.'s 
stammen seine Sammlungen »Inneres Leben« (1860); »Aus einsamer Stubcc 
(1864); »Gottlieb. Ein Stillleben« (1871) und »Sturm und Rosenblatt. 
Dramatische Dichtung« (1872), die einen gewaltigen Fortschritt gegen die 
früheren Dichtungen bekunden. In seinem letzten Werke »Ein Glaubens- 
bekenntniss. Zeitstrophen« (1872) hält er mit rückhaltsloser Offenheit im 
dichterischen Zorne und in schwungvollen Versen der entarteten Zeit ein 
trauriges Spiegelbild vor. 

Wurzbach 's Biographisches Lexikon des Kaiserthums Ocsterreich ; II, 322. — Ludwig 
Kisenberg, Das geistige Wien; I, 68. 

Franz Brummer. 



Ehlert, Dr. Reinhold, ein junger hoffnungsreicher Gelehrter auf dem 
Gebiete der Erdbebenkunde, ♦ am 16. Juni 1871 als einziger Sohn des 
geschätzten Musikschriftstellers Louis Ehlert, f am 2. Januar 1899 bei 
einer Schneeschuh fahrt auf dem Sustenpass. — E. widmete sich seit 
1890 in Strassburg und Berlin und dann wieder in Strassburg geogra- 
phischen, geodätischen und mathematischen Studien und nahm 1894 als 
Schüler Prof. G. Gerlands die durch den frühen Tod von Dr. E. v. Rebeur- 
Paschwitz abgebrochenen seismologischen Beobachtungen mit dem Hori- 
zontalpendel wieder auf, über die er seine Doctorarbeit (1896) veröffent- 
lichte. In einer folgenden Schrift »Das dreifache Horizontal pendel« legte 
er die Vorzüge dieses von ihm verbesserten Apparates dar und hatte den 
schönen Erfolg, dasselbe mit den von ihm geschaffenen Verbesserungen als 
Grundlage für die geplanten internationalen Erdbebenbeobachtungen an- 
genommen zu sehen. Seine letzte Arbeit: »Zusammenstellung, Erläuterung 
und kritische Beurtheilung der wichtigsten Seismometer mit besonderer Berück- 
sichtigung ihrer praktischen Verwendbarkeit« wurde von der philosophischen 
Facultät der Strassburger Universität mit einem Preise gekrönt. Mit seinem 
Freunde Dr. Gustav Mönnichs wurde er ein Opfer des Alpensports; es wird 
angenommen, dass beide junge Gelehrte im oberen Maienthaie von einer 
Lawine erfasst und verschüttet worden sind. 

Vgl. Petermanns Geogr. Mittheilungen 1899 von G. Gerland. 

W. Wolkenhauer. 



Wisotzki, Otto Emil Samuel, Dr. phil., Professor und Oberlehrer am 
Friedrich Wilhelms-Realgymnasium zu Stettin, * am 27. August 1855 ^^ Szillen 
bei Tilsit, f am 14. September 1899 in Stettin. W. besuchte das Gymnasium 



Wisotzki. Birch- Hirschfeld. 220 

zu Tilsit und studirte dann seit Ostern 1875 Rechts- und Staatswissenschaften 
in Königsberg. Doch schon im zweiten Studiensen\ester trat W. in die 
philosophische Facultät über und widmete sich nun dem Studium der neueren 
Sprachen, der Geschichte und vorzugsweise der physikalischen Erdkunde und 
deren Geschichte, Disciplinen, zu denen ihn der vorzügliche Unterricht des 
sowohl durch kritische Begabung als formvollendeten Vortrag ausgezeichneten 
Herrn Oberlehrer Dr. Fischer in Tilsit angeregt hatte. Unter seinen Univer- 
sitätslehrern trat W. dem Historiker Maurenbrecher, besonders aber dem 
Geographen Hermann Wagner näher; mit letzterem blieb er dann bis zu 
seinem Tode in wissenschaftlicher Verbindung. Nachdem W. im November 1879 
mit einer Arbeit über »Die Vertheilung von Wasser und Land an der Erd- 
oberfläche« promovirt, im Anfang des Jahres 1880 sein Examen pro fac. doc. 
bestanden hatte, war er anderthalb Jahre wissenschaftlicher Hilfslehrer am 
Gymnasium in Bartenstein, genügte dann seiner Militärpflicht in Königsberg 
und kam dann am i. October 1883 ^.n das städtische Real-Gymnasium in 
Stettin. Eben 44 Jahre alt, haben unglückliche Verhältnisse den fleissigen 
und tüchtigen Mann in einen freiwilligen Tod getrieben. 

W. war ein sehr anregender und erfolgreicher Lehrer der Geschichte, 
wusste die Jugend für sie und durch sie zu begeistern und erfüllte somit das 
Ideal, das Göthe in der Beschäftigung mit der Geschichte fand, als er sagte, 
dass das Beste, was wir von ihr gewinnen, die Begeisterung sei. Aber als 
Gymnasiallehrer glaubte W. noch nicht seinen eigentlichen Beruf gefunden 
zu haben, sein höchstes Ziel war eine Universitätsprofessur, die ihm gewiss 
auch noch geblüht hätte, wenn er nicht so frühzeitig aus dem Leben ge- 
schieden wäre. 

W.'s Schriften gelten, wie bereits seine Dissertation, fasst ausschliesslich 
der Geschichte und Methodik der Erdkunde, deren gründlicher Kenner er 
war. Auf seine Dissertation folgten: »Die Classifikation der Meeresräume« 
(Progr. des Stadt. Real-Gymn. zu Stettin 1883); »Zur Geschichte der geo- 
graphischen Gesellschaften« (Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu 
zu Stettin, 1885); »Zur Methodik Carl- Ritters« (Programm der Friedrich 
Wilhelms-Schule zu Stettin, 1885); »Zur horizontalen Dimension bei C. Ritter« 
(Jahresbericht des Vereins für Erdkunde« zu Stettin, 1887); »Hauptfluss und 
Nebenfluss. Versuch einer begriff'lichen Nachbildung desselben« (Stettin 1889); 
»Die Strömungen in den Meeresstrassen. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Erdkunde«. (Im »Ausland« 1892; No. 29 — 36.) W.'s letzte und Hauptarbeit 
ist sein verdienstvolles Werk »Zeitströmungen in der Geographie« (Leipzig 1897, 
8*^ 467 S.), in dem er in neun einzelnen Abhandlungen werth volle Beiträge 
liefert für die Geschichte der Erdkunde des sechszehnten bis neunzehnten 
Jahrhunderts in ihrem Zusammenhang mit der sonstigen geistigen und cul- 
turellen Entwickelung dieses Zeitraumes. 

Vgl. Geogr. Jahrbuch, XXII. Bd., 1899. 

W. Wolkenhauer. 



Birch-Hirschfeld, Felix Victor, Geheimer Medicinalrath, ordentlicher 
Professor der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie an der 
Universität Leipzig, * 2. Mai 1842 in Kluvensieck bei Rendsburg, f 19. November 
1899 ^" Leipzig. Nach Beendigung seiner Studien in Leipzig bestand er 
daselbst 1867 das medicinische Staatsexamen, promovirte zum Dr. med. und 



2 '10 Birch-Hirschfeld. 

war darauf zwei Jahre hindurch unter seinem Lehrer Ernst Leberecht Wagner 
Assistent am pathologischen Institut. 1869 übernahm er eine Assistenten- 
stelle an den Irrenanstalten in Kolditz und Sonnenstein, wurde aber schon 
1870 als Prosector an das Stadtkrankenhaus in Dresden berufen. Seit 1871 
war er zugleich Lehrer der pathologischen Anatomie bei den Fortbildungs- 
cursen für Militärärzte, seit 1875 Mitglied des sächsischen Landesmedicinal- 
collegiums und erhielt 1881 neben der Prosectur noch die Leitung der 
Irrenabtheilung des Dresdener Krankenhauses. Am i. April 1885 erfolgte 
seine Berufung nach Leipzig, wo er der Nachfolger Cohnheims wurde. Seit 
1891 vertrat er die Universität in der ersten Kammer. 

»B.-H. trat zu einem Zeitpunkt in die wissenschaftliche Arbeit ein, 
als auf dem durch Virchows Riesenarbeit geschaffenen Fundament der natur- 
wissenschaftlichen Pathologie neue Anschauungen und Fortschritte sich auf- 
bauten.« Sich ganz auf dieses Fundament stellend, wurde er einer der eif- 
rigsten und fruchtbarsten Förderer der medicinischen Wissenschaft. Allen 
seinen Arbeiten ist »eine ausserordentliche Objectivität und Gemessenheit 
des Urtheils bei schärfster Genauigkeit der Beobachtung und Strenge der 
Schlussfolgerung eigen«. Glücklichste Verwerthung des reichen Beobachtungs- 
materials, das ihm stets zu Gebote stand, ungewöhnliche Beherrschung der 
gesammten einschlägigen Literatur, Klarheit der Darstellung, Gedanken- 
reichthum und geistige Durchdringung des Stoffes, alle diese Vorzüge 
treten in seinen Büchern überall zu Tage und sichern ihnen dauernde Be- 
deutung. Sein »Lehrbuch der pathologischen Anatomie«, das bereits in 
5, Auflage (Leipzig 1896/97) erschienen ist und auch im Ausland mit be- 
sonderer Vorliebe benutzt wird, nimmt in der zeitgenössischen Handbuch- 
Literatur dieses Faches unbestritten den ersten Platz ein. Gleicher Werth- 
schätzung erfreut sich der »Grundriss der allgemeinen Pathologie« (Leipzig 1892). 
Dazu kommen zahlreiche andere theils für grössere Sammelwerke, theils fiir 
Zeitschriften verfasste Arbeiten, unter denen diejenigen über Infections- 
krankheiten, besonders über die Tuberculose, sowie Untersuchungen über 
Geschwülste den breitesten Raum einnehmen. Ein eingehendes, 40 Nummern 
umfassendes literarisches Verzeichniss der sämmtlichen Schriften B.-H. 's giebt 
Max Seiffert am Schluss seines Nekrologs in der »Berliner Klinischen Wochen- 
schrift«, Jg. 36, 1899, S. 1135 — 36. Von seinem Beruf als akademischer 
Lehrer hegte der Verstorbene die höchste Auffassung und widmete sich ihm 
mit ganzem Ernst und vollster Hingabe. In den Kreisen der Studirenden 
und bei seinen Assistenten war er beliebt wie kaum ein zweiter, durften sie 
doch in ihm nicht nur den Professor, sondern stets auch den theilnehmenden 
Freund voll herzlichsten Wohlwollens sehen. Das lebhafteste Interesse be- 
kundete und bethätigte er auch für die Hebung des ärztlichen Standes, und 
mit der ärztlichen Standesorganisation in Sachsen bleibt sein Name rühmlich 
verknüpft. Er war eine vornehme, allem Schein abgeneigte Natur, eine 
harmonische, in. sich geschlossene Persönlichkeit, deren Einwirkung sich 
niemand entziehen konnte, ein Charakter, dem das Vertrauen Aller gehörte. 
Alles Grosse aber, was er im Dienste der leidenden Menschheit geleistet und 
erreicht hat, es erhebt sich gewissermassen in eine noch höhere Sphäre, 
weil er die Kraft dazu viele Jahre hindurch einem schwer leidenden Körper 
abringen musste. Seit 1886 litt er an einem Lungenübel, das er sich 
infolge einer Infection am Seciertisch zugezogen hatte. Lange Zeit hindurch 
gelang es ihm, mit eiserner Energie die Krankheit immer wieder nieder- 



Birch-Hirschfeld. Bergner. Conrau. 231 

zuzwingen, bis sie schliesslich doch seinem reichen Leben ein viel zu frühes 
Ziel setzte. 

Vgl. noch: Deutsche Medicinischc Wochenschrift, Jg. 25, 1899, S. 803 ff.; Leipziger 
Neueste Nachrichten v. 21. u, 24. Nov. 1899. Illustrirte Zeitung, 1899, No. 2944; Biogra- 
phisches Lexikon der hervorragenden Aerzte, hrsg. von A. Hirsch, Bd. i, 1884, S. 465; 
Leopoldina. Organ der Leopoldino-Karolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. 
Heft 35, No. 12 (Dec. 1899), S. 192. 

Joh. Sass. 



Bergner, Karl Heinrich Rudolf, Schriftsteller, * in Leipzig am 24. Septbr. 
1860, f in Graz am 2. Septbr. 1899. — Er war der Sohn eines Bankbeamten 
und widmete sich nach Besuch des Gymnasiums für einige Zeit dem Buch- 
handel, merkte aber bald, dass dieser Beruf seinen Idealen nicht entsprach. 
Schnell entschlossen gab er denselben wieder auf und wandte sich, nach- 
dem er noch erst an der Leipziger und Wiener Universität Vorlesungen ge- 
hört hatte, literarischer Thätigkeit zu. Bestimmt durch ein reges Interesse für 
fremde Völker und Naturschönheiten, unternahm er erst allein, nach seiner 
Verheirathung (1884) mit seiner Gattin grössere Reisen durch Osteuropa, 
besonders durch das Gebiet der Karpathen, und legte dann seine Beobach- 
tungen theils in Reiseschilderungen, theils in novellistischen Arbeiten nieder, 
wie »Eine Fahrt durchs Land der Rastelbinder« (1882) — »In der Marmaros. 
Ungarische Culturbilder« (1885) — »Das Wächterhaus von Suliguli und 
andere Karpathengeschichten« (1885) — »Rumänien. Eine Darstellung des 
Landes und der Leute« (1887) — »Der Herr Executor Brandhuber. Komischer 
Roman« (1891) — »Ein Bojar von ehedem. Novelle« (1889). — »Geheim- 
nisse des Waldgebirges« (1889) — »Die Siebenbürger Sachsen« (1890) — 
»Constantinopel« (1891). Infolge seiner vielfachen Reisen wechselte er auch 
häufig seinen Wohnsitz (Wien, Josefsthal bei Baden, Hermannstadt, Marienhof 
bei Graz), bis er 1894 dauernd nach Graz übersiedelte. Hier bot sich ihm 
ein anderes Feld rastloser Thätigkeit: er wurde ein Kämpfer für den Schutz 
der Thiere. Er setzte es durch, dass in Oesterreich Gesetze gegen den 
Vogelmord erlassen wurden, und war unablässig bemüht, auch Italien endlich 
zu Vogelschutzgesetzen zu bewegen. Er w^ar Präsident des Oesterreich. 
Bundes der Vogel freunde, Präsident des Vereins für Thierschutz und Thier- 
zucht, Gründer der Zeitschrift »Illustrirter Thierfreund« (1895), die er bis zu 
seinem Tode leitete; er sandte Wanderredner in die Dörfer und Städte der 
Steiermark und Oberösterreichs und scheute keine Opfer für die Förderung 
seiner idealen Bestrebungen. Und doch war B. Verfolgungen hässlichster 
Art ausgesetzt, die den sonst so tapferen Mann, der zu kämpfen gewohnt war, 
dem Wahnsinn nahe brachten. In einem Anfall von Geistesgestörtheit, den 
die furchtbare Erregung heraufbeschwor, beging er am 18. Juli 1899 einen 
Selbstmordversuch, dem er nach mehreren Wochen schwerer Leiden erlag. 

Persönliche Mittheilungen. — Berliner Tageblatt vom 8. Septbr, 1899. — Ludwig 
Eisenberg, das geistige Wien I, 31. 

Franz Brummer. 



Conrau, Gustav, ein Kaufmann, der sich um die Erforschung des west- 
lichen Hinterlandes von Kamerun verdient gemacht hat, * am 2. October 
1865 im Forsthause Priemern bei Seehausen (Altmark), wurde Mitte December 



232 Conrau. Bornes. Plehn. 

1899 ™ ^^^ ^^^ Rey-Gebiete ermordet. — C. ging im September 1890 als 
Factorist der Hamburger Firma Jantzen & Thormählen nach Kamerun, be- 
gleitete 1891 Dr. Zintgraff auf seiner Reise nach Baliburg und unternahm 
später wiederholt selbständige Reisen. Drei Routenkarten von ihm erschienen 
1894, 1898 und 1899 in den Dankelmannschen »Mitt. aus den deutschen Schutz- 
gebieten«. Für den »Globus« (1898, 74, Bd. und 1899, 75. Bd.) schrieb C. 
zwei werthvolle ethnologische Abhandlungen, von denen die eine den Hütten- 
bau der Völker im nördlichen Kamerungebiete, die andere die Begräbniss- 
gebräuche der am oberen Kalabar wohnenden Banyang schildert. 

Vgl. Deutsche Colonialzeitung, 1900, No. 6, mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



Borries, Johann Karl August von, General der Infanterie z. D., zuletzt 
Commandeur der 4. Division. * 15. November 181 6 zu Eisleben, f 7. Sep- 
tember 1899 zu Homburg v. d. Höhe. 

Der im Alter von 82 Jahren heimgegangene General gehörte noch zu 
den Theilnehmern an den Kämpfen in Schleswig-Holstein 1848 und in Baden 
1849. Eingetreten 1833 bein 26. Infanterie-Regiment, hatte er in den langen 
Friedenszeiten Gelegenheit, sich nicht nur durch Besuch der Allgemeinen 
Kriegsschule (Kriegs-Akademie) wissenschaftliche, sondern auch durch längere 
Commandos bei allen anderen Waffen tüchtige praktische Kenntnisse zu er- 
werben. 1847 wurde er Lehrer an einer Divisionsschule, war dann im topo- 
graphischen Bureau des grossen Generalstabes thätig- und wurde nach Beendi- 
gung jenes Feldzuges vorübergehend als Generalstabsofficier zum Prinzen von 
Preussen, dem nachmaligen Kaiser Wilhelm den Grossen commandirt. 

Trotz alledem war er 1850, nach 17 jähriger Dienstzeit, noch Second- 
Leutnant! Dann freilich gestaltete sich seine dienstiiche Lautbahn wesentlich 
günstiger: 1858 war er schon Major im Generalstabe der 15. Division, 1864 
Abtheilungschef im Grossen Generalstab. Im Jahre 1866 hatte er die sehr 
schwierige Stellung als Chef des Generalstabes des I. Armee -Corps (Bonin), 
des einzigen bekanntlich, das im böhmischen Feldzuge einen Misserfolg zu ver- 
zeichnen hatte. Dass dem Obersten v. B. eine Mitschuld hieran nicht beige- 
messen wurde, bewies seine weitere Verwendung als Commandeur des 3. 
Pommerschen Infanterie-Regiments No. 14, später der 13. Infanterie-Brigade. 
Letztere, zum 4. Corps gehörende Brigade führte er nach Frankreich, hatte aber 
das Unglück, schon im ersten Gefecht seiner Truppe bei Beaumont am 30. 
August schwer verwundet zu werden, so dass er nicht weiter am Feldzuge 
Theil zu nehmen vermochte. Seit 1874 Commandeur der 4. Division, erbat 
er 1880 wegen vorgeschrittenen Alters den Abschied, konnte dann aber noch 
lange Jahre an dem geistigen Leben der Armee regen Antheil nehmen und 
widmete sich auch in hervortretender Weise humanen Bestrebungen aller Art. 

V. Frobel. 



Plehn, Rudolf, Forstassessor und Colonialbeamter, wurde am 24. November 
1899 in dem Dorfe Bertua im Süden des Kamerun-Schutzgebietes ermordet. 
P., ein geborener Westpreusse, studirte in Ebers walde und München Forst- 
wissenschaft und ging 1894 als Leiter der Station Misahöhe bei Lome nach 
Togo. Nach 2 7y jähriger Thätigkeit kehrte er von hier zurück, promovirte 



Plehn. Boehn. Mönnichs. Versmann. 233 

mit >Beiträgen zur Völkerkunde des Togo-Gebiets« (Halle 1898) und ging 
im Herbst 1898 nach Kamerun. Für die »Mittheilungen aus den deutschen 
Schutzgebieten« schrieb P. mehrere werthvolle ethnologische Berichte. 

Vgl. Deutsche Colonialzeitung No. 6, 1900 mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



Boehn, Octavio von, General der Infanterie z. D., ä la suite des 
Kaiser Franz Garde -Grenadier- Regiments No. 2, zuletzt commandirender 
General des VI. (Schlesischen) Armee-Corps; * 29. Januar 1824 zu Klein 
Silkow, Kreis Stolp in Pommern, f 30. Juli 1899 zu Berlin. Ein in Krieg 
und Frieden hoch verdienter Ofiicier. Eingetreten 1 840 in das 9. (Colbergsche) 
Infanterie-Regiment, kam er als Hauptmann 1858 in das Kaiser Franz Garde- 
Grenadier-Regiment No. 2 und führte als Major dessen I. Bataillon im Feld- 
zuge von 1866. In dem Treffen bei Soor und Alt-Rognitz am 28. Juni kam 
bekanntlich die 2. Garde-Infanterie-Division, zu welcher jenes Regiment gehörte, 
im Ganzen wenig ins Gefecht. Zwei Bataillone des Franz-Regimentes aber, auf 
Rudersdorf rechts abgesetzt, stiessen dort auf die Brigade Grivicic des 10. 
österreichischen Corps und standen stundenlang allein mit ihr in schwerem, 
verlustvollem, zuletzt aber siegreichem Kampfe. Major v. Boehn erhielt für 
diesen Tag den Orden pour le mt§rite. 1870 war er Commandeur desselben 
Regiments, wurde beim Sturm auf St. Privat am 1 8. August schwer verwundet 
und übernahm nach seiner Wiederherstellung noch während der Belagerung 
von Paris das Commando des i. Garde-Regiments z. F. Nach dem Kriege 
befehligte er die 2. Garde-Infanterie-Brigade, die 58. Infanterie-Brigade, dann 
die 21. Division und wurde schliesslich 1886 an die Spitze des VI. Armee- 
Corps berufen, das er 2 '/.^ Jahre führte, bis ihn 1889 zunehmende Kränklich- 
keit zwang, seinen Abschied zu erbitten. Er hat sich namentlich um die tac- 
tische Ausbildung unserer Infanterie besondere Verdienste erworben. 

V. Frobel. 



Mönnichs, Dr. Gustav, Assistent am meteorologischen Institut zu München 
und Leiter der »Illustr. aeronautischen Mittheilungen«, * am 26. Juni 1869 
zu Cleve, verunglückte am 2. Januar 1899 am Sustenpass mit seinem Freunde 
Dr. R. Ehlert (s. d.). Von Ostern 1888 ab studirte M. in Bonn und Strass- 
burg und sollte die neue meteorologische Station auf der Zugspitze über- 
nehmen. 

Vgl. Cölnische Zeitung 1899, No. 40 (vom 15. Januar). 

W. Wolkenhauer. 



Versmann, Johannes, Georg, Andreas, erster Bürgermeister und Prä- 
sident des Senats der freien und Hansastadt Hamburg, * 7. December 1820 
in Hamburg, f 28. Juli 1899, ein Mann, »dessen Name mit allen Ereignissen, 
die seit Jahrzehnten Hamburg betroffen haben, mit seiner äusseren und inneren 
Entwicklung aus einer stillen, für sich dahinlebenden Stadt mittleren Umfangs 
zu der Weltstadt, in der ein ungeheurer Verkehr flutet, untrennbar verknüpft 
ist.f V. besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg, studirte 
Jura und kehrte, nachdem er am 20. August 1844 in Heidelberg zum Dr. jur. 



234 



Versmann. 



promovirt hatte, in seine Vaterstadt zurück, wo er sich als Advokat nieder- 
liess. Bald betheiligte er sich im Verein mit anderen hervorragenden Männern 
an den Bestrebungen, die auf eine Reform der Hamburgischen Verfassung 
und des veralteten Verwaltungssystems hinzielten. Seine Thätigkeit auf diesem 
Gebiete erlitt jedoch bald eine Unterbrechung durch seine Theilnahme am 
schleswig-holsteinischen Feldzuge, den er als Freiwilliger in den Reihen des 
Studentencorps mitmachte. In dem Gefecht bei Bau gerieth er in dänische 
Gefangenschaft. Nach Beendigung des Krieges nach Hamburg zurückgekehrt, 
nahm er seine politische Thätigkeit mit erneuten Kräften wieder auf und ver- 
tiefte sich als Mitglied des Ausschusses für die Reorganisation der Verwaltung 
mit hingehendstem Eifer in seine Aufgabe. 1852 wurde er zum Vizepräses, 
1858 zum Präses des neubegründeten Handelsgerichts ernannt. Nachdem er 
auch in diesen Stellungen seine hervorragende Tüchtigkeit glänzend bewährt 
hatte, wurde er am 16. December 1861 zum Senator gewählt. Das Bürger- 
meisteramt bekleidete er seit 1887 im Ganzen neunmal. Erst mit seiner 
Wahl zum Senator war V. recht eigentlich an den Platz gelangt, auf dem er 
sein grosses Verwaltungstalent voll entfalten und seine Reformideen zielbewusst 
zur Verwirklichung bringen konnte. Unübersehbar ist die Reihe seiner Arbeiten 
und Leistungen in den verschiedensten Verwaltungszweigen, ebenso die Anzahl 
der Verfassungsänderungen, die er, sicheren Blickes überall das Bessere er- 
kennend, anbahnte und mit fester Hand durchführte. Die achtziger Jahre 
brachten für Hamburg jenes hochbedeutsame Ereigniss, das als einer der 
wichtigsten Marksteine seiner Entwicklung erscheint: die Einbeziehung in das 
Zollgebiet. V. gehörte zu den wenigen leitenden Männern, die von vorn 
herein die Bedeutung dieses Schrittes klar erkannten. Im April 1880 wurde 
er zum Bevollmächtigten Hamburgs im Bundesrath ernannt und seinem Wirken, 
seinem Verdienst ist es in erster Linie zu danken, dass der Zollanschluss 
unter den denkbar günstigsten Verhältnissen vor sich ging und zu einem so 
ungeahnten Aufschwung des Hamburgischen Handels geführt hat. Ein zu- 
sammenfassendes Urtheil über das, was V. als Bevollmächtigter Hamburgs 
beim Bundesrath geleistet hat, giebt H. von Poschinger in seinem Buche 
»Fürst Bismarck und der Bundesrath« (Bd. 4., S. 175) mit folgenden Worten: 
»Er hat den ganzen durch die Bildung des Deutschen Reichs veranlassten 
Umbildungsprocess seiner Vaterstadt und zwar stets an leitender Stelle durch- 
gemacht, und das will viel sagen, denn auf kein deutsches Staatswesen hat 
die Entwicklung seit 1866 so revolutionär gewirkt wie auf Hamburg; kein 
Staatswesen hat so viele Rechte und Eigenthümlichkeiten aufgeben müssen, 
keines aber auch dafür vom Reiche eine so grosse Morgengabe erhalten wie 
Hamburg. Wenn man von der Hinüberleitung des alten, isolirte Interessen 
verfolgenden Staatswesens Hamburgs in das moderne spricht, das die grossen 
Interessen Deutschlands zu den seinigen gemacht hat, so wird man neben 
dem Namen Bismarcks stets denjenigen Versmanns nennen. Und nichts 
ist bezeichnender, als dass dieselben Staatsmänner, die seinerzeit am 
Bundesrathstische die divergirenden Interessen mit der grössten Zähigkeit ver- 
traten, heute die Gelegenheit ergreifen, um sich wie Freunde die Hand zu 
reichen.« 

Als Mensch war V. von schlichter Einfachheit, durchdrungen von der 
Wahrheit und ihr nachlebend, dass man niemals Gutes genug thun könne 
auf Erden. Tiefer Ernst und gewinnende Herzensfreundlichkeit einten sich in 
seinem Wesen in schöner Harmonie. Aufs Schmerzlichste betrauert von allen 



Versmann. Goltermann. Muck. 



235 



seinen Mitbürgern, die ihre Blicke stets mit vertrauensvollster Liebe und Hoch- 
achtung auf ihn richteten, ist er heimgegangen. Die Worte, die er selbst 
1887 in gemeinsamer Sitzung von Senat und Bürgerschaft, seinem vorstorbenen 
Collegen, Bürgermeister Dr. Kirchenpauer, nachrief, sie passen auch voll und 
ganz auf ihn: 

»So lange wahres Verdienst um das öffentliche Wohl in unserer Mitte 
hochgehalten wird und ein Anrecht giebt auf die dankbare Erinnerung der 
Nachwelt, so lange wird sein Name unvergessen bleiben.« 

Vgl. Kieler Zeitung, Abend -Ausgabe vom 3. Januar 1900 (Schleswig -Holsteinischer 
Nekrolog 1899); Hamburgischer Correspondent, Abend- Ausgabe vom 28. Juli (Bildniss!) 
und I.August 1899; Illustrirte Zeitung, No. 2927, 1899; Poschinger a. a. O. S. 171— 175. 

Joh. Sass. 

Goltermann, Heinrich, Volksdichter, * in Bremen am 11. Mai 1823, 
f daselbst im Juli 1899. — Er war der Sohn eines Conditors, besuchte die 
Domschule in Bremen und kam nach dem Tode seines Vaters 1839 ^^ 
einem Conditor in Hamburg in die Lehre. Hier hat er alle Schrecknisse des 
grossen Hamburger Brandes (1842) mit erlebt, da auch sein Principal durch 
das Feuer alles verlor. Nachdem G. noch in verschiedenen Conditoreien 
ausserhalb Bremens thätig gewesen war, wanderte er nach den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika aus, wo er sieben Jahre blieb. Beim Ausbruch des 
Krieges zwischen den Nord- und Südstaaten (1861) kehrte er nach Bremen 
zurück ; da ihm aber die Mittel zur Gründung einer Conditorei fehlten, so 
w^urde er Colporteur für Bremer Buchhandlungen. Später versuchte er sich 
als Volksdichter im Bremer Dialect, und da er freundliches Entgegenkommen 
fand, so ist er in der Folge ungemein fruchtbar und erfolgreich gewesen. 
Seine Schriften, welche alle den Nebentitel »Plattdeutsch in Poesie und Prosa« 
tragen, sind »Bremer Heimathbilder« (1883), »Bremer Volks- und Sittenbilder« 
(1885), »Vom Heimathland am Weserstrand« (1886), »Bremens Kaisertage« 
(1887), »Bremens Volk und seine Heimath« (1887), »Vom Volke aus dem 
Bremerlande« (1888), »Aus dem Volke an der Weser« (1889), »Bremer Volks- 
erinnerungen« (1890)* »Bremer Land und Leute« (1892), »Bremer Volks- 
geschichten« (1892), »Aus der Bremer Heimath« (1893), »Bremische Volks- 
klänge« (1894), »Aus Land und Stadt« (1895), »Bremer Gemüth und Volks- 
humor« (^1896), »Vom Wege des Lebens in Wahrheit und Dichtung« (1897), 
»Aus Volk und Land vom Weserstrand« (1898). 

Franziscus Hähnel. Die Bremischen Dichter und Schriftsteller der Gegenwart. 
Bremen 1893, S. 55. 

Franz Brummer. 



Muck, Friedrich Ritter von. Königlich Bayrischer General der Infanterie 
z. D., General-Adjutant Sr. Majestät des Königs, ä la suite des i. Feldartillerie- 
Kegiments Prinz-Regent Luitpold, zuletzt Inspecteur des Artillerie und des 
Trains, ♦ 30. October 1824, f 22. Juli 1899 zu München. 

Aus einer Soldatenfamilie stammend, im Königlich Bayrischen Cadetten- 
Corps erzogen, trat Friedrich Muck 1842 als Junker in das i. Feld-Artillerie- 
Regiment ein, nahm im 3. Artillerie-Regiment am Feldzuge in der Pallz Theil 
und fand im Gefecht von Speier Gelegenheit zur Auszeichnung. Den Krieg 
von 1866 machte er aj3 Artilleriecommandant der 3. Infanterie-Division, den 



236 Muck. Kaupert. 

von 1870/71 als Generalstabschef der 2. Infanterie-Division mit. Ausserdem 
Eisernen Kreuz 2. und i. Klasse erhielt er für sein Verhalten in dem nicht 
siegreichen, aber für die bayrischen Truppen trotzdem besonders ruhmvollen 
Treffen von Coulmiers den Militair Max Josef-Orden und damit den per- 
sönlichen Adel. Als General wechselte er zeitweise seine Waffe, indem er 
mit dem Commando verschiedener Infanterie -Brigarden betraut wurde. 
1880 erhielt er die Ehrenstellung als Commandant von München, 1881 die 
eines Königlichen General -Adjutanten, 1883 wurde er Inspecteur der Ar- 
tillerie und des Trains, und schied 1889 aus dem activen Dienste. Er w'ar 
ein besonders begabter Offizier, dessen Namen die Königlich Bayrische 
Armee in hohen Ehren hält. 

v. Frobel. 



Kaupert, Johann August, Geheimer Kriegsrath und ein hervorragender 
Topograph, * am 9. Mai 1822 in Kassel, f am 11. Februar 1899 ^^ Berlin 
im 77. Lebensjahre. — K. war der dritte Sohn des Goldschmiedes Christ. 
Wilhelm Kaupert in Kassel. Noch nicht volle 19 Jahre alt, trat er im 
April 1841 bei der kurhessischen topographischen Landesvermessung ein. 
Diese erfreute sich damals unter der Leitung des Oberst Wingrebe eines 
wohlbegründeten Rufes. Die Leitung der Messtischaufnahmen insbesondere 
lag dem Artilleriehauptmann Pfister, einem ausgezeichneten Landeskundigen, 
ob. Unter diesen vortrefflichen Lehrmeistern entwickelte sich K.'s Talent. 
Fünfzehn Jahre währte die kurhessische Landesvermessung, an der K. sich 
mit grossem Eifer und Erfolg betheiligte. Als der bekannte Kartograph 
Hauptmann Emil von Sydow im Jahre 1860 in den preussischen Generalstab 
eintrat, veranlasste dieser, dass dessen Chef Moltke an K. den Antrag ge- 
langen Hess, in preussische Dienste überzutreten. Auf sein Abschiedsgesuch 
erhielt K. aber statt des Abschieds die Ernennung zum technischen Vorstande 
der allgemeinen Landesvermessung. So blieb er noch in Kassel, bis er dann 
später, nach der Einverleibung Kurhessens, im Jahre 1869 dauernd als Ver- 
messungsdirigent der topographischen Abtheilung des Generalstabes nach 
Berlin berufen ward. Im Kriege 1870/71 war der Verstorbene »als ein 
stiller Gehilfe Moltkes« in der Kriegskartenabtheilung ausserordentlich thätig. 
Bei der Neuorganisation der preussischen Landesaufnahme im Jahre 1875 
wurde K. der kartographischen Abtheilung des Grossen Generalstabes über- 
wiesen und erhielt die Redaction der »Karte des Königreiches Preussen im 
Massstab 1:100000«, welche 1880 dann zur »Karte des Deutschen Reiches« 
erweitert wurde. Die vortrefflichen Leistungen der preussischen Topographie 
darf man als ein Hauptverdienst K.'s ansehen. Mit Ernst Curtius bereiste 
K. auch wiederholt zu kartographischen Aufnahmen Griechenland; der 
klassische »Atlas von Athen« (1878, 12 Blatt), die »Karten von Attika«, 
»Olympia und Umgebung« u. a. waren die Früchte dieser Reisen. Die 
Universität Strassburg promovirte K. 1891 zum Ehrendoctor »wegen seiner 
topographischen und kartographischen Leistungen für sein Vaterland, sowie 
besonders für die kartographischen Grundlagen zur wissenschaftlichen Durch- 
forschung des attischen Bodens« und das archäologische Institut ernannte ihn 
zu seinem Mitgliede. 

Vgl. Deutsche Rundschau f. Gcogr. u. Statistik, 14. Jahrg., 1892, mit Portrait. 

W. Wolkenhauer. 



KirchhofT. Löwenstein. 



237 



Kirchhoff, Theodor, deutsch -amerikanischer Schriftsteller, * 8. Januar 
1828 in Uetersen (Schleswig), f 1899 in San Franzisco, absei virte das Gym- 
nasium in Lübeck und besuchte darauf die polytechnische Schule in Hannover; 
bei Ausbruch des schleswig-holsteinischen Kampfes trat er als Freiwilliger in 
die Armee und nahm als Leutnant an allen Hauptgefechten theil. Nach 
Beendigung des Krieges wanderte K. nach den Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika aus, unternahm hier zahlreiche Reisen und lebte an verschiedenen 
Orten, bis er sich 1869 als Mitinhaber eines Juwelengeschäfts in San Franzisco 
niederliess. K, war vielfach literarisch thätig; er schrieb für eine Reihe 
deutscher Zeitschriften und veröffentlichte an selbstständigen Büchern : »Reise- 
bilder und Skizzen aus Amerika« (2 Bde., 1875/76); »Kalifornische Cultur- 
bilder« (Kassel, 1886) und eine »Reise nach Hawaii« (Altona, 1890). Für 
das Deutschthum in der neuen Welt hat sich K. ein anzuerkennendes Ver- 
dienst erworben. 

Vgl. Geographisches Jahrbuch, XXIL Band. 

W. Wolkenhauer. 

Löwenstein, Fürstin Sophie zu, * am 11. Juli 1837 als Prinzessin 
von und zu Liechtenstein, f 25. September 1899 ^"^ Schloss Fisch- 
horn im Pinzgau (Salzburg). Sie vermählte sich am 4. Mai 1863 mit 
Fürst Carl zu Löwenstein -Wertheim -Rosenberg, dem Haupte der katho- 
lischen Linie dieses alten reichsunmittelbaren — 1803 mediatisirten — 
Fürstenhauses, in zweiter Ehe und ftihrte mit ihm eine überaus glückliche 
Ehe, der sieben Kinder entsprossen. Während ihr Gatte, entsprechend den 
Traditionen der Familie und der nahverwandten Geschlechter Liechtenstein, 
Braganza, Parma, Schwarzenberg, Windischgrätz u. s. w., im Zusammenhange 
des strengkatholischen Deutschlands nach kirchlicher, socialer und politischer 
Hinsicht eine führende Rolle spielte, zeichnete sich Fürstin Sophie aus als 
ein Muster christlicher Frömmigkeit und zwar besonders im Dienste der von 
katholischer Seite ins Leben gerufenen Charitas- Bestrebungen aufopfernd und 
unermüdlich thätig. Mit an der Spitze der verschiedenartigen Wohlthätigkeits- 
und Fürsorgeunternehmungen, die der katholische Charitas verband, schon vor 
seiner Centralorganisation in Freiburg i. Br., begründet hatte, und ausserdem 
privat wie auch im Stillen und ungenannt unermesslich Gutes stiftend, stand 
sie dem Gemahl, den die Verwandtschaft auch in die spanisch -carlistische 
Bewegung hineinriss, treulich zur Seite, als er zur »Culturkampf<(-Zeit Bischöfen 
und niederen Geistlichen eine Zuflucht bot und unter die Arme griff. Von 
der üblichen Residenz des fürstlichen Paares, dem schön im Park zu Kleinheubach 
am Mittelmain (Unterfranken) versteckten Schlösschen, aus gingen die zahllosen 
und grossen Wohlthaten, die überaus reichen Gaben für religiöse Zwecke und 
Linderung der Armuth weit über die engere und weitere Cxemarkung hinaus, 
und der Dank Tausender begleitete ihre segensreiche Wirksamkeit in das 
Grab (fiirstliche Gruft auf dem Engelberge bei Grossheubach). Selbst ein 
Vorbild christlich-katholischer Lebensführung, empfand sie lebhafteste Genug- 
thuung, dass ihre älteren Töchter Franciska und. Agnes den Nonnen-Schleier 
nahmen und der Erbprinz Aloys 1899 zu Neisse ins Präsidium der deutschen 
Katholiken-Generalversammlung — deren ständiger Commissar bis dahin ihr 
Gatte Fürst Carl gewesen — kurz vor ihrem Tode gewählt wurde. 

Vgl. Beobachter am Main (AschafTenburg) 1899, No. 263, 265, 266. 

Ludwig Fränkel. 



238 Mayr. Koberstein. Wissroann. 

Mayr, Emil, Kartograph, ♦ am 18. September 1843 ^u München, f am 
3. December 1899 zu Berlin, erst 56 Jahre alt. Der Verstorbene hat an 
einer Reihe bekannter kartographischer Werke mitgearbeitet, z. B. an seines 
Onkels Mayr's Alpenatlas, Spruner-Mankes historischem Atlas, an Guido Coras 
Kosmos, an Andrees Handatlas und Meyers Conversations-I^exicon. Seit 
August 1888 hatte M. als Dirigent im Reichsmarineamte zu Berlin die Re- 
daction und technische Leitung der Herstellung sämmtlicher deutscher 
Admiralitätskarten in Zeichnung, Druck und Stich zu führen. 

Vgl. Globus, 77. Bd., 1899. 

W. Wolkenhauer. 



Koberstein, Karl (Jakob Wilh. Ferd.), Schauspieler und Dramatiker, * am 
15. Februar 1836 in Schulpforta als Sohn des als I^iterarhistoriker berühmten 
dortigen Professors August K. (fi87o), f am 15. September 1899 nach längerem 
schweren Leiden zu Wilmersdorf bei Berlin. Er absolvirte 1856 die Gymnasial- 
studien an der alten Landesschule und machte vom i. October an im Stettiner 
Stadttheater, anfangs zugleich als Soldat, mit Einverständniss seines Vaters 
die ersten theatralischen Versuche. Unter des kunstsinnigen Directors Julius 
Hein Leitung schritt er bis zur Uebernahme sämmtlicher jugendlichen Helden 
und IJebhaber fort, die er während seiner beiden letzten dortigen Jahre spielte. 
1860, bei Auflösung von Hein 's Bühnenverband, folgte K. Ed. Devrients 
Ruf an das Hoftheater zu Karlsruhe, wo er eine Tochter des bekannten 
Historienmalers und Landschafters K. Fr. Lessing heirathete, die ihn in allen 
späteren schweren Leidenstagen liebevoll pflegen sollte, und er zum dramatischen 
Schaffen angeregt wurde. Vom i. Juli 1862 bis zum Uebertritte in den Ruhestand, 
1883, gehörte er dem Hoftheater zu Dresden an. Seitdem lebte er in dessen 
schönen Vororten ganz literarischer Beschäftigung und, auch zu dieser durch 
schwere körperliche Lähmung unfähig geworden, übersiedelte er 1892 nach 
Berlin. Hatte K. in dem mit ehrlicher Begeisterung ergriffenen Schauspieler- 
berufe nie volle Befriedigung gefunden, so ward ihm diese — wie der Nekrolog 
in der Berliner »Vossischen Zeitung« bemerkte — in um so höherem Masse 
in seiner literarischen Thätigkeit. An gedruckten bühnenkundigen Dramen 
sind die beiden Trauerspiele »Florian Geyer« (1863) und »König Erich XIV. « 
(1869), sodann das historische Lustspiel »Was Gott zusammen gefügt, das soll 
der Mensch nicht scheiden!« (oder »Um Nancy«, 1872), das über eine längere 
Reihe Bühnen mit Erfolg ging, zu nennen. Die werthvoUsten seiner verstreuten 
geschichtlichen und literarhistorischen Aufsätze sammelte sein »Preussisches 

Bilderbuch« (1887). 

BrUmmer, Lexikon deutscher Dichter und Pros, des 19. Jahrhunderts* II 311; 
Kürschner, Deutscher Literaturkalender XXI, II, 71 1: Lebensabriss in der »Vossischen 
Zeitung« (s. o.) s. v. »Literatur, Kunst und Wissenschaft«, auch anderwärts in Tages- 
blättern (Frankfurter Zeitung, Allgemeine Zeitung [1899, No. 263, Abendblatt, Feuilleton.] 
u. a.) Nachrufe. Zur Beurteilung: R. Prölss, Gesch. d. mod. Dram. III 2, 350; A. Klaar, 
Das moderne Drama, S. 274; Meyers Dschs. Jhrbch. I 372 u. II 257. 

Ludwig Fränkel. 



Wissmann, Eduard, Dichter, Jurist und Parlamentarier, ♦ am 27. Septbr. 
1824 zu Gemünden auf dem Westerwalde, f am 29. August 1899. — Er 
war der Sohn eines evangelischen Pfarrers, genoss bei diesem den ersten 



Wissmann. Schroeder. 239 

Unterricht, kam dann auf das vormalige Pädagogium in Hadamar und be- 
suchte zuletzt das Gymnasium in Weilberg. Hier bethätigte er sich bereits 
als Dichter, indem er unter dem Namen »Erwin Wester« mehrere Gedichte 
und eine Spinnstubengeschichte für den von Dingelstedt gegründeten, damals 
von Fr. Oetker redigirten »Casseler Salon« schrieb. An den Universitäten 
Heidelberg und Berlin widmete er sich dem Studium der Rechts- und Staats- 
wissenschaften, wurde 1848 Amtsaccessist in Runkel a. d. Lahn, war in 
gleicher Eigenschaft 1849 — 1856 an dem nas.sauischen Amte Wied-Selters 
thätig, kam dann als Accessist an das Hof- und Appellationsgericht in Dillen- 
burg, wo er auch zugleich als Substitut des Staatsprocurators fungirte, und 
wurde 1861 Amtsassessor in Höchst a. Main. Später wirkte er in gleicher 
Eigenschaft auch in Hadamar, und 1867, nach Einverleibung Nassaus in 
Preussen, erhielt er seine Berufung als Kreisgerichtsrath nach Wiesbaden, wo 
er 1879 bei der preussischen Justizreorganisation zum Landgerich tsrath be- 
fördert ward. In dieser Stellung verblieb er bis zu seinem Uebertritt in den 
Ruhestand am i. Juli 1894. Daneben war er zugleich Mitglied des land- 
wirthschaftlichen Spruchcollegiums flir den Regierungsbezirk Wiesbaden, 
Director des Gewerbevereins ftir Nassau und in den Jahren 1873—79 und 
1882 — 92 Mitglied des Preussischen Abgeordnetenhauses, als welches er zur 
deutsch-freisinnigen Partei gehörte. Seiner Neigung zu literarischer Thätigkeit 
ist er durch sein ganzes Leben gefolgt. Eine Anzahl Novellen, darunter zwei 
Preisnovellen, erschien in Zeitschriften zerstreut, eine Sammlung seiner »Ge- 
dichte« schon 1854, von denen er dann eine neue Ausgabe unter dem Titel 
>Bunte Blätter« (1894) veranstaltete, ferner ein Weihnachtsmärchen »Zur Be- 
scherung« (1875) und die lyrisch-dramatische Dichtung »Ingo« (1884). 
Persönliche Mittheilungen. 

Franz Brummer. 

Schroeder, Gustav, General-Major z, D., zuletzt Abtheilungschef im In- 
genieur-Comite!, * 15. October 1818 zu Glogau, f 6. October 1899 zu Berlin. 

S. hat sich als Schriftsteller wie als Lehrer in der Armee besondere 
Verdienste erworben. Seine militärische Laufbahn hat er durchweg im In- 
genieur- und Pionier-Corps zurückgelegt, in das er 1 7 jährig bei der damaligen 
6. Pionier- Abtheilung eintrat. Seine besonderen Fähigkeiten wurden bald 
erkannt und so finden wir ihn schon 1853 als Lehrer des Wasserbaufaches 
bei der Vereinigten Artillerie und Ingenieurschule. Seine letzte militärische 
Dienststellung, in der er ebenfalls reiche Gelegenheit hatte, seine Wissen- 
schaft zur Geltung zu bringen, erreichte er 1873, trat im folgenden Jahre in 
den Ruhestand, gehörte dann aber noch 23 Jahre lang dem Lehrer-Collegium 
der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule an. 

Am bekanntesten ist S. in seiner Eigenschaft als langjähriger Redacteur 
des vortrefflichen, leider 1897 eingegangenen »Archiv für Artillerie- und 
Ingenieur-Officiere« geworden. Er brachte für diese Thätigkeit nicht nur 
ausgebreitetes Wissen, sondern auch hervorragendes redactionelles Geschick mit 
und verstand es, die Zeitschrift in gewissem Sinne zu einem geistigen Mittel- 
punkt für diejenigen Kreise zu machen, an die sie sich zunächst wendete. 

Daneben entfaltete er auch eine ziemlich umfangreiche eigene schrift- 
stellerische Thätigkeit. Von grösseren Schriften, sämmtlich Berlin bei 
E. S. Mittler & Sohn, Kgl. Hofbuchhandlung, erschienen, seien angefUhrt: 
»Das verschanzte Lager von Plewna und der russisch-rumänische Angriff des- 



240 



Schroeder. Silberstein. Zimmermanii. 



selben vom 19. Juni bis 10. December 1877« 1878. »Der Kampf um Wien 
1683. Sein Verlauf und seine Bedeutung für die Geschichte des Festungs- 
krieges« 1883. »Rimpler; eine historisch -kritische Studie« 1884 (Beiheft zum 
M. W.BL) »Schumann und die Panzer-Fortifikation.« 1890. 

V. Frobel. 

Silberstein, Adolf, philosophischer und publicistischer Schriftsteller, * in 
Pest am i. Juli 1845, t daselbst am 12. Januar 1899. — Nach Absolvierung 
seiner Gymnasialstudien besuchte er nach einander die Universitäten Berlin, 
wo er unter Weber Sanskrit, unter Steinthal vergleichende Sprachforschung 
und unter Trendelenburg den Aristoteles studierte, dann Heidelberg, wo er 
sich unter Bluntschli, Mittermayer u. a. historischen, nationalökonomischen, 
Staats- und rechts wissenschaftlichen Studien widmete, und Leipzig, wo er sich 
1866 die Würde eines Dr. phil. erwarb. Eine ihm angebotene Docentur an 
der Leipziger Universität lehnte er ab, da es ihn unwiderstehlich zur Presse 
hinzog. Zunächst in Leipzig unter dem Einflüsse Gottschalls und Laubes 
thätig, kehrte er 1870 in die Heimat zurück, wo er sich als politischer Re- 
dacteur, als freisinniger Feuilletonist und schneidiger Kritiker bethätigte. 
Lange Jahre, bis zu seinem Tode, war er der Theater- und Kunstkritiker des 
»Pester Lloyd« und genoss sowohl in Oesterreich-Ungarn als auch in Deutsch- 
land seiner Talente wegen Ansehen. Von seinen selbständigen Schriften 
haben die »Philosophischen Briefe an eine Frau« (1873), »Die Dichtkunst 
des Aristoteles« (1876), »Die Bibel der Natur« (4. Aufl. 1880), die »Strategie 
der Liebe« (3. Aufl. 189 1) und sein vierbändiges Werk »Im Strome der 
Zeit« (1894) Aufsehen erregt; ein Roman »Ein Pester Don Juan« erschien 1878 
m ungarischer und deutscher Sprache. Ausserdem tibersetzte er Manches 
von Jökai, Miküzäth, Bartok und Helene von Beniczky. 

Adolf Hinrichsen, Das literarische Deutschland. 2. Aufl. Bedin 1S91, S. 1238. 

Franz Brummer. 

Zimmermann, Karl von, Oberstleutnant ä la suite des i. Grossherzog- 
lich Hessischen Dragoner- Regiments (Garde -Dragoner- Regiments) No. 23, 
zugetheilt dem grossen Generalstabe, * 20. Februar 1847, f 26. August 1899 
zu Darmstadt, ein als Lehrer, als Schriftsteller und namentlich auch als Kenner 
und Leiter des Kriegsspiels in der Armee besonders geschätzter Officier. 

Er trat 1 863 in das Regiment ein, dem er bis zu seinem Tode angehören sollte, 
machte die Feldzüge von 1866 und 1870/71 in demselben mit Auszeichnung mit 
und wurde bei Gravelotte verwundet. 1877 wurde er Kriegsschullehrer, zuerst in 
Hannover, dann in Metz, 1884 dem Nebenetat des grossen Generalstabes über- 
wiesen, war von 1887 ^^s i894Eisenbahn-Linien-Commissar in Karlsruhe und kam 
dann zum grossen Generalstabe zurück, wo er nun eine reiche Thätigkeit als Lehrer 
an der Kriegs-Akademie, als Mitglied der Ober-Militär-Examinationscommission 
und der Studien-Commission fiir die Kriegsschulen entfaltete. 

Er schrieb: »Geschichte des i. Hessischen Dragoner-Regiments (Garde- 
Dragoner-Regiments) No. 23«, Darmstadt, Bergsträsser, 1878. »Der Antheil 
der Grossherzoglich Hessischen Armee -Division am Kriege 1866.« 1897. 
(Kriegsgeschichdiche Einzelschriften IV. Band Heft 22/23.) »Winke und Rath- 
schläge für die Leitung des Regiments -Kriegsspiels« Berlin 1898. E. S. 
Mittler & Sohn, Königl. Hofbuchhandlung. 

v. Frobel. 



Reuter. 



241 



Reuter, Paul Julius Freiherr v., der Schöpfer des R.'schen Bureaus, 
* 2x. Juli 1821 (nach anderen 1816) zu Cassel, f 25. Februar 1899 zu Nizza. 
Dreizehnjährig, trat er in der Geburtsstadt ins Geschäft eines Onkels, in ein 
Bankgeschäft in Göttingen, 1847 ^^ ^^^^ Buchhandlung zu Berlin. Er be- 
schäftigte sich früh mit elektrischen Experimenten und sah rasch die culturelle 
Bedeutung des Telegraphen ein, dessen Kenntniss ihm sein Verkehr mit dem 
grossen Mathematiker Gauss brachte. Das nöthige Capital scheint R. durch 
die Heirath mit Ida, Tochter von S. M. Magnus in Berlin, erlangt zu haben 
(1845). Als 1849, ^^ ^' eben in Paris eine lithographirte Nachrichten- 
Correspondenz begründet hatte, die erste Berliner Drahtleitung bis Aachen 
zu arbeiten begann, richtete er, um die Pariser und Londoner Neuigkeiten 
sofort zu erhalten, eine Brieftaubenpost bis Brüssel von Aachen aus ein, 
in letzterer Stadt selbst aber ein Nachrichtenbureau, um den Zwecken des 
Transitgeschäfts, des Bankverkehrs und der Zeitungen unter die Arme zu 
greifen. »Da überall Anschlüsse geschaffen werden mussten, war die 
damalige Organisation ein verzwicktes Ding. An den Zwischenstationen 
warteten Couriere auf die Depeschen, Extraposten nahmen die Meldungen 
entgegen und brachten sie nach den entferntesten Gegenden. So entstand 
die gewaltige Organisation, deren Zweige heute über die ganze Erde sich 
erstrecken.« Mit der Ausdehnung der Telegraphenlinien verlegte R. den 
Sitz seines Telegraphen-Bureaus nach Verviers, dann nach Qui(§vrain, nach 
der Anlage des Canal-Cabels von Calais nach Dover, nach London, 185 1, 
dessen centrale Wichtigkeit als Welthandelsplatz für seine Absichten ihm 
einleuchtete. Nach erfolglosen Anerbietungen an die dortigen Redac- 
tionen — Telegramm-Ueberraschungen hielt man damals meist für Schwindel 
und scheute auch den gleichen Wortlaut mit Concurrenzjoumalen — ent- 
schloss sich R., ihnen einen Monat die einlaufenden Depeschen gratis zu 
liefern. Da sich eine Zeitung nach der andern von der Richtigkeit der 
übermittelten Vorfälle überzeugte, traten sie allmählich fast sämmtlich in ein 
festes Verhältniss zu ihm, und als seit 1858 die meisten Londoner Morgen- 
blätter seine Nachttelegramme vom Continente ohne ControUe einrückten, 
war R.*s politischer Einfluss besiegelt. Er dehnte nun seine Verbindungen 
nach allen Richtungen aus, errichtete in aller Herren Länder Filialen, schuf 
eigene Drahtlinien und Courierdienste, schickte auch, so schon 1859 ^^^^ 
Oberitalien (Napoleon III. war mit zuerst für sein Unternehmen gewonnen), 
auch mit für die »Times«, Specialberichterstatter auf Kriegsschauplätze. 
1865 (in demselben Jahre wie Wolffs 1859 gegründete »Telegraphen-Agentur« 
in Berlin) wurde das Institut in eine Actiengesellschaft, »Reuter's Telegram 
Company (R. T. C.)«, umgewandelt, an deren Spitze jetzt R.'s Sohn Herbert 
steht; sie versorgt in Grossbritannien, Irland und den englischen Colonien 
die gesammte Presse und Privatpersonen mit den Welt-Neuigkeiten, hingegen 
den Continent durch die »Allgemeine Correspondenz« mit Nachrichten aus 
dem Britischen Reiche. Während des nordamerikanischen Bürgerkriegs 
unterhielt R. eine eigene Telegraphenlinie zwischen Cork und Crookhaven. 
Die preussische Regierung bestätigte R. nachträglich die 1865 von der 
hannoverschen ertheilte Genehmigung eines Cabels von England nach der 
Küste Hannovers und nahm selbst die Weiterführung dieser Linie bis zur 
russischen Grenze auf sich. Wie Reuters Bureau 1869 das erste unterseeische 
Cabel zwischen Frankreich und Nordamerika legte, so ergänzte er in Ost- 
indien und China telegraphische Lücken, führte z. B. auch einen Courierdienst 

Blo^r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 4. Bd. x5 



±^2 Reuter. Amberg. 

von Peking nach der Handelscentrale Kiachta, dem Endpunkte des russischen 
Telegraphen in Centralasien, ein. »Reuters Bureau hat auch heute noch 
eine Art von Monopol für die Verbreitung von Zeitungsdepeschen, und 
jedenfalls ist der Theil, womit das Unternehmen begann, der Handelstheil, 
noch immer gut. Beschwerden sind namentlich in der deutschen Presse 
häufig wegen der politischen Nachrichten entstanden, die oft an einer auf- 
fälligen Einseitigkeit litten.« Diese letztere kennzeichnet sich neuerdings 
meist als englisch - tendenziöse Färbung und brachte bis zur Gegenwart 
britisches Interesse streifende Angaben, die mit »Reuter -Meldung« oder 
»Reuter kabelt« eingeleitet sind, etwas in Misscredit. Den Gründer des 
längst die ganze Erde netzartig umspannenden grossartigen »Reuter's 
Telegraphen-Bureaus« erhob 187 1 Herzog Ernst v. Coburg-Gotha in die erb- 
liche Baronie. Das Riesenuntemehmen befasste sich allmählich auch mit 
Annoncen, Reklamen, Commission, Auskünften, Agentur, Bank- und Export- 
geschäft, Colonisation, Uebersetzen, Verlagsbuchhandel. 

Die kenntlich gemachten Sätze oben aus einem Londoner Nekrologe (darin Geburts- 
jahr 1816) i. d. »Manchn. Neuest. Nachr.« No. loi v. 2. März 1899. Interessante Notizen 
bei O. Weise, Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit (1899), S. 88. Die Jahres- 
daten aus den Conservationslexicis (ausfuhrlich Meyer ^ XIV 679, knapper ßrockhaus'* 
XIII 804) beim Tode in die meisten Tagesblätter übergegangen. 

Ludwig Fränkel. 

Amberg, Wilhelm, Genremaler, * 25. Februar 1822 zu Berlin, f 8. Sept. 
1899 ebenda. A. war der einzige Sohn eines s. Z. in Berlin hochangesehenen 
Banquiers. Frühzeitig wurde man auf die Begabung aufmerksam und Hess 
ihn statt eines Gymnasiums eine Gewerbeschule besuchen. Frühzeitig bezog 
er die Berliner Akademie, arbeitete dann im Atelier Herbigs,*um später zu 
dem damals bekannten Portraitisten Carl Begas zu gehen. Im Nachlass des 
Künstlers fand sich eine Kreidezeichnung, die einen alten Berliner Herrn 
darstellte; sie ist die Studie zu einer von ihm selbst auf den Stein gebrachten 
Lithographie und seine erste selbständige Arbeit, die er, erst neunzehnjährig, 
schuf. Seine coloristische Begabung entwickelte sich, als er 1844 nach Paris 
zu L. Cogniet ging, und von da weiter nach Rom, wo er drei Jahre ver- 
weilte. Von dort sandte er sein erstes grösseres Bild, »Christus am Oelberge«, 
auf die Berliner Kunstausstellung, woselbst es sogleich einigen Beifall fand. 
Ueber Venedig und mit einem längeren Aufenthalt in München kehrte er 
nach Berlin zurück, und stiftete hier ein Altarbild für die Gertraudenkirche. 
Nach seiner Heirath wendet er sich dem idyllischen Genre zu, Nymphen in 
Ideallandschaften boten ihm Motive für mehrere grössere Darstellungen. Eines 
davon, um 1850 entstanden, befindet sich im Besitz der Familie August 
Heckmann in Berlin. Persönlicher wurden die Arbeiten, als er sich dem Costüm- 
bild zu wandte. Grosser Volksthümlichkeit erfreute sich seiner Zeit das vom 
Künstler mehrfach variirte Bild »Trost in Tönen«. Ueberhaupt liebte A. 
ernste, für unser heutiges Empfinden sentimentale Vorwürfe, Frauen- 
gestalten, die von irgend einem geheimen Kummer niedergedrückt waren, 
und hierbei eine schmerzliche Lieblichkeit zur Schau trugen: »Der Wittwe 
Trost«. »Opfer süsser Erinnerungen.« Aber daneben machte sich immer 
wieder — dem Zuge der Zeit folgend — bei ihm eine schelmische, süssliche 
Grazie geltend, angenehme Genreschöpfungen, Rokkokodämchen und ver- 
zierte Kammerzofen. Wir bringen heute diesen Dingen wenig Verständniss 



Amberg. Schmidt. 2 43 

entgegen und fordern Anderes wie diese Boudoirbildchen; und so konnten 
•wir — eine jüngere Generation — auf der Amberg-Ausstellung, welche im 
vergangenen Jahre das Ktinstlerhaus veranstaltete, uns nur wenig für diese 
Darbietungen erwärmen. Mehr Stellung gewannen wir zu seinen späteren 
Arbeiten, Mädchengestalten im Buchenwald oder Wiesengrün, meist in den 
Trachten des Empire, Directoire. Wir sahen erstaunt, dass dieser Künstler 
besonders in seinen Studien ein fast modern anmuthendes Gefühl für Land- 
schaft und einen frischen coloristischen Sinn zeigte, und das hiess uns den 
Dingen Geschmack abgewinnen. 

Von A.'s weiterem Lebensgang ist zu berichten, dass er Professor und 
Mitglied der Berliner Akademie wurde, 1873 die Medaille in Wien, 1877 in 
Berlin, 1878 in Paris erhielt. Auch lithographisch bethätigte er sich und 
Arbeiten von ihm sind in der Zeitschrift »Argo« zu finden. Eines seiner 
besten Gemälde, »Die Wittwe«, ist nach Amerika gegangen, sonst ist noch 
besonders die »Rechtfertigung« der Galerie Raussendorf zu nennen. 

A. hat seiner Zeit und ihren Vorlieben starken Tribut gezahlt; gerade 
das novellistische Genre, welches er pflegte, hat der eigentlichen Künst- 
en twicklung geschadet, indem es auf Nebendinge, die ausserhalb der 
bildenden Kunst liegen, den Hauptwert legte, und wir uns so in eine Sack- 
gasse verirrten. Aber wenn wir diese Aeusserlichkeiten dem Zeitgeschmacke 
anrechnen, und A. mit dem Massstab messen, den wir an einen heutigen 
Künstier legen, so müssen wir uns an seinem feinen und für seine Zeit 
ausserordentlich entwickelten Farbensinn erfreuen. Und dieses starke colo- 
ristische Talent in ihm, das eigentliche Malertalent, wird es vermögen, dass 
eine spätere Zeit, die an dem Inhalt der Bilder nur noch kühles, historisches 
Interesse nehmen wird, doch den Künstler in ihm hochstellen wird. 

Quellen: Eigene Anschauung. Mittheilungen der Tochter, Frau Professor Jakob. 
Katalog der Nationalgalcrie 1885 II. Theil. Nachrufe: »Schlesische Zeitung«, »Vossischc 
Zeitung.« 

Georg Hermann. 



Schmidt, Hugo Ernst, Maler und Kunstkritiker, * 1863 zu Breslau, 
f 24. Juli 1899 zu Berlin. 

Seh. genoss seine erste Ausbildung in seiner Vaterstadt; studirte dann 
in München und Berlin und weilte zuletzt in Italien. Da ihm seine Malerei 
keinen Lebensunterhalt gewährte, griflf er — zuerst gezwungen — zur Kritik. 
P> war mit unter den Vorkämpfern der Moderne und des Naturalismus und 
er schrieb seine ersten Arbeiten unter dem Pseudonym Robert Richter zu- 
sammen mit Helferich für die »Freie Bühne«. Seinen Liebermann -Aufsatz 
(ebenda 1890. S. 801.) hat Muther — wenn auch ohne Nennung des Autors — 
fast wörtlich übernommen. Seh. war mit Karl und Gerhard Hauptmann innig 
befreundet, und ich habe beide in seinem Hause gesehen. Er war durchaus 
eine kämpfende, ringende Natur, die sich durch nichts niederzwingen Hess — 
in der Kunst, wie im Leben. Seine kritische Begabung war ausserordentlich, 
und sein Urtheil wie sein Wissen ein starkes und sicheres. Seine Kritiken 
über den jungen Naturalismus, seine Kämpfe und Angriffe gegen Ueberlebtes, 
waren die ernstesten Arbeiten, die s. Z. in den Zeitungen erschienen, und 
haben hier manches Gute gestiftet; sie waren es, welche die »Welt am Montag« 
Manchem lesenswerth erscheinen Hess, der sie sonst vielleicht nicht zur Hand 

16* 



2AA Schmidt. Rnab. 

genommen hätte. Von seinen Bildern stehen mir besonders zwei vor Augen. 
Ein altes Weib, das mit einem Eimer eine Dorfstrasse entlang schreitet. — 
Eine gewaltige Silhouette gegen den Abendhimmel, eine vollendete plain- 
airistische Schöpfung. Und dann nach Jahren »Sommer« — ein Jüngling, der 
am Ufer eines Sees erwacht und vor sich eine herrliche Vision, ein gold- 
haariges stolzes Weib sieht. Eine Arbeit, die den Neuidealismus Ludwig 
V. Hofmanns vorahnte. 

Im Leben ist Seh. nicht aus kleinen Sorgen herausgekommen, aber er 
hat stets den Kopf hochgehalten; er ist einer von Denen, die nach Gaben 
und Streben ein anderes Dasein verdient hätten. Er hätte uns unter anderen 
Verhältnissen mehr gegeben, als er uns so bescheert. Vielleicht Grosses, 
Erstklassiges — das Zeug dazu hatte er. 

Quellen: Nekrolog von M. Osbom. »Welt am Montag« 31. Juli 1899. Eigene 
Anschauung und Bekanntschaft. 

Georg Hermann. 



Knab, Franz Joseph, Publicist, * 9. December 1846 in Passau als 
Bäckerssohn, f 27. Juni 1899 zu München. Er absolvirte daheim das 
Gymnasium, studirte Theologie, empfing am 10. Juli 1870 die Priesterweihe und 
wurde Cooperatorin Tegemsee, 1871 Kurat an der Kreis-Irrenanstalt in München. 
1873 — 76 führte er da mit Dr. G. Ratzinger die Redaction des eben gegründeten 
social-clerikalen Blattes »Der Volksfreund«. In der Culturkampf-Aera erhielt K. 
vom Schwurgericht München wegen Majestätsbeleidigung vier Monate Festung 
(Passau) zudictirt und eröffnete nach der Entlassung ein umfängliches poli- 
tisches Wirken, vor Allem publicistischer Art, zur Organisation der »patrio- 
tischen« (bayrisch-katholischen) Partei, war auch länger Expositus in Hörgers- 
dorf (O.-Bay.). Später beschäftigte ihn Ministerpräsident Graf Taaffe, der als Statt- 
halter Tirols ihn als Tourist auf der hohen Salve kennen lernte, in der Leitung 
der österreichischen officiösen Presse und erwirkte ihm für entsprechende Energie 
dabei den Titel eines k. k. Regierungsraths. Für seine Verdienste um die 
clerikale Journalistik und analoges Auftreten als katholisch-conservativer Ab- 
geordneter im niederösterreichischen Landtage ernannte ihn der Cardinal- 
Fürst-Erzbischof von Wien zum Geistl. Rath, der Papst zum päpstlichen Geh. 
Kämmerer, wozu die Titulatur Monsignore gehört. Nachdem 4. September 
1890 sein Bruder Franz Paul, als Theilhaber der Firma G. Schuh u. Co. Mit- 
verleger des »Neuen Münchener Tagblatts«, gestorben, widmete sich K. als 
Erbe bis zum Tode diesem vielgelesenen Volksblatte seiner Tendenz mit 
nachdrücklichster Hingabe, so dass dessen Aufschwung gutentheils mit sein 
Werk ist. Als Mann der Feder und Förderer katholisch-politischer Agitation 
furchtlos und schlagfertig bis zur Rücksichtslosigkeit, persönlich liebenswürdig, 
gesellig und verlässlich, hat K. als Vorstandsmitglied des Münchener Jour- 
nalisten- und Schriftstellervereins und der von diesem angeregten »Pensions- 
anstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller« unermüdlich und erfolgreich 
das Banner der CoUegialität, der Gemeinsamkeit im Vorgehen für das freie 
Recht, die Standesinteressen und die Altersfürsorge der ungebundenen Lite- 
raten mit vorangetragen, auch auf den deutschen und internationalen Con- 
gressen; dabei kannte er keine Unterschiede der politischen oder religiösen 
Parteistellung. Er veröffentlichte: »Schulstreit da capo« (1871), »Schwindel- 
banken« (1872), »Holländische Bischöfe und Simultanschule« (1874), »Vor 



Knab. Biernatzky. 245 

der Entscheidung« (1883) und gab ein dreibändiges »Nekrologium der Kirchen- 
provinz München-Freising« (1894) heraus. 

Nachrufe in Münchener und Wiener Zeitungen, ausführliche im »Neuen Münchner 
Tagblatt« vom 2S.— 30. Juni und 3. Juli 1899; vgl. die gegnerischen »Münchn. Neueste 
Nachr.« No. 294 v. 1899, S. 3, auch Kürschners >Dtsch. Literaturkalend.« XXI II, 705 
und XXII I, 43 (Todestag danach 28. Juni). 

Ludwig Fränkel. 

Biematzkiy Karl Leonhard, ein Geistlicher, der zu den interessantesten 
Gestalten der schleswig-holsteinischen Landeskirche gehört, ♦28. December 
18 15 in Altona, f daselbst am 23. Januar 1899. B., der Sohn eines Arztes, 
besuchte .zunächst das Altonaer Christianeum und die Gelehrtenschule in 
Hamburg und studirte dann in Erlangen und Kiel. Nach bestandenem 
Examen wurde er als Rector in Friedrichstadt angestellt, welches Amt er 
jedoch infolge der Kriegswirren Ende der vierziger Jahre aufgeben musste. 
Nachdem er eine Zeit lang in der Redaction des »Altonaer Merkur« thätig 
gewesen war, ging er 1852 nach Cassel als Secretär des dortigen Central- 
vereins für chinesische Mission. 1854 von der Universität Jena zum Dr. phil. 
honoris causa ernannt, wurde er im April 1855 als Generalsecretär des 
Centralausschusses für innere Mission nach Berlin berufen. Seit 1861 war er 
Pastor an der evangelisch-lutherischen Hauptkirche in Altona, feierte 1890 
sein 50 jähriges Amtsjubiläum und trat 1895 ^^ ^^^ Ruhestand. Als Pastor 
emeritus versah er, da er ein Leben ohne Thätigkeit nicht zu ertragen 
vermochte, das Seelsorgeramt an der grossen Armenanstalt Osdorf bei Altona. 
— Mit gründlichen Erfahrungen auf allen Gebieten des kirchlichen Lebens 
ausgestattet, hat B. seiner Altonaer Gemeinde über 30 Jahre hindurch in über- 
aus segensreichem Wirken gedient. Seine Bedeutung aber reicht weit über 
jenen Kreis hinaus. Von unerschütterlichem Glauben an die siegende Kraft 
des Christenthums erfüllt und unablässig bestrebt, sein Christenthum in 
Werken der helfenden und fürsorgenden Liebe zu bethätigen, wurde er der 
Stifter einer ausgedehnten kirchlichen Armenpflege, vor Allem aber der 
Gründer der Altonaer Diakonissenanstalt und damit des schleswig-holsteinischen 
Diakonissenwesens überhaupt. Daneben war er ein ungemein fruchtbarer 
Schriftsteller, dem wir eine grosse Reihe vortrefflicher Werke, theils 
geschichtlichen, theils culturhistorischen und ethnographischen Inhalts ver- 
danken. In Schleswig-Holstein wurde er zuerst allgemein bekannt durch das 
von ihm in den Jahren 1844 — 1851 herausgegebene »Volksbuch«, das ausser 
belletristischen Beiträgen (der Jahrgang 1850 brachte Theodor Storms berühmte 
Novelle »Immensee« !) besonders Aufsätze zur Heimatkunde und Landes- 
geschichte enthielt. 

»B. hat die grosse Zeit Schleswig-Holsteins, dessen kirchliche Erneuerung, 
und dann die Zeit der politischen Kämpfe des Landes, den Sieg der deutschen 
Sache und endlich auch die neueren Entwicklungen unserer kirchlichen 
Gegenwart miterlebt, und zwar nicht als Unbetheiligter, sondern mit auf- 
geschlossenem Sinne und lebhafter Antheilnahme, hat mitgekämpft und mit- 
gelitten in den Stürmen der Zeit und mitgebaut an dem Neubau, der erstanden 
ist. Er war ein kenntnissreicher, kundiger Mann mit weitem Blick und keines- 
wegs zagen und trägen Muthes, sondern bis zu einem gewissen Grade unter- 
nehmungslustig und wagemuthig; ein regelmässiger Arbeiter, der mit be- 
scheidenem Sinn sich gewöhnt hatte, um vorwärts zu kommen, das Nächste 



2 Aß Biernatzky. Ratzingcr. 

ZU thun, nicht leicht etwas versäumend, sehr uneigennützig, ausgerüstet mit 
dem idealen Sinn der alten Zeit und doch auch mit dem Thatentrieb unserer 
Tage, und zwar mit dem der Liebe, der das Geringste nicht zu gering ist 
und das Verachtete nicht verachtet, wenn es Hilfe bedarf. Redlich und ohne 
Falsch war er, anspruchslos und niemals um sich selbst besorgt, dagegen 
immer beflissen, sich den Ansprüchen, welche das Amt," das Leben an ihn 
machte, zuzuwenden, daher vielseitig, bei seinem Thun nicht etwa von vor- 
gefassten Meinungen bestimmt, und doch auch nicht ohne Ziel und zähes 
Hinstreben und Verfolgen des einmal aufgenommenen Plans. Stets blieb er, 
mochte kommen, was wollte, seinem Gott, sich selbst, seinem innersten Wesen 
und seinen im Leben erprobten Ueberzeugungen treu.« 

Vgl. Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 1829— 1866, Abth. i, S. 56-58: 1866— 1882, 
Bd. I, S. 49—50; Altonaer Nachrichten, Abend- Ausg. v. 24. und 26. Januar 1899; Schlesw.- 
Holst.-Lauenb. Kirchen- und Schulblatt, 1899, ^o. 12. 

Joh. Sass. 



Ratzingcr, J. Georg, bayrischer clerical-socialer Politiker und Publicist, 
* 3. April 1844 zu Rickering in Niederbayern, f 3. December 1899 zu 
München. Sohn einfacher Bauersleute, besuchte er in Passau das Gymnasium 
und studirte 1863 — 67 katholische Theologie an der Universität München, 
wo er 1868 zum Dr. theol. promovirte und zwar auf Grund der Lösung der 
Preisfrage »Geschichte der kirchlichen Armenpflege«. Darauf fungirte R. 
kurze Zeit als Hülfsarbeiter Döllinger's, ohne sich aber, unmittelbar vor dessen 
folgenschwerer Stellungnahme gegen die Beschlüsse des tagenden Vaticanischen 
Concils, mit den Reformideen irgend zu befreunden. Vielmehr trat R., den 
künftig dogmatische, überhaupt kirchlich-religiöse Streitfragen blutwenig be- 
schäftigen sollten, 1869 als Cooperator in Berchtesgaden in die praktische Seel- 
sorge ein. Seitdem wechselte er wiederholt mit priesterlicher und publicistischer 
Thätigkeit. 1870/71 führte er in Würzburg die Redaction des »Fränkischen 
Volksblatts«, dann, nachdem er 1872 — 74 Caplan in Landshut gewesen 
war, die des von ihm gegründeten ausgesprochen ultramontanen »Volksfreunds« 
in München, der aber bald einging, in Gemeinschaft mit einem wenig jungem 
engern Landsmann, dem kurz vor ihm verstorbenen F. J. Knab (s. S. 244). Der 
politischen Agitation hatte R. anfangs der 70 er Jahre der Graf Ludwig von Arco- 
Zinneberg, eine Säule des katholisch-conservativen Hochadels, gewonnen, der 
ihm auch eine lebenslängliche Rente auswarf. 1875 wurde R. fiir den Wahl- 
kreis Tölz in den bayrischen Landtag, 1877 in den Reichstag für Rosenheim 
gewählt und gehörte in beiden loyal zur clericalen Fraction, verzichtete aber, 
infolge eines persönlichen Vorkommnisses in Tölz, 1878 auf beide Mandate. 
Fürder hat R., abgesehen von der einjährigen Amtirung als Hofcaplan des 
Herzogs Karl Theodor in Bayern zu Tegernsee (1883 — ^4) ^"^ der drei- 
jährigen als Pfarrer in Günzelhofen bei Naunhofen, die er »frei resignirt« 1888 
aufgab, sich ausschliesslich, und zwar anfänglich vorübergehend in Wien, 
dann meist in München, periodisch auch in Walchstatt am Wörthsee, 
publicistischer und volkswirthschaftlich-wissenschaftlicher Schriftstellerei ge- 
widmet. Ursprünglich waschechter Anhänger und Vorkämpfer der katholischen 
»Patrioten «-Partei, hatte er infolge jener Studien und des Steigens seiner 
particularistischen Neigung, von der Centrumspartei bei der Wahl fallen 
gelassen, sich direct von ihr losgesagt und im grossen Ganzen, wenn auch 



Ratzinger. 247 

nicht officiell, die Principien des 1893 in die Wahlbewegung eingreifenden 
»Bayrischen Bauernbundes«, speciell in der Schattirung seiner Heimat Nieder- 
bayern, auf seine Fahnen geschrieben. So zog er für den Kreis Regen 1893 
und, widerspruchslos, 1899 wieder in den Landtag, wo er wohlbeachtet 
in massgeblichen Ausschüssen sass und die Seele der neuen agrarischen 
»Freien Vereinigung« ward, 1898 auch ftir den Wahlkreis, wo er geboren, 
Deggendorf, in den Reichstag. Den Radicalismus der landsmännischen Bauem- 
bündler zu zügeln vermochte er nicht, und so näherte er sich später 
wieder innerlich dem Centrum, wie dessen Vertreter nach R.'s Tode aus- 
sagten, auch äusserlich. Obwohl er so politisch wandelbar auftrat, von ultra- 
reactionären zu durchaus social istischen Vorschlägen übersprang, kannten ihn 
Alle als persönlich liebenswürdigen und entgegenkommenden Mann. Acht 
Jahre litt er an einem schweren Magenübel. Das Versagen der Ernährung 
brachte ihn im Herbste 1898 an den Rand des Grabes; wiederholte Magen- 
operation stellte ihn nur scheinbar wieder her. 

R. besass ausgedehnte Belesenheit, vielseitiges Wissen und Weltbildung. 
Auf socialpolitischem und volkswirthschaftlichem Gebiete hat er gründliche 
Studien getrieben, deren Ergebnisse er freilich nicht völlig zu systematisiren 
und in ihrem Facit in der Praxis zu verwerten verstand. Als Publicist wirkte 
R. 26. Jahre (187 1 —97, wo es einen leichtverständlichen Bruch gab) als 
Münchener bez. bayrischer Berichterstatter der clerical-grossdeutschen »Deut- 
schen Reichszeitung<ic (Bonn), seit 1869 als ständiger Mitarbeiter der Görres'schen 
»Historisch-politischen Blätter«, in den letzten Jahren eifrig an Dr. Sigl's 
»Bayrischem Vaterland«; daneben aber auch in führenden Centrumsblättern, wie 
»Germania« (Berlin), der »Donauzeitung« (Passau) und sogar, schliesslich bei 
seinem Rückweg zur bayrischen Centrums-Richtung bei deren Hauptorgan, 
der »Augsburger Postzeitung«. Seine selbständig erschienenen Schriften 
sind: die genannte Preisarbeit »Geschichte der kirchlichen Armenpflege« 
(1868; 2. Aufl. 1884), sein Lehrgebäude und Hauptwerk »Die Volkswirth- 
schaft in ihren sittlichen Grundlagen« (1881; 2. umgearbeitete und ver- 
besserte Aufl. 1895), »Die Erhaltung des Bauernstandes« (1883), »Die Bier- 
brauerei in Bayern« (1885), polemisch ist die Flugschrift »Das Concil und 
die deutsche Wissenschaft« (1871) gehalten; der politischen und Wahlagitation 
dient der Mahnruf »Bauern, einigt euch!« (1897); ^^^^ Sammlung seiner 
historischen und geschichtlich-ökonomischen Untersuchungen bietet der, grossen- 
theils auf den Passauer Cleriker und Geschichtsschreiber Albertus Bohemus 
bezügliche Band »Forschungen zur bayerischen Geschichte« (1898). 

Benutzt die Nekrologe und biographischen Artikel der grossen bayrischen Zeitungen 
(»MUnchn. Neuest. Nachr.« No. 563 v. ö.December 1899; »Allg. Ztg.« No. 336 v. 4. December 
S. 6 und No. 344 v. 12. December S. i; »Augsburg. Abendztg.« No. 335 v. 4. December 
S. I [wichtig] und No. 336, S. 4; »Augsburg. Postztg.« No. 278 v. 6. December S. 2 und 
No. 279 V. 7. December S. 8, u. s. w.), Meyer*s Conversationslex. * XIX S. 818; Amtliches 
Reichstagshandbch. v. 1899, s. v.; Kürschner's »Der neue Reichstag i898( — 1903)« S. 249, 
mit Portrait; Kürschner's Dtschr. Literaturkaldr. XXI, II Sp. 1086 (die letzten drei Fundorte 
bieten authentische Daten). R.'s letzter rein wissenschaftlicher Publication gilt ein Aufsatz 
von Kt, »Münchn. Neuest. Nachr.« No. 28 v. 19. Januar 1898, S. 2, wo diese quellentreuen 
objectiven Abhandlungen fast dieselbe »warme . . begeisterte Aufnahme« wie in — tt — 's 
Referat, »Literar. Centralbl.« 1898 No. 33 Sp. 1226, erfahren. Autiquariatskatalog No. 30 
von H. Lüneburg (E. Reinhardt) München (1900) enthält S. 1—30 aus der Bibliothek 
Ratzinger 774 Bde. 

Ludwig Fränkel. 



248 Wrangel. 

Wrangely Karl Friedrich Wilhelm Freiherr von, preussischer General 
der Infanterie, * 29. September 181 2 zu Königsberg in Preussen, f 28. November 
1899 auf seinem Gute Sproitz in der Oberlausitz. Am 13. August 1830 
begann er seine militärische Laufbahn bei dem ersten Garderegiment zu Fuss, 
war von 1844 — 1848 Generalstabsofficier und trat als solcher in die schleswig- 
holsteinische Armee. Zunächst als Hauptmann in den Generalstab des Prinzen 
von Noer commandirt, wurde er später zum Stabe des Obersten von Zastrow 
berufen, bei dem er bis zur Beendigung des Feldzuges blieb. Die ersten 
Lorbeem erwarb er sich in der Schlacht bei Kolding am 23. April 1849. 
Das kühne Wagestück, das ihm jenen bekannten Beinamen »der Trommler 
von Kolding« eintrug, schildert Baudissin in seiner »Geschichte des Schleswig- 
Holsteinischen Kriegs« (Hannover 1862) folgendermassen : »Die Dänen waren 
mit starken Infanterie-Colonnen in die Stadt gedrungen, aber von dem neunten 
und zehnten Bataillon kräftig aufgehalten und verhindert worden, die Rück- 
zugslinie der Jäger, welche noch nördlich von Kolding standen, zu besetzen. 
Da plötzlich eröffnen die Dänen im Rücken der Deutschen ein heftiges Feuer 
und ein panischer Schrecken ergreift die beiden Bataillone, die bisher mit 
bewundemswerther Ruhe den Angriff von fünf dänischen Bataillonen zurück- 
gewiesen haben. In wilder Auflösung fliehen die Krieger nach der Brücke, 
die Furcht des einen reisst den andern mit fort, die Dänen stürmen jubelnd 
hinterher, — die Jäger nördlich von Kolding waren verloren, die ganze 
Schlacht bei Kolding war unhaltbar — da springt der Adjutant, Hauptmann 
von Wrangel, vom Pferde, entreisst einem Tambour die Trommel und stürzt 
sich, Sturm schlagend, dem Feinde entgegen 1 Die Deutschen stutzen, kehren 
um, fällen das Gewehr und werfen sich mit solch unwiderstehlicher Entschlossen- 
heit auf die Dänen, dass diese jetzt ebenso eilig entfliehen, wie sie vor wenig 
Minuten verfolgt hatten.« 1850 trat W. in die preussische Armee zurück. 
Den Feldzug von 1866 machte er als Commandeur der 26. Infanterie- 
Brigade (7. Armee-Corps) mit, während er im Kriege gegen Frankreich 
1870/71 die 18. (schleswig-holsteinische) Division (9. Armee-Corps) befehligte 
und bei Gravelotte, Metz und Orleans zu glänzenden Siegen führte. »Orleans 
ist mein, die Ehre des Tages gebührt der 18. Division«, so lautete das 
Telegramm, das Prinz Friedrich Karl am Abend der Schlacht an den König 
sandte. Des Königs Dank an Wrangel war die Verleihung des Eichenlaubs 
zum Orden pour le m<§rite. Den Orden selbst besass er bereits seit 1866. 
Im Jahre 1872 wurde er Gouverneur von Posen, erhielt am Sedantage 1873 
den Charakter als General der Infanterie und 1876 den erbetenen Abschied. 
Seitdem lebte er auf seinem Gute Sproitz in der Oberlausitz. Mit den alten 
schleswig-holsteinischen Kameraden blieb er bis an sein Lebensende in inniger 
Freundschaft verbunden. Noch in den neunziger Jahren führten ihn wieder- 
holte Reisen in ihre Mitte. Der Erhebungsfeier am 24. März 1898, zu der er als 
Ehrengast geladen war, musste er aus Gesundheitsrücksichten fern bleiben. 
Schriftlich aber bekundete er aufs Neue seine warme Theilnahme für die schleswig- 
holsteinischen Lande. Sein an den Ausschuss gerichteter Brief schloss mit den 
Worten: »Gott schütze auch ferner mein liebes teures Schleswig-Holstein.« 

Vgl. Kieler Zeitung, Abend- Ausg. v. 29, November 1899; Itzehoer Nachrichten v. 
2. December 1899; F. Möller, Biogr. Notizen über die Officiere der ehemaligen Schlesw.- 
Holst. Armee nebst Nachträgen, Kiel und Altona 1885—88, S. 163; F. R. v. Rothenburg 
Die Schlacht bei Kolding, Berlin 1849, ^* 'S* 

Joh. Sass. 



Raders. 



249 



RaderSy Ludwig, Künstler, * 19. Februar 1868 zu Frankfurt a. M., 
f I. Mai 1899 in der Lungenheilanstalt zu Schömberg im Württembergischen 
Schwarzwald. Er besuchte die Frankfurter Kunstgewerbeschule und kam 1886 
nach München zu Professor Wilh. v. Diez als Schüler. Frühzeitig war der junge 
strebsame Kunstjünger prämiirt, als höchst beachtenswerthes Talent anerkannt 
und gelobt; »aber als das eigene ernste Schaffen gebieterisch den Einsatz aller 
Kräfte verlangte, da hatten Entbehrungen und Krankheit ihr unheilvolles 
Zerstörungswerk schon begonnen und die arbeitsfreudige Hand des jungen 
Künstlers gelähmt«. Glück und Sonnenschein sind nie einmal richtig über 
R.*s Schwelle getreten. Oft haben ihm monatelang die kärglichen Erträgnisse 
von Bilder-Copien das Dasein fristen müssen, wie sie die Kunsthändler fabrik- 
mässig bestellen. Und dennoch fand er dabei noch Müsse und Kraft, vieles 
über den Durchschnitt hinaus zu schaffen, wie Freunde berichten, ,Bilder 
von seltener Farbentiefe und Harmonie, einfach gemalt und poetisch em- 
pfunden' aber niemand kennt ihr heutiges Schicksal. »Bastien-Lepage, Böcklin, 
Mardes, das war sein Lieblings-Dreigestirn, und von diesen drei Meistern hatte 
er die tiefinnerliche Heimathliebe, die Vornehmheit der Farben und einealles 
Süssliche verachtende Herbheit der Form. Wo seine Arbeit anempfunden 
scheinen wollte, da entdeckte das Auge des Wissenden bald die Seele und 
das Temperament des jungen Künstlers, die den Ausschnitt der Natur indivi- 
dualisirten und das Gesehene und Herausgegriffene zu seinem Eigenthum 
stempelten«. In den letzten Jahren bis etwa 1896 warf sich R. mit Eifer 
und Geschick auf die Graphik und hat seine erfindungsreiche Fertigkeit 
darin auch dann rege bethätigt, als das schleichende Leiden ihm Saft und 
Stimmung aussog. Radirungen wie das bekannt gewordene Blatt »Musica« 
und viele selbständig hingeworfene Zeichnungen in der Hirth' sehen Münchener 
Wochenschrift »Jugend« belegen das. Am breitesten kam seiner Hände 
Werk, wenn auch nicht sein Name unter die Leute durch den bunten Narren 
mit den jugendfrischen hellen Augen, der seit etlichen Wintern von allen 
Litfasssäulen und Plakattafeln der lebensfrohen Bayern-Hauptstadt zu den 
Lustbarkeiten der Camevalsgesellschaft einladet. Dieser ganze Anschlag »ist 
mit wuchtiger Faust hingeschrieben in einer grossen starken . Einfachheit 
der Farben und der Linien und gerade darin das Muster eines Plakates« 
Um 1895 war es mit der äusserlich elenden, innerlich doch so mannigfach 
reichen Münchener Zeit vorbei: »unabgemeldet« sagt trocken der Polizei- 
Ausweis, verliess er die Stätte des Schaffens und Darbens und suchte in 
Kochel am See, im abseitigen Geigenmacher-Flecken zwischen den Karwendel- 
riesen Mittenwald Zuflucht vor der unerbittHch wachsenden Phthisis; Februar 
und März 1897 hielt er sich in Bodenheim am Rhein bei der Grossmutter 
auf, darauf in Soden, den Sommer über in Frankfurt a. M. bei den Eltern 
und den »Barmherzigen Brüdern«, Oktober 1897 bis Frühjahr 1898 in Davos, 
dann nochmals in Kochel, endlich zu Schömberg; hier droben im Schwarz- 
walde ging er im Lenze dahin. »Er war ein furchtbar armer Mensch; mit 
einer energischen Unterstützung zur rechten Zeit hätte man ihn zum be- 
deutenden Künstler gemacht. Sich selbst heraufzuarbeiten, hatte er weder 
Gesundheit in den letzten Jahren, noch Energie, was ich überhaupt dem 
ewigen Hunger zuschreibe«, so schrieb ein Freund und College nach dem 
Tode, und ein anderer, der selber hart mit der Misere des Alltags ringt, 
fühlte ihm nach: »Er ist nun aller Sorgen dieses elenden Daseins enthobene. 
Thatsache ist aber, dass seine Angehörigen ihn, den durchaus unpraktischen 



25© 



Raders. Knuth. 



und vertrauensseligen Jüngling, lange mit grossen Mühen und Kosten über 
Wasser zu halten versuchten. 

Das Meiste oben nach Franz Langheinrich's Nachruf im Feuilleton der »Mflnchn. 
Neuest. Nachr.« No. 229 vom 18. Mai 1899 (daraus die SStze mit Anführungszeichen). 
Geburtsangabe u. Wegzug von München nach Mittheilung der dortigen Polizei. Einige 
sachliche Angaben direkt von der Familie (C. W. Raders & Co.) in Frankfurt. 

Ludwig Fränkel. 

Knuth, Paul Erich Otto Wilhelm, namhafter Botaniker, * 20. November 
1854 in Greifswald, f 30. October 1899 in Kiel. Er besuchte das Gymnasium 
und Realgymnasium seiner Vaterstadt, studirte daselbst von 1873 — 76 Natur- 
wissenschaften und bestand, nachdem er 1876 zum Dr. phil. promovirt hatte, 
ein Jahr später das wissenschaftliche Staatsexamen mit einem Zeugniss ersten 
Grades. 1877 wurde er ordentlicher Lehrer an der Realschule in Iserlohn 
und 1881 in gleicher Eigenschaft an die Oberrealschule in Kiel berufen. 
Seine Ernennung zum Professor an derselben Anstalt erfolgte 1895. Während 
seiner Wirksamkeit in Kiel widmete K. mit unermüdlichem Eifer alle seine 
Mussestunden der botanischen Wissenschaft, um die er sich bedeutende Ver- 
dienste erworben hat. Während er in seinen ersten Arbeiten die Flora 
Schleswig-Holsteins nach der analytischen Seite hin behandelte, wandte er 
sich später speciell der Blüthenbiologie zu, die er durch zahlreiche selb- 
ständige Forschungen in hervorragender Weise gefördert hat. Sein Haupt- 
werk auf diesem Gebiete und gewissermassen der Schlussstein in der ganzen 
Reihe seiner bltithenbiologischen Studien ist das »Handbuch der Blüthen- 
biologie unter Zugrundelegung von Hermann Müllers Werk: Die Befruchtung 
der Blumen durch Insekten« (Bd. i, Leipzig 1898; Bd. 2. Th. i — 2, 
ib. 1898 — 99). Das leider unvollendet gebliebene Werk — ein dritter Band 
sollte die wissenschaftlichen Ergebnisse einer einjährigen Forschungsreise in 
den Tropen enthalten — fasst in klarer und übersichtlicher Darstellung Alles 
zusammen, was in den 25 Jahren nach dem Erscheinen des Müllerschen 
Buches auf dem Gebiete der Blüthenbiologie Neues erkannt worden ist. 
(Vgl. die eingehende Recension in der »Botanischen Zeitung«, Jg. 56, 1898, 
Abth. 2, Sp. 282 ff.) Von den übrigen Arbeiten K.'s, den seit dem Sommer 1898 
die Kaiserliche Leopoldino-Carolinische deutsche Akademie der Naturforscher 
in Halle zu ihren Mitgliedern zählte, führen wir die folgenden an: Flora der 
Provinz Schleswig-Holstein, des Fürstenthums Lübeck, sowie des Gebietes der 
Freien Städte Hamburg und Lübeck. Leipzig 1887; Schulflora der Provinz 
Schleswig-Holstein, des Fürstenthums Lübeck, sowie des Gebietes der Freien 
Städte Hamburg und Lübeck. Leipzig 1888; Grundzüge einer Entwickelungs- 
geschichte der Pflanzenwelt in Schleswig-Holstein (Separat-Abdruck aus den 
»Schriften des naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig-Holstein«, Bd. 8, 
Hft. I, Kiel 1889); Botanische Wanderungen auf der Insel Sylt. Tondern 
und Westerland 1890; Geschichte der Botanik in Schleswig-Holstein. Th. i — 2. 
Kiel und Leipzig 1890 — 92; Grundriss der Blüthenbiologie. Kiel 1894; 
Blumen und Insekten auf den Halligen (Sep.-Abdr. aus »Botanisch Jaarboek«) 
Gent 1894; Blumen und Insekten auf den Nordfriesischen Inseln. Kiel und 
Leipzig 1894; Flora der nordfriesischen Inseln, ib. 1895; Blumen und Insekten 
auf Helgoland (Sep.-Abdr. aus »Botanisch Jaarboek«) Gent 1896; Flora der 
Insel Helgoland (Sep.-Abdr. aus »Die Heimat«) Kiel 1896. Alle diese Schriften 
legen ebenso wie das oben erwähnte Hauptwerk von dem unendlichen Fleiss, 



Knuth. Beust. Carstens. 



251 



dem umfassenden Wissen und der hohen Begeisterung des Verfassers für 
seine Wissenschaft rühmliches Zeugniss ab. 

Vgl. Kieler Zeitung, Morgenausg. v. 4. Nov. 1899: Leopoldina, Organ der Kaiser!. 
Leopoldino-Carolini sehen deutschen Akademie der Naturforscher, Hft. 35, No. 11 (Nov. 
1899), S. 180. 

Joh. Sass. 

Beusty Friedrich von — er nannte und schrieb sich stets ohne Adels- 
partikel, — 48 er Politiker und Pädagog, * 9. August 181 6 zu Amorbach in 
U.-Franken, f 6. December 1899 zu Zürich. Sohn eines preussischen 
Officiers aus dem bekannten Adelsgeschlechte, dessen gräflicher Zweig Sachsen 
und Oesterreich mehrere Diplomaten geliefert hat, wurde B. selbst jung 
preussischer Leutnant, quittirte jedoch 1848, als er, wegen seines Auftretens 
gegen verschiedene militärische Massnahmen in Conflict mit Vorgesetzten, 
obwohl im Rechte, neben der Disciplin den kürzern zog. Wie andere 
damalige Kameraden — man denke an F. W. Held und Corvin — drängten 
ihn solche Erfahrungen zum politischen Radicalismus, und er diente diesem 
im Vereine mit dem ehemaligen Kameraden Frdr. Annecken, der in Köln 
die demokratische »Neue Kölnische Zeitung« gegründet hatte. Die sich 
antimonarchisch organisirende Kölner Landwehr wählte ihn zum Commandanten, 
in welcher Eigenschaft B. im November 1848 die Garnison Kölns am Aus- 
marsche verhinderte, die Bürgerwehr in Düsseldorf zu zersprengen. Als darauf 
über die Metropole der Rheinlande der Belagerungszustand verhängt und B. 
des Hochverraths angeklagt wurde, flüchtete er nach Paris, mit Empfehlungs- 
briefen Freiligraths an dortige Revolutionäre. Nach vier Monaten begab sich 
B. April 1849 2um ausgebrochenen republicanischen Aufstande Südwest- 
deutschlands über Mannheim in die Pfalz. Hier wählte man ihn mit andern 
frühem Officieren in die Militärcommission für den Oberbefehl der Revolutions- 
schaaren. Nach unglücklichem Gefechte mit den Preussen im Badischen 
musste er mit den Resten seiner Leute über die schweizerische Grenze gehen. 
Während sich diese zerstreuten, fand der Flüchtling in Zürich Unterkunft. 
Seinen pädagogischen Neigungen folgend, wurde er Lehrer an einer dortigen 
nach Fr. Fröbels Grundsätzen geführten Privatschule, übernahm sie nach 
einigen Jahren selbst und hob sie, vermöge besonderer Lehrfähigkeit und 
eigner methodischer Gedanken, zu grossem Ansehen. Forderungen der neueren 
Volksschul- Pädagogik, z. B. Handfertigkeitsunterricht, waren in Beust 's Er- 
ziehungspraxis seit Jahrzehnten verwirklicht. B. fand fiir seine verdienstliche 
Wirksamkeit verschiedentliche Anerkennung: so sprachen die Preisrichter der 
Weltausstellungen zu Wien, Philadelphia und Paris (1889) seinen Lehrmitteln 
Medaillen zu. Er hatte seine pädagogischen Ideen in einer Reihe von Schriften 
niedergelegt. Heute blüht die Schule, von Kindern wohlhabender Reichs- 
deutscher in Zürich stark besucht, unter einem Sohne B.'s. Der bis zum 
Tode rüstige, geistesfrische Greis war bei den Vielen, die ihn kennen zu lernen 
Gelegenheit hatten, hochgeachtet. 

Grösstentheils nach einer (anonymen^ Züricher Correspondenz i. d. »Münchn. Neuesten 
Nachr.« No. 571 v. 12. Decbr. 1899, S. 2. 

Ludwig Fränkel. 

Carstens, Carsten Erich, Kirchenpropst a. D., Geschichtsforscher und 
Schriftsteller, * 29. December 1810 in Tondem, f daselbst 25. November 1899. 



252 



Carstens. Henrici. 



Anfangs für den Kaufmannsberuf bestimmt, erhielt C. erst ein Jahr nach seiner 
Confirmation von seinem Vater die Erlaubniss, Theologie zu studiren. Er 
ging zu dem Zweck Michaelis 1832 nach Kiel, bestand 1837 das theologische 
Amtsexamen und wurde 1840 Diakonus in Tondern. Nachdem er 1864 
kommissarisch und 1868 definitiv zum Hauptpastor und Propst daselbst 
ernannt war, bekleidete er als solcher von 1876 — 1879 ausserdem noch das 
Amt eines Pröpsten für Loh- und Mögeltondem. Am i. Juli 1884 trat er in 
den Ruhestand. »Mit ihm geht ein Stück persönlicher Erinnerung an die 
erste Hälfte unseres Jahrhunderts zu Grabe, insbesondere an die Zeit, wo 
Dahlmann und Nicolaus Falck, sowie in anderer Weise Claus Harms das 
geistige Leben unseres Landes neu gestaltet und die Liebe zu unserer 
Geschichte wieder erweckt hatten. Auch von seinem älteren Zeitgenossen 
G. Waitz hatte er dieses Interesse überkommen und es in seinen Verhältnissen 
treu gepflegt bis in sein hohes Alter. Es war weniger das Pragmatische, die 
innere Seite der Geschichte, als das Literarische und Persönliche, das seiner 
Geistesart entsprach.« Abgesehen von rein theologischen und pädagogischen 
Fragen hat C, der selbst sehr bescheiden von seinen Arbeiten dachte, mit 
unermüdlichem Fleiss das Gebiet der schleswig-holsteinischen Landes- und 
Kirchengeschichte behandelt. Man braucht nur die lange Reihe seiner 
Schriften bei Alberti (siehe unten!) zu vergleichen, um einen Ueberblick über 
den weiten Kreis seiner Studien zu gewinnen. Sie alle offenbaren sein 
gründliches Wissen und jenen ihm in hohem Masse eigenen feinen Sinn, der 
unentbehrlich ist, wenn es gilt, das Vergangene in seiner wahren Gestalt für 
die Gegenwart lebendig zu machen. Als Publikationen von bleibendem Werth 
verdienen besonders die folgenden hervorgehoben zu werden : Die evangelisch- 
lutherische Reformation in Schleswig-Holstein (Nordalbingische Studien, Bd. 2, 
1845, S. 119 flf.); Die Stadt Tondern. Eine historisch-statistische Monographie. 
Tondern 1 860 ; Geschichte der theologischen Facultät der Christian-Albrechts- 
Universität (Zeitschrift der Gesellschaft für Geschichte der Herzogthümer 
Schleswig-Holstein und Lauenburg, Bd. 5, 1875, S- ' — ^3 2» auch separat 
Kiel 1875); Geschichte des Studiums der speciellen Vaterlandskunde auf der 
Kieler Universität. Tondern 1876. In späteren Jahren widmete er sich mit 
Vorliebe biographischen Forschungen. Nach Art der »Allgemeinen Deutschen 
Biographie«, die ihn auch zu ihren Mitarbeitern zählte, plante er eine grosse 
»Schleswig-Holsteinische Biographie«. Das von ihm hierfür gesammelte, drei 
Bände umfassende handschriftliche Material hat er durch letztwillige Verfügung 
der Kieler Universitäts-Bibliothek vermacht. 

Vgl. Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 1829 — 1866, Abth. i, S. 113— 115; 1866—1882, 
Bd. X, S. 99 — loo; Schriften des Vereins für schleswig-holsteinische Kirchengeschichte, 
2. Reihe, (Beiträge und Mittheilungen) Heft 4, 1900, S. 149 — 151 (Nekrolog von £. Michelsen). 

Job. Sass. 

Henrici, Paul Christian, Reichsgerichts-Senatspräsident a. D., Wirklicher 
Geheimer Rath, * 18. April 18 16 in Augustenburg, wo sein Vater Leibarzt 
des Herzogs von Augustenburg war, f 3. Juni 1899 ^^ Berlin. Er studirte 
Von 1834 bis 1838 in Kiel und Berlin die Rechte, bestand Ostern 1838 das 
juristische Amtsexamen und trat als Auscultant bei dem schleswig-holsteinischen 
Obergericht in Glückstadt ein. Hier wurde er, nachdem er während des 
Jahres 1848 als Polizeimeister in Apenrade fungirt hatte, am 23. Februar 
1849 2^^ Rath befördert, erhielt 1858 den Titel »Etatsrath« und wurde im 



Henrici. Wolff. 



253 



Januar 1864 xum Präsidenten der holsteinischen Landesregierung erwählt. 
1865 zum Director der Oberdicasterien in Glückstadt ernannt, ging er 1867 
als Rath bei dem Oberappellationsgericht nach Berlin, wurde 1872 Vice- 
präsident desselben und in demselben Jahre Mitglied des Herrenhauses auf 
Lebenszeit. Nach Vereinigung der beiden höchsten Gerichte im Jahre 1874 
war er Vice-Präsident bei dem Obertribunal. In dieser Stellung wurde ihm 
1875 der Charakter als Wirklicher Geheimer Oberjustizrath mit dem Range 
der Räthe i. Klasse und von der Kieler Juristen-Facultät bei Gelegenheit der 
Einweihung des neuen Universitäts-Gebäudes im October 1876 der Dr. jur. 
honoris causa verliehen. Bei Errichtung des Reichsgerichts am i. October 
1879 wurde H. als Senatspräsident des dritten Civilsenats nach Leipzig 
berufen. Nachdem er am 1. October 1888 sein 50 jähriges Dienstjubiläum 
gefeiert und den Charakter als Wirklicher Geheimer Rath mit dem Prädicat 
Excellenz erhalten hatte, trat er im Jahre 1891 in den Ruhestand und ver- 
legte seinen Wohnsitz nach Berlin. H., der zu unseren hervorragendsten und 
scharfsinnigsten Juristen gehörte, ist auch schriftstellerisch mehrfach hervor- 
getreten. Zu nennen sind besonders seine »Lebenserinnerungen eines Schleswig- 
Holsteiners« (Stuttgart und Leipzig 1897), ein kerniges Buch, das den Ver- 
fasser als einen iustum et tenacem propositi virum und charaktervollen 
Patrioten zeigt. Wiederholt hat er auch über die Besetzung des Reichsgerichts 
das Wort ergriflFen. Von seinen beiden Aufsätzen »Das deutsche Reichsgericht« 
(in Iherings Jahrbüchern für die Dogmatik des heutigen römischen und 
deutschen Privatrechts, Bd. 24, 1886) und »die Ernennung der Mitglieder des 
Reichsgerichts« (in den »Genzboten«, Jg. 1896) fand besonders der letztere 
'weitgehende Beachtung. 

Vgl. Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 1829 — 1866, Abth. l. S. 353; 1866 — 1882, Bd. i, 
S. 291. Kieler Zeitung, Abend-Ausg. v. 4. Jan. 1900. Deutsche Juristen-Zeitung, Jg. 4, 1899, 
S. 250—251. 

Joh. Sass. 

Wolff, Wilhelm P., Dramatiker, * 11. Februar 1860 zu Erfurt, er- 
schossen aufgefunden am Morgen des 26. März 1899 zu Frankfurt a. M. 
Er besuchte das Gymnasium daheim, seit 1870 in Wiesbaden, studirte 
1879 — '8^2 in I^eipzig, Heidelberg und Berlin die Rechte, promovirte 1882 
in Göttingen zum Dr. jur., tibersiedelte nach Frankfurt a. M. und prakticirte 
daselbst seit 1888 als Rechtsanwalt. Daneben war er seit 1890 schriftstelle- 
risch, vornehmlich im Theaterfache, thätig. Als 1898 ein Lustspiel, auf das 
er grosse Hoffnungen gesetzt hatte, in Frankfurt glatt abgelehnt wurde und 
sich pecuniäre Sorgen einstellten, legte W. Hand an sich; zwei Wochen nach 
dem Tode stellte sich heraus, dass W. über 100 000 Mark anvertraute Gelder 
unterschlagen hatte. 

Seine ersten dramatischen Arbeiten folgten sich rasch hintereinander: 
der Schwank »Im Sonnenschein« (1890), die parodistische Tragödie »Im 
Regen« (1891), die Lustspiele »Nach Madrid» (1891) und »In Dingsda« (1894; 
zwei Jahre nach Jobs. Schlafs Novellenbande desselben Titels), die vier nach 
französischen Vorlagen umgestalteten Bühnenstücke »Daheim« (Schauspiel, 1890), 
»Ein Millionär a. D.« (1893), »Ein goldenes Herz« (1893), »Gemüthsmenschen« 
(1894), letztere drei Lustspiele; ferner, als Drama bezeichnet, »Die Sansara« 
(1894). Diese, nicht eben tiefen Werke gelangten mit Erfolg vielerorts auf 
die Bretter, aber besondern Eindrucks durfte sich dann das mit Rieh. Jaff'd 



2 54 Wolff. Zottmayr. Jensen. 

verfasste Schauspiel »Das Bild des Signorelli« auf angesehenen Bühnen 
(Premiere Lessingtheater Berlin) erfreuen, während seine sonstigen späteren 
dramatischen Ansätze nicht einschlugen: das Schauspiel »Die Höllenbrücke« 
(1896), mit Rieh. Jaffd, das Lustspiel »Der Asra« (1897), mit Mor. Gold- 
schmidt zusammen geschrieben, sowie wiederum nach dem Französischen 
bearbeitet das Lustspiel »Gleiche Gegner« (1895) und die Posse »Der Hummer« 
(1897). 

BrUmmer, Lexikon der deutschen Dicht, und Pros, des 19. Jahrhunderts^ IV 376 b 
(bis 1894); kurze Nekrologe in vielen Tagesblättern; über den Tod Angaben der »Frank- 
furter Zeitung«; Bibliographie bei Kürschner, Deutscher Literaturkalender XXI, II, 1545 
(Todesdatum [aber der 25.] ebenda XXII, I, 47. Todesangabe vom Frankfurter Standesamt. 

Ludwig Fränkel. 

Zottmayr, Ludwig oder Louis, Opernsänger, ♦ 30. März 1829 zu München, 
t 16. October 1899 plötzlich zu Weimar. Z. besuchte, ehe er die Künstler- 
laufbahn begann, die Universität München, es scheint in der philosophischen 
Facultät. Wann er zur Musik abgeschwenkt ist, lässt sich kaum mehr fest- 
stellen; nach Einigen soll er in Augsburg angefangen haben. 1859 — 1867 war 
er als erster Baritonist am kgl. Hoftheater zu Hannover und am Stadttheater 
zu Hamburg engagirt. Im Besitze einer äusserst stattlichen Erscheinung und 
glänzender Stimmmittel, bezog Z. in Hannover, daselbst längere Zeit Partner 
des grossen Tenoristen Albert Niemann, eine Jahresgage von 7000 Thalem, 
ein damals unerhörtes Gehalt eines Bühnenkünstlers. In den sechziger und 
noch bis in die siebziger Jahre zählte Z. durch sein von schauspiele- 
rischem Geschick begleitetes eindrucksvolles Bariton-Organ zu den beliebtesten 
Künstlern der deutschen Oper. In die Geschichte der Rieh. Wagner'schen Ton- 
dramen gehört Z. als Repräsentant der Rolle des Königs Marke bei den 
vier berühmten »Tristan und Isolde« -Erstaufllührungen, die im Juni 1865, 
unter Hans v. Bülow's Leitung, mit dem Ehepaar Schnorr als Titelhelden, 
am Hof- und Nationaltheater zu München stattfanden. Anfangs der achtziger 
Jahre zog sich Z. von der Bühne ganz zurück, Hess sich am 2. October 1895 
in das Maria -Seebach -Stift zu Weimar, das seines einstmaligen Collegen 
Niemann geschiedene erste Gattin für Bühnen -Veteranen als Pensionäre 
gegründet hatte, aufnehmen und endete auch da durch Herzschlag oder 
Selbstmord. 

Kurzer Artikel von C. D. i. d. »Münchn. Neuest. Nachr.« No. 486 v. 2i. October 1899 
(danach obige Angabe Über den Selbstmord); schriftl. Notizen von Georg Heltzig, 
geschäftsführd. Mitgl. d. Curatoriums d. M.-S.-St. (sagt »Herzschlag«). 

Ludwig Fränkel. 

Jensen, Andreas Detlev, Generalsuperintendent für Holstein, ♦ 24. Januar 
1826 in Glückstadt, f 31. Mai 1899 in Kiel. Nach Absolvirung des Glück- 
städter Gymnasiums studirte er seit 1844 in Kiel und später in Tübingen 
Theologie, vollendete seine Studien jedoch erst im Jahre 1853, nachdem er 
inzwischen den schleswig-holsteinischen Feldzug mitgemacht und bei Friedericia 
eine schwere Verwundung erlitten hatte, die den Grund zu seinem späteren 
Siech thum legte. 1855 wurde er zum Diakonus und im folgenden Jahre zum 
Hauptpastor in Herzhom erwählt. Im April 1859 zum Mitglied des hol- 
steinischen Oberconsistoriums in Glückstadt berufen, ging er 1865 als Pastor 
nach Norderbrarup. Am 20. September 1866 erfolgte seine Wahl zum Haupt- 



Jensen. Wiegand. 255 

pastor an der St. Nicolaikirche in Kiel. Nachdem er 1868 Consistorialrath 
und Mitglied des neubegründeten evangelisch-lutherischen Consistoriums ge- 
worden war, übernahm er am 16 October 1872 als Nachfolger von Bischof 
Koopmann die Generalsuperintendentur für Holstein. Das Jahr 1876 brachte 
ihm bei Gelegenheit der Einweihung des neuen Kieler Universitätsgebäudes 
den Dr. theol. honoris causa. Am i. Februar 1891 trat er wegen schweren 
körperlichen Leidens von seinem Amte zurück, nachdem er es fast 20 Jahre 
hindurch mit voller Hingabe verwaltet hatte. Als Geistlicher wurzelte J. fest 
und tief in dem Boden der schleswig-holsteinischen Landeskirche, »der evan- 
gelisch-lutherischen Kirche mit dem weiten Herzen«. Seine bischöfliche 
Thätigkeit hat er in ernster Arbeit stets im Sinne jenes Wortes geführt, das 
er auf dem Kieler Kirchentag am 3. September 1867 in seiner Eröffhungs- 
predigt aussprach: »dass wir als Gottes Mitarbeiter des göttlichen Segens uns 
nur dann getrösten können, wenn wir den rechten Grund unter den Füssen, 
die rechten Bausteine in den Händen und das rechte Ziel vor Augen haben«. 
Bedeutenden Ruf genoss J. als Prediger. Wie er selbst einmal erklärte, die 
evangelische Predigt solle gehen »aus der Schrift heraus, durch 's Herz hin- 
durch, in's Leben hinein«, so hat er stets gepredigt und die Herzen seiner 
Zuhörer gepackt, »jeder Gedanke trug die Farbe des Lebens und verrieth 
den warmen Herzschlag der Ursprünglichkeit«. Energie und Entschiedenheit, 
Herzenswärme und tiefe Pietät bildeten die Grundzüge seines Wesens. Vor 
Allem aber war er ein Mann der thätigen Liebe, und so ist sein Leben und 
Wirken ein Segen fiir Viele gewesen, ein Segen auch für die seiner Obhut 
anvertraute Kirche. 

Vgl. Kieler Zeitung, Morgenausg:. v. i. u. 7. Juni 1899; Schleswig-Holstcin-Laucn- 
burgisches Kirchen- und Schulblatt, 1899, No. 23, 40, 41; Alberti, Schriftsteller-Lexikon, 
1866— 1S82, Bd. I. S. 321; Zeitschrift der Gesellschaft f. SchIesw.-Holst.-Lauenb. Geschichte, 
Bd. 12, 1882, S. 317; Bd. 19, 1889, S. 69. 

Joh. Sass. 

Wiegand, (Joseph Anton) Heinrich, Opernsänger, ♦ 1843 oder 1841 
zu Fränkisch-Crumbach im Odenwald, f in Frankfurt a. M. am 28. Mai 1899, 
geistesumnachtet. Er widmete sich anfangs dem kaufmännischen Berufe 
in England, Constantinopel und Paris. Erst 1870 ging er, bei Beginn des 
Kriegs als Deutscher aus letzterer Stadt ausgewiesen, als Sänger zur Bühne, 
fiir die er sich privat schon vorgebildet hatte. An den Stadttheatem Zürichs 
und Cölns erregte der intelligente Künstler, der seine Basspartien mit klang, 
voller, markiger Stimme und darstellerischem Geschick verkörperte, Aufsehen. 
Nachdem er 1873 — 77 am Frankfurter Opernhause gewirkt hatte, unternahm 
er eine Tournde nach Amerika und gehörte hiernach dem Operpersonal zu 
Leipzig, Wien (Hofoper), Hamburg an, wo er in ernsten und komischen 
Rollen, meist nur zweiten Ranges oder höchstens den Hauptbassisten ver- 
tretend, Anerkennenswerthes leistete. Unter grossem Beifalle sang er als 
alternierender bei den 1886 er Wagner-Festspielen zu Bayreuth König Marke 
in »Tristan und Isolde« und Gumemanz in »Parsifal«. Ein schönes reiches 
Feld schien sich dem mit Recht allerseits geschätzten Sänger in den neun- 
ziger Jahren am Mtinchener Hoftheater zu eröffnen, obzwar er es auch da 
zu keiner führenden Stellung brachte. Aber dem eifrigen Künstler, der 
jederzeit originell sein Fach ausübte und nach bestem Können sich ohne 
Schablone alle seine Rollen, auch untergeordnetere Chargen zurechtlegte, 



2c6 Wiegand. Dürrscbmidt. Schiff. 

begann 1897 das Gedächtniss zu schwinden, was nicht nur seine Berufsthätig- 
keit auf eine harte Probe stellte, sondern eine geistige Verwirrung vorahnen 
Hess. Noch während dieses Jahres musste der Bedauernswerthe, nicht mehr 
fähig, den Pflichten des Mitglieds eines Bühnenverbands nachzukommen, in 
eine Heilanstalt verbracht werden. 

Kurze Notizen nach dem Tode (»im Alter von 56 Jahren, Frankfurter Standesamte) 
»Frankftr. Ztg.«, »Frankftr. Journal«, »Münchn. Neuest. Nachr.« (No. 249 vom 31. 5.: 
»58 Jahre alt«) Vossische Ztg.« u. a. 

Ludwig Fränkel. 

Dürrschmidt, Heinrich, Jurist und Politiker, * am 26. November 1819 
zu Wunsiedel, f in München am 13. Januar 1899. Sohn eines Ad- 
vokaten, studirte er zu Erlangen und Heidelberg die Rechte und wurde nach 
gutem Staatsexamen Gerichtsaccessist in Bamberg. Die lebhafte politische 
Bewegung in Bayern während der 40 er Jahre berührte auch den jungen Ju- 
risten, der unumwunden seine freimüthige und gemeindeutsche Gesinnung aus- 
sprach und drum erst nach 10 Jahren, 1854, als Assessor in Aichach definitiv 
angestellt wurde. Einige Monate später kam er nach Ausburg, wo er die Tochter 
des Bürgermeisters ehelichte, dann nach Donauwörth und Freising, endlich nach 
München. Im Laufe der Zeit wurde er daselbst Appellationsrath beim Obersten 
Gerichtshofe, 1879 ^^^' ^^^ Begründung des Reichsgerichts als Rath nach 
Leipzig berufen, wo er zehn Jahre blieb. In Pension nach München zurück- 
gekehrt, betheiligte er sich trotz seines Alters noch am politischen Leben 
und wurde als Nationalliberaler in die Kammer der Abgeordneten gewählt, 
und erst Krankheit zwang ihn, sich endgiltig in den Ruhestand zurück- 
zuziehen. Dem liberalen Gedanken ist D. stets ein treuer, allerseits hochge- 
achteter Vorkämpfer gewesen. »Der Verewigte nahm es ernst mit seinem Berufe. 
Er hatte grosse Gedanken und bewahrte sich dabei ein kindliches Herz. Er war 
zwar politisch ungemein thätig, hasste aber die Parteiungen und die Vergötte- 
rungen. Mit Rath und That stand er Jedem bei, der seiner Hilfe bedurfte,« so 
hiess es in der Leichenrede des protestantischen Pfarrers Herm. Lembert. 

Notizen »MUnchn. Neueste Nachr.« No. 26 y. 17. Jan. 1899, S* ^ f* 

Ludwig Fränkel. 

Schiff, Emil, Dr. med., Schriftsteller, ♦ am 30. Mai 1849 in dem kleinen 
böhmischen Städtchen Raudniz, f am 23. Januar 1899 in Berlin. S. war 
der Sohn eines ganz bescheidenen jüdischen Kaufmanns; er besuchte die 
jüdische Gemeindeschule des Heimathortes und dann seit 1860 das deutsche Gym- 
nasium in Leitmeritz; er ging mit neunzehn Jahren auf die Wiener Universität; 
studirte Jura; er bestand die erste juristische Prüfung und absolvirte das Quadri- 
ennium; dann wurde er politischer Journalist bei der »Deutschen Zeitung« in 
Wien; 1874 bei der »Spenerschen Zeitung« in Berlin, und hieraufwar er 25 Jahre 
hindurch, bis zu seinem Tode, ständiger Vertreter der Wiener »Neuen freien 
Presse« in Berlin. Von 1878 bis 1880 trieb er an der Berliner Universität 
höhere Mathematik, Differential- und Integralrechnung, sowie analytische 
Mechanik; später begann er Medicin zu studiren. Bis Mitte 1894 hatte er 
alle seine medicinischen Prüfungen regelrecht bestanden; er war jetzt prak- 
tischer Arzt, übte aber nie die ärztliche Praxis und war auch in der Zeit 
seiner naturwissenschaftlichen Studien stets Schriftsteller und Journalist ge- 
blieben. 



Schiff. 257 

Die meisten dieser Daten liefert die kurze Vita, die seiner Doctor- 
Dissertation angehängt ist. 

Der Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns aus einer kleinen böh- 
mischen Provinzialstadt, der Jurist wird und nie ein Amt übernimmt, der Jahre 
lang mit höchstem Ernst höhere Mathematik und "der Medicin treibt, ohne 
je aus diesen Fachstudien einen Lebensberuf im üblichen Sinne des Wortes 
zu machen, ist er eine von den Existenzen, die in dem wohl klassificirten 
bureaukratischen Deutschland nicht unterzubringen sind. Wäre er reich ge- 
wesen, so hätte man ihn vielleicht einen Privatgelehrten genannt, wobei sich 
mit diesem Ausdruck landläufig der Begriff eines Menschen zu verknüpfen 
pflegt, der sein Nichtsthun oder seine Unproductivität hinter gelehrten Lieb- 
habereien versteckt. Da er diesen Reichthum nicht besass, und da er neben 
seinen Studien und trotz derselben Leitartikel schrieb und Depeschen seinem 
Blatt sandte und dazu auch geschmackvolle Theaterberichte heute und scharf 
charakterisirende Parlamentsberichte morgen, so war er nach den Begriffen 
Deutschlands der Typus jener, die ihren Beruf verfehlt haben, und wirklich 
— er war Journalist. 

Es giebt für diese Entwicklung, die trotz der mühelos bestandenen 
Prüfungen in der Juristerei und der Medicin nie aus der Journalistik hinaus- 
geführt hatte, eine Erklärung. Emil Schiff besass einen ganz ungewöhnlichen 
Wissenstrieb. 

Mit diesem Wissensdurst ging er nicht an eine einzelne Quelle der 
Erkenntniss, sondern an alle Quellen der Erkenntniss, die ihm werthvoll er- 
schienen. So wurde er auch aus geistiger Anlage kein Fachgelehrter. Und 
da er ein kritischer Kopf war, der sein charakteristisches Gepräge durch eine 
gewisse jüdisch-talmudische, nicht selten zunächst prüfend abweisende Schärfe 
des Denkens erhielt, so war das Fundament aller seiner Betrachtungen ein 
kritisch-philosophisches, und als er erkannt hatte, dass die philosophische An- 
schauung in unseren Tagen der exakten naturwissenschaftlichen Kenntnisse 
nicht entbehren konnte, da suchte sich dieser Journalist der exaktesten unter 
den Wissenschaften, der Mathematik, zu bemächtigen, und es durchlief dieser 
Journalist von dreiunddreissig Jahren schliesslich alle Stadien eines vorge- 
schriebenen medicinischen Studienganges. Naturwissenschaftliche Kenntnisse 
verknüpft durch eine umfassende philosophische Bildung waren das Eigen- 
artige seiner geistigen Struktur, und mit diesen geistigen Voraussetzungen trat 
er dann auch an politische und volkswirthschaftliche und auch an künstlerische 
Probleme heran. 

Er war kein Forscher im eigentlichen Sinne auf irgend einem Gebiet; 
aber ein scharfsinniger Betrachter der Forschung auf den verschiedensten 
Gebieten, und diese sachliche, prüfende und umfassende Betrachtungsweise, 
gepaart mit der Gabe der Darstellung, machte ihn zu einem ganz hervor- 
ragenden Journalisten, der seinen Beruf nicht verfehlt hatte. 

Wenn er das Lebenswerk von Helmholtz darstellte, so wusste er mit 
voller Klarheit die Technik des Augenspiegels zu beschreiben, oder die Helm- 
holtz'schen Entdeckungen auf dem Gebiete der allgemeinen Physiologie der 
Muskeln und Nerven zu schildern; er würdigte seine Untersuchungen über 
die Tonempfindungen und das von ihm ausgesprochene Gesetz von der Er- 
haltung der Kraft, um dann zusammenfassend, gewissermassen die philosophische 
Quintessenz gebend, zu sagen: 

Biogr. Jahrbucb a. DeuUcher Nekrolog. 4. Bd. I n 



2£8 Schiff. Majunke. 

»HelmhoUz suchte Klarheit %u gewinnen tlber die Welt nach den beiden Seiten, in 
denen sie sich dem Beschauer darbietet ; einmal nach den Kräften, die sie bewegen, sodann 
nach den Bedingungen, unter denen der menschliche Geist sie aufnimmt und erschliesst« 

Oder wenn er von Dubois-Reymond sprach und über dessen physio- 
logische Entdeckungen berichtet hatte, so gab er schliesslich ein breites und 
prächtiges, rein menschliches Portrait dieses Gelehrten; 

»Ein universal angelegter Geist, in dem neben der scharfen Intuition des exakten 
Physikers die Gestalten Homers und der antiken Tragödie, Shakespeares und Goethes, 
Byrons und Kousseaus lebten, hatte er in der Eleganz und der Farbenpracht der Sprache 
kein geringeres Vorbild als Alexander von Humboldt, und wie dieser schien er sich tu- 
weilen in den Rhythmen der eigenen Prosa zu berauschen, aber nie liess ihn darüber die 
Klarheit des Denkens im Stich.« 

Und ein Mann, der die universelle Seite eines Dubois zu erfassen ver- 
mochte , trat dann * auch mit demselben liebevollen Verständniss an andere 
universell angelegte Gestalten aus ganz anderer Sphäre — so aus der politisch- 
nationalökonomischen, an Ludwig Bamberger schildernd und klug deutend heran. 

Emil Schiflf war im höchsten Sinne ein gebildeter Mensch — nicht, weil 
er viel wusste, nicht, weil er nach der Juristerei, Philosophie und Natur- 
forschung, Sanskrit, Russisch und Spanisch, Geschichte, Nationalökonomie und 
Literatur mit wissenschaftlichem Eifer betrieb, sondern weil er sein grosses 
Wissen zu einer freien und unabhängigen Weltanschauung vereinigt hatte; das 
ist erst Bildung; und diese Weltanschauung würde man nicht frei und nicht 
unabhängig nennen dürfen, wenn sie nicht zugleich durchaus human ge- 
wesen wäre. 

In der Berliner Medicinischen Gesellschaft widmete Rudolf Virchow dem 
eben Verstorbenen eine Gedenkrede, in der er sagte: 

»Schiff war ein zuverlässiger, tapferer und geschickter Mann, der es wohl 
verdient hätte, eine bessere Gesundheit zu haben und ein höheres Alter zu 
erreichen.« 

Emil Schiff hat seine grösseren Arbeiten als Feuilletons vor Allem in der »Neuen 
Freien Presse« in Wien und zahlreiche Essais in der »Deutschen Rundschau« und in der 
»Nation« in Berlin veröffentlicht. Seine Dissertation »Pierre Jean Georges Cabanis, der 
Arzt und Philosoph« erschien 1886 in Berlin bei H. S. Hermann. 

P. Nathan. 



Majunke, Paul, ultramontaner Politiker und Publicist, * 14. Juli 1842 
zu Gross-Schmograu, Kreis Wohlau, Schlesien, f 21. Mai 1899 zu Hochkirch 
bei Glogau. Er absolvirte das Gymnasium, studirte 1861 — 66 in Breslau 
die Rechte, dann katholische Theologie und empfing 1867 die Priesterweihe. 
Als Caplan in Neusalz a./O. thätig gewesen, übernahm er während des vati- 
canischen Concils 1869 die politische Redaction der »Kölnischen Volks- 
zeitung«, 187 1, nach einjährigem seelsorgerischen Wirken in Grottkau und 
Breslau die des andern leitenden norddeutschen ultramontanen Blattes, der 
»Germania« in Berlin. Nicht ohne Geist und Geschick, so erkennen auch 
die Gegner an, leitete er bis 1878 das Centralorgan der nun begrün- 
deten katholischen Centrumspartei in intransigentem Sinne und Stile. 
Während des beginnenden sog. »Culturkampfs« verfocht M. in der vordersten 
Schlachtreihe seiner Gesinnungsgenossen die clerical-katholischen Interessen 
äusserst eifrig und scharf gegenüber den Machtsprüchen und Schritten der 



Majunke. Schwaighofer. Mergenthaler. 250 

Bismarck 'sehen Staatsregierung. In der parlamentarischen Arena erschien M. 
zuerst 1874 und zwar als Reichstagsabgeordneter für Trier (Stadt); seit 1878 
gehörte er filr den Kreis Geldem-Kempen auch dem Preussischen Abgeordneten- 
hause an. Seit 1878 gab M. die »Correspondenz für Centrumsblätter« von 
Berlin aus heraus, mit der er allmählich in der Partei und ihrer Presse einen 
übermächtigen Einfluss errang. Daher neigten die diplomatischen Führer der 
Fraction, als diese anfangs der achtziger Jahre mit dem einlenkenden Reichs- 
kanzler zu einem versöhnlicheren modus vivendi überging, dazu, den streit- 
baren Kämpen kaltzustellen, obzwar er mehrfach durch Gefängniss wegen 
Pressvergehens in Plötzensee (seine Verhaftung nach gefälltem Urtheil während 
der Session im December 1874 entfesselte im Reichstage einen der heftigsten 
Stürme) die politische Märtyrerkrone erworben hatte. Die Energie seiner 
Ueberzeugung auf einen urbaneren Ton herabzustimmen, verstand er sich 
nicht oder verstand er nicht. So legte er denn 1884 beide Mandate und 
die Redaction nieder, zog sich von der praktischen Politik ganz zurück und 
wirkte fürder als Pfarrer zu Hochkirch, freilich literarisch noch im Dienste 
der Weltanschauung thätig, die er anderthalb Jahrzehnte hindurch entschieden 
oft verrannt, stets aber wehrhaft und unerschrocken öffentlich vertreten hatte. 

»Allg. Ztg.c No. 141 V. 23. Mai 1899, S. 2; andere Nekrologe i. d. »Augsburger 
Abendztg.« vom selben Datum No. 140, S. 2; »Augsbg. Postztg.« No. 117, S. 7; »Münchn. 
Neueste Nachr.« No. 238, S. 2; u. a. Meyers Konservationslex. ' XI 794. 

Ludwig Fränkel. 

Schwaighofer, Johann, autodidactischer technischer Erfinder, * 181 7 in 
Rettenschöss, f im Hochsommer 1899 zu Kössen, wie jenes in Nordtirol. 
Nahezu 60 Jahre hat er das Lehreramt versehen, aber — einen Hauptgrund 
lässt schon sein selbstverfasster Grabspruch »Die Erde sei ihm leicht, wie 
sein Gehalt«! — dabei sein Augenmerk auf allerhand Nebengeschäfte gerichtet 
und sich bei dem kargen Einkommen seines schulmeisterlichen Anfangs als 
Taglöhner, Holztrifter, Köhler, Zimmerer und Schreiner, Steinmetz, Bildhauer, 
Maler, Pflanzensammler u. a. bethätigt. In Denken und Arbeiten durchaus ein 
Original, ein heller, erfindungsreicher Kopf, wagte sich S., der für mathe- 
matische Geographie und Astronomie wirklich wunderbare Lehrmittel an- 
gefertigt hat, sogar an die Herstellung elektrischer Apparate und wurde für 
seine Leistungen auf der Wiener Weltausstellung 1873 decorirt. Danach 
knüpfte er Beziehungen mit Edison, Helmholtz und hochbejahrt noch mit W. C. 
Röntgen an, und sein Name ward weit über seines Dorfes Weichbüd und das 
Tiroler Land hinaus mit Ehren genannt. Bis zuletzt frischen, heitern Geistes, 
konnte der erst gegen das Ende durch seinen Körperzustand ans Zimmer 
gefesselte Naturtechniker auf ein reiches Leben zurückblicken. 

Nekrolog mit Portrait in Phil. Wasserburg's »Belletrist. Beilagec zu vielen süddeutschen 
katholischen Zeitungen (Badenia, Karlsruhe: »Sterne u. Blumen« u. a.), 1899, No. 38, S. 303; 
Tiroler Tagesblätter. 

Ludwig Fränkel. 

Mergenthaler^ Ottmar, der Erfinder der Setzmaschine, * 10. November (Mai?) 
1854 in Dürrmenz, Oberamt Mühlacker, in Württemberg, f 28. October 1899 
zu New-York. Als Sohn eines Dorflehrers im benachbarten Hachtel auf- 
wachsend, zeigte er von Jugend auf reges Interesse für Mechanik, erlernte 
bei seinem Oheim Hahl in Bietigheim die Uhrmacherei und trat 1872 in die 

17* 



2 6o Mergenthaler. Dobbert. 

von seinem Vetter Hahl in Washington errichtete Fabrik technischer Apparate 
in Arbeit, wo er bald durch Fleiss und Selbständigkeit eine hervorragende 
Stellung errang. Umgang mit Schriftsetzern regte ihn zu seiner epoche- 
machenden Erfindung an, deren directer Anlass der Auftrag war, in der nach 
Baltimore verlegten Anstalt eine mangelhafte Schreibmaschine umzucon- 
struiren. Anfangs wollte er die Erzeugnisse der letzteren mittels Steindrucks 
vervielfältigen. Als ihm dies Verfahren nicht concurrenzfähig neben dem 
Buchdruck erschien, construirte er eine Matrizen-Prägemaschine, mit der er 
einzelne Buchstaben in Matemplatten prägte, um von diesen Stereotypplatten 
zu gi essen. Auf diesem Wege Hess sich kein dem Handsatz ebenbürtiger 
herstellen, da die eingeprägten Buchstaben oft zu hoch oder zu tief in der 
Satzebene standen und nicht Linie hielten. Dieselbe Ungleichmässigkeit trat 
M. entgegen, als er statt der Typen Matrizen setzte und von diesen goss. 
Endlich nach 12 jährigen Mühen und Versuchen, stellte M. anfangs der achtziger 
Jahre auf Grund harmonisch ineinander greifender Erfindungen, die über 
vier Millionen Mark verschlungen hatten, in New-York die erste selbstthätige 
Zeilen-Setz-, Giess- und Ablegemaschine auf, die als Grundelement des Satzes 
an Stelle des Buchstabens die Zeile von Messing-Matrizen mit je einem Buchstaben 
durch eine anreihende Claviatur setzte, in einem in der Maschine befindlichen 
Giessapparat druckfertig goss und automatisch ablegte: sie vertritt die Thätig- 
keit von 3 Mann zugleich und leistet die Arbeit 5 — 6 geübter Handsetzer. Dies 
Meister- und Wunderwerk, »Linotype« geheissen, hat sich seitdem in der Praxis 
tausendfach bewährt, J. Gutenbergs Riesenthat gleichsam neu gekrönt und den 
unermüdlichen Genius M. unsterblich gemacht. Dieser selbst erhielt vom Tech- 
nical Institute zu Philadelphia den grossen Ehrenpreis für die bedeutendste 
Erfindung des Decenniums, gründete 1893 in Baltimore eine eigene Fabrik, 
musste sich aber infolge der durch Ueberanstrengung entstandenen Erschütterung 
seiner Gesundheit schon vor einigen Jahren vom Betriebe zurückziehen, und 
ist in der Bltithe des Lebens einem tückischen Lungenleiden allzu früh 
erlegen. Die Geschichte der Buchdruckerkunst, der er, ein würdiger Nach- 
folger Fried. Königs, Erfinders der Schnellpresse, das zweitschwierigste 
Problem müh- und wundersam gelöst hat, wie die der neuzeitlichen Erfin- 
dungen überhaupt verzeichnen seinen Namen mit goldenen Lettern. 

Nachruf (mit Portrait) i. d. »Gartenlaube«, Beilage zu No. 46 von 1899, mit knapper 
Erläuterung des Technischen. Das Letztere ausführlich in einem Nekrolog des »Allgem. 
Anzeigers f. Druckereien« (Frankfurt a. M.) 26. Jahrg. (daraus abgedruckt z. 6. i. d. Feuilleton- 
Beilage zu No. 306 des »Beobachter am Main« [Aschaffenburg] v. 11. Not. 1899; ebd. 
No. 144 vorzüglicher Aufsatz über M'.s Erfindungen £. K[ley], »Typographische Jahrbücher«, 
»Archiv für Buchgewerbe«, »Deutsch. Buch- u. Steindrucker«, VI. Jahrg. (darin in d. Weih- 
nachts-No. 1899, S* ^49 Angaben über den Eroberungszug der Linotype in Deutschland, 
der hier benutzt wurde, d. »Journal f. Buchdruckerkunst«, d. »Neuen Druckerei- Anzgr.«, 
d. »Oester.-ungar. Buchdrucker^Ztg.«; in sämmtlicben älteren Ursprungs sind auch die betr. 
Artikel aus der Zeit des Hervortretens der »Linotype« zu vergleichen. 249. Beilage d. 
Allgem. Ztg. 1899, S- ^* Nekrologe in den meisten grösseren Tageszeitungen. 

Ludwig Fränkel. 

Dobbert, Eduard, Ordentlicher Professor für Kunstgeschichte an der 
Kgl. Technischen Hochschule zu Charlottenburg und an der Kgl. Akademie 
der Künste in Berlin, ♦ am 25. März 1839 ^^ ^** Petersburg (als Sohn des 
K. Leibchirurgen James Dobbert und seiner Gattin Christine, geb. Bruun), 
f am 30. Sept. 1899 in Gersau am Vierwaldstätter See. 



Dobbert. 261 

D. entstammte einer im Anfang des XVIII. Jahrh. aus Sachsen nach 
St. Petersburg eingewanderten P'amilie. Seine Jugenderziehung erhielt er da- 
selbst an der deutsch -evangelischen St. Petri-Schule. Gleichzeitig wurde 
schon in dem heranreifenden Knaben, der die ernste Gesinnung und das 
stetige Wesen des Vaters geerbt hatte, durch das angeregte und gesellige 
Leben im Eltemhause, in dem die vielseitigsten und namentlich literarische 
Interessen reiche Pflege fanden, ein lebhaftes geistiges Streben geweckt. 
1857 bezog er die Universität Dorpat und widmete sich der Geschichts- 
wissenschaft, setzte aber dann seine Studien seit 1858 zusammen mit seinem 
Jugendfreunde und nachmaligen Schwager, dem späteren Dorpater Professor 
AI. Brückner in Jena (bei Droysen), Berlin und Heidelberg fort. Er promo- 
virte hier 1860 bei Ludw. Häusser, an den er sich besonders nahe ange- 
schlossen hatte, mit einer Arbeit »über das Wesen und den Geschäftskreis 
der missi dominici«. Doch hatten bereits in Jena Kuno Fischers und in 
Berlin Karl Werders Vorlesungen eine starke Hinneigung zur Literatur und 
bildenden Kunst bei ihm hervorgerufen, die durch eifrigen Besuch der Ber- 
liner Museen und Theater noch mehr gefördert worden war. Zur Bethätigung 
seiner vielseitigen Interessen bot sich D. in St. Petersburg nach seiner 
Heimkehr im Jahre 1861 die ersehnte Gelegenheit ausschliesslich in publi- 
cistischer Arbeit und privater Lehrthätigkeit. Ausser »Dramaturgischen Ver- 
suchen« (St. Petersburg 1865) erschienen zahlreiche Beiträge aus seiner 
Feder zur literarischen und Kunstkritik in der von ihm im J. 1866 begrün- 
deten »St. Petersburger Wochenschrift«. Förderung deutschen Geisteslebens 
in seiner Heimat und Verbreitung der Kenntniss russischer Kulturzustände 
unter den Deutschen des In- und Auslandes waren es, was er mit derselben 
erstrebte, und mit ganzer Hingebung und offnem Sinne für alle Erscheinungen 
des ihn umgebenden Lebens begann er fiir diese doppelte Aufgabe zu wirken. 
Aber schon nach einem Jahre sah er sich durch die materiellen Schwierig- 
keiten des Unternehmens, das überdies unter der Ungunst der Censur und 
der gesammten Zeitverhältnisse mit ihren sich immer einseitiger vordrängenden 
politischen Interessen zu leiden hatte, gezwungen, die Herausgabe des ge- 
nannten Blattes mit einem Lehramt an der St. Petrischule zu vertauschen, 
eine Stellung, welche er bis 1869 bekleidete, ohne jedoch in ihr Genügen 
zu finden. Durch die Beobachtung des zeitgenössischen Kunstschaffens an- 
geregt, hatte sich seine Aufmerksamkeit inzwischen immer stärker der bilden- 
den Kunst zugewandt. Dank seiner genauen Kenntniss der neueren russischen 
Kunstentwicklung war er schon damals von Jul. Meyer zur Mitarbeit am 
allgemeinen Künstler-Lexikon hinzugezogen worden. Das Jahr 1869 brachte 
die erste grössere Arbeit kunstwissenschaftlichen Inhalts über »die monumentale 
Darstellung der Reformation durch Rietschel und Kaulbach«, die sich durch 
eine für die damalige Zeit auffallend unabhängige Beurtheilung des letzt- 
genannten Künstlers auszeichnet (Virchow-HoltzendorfF'sche Samml. H. 74). 
Diesem glücklichen Versuche folgte dann noch im selben Jahre Dobbert's 
Kntschluss, sich ganz dem kunstgeschichtlichen Fache zu widmen, der zur 
Auflösung des 1863 begründeten Hausstandes und zu neuen vorbereitenden 
Studien führte. Seinen Ausgangspunkt nahm er dabei von den ihm nahe 
liegenden byzantinisch-russischen Kunstdenkmälern, denn mit richtigem Blicke 
hatte D. die Bedeutung der byzantinischen Kunst, deren Erforschung selbst 
in Russland erst in ihren Anfängen stand, für die allgemeine Kunstgeschichte 
ermessen. Eine Studienreise führte ihn zunächst zu den Kunststätten Russlands, 



202 Dobbert. 

nach Nowgorod, Moskau und Kiew, wo die Bau- und Bildwerke, die Wand- 
malereien und Mosaiken und die Miniaturenschätze der Bibliotheken studirt 
wurden, und schliesslich über Odessa, Lemberg und Krakau nach München. 
Bei Brunn und Messmer suchte D. im Winterhalbjahr 1869/70 Ein- 
führung in die neuesten Forschungen auf dem Gebiete der antiken und alt- 
christlichen Kunst. Nach neunmonatlichem, durch einen Todesfall veranlasstem 
Aufenthalt in St. Petersburg, der in der Familie zugleich für die gründlichste 
Kenntnissnahme der dortigen Sammlungen ausgenutzt wurde, sah ihn das 
Frühjahr wieder in München, von wo er im Sept. 187 1 eine zehn- 
monatliche Studien- und Forschungsreise nach Italien antrat. Diese und sein 
im Laufe der Jahre erworbenes reiches Specialwissen auf dem mittelalterlich- 
byzantinischen Kunstgebiet wurden für D.'s Forschungen vorzugsweise rich- 
tunggebend, ohne sie in einen allzu engen Kreis zu bannen. Nach München 
zurückgekehrt, habilitirte er sich 1873 als Privatdocent an der Universität, 
doch noch ehe er seine Vorlesungen eröffnet hatte, erreichte ihn ein Ruf 
nach Berlin in die durch den Tod von Fr. Eggers freigewordenen Lehrämter 
der damaligen Bau- und Gewerbe- Akademie und der Akademischen Hoch- 
schule der bildenden Künste. Diesen Anstalten, an denen er ein Jahr später 
zum Professor ernannt wurde, ist D. fast 26 Jahre hindurch bis zu seinem 
im Jahre 1899 in Folge eines schnell fortschreitenden Herzleidens auf einer 
Erholungsreise erfolgten Tode treu geblieben. Mit ganzer Hingebung widmete 
er sich seiner Lehrthätigkeit, seinen Zuhörern die Kenntniss vorangegangener 
Kunst- und Kulturepochen unter stetiger Berücksichtigung der neuesten 
Forschungen vermittelnd, während es ihm leider in seinem Beruf versagt 
blieb, einen grösseren Schülerkreis zu eignen Forschungen anzuregen, was im 
Hinblick auf D.'s wissenschaftliche Gründlichkeit und bedeutende fach- 
liche Lehrbegabung sehr bedauert werden muss. Das Vertrauen, das seine 
ebenso charakterfeste wie liebenswürdige Persönlichkeit unter seinen Collegen 
allgemein besass, fand seinen sichtbarsten Ausdruck in der Uebertragung des 
Rektorats der Technischen Hochschule auf ihn für das Jahr 1885 ^"^ ^^ 
Prorektorats im nächstfolgenden. Fortdauernd war er ausserdem als Mitglied 
verschiedener Körperschaften beider Lehranstalten mit mancherlei Neben- 
pflichten, wie z. B. der Direktion der Bibliothek der Kunstakademie belastet. 
Als besondere Aufgabe fiel ihm 1884 die Abfassung der Chronik der Hoch- 
schule gelegentlich der Einweihung des Neubaues de